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M 242

Wochen-Wunöfchau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 20. Oktober.

DaS deutsche Reich hat einen neuen Reichskanzler. Chlodwig Fürst zu Hohenlohe, der82 Jahre alte, greise Staatsmann hat die Bürde seines Amtes zu schwer gefunden und hat sich nicht mehr bewegen lassen dazu, noch länger in einem Amte zu verharren, das auszufüllen er sich nicht mehr fähig fühlt. Ein Jüngerer hat seine Stelle eingenommen, ein Mann, der dieselbe ohnehin schon der Thatsache nach dieselbe ausfüllte, Graf Bernhard von Bülow, bisher Staatssekretär des Auswärtigen Ämter. In Schloß Homburg vor der Höhe ist am 17. Oktober die Entscheidung gefallen. An demselben Tage noch ist sie der Welt verkündet worden, nicht zuerst durch den amtlichen Reichsanzeiger, sondern eigentümlicherweise durch die .Kölnische Zeitung'. Man hat nicht anzunehmen, daß ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kanzler und dem Kaiser dem Kanzlerwechsel voraufgegangen find. Das geht auch daraus hervor, daß Fürst Hohenlohe noch am 17. Oktober, gemeinsam mit dem Grafen Bülow, an der kaiserlichen Familientafel theil- genommen hat und die» durch den offiziösen Draht der Welt verkündet worden ist. Fürst Hohenlohe wollte des Amtes, das ihm zu schwer geworden war, enthoben sein — im Uebrigen wird der Kurs des Reichsschiffes derselbe bleiben, ob nun Fürst Hohen­lohe oder Graf Bülow am Steuer steht.Denn nach wie vor wird Kaiser Wilhelm auf der Kommandobrücke stehen und dem Steuermanne seine Befehle evKeilen. Gebe Gott, daß das Reichsschiff gute Fahrt behalten möge!

„Civis romanus sum“ — „ich bin ein römischer Bürger" — so sprachen mit Stolz die alten Römer und hielten das für ausreichend als Schutz in allen Bedrängnissen und Gefahren, die ihnen von Menschen un allen Orten der damals bekannten Welt bereitet werden konnten. So groß war die Macht des ein­zigen Weltreiches damaliger Zeit, daß man fest über­zeugt davon war, kein Mensch werde auS Furcht vor der Rache Roms es wagen, einem römischen Bürger auch nur ein Haar zu krümmen.

Nun ist am 11. Oktober mit großem Gepränge auf der Saalburg im Lande des Mains das so­genannte LimeS-Museum in Gegenwart deS kai­serlichen Paares eingeweiht worden. Der Limes war in alter Römerzeit eine Befestigungslinie, die die rö­mische» Legionen gezogen hatten zum Schutze gegen die nordgermanischen Völkerschaften, denen man das römische Joch noch nicht hatte auferlegen können, jgcfct ist der alte LimeS eine reiche Fundstätte für römische Alterthümer, und diese letzteren sollen in dem neue« Limes-Museum ausbewahrt werden.

