Einzelbild herunterladen
 

Iuröcr, Mittwoch, den 17. Oktober 1900

.HZ 239

27. Jahrgang.

Ruhe, Ordnung und gesicherte Zustände zu schaf­fen. ES kostet uns die China - Expedition ein Geldopfer von Hunderten von Millionen, ohne daß.wir bisher danach gefragt haben, ob uns diese Riesensummen jemals wieder ersetzt werden,

und allgemein huldigt man der Anschauung, daß die verbündeten Regierungen einer sehr großen Mehrheit im Reichstage im Voraus sicher sind, die zu den Maßnahmen in China selbst Ja und Amen sagen werde. Wenn Aehnliches Jemand vor 30 Jahren behauptet hätte, er würde ohne Weiteres als reis für's Irrenhaus erklärt worden sein; und ein Feldmarschall Moltke, aus besten persönlicher Schule gerade der heutige deutsche Oberbefehlshaber in China hervorgegangen ist, würde niemals seine Zustimmung gegeben haben zu dem, waS wir jetzt thun. Felomarschall Graf Molike wollte bekanntlich nicht einmal von einer deutschen Kriegsflotte etwas wissen, die mehr thun sollte als die deutschen Küsten sichern oor feindlichen Angriffen vom Wasser her. Hätte dem Grafen Moltke Jemand etwas erzählt von Welt­macht-Politik, der große Schweiger würde diesem Jemand stumm den Rücken gewandt haben, um nie mehr ein Wort aus seinem Munde anzuhören!

Und jetzt, so tönt es um uns herum, stehen wir auf der Schwelle der neuen Aera, der Sera, in der Deutschland als großwächtiger Kaiserstaat seinen Berus erkennen soll als die erste Groß­macht des Erdenballs, als die Macht, gegen deren Willen nichts auf dieser Erde geschehen, deren Will« anerkannt, geachtet und befolgt wer- den soll in allen Ländern der Welt. „Ich bin । ein deutscher Bürger" — dieses eine stolze Wort soll genügen, um den Mann, der es ausspricht, unverletzlich zu machen gegen alle Angriffe in fremden Landen. Darüber soll der Reichstag jetzt sich äußern, wenn die Pforten seines Hauses auf kaiserlichen Befehl von neuem stch geöffnet haben werden — eine schwere Verantwortung, die auf eines jeglichen Mannes Schultern ruht, der dabei miizusprechen berufen ist. Und doch ist die Marschroute, die zu wandeln ist, bereits vorgezeichnet. Von Mitrachern und Müsprechern ist kaum noch die Rede. ES handelt sich nur um das Ja oder Nein über Dinge, an denen nichts mehr zu ändern ist, obwohl diese Dinge nichts mehr und nichts weniger bedeuten als einen völligen Umsturz fast aller der lieber- lieferungen auf dem Gebiete der Auswärtigen Politik, die man bisher die Ueberlieferungen der Großen Zeit zu nennen pflegte! Mächtig nach außen will das deutsche Reich jeder ehrliche Deutsche sehen. Aber daß das Reich stch nicht verblute im Innern an seiner Macht nach außen, das ist die große Frage der Zeit. Wird ste eine gute Lösung finden?

Auf dem breiten Kiesweg tönten rasche Schrille. Das lustige Gesicht Leo Eilenbergs tauchte auf. Die Augen spähten suchend nach allen Richtungen, dann hatte er Julia entdeckt, und ftanb in der nächsten Minute vor dem etwas überrascht blicken­den Mädchen.

„Guten Morgen, kleine Schwägerin! Ich dachte e« mir, daß ich Dich hier treffen würde. Gut, daß Du allein bist, habe Dir Wichtiges mit- zutheilen, — Du verstehst mich wegen Deines Professors, der heute---"

Er hatte bis jetzt nicht darauf geachtet, daß Julia so still und bleich dasaß, und kaum seinen Gruß erwiderte; er war so in Eifer, weil er fürchtete, e« könnte Jemand dazu lommen, und feine Mittheilungen waren doch nur für Julia allein bestimmt. Jetzt schlug diese die schwarzen Augen voll zu ihm auf, und M gewahrte Leo erst, wie verändert Julia war. Sie wollte ihm in die Rede fallen, doch er kam ihr zuvor.

„Was ist Dir eigentlich, Mohrchen, Du siehst nicht gut aus."

Es klang sehr erstaunt; man war dergleichen an Julia nicht gewöhnt.

