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mit Zlnlerhattungs-Meilage „Ilkustrirte Sonntags-Zeitung!' "■* pelereg-Se Nr. i lDarmoniel.

M 218.

27. JahrgMg.

IuLöcr, Samstag, dm 22. September 1900.

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten^

X Fulda, 22. September.

Jetzt hat man ungefähr eine Vorstellung davon bekommen, was uns der China-Feldzug in diesem Jahre kostet. Die Reichsanleihe, die der Herr Reichsschatzsekretär ausgenommen hat durch die Dis- kontogescllschafl in Berlin, gibt uns den nöthigen Auf­schluß darüber. Die Anleihe, für die Schuldverschrei­bungen des Reiches ausgestellt worden sind, beträgt 80 Millionen Mark; und da nun 30 Millionen Ueberschuß vorhanden waren, wird man wohl nicht falsch rechnen, wenn man die 80 und die 30 Millionen zusammenaddirt, um auf die Höhe der Kriegskosten zu kommen. Das ist ein recht artiges, oder eigentlich schon recht unartiges Sümmchen; und dann bleibt die Frage übrig, was für weitere Kosten uns die Zukunft bringen wird. Denn voraussichtlich werden auch dann noch fremde Garnisonen in China nöthig sein, wenn die eigentlichen kriegerischen Verwickelungen ein Ende erreicht haben werden. Wann das aber der Fall sein wird, darüber hat man heute noch keine Vorstellung. Nach neueren Telegrammen sollen neue kriegerische Ereignisse im südlichen China bevorstehen. Na­türlich müssen die Herren Chinesen uns einen Theil dieser Kriegskosten ersetzen. Aber da andere Mächte denselben Anspruch an China erheben werden, wird die Zeitdauer, auf die die Rückgabe sich erstrecken wird, eine recht lange sein. Ein gutes Geschäft wer­den wir also mit unserem Chinafeldzuge auf keinen Fall machen. Auf der anderen Seite dürfen wir nie­mals vergessen, daß die Reichsregierung kaum anders handeln konnte, als sie gehandelt hat. Alle Kultur­staaten haben die unabweisbare Pflicht, alles aus­zubieten, um in China wieder Ruhe und Ordnung zu schaffen; und Deutschland hat außerdem noch die trau­rige Pflicht, die Mörder seines Gesandten zu bestrafen, die Mörder und ihre Anstifter. Einen Mann hat man gefangen genommen, der die Uhr des Freiherrn von Ketteler zum Kaufe ausbot, und dieser Mann hat sich als der Mörder des Gesandten ausgegeben. Er behauptet, diesen letzteren gar nicht gekannt und auf höheren Befehl gehandelt zu haben. Es ist aber sehr fraglich, ob der Mann die Wahrheit redet. Nicht mehr fraglich aber ist es, daß die Kaiserin- Wittwe von China bei allen begangenen Scheuß­lichkeiten, auch bei der Ermordung des deutschen Ge­sandten, die Hand im Spiele gehabt hat; noch mehr, daß sie beabsichtigte, alle fremden Gesandten ermorden zu lassen. Und sie verdient daher auch persönlich exemplarische Bestrafung. Wann die an gekündigten, sogenannten Friedensverhandlungen in Peking beginnen werden, ist noch völlig unbestimmt. Vorläufig ist Li- Hung-Tschang noch lange nicht dort. Angeblich sollte er schon mehrmals dorthin aufgebrochen sein. Aber noch jedesmal wurde die Nachricht hinterher wider­rufen. In ein neues Stadium ist die Chinafrage ge­treten durch den von Deutschland den in China interessirten Mächten unterbreiteten Vorschlag, wonach Deutschland nur dann gewillt ist, die Friedensver­handlungen zu beginnen, wenn eine exemplarische Be­strafung der notorisch Schuldigen erfolgt sein wird. Es ist aber noch zweifelhaft, ob alle Mächte China so stark am Kopfe zerren wollen, als Deutschland es für wünschenswerth findet.

