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Aw-atwortlt«: 38« die Redaktion 3<f. See*, fiw Injerale J. Parzelle» tn Lnlda.

mit Anlerhaltungs -Aeikage „Mustrirte Sonntags-Jeitung"

9nt en» Verlag de» Fuldaer xdtexlfiimt petnwgaste Hf. « (Mfnwnit).

27. Jahrgang.

Julöa, Samstag, den 27. Oktober 1900.

M 248.

Wochen-Wunöfchau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 23. Oktober.

Dieser jüngste Kanzlerwechsel im Deutschen Reiche hat zwar die Presse und die öffentliche Mei­nung weniger beschäftigt, als dies bei früheren, ent­sprechenden Ereignissen der Fall gewesen ist. Aber daß diesem Ereignisse dennoch ausgiebige Bettach­tungen gewidmet wurden und noch immer werden, ist recht erklärlich. Es würde kein gutes Zeichen für das Ansehen der deutschen Reichskanzlerwürde sein, wenn es anders wäre.

Der dunkle Punkt dabei ist die Plötzlichkeit, mit der Fürst Hohenlohe sich zum Rücktritte ent- Moß. Kann sein, daß der Entschluß erst in Hom­burg v. d. Höhe zur vollendeten Thatsache reifte. Das jedenfalls steht fest, daß der Fürst noch bis wenige Tage vor seinem Rücktritte die Absicht hatte, im Reichstage selbst die Chinapolitik zu vertreten und sich zu verantworten darüber, daß der Reichstag nicht im Sommer zu einer außerordentlichen Tagung einberufen worden ist. Die eine Deutung der Sache geht dahin: Fürst Hohenlohe wollte neuem von dem Kaiser seinen Rücktritt nahe legen, aber er glaubte nicht, daß der Kaiser ihn von seinem Amte entbinden würde. Mit dieser Annahme wäre er nach Homburg v. d. Höhe gekommen und dann dadurch überrascht worden, daß der Kaiser sich geneigt zeigte, das Ent­lassungsgesuch des greisen Staatsmannes anzunehmen. Vielleicht hat es sich anders zugetragen. Aber diese Darstellung der Ereigniffe hat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Inzwischen hat bereits die Uebergabe der Amtsgeschäfte an den neuen Reichskanzler stattgefunden und Bandesrath und preußisches Staatsministerium haben sich von ihrem frühem Chef durch ein Mahl verabschiedet, das sie diesem zu Ehren veranstalteten.

Staatssekretäre und preußischeMini st er sollten angeblich die Absicht haben, dem Kaiser sammt und sonders ihre Aemter zur Verfügung zu stellen. Die Münchener ,Allgem. Ztg' wollte sogar schon wissen, das sei beschlossene Sache für alle Staatssekretäre und preußischen Minister. Aber kein einziger Staats­sekretär oder Minister hat dem Erfinder jener Nach­richt den Gefallen gethan, danach zu handeln. Graf v. Bülow hat dem Minister v. Miquel am letzten Montag einen langen Besuch abgestattet, und am Dienstag danach hat et zum erstenmal als preußischer Ministerpräsident einer Sitzung des preußischen Staats­ministeriums präsidirt.

Darüber kann sich Graf Bülow nicht be­klagen, daß ihm nicht Freundlichkeit genug entgegen­gebracht werde. Mehrfach war die Meinung ge­äußert, worden an den süddeutschen Höfen werde Graf Bülow, der Holsteiner, nicht die Sympathie finden, die Fürst Hohenlohe als Bayer besaß. Aber gerade die süddeutschen Bundesregierungen begrüßen den neuen Kanzler aufs freundlichste, und es liegt jetzt nur noch an diesem, das allgemeine Wohlwollen und Vertrauen sich zu erhalten durch eine kluge, gerechte und warmherzige Politik, die beweist, daß er ein- fichtiges Verständniß besitzt für den Pulsschlag des deutschen Volkes. Die endliche Annahme des nun bereits fünfmal gefaßten Reichstagsbeschluffes, das elende Ausnahmegesetz gegen deutsche Bürger auszu­heben, die dem Jesuitenorden angehören, müßte zu den ersten Amtshandlungen eines gerechten Reichs­kanzlers gehören. Ein guter deutscher Katholik wird auch immer ein guter Deutscher sein — diese Worte, die der Centrumsführer Dr. Lieber in einer be­geistert aufgenommenen Rede bei dem neulich abge­haltenen Hamburger Katholikentage brauchte, werden verdoppelt und dreifach an Wahrheit gewinnen, wenn die Verbündeten Regierungen endlich aufräumen wollen mit diesem schmachvollen Ausnahmegesetze.

