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27. Jahrgang

IuLöa, Samstag, den 6. Oktober 1900.

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Allem jene Wahrheiten behandeln müssen, die von grundlegender Bedeutung für die christliche Lebens­auffassung gegenüber den materialistischen Irr» thümern sind. Es wird auch nothwendig sein, aus dem Gebiete der Geschichte wichtige und enffcheidende Epochen im Lichte der katholischen Auffassung dai^ustellen. Diese Vorträge sollen sich endlich mit Socialpolitik befassen und die Mitglieder über die Grundsätze belehren, welche bei der Beurtheilung socialpolitischer Tagesfragen theoretisch und praktisch festgehalten werden müssen, wie sie auch Belehrung über die sociale Gesetz­gebung enthalten sollen.

Um diesen Aufgaben zu genügen, reicht die Kraft und Zeit der Leiter der Vereine freilich nicht aus. Es empfiehlt sich daher, aus dem Laienstande tüchtige und willige Helfer heranzu­ziehen. Dieses regt auch das Jntereffe für den Verein an und erwärmt die Herzen für seine Zwecke und Aufgaben. Wir denken dabei be­sonders an die katholischen Lehrer der Elementar- wie höheren Schulanstalten und hegen das zu­versichtliche Vertrauen, daß dieselben gern an der Wohlfahrt des Arbeiterstandes mitarbeiten und dafür ihre Kräfte zur Verfügung stellen werden. Nicht weniger können sich katholische Juristen ver­dient machen, wenn sie über die Erläuterung und praktische Anwendung der socialen Gesetz­gebung in den Vereinen Vorträge halten. Eben­so können Aerzte durch angemessene Vorträge über die Hygiene vielen Nutzen stiften.

Bei diesen Vorträgen werden die Leiter der Vereine ängstlich darüber wachen, daß sie sich grundsätzlich an die Encyclica „„Herum novarum““ halten, in welcher die unveränderlichen Grundzüge sür die Behandlung der socialen Fragen vorgezeich­net sind. JmjUebrigen bietet die katholische sociale Literatur ein reichhaltiges Material für diese Vor­träge: eine Vereinsbibliothek, die auch den Mit­gliedern zur Benutzung freisteht, ist unentbehrlich. Zweckmäßig ist es auch, zur Schulung des Clerus in socialen Unterrichtskursen und Konferenzen die wichtigsten Fragen zu behandeln.

In der Entwicklung der katholischen Arbeiter­vereine hat sich wie überall in der arbeitenden Klasse das Bedürfniß zur Bildung von Fach- abtheilungen geltend gemacht. In ihnen schließen sich die Arbeiter desselben Berufes zu­sammen, um ihre besonderen Interessen zu schützen und zu (verfolgen. Sie wollen durch geeignete Veranstaltungen die Fachbildung fördern und die ihnen gemeinsamen fachberuflichen Angelegenheiten berathen. Sie stellen daher innerhalb des Vereins eine gewerkschaftliche Genoffenschaft dar, unter deren besonderen Bestrebung?« inoeß die gemein-- samen Vereinsinteressen nicht leiden müssen und die deshalb ihre Zugehörigkeit zu dem Vereine durchaus nicht austugeben brauchen.

Wir billigen diesen Zug der heutigen Arbeiter­bewegung vollkommen und halten diese Bestrebun­gen für ganz gerechtfertigt und den Interessen des Arbeiterstandes entsprechend. Mögen diese Ge­nossenschaften überall sich bilden, wo die Verhält­nisse es als zweckmäßig erscheinen lassen, und mögen sie von Euch, ehrwürdige Mitbrüder, eifrig unterstützt werden. Kann es doch nur wünschens- werth sein, wenn diese Fachabtheilungen innerhalb der Vereine sich kräftig entwickeln, unrein starkes Gegengewicht gegen jene gewerkschaftlichen Vereine zu bilden, die "unter antichristlicher Leitung stehen, und um die Arbeiterbewegung durch das Gewicht gesunder Principien vor einem Hinabgleiten auf verhängnißvolle Bahnen zu bewahren. Wir bitten daher die Leiter der Arbeitervereine, auf diese wichtige Angelegenheit ihre besondere Auf­merksamkeit zu richten und tüchtige Vereinsmit­glieder für die Leitung dieser Fachabtheilungen auszuwählen. Freilich erwachsen dadurch den Vereinsleitern neue Mühen und eine neue Ver­antwortlichkeit; aber sie werden die Vereine dadurch vor großen Gefahren schützen und ihre sociale Bedeutung und Wirksamkeit we­sentlich heben und kräftigen. Diese Fachab­theilungen in den Arbeitervereinen werden in ihrer allgemeinen Vorbereitung zugleich den Beweis liefern, daß es keiner religiös-neutralen Neufchöpfungen bedarf, um die materiellen Jnte- resfen der christlichen Arbeiterschaft zu vertheidigen und zu fördern, sondern daß die katholischen Ar­beitervereine befähigt und stark genug sind, neben der geistigen Wohlfahrt auch die materiellen Standes - Interessen ihrer Mitglieder zu ver­treten.