Von verschiedenen Seiten ift getadelt worden, daß die Reichsregierung durch die Vermittelung der Ber­liner Diskontobank den ausländischen, nämlich den amerikanischen Geldmarkt aussuchte zur Begebung der Anleihe. Dieser Tadel ifi nicht berech­tigt. Man sucht das Geld da, wo es im entsprechen­den Augenblick am leichtesten und deswegen auch am billigsten zu bekommen ist, wenn nicht besondere Er­wägungen dagegen sprechen; und dies war gegenwär­tig in Amerika der Fall. Nur ist es sehr zu be­dauern, daß die Regierung sich nicht vorher mit dem Reichstage über die Aufnahme der Anleihe auseinander gesetzt hat, und zwar deswegen, weil der Argwohn nahe liegt, die Regierung habe planmäßig so gehan­delt, um zu beweisen, daß sie auch ohne Reichstag fertig werden könne. Es wird die Pflicht der Re­gierungsvertreter sein, im Reichstage genauen Auf­schluß darüber zn geben. SB mit dies wird möglich sein, ist noch immer vollkommen ungewiß; denn es ist noch nicht annähernd bestimmt, wann die Verhand­lungen des Reichstages wieder ihren Anfang nehmen sollen. Alle bisher darüber erschienener^Zeitungsmel- dungen beruhen auf Bermuthungen und haben keinen Anspruch auf Zuverlässigkeit.

Das sächsische Königshaus ist von einem schweren Verluste betroffen worden. Prinz Albert von Sachsen hatte am letzten Sonntag an der Familientafel im königlichen Schlosse Pillnitz theil- genommen und wollte von dort mit dem Wagen nach seinem Manöverquartier in Wölkau bei Nossen zurück­fahren. Auf der Straße wurde das Gefährt des Prinzen von einem im Galopp daherkommenden Wagen überholt. Die Pferde scheuten. Der Wagen sauste an einen Prellstein an, wodurch nun der Prinz aus dem Wagen geschleudert wurde, und zwar so un­glücklich, daß er dabei schwere Verletzungen erlitt. Um 11 Uhr 20 Minuten in der Nacht darauf verschied der Prinz in einem Gutshofe in Wölkau infolge der Schädelbruches, den er bei dem Falle erlitten hatte. Die feierliche Beisetzung hat am Mittwoch in der Dresdener Hofkkrche stattgefunden.

An demselben Tage ist in München Prinz Heinrich von Hessen aus dem Leben geschieden,

nachdem er längere Zeit schon gekränkelt hatte. Der Prinz gehörte ehedem der preußischen Armee an und machte mit dieser die Kriege von 1866 und 1870 und 1871 mit. Zuletzt war er Kommandeur der 14. Ka­valleriebrigade in Düsseldorf.

Unmittelbar nach der kaiserlichen Verfügung, durch die das österreichische Abgeordnetenhaus aufgelöst wurde, hat in Oesterreich die Wahlbewegung begonnen, und zwar so heftig, daß man während der bevorstehenden nächsten Zeit wahrscheinlich noch allerlei Unliebsames erleben wird. Natürlich sind es vor allen Dingen die Tschechen, die gleich von Anfang an die Wahlagitation mit wilder Leidenschaft betreiben. Hat es doch einer ihrer Führer vom radikalen Flügel fertig gebracht zu behaupten, angesichts der „Be­drückung" des tschechischen Volkes sei es dessen Pflicht, an dem Umstürze der Verfassung zu arbeiten und die Selbständigkeit der böhmischen Länder herbeizuführen! Leider gewinnt diese radikale Richtung bei den Tschechen immer mehr die Oberhand. Verschiedene ihrer bis­herigen, mehr gemäßigten Abgeordneten wollen gar kein Mandat mehr annehmen, darunter der frühere Vorsitzende des parlamentarischen Tschechenklubs, Dr. Engel. In Galizien aber, wo Kaiser Franz Joseph nach der Beendigung der Kaisermanöver in Jaslo mehrere Abordnungen empfing, wandte sich der Monarch an einen der ebenfalls erschienenen Abgeord­neten mit dem trostlosen Worte, es sei leider keine Hoffnung vorhanden, daß es besser werde; und doch sei die Auflösung des Abgeordnetenhauses und die Ausschreibung der Neuwahlen das letz'te verfassungsmäßige Mittel, das die Regierung anwenden könne . . . Und dann? Oesterreich geht augenscheinlich einer Zukunft entgegen, die noch beweg­ter sein wird, als es die Gegenwart ist!