Bei dem Einweihungsfeste hat der Kais er eine Ansprache gehalten, in der er mit trefflichen Worten die hohe Bedeutung deS begonnenen Werkes kenn­zeichnete, in der er dann aber auch einen Rückblick warf auf daß Einst unter der Herrschaft de« alten Rom im Vergleich zu dem Jetzt. „Civis romanus sum* — hieß e» in alter Zeit. Möge es dem deutschen Baterlande beschieden sein, in künftigen Zeiten durch da« einheitliche Zusammenwirken der Fürsten und Völker, ihrer Heere und ihrer Bürger, so gewaltig, so fest geeint und so maßgebend zu werden, wie eS einst da» römische Weltreich war, damit e« in Zukunft heißen möge, wie in der alte« Zeit „civis romanus sum“, nunmehr: „ich bin ein deutscher Bürger". Jeder Deutsche kann nur wünschen, daß in der ganzen Welt das deutsche Ansehen stark genug sei, um deutsche Reichsbürger zu schützen vor gewaltsam ungerechter Behandlung durch die An- gehSrigen anderer VoMstämme. Im übrigen aber ist der vom Kaiser gezogene Vergleich ja ganz un­möglich wörtlich zu nehmen. Die zur alten Römer­zeit bekannte sogenannte „Welt" war winzig klein im Vergleiche zu der Welt von heute; und heute kann gar nicht mehr ein einziger Staatswesen die Macht über die Welt in der Weise gewinnen, wie das alte Rom sie inne hatte. DaS deutsche Volk namentlich Lehnt sich gar nicht nach einer übermäßigen Au«- dehnnng seiner Weltmacht. E« ist zufrieden, wenn man feinem Namen und seinen Mitgliedern i« Burlande dasjenige Ansehen zu Theil werden läßt, da» ihnen zukommt, und deswegen ist eS sehr läppisch von Lon­doner Blättern von dem Schlage der ,Times', dem Kaiser einen Borwurf auS seinen Worten zu machen, *6 strebe derselbe in der That nach einer Welt­macht, der alle» in der Welt sich beugen müsse. Ein solche» Strebe« würde abenteuettich und thöricht fein, weil nach jede» vernünftigen Menschen Einsehen feine Erfüllung vollkommen unmöglich ist; und des­wegen ist e» albern und anmaßend, wenn ftemd« Blätter sich anstelle«, al« verständen fie den wahren Ginn der kaiserlichen Worte nicht, um dem deutschen Kaiser die beleidigende Zumutbung zu unterstellen, «t» hinge dieser unmöglichen und phantastischen Welt- LeherrschungSplänen nach. Daß e» gerade nun wieder englische Blätter find, die daS thun, ist ein neuer Beweis für die alte Thatsache, daß trotz aller mög­lichen fteundlichen Worte wir Deutschen in England die wenigsten und schlechtesten Freunde haben.

Schon jetzt, durch die chinesische Krise, be- !kommen wir einen sattsam unangenehmen Beigeschmack davon, waS eS heißt, in Weltmachtabenteuer sich zu Kürzen. Gestraft muß China werden, das ist sicher. Und namentlich Deutschland darf die Ermordung feine« Gesandten nicht ungesühnt lassen. Aber der Ämfang unserer kriegerischen Unternehmungen in

desto stärker den Republikanern und Herrn Max Kinley zu. Man hatte geglaubt, der ftühere Präsident Cleve­land, ein Demokrat, werde sich für den demokratischen Kandidaten Bryan erklären; aber auch diese Hoffnung der Demokraten ist leider fehlgeschlagen. Herr Bryan hält so eigensinnig an seinem SilberwährungSstand- punkte fest, daß er dadurch die guten Aussichten ver­nichtet, die sonst unter den obwaltenden Verhältnissen ein Demokrat jetzt haben würde.

Der große Ausstand der Kohlenbergleute in Pennsylvanien ist noch immer nicht beendet. Aber es machen sich Zeichen von friedfertiger Ge­sinnung bei den Ausständigen bemerkbar; namentlich scheinen sie sich mit einer Lohnerhöhung um 10 v. H. zuftieden geben zu wollen. Man spricht jetzt von neuem von der Einsetzung eines Schiedsgerichtes zur Beilegung des Streikes.

Römische Briefe.

XXXXVI.

□ 9iom, 16. Oktober 1900.

DaSinternationale Pilgerbild der hl. Stadt hat sich in dieser letzten Woche vollständig ge­ändert. Die Tausende von Bayern sind wieder fort, aber viele andere kamen an ihre Stelle. Am Dienstag versammelten sich die Bayern noch einmal mit ihren drei hier anwesenden Bischöfen in St. Peter, um den Segen Leo XIII. zu em­pfangen. Es herrschte viele Andacht und Ord­nung in der Basilika — eben weil die Mehrzahl der Anwesenden auS dem deutschen Element be­stand. Der hl. Vater hatte sich von seiner Müdigkeit vollständig wieder erholt und war heiterer und lebhafter als jemals. Er schien außerordentlich erfreut über die kräftigen, aus den Herzen kommenden Jubelrufe der Bayern. Gleichzeitig mit denselben waren noch viele Spanier, Italiener, Portugiesen und einige Franzosen anwesend. Alle sangen vor der Ankunft des Papstes einige ihrer National­lieder, was diesmal ohne jeglichen Mißton vor sich ging.

