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mit Zlnterhallungs -Aeikage „Illusirirte Sonntags-Zeitung!'
.HL 253.
JuLöa, Samstag, den 3. November 1900.
27. Jahrgang.
Wochen-Wunöfchau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 3. November.
Eine einheitliche und geschlossene Re-- aierung hat in einer Sitzung des preußischen Staatsministeriums Reichskanzler und Ministerpräsident Graf Bülow als unerläßliche Vorbedingung für diejenige Stetigkeit in der innere Politik bezeichnet, die das Land verlangt und braucht — das Land und das Reich; und er hat damit dem ganzen deutschen Volke ohne Unterschied der politischen Partei aus dem Herzen gesprochen. Das ist es, was uns Noth thut; jedermann wird es mit Freuden begrüßen, wenn der Zickzackkurs ein Ende nehmen wird. Nun wird es nur noch darauf ankommen, damit es wirklich geschehe; und es wird sich fragen, welcher Kurs es sein werde, der von jetzt ab gesteuert werden soll. Um eine Hoffnung sind wir bereits ärmer, nämlich um die, daß jetzt Reichskanzler und Bundesrath gesonnen seien, den Beschluß, den der Reichstag bereits vier Mal faßte, auszuführe» und das Jesuit enges etz aufzuheben. Ein Berliner Offiziosns hat, leider mit Recht, die bestimmte Versicherung abgegeben, daß Graf Bülow ebenso wenig wie Fürst Hohenlohe dieses Unrecht gut machen und vaterlandslos gemachten deutschen Bürgern das Vaterland wiedergeben wolle. Gleichzeitig ist die Behauptung aufgchellt worden, es entspreche dies dem Willen des Kaisers. Man weiß nicht, ob das zutrifft. Auf jeden Fall ist es im höchsten Grade ungeschickt, die Peison des Monarchen in einen Zeitungsstreit hineinzuzerren. Dem Monarchen und dem Ansehen der Krone wird dadurch nicht gedient.
Fürst Hohenlohe hat sich jetzt vollständig von allen politischen Geschäften zurückgezogen. Am 27. Oktober hat er int Berliner Reichskanzlerpalais allen Staatssekretären, Bundesrathsmitgliedern und preußischen Ministern ein Abschiedsmahl gegeben, bei dem es außerordentlich einig und herzlich zugegangen sein soll. Alle Welt gönnt dem greifen Staatsmanne den schönen Abschied; seufzend nur bedauert man, daß nicht auch vorher in der Politik alles so einig und herzlich zugegangen ist. Ausführliche Aufzeichnungen aus seinem Leben soll Fürst Hohenlohe gemacht haben. Hoffentlich werden dieselben nicht ebenso lange der Oeffentlichkeit vorenthalten wie ähnliche politische Lebensaufzeichnungen vorher, nachdem man schon lange auf anderen Wegen erfahren hat, was darin steht.
Großes Aufsehen hat die Veröffentlichung eines Brieses erregt, den Herr Bueck, Generalsekretär des Centralverbandes der Industriellen, an mehrere Mitglieder dieses letztere im Sommer 1899 gerichtet hatte. Er bittet darin um Gelder für das „Reichs- amt des Innern", wie er sich ausdrückte, weil dieses für das verfloffene sogenannte Zuchthausgesetz in der Presse agitiren wolle; 12000 Mk. habe das „Reichsamt" verlangt. Anfänglich glaubte man, es handele sich um eine Fälschung. Leider ist das nicht so, der Brief ist echt. Nur nicht das Wort „Reichsamt des Innern" als solches, sondern ein einzelner Beamter desselben, Geheimrath v. Woedtke, hat diesen bedauernswerthen Mißgriff begangen. Allem Anscheine nach hat der Leiter des genannten Reichsamtes, der Staatssekretär Graf Posadowsky, nichts mit der Sache zu thun gehabt. Aber Graf Posadowsky steht an der Spitze der Vorarbeiten für die neuen Handessverträge, und alle Gegner eines auskömmlichen Schutzes für unser deutsches Erwerbsleben durch entsprechende Zölle würden eine boshafte Freude empfunden haben, wenn es gelungen wäre, durch diese Veröffentlichung des Bueck'schen Briefes den Grafen Posadowsky zu stürzen. Aber man kann ihn nach der ganzen Lage der Dinge nicht verantwortlich machen, und die heimtückischen Umtriebe der Freihändler sind somit zu Waffer geworden.