Die Arbeitervereine sollen auch bestrebt sein, durch zweckmäßige Wohlfahrtseinrichtungen ihren Mitgliedern materielle Vortheile zuzuwenden, rote zu unserer Freude auch geschieht. Es sind -Spar­kassen eingerichtet, aus welchen Zuschüsse zu den Krankengeldern, Beihilfen in Todesfällen und Unterstützungen in außerordentlichen Nothfällen gewährt werden.

Diese Einrichtungen sind sorgfältig zu pflegen und weiter fortzubilden. Insbesondere empfehlen ' wir auch die Gründung von Hospizen für Ar-

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Im Anschlüsse an das Schreiben des Papstes Leo XIII. an den Erzbischof von Köln vom 20. April 1890 haben wir in unserm gemeinsamen Hirtenschreiben vom 23. August 1890 Euch, ehr­würdige Mitbrüder, und unsere gesammten Diöcesanen ermahnt, alle Kräfte aufzubieten, um die socialen Bewegungen unserer Zeit in Bahnen zu leiten, welche zur dauernden Sicherung der Wohlfahrt der arbeitenden Klaffen, zum Frieden in der bürgerlichen Gesellschaft und zur gedeih» ilichen Förderung der irdischen wie ewigen Inte­ressen Aller führen. Unsere Mahnungen erhielten .im folgenden Jahre eine hocherfreuliche und macht­volle Hilfe in der Encyclica des hl. Vaters vom 17. Mai 1891, welche mit den Worten beginnt „„Kerum novarum““. Darin zeichnet der hl. Vater in meisterhaften Zügen die socialen Be­wegungen der neuen Zeit in ihren Ursachen, Er­scheinungen und Zielen. Er bietet zugleich der christlichen Welt aus dem unerschöpflichen Schatze der Lehre der Kirche, dessen höchster Hüter er ist, die Heilmittel zur Gesundung der menschlichen Gesellschaft und ermahnt uns Alle, den arbeiten­den Klassen unsere hingebende Sorge zu widmen und Organisationen zu schaffen, die geeignet sind, das geistige und materielle Wohl jener zu fördern.

Mit freudiger Genugthuung dürfen wir uns rühmen, daß unsere Mahnungen wie die Stimme des hl. Vaters nicht ungehört und nicht wirkungs­los geblieben sind. Denn an vielen Orten unserer Diöcesen wurden Dank der thatkräftigen Ini­tiative unseres ehrwürdigen Clerus neben den schon bestehenden zahlreiche neue Arbeiter- und Arbeiterinnen - Vereine gegründet; es entstanden Veranstaltungen und Einrichtungen, welche die -geistige und materielle Wohlfahrt der Vereins­mitglieder wirksam fördern; im Westen wie im Osten schlossen sich die Arbeitervereine zu Ver- Länden zusammen, um ihre Aufgaben beffer und sicherer lösen zu können. Daneben arbeiten die Lehrlings-, Gesellen- und Meister-Vereine trotz der Schwierigkeiten, welche die neue sociale Ent­wicklung denselben geschaffen hat, unverdrossen gemäß ihren altehrwürdigen Traditionen weiter fort. Auch auf dem Gebiete der christlichen Charitas sind mancherlei rühmliche Fortschritte zu verzeichnen.

