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erscheint »glich, „.Ausnahme der Sonn-und Feier­tage. Bierteljährl.

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JU 245. Julöa, Mittwoch, den 24. Oktober 1900. 27. Jahrgang.

0 Wohnungselend und Abhilfe dagegen.

Dreizehnhundert Personen, darunter achthundert Kinder, befanden sich kürzlich im Asyl für Obdachlose zu Berlin. Natürlich macht die Unterbringung der unglücklichen Menschen die allergrößten Schwierigkeiten, denn man ist auf einen solchen Menschenandrang im Asyl nicht eingerichtet. So müssen denn Frauen und Kinder eng aneinander gepreßt die Nächte zubringen, von einem Schul­unterrichte der Kinder ist nicht mehr in irgendwie geregelter Weise die Rede, denn es fehlt voll­kommen an Räumlichkeiten, um eine solche Masse von Kindern unterrichten zu lassen; und nun sind unter dieser Kinderschaar auch noch die Masern ausgebrochen! Monate lang werden die aller­meisten dieser armen Leute die Gastfreundschaft der Stadt Berlin in Anspruch nehmen müssen, denn sie bekommen keine Wohnung, auch wenn sie eine bescheidene Miethe dafür anlegen können. Der Andrang nach der Stadt Berlin ist riesig; gebaut wird aber jetzt weniger als sonst, und so können die Hausbesitzer schalten und walten nach Belieben. Die Miethen steigen unaufhörlich, so daß durch diesen Wohnungswucher der höhere Arbeitsverdienst der Leute vollkommen aufgezehrt wird ; dieser ver­besserte Lohn wandert in die Taschen der ohnehin reichen Hausbesitzer der Großstadt.

Aber auch viele derjenigen, die die gesteigerte Miethe bezahlen wollen und können, finden noch keine Wohnung, weil — sie Kinder haben! „Wir nehmen nur kinderlose Familien ins Haus!", so tönt es ihnen auf ihre Anfrage von einem Hausbesitzer nach dem andern entgegen, und das Ende vom Liede ist das Asyl für Obdachlose. Des­wegen sieht man in diesem nicht mehr, wie in früheren Zeiten, nur ganz heruntergekommene Existenzen; auch ganze Familien mit einem kleinen Möbelwagen kommen vor dem Asyl an und heischen von der Stadl Berlin die Unterkunft, die sie trotz aller redlichen Bemühungen anderweit nicht be­kommen können. Und alle Kenner der Verhält­nisse nehmen an, daß es bei dem nächsten großen Ziehtermin am 1. April noch schlimmer werden wird.

Der Verwaltung der Stadt Berlin kann man in diesem Falle kern en Vorwurf machen. Aehnliches ist noch nie dagewesen, und allem An­scheine nach ist man gesonnen, der Noch so viel als möglich zu steuern. Es sollen neueSchlafsäle errichtet werden, und man behauptet, es werde bei erneutem und auch noch stärkerem Andrange keine Verlegenheit mehr entstehen. Das ändert aber nichts an dem Massenelend an sich, daß Hunderte von ordentlichen Arbeiter-Familien ge­zwungen sind dazu, als Obdachlose das Asyl der Stadt in Anspruch zu nehmen. Um diesem Elend zu steuern, müssen andere Kräfte wirken, welche einerseits die Machthaberstellung der Hausbesitzer brechen und diese daran verhindern, ihre Macht in so rücksichtsloser Weise auszubeuten, und die anderseits dem fortwährenden Zuzuge ungeeigneter Volkselemente nach der Großstadt einen Damm entgeaensitzrn.

"Vor etwa einem Jahre hat der Reichstag den Bischluß gefaßt, den Reichskanzler um die Einsetzung erner Kommission zu ersuchen, welche

Die Uerle von Ilorenz.

Orginal-Roman von Irene v. Hellmuth.

39 ------ (Nachdruck verboten.)

Als die Mutter den Kleinen zu Bett gebracht hatte, setzte sie sich wie gewöhnlich neben dem Lager nieder, und mahnre, wie sie es allabendlich that: „Vergiß Dein Nachkgebet nicht, mein Kind."