Glänzend hat die Kaiserstadt Wien einen seltenen Gast empfangen, Na fr Ed bin, -ben Schah von Persien. 28 Bataillone, 11 Schwadronen und 22 Batterien in voller Parade bildeten Spalier auf der prächtigen Ringstraße, durch die Kaiser Franz Joseph mit seinem Gaste beim Empfange im sechsspännigen Hofwagen fuhr.

Außerdem ist noch ein wichtiges Ereigniß anderer Art aus Oesterreich zu verzeichnen: Frauen dürfen fortan an österreichischen Universitäten unter denselben Bedingungen dieHeilkunde studiren wie Männer, und ebenso werden von jetzt ab Frauen auch in Oester­reich zum Apothekerberufe zugelaffen.

In Schweden ift Ministerpräsident Boström von seinem Amt« zurückgetreten, das er ungewöhnlich lange, nämlich seit dem Juli 1891 inne gehabt hat. Herr Boström war stets ein Freund einer ausgleichen­den Politik. Wäre es nicht so gewesen, dann würde sicherlich seine Amtsführung nicht ohne schwere Zwiste mit dem rabiaten Norwegen abgelaufen sein. Daß das dennoch der Fall ist, muß als ein rühmens- werthes Zeugniß gelten für das Geschick des Herrn Boström, an unangenehmen Konflikten vorbei zu lawiren. Von jetzt ab wird das nicht leichter sein als bisher. Denn wenn auch in dem neu gewählten norwegischen Parlamente die Linke um einige Sitze schwächer sein wird, als in dem früheren, so sind doch die ganz radikalen Elemente stärker geworden; und im ganzen genommen hat die Linke auch in dem neuen Storthing eine starke und sichere Mehrheit. Der Nachfolger des Herrn Boström, Admiral Frhr. v. O ffer, wird also ebenfalls seine liebe Noth mit den norwegischen Brüdern haben. Alt genug ist er frei­lich, um nicht mehr unvorsichtig zu sein. Er zählt bereits 67 Jahre. Der leitende politische Kopf im Ministerium wird voraussichtlich der Minister des Innern werden, Herr von Krusentjerna.

Die belgische Regierung beschäftigt sich, wie behauptet wird, mit einer Reorganisation des Heeres, ohne dabei noch an die Einführung der allgemeinen persönlichen Dienstpflicht zu denken, die man nunmehr als unausführbar ansieht. Nach dem neuen Plane soll allgemeiner persönlicher Dienst nur im Kriegsfälle geleistet werden. In Friedenszeiten soll die Stellvertretung beibehalten werden, jedoch mit der Einschränkung, daß diejenigen, die sich vertreten lassen, auch drei Monate hindurch den praktischen Dienst kennen lernen, ohne in der Kaserne zu wohnen. Bei der Infanterie soll die Dienstzeit zwei, bei der Reiterei drei Jahre dauern.

Die Pariser Weltausstellung naht ihrem Ende, und damit geht auch die Schonzeit des französi­schen Ministeriums zn Ende. Alsbald nach Schluß der Ausstellung soll die Deputirtenkammer wieder mit ihren Sitzungen beginnen, und dann wird es an Angriffen gegen die Herren Minister nicht fehlen. Man bereitet sich bereits darauf vor.

