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Jutöcl, Samstag, den 13. Oktober 1900.
27. Jahrgang.
Wochen-Wunöschcru.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 8. Oktober.
„Ein Reichskanzler, der von der Volksvertretung Autorität beanspruchen will, muß die Kraft besitzen, auch der Krone gegenüber einen selbständigen Willen vertreten zu können. . . . Pflicht des Reichstages wird es sein, mit Entschiedenheit darauf zu dringen, daß die unverantwortliche, rein persönliche Politik endlich aufhört, daß wieder im Sinne der Reichsverfassung regiert wird, und daß man ihm nicht zumuthet, die Vertreter der Regierun i als bloße Handlanger zu bewerthen ..." So äußert sich nicht etwa ein volkeparteiliches oder sozialdemokratisches Blatt. Diese Sätze finden sich in einer der angesehensten konservativen Zeitungen des Königreichs Sachsen, in den .Dresdener Nachrichten'. „Die Erfüllung dieser Pflicht überlassen hoffentlich die nationalen Parteien nicht wieder den Führern des Freisinns und der Sozialdemokratie; gerade die rechts stehenden Fraktionen sollten sich berufen fühlen, hierbei das führende Wort zu sprechen." Ob diese rechtsstehenden Fraktionen dem Rathe des Dresdener Blattes folgen werden, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird es im Reichstage sehr lebhaft zugehen, wenn die chinesischen Angelegenheiten zur Sprache kommen werden. Einstweilen wird bis dahin noch eine ganz hübsche Spanne Zeit vergehen; denn vor der Mitte des Monats November ist an eine Wiederaufnahme der Sitzungen nicht zu denken. Alle gegenseitigen Nachrichten sind falsch.
In der Chinafrage selbst sind neue Ereig- niffe von besonderer Bedeutung kaum zu melden. Daß die Russen und Amerikaner auf ihren ursprünglichen Standpunkten nicht würden verharren können, sondern etwas niehr Energie für ihre Diplomatie sich würden aneignen müssen, war vorauszusehen, und so ist es auch gekommen. Die deutschen Vorschläge für den Gang der Verhandlungen mit China mit der Bedingung, daß die Bestrafung der chinesischen Anstifter und Rädelsführer unter dem unmittelbaren Einflüsse der Mächte stattfinde, haben nun auch in Washington Beifall gefunden, und eine neue französische Rundnote an die Mächte faßt noch einmal die Bedingungen zusammen, die nach der Vorstellung von Frankreich ebenso wie von Deutschland die Grundlage für die Verhandlungen mit China bilden sollen. Die chinesischen Unterhändler werden Prinz Tsching und der alte Li-Hung-Tschang sein. Letzterer wollte dem Grafen Waldersee seine Aufwartung machen, ist von diesem aber gar nicht empfangen worden. Darauf haben die Russen sich seiner angenommen und haben ihn mit bewaffnetem Geleite nach Peking gebracht. Der kaiserliche Hof wird der Hauptstadt Peking fern bleiben. Er zieht sich noch weiter in das Innere des chinesischen Reiches zurück, uin sich in der Stadt Singanfu niederzulassen und dort womöglich auch einen neuen kaiserlichen Palast zu bauen. Das zeugt nicht von gutem Wollen gegenüber den Forderungen der Mächte.
Der Mörder des FreiherrnvonKetteler, der lange Zeit hindurch genauere Aussagen über seine Person und über die Leute verweigerte, die ihn zu dem Morde anstiftcten, ist ein untergeordneter Mandschu- Osfizier, der nunmehr zugegeben hat, daß er unter dem Befehle des Prinzen Tuan stand und daß dieser am 19. Juni die Losung ausgcgeben habe: „Es ist Krieg. Wenn ihr einen Ausländer seht, erschießt ihn." Danach hat der Mann getha», wie ihm von oben herab besohlen war. Prinz Tuan soll angeblich von der chinesischen Regierung bestraft worden jein. Wahrscheinlich wird sich die Art der Strafe jedermann vergnügt gefallen lassen müssen.
