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M 232.
Jutöa, Dienstag, den 9. Oktober 1900.
27. Jahrgang.
Praktrsch-sozraler Kursus.
i.
ZLegrSßnngsfeier.
(Nachdr. verb.) Gr. Köln, 7. Oktober.
Im fröhlichen Köln muß es auch bei dem ernsthaften Werke einen fröhlichen Anfang geben, und so war auch die heutige Begrüßungsfeier des praktisch-sozialen Kursus von einem echten Kölner Humor durchweht. Etwa 200 Theilnehmer, meistens von auswärts, hatten sich bereits eingefunden, alle Stände vertretend, namentlich erfreute uns auch ber jüngere Nachwuchs durch zahlreiches Erscheinen. Ein ungezwungener Ton herrschte von vorn herein, und so kam Dank dem unverwüstlichen Humor des Leiters der Versammlung, Reichs- und Landtags-Abgeordneten Karl Trimborn, bald eine Stimmung zur Geltung, wie sie eben nur in Köln und am Rhein möglich ist.
Ernster und gediegener Arbeit sollen die kommenden Tage gewidmet sein, bemerkte nach herzlicher Begrüßung der Vorsitzende, und jedenfalls haben die Kölner an diesem Abend beweisen wollen, daß sie sich zu dieser morgen beginnenden Arbeit den Kopf klar halten wollen. Jedenfalls hoffe er, daß seine Landsleute bei dem Kursus recht zahlreich anwesend sein werden.
Im Namen der Bürgergesellschaft von Köln, in deren Räumen der Kursus tagt, entbietet deren Präsident, Stadtv. Pilartz, den herzlichen Willkomm.
Herr Professor Dr. Hitze (Münster) stattet dem Lokalkomitee für den freundlichen Empfang und die geleistete Vorarbeit herzlichen Dank ab. Aus bescheidenen Anfängen ist der praktisch-soziale Kursus oeroorgegangen, heute wage er den Schritt in die Großstadt. Eine Volksuniversität hat man den praktisch-sozialen Kursus genannt, man könnte ihn auch eine Universität im Wandergewerbe nennen. Bezüglich des freien Unterrichts und der freien Lehrmittel erfülle man sogar die sozialdemokratischen Forderungen. Der studentischen Fröhlichkeit könne allerdings nur der heutige Abend geopfert werden, zu andern Dingen, wie Katerspritzen fei daS Semester zu kurz. Wenn nun aber heute die Fröhlichkeit herrsche, so danke man eS in erster Linie der Stadt, in der Niemand traurig sein könne, deshalb Alaaf Köln!
Herr Mense, Führer des letzten Kölner Pilgerzuges nach Rom schildert hierauf in anregender Weise den großen Eindruck, welchen die Betheiligten bei der Audienz im Vatikan empfangen und verwahrt sich namentlich gegen die neuerlichen Verdächtigungen der ,Köln. Ztg.ft als ob die Pilger in der ewigen Stadt nicht wohl aufgehoben gewesen seien.
In humorvollen Worten entbietet Herr Kaplan Hersdörfer (M.-Gladbach) den Profefforen den ersten Gruß der Volksuniversitätsstudenten und verspricht eifriges Streben zum Wohle des guten Volkes. Hier solle wirklich gelten: „Salus populi, suprema lex“. „Das Wohl des Volkes ist und das oberste Gesetz".
Allzulang durfte die Tagung nicht dauern, denn morgen früh heißt's zu ernster Arbeit frisch fein. Und zu letzterer ist allerseits der beste Wille vorhanden.
Die Kerle von Morenz.
Orginal-Roman von Irene v. Hellmuth.
26 ------ (Nachdruck verboten.)
Die namenlose Angst dieser Stunde, in der er für das Leben einer Andern zitterte, hatte ihm das Geheimniß errtriffen, das er sonst wohl noch länger sorgsam vor ihren Augen verborgen hätte. Mußte es erst so kommen, um ihr das klar zu machen, was sie längst fühlen und wissen sollte?
Seltsam, — Hedwig fühlte keinen Schmerz bei der Entdeckung, die sie soeben gemacht. Trotz der fürchterlichen Situation, trotz der Lebensgefahr, in der sie sich augenblicklich befand, tauchte vor ihrem geistigen Auge ein lächelndes Kinder- gesicht auf, eine süße Stimme drang in ihr Ohr: „Nicht wahr. Du hast uns alle lieb, den Hans und die Grete, und mich und — den Papa?"