Auf welchen Grundlagen das neue Zolltarifgesetz aufgebaut werden foll, ob auf dem einheitlichen ober auf einem Tarif mit doppelten Zollsätzen, sodaß diese nach Lage und Umständen in verschiedener Höhe für die Einfuhr au8 verschiedenen Ländern bestimmt werden können, ist noch immer unbekannt. DerWirth- schaftliche Ausschuß, der unlängst zur Begutachtung dieser Fragen versammelt war, faßt darüber keine Beschlüsse, die vielmehr Sache des Bundesrathes find. Aber nach allen vorliegenden Anzeichen darf man als bestimmt annehmen, daß die Mehrheit des Ausschusses für einen Doppeltarif eingetreten ist.
Geheimer Kommerzienrath Alfred Krupp in Essen, der Inhaber der bekannten Kanonenfirma in Essen, ist vom Kaiser zum Wirklichen Geheim en Rath mit bem, Prädikat „Exzellenz" ernannt worden. Zum ersten Mal ist in Preußen ein Industrieller in dieser Weise ausgezeichnet worden, wie überhaupt diese Auszeichnung bisher fast nur hohen Zivilbeamten zu Theil geworden tst. Aber eigentlich wird in Krupp dem Sohne Krupp der Vater geehrt, der ehedem den ihm angebotenen Adel ausschlug und vor seinem Tode auch feinem Sohne dringend anrieth, den Adel nicht anzunehmen. Denn Krupp dem Vater verdanken die Essener Werke ihre Größe. Auch Krupp der Vater hat noch das Direktorium eingesetzt, unter deren Leitung die Werke stehen.
Während der letzten Tage find mehrere Ersatzwahlen zum Reichspage durch die Stichwahlen entschieden worden. Im Wahlkreise Rinteln-Hofgeismar ist der Antisemit Bogel, im Wahlkreise Wanzleben der nationale Fabrik
besitzer Schmidt und im Wahlkreise Branden- burg-Westhaveland der Sozialdemokrat Pöus gewählt worden. In der erstgenannten beiden Wahlkreisen bleibt somit alles beim Alten. Nur in dem genannten brandenburgischen Wahlkreise tritt an Stelle eines Konservativen ein Sozialdemokrat. Aber es ist nicht viel an diesem Sozialdemokratensiege. Er ist mit geringer Simmemnehrheit erreicht, und augenscheinlich nur dadurch, daß viele Freifinnigen in der Stichwahl für den Sozialdemokraten gestimmt haben. In den anderen beiden Wahlkreisen haben die Sozialdemokraten sehr stark an Stimmen verloren. Nächst- dem findet die Ersatzwahl zum Reichstage im Wahlkreise Meseritz-Bomst statt. Dort hat sich nunmehr das Centrum entschlossen, von Anfang an für den polnischen Wahlbewerber Dr. v. Chrzanowski zu stimmen.
Im preußischen Landtage soll die erweiterte Kanalvorlage nun doch eingebracht werden, aber nicht die viel nothwendigere und schon so lange ersehnte Schulvorlage — so versicherten während der letzten Tage die Offiziösen. Das sind gerade keine angenehme Ansichten. Der bayerische Landtag soll nach der Behauptung eines Münchener Regierungsorgans nicht zu einer außerordentlichen Tagung einberufen werben. Auch das ist in gewissem Sinne zu bebauern. Es gibt manche Dinge, bereu Besprechung in ber Kammer recht nothwenbig gewesen wäre. Aber vielleicht ist darüber noch nicht bas letzte Wort gesprochen.
Die Belgier haben nun enblich ben Burschen, ber auf bem Nordbahnhofe in Brüssel bas Revolverattentat gegen ben britischen Thronfolger ausübte, in Paris gefangen. Die ftanzösische Regierung hat gegen bie Auslieferung des jugendlichen Verbrechers keine Einwände erhoben, denn man hat ihn als einen Anarchisten der That angesehen und danach behandelt. Nun kann Herr Sipido in einer Besserungsanstalt über die Wandelbarkeit menschlicher Schicksale Nachdenken — hoffentlich recht lange!
