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M 230.
Jul-a, Samstag, bett 6. Oktober 1900.
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27. Jahrgang.
© Verleumdungen.
Der Herr Oberbürgermeister von Halberstadt hat augenscheinlich schon angenehmere Aufgaben gehabt, als die Begrüßung der Herren vom sogenannten Evangelischen Bunde im Namen der Stadt. Jedenfalls hat er nicht recht gewußt, wie er dieser unerquicklichen Aufgabe stch erledigen sollte; und so hat er, wohl ohne es zu wollen, eine blutige Satyre auf den Evangelischen Bund gesprochen. Er hat nämlich gesagt, die evangelischen Christen von Halberstadt lebten in Frieden und Einrracht mit ihren katholischen Mitbürgern, wobei jeder Theil seinen Glauben hoch halte, aber die Rechte und Anschauungen des andern Theils nicht verletze; und einen solchen Frieden strebe ja auch nur der Evangelische Bund an. Ob der Herr Oberbürgermeister jetzt, nach der Generalversammlung der evangelischen Bundesbrüder, noch dieselbe Anschauung von dem Bunde hat, oder noch einmal den Muth finden würde, dem Bunde dasselbe Lob zu spenden? Im In- tereffe des Herrn Oberbürgermeisters von Halberstadt muß man das bezweifeln. Denn solche Geschichtslügen aus Liebenswürdigkeit gegen Gäste bringt erst immer der tausendste Gelegenheitsredner fertig, trctz aller Fixigkeit der Gelegenheitsredner in der Schönfärberei.
Der zweite Theil der evangelischen Bundesversammlung hat nämlich den ersten Theil noch ganz erheblich übertroffen an Rohheit, Lüge und Verleumdung — andere, mildere Ausdrücke dafür anzuwenden ist unmöglich. An leidenschaftlichem Romhaß und an ebenso ungezügelte wie ungezogene Ausbrüche derselben ist man ja bei diesen Leuten nachgerade gewöhnt. Man ist darum wohl im Stande, in den Berichten über die evangelischen Bundesversammlungen mit stummem Achselzucken Hinwegzulesen über Sachen wie die, daß der „römische Papst" Schreiben erlasse, in denen „von unduldsamem Fanatismus viel, von Jesu Cyristi Geiste wenig enthalten" sei; denn an den blöden Unverstand und an die Bullen- beißer - Manier, womit die Geister vom sogen. Evangelischen Bunde an die Beurtheilung alles deffen gehen, was „von Rom" kommt, ist man leider hinlänglich gewöhnt. Man weiß ja auch hinlänglich, wo denn eigentlich der „unduldsame Fanatismus" seinen Sitz hat. Aber die Herren sollten sich doch trotz aller fanatischen Neigungen davor hüten, unmittelbare Lügen und gemeine Verleumdungen gegen ihre katholischen Mitbürger in Deutschland anzubringen und zu verbreiten; und das haben sie diesmal gethan, voran der Präsident des Bundes, der Graf v.Wintzingerode.
Herr Graf von Wintzingerode hat von der Bonner Katholikenversammlung gesprochen und hat in dieser einen Rede Lügen auf Lügen gehäuft, wiffentliche Lügen, denn man kann beim besten Willen nicht annehmen, daß ein Mann in dieser Stellung in Urtkenntniß oder auch nur in mangelhafter Kenntniß sich befinden sollte über
Die Uerle von Ikorenz.
Orginal-Roman von Irene v. Hellmuth.
24 ------ (Nachdruck verboten.)
„Unbegreiflich," meinte Hedwig sinnend. „Weißt Du, Julia, wenn wir nur Jemand hätten unter unfern Bekannten, dem wir uns anschließen könnten, dann gingen wir heimlich hin, irgend ein Vorwand ist bald gefunden."
„Ja gehen denn Grünwaldts nicht hin?"
„Ich weiß nicht."
„Ach ich habe einen köstlichen Gedanken: Ich werde Rita Ackermann aufsuchen, die geht sicher mit, und unter dem Schutze einer verheiratheten Frau wird sichs doch schicken, nicht wahr?"
„Ja, ja, — das geht."
