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v«ra«1».: Mr die Redaktion t. v. L-rl Schaffe», für Jaferate 3. Parzelle» in Mlda.

mH Zlnterßaktungs-Meikage „Issustrirle Sonntags-Zeitung:'

W KuldaerMZeitung

M 214.

JuLöa, Dienstag, den 18. September 1900.

27. Jahrgang.

< Ein Wort zur 80 Millionen- Anleihe.

Die vom Reiche in den Vereinigten Staaten von Amerika aufgenommene Anleihe im Bettage non 80 Millionen Mark erfährt in den verschie» denen Blättern eine merkwürdig verschiedene Be- urtheilung. Es ist dabei auch besonders zu be­merken, daß die Verschiedenheit in dieser Beurthei- lung nicht nach der Parleistellung der Blätter sich richtet. So urtheilt die »Deutsche Tagesztg.' höchst abfällig über die Art der Aufnahme dieser Anleihen, während die ebenfalls konservative .Kreuz-Zeitung' der Maßnahme und der Art ihrer Ausführung zustimmt; und im freisinnigen Parteilager begegnet man einer ähnlichen Erschei­nung: Die Berliner.Vossische Zeitung' und an­dere freisinnige Blätter ereifern sich gewaltig über die Ausnahme der Anleihe in Amerika, die sie als Blamage für Deutschland bezeichnen, während Herr Eugen Richter in seiner .Freisinnigen Ztg.' an diesem Gange des Herrn Schatzsekretärs über das groß« Waffer nichts weiter auszusetzrn hat. Die .Freis. Ztg.' wettert nur gegen die That- sache, daß wir überhaupt eine solche Anleihe auf­nehmen müssen.

Damit hat nun eigentlich die.Freisinnige Ztg.' so unrecht nicht. Es ist nicht schön, daß wir uns wegen den chinesischen Wirren in solche Un­kosten stürzen müssen; denn es ist ausgeschlossen, daß uns die Früchte des chinesischen Feldzuges in entsprechender Weise dafür entschädigen. Aber .«S bleibt uns keine andere Wahl, und es ist mit voller Sicherheit anzunehmen, daß eine sehr starke Mehrheit des Reichstages nachträglich die Auf­wendung dieser großen Summen gutheißen wird. Das deutsche Reich nimmt unter den Mächten eine besondere Stellung ein, weil sein Gesandter in der chinesischen Hauptstadt ermordet worden ist; und außerdem ist eS die Pflicht aller Kultur- Völker, nach Kräften beizutragen zu der Wieder­herstellung der Ruhe und Sicherheit in China. Auch andere Staaten, so namentlich Frankreich, Rußland und England, müssen ebenso hohe Auf­wendungen machen; und ebenso wie Deutschland müssen Frankreich und Rußland entsprechende Anleihen aufnehmen zur Bestreitung der Kosten, die ihnen ihre Truppensendungen nach China verursachen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Ein für Deutschland beschämender Vorgang, eine „Blamage" ist es nicht, daß der Herr Schatzsekretär das nöthige Geld aus den Ver­einigten Staaten von Amerika holt. Man hat noch nie gehört, daß es beschämend sei, im Aus­lande Kredit zu haben; und Rußland holt sich das Gerd, das es bekanntlich recht häusig braucht, mit Vorliebe aus Frankreich. Daß daS eine Blamage für Rußland sei, hat noch niemand behauptet. Und außerdem ist diesmal noch be­sonders hervorzuheben, daß man sich von Amerika her geradezu angeboten hat dazu, das Geld zu geben.

Es war nicht unklug, mit der deutschen An­leihe nach den Vereinigten Staaten zu gehen. Dort gibt es augenblicklich Geld im Uebet'fluffe.