„Du hast wohl schlecht geschloffen? Oder ist es die Sehnsucht nach Deinem Alfred? Ja, ja, so etwas zehrt, — ich weiß, — ich weiß, — aber ihm, dem Armen, geht es auch nicht besser. Er freut sich schon so sehr, daß er Dich heute sehen kann, denn wir machen eine Parthie nach —"

Julia lachte so schrill auf, daß Leo, der das alle« in seiner raschen Art heraurgesprudelt hatte, erschrocken inne hielt.

„Aber Mohrchen!"--- —

I tages wieder ih-en Anfang nehmen sollen. Der Entwurf zum Reichshaushalts'Etat ist nach einer Meldung desselben Organs in einer Sitzung der Staatssekretäre endgiltig festgestellt worden, dte in der vorigen Woche unter dem Vorsitze des Reichskanzlers stattgefunden hat. Nach der Reichs­verfassung hat Über die Einberufung des Reichs­tages und den Zeitpunkt derselben der Kaiser zu entscheiden, nicht der Bundesrath, wie vielfach angenommen wird.

+ Die deutsche Znckerausfuhr hat wäh­rend ser letzten Jahre ständig abgenommen. Daß daran die unfreundliche Behandlung deutschen Zuckers in den Vereinigten Staaten von Amerika sehr viel Schuld trägt, ist bekannt. Aber es gibt auch noch andere Ursachen, die nicht unerfreulicher, sondern erfreulicher Natur sind, nämlich eine ständige Erhöhung des Zuckeroerbrauches int Jn- lanbe. Darauf wird jetzt auch in einer halb­amtlichen Mittheilung aufmerksam gemacht, die als Ursache des Rückganges der Ausfuhr sogar „lediglich" die Vermehrung des Absatzes im Jn- lande sehen will. Mit dem „lediglich" wird nun ohne Zweifel zu viel gesagt. Aber ohne Z weife ist die Vermehrung der Absatzes im Jnlande auch deswegen sehr erfreulich, weil dadurch die ganze deutsche Zuckerindustrie in geregeltere Bah­nen gelangt uno von der übermäßigen Rdhängig- keit Dc*n Anklande befreit wird. Diejenige In­dustrie steht immer am sichersten und am besten da, die unabhängig vom Auslande ist und ihren Hauptabsatz im eignen Lande hat. Im Anfänge der neunziger Jahre betrug der durchschnittliche Jahresverbrauch an Zucker für den Kopf der Bevölkerung zwischen 10 und 11 kg.; während des abgeschlossenen Betriebsjahres 1899/1900 ist diese ß ff er auf 15,18 kg gestiegen, und zwar nicht in plötzlichem Sprunge, sondern in allmäh­licher Zunahme während der letzten Jahre.

X Der Kntwnrf einer Schaumwei«- stener ist in einigen Zeitungsnotizen als beendet bezeichnet worden. Es wurde auch bereits be­richtet, wie diese Steuer eingerichtet sein solle; danach sollte eS sich um eine Etikettensteuer han­deln, ähnlich wie beim Tabak in Rußland und in den Vereinigten Staaten von Amerika; jede verkaufte Flasche müßte eine Steueretikette oder eine Steuerumhüllung tragen. Umgekehrt be­hauptet jetzt die .Nationalliberale Korrespondenz', daß diese Angelegenheit noch keineswegs spruch­reif sei; eS sei „bis jetzt weder die Höhe der geplanten Steuer festgelegt, noch auch eine Ent­scheidung über die Art der letztem getroffen". Immerhin soll nach wie vor die Hoffnung be­stehen, daß dem Reichstage der entsprechende Ent­wurf bald nach seiner Eröffnung werde zugehen können. Nöthig ist dabei unbedingt, daß ein DeklarationSzwang eingeführt wird für die Schaumweine, die durch einen künstlichen Zusatz von Kohlensäure hergestellt werden, und ferner die Bestimmung, daß der Herstellungsort auf der Etikette angegeben wird. Mit Schaumweinen wird, wie man weiß, jetzt ein so ungeheuerlicher Schwindel getrieben durch den Händler sowohl als auch durch viele Gastwirthe, die Schaum­weine verschänken, daß jede Verlängerung dieser gegenwärtigen Zustände eine Ungerechtigkeit be­deutet gegen alle diejenigen, die an der soliden

„Gib Dir keine Mühe, Leo, — ich werde den — den Herrn Professor nicht Wiedersehen." —

Er begriff offenbar gar nicht, was Julia meinte, denn lachend fuhr er fort: „Ach was redest Du für Zeug. Noch heute wirst Du ihn sehen, also höre: Wir gehen heute nach Ohlsdorf hinaus, Alfred kam eben zu uns, er hat mich gebeten, Dir das mitzutheilen, oder Dich gleich mitzubringen."