Eine häßliche Anarchistenthat ist gegen einen Geistlichen in Frankreich verübt worden, gegen den Leiter des Waisenhauses in Douvaine im Departement Hochsavoyen. Der Thäter verletzte den Geistlichen tödtlich durch einen Dolchstich. Es ist wiederum ein italienischer Anarchist. Man fand bei ihm Bild­nisse des Kaisers von Oesterreich und des Präsidenten Loubet.

Das britische Parlament ist aufgelöst durch eine Verordnung der Königin vom 17. September. Die Auflösung gilt vom 25. September ab; das neue Parlament soll bereits am 1. November zusammen­treten. Die Regierung will eine noch stärkere Mehr­heit im Parlamente gewinnen, als bisher. Sie will eine starke Unterlage bekommen für ihre südafrikanische Beutepolitik, und sie wird sie leider bekommen, daran ist kein Zweifel. Auch die Liberalen stehen in dieser Frage zum größten Theil zu der Regierung, und so wird auch der letzte Verzweiflungsschrei ohne Wirkung verhallen, den die Buren in Gestalt einer Kund­gebung an die Mächte gerichtet haben. Präsident Krüger ist au« Transvaal abgereist und begibt sich nach Europa. Seine Landsleute kämpfen den letzten Kampf mtt dem Muthe der Verzweiflung gegen einen

grausamen Feind: Feldmarschall Roberts hat das Standrecht verhängt über das ganze Land, jeder Bur, der gegen England ficht, kann erschossen 'und seines Eigenthums beraubt werden . . . Schmach des Jahr­hunderts !

Römische Briefe.

XXXXII.

□ Rom, 16. September 1900.

In den letzten Tagen hat eine Meldung aus Rom die Runde durch die auswärtigen Blätter gemacht, nach welcher große Aufregung in „vati­kanischen Kreisen" herrschen soll wegen anarchi­stischer Drohungen und sogar wegen eines Kom­plotts gegen das Leben Leo XIII. Auch sollte, der betnffenden Meldung nach, ein Cirkular an alle italienischen Bischöfe erlassen worden sein, damit dieselben ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Persönlichkeiten ihrer eventuellen Pilger richteten. Ai allen diesen Sensationsnachrichten ist selbstverständlich kein Wort wahr. Dahin­gegen muß man allerdings bekennen, daß trotz aller Garden und Ordnungsmaßregeln die Person des Papstes fast gar nicht geschützt ist. Denn ehe die allgemeine Ordnung in der Peterskirche bei Gelegenheit der großen Ceremonien, wie wir sie besonders während des gegenwärtigen Jubi­läumsjahres empfunden haben, nicht einer sehr gründlichen Reform unterzogen wird, ehe nicht Vor­kehrungsmaß ezeln gegen den Billetverkauf und gegen die Fälschung der Eintrittskarten er­griffen werden und ehe nicht der Ordnungsdienst im Kirchenrnnern und an den Thoren wirklichen Beamten vertraut wird, ist es thatsächlich ein Leichtes für Jedermann, sich Zutritt zur Peters­kirche zu verschaffen. — Für das vom Studenten­kongreß beschlossene „internationale Jahrbuch" wurden dem vorbereitenden, permanenten Komitee von einem ungenannten Gönner 1000 Mark ge­spendet. In genau" trs Komitee, in welchem 3 Italiener, 2 Belgier. 2 Spanier und ein Franzose sitzen, wurden als Oe st er reicher die Studenten Gschladt von der Wiener Rudolfina und Dermastia von der Wiener Danica, als Deutsche Anton Kayser, VorortSpräsident der Bonifatius- Einigung sowie Rudolf Mayer von der Aenania in München, als Schweizer die Studenten Hans Müller aus Fribourg und Hans Meyrr auS Basel gewählt. Diese Delegirten wurden im Verein mit noch einigen italienischen und auswärtigen (Kommilitonen am 12. d. M. von Leo XIII. im Thronsaal in Privataudienz empfangen. Un­mittelbar nach diesem Empfange wurde Leo XIII. in der Sala Clementina von den Alumnen des bischöflichen Seminars von Crema begrüßt, worauf er sich in die Peterskirche begab, um den dort ihn erwartenden 15,000 Pilgern aus dem Norden deS Königreichs den Apostolischen Segen zu ertheilen. Unter den in der Basilika an der Spitze ihrer Diözesanen anwesenden Kirchenfürsten befand sich auch der in letzter Zeit so viel ge­nannte Bischof Bonomelli von Cremona, welcher bekanntlich das „Gebet der Königin Mar­garethe" approbirt und veröffentlicht hatte, dafür aber desavouirt wurde. Der Bischof wurde gestern von Leo XIII. in längerer Privataudienz empfangen.

