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M 224.

Jutöcr, Samstag, dm 29. September 1900.

27. Jahrgang

Wochen-Rundschau.

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X Fulda, 29. September.

Der Appetit kommt beim Essen, und die Angaben über die Höhe der Kosten unseres Feldzuges in China wachsen mit unheimlicher Schnelligkeit. Vor einer Woche rechnete man aus, daß die Forderung der verbündeten Regierungeu in diesem Jahre etwas mehr als hundert Millionen betragen würde; und jetzt ist bereits davon die Rede, daß recht bald eine weitere Reichsanleihe von wiederum hun­dert Millionen ausgeschrieben und alsdann im .Inland« selbst begeben werden solle. Das kann also eine sehr fette Rechnung werden. In China selbst sind den Chinesen auch die Peitang-Forts ab­genommen worden, nördlich von Taku. Dabei haben sich namentlich die deutschen Truppen in hervorragen­der Weise ausgezeichnet, und jetzt weht die deutsche Flagge auf den Wällen des Forts. Feldmarschall Graf Waldersee ist am 22. September von Shanghai nach Taku .abgereist und inzwischen dort angekommen. Nunmehr wird der Entwickelungsgang der chinesischen Dinge hoffentlich bald ein schnellerer werden.

Der deutsche Vorschlag, der namentlich ans dem Grundsätze beruht, daß die schuldigen Rädels­führer bestraft werden müssen, hat im allgemeinen die Zustimmung der Mächte gesunden, so weit diese schon darauf geantwortet haben. Nur die Vereinigten Staaten von Amerika stellen sich die Sache an­ders vor und sprechen in einem an die Mächte gerich­teten Rundschreiben den Wunsch aus, die Bestrafung der Schuldigen möge der kaiserlichen Regie­rung von China selbst überlasten werden. Diese letztere würde sich tüchtig ins Fäustchen lachen, wenn die Mächte thöricht genug sein fällten, so zu handeln; »6er es ist nicht daran zu denken, und den ameri­kanischen Gegenvorschlag braucht man wohl gar nicht allzu ernsthaft aufzufassen. In den Vermisstaaten steht bekanntlich die Präsidentenwahl bevor, und da möchte nun Herr Mac Kinley sowohl seinen Freunden als auch seinen . Gegnern aller Chinesische recht machen. Daß aus ’ einer solchen Taktik nur Unmöglichkeiten ent­stehen können, versteht sich von selbst.

Der kaiserliche Hof will angeblich nie mehr nach der alten Hauptstadt Peking zurückkehren, da der Palast dort von den „Barbaren" entweiht worden sei. Es wurde berichtet, man wolle Nanking als zu­künftige Residenz auswählen. Dieses Vergnügen könnte man dem chinesischen Hofe Wohl gönnen; es ckommt nicht darauf an, ob die Regierung in Peking oder Nanking ihren Sitz hat. Wohl aber ist es un­erläßlich, daß ganz entschiedene Maßnahmen getroffen werden gegen die Möglichkeit der Wiederholung der Greuel des letzten Sommers; und in diese» Sinne wird hoffentlich Graf Waldersee den geeigneten Ein­fluß sich sichern und auch ausüben.

Gegen den Prinzregenten Luitpold von Bayern sollte angeblich ein Mordanfall geplantge- wese» sein. In dem Allgäuer Jagdgebiet des Prinz­regenten verhaftete man einen verdächtig aussehenden Landstreicher, bei dem man einen Revolver vorfand, aber keine Legitimationspapiere und kein Geld. Es war ziemlich thöricht, aus diesen Umständen gleich auf einen Mordanschlag schließen zu wollen, und so haben denn auch die angestellten Untersuchungen ergeben, i>aß es sich um einen „Landstreicher gewöhnlicher Art handelte", wie nachträglich durch einen Münchener Offiziosus gemeldet wurde. Das Gerücht ist anscheinend nur dadurch entstanden, daß der Prinzregent gerade in dem Gebiete jagte, in dem der Landstreicher auf­gegriffen wurde.