Der Reichstag wird, wie bereits bekannt, am 14. November wieder seine Pforten öffnen. Die Chinafrage wird ohne Zweifel der erste der Be- rathungsgegenstände sein; vermuthlich wird der Kaiser selbst die Tagung des Reichstages eröffnen und mög­licherweise in der Thronrede die deutsche Chinapolitik durch einige Sätze kennzeichnen. Manche wollen wiffen, es werde noch eine besondere kaiserliche Bot­schaft über die Chinapvlitik an den Reichstag gelangen. Bestimmte Entscheidung darüber ist vielleicht noch gar nicht getroffen.

In der Entwickelung der Chinadinge selbst ist ein Ereigniß von großer Wichtigkeit zu verzeichnen: ein Abkommen zwischen Deutschland und England, wonach beide Übereinkommen, daß sie Gebietserweiterungen in China nicht anstreben und daß sie den Handel und Verkehr in ihren Gebieten allen Völkern gleichmäßig freigeben wollen. Außer­dem steht in dem Abkommen eine Bestimmung, daß die beiden Mächte es sich Vorbehalten, besondere Maßregeln zu ergreifen, wenn eine andere Macht sich chinesisches Gebiet aneignen sollte. Mit den anderen Mächten scheinen Deutschland und England vor dem Abschlüsse dieses Abkommens keine Füylüng gesucht zu haben. Erst nachträglich sind die anderen Mächte dazu aufgefordert worden, auch ihrerseits die Grundsätze dieses Abkommens gut zu heißen. Ver­einzelte Stimmen in der Presie wollen aus dieser Thatsache darauf schließen, daß die deutsche Politik eine Schwenkung gemacht habe von Rußland hinüber zu England und womöglich auch eine Spitze gegen das Zarenreich bekommen habe. Aber mit solchen Auslegungen geht man wohl ohne Zweifel zu weit. ES liegen keine ausreichenden Gründe vor, um eine

solche Schwenkung für thatsächlich vorhanden anzu­sehen.

Bon Friedensverhandlungen in Peking ist noch keine Rede. Dagegen steht es nunmehr fest, daß Paotingfu eingenommen worden ist, ohne daß die Chinesen Widerstand geleistet hätten.

Drei Ersatz wählen zum Reichstagehaben stattgefunden, nämlich in den Wahlkreisen Rinteln- Hofgeismar, Wanzleben in der Provinz Sachsen und Brandenburg-Westhavelland. Im ersten der genannten Wahlkreise muß eine Stichwahl stattfinden zwischen einem Konservativen und einem Antisimiten, die bereits zu Gunsten des letzteren ausgefallen ist, im zweiten zwischen einem Nationalliberalen und einem Sozialdemokraten und in Westhavelland zwischen einem Konservativen und einem Sozialdemokraten. Der So­zialdemokrat hat in keinem Falle Aussicht darauf, in der Stichwahl zu siegen. In Wanzleben dagegen ist die sozialdemottatische Stimmenmehrzahl gegen 1898 um rund 400, im Wahlkreise Rinteln-Hofgeismar um 1250 Stimmen, d. h. um nicht weniger als die Hälfte zurückgegangen. Dabei heuchelt die Sozialde­mokratenpresse ihren „Genossen" etwas vor von „Er­folgen der Sozialdemokratie" — ein starkes Stück heuchlerischer Verlogenheit!