Seit Samstag weilt der sogenannte T y r o l e r Herbstpilgerzug in unserer Mitte. Ihr Pro­gramm mußte sofort am ersten Tage eineAenderung erfahren, denn der hl. Vater segnete am Bormit- tage die italienischen und spanischen Pilger in der PeterSkirche, weshalb die Tyroler ihren ersten gemeinsamen JubiläumSbesuch daselbst erst am Nachmittage machen konnten. Leider regnete es gerade um diese Zeit in Strömen. Die theil- weise originellen Nationaltrachten, namentlich aber die riesigen Hüte der Männer und Frauen er­regten allgemeine Bewunderung. Am Donners­tag werden die Tyroler wieder abreisen.

Unter den vom Papste in Audienz Empfangenen befand sich die Prinzessin von Sachsen- Koburg und Gotha, eine geborene Prinzessin von Bayern, sowie Prinz Ludwig von Sachsen. Auch der greife Bischof Stroßmayer von Diakowar hatte eine längere Unterredung mit dem Papste. Der Bischof ist bekannllich der älteste Bischof des gesammten Erdkreises — nach Leo XIII. Stroßmayer wurde am 10. Mai 1850 zum Bischof geweiht, während Monsignore Joa­chim Pecci bereit« am 27. Januar 1843 Bischof von Damiette wurde. Ersterer zählte damals 35, Leo XIII. aber nur 33 Jahre. So ist denn auch der Papst der letzte, »elcher die Bischofs- weihe noch unter dem Pontifikat des Papstes Gregor XVI. erhielt. Leo XIII. ist aber auch der rangältefte unter allen Kardinälen, da er bereits am 19 Dezember 1852 den Purpur erhielt. Seit dem Ableben der Kardinäle Mertel und Canossa ist er nunmehr auch der a n L e b e n S- jahren älteste unter allen Kardinälen. Was endlich die Lebensdauer der Übrigen Päpste be­trifft, so wurde S. Agachon 107 Jahre alt, während Gregor IX. 99 Jahre, Clemens NI. 92, Gregor XII. 91, Johann XXII. 90, Clemens XII. 88, Clemens X. 86, Janscenz XII. und Pius IX. 85 Jahre zählten, als sie von dieser Wett ab­berufen wurden.

Die Feierlichkeiten der Ueberführung der Gebeine des hl. Augustinus in Pavia find großartig und ohne die geringste Störung ver­laufen. Kardinal Cretoni, sowie 12 Kirchea- fürsten wohnten den Ceremonien bei, an denen auch die Stadtoertretung, sowie die Spitzen der Cwil- und M litär-Behörden theilnahmen. Die silberne Un« mit den Gebeinen des Heiligen wurde in feierlicher Prozession von der Kathedrale nach der Petrikirche von 4 Augustiner-Bischöfen auf den Schultern getrogen.

Bei dem 25jährigenJnbiläum dcs von vielen Fremden besuchten Heiligthums der Ma­donna von Pompeji ereigneten sich leider ver­schiedene Unglücksfälle. Mer Personen stürzten in ainen auSgetrockneten Brunnen und der Altar im Atrium des Waisenhauses fing Feuer.

Die Königin-WittweMargarethe hat nun doch den Entschluß gefaßt, einen großen Theil deS Winters in Rom zu verbringen. Be­reits wurde die herrliche bei der Porta Pinciana gelegene Villa Malta, einem russischen Grafen

gehörig, für sie um den Preis von 3 Millionen Franken angekauft. Für die exotischen Pflanzen deS großartigen Parkes müffen außerdem noch 50,000 Franken bezahlt werden. Auch die neuen Wohnräume für das junge Königspaar, welche- noch immer in Capodimonte bei Neapel weilt, werden im Quirinal bereit gestellt Bekanntlich wird der König den langen Flügel deS Palastes beziehen, welcher früher nicht mit zur päpstlichen Wohnung gehörte. Als Sommer-Residenz ist nunmehr ein« für allemal Capodimonte bei Neapel in Aussicht genommen worden. Die große Villa in Monza wird also ganz verlassen werden. Jndeffen hat Viktor Emanuel die Jagd« schlöffer seines verstorbenen VaterS im Thals von Aosta auch für sich in Stand fetzen laffen.