Die kleinen Hände falteten sich, und kindlich andächtig betete Paul mit seiner weichen, süßen Stimme:

„Ich lege mich nieder, und schlafe nun ein. Der Baler im Himmel wird Wächter mir sein. Doch eh' ich noch schlafe, befehle ich ihm. Die liebenden Eltern, die treu mich erzieh'n!" — Eine kleine Pause trat ein, dann Hub die Kinderstimme nochmals an: „Lieber Gott, laß nur ja den Papa recht bald kommen, daß die gute Mama nicht mehr weint! — Amen!"

Die Beiden hatten es nicht bemerkt, daß die Thüre geräuschlos geöffnet worden war, und der so sehnlich Herdeigewünschte schon eine ganze Weile dort stand und auf die liebliche Gruppe starrte, als könne er sich nicht genug sehen an dem reizen­den Bilde. Bei den letzten Worten des Kindes aber erschütterte ein Schluchzen seinen Körper, mit ausgedreiteten Armen stürzte er herzu, und sank der bestürzten Gattin zu Füßen.

„Allmächttger!"

Hedwig schrie laut auf, fie wußte kaum, was sie tyat.

„Leo, — Du, — ja träume ich denn? — Ich kann es kaum fassen, daß Du es wirklich bist!"

Erhebungen über die Wohnungs-Ver­hältnisse anstellen sollte. Seitdem ist die Woh­nungsnot noch ganz erheblich gestiegen, aber ge- chehen ist noch nichts in dem Sinne jenes lleichstags-Brschluffes. Die verbündeten Regie­rungen haben es gemacht, wie in vielen anderen Fällen auch, wo ihnen die ernsthafte Behandlung einer wirthschafllichen Sache zugewiesen war: sie idben erwidert, die Wohnungsfrage fei den Einzel- taaten überlassen, und damit war die ganze Sache wieder einmal auf die lange Bank geschoben. Warum in aller Welt soll es nicht Sache des Reiches fein, gesetzliche Bestimmungen zu treffen dagegen, daß durch ungeeignete Woh­nungen die Gesundheit und Sittlichkeit zahl­reicher Volkselemente in Gefahr gebracht werden? Die Hergabe von Kapitalien zur Errichtung von Arbeiterwohnungen kann dann immer noch i>en Einzelstaaten überlassen bleiben. Und nament­lich ist nicht zu begreifen, warum es nicht die Sache des Reiches sein soll, Erhebungen über rie herrschende Wohnungsnoth und ihre Ursachen anzustellen. Herrscht nicht in allen großen Städten des Reiches ganz gleichmäßig der Grund- tücks- und Wohnungswucher? Wird nicht in allen größeren Städten des Reiches gleichmäßig Grund­md Boden über Gebühr ausgebeutet durch die Errichtung himmelhoher Miethskasernen und die gesundheitsschädliche Zusammendrängung von Hinterhäusern und Seitengebäuden in lichtarmen und aller frischen Luft mangelnden Höfen? Allen Städten gleichmäßig sollte die Pflicht auferlegt werden, dafür zu sorgen, daß stets größere Grund­stücksflächen vorhanden find, auf denen Mieths­kasernen nicht errichtet werden dürfen in einer Weise und Bauart, die die Gesundheit der Be­wohner mit schädlichen Einflüssen bedroht; außer­dem aber müßten die Stadtverwaltungen dafür Sorge zu tragen gezwungen werden, daß ge­sundheitsschädliche Wohnungen besei­tigt werden.

In diesen Tagen durchlief die Preffe eine Notiz, wonach die preußische Regierung den Ent­wurf eines Wohnungsgesetzes vorberctte, um mit diesem den Auswüchsen der Freizügig­keit zu Leibe zu gehen. Wenn man nicht weiß, was mit diesen Auswüchsen gemeint ist, kann man sich schwer etwas Bestimmtes darunter vor­stellen. Aber wenn man damit z. B. verhindern wollte die Abwanderung unerwachsener Personen nach den großen Städten und nach den Jndustrie- bezirken, so könnte man solchen Absichten den Beifall nicht versagen. Und es ist doch all­bekannt, daß in Jndustriebezirken infolge allzu starken Zuzuges Arbeitslosigkeit entsteht. Wenn gegen solche Mißstände auf dem Wege der Ge­setzgebung eingeschritten werden könnte, würde das nur mit Freude zu begrüßen sein. Darin braucht noch lange nicht eine Einschränkung des Grundsetzes der Freizügigkeit erblickt zu werden

Deutsches Deich.

Berlin, den 23. Oktober.