In Deutschland ist das aber gar nicht der Fall, und deswegen würde das Geld auch in Deutsch­land nicht billiger zu haben gewesen sein. Noc । mehr: würde die Anleihe in Deutschland begeben worden sein, dann würde auch die Summe des bei uns ohnehin in großem Umfange fort­gelegten Kapitals noch größer geworden, das jetzt schon knappe Geld noch knapper gewor­den sein. Da nun das Reich sich vorbehalten hat, nach vier bis fünf Jahren die Anleihe zu decken, ist dadurch die Möglichkeit geschaffen, die ausgegebenen vierprozentigen Schatzscheine bar, nämlich durch weitere Ueberschüffe des Etats, oder aber durch eine billigere Anleihe einzulösen. Somit ist es weder unklug, noch ist es eine Schande für Deutschland, das Geld aus dem Auslande zu holen; und die Vereinigten Staaten von Amerika können uns als Geldquelle noch immer angenehmer sein als beispielsweise England. Daß China selbst einen großen Theil der Kosten, die uns unsere Trvppensrndungen nach China ver­ursachen, uns später außerdem wieder erstatten muß, versteht sich von selbst. Es ist nur zu be­dauern, daß Rußland durch seinen vorzeitigen Räumungs- und Friedensoorschlag den Chinesen allzu weit entgegengekommen ist, so daß diese jetzt in ihren Angeboten wahrscheinlich erheblich zäher sein werden, als sie sonst gewesen sein würden.

Nur in einem Sinne macht die ganze Finanz- Operation einen unangenehmen Eindruck. Man weiß zur Genüge, wie lebhaft von verschiedenen Seiten der Wunsch ausgesprochen worden ist, es möge so bald wie möglich der Reichstag zu einer außerordentlichen Tagung einberufen werden, um die Chinafrage und das, was damit zusammen- hängt, zu berathen, vor Allem das nöthige Geld zu bewilligen. Nun hat die Reichsregierung das Geld sich selbst bewilligt. Sollte dieser Maß­nahme irgendwie der Wunsch zu Grunde liegen, dem Reichstage zu zeigen, daß es auch ohne ihn geht, so würde ein solcher Beweggrund der Hand­lungsweise der Regierung außerordentlich zu be­dauern sein. Nirgends und niemals war weniger Veranlassung vorhanden zu einer Herausforderung der deutschen Volksvertretung, die sich stets auf- opferungSsreudig int höchsten Grade gezeigt hat; und nicht dringend genug kann der Wunsch aus­gesprochen werden, daß die Vertreter der ver­bündeten Regierungen alsbald nach der Einberufung >es Reichstages jeden Argwohn zerstreuen, als beruhe ihre Handlungsweise auf dem Streben, so viel wie möglich den Reichstag auf die Seite zu schieben und systematisch dessen Mitwirkung zu umgehen. Eine Regierung ist dann am stärksten, wenn sie in guter und fester Harmonie mit der larlamentarischen Volksvertretung gemeinsam vor­letzt. Welche unheilvollen Folgen aus demGegen- theil entstehen, lehrt uns Oesterreich. Man kann es nicht recht glauben, daß die Reichsreaierung dieses uns so nahe und so eindringliche Beispiel gänzlich übersehen sollte.

Dentfches Keich.

Berlin, den 17. September.

X ISr die Ansiedelung deutscher Kauern n den östlichen preußischen Provinzen sollen

mehrere Staatsdomänen aufqetheilt werden, so wird anscheinend offiziös angekündigt. Und zwar soll dies nicht allein in den polnischen Provinzen Posen und Westpreußen geschehen, sondern auch in anderen. Der Plan ist gut, oder klingt wenig­stens gut. Eine solche Maßregel liegt von jeher in den Wünschen weiter Kreise. Man soll aber keinen Tag vor dem Abend und keine Maßrege der Regierung vor ihrer Vollendung loben. Die Annahme liegt gar zu nahe, daß auch diese Domänenauftheilung der Protestantiftrung des preußischen Ostens dienstbar gemacht werden soll; und es ist-vorläufig nicht zu unterscheiden, was der preußischen Regierung die Hauptsache dabe ist: die Vermehrung des kleinen landwirthschaft- lichen Elementes, oder die Protestantifirung.

h Die deutschen Kokaukalteu im Aus­lände erfreuen sich des regen Vertrauens der Geschäftswelt aller Nationen. So werden deutsche Postanstalten in der Türkei, in Marokko, in China unterholten, und Überall erfreuen sie sich eines so regen Zuspruches, daß sie ihre ge­summten Unkosten nicht nur decken, sondern auch noch Ueberschüffe erzielen.

