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.HL 247.

JuLöa- Freitag, den 26. Oktober 1900.

27. Jahrgang.

|l L Mit einer Beilage. $ |

BrnÄ and Verla-, bet gnlbael XcttnttrxikTrt Pttewaajt Ui. r (Barmeck).

»Nein — mein Fräulein, kein Jrrthum!" schrie Konrad, den bte Wuth fortriß, „sondern । Berechnung, abscheuliche Berechnung war es, daß gerade Tie den Brief finden mußten. Man wollte Sie trennen von dem Geliebten, und dazu war jedes Mittel recht. Deshalb mußten Sie glau­ben, daß Alfred treulos sei, während sein Herz in unwandelbarer Liebe nur für Sie schlug und immer schlagen wird!"--

Anita warf dem Sprecher einen wüthenden Blick zu. Julia ober hatte die Hände in greller Erkenntniß ihres Jrrthums vor bas Gesicht ge­schlagen. In der nächsten Minute stand sie hoch- athmend plötzlich vor Anita.

„Mutter, das, — das konntest Du thun?" schrie sie auf. „Du konntest mich so furchtbar leiden sehen, — Du wußtest, daß mir das Herz blutete, und hattest das Mittel, meine Wunde zu heilen, und Du thatest es nicht? — O das ist grausam, mehr als das — das ist---*

zuzustürzen, und sie in namenloser Seligkeit an sich zu presien, und den süßen Mund mir Küssen zu bedecken. Seine Blicke hingen wie gebannt an der lieblichen Erscheinung, die so echt juvg- sräulich und hold dort stand, dir Augen wie flehend auf die Mutter gerichtet.

Julia wußte nicht, bedeutete es Gutes oder BöseS, daß man sie rief. Konrad heftete den drohenden finsteren Blick fest auf Anita, die jetzt die Hand ihrer Tochter ergriff, und, als ob sie möglichst rasch fertig werden wollte, hervorsti-ß: „Mein Kmd, es har sich herausgestellt, daß der

„Darf ich endlich Ihre Tochter rufe» kaffen?" fragte er.

„Vorerst möchte ich mit — dem Professor sprechen."

Als Alfred mit kurzer Verbeugung ins Zim­mer trat, begann Anita, sich an die beiden Herren wendend: „Treten Sie einstweilen in das Neben­zimmer, ich werde Julia herbeiholen, um ihr das, was sie wissen muß, mitzutheilen. — Wenn das Mädchen dann den Herrn Profeffor noch will, — dann werde ich Sie benachrichtigen." —

»Oho!" schrie Konrad, „so ist es nicht ge­meint! Wir werden Beide Zeugen der Unter­redung sein, — damit nicht wieder neue — Ver­wirrung entsteht!"

Anita biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten, — aber sie fügte sich.

Bebend und zitternd trat gleich darauf Julia über die Schwelle. Wie blaß sie aussah! Alfred I mußte an sich halten, um nicht auf die Geliebte |

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an Deine Schwester schon während ihres Braut­standes geschrieben wurde, ein unseliger Jrrthum liegt hier vor, deshalb —"

„Wer birgt mir dafür, daß Sie über die

Vergangenheit schweigen werden?" zischte sie.

„Mein und des Profeffors Ehrenwort," sagte

Konrad, sich hoch und stolz aufrichtend. „Wir

sind deutsche Männer, das bitte ich zu beachten!" ..........v„ pu# vu„ vei

Er stand vor ihr mit blitzenden Auaen. Anita Brief, welchen Du in Hedwigs Arbeitsko'rb fandest schlug die Blicke zu Boden, und machte eine B«- *“ - -

wegung, als wollte sie sich ertfeinen, doch das lag nicht in Konrads Sinn.

•F Deutschland und England.

England und dieBereinigten Staaten von Nordamerika wollten früher gar nichts von einander wiffen. Daß die Bereinigten Staaten einst britische Kolonien waren und auf dem Wege der Revolution von dem Mutterlande sich befreiten, das sie nur aussog, um sich selbst zu bereichern, konnten die Engländer beinahe 100 Jahre la»g nicht vergessen; die Amerikaner aber empfanden weder das Bedürfniß zur Aussöhnung, noch den inneren Trieb dazu, und so gingen die beiden Staatswesen mit derselben Sprache kühl und theilnahmslos an einander vorüber.