„Kinder," mahnte die Großmutter, „da heißt es vorsichtig fein, wenn die Mama es erführe." —
„Ohne Sorge, Großmutter," lachte Hedwig, wir machen es schon "
Julia war sehr nachdenklich geworden.
„Es wird mir freilich recht schwer, gegen den Willen Mama's zu handeln."
„Aber sie hat doch gar keinen Grund, uns dies Vergnügen zu stören," entgegnete Hedwig.
Es kostete der älteren Schwester noch viel Ueberredung, die gewissenhafte Julia zu bewegen, einzuwilligen, ihre Natur sträubte sich gegen jebe Unwahrheit, aber schließlich siegte doch die Freude an dem Fest über jedes Bedenken.
„Nun fehlt nur noch eins, Mohrchen," begann Hedwig wieder.
„Ja was denn noch!" rief Julia ungeduldig. Sie war heute so aufgeregt, daß sie ganz über-
die Dinge, auf die es dabei ankommt. Und darum kann man es, man mag wollen oder nicht, nicht anders als gelogen und verleumdet nennen, wenn Graf Wintzingerode, wie er gethan hat, folgende Behauptungen aufstellt:
erstens, daß man in Bonn von Königstreue und von Duldsamkeit gegen die Andersgläubigen gesprochen habe, daß aber die katholische Preffe dem Kaiser jedesmal in unehrerbietiger Weise ins Wort falle, wenn er evangelische Glaubenstreue feiere oder sich als evangelischen Christen bekannte —
zweitens: daß der Evangelische Bund den Frieden mit den Katholiken wolle, daß er aber abwehren müffe, weil die Katholiken stets angreifen —
drittens: daß es bei allem katholischen Streben nur auf die Ausdehnung der Macht und auf die Herrschaft über Staat und Volk abgesehen sei.
Dem deutschen Kaiser begegnen die Katholiken stets, ohne Ausnahme, in der ehrerbietigsten Weise. Dem deutschen Kaiser wissen die Katholiken aufrichtigen Dank für die Liebenswürdigkeiten, die er ihnen erwiesen hat. Dem deutschen Kaiser hat es die katholische Preffe noch niemals verargt, wenn er sich offen und männlich als protestantischen Christen bekannt hat. Noch niemals haben sich die deutschen Katholiken so unehrerbietig gegen den deutschen Kaiser benommen, wie die Herren vom sogen. Evangelischen Bunde mit dem Grafen Wintzingerode an der Spitze, weil es ihnen nicht paßte, daß der preußische Gesandte beim Vatikan an einer Feier theilnahm, die deutsche Katholiken in Rom an dem Geburtstage des Kaisers in Rom veranstalteten. Wer das Gegenthell behauptet, behauptet die Unwahrheit. Und wer eine Unwahrheit mit Wiffen und Willen behauptet, lügt und verleumdet dazu, wenn diese Lüge gleichzeitig danach angelegt ist, anderen Menschen etwas nachzusagen, das der Wahrheit nicht entspricht, wohl aber danach angethan ist, diese Anderen in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Mit Entrüstung weisen die deutschen Katholiken diese Verleumdungen des Evangelischen Bundesobersten zurück; mit Entrüstung wenden sie sich ab von seiner widerlichen Heuchelei, die von Frieden und Duldsamkeit faselt, während der Sprecher dnrchglüht ist von wildem und unversöhnlichem Haffe gegen diejenigen, von denen er behauptet, daß er mit ihnen im Frieden leben wolle.
Das Treiben des Evangelischen Bundes fängt an gemeingefährlich zu werden. Den Vortheil von seinen wüsten Zänkereien haben nur die Sozialdemokraten, die hohnlachend darauf verweisen und sprechen: seht, so machen sie es, die Christen. Sie predigen den Frieden und zerfleischen sich unter einander in wildem Kriege!
Deutsches Weich.
Berlin, den 5. Oktober.
+ Schwarze chrspenfler möchten manche Leute mit aller Gewalt sehen, obwohl gar keine hörte, wie Hedwig sie fortwährend bei dem über alles verhaßten Namen nannte.
Diese lächelte verschmitzt.