+ Koloniale Aeitzsporne möchten gern, daß Deutschland auch in Marokko sich Besitz zu sichern suche, bevor dieses Reich, das allmäh­lich seiner Auflösung entgegengeht, vollständig von anderen Mächten mit Beschlag belegt werde. Namentlich Prof. Teja Meyer in Kiel gibt sich große Mühe, durch allerhand Zeitungsartikel Stimmung für solche Projekte zu mache». Wir bedanken uns recht sehr dafür. Wir haben jetzt gerade genug zu thvn mit unseren Schutzgebieten, Noch mehr Erwerbungen würden uns eine un­sägliche Last werden, ganz abgesehen davon, daß uns ein Eindringen in Marokko wahrscheinlich auch allerhand Verdrießlichkeiten mit anderen europäischen Mächten bereiten würde. Es ist nicht anzunehmen, daß die verbündeten Regierungen eingenommen seien für solche abenteuerliche Pläne.

h KiseuöaHne« i« de» Kolouiee« z« Batte«, zu fördern und zu begünstigen, ist die Pflicht der Regierungen der Kslonialstaaten — so heißt es in einer Entschließung, die der In­ternationale Kolonialkongreß in Paris gefaßt hat. „Nothwendig ist es, zu diesem Zwecke auch finanzielle Opfer zu bringen, indem fie Zinsgarantieen Übernehmen und so den auf« gewendeten Kapitalien Sicherheit gewähren." Blätter, die der Ostafrikanischen Centralbahn daS Wort reden, machen jetzt auf einmal viel Auf­hebens von dieser Entschließung, die bereits vor Üns Wochen das Licht der Welt erblickt Hut. Sie befinden fich aber sehr auf dem Holzwege, wenn fie wähnen, mit solchen Mittelchen Stim­mung für die bewußte abenteuerliche Bahn zu machen.

Ausland.

* Amsterdam, 17. Sept. Die von aus­wärtigen Blättern verbreitete Meldung von einem Pestfall in Amsterdam ist völlig er« unden.

* Klas-ow, 17. Sept. Nach einer Meldung ?es Reuterschen Bureaus sind heute weitere 5 Pestfälle vorgekommen.

* Belgrad, 17. Sept. Sämmtliche serbische Blatter melden, daß der deutsche Gesandte in Belgrad, Baron Waecker-Gotter, ander­weitig Verwendung finden soll; seine Abberufung soll mit der Heirath des Königs Alexander in Verbindung stehen.

* Ilem-Aorst, 17. Sept. An dem Streik werden heute 8 5,0 0 0 M a n n theilnehmen, welche jährlich 21 Millionen Tonnen Kohlen fördern. Gestern sanden viele Massenversammlungen statt, in welchen zahlreiche Bergleute der Union beitraten.

* Pretoria, 17. Sept. Aus Bloem­fontein verlautet: General Macdonald fing am 10. d. Mts. zwischen Winburg und dem Bet- fluffe eine Streitmacht von 700 bis 800 Buren mit drei Kanonen ab und erbeutete 33 Wagen, 270 Zugochsen, sowie 65,000 Patronen und eine große Menge Vorräthe. Die Buren steckten drei andere Wagen in Brand, um deren Wegnahme zu verhindern. Einen der schwersten Schläge würde die Burensache erlitten haben, wenn sich eine Nachricht vom Tode Dewets' bestätigte. Wie man der ,Boss. Ztg.' berichtet, ist in London die Nachricht eingelaufen, daß Christian De- wet, der kühne und verschlagene Burenführer, am 7. September bei Potschefstroom in Folge eines Schusses durch die Lunge getödtet worden ist. Amtlich ist diese Mittheilung noch nicht bestätigt.

* Lo«re«zo Marques, 17. Sept. Das „Reutersche Bureau" erfahrt, daß die Nieder­ländische Regierung ihren Konsul in Lourenzo Marques telegraphisch be­auftragt habe, Krüger mitzutbeilen, die Niederländische Regierung sei bereit, ihm eines ihrer Kriegsschiffe für seine Uebersahrt nach Holland zur Ver­fügung zu stellen. Wenn Krüger dieses An­erbieten annimmt, kann das holländische Schiff in 5 bis 6 Tagen in Lourenzo Marques an« kommen. — Die Buren zerstörten die Kro­kodilbrücke und verbrannten 300 Lowries. — Die portugiesischen Eisenbahnbe­hörden nehmen keine Güter zum Transport über die Grenze an.