Von großer Bedeutung ist jedenfalls eine mehr­tägige Berathung, die der Wirthschaftliche Ausschuß zur Vorbereitung der Handelsverträge abgehalten hat. Man sagt, der Wirthschaftliche Aus­schuß habe sich grundsätzlich auf den Doppeltarif für unsere neue Zollgesetzgebung geeinigt, also Aus­gestaltung in einen Maximal- und Minimaltaris. Aber die Verhandlungen der genannten Körperschaft sind vertraulich, so daß man keine Kontrolle darüber hat, ob die Zeitungsmeldung, es sei so, richtig war.

Wider anfängliches Erwarten ist man in der Pa­riser Berathung der deutschen, österreichisch-ungarischen und französischen Vertreter über die Möglichkeit einer Abschaffung der Ausfuhrvergütungen für Zucker doch noch zu einem bestimmten Ergebnisse gelangt. Frankreich ist dem gemeinsamen Vorschläge der Oesterreicher und Deutschen ein gutes Stück Weges entgegengekommen: die französischen Vertreter haben sich bereit erklärt, in die Abschaffung der di­rekten Prämien einzuwilligen bei Herabsetzung seiner indirekten Prämien um die Hälfte und entsprechender Aenderung seiner Steuergesetzgebung. Nunmehr soll auf dieser Grundlage eine neue Zuckerkonferenz nach Brüssel zusammenberufen werden.

Mit regem Interesse hat man in Deutschland die Nachricht von der Verlobung der Königin von Holland mit dem nur um vier Jahre älteren Herzog Heinrich von Mecklenburg-Schwerin aus­genommen. „Ons Willemintje", wie die Holländer zärtlich ihre jugendfrische Königin nennen, — „unser Wilhelminchen" — bleibt deswegen Königin; ihr Ge­mahl bleibt „Prinzgemahl" und wird nicht etwa König. Die Stellung, die der Auserkorne von Willemintje einnimmt, ist in diesem Sinne unter Umstäneen nicht immer ganz leicht. Jedenfalls hat er eine Gattin ge­wonnen, von deren Vorzügen, Liebenswürdigkeiten und Tugenden diejenigen nicht genug zu erzählen wissen, die die jugendliche Königin genauer kennen.

Eine Ministerkrise ist in Belgien einge- tteten. Der Minister des Auswärtigen de Favereau soll demnächst zurücktreten. Herr de Favereau hat mit verschiedenen Dingen wenig Glück gehabt, so mit der verunglückten belgischen China-Expedition, und so muß er einem andern Manne weichen, dem man mehr zuttaut. Wer dieser andere Mann sein wird, ist noch unbestimmt.

Indem nordischen Königreiche ist eine Regentschaft des Kronprinzen Gustav ein­gesetzt worden, weil König Oskar erttankt ist. Nach der Verfassung muß dort eine solche Regentschaft ein­gesetzt werden, sobald der König eine Reise von länger als drei Tagen unternimmt oder erkrankt. Von einer Lebensgefahr oder Abdankungsabsichten des Königs Oskar ist also trotz der Einsetzung der Regentschaft nicht die Rede.