Und noch eine andere Stimme, eine wohlbekannte, klang dazwischen: „Na ja, was hätte denn auch aus uns werden sollen, wenn Du uns verlassen wolltest; es ist gut für mich und für diese da, — daß Du bleibst!"---
Angstoll spähten indessen die Augen Alfreds umher. Endlich flog ein Aufleuchten über seine Züge, dort — dort stand die Gesuchte, in ihrem todtblaffen Gesicht stand das Entsetzen geschrieben, das sie empfand, Hilfe suchend schaute sie zu ihm herüber.
„Geduld, — Julia, — ich komme!"
Mit der Kraft der Verzweiflung wühlte sich der starke, kräftige Mann, durch die weinende, schimpfende, schreiende Menge, er faßte nach der bebenden Hand des jungen Mädchens, und suchte
II.
Es war ein schöner Gedanke, die Veranstaltung des praktisch-sozialen Kursus mit einer kirchlichen Feier beim Grabe des „Vater Kolping" in der Minoritenkirche einzuleiten. Das feierliche Hochamt zrlebrirte der Nachfolger des Gründers des Gesellenvereins, Herr Generalpräses Dr. Schäffer. Im großen Saale der Bürgergesellschaft sammelten sich darauf die Theilnehmer des Kursus und besetzten in dichten Reihen die langen Tische, die Betheiligung darf schon am ersten Tage als eine recht gute bezeichnet werden, und jede Stunde bringt neuen Zufluß. Unter den Anwesenden bemerken wir auch den Generalvikar Dr. Kreuzwald. Der Hochw. Herr Erzbischof Dr. Sim ar bedauert in einem sehr warm gehaltenen Schreiben, durch Firmungsreisen am Erscheinen verhindert zu sein, benutzt aber die Gelegenheit, um wiederholt den Bestrebungen seine lebhafte Sympathie auszudrücken. Univer- sitäts-Profeffor Dr. Hitze begrüßt in kurzen Worten die Mitglieder des Kursus, dessen Streben in den Worten liege: „Zur Ehre.Gottes, zum Wohle unseres Volkes!"
Nach alter Sitte wurde alsdann tie Arbeit mit einem Gebete ausgenommen und beginnt Professor Dr. Hitze fein Thema „Heber die Arbeiterfrage". Früher hat man die Arbeiterfrage fast als die einzige soziale Frage angesehen. Das war ein Jrrthum. Wir haben heute eine Agrar-, Handwerker-, Kausmanns- Frsge. Die Arbeiterfrage ist nur zu lösen im Rahmen des Gesammtorganismus der sozialen Frage. Die Arbeiterfrage hat allerdings ihre besondere Bedeutung und hier handelt es sich nicht nur um die Industriearbeiter. In den landwirth- schaftlichen Betrieben zählen wir 8,8 Millionen, in der Industrie 12,8 Millionen Arbeiter mit Familienangehörigen. Drei weitere Millionen verthrilen sich auf Gewerbe und Handwerk. Jns- gesammt handelt es sich um das Wohl von rund 25 Millionen Menschen. Den ersten Schritt auf dem Gebiete der Lösung der gesummten sozialen Frage bedeutet die Invalidenversicherung, ihr folgen im Laufe der Jahre die verschiedenen anderen sozialpolitischen Gesetze. Es darf nicht geleugnet werden, die wirthschaftliche Lag- des Arbeiterstandes hat sich in den letzten Jahrzehnten gehoben, und selbst die Sozialdemokraten können ihre „Verelendungstheorie" nicht mehr aufrecht erhalten. Wir sind auf sozialem Gebiete an die Spitze der Kulturvölker getreten.