Mit freudigem Danke gegen Gott dürfen wir sonach auf die bisherigen Leistungen der christ­lichen Vereine auf dem socialen Gebiete zurück­blicken und folgen gern dem Drange unserer Herzen, indem wir Euch, ehrwürdige Mitbrüder, unfern Dank und unsere Anerkennung für Eure Arbeiten und Mühen aussprechen. Wir können uns aber nicht verhehlen, daß sich auch Erschei­nungen bemerklich machen, die uns Besorgniß einflößen müssen. Es will uns scheinen, als ob hie und da der erste Eifer erkaltet sei und das Interesse nachgelassen habe, welches diese Arber erfordert. Nicht immer und nicht überall begreif man die großen Aufgaben der Arbeitervereine in (ihrem vollen Umfange; nicht überall bemüht man sich, alle Mittel anzuwenden, um denselben ge­recht zu werden; manchen erscheint der den Ver­einen vorgezeichnete Weg zu lang und die Gangart zu langsam; man sucht darum in un­geduldigem Drängen nach anderen Wegen, um das vorgesteckte Ziel zu erreichen, ohne zu be­denken, daß dadurch die Vereine in ihrer Grund­lage erschüttert werden. Demgegenüber halten wir es für geboten. Euch, ehrwürdige Mitbrüder, neuerdings an die Grundsätze zu erinnern, welche für die Leitung der Arbeitervereine maßgebend sein müssen, und Euch auf die Mittel hinzu­weisen, welche zu einer glücklichen Lösung der Aufgaben dieser Vereine anzuwenden sind.

Die katholischen Arbeitervereine müffen auf religiöser Grundlage ruhen. Wir können nur wiederholen, was wir Euch darüber vor Jahren gesagt haben: „„Gewiß können und sollen sie nicht überall, wie die auch in bür­gerlicher und socialer Beziehung nicht hoch ge­nug zu schätzenden Bruderschaften und Sodalitäten, ausschließlich und vorzugsweise der Pflege des religiösen Lebens und besonderer kirchlicher An­dachten gewidmet sein. Allein sie müssen alle die Religion, aufrichtiges und lebendiges Christen- thum zur Grundlage und das christliche Sitten­gesetz zur Regel haben. Wo dieses fehlt, wird jeder Verein nicht nur unfruchtbar fein und zer­fallen, sondern auch leicht ausarten und das liebe ärger machen."" Und der hl. Vater bestätig- dieses in der vorerwähnten Encyclica, indem er

ausführt: „„Es ist klar, daß der Hauptzweck der Vereine die Vervollkommnung der Frömmigkeit und Sitten ist, und daß danach die sociale Be­lehrung sich vollständig richten muß. Denn sonst würden sie in andere Formen ausarten und sich nicht viel über diejenigen Verbände erheben, welche auf die Religion keine Rücksicht nehmen. Was nützt es übrigens dem Arbeiter, durch den Verein irdische Vortheile zu gewinnen, wenn seine Seele aus Mangel an geistiger Nahrung Gefahr leidet? Was nütztes dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber an einer Seele Schaden litte? (Matth. 16, 26.) Christus der Herr hat dieses als ein Merkmal zur Unterscheidung des Christen von den Heiden bezeichnet: Diesen Allem gehen die Heiden nach. Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dieses alles wird euch gegeben werden. (Matth. 6, 32—33.) Jntz^m also, ährt der hl. Vater fort, diese Vereine von Gott ihre Grundlage nehmen, sollen sie ihr erstes Augen­merk auf die religiöse Unterweisung richten, da­mit jeder seine Pflichten gegen Gott erkenne und genau wisse, was er glauben, hoffen und thun oll, um das ewige Heil zu erlangen, und eifrigst >afür sorgen, daß die Arbeiter gegen die Jrr- thümer und verderblichen Anschauungen gewaffnet werden. Man ermahne sie zum Besuche des Gottesdienstes und zur Hebung der Frömmigkeit, besonders zur Feier der Sonn- und Festtage. Man lehre sie, die Kirche als die gemeinsame Mutter Aller zu verehren und zu lieben, ihre Gebote zu befolgen und die Sakramente zu em­pfangen, welche Gott eingesetzt hat zur Tilgung der Flecken unserer Seelen und zu unserer Hei­ligung.""