Nach Beendigung der am 23. und 30. dieses Monats und am 7. Oktober angesetzten Selig­sprechungen dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach ein Wechsel in der Person des Ritenpräfekten eintreten. Der bisherige Propräfekt, Kardinal Aloisi würde sich dann mit seinem Posten als Prodatar begnügen und in der Person des ehe­maligen Nuntius in Paris, Kardinal Frrrata einen Nachfolger erhalten.

Dem rühmlichst bekannten P. Zocchi von der Civilis Cattolica wurde eine große Ehrung seitens Leo XIII. zu Theil. Er erhielt nämlich dieser Tage ein päpstliches Breve, worin der Papst er­klärt, daß er den P. Zocchi bereits seit langer Zeit zu den bedeutendsten Vorkämpfern für die Sache der Wahrheit zähle und auch sonst in den schmeichelhaftesten Ausdrücken der Verdienste des auch als Kanzelredner hervorragenden Jesuiten- paters gedenkt.

In Jvrea fand die von etwa 40000 Katho­liken besuchte Weihe der Kolossalstatue Christi, welche für den Gipfel des Mombarone bestimmt ist, mit großer Feierlichkeit durch den Kardinal-Erzbischof von Turin statt. — Unter den vielen Unzuträglichkeiten, welche die Trauer­feiern für den verstorbenenKönigH umbert imGe folge gehabt und noch immer haben, hat diejenige in Andria wohl die größten Dimensionen angenommen. Anfangs hieß eS allgemein, daß der dortige Bischof aus dem Grunde die Absolution vom Throne aus, anstatt wie allgemein üblich, am Tumulus gegeben habe, weil gegen sein Verbot verschißene Fahnen und Inschriften in die Kirche getragen wären. Dem Bischöfe wurden in Folge dessen viele Sympathiebeweise auS dem klerikalen Lager zu Theil, die Regierung eher

sperrte ihm sein Gehalt und zwar zu Gunsten ärmerer Geistlicher. Nunmehr hat der Bischof ein Zirkular an feine Diözesanen erlaffen, in welchem er die Fahnenangelegenheit gar nicht berührt und sein Benehmen bei der Absolutions- ertheilung mit seiner Furcht vor einer gegen seine Person gerichteten feindseligen Demonstration zu entschuldigen sucht. Es bleibt abzuwarten, ob der Kultusminister sich durch diese neue Les­art bewegen läßt, die Sperre wieder aufzuheben.

Zu vielen Kommentaren gibt der Umstand Veranlaffung, daß unser junges Königspaar in Rom sich denjenigen Theil des Quirinals als Wohnung einrichten läßt, welcher erst später (nach 1870) zum Palast hinzugezogen wurde und eigentlich nicht zum früheren päpstlichen Sommer- palast gehört. Die von Humbert I. bewohnten Gemächer werden bis auf Weiteres unbewohnt bleiben. Auch die Wohnung des deutschen Kaisers, das „Appartamente dell’ Imperators" bleibt unangerührt.

Gin Deserteur.

Von der ersten Grenadier-Kompagnie ist die Meldung eingelaufen: Der Grenadier Walter, einer der bravsten Leute des Regiments, fehlte seit zwei Tagen, und man vermuthete, er sei aus Heimweh desertirt.