Die Entwickelung der Industrie hat vor allem die Befferung der Arbeiterlage herbeigeführt. Der Maßstab hierfür ist der Lohn. Im Jahre 1888 betrug der Durchschnittslohn 612 M., 1898 war er auf 735 Mk. gestiegen. Die Produkte der Industrie sind im Preise gefallen, dagegen Getreide, Brod, Butter, Käse, Milch sind gestiegen, aber es ergibt sich doch im Ganzen ein Ueberschuß zu Gunsten des Arbeiters. Der gute Gang der Industrie ist nun in erster Linie den obetn Klaffen zu Gute gekommen, dann auch den untern Klassen. Der Fortschritt ist ein dauernder, die Spareinlagen sind in stetigem Steigen begriffen. Handwerk und namentlich die Landwirthschaft glauben sich nun durch das Aufblühen der Industrie benaÄtheiligt. Aber
so rascb als möglich vorwärts zu kommen. Ec sprach kein Wort, aber die Hand hielt er so fest in der feinigen, daß Keiner der sich dazwischen Drängenden sie ihm entreißen konnte Mühsam aber sicher brach er sich Bahn. Julia wankte, da schlang er die Arme um die zitternde Gestalt, und hob die theure Last vom Boden auf. Der Schweiß stand in Hellen Tropfen auf feiner Stirn, er achtete dessen nicht, nur den Ausgang rvolPe er gewinnen, um Diejenige zu retten, die sein Alles war. Diese schreckliche Stunde, wo Julia ibm entrissen zu werden drohte, hatte ihm erst gezeigt, wie theuer ihm das junge Mädchen war. Was bann kommen würde, darnach fragte er nicht, nur retten wollte er sie, — damit sie lebe.
Hedwig sah es, wie er sich abmühte für dir Schwester, kein Blick fiel zu ihr herüber, fie war ganz allein auf sich, auf ihre eigene Kraft angewiesen, und die Kraft nur war es, die hier siegte über den Schwachen. Wer sich nicht aufrecht zu.erhalten vermochte, der unterlag der Gewalt.
Julia hing wie leblos in den fest umklam- mernben Armen des Professors. Die Angst raubte ihr die Sinne, er drückte sie fest an seine hochklopfende Brust. Vollständig willenlos ließ sie sich forttragen.
Endlich war der Ausgang erreicht. Zwar, staute sich draußen noch einmal die Menge, aber wenigstens konnte man hier wieder freier athmen. Alfred eilte, so schnell er konnte, mit seiner theuern Last hinaus ins Freie.
„Gottlob, — sie ist gerettet, — gerettet für mich!" murmelte er, einen tiefen Seufzer der |
der gesteigerte Volkswohlstand kommt doch allen Ständen zu Gute. Gewiß, der Bauernstand hat gelitten, aber diese durch den nieder« Preisstand ihrer Produkte herbeigeführte Noth herrscht nicht nur in den Industriestaaten, sondern auch in reinen Agrarstaaten, also kann man den Niedergang nicht ohne Weiteres der Jndustrte in Schuld geben, wenn auch zugegeben wird, daß die Landwirthschaft auf manchem Gebiete durch die Industrie direkten Schaden erleidet. Aber sie profitirt auch von dem Wohlergehen der Industrie, zunächst durch Zuführung technischer Vortheile, die Ernteflächen haben sich ausgedehnt, der Ertrag ist gestiegen, und so ist der niedere Preis ausgeglichen worden. Die Arbeiterschaft ist kaufkräftiger geworden und konnte mehr konsumiren und höhere Preise zahlen. So sind ja namentlich die Fleischpreise zu Gunsten der Landwirih- schast gestiegen. Die Industrie hat die Mehrzahl der Arbeiterschaft an sich gezogen und der Land- wirthschast viele Kräfte entzogen, wofür die Maschinen einigen Ersatz boten. Die Landwirthschaft wie die Industrie hoben jede ihre besonderen berechtigten Klagen, mögen sie nicht eifersüchtig sein auf einander, suchen wir beiden zu helfen. Die Besserung der Arbeiterlage hat den großen sittlichen Vortheil, daß der Arbeiter in den Stand gesetzt ist, eine Familie gründen zu können. Die Anzahl der unehelichen Geburten hat in industriellen Bezirken abgenommen. Wir sind heute in die große Weltpolitik hineingetragen, wir haben unsere Kulturaufgaben auch im Auslande zu erfüllen. In Paris hat auf der Weltausstellung unsere Industrie Triumphe gefeiert; was der Deutsche erobert, das will er auch behaupten. Wir haben die Zeit benutzt, um den Arbeiter auch gegen den Rückschlag schlechteren Geschäftsganges zu schützen.