Ernstlicher und eindringlicher kann die un­bedingte Nothwendigkeit, die Arbeitervereine auf religiöser Grundlage aufzubauen, nicht betont werden. Von der treuen Wahrung der hier ver­kündeten Grundsätze hängt das segensreiche Wirken und ersprießliche Gedeihen dieser Vereine ab. Die Religion soll den ganzen Menschen durch­dringen; es genügt nicht, daß er sich ihrer ge­legentlich erinnert und ihren Vorschriften und Grundsätzen hin und wieder huldigt; nein, sie muß fein ganzes Wesen, fein Denken und Fühlen, fein Streben und Meiden, fein Thun und Lassen beeinflussen: sie soll fein Führer fein und der Engel, der thn ntahnt, wenn Fehltritte drohen, und ermuntert, wenn er ermattet in feinen Arbeiten, Ringen und Leiden. Die Vereinsmitglieder müssen darum belehrt und gewöhnt werden, alle ihre Ar­beiten, Bestrebungen und Interessen vom reli­giösen Standpunkte au« zu betrachten. Es kann feinem Zweifel unterliegen, daß die irdische Wohlfahrt vornehmlich von der Bewahrung des Glaubens und von der Beobachtung feiner sitt­lichen Vorschriften abhängt. Auf der Religion bauet sich das Glück der Familie auf; in ihr findet der Vater die Kraft, in der Arbeit für die Seinen, die Pfänder Gottes sind, treu auszu- harren; in ihr sucht die Mutter Trost und Ermuthigung in ihren Sorgen; in ihr liegen die kraftvollsten Anregungen zur gewissenhaften Erfül­lung der Pflichten, welche den Eltern und Kindern obliegen; aus ihr quillt jener christliche Stark- mutt), welcher die Familien in den Prüfungen dieses wechselvollen Lebens aufrecht hält; aus ihr fließt die unbeugsame Ueberzeugung, daß es besser fei, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu thun. — Werden darum die Grundsätze unserer hl. Reli­gion den Mitgliedern der Vereine tief eingeprägt, wird deren Vernunftmäßigkeit, Kraft und Wirk­samkeit für Zeit und Ewigkeit überzeugend dar­gelegt, so gewinnen jene dadurch eine sichere Lei­tung für ihren Lebensweg und einen mächtigen Schutz gegen die Verführungen, die ihnen überall entgegentreten.

Beansprucht demnach mit Recht die Religion als die Grundlage der Wohlfahrt der einzelnen Menschen eine eifrige Pflege in den Vereinen, f o darf fie auch nicht außer Acht gelassen werden bei den Bestrebungen, welche die Förderung der materiellen Standesinteressen, die Besserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse u. bergt bezwecken. Unter Religion verstehen wir da­bei aber nicht eine unbestimmte Anzahl von reli­giösen Wahrheiten, welche etwa aus den irdischen Dingen und aus der wunderbaren Oekonomie der Schöpfung, oder sittliche Grundsätze, welche aus dem Naturgerecht hergeleitet werden können, son­dern unsere heilige Religion, d. h. den Glauben, welchen der Sohn Gottes ge­lehrt hat und die katholische Kirche ver­kündet. Denn für katholische Arbeiter und für katholische Arbeitervereine gibt es keine andere Norm, als jene, welche die Lehre unserer heiligen Kirche bietet und diese Lehre muß auch der Leit- - Stern bei der Losung wirthschastlicher Fragen fein. : Danach aber ist es schlechterdings unmöglich, : menschliche Handlungen und menschliche Bestreb- : ungen als losgelöst von jeder Rücksicht auf die

Grundsätze des katholischen Glaubens und der ' katholischen Sittenlehre zu betrachten. Jede mensch- iche Handlung und jedes menschliche Streben untersteht dem Sittengesetze. Die Handlungen und Bestrebungen sind gut oder böse, je nach­dem sie mit dem Sittengesetze übereinstimmen oder in Widerspruch stehen. Entstehen aber Zweifel Iber ihren sittlichen Werth oder Unwerth, so bmmt das entscheidende Urtheil der Kirche zu und denjenigen, welche Jesus Christus in der- elben zu Hütern des Glaubens und der Sitten zesetzt hat.