Ein politisch wichtiges Ereigniß ist aus Baden .zu verzeichnen. Ministerpräsident Eisen loh r ist zurückgetreten, und da dieser von jeher die Seele und der Leiter der badischen Regierungspolitik gewesen ist, fo konnte es nicht an allerhand Vermuthungen fehlen, es werde nunmehr eine Schwenkung in dieser Politik eintreten, eine Milderung des straffen Gegen­satzes, in dem bisher die badische Regierungspolitik immer zur katholischen Kirche und zu ihren Einrich­tungen und berechtigten Wünschen gestanden hat. Aber man sollte doch sehr vorsichtig sein in solchen Ver­muthungen. Vielleicht wird Herr Schenkel, der neue Minister des Innern, weniger schroff in seiner äußeren Form sein; aber im allgemeinen wird doch wohl nur eine andere Nummer desselben Fadens ge­sponnen werden. Dafür spricht auch ein umlaufendes Gerücht von dem Verlaufe einer Audienz, die Erz­bischof Nörber von Freiburg beim Großherzog hatte. Danach soll diese Audienz damit ihr Ende ge­funden haben, daß der Herr Erzbischof ein sehr hartes Wort zu hören bekam über die Haltung des Diözesanklerus; und das klingt doch sicherlich nicht nach Milderung der Grundsätze und nach Ver­söhnung.

Zwei Arbeitereinstellungen großen Stils haben ihr Ende gefunden: der Streik der Buchbinder in München, Leipzig und Berlin nach sehr kurzem Be­stehen und der Ausstand der Werftarbeiter in tamburg nach einer Dauer von dreizehn Wochen, ie Buchbinder, deren Ausstand mehr als zehntausend Personen umfaßt haben würde, wenn er voll zum Aus­bruche gekommen wäre, haben einige kleine Zugeständ- niffe erhalten und sind daraufhin vom Streik zurück- aetteten. Die Werftarbeiter in Hamburg haben die Arbeit wieder bedingungslos ausgenommen, nachdem ihnen zugefichert worden war, daß Maßregelungen

wegen des Streiks und Ausschließungen von ausstän­digen Leuten nicht stattfinden sollten. Das war wieder einmal einer der vielen Streiks, durch die vollkommen nutzlos für sich die Streikenden sich selbst argen wirth - schaftlichen Schaden zugefügt haben.

Der sozialdemokratische Parteitag in Mainz ist ziemlich bedeutungslos verlaufen. Am wichtigsten ist noch der Beschluß, daß die Sozialdemo­kratie in Zukunft pflichtmäßig an den preußischen Landtagswahlen sich betheiligen soll. Das be­deutet eine starke Aenderung in der Taktik der Partei. Aber man soll doch ja nicht glauben, daß damit irgend welche Aenderung in den sozialdemokratischen Grundsätzen zusammenhängt.

In unserem neuen Schutzgebiete Samoa sind von Gouverneur Dr. Solf die örtlichen Obrigkeiten ein­gesetzt worden. Dieselben bestehen aus Eingeborenen der Inseln, eine Maßregel, die sicherlich sehr verständig und nützlich ist.

Lebhaft entwickelt sich in Oesterreich die W a h l- bewegung. Von großer Bedeutung ist eine Erklä­rung des parlamentarischen Führers der katholi­schen Volkspartei, des Abg. Dr. Ebenhoch. Dieser hat für alle, die noch daran zweifelten, bündig und unzweideutig erklärt, daß auch die katholische Bolkspartei in Gemeinschaft mit den übrigen deutschen Gruppen gegen die tschechische Anmaßung Stellung nimmt. Redner in tschechischen Wählerversammlungen entblöden sich gar nicht mehr, kurz und bündig heraus­zusagen, daß sie die österreichische Verfassung stürzen und ein selbständiges tschechisches Königreich haben wollen. Vermuthlich werden die Tschechen auch in dem neuen Parlament bei ihrer alten Obstruktion ver­harren. Was dann werden soll, weiß natürlich heute noch Niemand.

Im serbischen Königshause herrscht große Freude: Frau Draga hat ihren Geburtstag gefeiert und Glückwünsche des Sultans mitsammt einem hohen türkischen Orden durch einen besonderen Abgesandten zugestellt erhalten. Im übrigen teert) en immer neue traurige Einzelheiten bekannt über die unglaublichen Mißstände innerhalb der serbischen Regierung: Mi­nister und ihre Vertrauten fälsche» Dokumente und unterschlagen große Summen mit einer Fertigkeit und Fixigkeit, die an die gewandtesten Taschendiebe einer Großstadt erinnert. Der letzte Ministerpräsident soll am Tage seines Abschieds aus dem Ministerium noch 60,000 Franken als Schmerzens- und Reisegeld sich aus der Staatskasse mitgenommen haben! Was aus dem Konflikte zwischen Rumänien und Bulgarien werden wird, ist noch unklar. Gerüchtweise verlautet, die ganze Angelegenheit solle dem deutschen Kaiser als Schiedsrichter unterbreitet werden.