Herr Waldeck-Rousseau, der ftanzösische Ministerpräsident, hat am 28. Oktober in Toulouse seine Programmrede gehalten, auf die man in Frankreich schon sehr lange gespannt war. Viele Leute werden sehr enttäuscht von der Rede gewesen sein, die der Hauptsache nach aus Redensarten besteht, im übrigen aber antünbigt, baß Herr Waldeck- Rousseau nun wirklich den Kulturkampf beginnen will, den er schon lange im Schilde führt. Die Radikalen hassen die religiöse Erziehung genau so, wie unsere Kulturkämpfer und Sozialdemokraten in Deutschland; und so will man den kirchlichen Ordens- gesellschaften zu Leibe gehen, die in Frankreich ausgedehnte Erziehungsarbeit in ganz vortrefflicher Weise leisten. Wenn nur Herr Waldeck-Rousseau mit seinen kirchenfeindlichen Plänen nicht mächtigere Gegner im Parlamente findet und über feine Pläne stolpert und fällt! Welche Gehässigkeit und Gewaltthätigkeit die ftanzösische Regierung der Kirche entgegenbringt, geht aus einem Falle hervor, der sich in Savosten ereignete. Ein Pfarrer dort verbot in ganz selbstverständlicher Weise einer Freimaurerloge, an einem kirchlichen Leichenbegängnisse mit Fahnen und Banner theilzu- nehmen und deswegen wurde über ihn die Gehaltssperre verhängt. Der Bischof von Annecy erhob nachdrücklichen Widerspruch gegen diese unberechtigte Maßregel, und darauf hin hat die Regierung beschlossen, den Bischof wegen Mißbrauches seines Amtes vor den Staatsgerichtshof zu laden. Und dabei sprach Herr Waldeck-Rousseau in Toulouse von dem „Wohlwollen der Regierung für die Weltgeistlichkeit"! Da ist ja das berühmte Wohlwollen der preußischen Regierung für die katholische Kirche noch ein wahrer Engel dagegen!
In einiger Verlegenheit befindet man fich in Frankreich der Thatsache gegenüber, daß P r ä s i d e n t Krüger von Transvaal am 11. November in Marseille landen soll, um alsdann über Paris und Brüssel nach Holland zu reisen. Die Regierung möchte gern, daß alles still und ruhig habet ab gehe, um die Engländer nicht zu ärgern; aber die Nationalisten find anderer Ansicht und bereiten großartige Kundgebungen für den Empfang Krüger's auf ftan- zösischem Boden vor. Die Pariser wissen noch gar nicht, wie sie fich dabei benehmen sollen. Sie wollen die Dinge in Marseille abwarten, ehe sie sich noch zu etwa« Bestimmtem entschließen. Der sozialdemokratische Gemeinderath von Marseille hat beschlossen, Herrn Krüger in höflicher Form durch eine Abordnung zu begrüßen.
Veränderungen hatte man im englisch en Ministerium für die Zeit alsbald nach den Wahlen vorausgesagt. Gestern haben wir denn dieselben auch schon unseren Lesern mitgetheilt, wonach Lord Salisbury Ministerpräsident geblieben und für die Auswärtigen Angelegenheiten Landsdowne engagirt worden ist. Chamberlain's Hoffnungen auf Uebereahme des Ministeriums des Auswärtigen haben fich also nicht erfüllt.
In Südafrika haben die Engländer wiederum einige Schlappen erhalten und mit einiger lieber, raschung liest man, daß die Buren noch immer 15000 Mann unter Waffen haben. Aber von langer Dauer kann ihr Widerstand leider doch nicht mehr fein. Die vielen Hunde sind des Hasen Tod, und die Hoffnungen auf Vermitttelungen anderer Mächte haben genau so wenig Aussicht auf Verwirklichung wie von jeher — jetzt vielleicht noch weniger als ehedem.
Aus China kommen immer neue Berichte über entsetzliche, von der eingebornen Bevölkerung an ftemden Missionaren und eingeoorenen Christen begangene Scheußlichkeiten, ohne daß man gleichzeitig etwas voreimmt von strengen Maßregeln der Re
gierung dagegen. Im übrigen liegen keine neuen Nachrichten von Wichtigkeit vor. Die englischen Meldungen von einer ernstlichen Krankheit des Grafen Waldersee haben sich als falsch erwiesen.
Naturrecht und Sozialpolitik.
In der letzte« Zeit ist verschiedentlich von dem Naturrechte und dessen Verhältniß zur Sozialpolitik die Rede gewesen, so daß es nicht unangemessen erscheint, über diesen nicht gerade leichten Gegenstand einige Aufklärung für weitere Kreise zu geben. Unter Naturrecht versteht man die Summe jener sittlichen und rechtlichen Verpflichtungen, welche in der Natur des Menschen und der menschlichen Gesellschaft begründet sind und deren Bestand bedingen. Daß es ein Naturrecht in diesem Sinne gibt, hat die Philosophie aller Zeiten, soweit sie nicht dem Scepticismus und Materialismus huldigte, allgemein anerkannt. Erst mit Hobbes, dem Vater der modernen materialistischen Rechtsphilosophie, beginnt die prinzipielle Leugnung eines Naturrechtes, welche durch den Einfluß der darwinistischen Entwickelungslehre auf Sitte, Recht und Gesellschaftslehre vollendet wurde. Die moderne ungläubige Wissenschaft kennt kein Naturrecht mehr, und namentlich leugnen manche modernen Sozialpolitiker ein solches durchaus. Es gibt nach diesen keine ewigen und unveränderlichen Gesetze der Sitte, des Rechts und der Gesellschaftsordnung; vielmehr beruht auch hier alles auf geschichtlicher Entwickelung.