„Ha, — ha, Du bist wirklich großartig! Ja

I merkst Du denn gar nicht, daß die Beiden, Deine Frau und er, Dich nur hierher schickten, um Dich los zu fein, um ungestört mit einander plaudern zu können?"

Sie hatte auf das Wort „plaudern" einen be­sonderen Nachdruck gelegt, und begann sehr erregt zu werden, ihre bleichen Wangen färbten sich glühend roth.

„Fängst Du auch noch mit dem Unsinn an?" lachte Leo sorglos auf. „Also deshalb bist Du so aufgeregt? Ist es nicht genug, daß die Andern das alberne Zeug glauben, und mich damit ver­folgen; aber Du, — Du weißt doch am besten, warum der Professor zu uns kommt, und daß e« nur Deinetwegen geschieht. Deshalb solltest Du dem Geklatsch doch nicht glauben, Julia!" —

„Ich wollte es ja auch nicht, habe mich da­gegen gewehrt, und darüber gelacht, wie Du, — aber, ich sage Dir, e» ist die höchste Zeit, daß der Sache ein Ende gemacht wird; sonst verfällst Du dem Gespötte der Leute, und das thäte mir leid, um Deinetwillen. Du bist doch schließlich der Mann, also handle, ehe es vollend« zu spät ist, — ich rathe Dir gut 1"

Le» war nun doch ernst geworden.

Deutsches Deich.

Berlin, den 16. Oktober.

h Die KinSerrrkuvs des ZsteichsLages bil­det nach einer halbamtlichen Mittheilung der.Berl. Polit. Nachr.' den Hauptgegenstand deS Vortrages, den der Reichskanzler dem Kaiser in Homburg ge­halten hat. Nunmehr wird man also wohl doch bald erfahren, wann die Sitzungen des ReichS-

„O Julia, — halte ein! Wie kannst Du Dich nur so verblenden lassen? Es ist alles Lüge, schändlicher Verrath, sage ich Dir! Ich lebe ja ö glücklich mit meiner Frau, und sie besitzt da» teste, edelste Herz von der Welt. Was haben die Menschen nur mit Dir angefangen, um solche ver­ehrte Ansichten zu wecken? Du bist in einem urchtbaren Jrrihurn befangen, laß Dich doch be­ehren! Die Beiden, die man so verdächtigt hat, ind rein wie die Sonne, glaube mir!"

„So? — Du wirst anders sprechen, wenn Du erfährst, daß ich Beweise habe, sichere, untrüg­liche Beweise ihrer Schuld!'

„Julia! das sind Hirngespinnste, weiter nicht«! Was könntest Du auch für Beweise haben!"

„Laß Dir an meinen Worten genügen, und olge meinem Rath, mach' der Sache ein Ende!"

„Nein Julia!" rief Leo unwillig. „Gerade um Dich zu überzeugen, daß ich kein Wort von dem ganzen Unsinn glaube, sage ich Dir: Der Professor wird nach wie vor in meinem Hause erkehren, so viel e« ihm beliebt. Da habe ich denn doch mehr Vertrauen zu dem Freunde, al« Du i"

„Du bist ein Thor, Leo!"

„Julia, — wenn ich Alfred sagen würde, >aß Du solchem Klatsch Glauben schenkst, daß Du zweifelst an feiner Liebe und Treue, — Du ättest viel zu thun, ihn wieder zu versöhnen."

„Denkst Du denn, daß ich mich blindling« Überreden ließ?" fuhr Julia zormg auf, „Hier nimm, und Überzeuge Dich! — Ich sand diese» Wisch gestern im ArbeitskmbeDeiner Frau, in hrem Zimmer! Hätte mir irgend ein Anderer den Zettel zugesteckt, ich hätte noch nicht ge» laudr, aber da ich ihn selbst fand — —

Schaumweinerzeugung beteiligt sind, und ebenso gegen das Publikum der Verbraucher.