Der Kaiser weilte dieser Tage in Schloß Hubertusstock bei Eberswalde in der Mark, um in gewohnter Weise dort in den ausgedehnten Waldungen der Hirschjagd obzuliegen, nachdem er dasselbe im litauischen Jagdrevier von Jagdschloß Ro- minten geihan hat. Die Kaiserin spielt eine besondere Rolle in einem Beschlüsse, den die Berliner Stadtverordnetenversammlung gefaßt hat. Die Berliner Stadtväter, der überwiegenden Mehrheit nach Radikalfreisinnige und Sozialdemokraten, haben nämlich be- schloffen, der Kaiserin nicht mehr zum Geburtstage zu gratuliren, und ein demokratisches Blatt hatte das damit zu erklären versucht, daß man „nicht wieder einen Brief vom Freiherr n von Mirbach erhalten wolle". Bekanntlich hatte dieser als Hofmeister der Kaiserin den Berliner Sladivätern einmal tüchtig den Text gelesen, wegen deren ungehöriger Haltung in den Berliner Kirchcnbaufragen, in der Erziehung von Waisenkindern und bergt mehr. Natürlich aber ist der neue Beschluß der Berliner Stadtverordneten nichts weirer als „ein Affront — also eine Beleidigung — gegen die Kaiserin", wie der konservative Berliner ,Reiqsbote' sich ausdrückr. Denn, Freiherr von Mirbach hatte nur im Sinne und im Austrage der Kaiserin an die Berliner Stadtverordneten geschrieoen.
Wie in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, so geben sich auch anderweit die Freisinnigen große Mühe, um die Freundschaft der Sozialdemokraten. Großes leistet darin namentlich der Abg. Dr. Barth von der Freisinnigen Bereinigung. Aber deswegen wird die Tonart der sozialdemokratischen Piesse gegenüber den Freisiniiigen um kein Haar feiner, und wahrscheinlich werden diese letzteren schon bei den bevorstehenden Ersatzwahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus« in Breslau merken, daß
sie wenig Freundschaft von den Herren „Genossen" zu erwarten haben, wo und wann dieses nicht im unmittelbaren Interesse der Herren „Genossen" liegt. Die Breslauer Freisinnigen bekamen sonst immer, unterstützt von der Sozialdemokratie, alle Mandate zum preußischen Abgeoronetenhause. Infolge des Mainzer Beschlusses der Sozialdemokratie, von nun an selbstständig an den preußischen Landtagswahlen theilzu- nehmen, rühren sich nun auch in Breslau die Sozialdemokraten mächtig; sie wollen in 117 Urwahlbezirken eigne Wahlmänner ausstellen.
Am letzten Sonntag ist bei Jerusalem auf dem Berge Sion der Grundstein gelegt worden zu der Marienkirche auf dem vom Kaiser den deutschen Katholiken geschenkten Grundstücke, das nach der Ueberlieferung die Stätte des Heimganges der heil. Jungfrau Maria war. Als Bauzeit für die Kirche Mariä Heimgang sind etwa drei Jahre in Aussicht genommen. Der deutsche Konsul in Jerusalem, Dr. Ros, wohnte der Feier als Vertreter des Kaisers bei.