* London, 17. Sept. Reuter meldet aus Pretoria: Die niederländische Eisenbahn wurde offiziell von den Milstärbehörden Übernommen.

* LadyöauK (Schottland), 17. Sept. In der liberalen Vereinigung sprach gestern Asquith Namens der Mehrzahl der Führer der liberalen Partei, und erklärte, die Annektirnng der süd­afrikanischen Republiken sei unwiderruflich. Die­selben müßten und würden dem Reiche endgiltig einverleibt werden. Der Krieg habe England die Augen geöffnet hinsichtlich der Gefahr, in der es schwebte, Südafrika zu verlieren.

Die Wirren in China.

Aus China kommt eine Meldung nach der andern über die bösartige Rolle, die die Kai« serin-Wittwe und ihre Regierung gegenüber )en Fremden gespielt haben, Was schon vorher geahnt, aber noch nicht in bestimmter Form ge­neidet wurde, scheint sich nunmehr zu bestätigen: die Kaiserin beschäftigte sich mit dem Gedanken, alle fremden Gesandten ermorden zu kaffen. Es

Die Aerle von Ikorenz.

Orgmal-Roman von Irene v. Hellmuth.

8 ------ (Nachdruck verboten.)

Es war am Spätnachmittage einer wunder- '»ollen Frühlingstages; die Fenster standen weit offen, um der balsamischen, duftgetränkten Luft Eingang zu verschaffen. Konrad hatte sich eben ein Buch zurechtgelegt, um dem kranken Freunde daraus vorzulesen. Dieser hörte zwar selten da­rauf, wenn man sich mit ihm unterhielt, allein Konrad hoffte dennoch, den gar zu trübselig vor sich Hinstarrenden etwas aus seiner Lethargie tzerausreißen zu können. Da vernahm man ein leises Klopfen an der Thüre. Als Konrad ging, «m zu öffnen, schaute er in das gutmütige Ge- ficht der Wirthin, auf dem sich eine leise Ver­legenheit malte.

„Sie verzeihen, Signor, wenn ich störe," sagte sie im Flüstertöne, so daß nur Konrad es hören konnte, „drunten ist die schwarze Anita, — Sie kennen sie wohl, — die „Perle von Florenz", — And behauptet, Ihren Freund unbedingt sprechen zu müssen, ihre Mutter, die alte, abscheuliche Hexe, Ist auch dabei. Ich wollte die Beiden, die den jungen kranken Signor ganz allein sprechen wollen, wie sie ausdrücklich verlangen, nicht so ohne Weiteres heraufführen, denn, ich traue der Jungen nicht, und der Alten noch viel weniger, — denn fie ist eine verrufene Hexe," setzte die redselige Frau In bedeutungsvollem Tone hinzu. „Ich wollte, die Zwei hätten mein Haus lieber gar nicht betreten, fie bringen Unglück!"---

Konrad schob die überraschte Frau, die gar

fein Ende zu finden schien, etwas unsanft bei Seite. Mit zwei Sprüngen war er die Treppe hinabge­eilt, und stand im nächsten Augenblick vor Anita, die ihn mit funkelnden Blicken maß.

Eine furchtbare Wuth kochte in dem Herzen des biederen Deutschen, als er den Gegenstand feines Hasses, die schillernde Schlange, die, wie er jetzt bestimmt wußte, schuld an Rolands ganzem Unglück war, so greifbar nahe vor sich sah. Seine Augen bohrten sich förmlich in die seines Gegen­über.

„Wir wünschen Signor Roland Krüger zu sprechen," hob Anita an, nachdem fie vergeblich auf eine Anrede Konrads gewartet hatte.

„Wir hörten, der arme junge Signor sei sehr krank, und da ich viele Heilmittel kenne, will ich ihm eine Arzenei anbieten,“ mischte sich die Alte ein.

»3ch sage Euch," fuhr Konrad die Beiden grim­mig an, „wenn Ihr Euch nicht augenblicklich ent­fernt, so werde ich Euch zeigen, wie man mit Leuten Eures Schlages umgeht."

Er wies gebieterisch nach dem Ausgang, doch keine der Beiden machte Miene. ,u neben

„Ihr wollt nicht, wie?"