Unsere Minister find vollzählig in Rom versammelt und halten Konferenzen ab, um Über die Vorlagen Beschlüffe zu faffen, mit welchen sich das Parlament nach feinem Zusammentritte beschäftigen soll. Es fehlt jedoch nicht an Stim­men — und diese mehren sich gerade in letzter Zeit in auffallender Weise — welche dem Mini­sterium Saracco nur noch eine kurze Lebens­dauer prophezeien. Und zwar soll die „Linke" beabsichtigen, daS Ministerium mit der „Monza« Frage" zu Fall zu brinaen. Bekanntlich wurden fast alle Beamte der öffentlichen Sicherheit in Monza bis zum Unterpräfekten und zum Kom­mandanten der Karabinieri hinauf disziplinarisch bestraft. Nun hatte aber Saracco als Minist« des Innern die Verantwortung Üb« die Mängel in der Ausübung der Bewachung deS Königs in Monza.

Der Fiskus.

Lon Rechtsanwalt unb Notar AlphonS Mofso«.

(Nachdruck verboten.)

FiSkuS ist lateinisch und bedeutet „Korb" und zwar den großen Sammelkorb, welcher im allen Rom vor den Altären ausgestellt war, und in den man bestimmte Opfergaben zur Erhaltung der Tempel und der Priester und damit, nach ba» maliger Anschauung, zur Erhaltung des Staate- selb« sammelte. Allmählich wurde dies« Sammel­korb zum Begriff des Staatsschatzes und fein« Verwaltung und schließlich des Staates selb«, soweit er vermögen-rechtlich in die Er­scheinung tritt. Der Gegensatz zum FiskuS ist die Staatshoheit, also das Recht de« Staats auf den Militärdienst fein« Bürger, die Justiz-, VerwaltungS-, Straf- und Polizeigewalt, ja auch da- Recht auf die Steuerleistungen. Wenngleich letztere selbst auch die Grundlage jeder fiskalischen Verwaltung bilden, so ist doch daS Recht auf fie als theoretische Voraussetzung eine Staatshoheit ; erst ihre Realistrung uns der Besitz der gefam« mellen Steuergelder unb sonstigen Abgaben, die Bttwaltung dieser VermögenSmaffe in ihren zahlreichen Abstufungen, sowie chre Sterttehmg gegenüber den privaten Jnlereffen des Publikums, alle- dieses zusammengenommen bedeutet d« Fiskus. Mik dem Staat kann man Verträge schließen, Nachbarstreitigkeiteu haben, Schadens­ansprüche gegen ihn erheben aus Versehen sein« Beamten, aus seinen gewerblichen Betriebe« (Eisenbahnen, Bergwerke, Post- und Telegraphen­verkehr); umgekehrt kann d« Staat au8 diesen Beziehungen gegen den einzelnen Bürger, d« seine vertragliche« ober nachbarlichen ober sonstigen gesetzlichen Privatpflichten nicht erfüllt, Ansprüche erheben und zur Durchführung bringen. Die Ver­tretung aller dieser staatlichen BermözenSintereffe« heißt FiSkuS. Da er nicht die Staatshoheit selb« ist, sondern nur ihr oermögeuSrechllich« Ausfluß, welcher in täglichen Rechts- und Streit- verkehr mit Privaten treten tarnt, so ist die Folge, daß er nicht wie die sonstige Staatsgewalt fich fein Recht im Wege des LerwaltungszwangS nehmen kann, sondern Recht nehmen muß vor dem ordentlichen Richter.