* Der bisherige Unterstaatssikretär Dr. Are» Herr vo« IUchthoferr ist zum Staatssekre­tär des Auswärtigen Amtes ernannt. (Frhr Oswald von Richthofen ist am 13. Oktober 1847

„Ja, Hedwig, — ich bin es, — mein liebes, herziges Weib, — kannst Du mir verzeihen?" schluchzte Leo, im innersten Herzen bewegt. Er riß fie an sich, sie lag an des Gatten Brust, lachend und weinend. Sie hielten sich umschlungen, so sest und innig, — das Glück dieses Wieder­sehens war ein zu großes, gewaltiges, es raubte ihnen die Sprache.

Paul betrachtete verwundert die Scene. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie das Christ­kind es angestellt haben mochte, den Papa so rasch herbeizuholen, seinen Wunsch so prompt zu erfüllen. Er nahm sich vor, gleich morgen in der Frühe die Mama darnach zu fragen. Er hätte e§ zwar gerne heute noch gethan, aber der Papa war heute fo seltsam, — so ganz anders als sonst, — er küßte nur immer und immer die Mama, — daß Paul fast scheu zu den Beiden hinstarrte. Nachdem die erste Aufregung sich ge­legt, saßen die wieder vereinten Gatten Hand in Hand am Bettchen des Kindes, sie erzählten sic- so viel, daß Paul endlich darüber einschlief.

Hedwig kam aus dem Staunen gar nicht heraus, besonders als Leo von Anita erzählte, und wie wunderbar sich alles getroffen, lieber das grausame Spiel, das AnÜa getrieben, war Hedwig aufs Aeußerste empört.

„So ist die Sache doch ganz aufgeklärt", meinte fie, nachdem sie etwas ruhiger geworden war. „DaS arme Mohrchen wird endlich glücklich werden. Alfred ist doch wohl sofort zu Julia geeilt ?“

„Nein, Liebste, das ist der einzige Schatten, der auf unser Glück fällt. Der Professor rot durchaus nicht, daß Julia die ganze Schändlich­

geboren. Er wurde 1875 Hilfsarbeiter und 1881 Vortragender Rath im Auswärtigen Amte und 1885 Direktionsmitglied der ägyptischen Staatsschuldenkaffe in Kairo. Am 26. Oktober ;.888 wurde er zum Direktor der Kolonialab- theilung und im Dezember 1897 zum Unterstaats­sekretär im Auswärtigen Amte ernannt.) Als ein verrnuthlicher Nachfolger im Unterstaats­ekretariat des Auswärtigen Amts wird der bis- lerige Legationsrath von Tschirfchky und Bö gen dorff genannt. Derselbe ist seit Kurzem Gesandter in Luxemburg, war vorher erster Sekretär bei der deutschen Botschaft in Peters­burg und weilt jetzt als Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Kaiser in Homburg.

+ Die Mrm-Dorkag- im Reichstage wird ihrem grundsätzlichen Charakter nach in manchen Blättern nicht richtig beurteilt. Manche teilen sich so an, als handelte es sich um nichts weiter, als Ja und Amen zu sagen zu dem, was geschehen ist; aber davon kann doch wohl im grnfte keine Rede sein. Erstens sind die Kosten unserer militärischen Maßnahmen in China noch gar nicht abgeschlossen. Sie laufen weiter in der Gegenwart und werden auch wohl in der Zukunft noch eine ganze Zeit weiterlaufen. Es handelt ich also schon deswegen nicht um ein Ding, das n sich beendet ist. Man lieft Andeutungen darüber, e> solle in China dauernd eine „inter­nationale Gensdarmerie" eingerichtet werden und wirklich weiß man nicht recht, wie die Mächte eine stete Beaufsichtigung Chinas ohne eine kündige militärische Besatzung ausführen sollten. Wenn nun auch solche Besatzungen nicht zahlreich zu sein brauchen, so verursachen sie doch immerhin verhältnißmäßig hohe Ausgaben, und diese müssen stets vom Reichstage bewilligt werden. Es handelt sich also hier um eine genau ausgear­beitete Finanzvorlage, wenn diese Vorlage den mit Recht gehegten Erwartungen entsprechen soll. Die Kosten der Chma- Expedition müssen genau nachgewiesen und begründet werden, und der Reichstag muß in fr er Sage sein, diese Vorlage ebenso genau zu p üfen wie alle anderen Finanz­vorlagen auch. Außerdem aber find, rote bekannt, für Dftaften ganz neue Truppenkörper gebildet worden, die sogar ihre eignen Fahnen und Standarten erhalten Haden. Die Zahl der Truppenkörper darf ebenfalls nicht ohne die Zu­stimmung des Reichstages verändert werden, und auch darüber wird man fich im Reichstage genau unterhalten müssen. Man ersieht daraus, daß die Besprechung die China-Vorlage nicht nur so etwas sein kann wie ein Vertrauensvotum für die Reichsregierung oder fo ähnlich. Sie muß sorgfältig und ausführlich durchgenommen werden und wird deswegen ziemlich lange Zeit dis zu ihrer Erledigung in Anspruch nehmen.