Einen schweren Verlust hat das spanische Königshaus durch den Tod des Generals Mar­tinez ^Campos erlitten. Der Verstorbene war einer der treuesten und einflußreichsten Freunde der Dynastie; er war der „Königsmacher" des früheren Königs Alfons XII., den er im Jahre 1874 den Car­listen zum Trotze als Herrscher ausrufen ließ.

Präsident Krüger .von Transvaal hat den afrikanischen Boden verlassen und reist als Ehrengast eines niederländischen Kriegsschiffes nach Holland, wo ihm ein Empfang tote einem regierenden Staatsober­haupt« bereitet werden soll. Die englische Regierung hat sich alle Mühe gegeben, das zu verhindern; aber die Holländer haben kurz und kühl erwidert, England möchte seinen Protest lieber zurückziehen, sonst würde man in Holland einfach zur Tagesordnung über­gehen — eine bittere, aber gute Lehre für das „stolze Albion."

< Allgemeine Viehzählung.

Auf Beschluß des Bundesraths vom 17. März ds. Js. findet im Deutschen Reiche am I. Dez. ds. Js. eine allgemeine Viehzählung statt, mit welcher im preußischen Staat die gleichfalls vom Bundesrathe angeordnete Obstbaumzäh­lung verbunden ist. Die halbamtliche .Berliner Korrespondenz" schreibt dazu:

Wie bei früheren Zählungen, so wird es vor- ausfichtlich auck diesmal gelingen, Personen zu gewinnen, die sich dem Zählgeschäfte ohne An­spruch aus eine Vergütung unterziehen. Zu diesem Zwecke empfiehlt es sich, wie der Minister des Innern in einer Verfügung an die Regie- rungr Präsidenten ausführt, die Staats- und Ge­meindebeamten, insbesondere die Lehrer, zur Betheiligung an der Zählung anzuregen. Die örtliche Ausführung der Zählung ist Sache der einzelnen Gemeinden und Gutsbezirke, und diese sind verpflichtet, die durch die Annahme von Zählern etwa entstehenden Kosten zu über­nehmen. Vergütungen an Zähler können weder aus der Reichs- noch aus der Staatskaffe bean­sprucht werden.

Der Tag der Vieh- und Obstbaum- zählung sowie die AuSführungsbestimmungen dazu find durch Bekanntmachung in den Amts­und Kreisblättern, durch Besprechung in den Ge­meindeversammlungen sowie in den Schulen und auf andere geeignete Weise zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Der unter der Bevölke- rung noch immer verbreiteten irrthümlichen An­nahme, daß derartige Aufnahmen zu irgendwel­chen steuerlichen Zwecken erfolgen, ist nachdrück­lich entgegenzutreten.

Nach L tz 5 der Anweisung D bilden mili­tärische Anstalten und Baulichkeiten stets besondere Zählbezirke. Es empfiehlt sich.

die Ausführung des Zählgeschäftes in solchen Bezirken thunlichst den mit der Leitung der An­stalten rc. betrauten Militärbeamten zu über­tragen. Für die Schlachthäuser, Hafenanlaaen, mit Obstbäumen bepflanzten Chauffeen, Eisen­bahndämme sowie für die Deiche sind die zustän­digen Behörden zu ersuchen, geeignete Beamte für die Ausführung der Zählung zur Verfügung zu stellen.

Durch die Anordnung, daß von den Zählern zwei Stück der Zählerkontrollisten und von den OctSbehörden drei Stück der Orts­listen auszufertigen sind, von denen je eines bei der OrtS- bez». der OrtS- und der KreiS- behörde verbleibt, ist diesen Behörden die Mög­lichkeit gegeben, den Viehstand, sowie den Bestand an Oöstbäumen für ihr Gebiet noch vor Vollen­dung der Aufbereitung und Veröffentlichung der ZählungSergebnisse durch daS Königliche Statistische Büreau festzustellen und für verschiedene wirth- schastliche Fragen zu vrrwerthen.

Alle Anordnungen, welche int Allgemeinen und noch den besonderen Verhältnissen der ein­zelnen Bezirke geeignet erscheinen, die pünktliche und genaue Ausführung der Zählung sicherzu­stellen, sind thunlichst bald zu treffen. Insbe­sondere ist darauf Bedacht zu nehmen, daß Ver­anstaltungen, welche die ordnungsmäßige Aus­führung der Vieh- und Obstbaumzählung in einzelnen Orten gefährden könnten, am ZählungS- tage ^unterbleiben. Die Besitzer (Pächter, Ver­walter rc) der Gehöfte, Pflanzungen, Gärten, Aecker, Wiesen, Deiche, Chauffeen, Eisenbahn­dämme rc. sind auszufordern, die Anzahl der auf oder an diesen Oertlichkeiten stehenden Obst­bäume gesondert nach den in den Listen vor­gesehenen vier verschiedenen Gattungen baldigst zu ermitteln, damit sie dieselbe am 1. Dezember d. Js. richtig in die Zählkart« ein­zutragen vermögen.