Demgegenüber hält die christliche Philosophie an der Existenz und der unbedingten Geltung des Naturrechtes als der tiefsten Grundlage der Sittlichkeit, deS Rechts und der Gesellschaftsordnung fest, und namentlich sind die katholischen Sozialpolitiker in der Vertheidigung desselben einig. Dennoch ist es ein großer Irr- thum, wenn man die Annahme eines Naturrechtes als eine katholische Doktrin bezeichnet, wie dies neuestes wiederholt von Werner Som bart geschehen ist. Es ist keine katholische, noch auch eine spezifisch christliche, sondern eine natürliche und rein menschliche Doktrin, welche auch von den hervorragendsten heidnischen Philosophen vertreten wird. Ohne Ausnahme eines von Gott als dem Urgrund aller Dinge ausgehenden Naturrechtes entzieht man der Sitte, dem Recht und der natürlichen Gesellschafts-Ord- nung den Boden und bereitet den Gesellschafts- Systemen den Weg, welche gleich der radikalen Sozialdemokratie die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft, die Ehe, das Privateigenthum und die staatliche Autorität prinzipiell leugnen. Oder wer hindert die Verwirklichung des ZukunftSstaateS nach dem Ideal von Karl Marx, wenn in gesellschaftlicher Beziehung Alles dem Fluß geschichtlicher Entwickelung anheimgegeben ist ? Marx stützt sein System ja gerade aus diese materialistische Geschichtsauffassung und sieht den sozialistischen Zukunftsstaat als eine nothwevdige Folge der gesellschaftlichen Entwickelung an.
Will man solchen Konsequenzen entgehen, so muß man unbedingt und fest an dem Naturrechte und den natürlichen Grundlagen der Ge- sellschast festhalten, ohne die selbst der Bestand der menschlichen Gesellschaft in Frage gestellt wird. Wie mannigfaltig auch im Laufe der Zeit die Formen gewesen find, in welchen die Jnstituttonen der Familie, des EigenthumS und des Staates geschichtlich sich ausgeprägt haben, so kann doch die Grundlage derselben nie aufgehoben werden, ohne ein menschenwürdiges Dasein unmöglich zu machen. Diese Institutionen finden sich daher in irgend einer Form auch bei allen nicht ganz entarteten Dolksstämmen.
An der Existenz und allgemeinen Geltung eines Naturrechtes ist daher unbedingt festzuhalten. Dennoch genügt daS Naturrecht allein nicht zur Erhaltung und Entwickelung der menschlichen Gesellschaft. Sind auch von Natur jedem Menschen die elementarsten Begriffe von Sittlichkett nid Recht eingepflanzt, zwingt unS schon die V:rnunst, gewisse Grundlagen deS Gesellschaftslebens als nolhwendig für den Bestand der menschlichen Gesellschaft anzuerkennen, so können doch diese Begriffe, wie die thatsäch- liche Erfahrung auch selbst unter zivilifirten Völkern und bis in die obersten Kreise der Ge- lehrten hinein zeigt, für den Einzelnen unklar und unbestimmt werden. Namenllich aber entbehren sie der pofittven Autorität, welche allein den Prinzipien der Vernunft im Kampfe mit den egoistischen Leidenschaften des Herzens volle Geltung verschaffen kann. ES liegt darin nach katholischer Lehre der Grund, weShalb auch die natürlichen Wahrheiten in den Bereich der übernatürlichen Offenbarungen einbezogen wurden. Durch die pofitioe Autorität Gottes sollten fie allen Menschen leichter, sicherer und bestimmter vermittelt werden.