Ein Jahr ist es gerade her, seit in Oester­reich die Sprachenverordnungen des Grafen Ba­dem aufgehoben worden sind. Also währt nun auch der Kampf der Regierung mit den Tschechen bereits ein volles Jahr. Was diese thun werden, ob fie bei ihrer parlamentarischen Obstruktion beharren werden oder nicht, ist noch völlig unsicher. Innerhalb der Reihen der Tschechen selbst bestehen augenscheinlich schiebene Ansichten darüber: eine Rede, die der Abg. Wallusch vor einigen Tagen im Tschechenklub in Prag hielt, klingt versöhnlich, so als wollte der Redner die Aufgabe der parlamentarischen Obstruktion empfehlen; im Gegensatz dazu hat der Abg. Engel, der bisherige Obmann des Tschechenklubs im Reichs- rathe, in einer andern Rede erklärt, daß die Tschechen ohne Beivilligung ihres staatsrechtlichen Programms nicht von der Obstruktion lasten würden, „und wenn es zur Anwendung physischer Gewalt kommen müßte." Natürlich stehen die Tschechen mit solchen Revolutions­plänen ganz allein da. Namentlich die katholische Bolkspartei hat sich neuerdings auf Grundsätze geeinigt, die erfreulicher Weise im stärksten Gegensätze stehen zu den tchechischen Anmaßungen. Diese Grund­sätze lauten nach dem Beschluste einer in diesen Tagen abgehaltenen Parteiberathung: Ablehnung des tsche­chischen Staatsrechtes, Erhaltung der deutschen Ver> Mittelungssprache, Ablehnung jeder feindlichen Haltung gegenüber der deutschen Gemeinbürgschaft, Flottmachung des Parlaments, Politik der freien Hand im Ein­vernehmen mit dem Polenklub.

In Spanien ist das konservative Ministe­rium Silvela zurückgetteten. Der neue Kriegs­minister Linares ist schuld daran. Er ernannte eigenmächtig den höchst unbeliebten General Weyler, ehedem Generalgouverneur der Insel Kuba, zum Ge­neralkapitän von Madrid, und das verstößt so sehr

gegen spanisches Gefühl, das mehrere Mitglieder des Ministeriums selbst sich dagegen auflehnten. General Azcarraga bildet ein Geschäftsministerium; nachher wird vermuthlich wieder ein liberales Kabinet folgen. Allzu scharf macht schartig!

Deutsches Keich.

Berlin, den 26. Oktober.

* Fürst Hohenlohe hatAufzeichnung-« Iber sein politische- Leben gemacht; er »esitzt ferner eine kostbare Sammlung von Sorte» pondenzen zur Zeitgeschichte. Die,Kreuzztg.' gibt >em Fürsten den Rath, sich ein großes neues Ver­dienst durch Veröffentlichung wenigstens eines Theiles dieser historisch gewordenen Mate­rialien zu erwerben. Man könne heute bereits mit Fug und Recht sagen, daß das, was vor das Jahr 1890 falle, bereits Geschichte geworden st. Es sei langst erkannt worden, daß Veröffent­lichungen nach dem Tode, wie etwa die Denk­würdigkeiten von Hardenberg, Metternich oder Talleyrand durch die ganz willkürliche Bestim­mung, daß erst ein halbes Jahrhundert vor der Veröffentlichung hingehen müffe. unbeschreiblich an Werth verlteren. In dem einen wie in dem andern Falle waren die so sorgfältig verborgenen Geheimnisse längst enthüllt, und dieser Prozeß des Aufklärens werde in Zukunft noch viel rascher vor sich gehen.

* „Kismarck's Asm- verseh ml!" So klagt und schilt die alldeutsche Preffe, voran die Berliner.Deutsche Zeitung', weil das Reichsgericht in Wien das Statthalter« - Verbot eines Bis­marck-Denkmals in Eger bestätigt hat. Aber kann man denn nicht gerecht fein? Wenn bei uns in Metz ein RapoleonS-Denkmal gebaut wer­den sollte, so würde daS doch auch verboten wer­den, und die.Deutsche Zeitung' setzte gewiß ihre lauteste Trompete zu schmetternden Tönen über die „Frechheit" derer an, die solches etwa ver­langten. Man so'l doch begreifen, daß Fürst Bismarck für dieO sterreicher der politische Leh­rer eines fremden Staates ist, der Oester­reich zugleich die schwerste Niederlage beigebracht hat, außerdem ist dieses Bismarck - Denkmal als Symbol der von den Deutschnationalen offen und heimlich vertretenen Annektions-Bestrebun­gen österreichischer Kronländer durch daS Deutsche Reich gedacht. Das österreichische Selbstbewußt- fein ist bekanntlich sehr schwach, zu diesem Ver­bote hat eS aber doch noch ausgereicht.