Sollte der Inhalt der Zählpapiere oder der Ausführungsbestimmungen rc. zu Zweifeln An­laß geben, so sind die Regierungspräsidenten an­gewiesen, alsbald mit dem Königlichen Statistischen Büreau in Verbindung zu treten, das angewiesen ist, die betreffenden Anfragen erforderlichenfalls dem Minister zur Kenntniß und Entscheidung zu bringen.

Die den Aufnahmebehörden für diese Zählung gesetzten Fristen sind pünktlich innezuhalten. Eoenso sind alle erforderlichen Vervollständigungen und Berichtigungen der Zählpapiere sofort vor­zunehmen, sowie etwaige Rückfragen des König­lichen Statistischen Büreaus mit größter Be­schleunigung zu erledigen.

Den an das Königliche Statistische Büreau einzureichenden Kontrollisten und Ortslisten ist wegen der von der Volkszählung getrennten Be­arbeitung auch für die Vieh- und Obstbaum­zählung ein Verzeichniß sämmtlicher zum Kreise gehöriger Städte, Landgemeinden und Guts­bezirke anzuschließen. Die sorgfältige Aufstellung dieses Verzeichniffes ist den Kreisbehörden mit dem Hinzufügen zur besonderen Pflicht zu machen, daß bei zweifelhaften oder verwickelten Verhält- niffen die zur Aufklärung dienenden Erläuterungen nicht fehlen dürfen.

Ueber die Wahrnehmungen bei der be­vorstehenden Vieh- und Obstbaumzählung ist dem Minister bis zum 1. März 1901 zu berichten.

Bei den Freidenkern.

Der bekannte national-soziale Publizist Herr H. v. G erlach, der Verleger der,Hess. Landes- ztg." in Marburg, hat in der vergangenen Woche in Paris den Kongreß der Freidenker be- sucht und gibt darüber in seinem Blatte folgen­den intereffanten Bericht:

Paris, 21. September.

Unter den 4—6 Kongreffen, die während der Ausstellungszeit täglich in Paris stattfinden, be­fand sich diese Woche auch einer der Freidenker. Die Freidenker-Gesellschaften, die hier auf's engste mit der Freimaurerei zusammenhängen, haben einen gewiffen Einfluß, weil sie die Fahnenträger der antikatholischen Heerschaaren sind. Ich hatte von ihnen bisher nur aus den französischen Zei­tungen gehört und mir danach ein wenig günstiges Urtheil gebildet. Wußte ich doch, daß sie z. B. an jedem Lharfreitage ein Mahl zur Verspottung des hl. Abendmahles abhaften, dabei ein Schwein schlachten und es an's Kreuz nageln. WaS ich jetzt mit meinen eigenen Ohren gehört habe, das hat meinen Ekel gegen diese Gesellschaft voll ge­macht. Jeder anständige Atheist muß sich einer Sorte von Leuten schämen, die im Namen der Geistesbefreiung daS ungeheuerlichste in Knechtung leisten.

Der Kongreß fand im Grand Orient statt, in dem prächtigen Hause der bekanntesten französi­schen Freimaurerloge. Der Besuch war kläglich. In einem Riesensaale verloren sich etwa 70Dele- girte, darunter vielleicht 10 Ausländer. Die

„Jnternationalität" des Kongreffes bestand, wie bei fast allen „internationalen" Kongreffen in Frankreich, darin, daß ausschließlich in französi­scher Sprache über rein französische Dinge ver­handelt wurde. Die Herren Ausländer (aus Deutschland war ein Fräulein Altmann da) bil­deten lediglich Staffage. Was alles verhandelt wurde, weiß ich nicht. Ich kam am Dienstag Nachmittag her, nachdem bereits 2'/» Verhand­lungstage vergangen waren, und fand, daß man gerade mit der Spezial-Diskussion des ersten Gegenstandes begann. Die andere Zeit hatte man ausschließlich damit zugebracht, sich mit einer Heftigkeit zu zanken, als wenn man sich auf einem Friedens-Kongreß befände. Ich würde mir dieses Urtheil nicht erlauben, da ich ja nicht dabei ge­wesen war, wenn es nicht die Präsidentin selbst ausgesprochen hätte. Auch am Dienstag ging es so lebhaft zu, daß die Sitzung vertagt werden mußte, damit man sich nicht in die Haare geriech.