Anita näherte sich dem Sprecher, der breit­spurig mitten im Wege stand, als wäre er bereit, den Kampf aufzunehmen.

„Gebt den Weg frei«" zischte fie, „ich sage Euch, ich muß Roland sprechen, und werde es mit oder ohne Eure Erlaubniß noch heute thun!"

„Nein, daS werdet Ihr nicht!“ brauste Kon­rad auf, „bei Gott, ich werfe Euch eher hinaus, ehe ich das dulde! Mein Freund ist überhaupt viel zu krank, um Besuche empfangen zu können!“

Anita wechselte »inen raschen, bedeutungsvollen Blick mit ihrer Mutter, dann sagte sie sanft: „Wir wollen Ihrem Freunde doch nichts Böses thun, im Gegentheil, wir wollen ihm helfen."

„Ihr wollt ihn vollends ins Jenseits befördern, habt ihn ohnehin mit einem tüchtigen Denkzettel heimgeschickt, an dem er für lange Zeit genug hat. Roland will Euch gar nicht sehen, es wäre unnütz, er wird Euch ohne Weiteres die Thüre weisen."

Konrad wußte, daß er damit eine Unwahrheit sprach, aber er wollte um jeden Preis ein Wieder- sehen zwischen den Beiden verhindern, wollte Roland vor der Gefahr bewahren, aus's Neue sich in die Netze dieser gefährlichen Kokette zu verstricken.

„Das will ich darauf ankommen lassen." schrie Anita, „Ihr seid da ganz falsch unterrichtet. Roland wird sich freuen, mich wieder zu sehen, Ihr sollt Euch wundern, wie rasch er gesund wird. — Also, zum letztenmal — macht keine Umstände, gebt den Weg frei, sage ich—oder—"

„Oder?" -

„DaS wird fich finden!"

„Nein, — und tausendmal nein, dahinauf kommt Ihr mir sicher nicht!“

„Zurück!"--

In diesem Augenblicke geschah etwas Schreck­liches. Auf der obersten Treppenstufe erschien Roland, den die lauter und lauter werdenden Stimmen angelockt haben mochten. Jedenfalls hatte er Anita erkannt. Man sah es ihm an, welche unsägliche Mühe es ihm gekostet hatte, sich bis hierher zu schleppen. Wankend hiett er fich am Treppengeländer ausrecht, mit dem Auf­

schrei: „Anita, — meine Anita," — stürzte er zu Boden, und ein dicker Blutstrom ergoß sich aus seinem Munde.

In der fürchterlichen Bestürzung stand Konrad eine Sekunde lang wie gelähmt, er achtete nicht mehr auf Anita, er bemühte sich nur, feine Ge­danken zu sammeln, was ihm nicht sogleich ge­lingen wollte. Anita aber hatte keinen Augenblick gezaudert, ihren Vortheil zu wahren. Mit katzen­artiger Behendigkeit eilte sie die Treppe hinauf, kniete neben Roland nieder, und ehe Konrad e8 verhindern konnte, preßte sie ihre Lippen auf den bleichen Mund des Kranken.

Roland war nicht bewußtlos. Es schien, als hielt der übermächtige Wille ihn aufrecht, fein Blick hing wie gebannt an dem dunklen Gesicht, an den blitzenden Augen Anitas. Sie hatte seinen Kopf in ihren Schooß gebettet, und flüsterte dicht an seinem Ohr: „Roland, — mein Roland, ich bin bei Dir, Deine Anita, kennst Du mich, mein Geliebter?“

Dieser nickte mtt glücklichem Lächeln.

Inzwischen war Konrad herbeigekommen.

„Roland muß sofort ins Bett geschafft werden," sagte er mit finsterer Stirne.

Er umfaßte mit kraftvollem Arm die Gestalt des Freunde«, und trug sie nach dem Lager. Anita folgte ihnen und nahm, ohne zu fragen; und ohne sich um den vor sich hinbrummenden Konrad im Geringsten zu kümmern, neben d»m Bette Platz.

Rolano schien zufrieden. Er gab sich ganz dem Zauber, hin, den Anitas Gegenwart von Neuem auf ihn aitfübte, seine Hand lag in der ihren, und was seine Lippen mit unsäglicher Anstrengung flüsterten, konnte Konrad nicht verstehen.