Als Mittel zur Avhikfe der Lenteuoth auf dem Laude verdient eine besondere Auf­merksamkeit die Seßhaftmachung der ländlichen Arbeiter. Von großer Bedeutung würde es fein, daß der Arbeiter ein eigenes Heim erhält und er eine kleine Scholle Land sein eigen nennen kann. Da nun aber der Bauernstand bei der vielfach sinkenden Rentabilität der Betriebe beim besten Willen oft nicht in der Lage ist, das Geld für Arbeiterwohnungen auf­zubringen, so dürfte es eine dankbare Ausgabe der fast überall auf dem Lande bestehenden Spar- und Darlehnskassenvereine sein, ländlichen Arbeitern ein eigenes Heim zu verschaffen, wie auch kürzlich in einer großen Versammlung des Verbandes ländlicher (Raiff­eisen ) Genossenschaften der Rheinprovinz in Köln empfohlen wurde. Der Weg, der hier zu beschreiten wäre, ist etwa folgender: Die Spar­und Darlehnskaffe baut Arbeiterwohnungen und läßt sich das verauslagte Kapital amortisations­weise in kleinen Raten von den Inhabern der Wohnungen zurückzahlen. Hier könnte man zwar einwenden, daß die Spar- und Darlehnskaffen hauptsächlich zur Befriedigung des Personal- kredits dienen und keine Realkreditinstitute darstellen sollen. Darauf ist jedoch zu er­widern, daß die Kaffe in diesem Falle that­sächlich keinem Mitgltede Geld zum Bau einer Wohnung leiht, sondern sie baut aus ihren Geldmitteln Häuser, legt also ihre Gelder ähnlich an, als wenn sie für Untergenoffen- schafien Lagerhäuser, Dreschmaschinenschuppen usw. erbaut. Größer ist das Bedenken, daß eS den Vereinen an den nöthigen Geldmitteln fehlt, da die ländliche Bevölkerung ihre verfüg­baren Gelder noch allzu wenig in die Darlehns- kassen Hineinleut. Hier kämen nun die Alters­und In valid itäts versichern ngsanstal- tin in Betracht, die ebensogut wie den Städten auch dem Lande und zwar den Darlehnskaffen Kapitalien für längere Zeit zu mäßigem Zms- fuße für den Bau ländlicher Arbeiterwohnungen bergeben könnten. Dadurch, daß die Spar- und Darlehnskaffenoereine auf unbeschränkter Haft- pflicht beruhen, ist der Provinz bezw. den Ver- stcherungsanstalten eine genügende Sicherheit ge­boten. Der Provinz bleibt natürlich das Recht, zu prüfen, ob die Gelder auch wirklich zum Bau von Arbeiterwohnungen auf dem Lande verwandt werden. Es dürste erwartet werden, daß die Provinz dem Lande das nicht versagen

wird, was sie in dankenswerther Weise der Stadt so ausgiebig gewährt. Bereits sind ja auch in gedachter Richtung in Hessen praktische Versuche gemacht worden, ähnlich im Kreise Merzig in der Rheinprovinz, wo der Kreis den Bau von Wohnungen unternimmt. Neben dem angegebenen Wege bleibt noch zu erwägen, ob es nicht zweckmäßig ist, ländliche Arbeiter» »augenoffenschaften zu gründen nach dem Bet» piele derartiger städtischer Vereine. Wo letzteres aber nicht möglich ist, wird der erstere Weg wohl am besten zum Ziele führen. Wie im । Genossenschaftswesen überhaupt, bedarf es auch liier entschlossener und gemeinnützig gesinnter Männer, welche den Gedanken deS Baues land» icher Arbeiterwohnungen je nach den örtlichen Verhältnissen gründlich erwägen und zur Aus- ührung desselben ihre praktische Unterstützung eihen.

Soziales.