Um den Geist der Versammlung zu kennzeich­nen, will ich einige seiner Beschlüsse anführen:

In jedem Lande soll ein VerttauenSmann deS Freidenker - Verbandes eingesetzt werden, der die Pflicht hat, alle Skandale, in die Geistliche verwickelt sind, dem Central-Organ mitzutheilen, damit für ihre internationale Verbreitung gesaugt werden kann. (Internationale Kloake.)

Jeder Priester, der politische oder soziale Ver­einigungen, sozialpolitische Kurse oder Aehnliches in's Leben ruft, soll der Verwaltungs - Behörde zur Bestrafung an gezeigt werden. (Obligatori­sches Denunzirungs-System)

Priester dürfen auf der Straße ihre AmtS- tracht nicht tragen (Polizeiliche Kleiderordnung).

Die Freiheit des Unterrichts ist zu bo- seitigen. Jeder Mensch darf unterrichten, nur der Priester nicht (Schaffung moderner Parias).

In diesem Sinne folgte Beschluß auf Beschluß. Nur einige Male wurde es einigen Ausländer« zu bunt. So, als beantragt wurde, dem Bürger­meister von Lyon ein Glückwunschschreiben zu schien, weil der Biedermann bestimmt hat, daß in der Stadtverwaltung kein Beamter angestellt werden dürfe, der eine konfessionelle Schule besucht hat. Der sozialdemokratische Abgeordnete Furns- ment aus Belgien protestirte lebhaft gegen diesen Antrag. Das hieße, meinte er, die Erbsünde von Freidenkerseite aus einführen. Denn was könne das Kind dafür, daß die Eltern es in die kon­fessionelle Schule geschickt hatten? Man dürfe doch nicht erwachsene Menschen wegen der Thaten ihrer Eltern für alle Zeiten ächten! Uebrigens, wenn die Freidenker so unduldsam vorgingen, so legitimirten sie damit jede Unduldsamkeit seitens klerikaler Stadtverwaltungen. Die Katholiken Belgiens könnten sich von jetzt an mit gutem Grunde auf den internationalen Freidenkerkongreß berufen, wenn sie ihrerseits die Vorbildung auf der konfessionellen Schule für bestimmte Stellen verlangten.

Man sieht, Herr Furnement ist zwar ein politisch wie religiös gleich radikaler Herr, aber er besitzt Logik und gesunden Menschenverstand. Gerade das jedoch war lediglich Ballast für den Freidenkerkongreß. Ein ehemaliger katho­lischer Geistlicher Namens Charbonnel, schon äußerlich der Typus des glühenden Fanatikers, stürzte sich auf Furnöment und schlachtete ihn nach allen Regeln der Kunst ab. Duldsamkeit? „Die Republikaner sind viel zu lange duldsam gewesen. Das muß endlich aufhören!" Liberalismus? „Morgen werden wir liberal sein. Heute müssen wir Fanatiker (aectairer) sein!" In der Tonart ging es fort. Und die Versammlung jauchzte dem in Unterdrückungstiraden schwelgenden Antipfaffen zu, der mit seinen glühenden Augen und seinen verzerrten Gesichtszügen einem Maler ein wunder­bares Modell für einen scheiterhaufenbauenden Ketzerrichter allgegeben hätte.

Haß und Unfruchtbarkeit, das waren die beiden Kennzeichen des Kongreffes. Ein anverer ehemaliger Geistlicher, Boullier, ging in seinen Anklagen gegen den Katholizismus so weit, daß er erklärte: „Jeder Mensch, der eine protestantische oder jüdische oder buddhistische Schule besucht hat, kann normal fein. Wer auf einer katholischen Schule war, dessen Geist ist für immer entartet." Die Unfruchtbarkeit zeigt sich darin, daß man zwar in Vorwürfen gegen die katholischen Krankenschwestern, die katholischen Arbeitervereine, die katholischen Volksschulen rc. sich gar nicht genug thun konnte und immer wieder zu ihrer Unterdrückung aufforderte, aber daß man außer Stande war, auf erfolgreiche freidenkerische Segengründungen zu verweisen. Wenigstens auS Frankreich schien nicht derartiges zu vermelden zu sein. Zerstören wollte man alles, waS die Kirche aufgebaut hat. Was man an die Stelle setzen könne, darüber schien man eine Berathung für unnöthig zu halten.

Ich hielt es für überflüssig, diesen Berathungen weiter beizuwohnen. Bon don Leuten wußte ich genug. Ts wäre wirklich schade um die Zeit