Freilich find gnade die Steuerbehörden und Gericht-kaffen befugt die von ihnen angefetzte» Steuern und Kosten sofort im Wege deS Bev- waltungSzwangeS einzuziehen; indeffen gilt bi* Einziehung nur vorläufig. Wer fich durch sie verletzt fühlt, kann später unter Innehaltung ge­wisser Fristen und Formen Klage erheben wr den Zivil- resp. VerwallungSgrrichterr.

Der schlichte Bürger hat gewöhnlich vor dM Fiskus einen heillosen Respekt; der MskuS Hst nun einmal feit alten Zeiten verrufen. Schon das corpae jarie sagt yoy ihm: Xo» erabescit, d. h. er „erröthet nicht", er schämt sich nicht, er nimmt Alles, waS er kriegen kann, und giht nicht«, waS er nicht durchaus geben muß; er er­hebt in Prozeffen ohne Erröt hen g-wtffe Ein­reden, deren Gkftendmachrmg einem anständig?« Bürger man verargt, z. P. PerjLH ung. König Friedrich Wilhelm IV. bezeichnete thn einmal als den Racker von Staat. Md der bekannte Lenttums- adgeordnete Mallinkrodt that in eilt« Reichst-

IrrLöa, Samstag, bett 20. Oktober 1900.

China geht doch eben weit hinaus über das Maß dessen, was man sich anfänglich bei uns davon vor- gestellt hatte, so sehr, daß angeblich auch schon die österreichische Regierung mit Besorgniß auf das deutsche Vorgehen in China blickt. Man sieht dort nicht ohne ein gewisses Bangen auf die Thatsache, daß das leitende Mitglied des Dreibundes so tief in eine Krisis verwickelt werde, die mehrere tausend Meilen entfernt von Deutschland sich abspielt. Neue kriegerische Ereignisse sind aus dieser Krisis nicht zu melden. Eine kleine deutsche Truppe von 500 Mann stieß zwischen Tientsin und Peking mit einem Boxerheere zusammen, das 8000 Mann zählte und verlor dabei zwei eingeborue Kulis; das ist daS einzige Ereigniß dieser Art, aus dem englische Blätter, wenn es möglich gewesen wäre, in ihrer bekannten Freundlichkeit gern eine „Niederlage der Deutschen" gemacht hätten. Was weiter geschehen wird, ist unberechenbar. Feldmar­schall Graf Waldersee ist nach der Hauptstadt Peking unterwegs, wo der Vizekönig Li-Hung-Tschang bereits eingetroffen ist, und zwar an demselben Tage, an dem die Verbündeten die Expedition nach Paotingsu ent­sandten. Diese Expedition marschirt in zwei ge­trennten Heerhaufen, von denen der eine aus Deutschen, Franzosen und Italienern, der andere aus 2000 Eng­ländern besteht. Die Russen haben in Peking nur eine einzige Kompagnie zurückgelassen zur Bewachung ihrer Gesandtschaft. Das Arsenal, das sie bisher be­setzt hielten, haben nunmehr deutsche Truppen besetzt. Graf Waldersee schlägt seine Wohnung in dem kaiser­lichen Gartenpalaste in denselben Gemächern auf, die zuletzt die Kaiserin-Wittwe und der Kaiser bewohnten. Gegen den letztem soll nach einer amtlichen chinesischen Bekanntmachung ein Mordversuch ausgeübt worden sein, jedoch vergeblich; der Mörder soll sofort hin- gerichtet worden fein. Angeblich soll es ein Boxer gewesen fein. Man möchte gar zu gern glauben machen, daß der Kaiserhof und die Boxer feindlich einander gegenüber gestanden hätten von Anfang an; Aber Gläubige für diese Mär wird man schwerlich bei den Europäern finden.

Kaiserin Friedrich, die Mutter des Kaisers, ist schwer erkrankt. Die Kaiserin ist von neuem von einem alten Nierenleiden und infolge dessen von schweren neuralgischen Schmerzen heimgesucht worden, deren Wiederholung nach der Bekundung lebensge­fährlich werden kann. Das kaiserliche Paar hat des­wegen die beabsichtigte Reise nach dem Wupperthale, nach Essen und Hildesheim verschoben und wird bis zum 24. Oktober in Homburg bleiben, um in d« Nähe der leidenden Kais«i« zu sein.