Aber noch ist es nicht Zeit, die Hände in den Schooß zu legen, denn auch nach der materiellen Seite hin ist die Arbeiterfrage noch brennend, namentlich bei den ungelernten Arbeitern, und wo große Familie ohne Mithülfe vorhanden ist. Groß ist die Wohnungsnoth, die Kindersterblichkeit erschreckend, gewaltige Opfer erfordert die Schwindsucht. Von männlichen Invaliden in der Industrie im Alter von 22—24 Jahren kommen auf Tausend 548 Tuberkulose. Hinzu kommen die Gefahren des Berufes, wo unsere Sorge nicht ruhen darf, auch der Alkoholismus verdient unsere Aufmerksamkeit. Wirken wir zusammen bei den vielen und reichen Aufgaben, die unserer noch warten.
Es trat daraus eine kurze Pause ein. Alsdann hielt Herr Gutsbesitzer Herold, Reichstagsabgeordneter für Fulda, einen Vortrag über die Agrarfrage. (Forts, folgt.)
Deutsches Deich»
Berlin, den 8. Oktober.
h Die Kröfftmng des Ileichstages soll, so wird von Neuem in verschiedenen Blättern behauptet, in den letzten Tagen dieses Monats stattfinden. Namentlich führende Persönlichkeiten des Centrums sollen angeblich ihren Einfluß in diesem Sinne geltend gemacht haben. Es kann nur von Neuem versichert werden, daß Niemand mehr an eine Eröffnung des Reichstages im Laufe dieses
Erleichterung ausstoßend, indem er sie sanft aus den Boden gleiten ließ.
Julia's Äugen waren geschlossen, eine Ohnmacht umfing ihre Sinne. Der Profeffor rieb ihre Hände, und versuchte, sie zum Bewußtsein zurückzubringen.
Dabei schlug Julia die Augen auf.
Ihr war es, als träumte sie. Aengftlich forschte Alfred in den bleichen Zügen des Mädchens.
„Wie ist ihnen?" fragte er.
„Danke, — sehr gut. Aber wo ist Hedwig geblieben?"
Alfred sprang auf. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß auch sie in Gefahr schwebte, — das hatte et in den letzten Minuten total oergeffen.
„Sie stand vorhin nicht weit vom Ausgang entfernt", sagte er gepreßt, „ich hoffe, daß fie den Saal bereits verlassen hat, und außer Gefahr ist."
In demselben Augenblicke stieß Julia einen Ruf der Erleichterung aus, als sie Hedwig dem Hause enteilen sah.
„Gottlob!" rief diese, da seid Ihr ja! — War das ein Schrecken! Wären die Menschen nur nicht so furchtbar unvernünftig, alle wären ganz gut und mit heiler Haut herausgekommen. Die Gefahr wurde erst durch dies wahnsinnige Drängen so groß. Ich glaube übrigens nicht, daß Jemand tobt ist, der Schrecken hat nur alle verrückt gemacht!"
Sie sprudelte das alles so lebhaft hervor, wie es sonst gor nicht ihre Art war, es berührte den Profeffor angenehm in seiner etwas unheimlichen Stimmung.
Dis Feuerwehr wurde sehr bald des Feuers Herr, und es zeigte sich, daß Niemand ernstlichen
Monats denkt. Man kann das vielleicht bedauern, aber den Thaisachen entspricht die entgegengesetzte Meldung, daß die Wiederaufnahme der Sitzungen des Reichstages erst im Laufe des Monats November erfolgen wird, und auch nicht in den ersten beiden Novemberwochen. Auch die Nachricht von dem „Einflüsse führender Persönlichkeiten de» Centrums" ist nicht zutreffend. Bestimmte führende Persönlichkeiten des Centrums sind gewiß der Ansicht, daß die Regierung besser daran gethan hätte, den Reichstag im Sommer zu einer außerordentlichen Tagung einzuberufen. Aber ob nun jetzt, nachdem dies nicht geschehen ist, der Reichstag um acht bis vierzehn Tage früher ober später einberufen wirb, dürfte schwerlich einen der parlamentarischen Centrumsführer in Auflegung versetzen.