* Die dem Evangelischen Bunde nahestehende ,Tägl. Rundschau' kündigt die Sättige A«f- tzekung des Iefnilengefetzes an. Unter dem Stichworte: „Die Jesuiten wieder in Deufchlcmd" schreibt das Blatt:

Wie unS aus Kreisen der bayerischen Re­

gierung versichert wird, sind erneute Verhandlungen und vertrauliche Besprechungen zwischen den deutschen Bundesstaaten im Gange, deren Ergebniß die baldige Aufhebung des Jesuitengesetzes zum Ziele hat. Es scheint dem Drängen des Centrums, das nach dem

kett ihrer Mutter erfährt, er fürchtet, das arme Kind würde zu sehr unter der Entdeckung leiden."

„Warum nicht gar!" ries Hedwig lebhaft, „so werde ich selbst hingehen, und ihr alles sagen, sie hat viel an Alfred gut zu machen und — sie soll es!"

„Beruhige Dich, mein liebes, tapferes Weib­chen" lächelte Leo, „wir haben aus Florenz einen Mann mitgebracht, dem es hoffentlich gelingen wird, bte Liebenden glücklich zu vereinen. Der­selbe kennt Anita's Jugendgeschichte ganz genau, das wird seine Wirkung nicht verfehlen. Laß Du ihn nur machen."

Leo erzählte der gespannt zuhörenden Gattin was er selbst von Anita's Jugend wußte, und Hedwig rief einmal Über das andere: „O rote abscheulich, — wie häßlich! — Mein armer Vater, — was wird er dazu sagen! — O wie leib mir der alte Mann thut! Er mit seinen strengen Begnffen von Ehre und gutem Namen, er verwindet es sicher nicht, er wird nicht ruhen, bis der letzte Heller des von Anita erschlichenen Vermögens zurückbezahlt ist an den, dem es von Rechtswegen gehört!"

„Wenn Anita sich bereit finden läßt, dem Glücke Julias nicht mehr entgegen zu fein, fo foH weder Mohrchen noch Dein Vater etwas er­fahren. Die Hilfe des Letzteren soll erst ange­rufen werden, wenn es nöthig ist, und dann it es auch für uns Zeit, zu handeln, doch vor allen Dingen gilt es, in den Besitz des Brieses zu kommen, um fich zu vergewissern, daß es der­selbe ist, den Alfred Dir schrieb."

Zusammentritt des Reichstags gewisse Gegenleistunaen (!!) in Aussicht stellt, endlich gelungen zu sein, den Wider- tand der Regierungen zu erschüttern. Ein etwa er» olgendes offiziöses Dementi dieser Nachricht, >ie uns aus sehr guterQuelle zukommt, hat, wie wir bestimmt versichern können, keinen Werth. Es wird leider (!) voraussichtlich schon durch die Thatsachen der kommenden Reichstagsordnung vorgelegt werden.

Es wäre ja gewiß an bet Zeit, daß die Re­gierung endlich die vom Reichstage schon fünf­mal beschloffene Aushebung des gehässigen Aus­nahmegesetzes zur Ausführung bringen möchte. Vorläufig aber glauben wir noch nicht recht an >ie Botschaft. Daß das bündlerische Blatt von „gewissen Gegenleistungen" des Centrums faselt, wundert uns weiter nicht, denn der Kuhhandel gehört bei gewissen Leuten zum unentbehrlichen Inventar.