+ Aas arrrkäudische Aüchsenkkeisch ist feit dem 1. Oktober in Deutschland verboten, ebenso wie ausländische Wurst. Die Vertreter der Regierung haben im Reichstage wiederholt auSgesÜhrt, daß dieses Verbot ebenso wie die anderen Bestimmungen des neuen Fleischbeschau« gesetzeS im Interesse der Gesundheit und der guten Ernährung des deutschen Volkes liege, und in diesem Sinne hat man eben diese Be­stimmungen zum Gesetze erhoben. In starkem Widerspruche dazu steht die Thatfache, daß die deutschen Mannschaften in Ostafie» ebenso wie die Mannschaften der deutsche» Marine Überhaupt zum großen Theil mit solchem ausländischen Kouseroenfleische oerpro« oiantirt werden, das für Deutschland selbst im Interesse der Gesundheit der deutschen Bevöl­kerung verboten worden ist. Nach einem Berichte, den die »Deutsche Tageszeitung' auS Kiel erhält, scheint man auch gar nicht gesonnen sein, davon abzugehen. Danach hat ein höherer Marine­beamter, der die Verproviantirung der Marine leitet, angeblich gerade heraus gesagt, daß man sich vor dem 1. Oktober fösj 4* 1/» Jahr mit aus­ländischer Waare versorgt habe, und daß man auch später für die Marine dieselbe ausländische Waare beziehen könne und werde. Die deutsche» Kriegsschiffe würden diese Waare einfach im Hamburger Freihafengebiete einnehmen. Wen» die Sache sich so verhält, wie in dem genannten Blatte berichtet wird, dann würde sie eine gröb­liche und planmäßige Umgehung deutscher Ge­setze durch deutsche Behörden bedeuten und außer­dem unvereinbar fein mit den von den Regierungs­vertretern selbst vertretenen Standpunkten: waS für das deutsche Volk im allgemeinen zu schlecht ist, soll das gut genug sein für die Söhne be­deut schen Volkes in Waffen?

* Heber die Aöhe der ZAieihspreise wer­den, wie der .Köln. Zeitung' öffiziöS aus Berit» geschrieben wird, bei der nächsten Volkszäh­lung mindestens in den großen Städten Er­hebungen stattfinden, um Material für die Woh­nungsfrage zu gewinnen.

V N«rki«, 16. Ott. Der Kaiser und Pritt, Heinrich verweilten zestern Nachmittag, :roie auS Hom­burg gemeldet wird, mit ihren Gemahlinnen längere Zeit am Krankenbette ihrer Mutter in Schloß Friedrichs« Hof. — Der Kaiser hörte heute Bormittag den Vor­trag deS Reichskanzlers Fürsten zu Hohen­lohe. — Die Konfirmation deS Prinzen Adalbert, welche am 18. Oktober in Potsdam stattfinden sollte, wird nunmehr an diesem Tage in Homburg erfolgen. — Der Großfürst und di« Großfürstin Wladü mir von Rußland sind gestern Abend hier eingetroffen. Die großfürstlichen Herrschaften, welche »on Petersburg kommen, werden über Paris zu längerem Aufenthalte nach der Riviera fahren. — Der Herzog und die Herzogin von Cumberland find unter dem Jn- cognilo Graf und Gräfin Diepholz reisend in Begleitung deS Prinzen und der Prinzessta Max von Baden, sowie der Prinzessinnen Alexandra und Olga von Cumberland gestern in Berlin eingetroffen, wo sie im Hotel Conti­nental abgestiegen. DaS herzogliche Paar fetzte heute nebst Gefolge die Reise nach Gmünden fort, während ich die badischen Herrschaften an daS kaiserliche Hof­lager in Homburg begaben. — Die Rangliste deS aktiven DienstfiandeS der königlich preußischen Arme« und deS XII i. (königlich württembergischen) Armeekorps nach dem Stande vom 1. Oktober 1900 ist erschienen. — Der Großherzog Friedrich Wilhelm von

Die Aerle von Ilorenz.

Orginal-Roman von Irene v. Hellmuth.

83 ------ (Nachdruck verboten.)

VIII.

Der folgende Tag war ein Sonntag Julia, welche die Nacht fast schlaflos verbracht hatte, saß im Garten, ein Buch in der Hand. Sie wollte lesen, doch dir Augen flimmerten ihr, der Kopf schmerzte so, daß sie es kaum auszuhalten ver­mochte. Das Buch sank in den Schooß, trübe starrte sie vor sich hin. Der Sommerwind spielte kosend mit den Blättern und Blumen, einzelne Sonnenstrahlen, die sich durch das dichte Geäst der Bäume brachen, zeichneten helle Lichter auf den Weg, kleine, neugierige Vögelchen lugten mit den klugen Augen herab zu dem stillen Menschen­kind, das so blaß und traurig da unten faß. Sie drehten und wendeten die zierlichen Köpfchen nach allen Seiten, und wiegten sich zwitschernd auf den schwankenden Zweigen. Ihr Zwitschern und Piepsen klang so geschäftig, als wüßten sie sich viel zu er­zählen, al« müßten sie gegenseitig Neuigkeiten und Erlebnisse austauschen. Sonst herrschte tiefe, sonn­tägliche Ruhe ringsum.