Oberst Strengau wendet kopfschüttelnd das Blatt hin und her: „Hm! Hm! Dieses Heim­weh! Daß doch oft die besten Burschen solchen Narrheiten huldigen! Skandal! Als ob der Soldat eine andere Heimath haben könne und dürfe, als seine Fahne!"

In diesem Augenblick tritt der Kommandant der ersten Grenadier-Kompagnie ein und meldet, das der Deserteur soeben eingebracht werde.

„Herr Oberst," spricht der Hauptmann, „ich habe den Mann auf meine Verantwortung vor­erst nicht ins Arrestlokal, sondern nur aus'S Wachtzimmer setzen kaffen."

Der Alte mißt den Hauptmann mit er­stauntem, aber nicht unfreundlichen Blick und fragt: „So? Hm! und warum thaten Sie das?"

„Herr Oberst, ich dachte, es könnte vielleicht in Ihrer Absicht liegen, diesen sonst so braven Grenadier vor dem Kriegsgericht und entehrender Strafe zu bewahren —"

„Dachten Sie das? Hm! wissen Sie, Herr Hauptmann, daß ich genau dasselbe dachte, und daß ich Ihnen dankbar bin? Lassen Sie mir doch diesen immensen Heimwehschädel sogleich vorführen und zwar ohne Eisen."

Wenige Minuten später stand der Deserteur vor dem Obersten. Er ist ein frischer, treu­herziger Sohn ter Berge und blickt furchtlos in das Auge des Gewaltigen.

„Hm! Du wolltest heim? wie?" fragte der Oberst mit strengem Blick.

„Ja, Herr Oberst — es hat mi nimmer glitten!"

„So? Und warum hat es Dich nimmer ge­litten ?"

„Ach, Herr Oberst, zwei Jahr lang hab’ ich's standhaft ertragen, hab' ohne Straf' ehrlich und treu gedient, derweil mein Herz sich gesehnt hat nach meinen Bergen, wie das Kind nach der Mutter! Und wann's Heimweh dann gekommen ist mit all' seinen Schmerzen, so hab' ich's tapfer niedergekämpft, und hab' mich vertröst! auf den Tag der Befreiung. So ist's zum dritten Mal Frühjahr 'worden, und ich hab' wieder Tag und Nacht an meine Berg' denken müssen, wo jetzt die Vögel singen und die Buben und Madel jodeln — ach, Herr, da hab' ich kein' anderen Gedanken mehr gehabt, als an meine Hrimath, und ich hab' fort müffen, fort, und wär's auch in den Tod 'gangen!"

Schweigend und aufmerksam hatte der Alte auf den athletischen Burschen geblickt, der immer wärmer und wärmer geworden und nun mit glühenden Augen vor ihm steht.

„So sind diese Alpenbewohner!" flüstert er dem neben ihm stehenden Hauptmann zu. „Un­erklärliche Bergmenschen! Auf allen Schlacht­feldern schlagen sie sich wie die Wilden und in der Kaserne — nichts als Heimweh, Unlust — Skandal!^> Und zu dem Missethäter gewandt, spricht er streng: „Hast Du auch bedacht, was es heißt: von der Fahne desertiren — he?"

„Ach, Herr Oberst, in selbiger Stunde hab' ich an gar nichts gedacht, als — an's Heim- kommen!" entgegnete der Gefragte treuherzig.

„Das ist es ja gerade, Du Dummkopf.!" wetterte der Alte, «ährend ein heiterer Schein fein Gesicht überzog. „Wie kannst Du die Fahne verlassen, die zu vertheidigen Du geschworen hast?"

„Ach, zum Vertheidigen wär' ich schon selber wieder 'kommen, das können S' mir gewiß glauben, Herr Oberst!"

Der Oberst wendet sich kurz ab und spricht zum Hauptmann: „Ich will diesen Menschen im