• Ein Hetreidezolk von 7.50 Mark ist von einer Versammlung westfälischer Landwirihe als angemeffen empfohlen worden, die kürzlich im Kreise Büren tagte. Der Centrumsabgeordnete von Savigny hatftmvon in einer westfälischen Wählerversammlung Mittheilung gemacht. Deswegen ist diese Mittheilung beachtenswerth.
h, Iür die ostafrikauische Kentrakvatzn sucht die Regierungspresse mit allen Eifer schon jetzt Stimmung zu machen. „An den leitenden Stellen des Reiches ist man noch mehr als früher überzeugt, baß der Bau dieser Bahn ein dringendes BedÜrfniß für Deutschostafrika ist", so berichten die ,Berl. Neuesten Nachrichten' und deuten dann an, daß man gleich ins Große gehen und nicht mehr kleine Forderungen für weitere Vorarbeiten erheben, sondern gleich große Summen fordern werde, um den Bau der Centralbahn sofort zu beginnen. Außerdem will man, auch Eisenbahnen in Togoland und Kamerun bauen. Also am Forderrnuthe scheint es dem neuen Herrn Kolonialdirektor Dr. Stübel nicht zu fehle«. Es ist aber vorläufig nicht anzunehmen, baß der neue Herr Kolonialdirektor im Reichstage eine gleichgestimmte Mehrheit antreffen werde.
+ polnische Aandwerüer und chewerve- Ireidende in Posen haben die Bildung einer Genoffenschaft beschlossen, die den gemeinsamen Kohlenbezug besorgen und außerdem dem wirth- schaftlichen Zusammenschlüße dienen soll. Eine Drahtmeldung aus hakatistischer Quelle nennt das „die erste Aktion gegen die neuere Ostmarkpolitik" und glaubt sicher, damit ein großes Wort auszusprechen. Man kann sich umgekehrt nur wundern darüber, daß diese „erste Aktion" so spät kommt. Druck hat noch immer, seit Menschen leben, Gegendruck erzeugt; und ein so starker Druck, wie er gegen die Polen ausgeübt wird, kann unmöglich ohne diesen Erfolg des Gegendruckes bleiben. Das Gegentbeil würde unbegreiflich sein.
X Die ArSeiLerlöHue in Nordamerika werden von vielen Leuten, namentlich auch von deutschen Arbeitern, für sehr hoch gehalten, höher als bei uns in Deutschland. Das ist ein vollkommener Jrrthum, wie man von Neuem ersehen kann aus den Angaben, die anläßlich des nord- amerikanischen Bergarbeiterausstandes gemacht werden. Nach den angestellten Ermittelungen beträgt im Staate Pennsylvania her Jahreslohn der Kohlenbergleute im Durchschnitt 250 Dollars.
Schaden genommen hatte. Freilich, an leicht Verwundeten fehlte es nicht, aber alles war gerettet worden. Alfred winkte einen Wagen herbei, und die Drei fuhren nach dem Hause Eileu- bergs; die jungen Damen wollten sich erst umkleiden. Julia, deren Mund sonst kaum eine Minute stillstand, lehnte blaß und schweigend in ihrer Ecke, die Äugen unverwandt wie bittend auf Hedwig gerichtet. Es war ihr, als hätte sie der Schwester ein Unrecht zugefügt. Doch diese schien von alledem nichts zu bemerken. Sie plauderte heiter und unbefangen. Auch der Professor starrte stumm und finster vor sich hin. Vordem Hause Eilenbergs verabschiedete er sich, und Hedwig eilte Julia leichtfüßig voraus, und verschwand sofort in der Kinderstube. Sie fand ihren Schwager an dem Bettchen Pauls fitzen, den Kopf in die Hände vergraben.
„Was machst Du denn hier, Leo!" fragte fie höchst verwundert.
„Das Kind fiebert stark, ich habe nach dem Arzt geschickt", antwortete er, einen Seufzer unterdrückend. „War das heute ein Zustand mit den Kindern, Du kannst es Dir gar nicht vorstellen, Hedwig. Die kleine Grete schrie; die Milch, die ihr Karoline reichte, war viel zu heiß, — das dumme, einfältige Ding versteht überhaupt nicht, mit Kindern uwzugehen. — Hans weinte, und wollte nicht ins Bett, — und der hier", dabei zeigte er auf P ml, welcher jetzt aufrecht zwischen den Kiffen saß und mit verklärten Augen auf Hedwig blickte, — „der that mir ordentlich leid, so bitterlich schluchzte er, — zwar nur leise, — er wollte ja brav sein, aber ich glaube, er hatte Sehnsucht nach Dir, Hedwig."