Da auf einmal empfanden beide den PulS- schlag der fegen, imperialistischen Politik, d.h. sie bekamen beide Appetit auf fremdes Land, unterstützten sich einander in der Stillung dieses nicht besonders edeln Appetites nach Mög­lichkeit und entdeckten auf einmal in der Freude ihres gemeinsamin Einoerständniffes die „angel­sächsische Vetterschaft". Der berühmte Herr Chamberlain hat einUebriges davon geredet, und in Amerika hat man ihm seine Gedanken in anderer Form nachgesprochen; dabei ist es aber so ziemlich geblieben. Der ebenfalls gemeinsame Zug in der Politik b ider Staatswesen, nämlich eine rücksichtslose Eigensucht auf rücksichts­lose Weise bethätigt, hindert ganz von selbst die „angelsächsische Vetterschaft" daran, gar zu ver­traulich zu werden.

Am letzten Mittwoch hat der Kaiser bei der Eröffnung der Ruhmeshalle in Barmen auf das Uebereinkommrn hingewiesen, das Deutsch­land und England für die gemeinsame Behand­lung der chinesischen Dinge abgeschloffen haben: der Monarch hat dabei von dem „Ueber- einkominen mit dem mächtigsten germanischen Staate außer unserem Volke" gesprochen und hat damit wohl zum allerersten Mal in so be­stimmter Weise hohe Politik und Stammer- verwandi schäft der Völker in Deutschland und England in seinem Gedankengange mit einander in Verbindung gebracht. Ob die Engländer dan il zufrieden sein werden, gewissermaßen an zweite Stelle nach Deutschland sich gestellt zu sehen, mag auf sich beruhen. Wir Deutsche brauchen uns wenig darum zu kümmern, ob die Engländer sich in ihrem Eigendünkel verletzt fühlen oder nicht. Aber für uns selbst hat die Gedankenverbindung von Blutsverwandtschaft und Politik natürlich hohes Jntereffr. Die Frage entsteht: soll in Zukunft die Thatsache, daß germanisches Blut in den Adern vieler Engländer fließt, ändernd auf den Entwickelungs- gang unserer Politik einwirken? Soll die Jnteressenpolitik, die uns bei der Be­handlung vieler Fragen unbedingt unseren Platz neben dem slawischen Rußland und nicht neben dem germanischen Britannien anweist, vertauscht werden gegen eine allgermanische Politik 'm Bunde mit England ohne Rücksicht auf den

Sie besann sich plötzlich und brach ab.

„Warum that-st Du das, Mutter? — War­um?" — Ich will die Wahrheit wiffen!" —

Wie sie dort stand, mit den funkelnden Augen, die Hand auf das wild pochende Herz gedrückt, einer Rächerin gleich, da mußte auch Konrad sich eingestehen, daß er kaum je ein schöneres Mäd­chen gesehen.

„Julia," begann Anita mit scheinbarer Ruhe, „ich sah in einer Verbindung zwischen Dir und dem — Profeffor kein Glück für Dich; deshalb suchte ich es zu verhindern."

Konrad lachte spöttisch auf, während Julia bebend hervorstieß: „Und mit solchen Mitteln, — o Mutter, — das durftest Du nicht, — das trennt uns für immer. Du wußtest doch gut genug, daß all mein Glück nur bei ihm liegt."---

Länger sonnte Alfred nicht mehr an sich halten. Sem Gesicht strahlte, er breitete weit die Arme aus, und „Julia, — mein geliebtes, theures Mädchen, — hier ist Dein Platz," jubelt er, in namenlosem Entzücken.

„Willst Du mich denn roch?" fragt sie mit einem Anflug der früheren Schelmerei und mit lieblichem Lächeln.

Aber schon liegt sie in feinen Armen, fühlt sie sich umschlungen und festgehalten.

Dann zieht sie ihn, ohne auf die Mutter nur noch einen einzigen Blick zu richten, nach dem Stübchen der Großmutter, steckt das, vor Selig­keit glühende Gesichtchen herein, und ruft jubelnd der Greisin zu: „Großmutter „Er" ist da, — ich habe ihn wieder, — dürfen wir hereinkommen?M

„Nur immer zu, meine Kinder!" tönt es zurück.

Da fitzen fie denn Beide neben dem Lehnstuhle der glücklich lächelnden allen Frau, die jetzt Julia

Haupte» wollen, der ihn kennt, und daß er „ur­kundliche Beläge" dafür aufzuweisen hat, steht außer allem Zweifel.