Eine recht eigenthümliche Sache hat sich am bayrischen Königshofe zugetragen. Zwei bayrische Prinzen und ihre Gemahlinnen wollten zur Jubiläumsfeier nach Rom reisen, nicht in ihrer Eigenschaft als bayrische Prinzen, sondern als Privatpersonen, „inkognito", wie der Kunstausdruck dafür lautet. Der Prinzregent hatte den Plan, so wird erzählt, bereits gebilligt; und thatsächlich geht es doch auch das italienische Königshaus gar nichts an, wenn Mitglieder fremder Fürstenhäuser ganz im Stillen nach Rom reisen. Aber die Rücksichtnahme auf den Quiri- nal streift schon lange ans Krankhafte, und so soll denn auch schließlich diese Reise unterbleiben sein infolge einer vom bayrischen Ministerpräsidenten erhobenen Vorstellung, daß die Mitglieder anderer regierender Häuser sich der Jubiläumsfahrt nach Rom enthalten hätten. Vermuthlich hört man in der Folgezeit noch mehr von dieser wundersamen Sache. Sollten hier Einflüsse von außerhalb her mitgewirkt haben? Es lohnt sich, namentlich dies festzustellen.
Am 6. Oktober hielt der belgische Thronfolger, Prinz Albert von Belgien, mit seiner jungen Gattin, bekanntlich einer bayrischen Prinzeffin, seinen Einzug in Brüssel, und gleich bei der Fahrt vom Bahnhof her wollten die Sozialdemokraten eine Kundgebung im großen Stile veranstalten, wurden aber durch die Bürgergarde und die Polizei daran verhindert. Nun folgte die Kundgebung am Sonntag danach: Sozialisten wollten sich in den königlichen Wagenzug drängen, um für den Erlaß einer allgemeinen Amnestie zu demonstriren. Aber auch hier wurden sie an der Ausführung ihres Vorhabens verhindert. Das sind die wahren Thatsachen, aus denen heraus die Gerüchte entstanden, es sei eine Verschwörung gegen das neuvermählte prinzliche Paar entdeckt worden. Dieses Gerücht entbehrt der Begründung; von einer solchen Verschwörung ist nicht die Rede.
In Frankreich hat der Kricgsminister Andre eine wichtige Verfügung erluffen. Genau so, wie bei uns in Deutschland, war es in Frankreich bisher Vorschrift, daß die Offiziere bei ihrer Verheirathung den Nachweis einer bestimmten Mitgift beibringen müffen. Mit dieser Vorschrift hat Minister Andre aufgeräumt; er hat diese Vorschrift beseitigt, so daß auf diesem Gebiete von nun an in Frankreich kein Unterschied mehr besteht zwischen dem Offizier und dem Bürger. Man kann den Minister nur beglückwünschen zu diesem Vorhaben.
England steht unter dem Zeichen der Neuwahlen zum Parlamente. Aus den bisher bekannten Ergebnissen dieser Wahlen ersieht man, daß die britische Regierung richtig spekulirt hat. Die ministerielle Mehrheit wird im neuen Unterhause noch erheblich stärker sein, als im alten. Daß nunmehr von Neuem das alte Gerücht auftaucht, Lord Salisbury wolle aus dem Ministerpräsidium ausscheiden und Herrn Chamberlain Platz machen, ist nicht zu verwundern. Zunächst aber wird man noch die Chinafrage durch Salisbury bis zu Ende bringen lassen wollen und erst dann an einen Rücktritt des greisen Ministerpräsidenten denken.
Für Südafrika scheinen die Engländer noch ganz besondere Pläne zu haben, nämlich Pläne zoll- poliiischer Natur, um durch besondere Zölle den englischen Maaren den Eingang zu erleichtern, allen anderen Erzeugnissen aber die Einfuhr nach Südafrika zu erschweren. Auch Deutschland würde durch ein ölches Verfahren geschädigt werden.
Der nordamerikanische Kohlenarbeiter- Aus stand ist noch nicht beendet, obwohl die Unternehmer sich bereit erklärt haben, den Lohn um ein Zehntel zu erhöhen. Die Arbeiter nützen die ihnen günstige Lage nach Kräften aus und streben nach allerhand weiteren Vortheilen, von denen sie auch sicherlich noch einen Theil durchsetzen werden. Man kann das den Arbeitern gönnen, denn sie wurden in der That nicht gut bezahlt.
Praktisch-sozialer Kursus.
(Nachdr. oerb.) Gr. Köln, 11. Oktober.