Nach diesen unanfechtbaren Grundsätzen ist es irrig, zu behaupten, daß wirthschaftliche Be- trebungen, z. B. die Besserung der Lohn- und Ar- deitsverhältnisse, mit der Religion nichts zu thun haben und folglich ohne Rücksicht auf die Lehren Jesu Christi und feiner Kirche betätigt werden onnen. Denn das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als den Ausschluß religiöser Rück- ichten aus den großen, die menschliche Gesell- chaft so tief bewegenden socialen Kämpfen der Gegenwart und eine ^verhängnißvolle Connivenz gegenüber .dem Hauptdogma des materialistischen Socialismus, die Religion des Diesseits. Freilich will man nur das positiv «kirchliche Bekenntniß außer Acht lassen, dagegen den Glauben an Gott und die Anerkennung einer natürlichen sittlichen und rechtlichen Ordnung als Norm für die roirth- schaftlichen Bestrebungen anerkennen. Allein diefe Norm entbehrt der Zuverlässigkeit und Bestimmt­heit und vor Allem der Autorität. Denn über den Inhalt und über die Verbindlichkeit jener Ord- nung herrschen Zweifel und widersprechende An­schauungen, und es fehlt die Instanz, welche in dem Streite der Meinungen mit unanfechtbarer Au­torität entscheiden konnte. Daher gebricht es den Einzelnen wie den Korporationen an einer siche­ren moralischen Richtschnur, die da um so noth- roenbiger ist, wo erfahrungsmäßig die menschlichen Leidenschaften am schwierigsten zu beruhigen sind.

Diese Bemerkungen mögen genügen, um Euch, ehrwürdige Mitbrüder, auf einen Jrrthum auf­merksam zu machen, der, eingegeben von dem ungeduldigen Verlangen, die Wünsche der arbei­tenden Klassen rascher zum Ziele zu führen, unter dem Scheine einer kraftlosen, natürlichen Re­ligion die Grundsätze des katholischen Glaubens aus den wirthschaftlichen Bestrebungen der Arbeiter verbannen will. Wir brauchen nicht weiter nach- zuweisen, welche Gefahren darin für die gegen­wärtige Bewegung im Arbeiterstande und für die kirchliche Treue der Arbeiter selbst liegen. Die Lohnbewegungen berühren die Interessen Aller auf das Tiefste; es kommen dabei die Pflichten des Arbeiters gegen sich selbst, gegen die Familie, gegen die Mitarbeiter, gegen die Arbeitgeber, gegen die Gesellschaft, gegen den Staat in Frage; es entwickeln sich dabei Kämpfe, welche die Leiden­schaften aufstacheln und die Erbitterung zwi­schen einzelnen Gesellschaftsklassen verhängnißvoll steigern: soll — so fragen wir Euch — soll in der Vorbereitung, Ausführung und Beendigung so großer, für die Einzelnen, wie für die Gesell­schaft so tief einschneidender Bewegungen allein der Erlöser der Welt, der göttliche Lehrer der Menschheit, zum Schweigen verurtheilt fein? soll allein sein weltumgestaltendes Wort die ©einigen vor gefährlichen Irrwegen nicht warnen dürfen? soll allein die Stimme des vom katholischen Glauben erleuchteten Gewissens sich nicht ver­nehmen lassen und sollen katholische Männer bei so folgenschweren Entscheidungen zu dem Rathe ihrer treuen Mutter, der katholischen Kirche, nicht ihre Zuflucht nehmen dürfen?

Urtheilt selbst, ehrwürdige Mitbrüder, ob das dem Arbeiterstande frommen kann, und ob es den Grundsätzen entspricht, welche der hl. Vater für die Ausgestaltung und die Wirksamkeit der Ar­beitervereine sowie für die Behandlung socialer Verhältnisse und Kämpfe gegeben hat. Wir bitten und beschwören Euch: Haltet an diesen Grundsätzen unverbrüchlich fest und lasset in der Leitung der Vereine und der Bestrebungen der arbeitenden Klasse nichts zu, was dieselben schwächen und verflüchtigen könnte. Um den Vereinsleitern ihre schwere und verantwortliche Aufgabe zu er­leichtern, wollen wir noch einige Gedanken aus- sprechen, in welcher Weise die Vereinsleitung zu gestalten ist. , .

Der religiöse Gedanke soll die ganze Verems- thätigkeit heiligen. Er soll, ohne aufdringlich und lästig zu werden, im ernsten Unterricht wie in der Erholung durchklingen und verhindern, daß Gottmißfälliges und Niedriges, Zank und Streit das Leben und Wirken des Vereines vergiften. Der Verein wird sich aber auch angelegen sein lassen müssen, den geistigen Fortschritt seiner Mitglieder zu fördern. Dazu werden zunächst die Vorträge chienen, welche in den Vereins­versammlungen regelmäßig gehalten werden. Die­selben sollen alles umfassen, was den geistigen und materiellen Interessen der Arbeiter dienlich ist. Sie werden religiös-apologetisch sein und vor