Die Schlußbemerkung in der Aufklärung sei­tens der Berl. Korrelp. ist wohl auch nur da­rauf berechnet, die Vermuthung des .Vorwärts' zu widerlegen, daß irgend ein „Pumpier" unter falscher Vorspiegelung in der Maske des Reichsamts des Innern sich zur Beseitigung einer Nothlage die 12 000 Mk. erbeten habe. Die persönliche Ehrenhaftigkeit des Herrn Direktor De. v. Woedtke steht hier ebenso wie sein großes Verdienst um die soziale Gesetzgebung außer Frage, aber ebenso scheint uns außer Frage zu stehen, daß Herr v. Woedtke mit dem Ansinnen an Herrn Burck einen butgetrechtlichen und dazu einen großen politischen Fehler begangen hat.

Aber warum und wie will man den Staats­sekretär des Reichsamtes des Innern Grafen Posadowsky dafür verantwortlich machen? Die Nationalzeitung hat demselben gestern per­sönlich die Verantwortung zugeschoben. Warum in dieser Weise der Fall agitatorisch ausgenützt wird, deutet das genannte Blatt ganz offen an: man wünscht, Staatssekretär Graf Posadowsky möge aus dem Amte scheiden. „Was vor­liegt — so läßt sich in diesem Sinne das ge­nannte Blatt vernehmen — ist ein im vermeint- lichen öffentlichen Interesse begangener Mißgriff unverzeihlicher Art. Wenn dadurch rascher, als es erwartet wurde, ein Personenwechsel an der Spitze eines wichtigen Reichsamtes herbei­geführt wird, so dürfte dies für den neuen Kanzler im jetzigen Augenblicke eine ernste Unbequemlichkeit fein, die man gern vermeiden würde; aber sie wird sich wohl kaum vermeiden taffen." —

Ein Punkt bedarf noch sehr der Aufklärung. Das Schreiben des Herrn Bueck ist vom 3. August 1898 datiert. Es ist nun schwer begreif­lich, wie schon damals im Reichsamte des Innern die Erkenntniß Platz greifen konnte, daß es „nach der Ende Juni 1899 im Reichstage vollzogenen ersten Lesung" der Zuchthausvorlage „weiten Kreisen, insbesondere aus der Industrie unbedingt nothwendig erscheinen" werde, die öffentliche Meinung zu beeinfluffrn. Von den „zum Theil sehr tendenziösen Entstellungen" von 1899 konnte doch 1898 unmöglich schon die Rede sein! Wenn dieser Punkt nicht genügende Aufklärung erfährt, wird man der ganzen halbamtlichen Dar­stellung wenig Werth zusrkenneri dürfen.

Orginal-Roman von Irene v. Hellmuth.

41 ------ (Nachdruck verboten.)

(Schluß)

dieser erklärt, das Reichsamt des Innern habe den Wunsch geäußert, daß die Industrie ihm zum Zwecke der Agitation für die „Zuchthaus- Vorlage" Mittel zur Verfügung stellen möchte, ist bereits die von uns für nothwendig erklärte Aufklärung von Seiten des Reichsamtes des In­nern erfolgt. Die halbamtliche.Berliner Korre­spondenz' schreibt nämlich:

„In Nr. 245 der .Leipz. Bolksztg/ vom 22. d. M. findet fich ein angeblich von dem Generalsekretär des „Zentral-Verbandes Deutscher Industrieller" herrühren­des Schreiben abgedruckt, an welches die,Leipz. Bolksztg/ heftige Angriffe gegen das Reichsamt des Inneren knüpft. Zur Klarstellung der Thatsachen wird Folgendes be­merkt:

Gegenüber den zum Theil sehr tendenziösen Ent­stellungen in der Öffentlichkeit erschien es weiten Kreisen, insbesondere aus der Industrie, nach der Ende Juni 1699 im Reichstag vollzogenen ersten Lesung des Gesetz­entwurfs zum Schutz der Arbeitswilligen unbedingt nothwendig, an der Hand des amtlichen parlamen­tarischen Materials des Reichstags di? öffentliche Mei­nung möglichst umfangreich darüber aufzuklären, welche Thatsachen die Einbringung dieses Gesetzentwurfs ver­anlaßt hatten und welche Gründe von den Vertretern der Regierungen bei der Bertheidigung des Gesetzent­wurfs im Reichstage beigebrachl worden find. Zu diesem Zweck wurden Auszüge aus der der Begründung des Gesetzentwurfs beiaegebenen, das amtliche Material enthaltenden Denkschrift, sowie der stenographische Wort­laut von Reden, die bei der Verhandlung des Gesetz­entwurfs im Reichstags von Regisrungsvertretern ge­halten worden waren, in zahlreichen Exemplaren pro­vinziellen Blättern betgefügt. Auf Anregung und durch Vermittelung des Direktors im Retchsamt des Innern Dr. v. Woedtke hat der Generalsekretär Bueck eine Summe von 12 000 Mk. zur Verfügung ge­stellt; diese ist zur Deckung der Druckkoflen verwendet worden, die durch die Wiedergabe des oben bezeichneten amtlichen Materials entstanden find. Ueber die Ver­ausgabung der Summe behufs Verbreitung des bezeich­neten, in den Drucksachen des Reichstags bereits nieder- gelegten amtlichen Materials besitzt der genannte Be­amte urkundliche Beläge."

Man kann dem Herrn v. Woedtke den Vor­wurf nicht ersparen, daß er sowohl gegen das Budgetrecht des Reichstags verstoßen, als auch politisch sehr unklug gehandelt hat. Hielt Herr von Woedke «s für nothwendig, daß „pro­vinziellen Blättern" eine Beilage zur Aufklärung über die „Zuchthausoorlage" gegeben werde, fo mußte das unbedingt auf Kosten des Reiches geschehen.. Die Ausbringung der Kosten v-v> Seiten des ZentralverbandeS deutscher Indu­strieller, also von privater und interesfirter Seite, — so schreibt die .Germania' mit Recht — war ein großer sozialpolitischer Mißgriff, wie wir solchen, offen gesagt, Herrn Dr. von Woedtke nicht zugetraut hätten. Herr von Woedtke hat »en wohlverdienten Rus, um den Ausbau der Arbeiterversicherungs- und der Arbeiterschutz- Gesetzgebung sich in hervorragendster Weise seit langen Jahren verdient gemacht zu haben. Wie konnte nur ein solcher Mann, dem auch die Sozial- )emotraten im Reichstage seine Verdienste um die soziale Gesetzgebung niemals abgesprochen haben, auf den unseligen Gedanken kommen, sich für die „Zuchthansvorlage" derart in's Zkua zu legen, daß er zur Agitation für dieselbe von dem Crntralver band >er Deutschen Industriellen, der in dieser Ange­legenheit doch eine einseitige Partei war, 12,000 Mar! erbat und erhielt und verwendete? Denn )aß Herr v. Woedtke diese 12,000 Mark in eigenem Nutz n verwendet habe, wird wohl Niemand be-

Dentsches Usich»

Berlin, den 25. Oktober.

h, Keine Aufhebung des Aefuilerrge- fetzes. Die Berliner ,Täzl. Rundschau' wollte „aus Kreisen der bayerischen Regierung" erfahren haben, es seien erneute Verhandlungen und ver­trauliche Besprechungen zwischen den deutschen Bundesstaaten über die Aufhebung des Jesuiten- gesttzes im Gange, die Aussicht auf Erfolg hätten, da das (Zentrum gewisse Zugeständnisse zum Austausche dafür im Reichstage in Aussicht ge­stellt habe. Die Zweifel gegen die Wahrheit dieser Meldung waren vollauf berechtigt. Offiziös wird

den Brief, den diese ihr vorhin gegeben hat, hin­reicht mit den Worten: „Jetzt ist's mir einge­fallen, Kind, wo ich den schon gelesen habe — er gehörte einst Hedwig, und"---

Julia legte ihr lächelnd die kleine Hand auf den Mund.

„Still, Großmutter, j-tzt nichts mehr davon!"

Lange sitzen die Glücklichen in Dem Stübchen der Großmutter. Alfred erzählte von feiner Reise, von Sehnsucht und Qual, die er auSzestanden — von Konrad, der ein Freund seines verstor- »enen Bruders gewesen sei, kurz von Allem, was hm in den Wochen feiner Abwesenheit begegnet st — nur Eins verschweigt er, nämlich die ab- chsuliche Handlungsweise Anita's feinem verstor­bnen Bruder gegenüber.