„Du vergißt, daß wir zu einem so großartigen Fest, wo die ganze vornehme Gesellschaft der Stadt sich versammelt, auch feine Kostüme haben müssen; wo sollen wir nun die her bekommen?"
„O weh, daran scheitert natürlich das ganze, schöne Projekt. Ade, Maskenball, es hat nicht sollen sein!" meinte Julia wehmüthig.
„Ich wüßte schon einen Rath," tönte es da lächelnd vom Lehnstuhl her.
„Und welchen denn, liebste, goldige, einzige Großmama?"
Im Nu war das reizende Mädchen an der Seite der Greisin und kniete auf dem Fußbänkchen vor ihr nieder, die schimmernden Augen voll zu dem welken Gesicht der Großmutter aufschlager.d, um im nächsten Augenblick ungestüm die Hände und den Mund mit Küssen zu bedecken.
„Laß mich doch, kleiner Wildfang, Du bringst mich ja um!"
Als die alte Frau wieder zu Äthern gekommen war, flüsterte sie der Enkelin zu: „Ist Deine Mutter schon zu Bett gegangen?"
„Ja, ja!"
Darauf suchte sie in ihrer Tasche nach einem Schlüssel.
„Jetzt geht, aber leise, daß es Niemand hört, und holt mir aus meiner Stube die blaue, bemalte Truhe herunter."
„Die mit den großen, rothen Nelken, Großmama ?"
Die Alte nickte nur. Die beiden Mädchen waren lautlos die Treppe emporgestiegen.
vorhanden sind. Das heißt, die Gespensterfurcht ist in der That auch gar nicht vorhanden. Aber sie paßt in das System, und deswegen sucht man sie künstlich zu züchten; zu welchem Zwecke, das kann man ersehen aus einer Leistung der süddeutschen Reichskorrespondenz', die zu den vielen offiziösen Organen gehört, mit denen Deutschland gesegnet ist. Genannte Korrespondenz macht nämlich den unverfrorenen Vorschlag, das deutsche Reich solle mit Geldmitteln dem preußischen Staate zu Hilfe kommen gegen das Polen- thum; denn die Bekämpfung des Polenthums sei „in eine Linie mit den Aufgaben zu setzen, welche dem Reiche an feiner Westgrenze in Elsaß- Lothringen obliegen." Und nun geht der OffiziosuS so weit, ganz Deutschland bereits in arger Gefahr zu sehen: „Je enger das Bündniß zwischen Rußland und Frankreich, das heißt zwischen dem Slaven- und dem Franzosenthum, sich umgestaltet, desto größer wird die Gefahr, welcher Deutschland entgegengeht. Beide, Slaven wie Franzosen, find geschworene Gegner des Deutschthums . . ." Preußen sollte nun endlich aus der „Abwehr" des angreifenden Polenthums zum Angriffe gegen dasselbe vorgehen. Alle „nationalgesinnten Deutschen" aber sollten die preußische Polenpolitik „in dem Bewußtsein unterstützen, das es gilt, ein echt deutsches nationales Werk im äußersten Osten des Reiches durchzuftihren." Wenn das, was Preußen jetzt gegen die Polen thut, Abwehr ist, dann möchten wir einmal sehen ober erklärt haben, was eigentlich Angriff sein soll. Schade, daß der OffiziosuS nicht gleichzeitig auch darüber uns aufgeklärt hat. Unbegreiflich aber ist es, wie man in einem offiziösen Organ solche Albernheiten dulden oder am Ende gar unmittelbar veranlassen kann in einem Zeitpunkte, in dem für uns allerbestes Einvernehmen mit Frankreich und Rußland vom größten Interesse ist, ganz abgesehen von dem Unsinn, Polen und Russen zu einem slavischen Sammelbegriff zu- sammenzuschweißen. Auf den Polen lastet das russische Joch bekanntlich noch ganz anders als die Herrschaft des preußischen Adlers.