Justzrath Dr. Jul. Bachem (Köln) sprach über den Schutz des Kaufmannsstandes. Hier wie überall dürfe man kein Äüheilmirtel für dre Schäden des Standes erwarten. Nur einzelnen Mißständen kann die Gesetzgebung ent- gegentreten, und hier hat sie wiederum die Pflicht, andere Stände in ihrem Recht« zu respekmen. In dem lehren Jahrzehnt Hal man allgemein mit der unbedingten schrankenlosen Freiheit gebrochen und gesetzliche Maßnahmen ergriffen, um einerseits Treu und Glauben, ehrliches Gefchaftsleben
zu fördern, andererseits, um die wirthschaftliche Entwickelung des Standes zu erhöhen. In dieser Beziehung sind zu erwähnen das Gesetz betreffend die Abschlagszahlungsgeschäfte, Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, Aenderung der Konkursordnung vom Jahre 1898, Waarenhaussteuer, und ebenso die neuen gesetzlichen Bestimmungen im neuen Bürgerlichen- und Handelsgesetzbuch. Während nun den einen auf gesetzlichem Wege noch nicht genug geschehen, tft es den anderen schon zu viel. Insgemein muß man die Wirkung als eine wohlthätige anerkennen. Wirthschaftliche Entwickelungsprozesse können nicht aufgehalten werden, aber es muß unsere Sorge sein, daß jeder die Zeit habe, sich auf die neue Lage einzurichten. Die Gesetzgebung kann nicht alle Konkurrenz wegiärmen, nur die unlautere beschränken, sie kann nicht wirthschaftliche Neuerscheinungen einfach verbieien, welche den kleinen Kaufmanns- stand zwar schädigen, sonst aber auf rechtlicher, ehrlicher Grundlage aufgebaut sind. Neben der Staatshülfe muß auch hier die Selbsthülfe stehen, eigne Tüchtigkeit gilt auch heute noch in kleinen und mittleren Geschäften als erster Faktor. Ja die kleinen Betriebe haben den großen Geschäften in Geschmack, befferer Bedienung der Kundschaft, Manches voraus.
Auch im kaufmännischen Leben ist die 93er» einsthätigkeit, die zum Zwecke die Bekämpfung von Mißständen hat, von größter Wichtigkeit. In dieser Beziehung sei das Wirken des Verbandes der kath. kaufmännischen Vereine lobend anerkannt. Hier geht die Pflege idealer Vereinsaufgaben Hand in Hand mit der Verfolgung materieller Berufsime reffen. In gleicher Weise arbeiten andere interkonfessionelle Vereine. Das Genoffenschaftswesen muß gehoben werden durch Kreditanstalten und Einkaufsgenoffenschaften, auf w.lche Weise dem Großkapital wirksam die Spitze geboten werden kann.
Gerade in letzter Zeit wirken die Einkaufs« genoffer schäften in verschiedenen Städten in bester Weise. Fördere man den Gemein sinn, diese erste Grundbedingung für die Genossenschaft, das einzige Mittel, welches die mittleren und kleineren Betriebe vor der Aufsaugung durch den Großbetrieb schützen kann. Mögen auch int Kaufmannsstande thalkräftige Männer sich finden, welche die wirthschaftliche Organisation ihres Standes in die Hand nehmen und zum Wohl der Gefammtheit durchführen. —
Am Nachmittage finden Befichtigungen der Hafenanlagen, des Charitashauses, der Arbeiterwohnungen und der Sehenswürdigkeiten Kölns statt. Eine Diskussion findet deshalb heute nicht statt.
Gr. Köln, 11. Oktober.
VII,
Zu Beginn der Sitzung wird ein Schreiben des hochw. Herrn Weihbischofs Dr. Fischer verlesen, der durch Firmungsreise am Erscheinen verhindert, der Versammlung seinen Segen ertheilt.