♦ lieber die gewervkiche ZLeschäftigtmg von schulpMchtige« Kinder« ist bekanntlich eitens des Staatssekretärs im Reichsamte deS Inneren eine recht umfaßende statistische Er» jebung angeordnet worden. Die Hauptergebniffe hat das Statistische Amt zusammengestellt und n einer Denkschrift niedergelegt, deren wichtigste Einzelheiten bereits durch die TageSpresse die weiteste Verbreitung erhalten haben. Auf Grund dieser wichtigen statistischen Erhebungen sind die maßgebenden preußischen Ministerialrefforts mit der Aufgabe betraut worden, gesetzgeberische Vorschlägezurn Schutze dieser gewerblich thätigen Kinder zu machen. Diese Vorar­beiten sind bereits ziemlich weit gediehen. Auch das Reichsamt des Inneren hat sich schon mit dieser außerordentlich wichtigen, aber freilich auch ungemein schwierigen sozialpolitischen Frage be» schäfttgt, so daß deren Regelung in nicht zu weite Ferne gerückt ist. Gegenwärtig schweben Ver­handlungen mit den außerpreußischen Bundes­regierungen. Im Reich tarnte des Innern hofft man auf eine allseitige Zustimmung zu den ge­machten Gesetzesvorschlägen.

* Zur Ausführung der letzte» Orwerve- ord»»«gs«ovelke wird offiziös Folgendes be­merkt : Die Gewerbeordnung in ihrer neuen Fassung ist veröffentlicht. In Ausführung des § 139 h der Novelle ist dem BundeSrath bereits vor einiger Zeit der Entwurf von Vorschriften über die Ge­währung von Sitzgelegenheit in offenen Verkaufsstellen zur Beschlußfassung vorgelegt worden; diese Beschlußfaffung steht anscheinend nahe bevor. Zur Ausführung des den fakul­tativen Achtuhrladenfchluß behandelnden § 139 f der Novelle, wobei es, wie schon bei den Verhandlungen im Reichstag erkannt wurde, der Entscheidung mehrerer reckt schwieriger Fragen be­darf, sind kommiffarische Berathungen zwischen den beteiligten Reichs- und preußischen ReffortS ein- geleitet, nach bereit Abschluß das Erforderliche als­bald veranlaßt werden wird.

n Die laudwirthschastliche Winter- Schule

beginnt ihr neues Wintersemester Mittwoch den 7. November. Die Schule hat, wie es in dem letzten Jahresberichte heißt, den Zweck, die in der VolkS- schute gewonnenen Kenntniffe der jungen Land- wirthe zu befestigen und zu erweitern, und ihnen die in der Jetztzeit so nothwendige Ausbildung in den Gr un dl ehren der Land wirth schäft und deren Hilfswissenschaften zu ver- schaffen. .

Die landwirthschastlichen Wmterschulen sind aus dem Bestreben hervorgegangen, namentlich den Söhnen kleinerer und mittelgroßer Land- wirthe die Möglichkeit zu gewähren, ohne große Opfer an Zeit und Geld einerseits das in der Volksschule Gelernte zu befestigen und zu ver- mehren, andererseits eine über den Krets der Volksschulfächer hinausgehende belehrende sach­liche Anregung auf dem Gebiete der Land» wirthschaftslehre und Landwirthschafttpflege zu empfangen. Diese Schulen sind besonders für unsere bäuerliche Bevölkerung von außer- ordentlichem Werthe. Es sind Schulen, die die jungen Leute im Winter, von November bis Ende März besuchen, also zu einer Zett, wo die ländlichen Arbeiten nicht so drängen, und zwar in der Regel zwei Winter hindurch. Em besonderer Vorzug dieser Schulen besteht bann, daß sie den jungen Landwirth nicht aus der Praxis herauSnehmen. Da die jungen Leute in den Sommermonaten wieder zu Hause oder als Eleve in einer anderen Wirthschast arbeiten helfen, bleiben fie auch mit den praktischen Arbeiten ver­traut. In dem wirthschastlichen Kampfe, den bte Landwirthschaft heute zu bestehen hat, verweist man die Landwirthe mit Recht auf bte Selbst­hilfe. Wie soll sich aber der Bauer selbst helfen