* Der IlmLar-g des chetreideSaues iw Denlfchkand hat in jüngster Zeit eine bemerkens- werthe Veränderung erfahren. Im letzten Viertel- jcchrsheft zur Statistik des Deutschen Reichs weist das kaiserliche Statistische Amt die Anbauflächen der hauptsächlichsten Fruchtarten im Jahre 1900 im Vergleich zu den zehn Vorjahren nach. Nach den bezüglichen Tabellen stellt sich die diesjährige Anbaufläche für Weizen auf 2,047,884 Hektar, d. i. auf mehr als in irgend einem der zehn Vorjahre, vor denen das Jahr 1893 mit 2,044,103 Hektar die größte und das Jahr 1891 mit 1,885,283 Hektar die kleinste Weizenanbaufläche aufzuweisen hatten. Die Anbaufläche von Roggen hat im laufenden Jahre 5,953,595 Hektar betragen, sie bleibt an Umfang hinter den Anbauflächen der Jahre 1893 bis 1896 zurück, von denen das Jahr 1894 mit 6,044,568 Hektar den größten Roggenbau hatte, während im Jahre 1891 bei einer Fläche von 5,479,677 Hektar der Anbau von Roggen am kleinsten war. Die Anbaufläche für Hafer war am größten 1891 mit 4.154,683 Hektar und demnächst 1900 mit 4,121,021 Hektar, am kleinsten 1890 mit 3,904,020 Hektar. Ebenso war für Gerste die Anbaufläche int Jahre
„Auf den Schatz der Großmutter baute ich meinen Plan," kicherte Hedwig. „Sie zeigte mir denselben einmal, aber ich glaubte nicht, daß sie ihn herausgeben würde, freilich Dir zu Liebe thut sie ja alles."
Nach einigen Minuten stellten die Schwestern eine mächtige Truhe vor die Großmutter hin. Diese öffnete bedächtig mittels eines Schlüssels, der mit einem blauen Band an dem eisernen Henkel befestigt war, den gewölbten Deckel. Ein zarter Duft entströmte dem Kasten, und die alte Frau holte mit seltsam leuchtenden Augen ein leite knisterndes, schweres Atlaskleid hervor, von deffen glänzendem, blauen Grunde sich leuchtend eine reiche Silberst ckeret abhob. Fast andächtig strich sie mst den welken Fingern über das reiche, prächtige Gewand hin, das faltig und weit sich bauschte, als müßte es sich recht ausbreiten nach der engen Haft. Es war noch wunderbar erhalten, die echte Stickerei glänzte und funkelte im Licht der Lamp?, doch in der spitzen Schneppen- tatlle mußte einst eine zierliche, kindergleiche Figur gesteckt haben.
Julia stand und starrte auf die fchimmernde Pracht, dann schlug sie die Hände zusammen: „O Großmama, — wie schön, — und das, — das wolltest Du mir"--"
„®’ war einst, als mein seliger Mann um mich warb, mein höchster Staat, er hat es mir damals geschenkt, o da war ich wie ein glückliches Kind, und jung, und--"
Sie vollendete nicht, sondern kramte aus der Truhe noch ein zweites Kleid heraus, das zwar auch von schwerer Seide, doch lange nicht so kostbar wie das erste war. Aber damit hatte sich
1891 mit 1,780,540 Hektar und demnächst im Jahre 1900 mit 1,669,904 Hektar am größten, am kleinsten dagegen im Jahre 1893 mit 1,594,407 Hektar. Im laufenden Jahre waren insgesammt mit Getreide bebaut 14,109,740 Hektar, davon kommen auf Weizen und Spelz 16; 7 pCt., auf Roggen 42,2 pCt., auf Hafer 29,2 pCt. und auf Gerste 11,9 pCt. Im Jahre 1890 kamen von 13,680,851 Hektar Gesammtfläche 17 pCt. auf Weizen und Spelz, 42,5 pCt. auf Roggen, 28,6 pCt. auf Hafer und 11,9 pCt. auf Gerste.
h Der wirIHschaftkiche Ausschuß zur Vorbereitung der Handelsverträge besteht, wie bekannt, aus dreißig Mitgliedern. Von diesen gehören zehn der Landwirthschast, zwanzig der Industrie und dem Hande! an. Es ist deswegen vollkommen ausgeschloffen, daßdie Sonderintereffen der Landwirthschast in ungebührlicher Weise das Uebergewicht erhalten könnten über die Jntereffen der anderen Berufsstände. Von den zehn Vertretern der Landwirthschast entfallen sechs auf das nördliche und östliche und je zwei auf das westliche und südliche Deutschland. Die Vertreter von Industrie und Handel vertheilen sich gleichmäßig über das ganze Reich.