Endlich kommt Konrad, dem das Warten zu lange dauert, herauf, doch auch er bleibt auf das Zureden der Anderen hin eine ganze Weile in dem kleinen Kreise. Anita sitzt allein und verlaffen in ihrem Zimmer, sie wagt es nicht, zu den Glück­lichen zu treten, und Niemand fragt nach ihr---

* *

*

Julia und deren Vater, der sich an dem Glücke feines Lieblings weidet, hat nie die ganze Wahrheit aus Anita's Vergangenheit erfahren. Julia hat die Großmutter mitgenommen in ihr neues Heim. Anita erkennt mit tiefem Schmerze, doß sie die Liebe ihres Kindes für immer ver­loren hat ; denn wenn fie, waS selten genug ge­schieht, einen Besuch bei ihrer Tochter ab stattet, legt es sich wie Eiseskälte auf die lieblichen Züge der jungen Frau — die Unterhaltung schleppt sich mühsam fort, es fehlt die Wärme, die sonst von Julia's ganzem Wesen ausgeht — fie kann nicht verg-ffen.

I russisch-französischen Zweibund? Unbedingt nein! kann nur die Antwort lauten.

Die Ernennung des Grafen Bülow zum Reichskanzler gibt uns die Gewähr dafür, daß solche Gedanken, oder auch nur Annäherungen daran, dem Kaiser fern gelegen haben, als er in Barmen von dem „mächtigsten germanischen Staate außer unserem Volke" sprach. Denn Graf Bülow hat stets auf ein freundliches Einvernehmen mit dem Zarenreiche ^gearbeitet, und nicht der ge­ringste Anhaltspunkt liegt vor dafür, daß darin nunmehr eine Abänderung eingetreten sein sollte. Erst in diesen Tagen gatt der erste Besuch, den der neu ernannte Reichskanzler Graf Bülow machte, gerade dem diplomatischen Vertreter des Zaren in Berlin, dem russischen Botschafter Grafen von Osten-Sacken. Man kann also getrost an- nehmen, daß der Hinweis des Kaisers auf unsere Stammesverwandtschaft mit den Engländern weniger die Bedeutung einer politischen Kund­gebung hatte, als vielmehr einer rednerischen Wendung ohne grundsätzlichen politischen Hinter­grund. Auch die Engländer und Amerikaner reden gern und redeten jüngst viel von ihrer angel­sächsischen Vetterschaft; aber beim Reden ist es der Hauptsache nach geblieben, und gemeinsame angelsächsische Politik macht jeder der Vettern nicht um einen Pfifferling mehr, als es seinen eignen Jntereffen entspricht, das heißt nicht um eines Haares Breite mehr, als ehedem auch, in der Zeit, in der von der angelsächsischen Vetterschaft noch nicht die Rede war. Und wenn die Völkerver­wandtschaft keinen anderen Einfluß auf das poli­tische Verhältniß zwischen Deutschland und England ausübt, dann kann uns auch die germanische Vetterschaft der Briten recht sein.

Das Uebereinkommen, das Deutschland mit England für die Behandlung chinesischer Dinge abgeschlossen hat, ist außerdem friedlicher Natur, und die Erhaltung des Friedens ist eS auch gewesen, auf die der Kaiser in seinen jüngsten Reden in Barmen vnb Elberfeld die stärkste Be­tonung gelegt hat. Wr aber mit uns dazu bei­tragen will, den Fried n zu stärken und zu er­halten, der kann uns Ü H.fern Sinne immer willkommen fein, ob er nun germanische Blutsverwandtschaft mit uns hat oder nicht. Und wenn England das ebenfalls will, obwohl es sonst mit seiner rücksichtslosen Eroberungs­politik, so kann es uns Deutschen nur recht sein. Im Übrigen ist die überzeugende Mehrheit des deutschen Volkes wenig stolz auf die Stammes- Verwandtschaft mit einer Nation, die sich nicht scheut davor, Frieden und Völkerrecht in den Koth zu treten, um ein Land in seinen Besitz zu bringen, das werthvoll ist durch daS Gold und die Diamanten, die es birgt. Politische Räuber nennt man nicht gern Vettern. Und am aller­wenigsten versteht man sich dazu, unter dem Vor­wande der Völkervrrwandtschaft sich dazu miß­brauchen zu lassen, ihnen die Kastanien aus dem Feuer zu holen und sich selbst dabei die Finger zu verbrennen._______

G Zur Klarstellung der Thatsachen.

In Betreff des in unserem gestrigen Leitartikel besprochenen Schreibens des Herrn Bueck, worin

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