* Die Zutheilung auf die am letzten Donners­tag gezeichneten neuen Iteich»Sa«KA«theike ist, rote die ,Nordd. Allg. Ztg.' meldet, bereits erfolgt. Den bei der Berathung der Bankgesetz­novelle im Reichstage geäußerten Wünschen ent» prechend, die kleineren Kapitalisten und Sparer zu bevorzugen, sind alle Zeichnungen bis einschließlich acht Antheile voll berück- ichtizt worden. Dieser Gruppe gehören 3920 Zeichner, d. h 73 pCt. aller Zeichner an. Die Übrigen — 1450 an der Zahl — erhalten ein Jeder vorweg acht Antheile; die bann noch ver­fügbaren Stücke sind auf diese zweite Gruppe nach dem Verhältniß der gezeichneten Beträge möglichst gleichmäßig oertbeilt worden. Sobald die Ausfertigung der zunächst auszugebenden 30,000 Stück Bezugsscheine auf die Namen der einzelnen Zeichner und die Zusendung der Stücke an die Zeichnungsstellen bewirkt sein wird, Arbeiten, deren Vollendung bei der erforderlichen Sorgfalt und den weiten Entfernungen vieler Z-ichnungsstellen von Berlin immerhin noch einige Zeit, wahrscheinlich nicht mehr als eine Woche beanspruchen dürste, erhalten die Zeichner nähere Mittheilungen.

X Die freisinnige Dokkspartei hat ihren Parteitagin Görlitz hinter verschlossenen Thüren abgehalten. Nur eine öffentliche Wähler­versammlung hat man veranstaltet, um in dieser bas zu sagen, was berechnet ist auf die Ge­winnung des Wohlwollens weiterer Kreise. So viel man aus dem Parteitage selbst erfährt, hat namentlich Herr Eugen Richter die Behaup­tung ausgestellt, in der Volksstimmung sei „ein koloffaler Umschwung zu Gunsten der Oppo- fttton eingetreten". Herr Eugen Richter hat dieselbe Vorstellung von der Volksstimmung schon häufiger gehabt und geäußert; aber er hat sich damit fast immer getäuscht. Jetzt stehl diese Behauptung im schärfsten Gegensätze zu den Ergebnissen der Ersatzwahlen in den Wahl­kreisen Rinteln-Hofgeismar und Wanzleben und verschiedener anderer Wahlen vorher. Diese Wahlergebnisse laffen viel eher den Schluß auf das Gegenteil dessen zu, was Herr Eugen Richter behauptete. Billigen kann man einen von den Reichs- tagSabgeorbneten Dr. Müller-Sagan gestellten uno von dem Reichstage angenommenen Antrag, der sich mit dem Schutze des Vereins-, Ver- sammlnngs- und Koalttionsrechtes befaßt. Der Antrag will namentlich kurze Entscheidungsfristen festgelegt roiffen für alle Beschwerden über Ein-

„Das ist gar nicht nöthig", fiel Hedwig ein, „es gibt gar keinen Zweifel, ich bin ganz sicher, denn ein zweiter, ähnlicher Brief existirt ja gar nicht!"

„Freilich, Du mußt es doch wissen", neckte Leo, „übrigens", fuhr er ernster fort, „hattest Du denn keinen Verkehr mit den Deinen?"

„Nein! Man hat mir, wie einer ehrvergessenen Frau, dort die Thür gewiesen", entgegnete Hed­wig mit tiefer Bitterkeit.

„Ah, — das ist stark! Ach, armes, arme« Weib, was hast Du gelitten um meinetwillen, und ich. — der eigene Gatte — glaubte an Deine Schuld, — glaubte ohne weiter zu prüfen, daß solche ehrliche, treue Augen wie die Deinen, lügen könnten, und verließ Dich da, wo Du mich am nothwendigsten brauchtest I — Mein ganzes Leben wird nicht hinreichen, das alles wieder gut zu machen!"

Ec hatte sie aufs Neue an sich gezogen und streichelte zärtlich ihr weiches Haar.

„Ich weiß nicht, wer von uns Beiden mehr gelitten hat", lächelte Hedwig, „Dein Gesicht spricht deutlich genug von Herzeleid und Kummer; Du bist ordentlich schmal geworden, und ich werd« meine Noth haben, Dich wieder herauszufüttern!"

„Du liebe, gute Seele, Du bedarfst der Er­holung mehr als ich. Aber eines habe ich ge­lernt in all der Trübsal, die Über mich kam: Meine ftühere Heftigkeit habe ich ganz abgelegt, sie soll Dich nicht mehr erschrecken, Geliebte, ich schwöre es Dir, — und will fie ja einmal wieder, wenn auch nur ganz leise fich zeigen, — jetzt gibt es etwas, um sie sofort zu dämpfen und zu unterdrücken."