Früher hatte Julia sich gern dem Zauber hin- gegeben, den ein sonniger, lachender Sonntag- Morgen für ein empfängliche« Gemüth in sich Meßt, — heute merkte sie nichts davon. Ihr Schmer war noch zu neu und zu groß, al« daß « eine andere Empfindung in ihrem Herzen auf» fcmnten ließe.

Plötzlich flatterten die geschäftigen Vögel auf, »nb stoben nach allen Richtungen auseinander.

£ Ein Jubiläum.

Genau dreißig Jahre werden vergangen fein, wenn jetzt der Reichstag wieder feine Pforten öffnen wird, feit der denkwürdigen Zeit, in der das neue deutsche Reich erstand. Denn am Ä4. November 1870 war e«, als Geheimrath Delbrück, der Präsident des Bundeskanzler­amtes, zum allerersten Male den deutschen Reichstag eröffnete. Der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich war entschieden. Die Schlacht von Sedan war geschlagen. Da galt e§, die nüihenen Früchte des Friedens zu pflücken von dem mit Blut gedüngten Baume deutscher Einheit, ein „festes Band zwischen Süden und Norden zu knüpfen", wie die Thronrede vom 24. November 1870 sich ausdrückte, „das Gefühl der Zusammen­gehörigkeit" zu betätigen, das „belebt war durch gemeinsame Gefahr und durch gemeinsam er­kämpfte Siege". Das neue deutsche Reich wurde in den Strudel der Zeiten hinauSgelossen, und es hat — um mit dem ersten Reichskanzler zu sprechen — bewiesen, daß es „schwimmen kann". Die Zeiten feit jenem Tage haben dar deutsche Gesammtbild mächtig verändert. So manches Alte ist gestürzt, und neues Leben ist aus den Ruinen erblüht. Und wenn auch oft genug der Einsiedler im Sachfenwalde klagte über die zerstörenden Kräfte, die den Bau von damals wieder einreißen wollten, wenn auch gerade in der neuesten Zeit das unliebsame Wort der Reichsverdroffenheit an so manches mahnte, das nicht vorhanden fein sollte, so muß man doch, auch wenn man sich nicht zu den „Nationalen" in Gänsefüßchen rechnet, dem jungen Reichswesen Glück wünschen zu den Fort­schritten, die eS gemacht hat.

Und einen Punkt darf man ganz besonders nicht vergeffen: diese dreißig Jahre find eine Zeit deS ununterbrochenen Friedens ge­wesen, in der das deutsche Volk auch eine unge­ahnt mächtige wirthschaftliche Entwickelung durch­gemacht hat. Zum ersten mal seit dem sranzösi- scheu Kriege sind wiederum jetzt deutsche Söhne auf die blutige Bahn deS Krieges auSgezogen nach den fernen Gefilden OstasienS, von denen vor dreißig Jahren die allermeisten Deutschen nichts weiter wußten, als daß dort Seidenraupen Fäden spinnen, die Männer Zöpfe tragen, und daß es dort eine chinesische Mauer gibt, mit der für den Europäer eigentlich überhaupt alle- auf der Welt ein Ende hat. Jetzt, nur drei Jahr­zehnte später, kümmern wir uns um die chinesi­schen Angelegenheiten just so genau, als ob sie unsere eigenen wären. Und während Fürst Bismarck noch in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft den so häufig angeführten Aus­spruch that, wegen der Wirren an der untern Donau und wegen anderer ähnlicher Dinge im Auslande riskirten wir nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers, ziehen jetzt Re­gimenter und Brigaden und Divisionen nach dem unendlich entfernten Reiche der Mitte, um unter deutschem Gesammt- Oberbefehle in jenem Reiche

Nftretot Dts rt» ttwiH Ranne*** »eile ebn- betew’ Raum

Kamen bie Petit» Ktie 1Ä Wfl.; bei Steber!>o hinge* wirb entsprechen*. Rabatt geteilt!