X KStet euch vsr der Hroßfladt. Von allen Seiten strömt der Zuzug seit Jahren nach den großen Städten. Namentlich Berlin übt eine mächtige Anziehungskraft aus: Tausende kommen angezogen, Tausende und Abertausende, in dem trügerischen Wahne, in Berlin liege das Geld auf der Straße, man brauche sich nur richtig zu bücken, um es aufzuheben. Von den Schattenseiten der großen Städte hört man nichts, oder man sucht möglichst bald wieder zu vergessen, was man von kundigen Leuten darüber hört. Ein Umzugstermin wie der letzte Vierteljahrswechsel ist so recht geeignet, ein abschreckendes Bild zu liefern von dem Jammer und dem Maffenelrnde, das nur zu häufig über den ärmsten Theil der Großstadtbewohner hereinbricht. Die Miethe ist nicht ganz bezahlt: der rücksichtslose Hausbesitzer in der Großstadt denkt nicht an Langmuth und Geduld. Gerade die Miethstafernen der armen Leute mit ihren unendlich vielen kleinen Wohnungen werfen die höchsten Erttäge ab, und da gilt es, diese Kühe zu melken, so sehr es nur immer möglich ist. Und da kommen sie nun angeströmt, die Obdachlosen, ihrer letzten Habe Beraubten, um im Asyl vorübergehende Unterkunft zu finden: in der Nacht vom letzten Dienstag zum Mittwoch war der Zulauf zu dem Berliner städtischen Asyl für Obdachlose so stark, daß Mittwoch Morgens in dem Asyl 327 obdachlose Familien mit 1366 Köpfen nntergebracht waren. Außerdem aber suchen noch Tausende Unterschlupf in Ställen, Schuppen, Kellern und Gartenlauben; und, wenn sie auch einen solchen Schlupfwinkel nicht finden, kampiren sie draußen im Freie» bei „Mutter Grün". In Charlottenburg haben diesmal that- sächlich viele Familien zwei Tage und zwei Nächte lang mit ihrer armseligen Habe auf der Straße gelegen, bis es der Stadtverwaltung gelungen ist, die Obdachlosen allmählich in allerhand von der Stadt zu diesem Zwecke schleunigst gemieteten Schuppen, Baracken und dergleichen unterzubringen. Ausstoßung aus dem Heim —
der Inhalt der Truhe noch lange nicht erschöpft. Hohe, spitze, seidene Hackenschuhe, Hüte, Bänder, Spitzen, — der ganze kostbare Kram, auf den die Großmutter einst so stolz war, wurde, nachdem er so lange Jahre unberührt hier gelegen, herausgeholt.
„O Großmutter, — ist das schön! rief Julia immer wieder, „ich möchte für mein Leben gern eines dieser Kleider probiren, — darf ich, — Großmamachen?"
Die Angeredete nickte blos. Ihr waren die Augen feucht geworden beim Anblick ihrer Schätze, an jedem Stück derselben hing für sie eine liebe Erinnerung.
Julia war rasch in den Staat der Großmutter geschlüpft.
„Es paßt, — es paßt wirklich, Großmama, sehe ich schön auä?J —
Die Alte batte die Hände im Schooße gefaltet, träumerisch starrte sie auf das liebliche Kind.
„So sah ich auch einst aus," flüsterte sie, nur nicht so dunkel war mein Gesicht, — ich war blond — nun bin ich weiß geworden."
„Du warst also kein Mohrchen," neckte Hedwig, die selbst erstaunt die Schwester betrachtete, und neidlos deren seltene Schönheit bewunderte.
Julia trippelte auf den hohen Absätzen im Zimmer umher, und betrachtete sich von allen Seiten, als plötzlich Jemand leise an das Fenster klopfte.
„Um Gotteswillen, wer mag das sein, es ist doch schon ziemlich spät!" rief Julia erschrocken.
Hedwig öffnete und sah hinaus.
„Wer ist da?"