Univ.-Professor Dr. Hitze vollendet heute seine Ausfübrungen über die Arbeiterfrage, indem er anschließend an seine gestrige Kritik der sozialistischen Lehre, darlegte, daß die Sozialdemokratie noch nicht ihre Gefahren verloren Labe; vielleicht sind sie, seit der revolutionäre Charakter mehr zurückgedrängt, und die fcud- llche O"ganisation der Gewerkoereine mehr der Verwirklichung der sojialistischen Irren entgegenarbeitet, noch größer geworden. Die Gewerk- vereinsbewegunz stammt aus England, wo sie heut« in großer Blüthe steht und int Arbeiterstunde über die revolutionäre Richtung triumphirt. In Deutschland ist die Bewegung jünger; je in» teil'gen tet die Arbeiter sind, desto b-ffrr organistit sind sie. Die Intelligenz, nicht die materielle Noth, gebietet das Slandesbewußtsein. Die letzten Jahre haben darin einen gewaltigen Aufschwung genommen. In den sozialistischen Gewerkschaften sind 600,000 Mitglieder, Hirsch- Duncker 87,000, den christlichen 150.000, den unabhängigen 70,000 Mitglieder organisirt. Allein die Buchdrucker haben als beste Organisation 26.314 Mitglieder mit einem Vermögen von über 2 M llionen Mark. In den Gewerkvereinen wird Arbeitsvermittlung besorgt, Reiseunterstützung wird gewährt, durch Dirigiren der Arbeitskcäfte von einem zum andern Orte werden die Albritslöhne regulirt. Der Gewerkverein ist eine Verkaufsgenoffenfchaft für den Arbeiter, der ihm es mittels der Strikefonds ermöglicht, seine Arbeit nicht an den ersten Besten hergeben zu müssen. Wenn er nach rechter Kündigung einmal aufhört urd sagt, ich warte, bis mir bessere Bedingungen geboten werden, so thut er genau, wie der Bauer, der sein Getreide zurückhält, um bessere Preise zu erzielen. Gewiß, der Streik ist gefährlich und er bringt oft nach ollen Seifen schwere Schädigungen, der Mißbrauch liegt nahe, er ist »ine scharfe Waffe, aber er hat
feine Berechtigung, so lange er in den gesetzlichen Bestimmungen sich hält und das Ziel verfolgt, die niedergedrückte, wirthschaftliche Lage zu bessern. Der Streik bat denselben Charakter, wie das Syndikat, deffen böse Folgen man ja in der heutigen Kohlennoth auch übel empfindet. Ge- werkoerein und Syndikat, sie gleichen sich in allen Theilen. Die Unterstützung der Arbeitslosen hat den Zweck, ihr niederes Arbeitsangebot und damit die Herabdrückung der Arbeitslöhne zu verhindern. Die Gewerkoereine sind eine einseitige Arbeiterorganisation und naturgemäß wird sich der Arbeitgeber demgegenüber zusammenschließen, um sich vor des andern gewaltigen Macht zu schützen.
So entsteht Organisation gegen Organisation, das läßt sich nicht verhindern, es gibt ein Machtstreit gewaltiger Art, rote wir die Kämpfe in England gesehen. Das liegt in unserer modernen roirthschaftlichen Entwickelung. Sind in diesem Kampfe die Arbeiter wiederum die Schwächeren? Es mag fein, aber der Arbeitgeber wird den Krieg fürchten und den Forderungen geneigter fein, man wird im Bewußtsein der beiderseitigen Macht sich zu verständigen suchen, man schließt Tarifgemeinschaften auf lange Zeit mit großer Kündigung. Der Einzelkampf ist zurückgetreten, der kollektive Arbeitsvertrag ist an seine Stelle getreten. Wenn der Gewerkverein auf Kürzung der Arbeitszeit drängt, so geschieht dies aus wirthfchaftlichen Gründen, um durch Vermeidung der Ueberpro- duktion die höheren Preise zu halten. Man darf die heutige Neubildung des Arbeitsvertrages, dis heutige roirthschaftliche Entwickelung nicht mit kleinlichen Augen anschauen In England haben die Gewerkoereine die Invaliden-, Alters- und Krankenunterstützung, wie sie bei uns der Staat besorgt, ausgeführt, aber darin liegt nicht das Wesen des Gewerkoereins, fein Endziel ist der wirthschaftliche Kampf, die Emancipation des Standes. Es ist eine Bewegung, die nicht ohne Schattenseite ist, aber die ihre Berechtigung hat. Die Gefahren lassen sich mindern, wir haben Gebiete der Gemeinsamkeit in der Arbeiterversicherung, in den Gewerbegerichten, die eine Schule der gemeinsamen Rechtspflege und des Gerechtigkeitssinnes sein soll.