Die Verhinderung der Romreise von Mitglie­derndes bayerischen Königshauses ist sicherlich zunächst auf den Einfluß des protestantischen Minister­präsidenten Freiherr« von Crailsheim zurück­zuführen ; von keiner Seite ist Widerspruch gegen diese Auffassung ber Tinge laut geworden. Es fragt fich nur immer noch, ob der Herr Ministerpräsident au- eignem Antriebe gehandelt hat, ob« nicht etwa auf ein Betreiben von anb«« Seite hin. Man kann nicht bringenb genug wünschen, daß diese Angelegen­heit noch nachträglich ihre vollkommene Aufklärung finde, denn es ist ein starke« Stück, daß Mitgliedern eines katholischen Königshauses das zu thun verwehrt sein soll, was allen anderen Katholiken frei steht. Sie wollten ja nicht als Prinz «nd Prinzessin nach Rom reifen, sondern in aller Stille als Privatpersonen!

I« dem Reichstagswahlkreise Hofgeismar-Rin­teln hat die Ersatzwahl zum Reichstage die Noth- wendigkeit einer engeren Wahl zwischen dem konser­vativen Kandidaten Lipp old es und dem anti­semitischen Wahlbew«b« Dr. Bogel «geben. Der Konservative hat 3282, Dr. Bogel 2142 Stimme« «halten. Wenn nicht etwa die Sozialdemokraten den Ausschlag für Bogel geben, hat Lippoldes die stärkste Aussicht auf Erfolg, da er sehr viel Zulauf aus dem nationallib«aleu Lag« bei der Stichwahl erhalten wird.

Die englischen Neuwahlen hatten bis zum letzten Montag die Wahl von 398 Ministeriellen, 179 Liberalradikalen unb 80 irischen Nationalisten ergeben. Außerdem hatten nur noch dreizehn Wahlen stattzu­finden, von denen zwölf von jeh« der liberalen Oppo­sition sich« sind. Das Endergebniß ist also eine starke Regierungsmehrheit von etwa 130 Stimmen im britischen Unter Hause. Aber diese Mehrheit war auch schon in dem vorher aufgelösten Parlament vorhanden, so daß sich die Regi«ung in diesem Sinne durch die Neuwahlen doch nicht verbessert hat. Die Regierung kau« jetzt nur sagen, baß bi« Neuwahlen ihr und ihr« Politik recht gegeben habe«. Für bie südafrikanische Regierung-Politik werden übrigens auch die meiste« Liberalen stimmen.

Wann die Feindseligkeiten in Südafrika aufhören werden, ist vorläufig noch nicht abzusehen. Der britische Oberbefehlshaber hat noch einmal den Versuch gemacht, auf dem Wege der Verhandlungen zum Ziele zu gelangen: einige angesehene Buren habe« sich auf den Weg gemacht, «m diesen das Nutzlose ihres Be­ginnens vorzustellen. Ob das etwas helfen wird, ist ab« sehr bie Frage. Dr. Leyds, ber bisherige Vertreter b« Burenregierung in Europa, hat vor einige« Tagen in Hamburg ganz unumwunden bie Ansicht geäußert, seine Landsleute müßten ben Klein­krieg fortsetzen so lange fie noch einen Arni rühren könnten; man könnte nicht wissen, ob inzwischen nicht doch noch ein Ereigniß einträte, bas geeignet wäre, ben Buren Bortheile zuzuführen. Präfibent Krüger ist auf b« Seereife nach Europa unterwegs; es ist noch unbestimmt, wo « landen wird. Inzwischen hat man in London einen seiner Cylinderhüte öffentlich versteigert und dafür ben hübschen Erlös von 1000 Mark erzielt.

In der Entwickelung d« Dinge bei ber Präsi­dentenwahl in den Bereinigten Staaten von Amerika neigt sich das Zünglein d« Wage je länger,

27. Jahrgang.