Wenn wir daher unbedingt an der Existenz und allgemeinen Geltung deS Naturrechtes festhalten müffeu, so genügt es doch für den Christen nicht, sich b l o s an das Naturrecht als Norm zu halten. Sein Leitstern muß in allen Dingen die übernatürliche Offenbarung das posittve Christenthum und die Lehre der Kirche sein. Das gilt auch von der Sozial- politik, wie die mannigfachen Verirrungen mancher modernen, ungläubigen Sozialpolitiker bis hinab auf Karl Marx und seine Schüler beweisen. Auch in Bezug auf die natürliche Gesellschaftsordnung und die Gesetze des WirchschastSlebens muß man sich, um sicher zu gehen, an die positive und autoritative Ausprägung hatten, welche die natürlichen Gesetze der Sittlichkeit und des Rechts von Alters her, namentlich in den zehn Geboten und in den Geboten der christlichen Nächstenliebe gefunden hat. Nur dann kann man eine sichere sozialpolitische Doktrin vertreten und vermitteln, nur dann kann auch die breite Masse der Arbeiter davor bewahrt werden, ihre Forderungen in unberechtigter Weise geltend zu machen, nur dann aber ebenso auch schrankenloser Egoismus von Unternehmern nachdrücklich in Schranken gehalten werden.
Es ist ein besonderes Verdienst des neuesten Hirtenschreibens des preußischen Episkopats an den Klerus, diese christlichen und katholischen Grundsätze einer gesunden Sozialpolitik wieder betont zu haben. Es war bei der heute herrschenden Unklarheit und Unsicherheit in Bezug auf die natürlichen Grundsätze der menschlichen Gesellschaft ebenso erwünscht als verdienstvoll — einerseits die Existenz des Naturrechtes und andererseits dessen Unzulänglichkeit zu betonen. Möge daher das Hirtenschreiben dazu beitragen, allgemein die Ueberzeugung zu wecken und zu stärken, daß nur an der Hand der Lehren des positiven Christenthum», dem wir in erster Linie die europäische Kultur verdanken, eine ersprießliche Sozialpolitik möglich ist.
□ § 11 b p.
Eine Skizze von Ludwig Nüdltng.
ES war ein Herbst tag, so schön und klar, daß man glauben mochte, der traurige Gedanke an den nahenden Winter sei nur ein beklemmender Traum gewesen und der liebe Lenz käme nun wieder mit fliegenden Standarten, mit Blumenduft und Sonnenschein in die Lande gezogen.
Der lichte, warme Tag hatte noch einmal Jung und Alt hinausgelockt aus den dumpfen Häusern und engen Gassen, hinaus wo die Wälder mit prächtigem Farbenspiel ihren Herbststaat zur Schau trugen, die Glocken der grasenden Kühe dem Hirtenbub' eine lustige Musik aufspielten und die Papierdrachen der jauchzenden Kinder wie große weiße Wandervögel dem wolkenlosen Himmel entgegenflogen.
Drüben, wo die Straße vom Berge herab in's Thal fich verliert, zog jetzt eine Schaar lustiger und Übermüthiger Winzer heim. Ihre Jodler hielten neckische Zwiesprache mit dem Echo im Walde, eine Fiedel fang zu dem muntern Getriller einer Querpfeife und laute Stimmen lachten dazwischen---bis Alles oorbeigezogen war
und der Abendwind mit seinem melancholischen Rauschen die Klänge verwehte.
Nun streckten sich die Schatten mehr und mehr, leise stieg in den tiefen Thalgrund die Dämmerung nieder, während um die hochragenden Gipfel noch rosiges Leuchten spielte. Der Hirtenbub' trieb seine Heerde heimwärts, während das verlaffene kleine Feuer auf der Wiese, daran der Knabe gespielt hatte, langsam in fich zusammensank und erlosch. Die Jungen zogen die Schnüre ein und umwickelten emsig ihre kleinen Spuhle — da kehrten die weißen Drachenvögel auch auS der lichten Höhe zurück und flogen heimwärts.
So verschwand mit bem finkenden Tage alles Leben auS der Natur. Nur droben unter einer breitästigen Buche am Saume des Bergwaldes lag noch ein junges Blut im Moose. Seine Augen lachten so lustig in die schöne Welt hinein, die zu seinen Füßen wie ein farbenprächtiger Teppich auSgebrettet war. Er trank hier oben noch von den letzten Strömen des Lichtes, daS jetzt die weißen Wolken deS Westens mit feurigem Solde säumte.
Der Jüngling dachte noch nicht an'S Scheiden von dem träumerischen Plätzchen — er wollte ihn festhalten, den Augenblick mit seinen funkeln- den Lichtern und seinem fernen Jauchzen und Klingen, er wollte immer noch mehr schlürfen von der süßen Neige deS sonnigen TageS. Denn wonnig lockte ihn noch daS Leben, daS vor ihm lag, und er baute sich im Traume feiner Gedanken eine Zukunft voll glückseliger Tage mit Licht, Lust und Leben---und er merkte nicht, daß