Es stehen sich zwei sozialistische Anschauungen gegenüber, die eine will die Arbeiter expropriiren, die andere die Arbeiter organisiren, um ihr Interesse so gut wie möglich zu vertreten. Hier scheiden sich die Geister der Sozialdemokratie. Der Gewerkoerein sucht heute da« Wohl der Arbeiter zu fördern, er treibt Augenblickspolitik, er weiß, daß es mit dem Zukunftsstaat nichts ist. Er bildet sich als eine Gegenorganifation gegen die Sozialdemokratie heraus. Reize man die Sozialdemokratie nicht, man lasse sie ruhig in ihrem Aufllösungsprozeß. Freiheit, nicht Unterdrückung, das möge die Lösung für die Zukunft sein, hierdurch wird die Bewegung in gesundere Bahnen eingeleitet.
Herr Generalsekretär Müller (M.-Gladbach) spricht von der Nothwenvigkeit der Volks- b'ldungsbestrebuiigen, deren Ziel es sei, auch den unter bescheidenen Verhältnissen lebenden Mann an den Fortschritten der Cultur, an den Schätzen menschlichen Geistes theilnehmrn zulaffen. An erster Stelle muß naturgemäß die Fachbildung stehen. Dreifach ist das Ziel der Volksbildung: 1) Entwickelung der geistigen Kräfte. 2) Hebung der Kenntnisse. 3) Veredelung des Herzens. Wenn man über Vergnügungssucht und über Verflachung der Geister heute klagt, so berücksichtige man dte harte, lange Tagesarbeit der Arbeiter, und schaffe thneu durch bessere, edlere Erholung und Unterhaltung eine Erhebung des Geistes.
Redner legte die Bedeutung der Volksunterhaltungsabende dar, wenn sie in rechter Weise geleitet werden. Populäre Vorträge finden zwar nicht stets und überall Anklang, aber man muß das Interesse wecken. Redner wendet sich zu den Volks bibliotheken und Lesehallen. Gott sei Dank ist man auf katholischem Gebiete nicht zurückgeblieben. Der Zutritt zu diesen Instituten muß frei und unentgeltlich fein. Zur Ausstattung der Bibliotheken wäre es nützlich, einen sachgemäßen Katalog des nothwendigen Materials zusammen zu stellen. Die L e s e h a l l e n, auf welche Dr. Huppert-Bensheim zuerst aufmerksam gemacht, find am besten mit den Biblio- iheken zu oerbmden. Schließlich wendet sich Redner zur Kolportage, wo das Schlechte durch das Gute verdrängt werden müsse. Sorgen wir für die Verbreitung unserer katholischen Zrit- schriften, und setzen wir sie in den Stand, Den Gegnern die Spitze zu bieten. Vielleicht ist es angebracht, daß der Borromäusoerein die kommenden Aufgaben in die Hand nimmt. Mögen die Anregungen auf guten Boden fallen, der Dank wird aus der Arbeiterschaft gerade sehr reich sein.
Herr Dr. Pieper erörtert die sozialen Aufgaben des Klerus und der gebildeten