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27. Jahrgang
§fuC6a, Samstag, den 15. September 1900.
M 212
.Reichspost, und die Salzburger .Kirchenzeitung' hatten eigene Spezialvertreter für den Kongreß delegirt. Groß war die Zahl der von allen Enden einlaufenden Begrüßungs- nnd Zustim- mungstelegramme. Mit besonderem Beifall wurden die Grußdepeschen des Fürstbischofs von Salzburg. Namens des CentralauSschuffes deS dortigen UniversitätsoereinS, des UnitasverbandeS Münster, der Kartelloereinigung kathol. deutscher Studentenkoiporationen. der „Tyrolia" von Inns- druck, sowie des dortigen Leo-Vereins aufge nommen. Auch von Budapester Studenten lie ein langes Telegramm in lateinischer Sprache ein. Bei der oben erwähnten Segnung in St. Peter ereignete sich ein Zwischenfall. Angeblich durch ein Mißverständniß, in Wahrheit aber in Folge an Mangel jeglicher Ordnung im Innern der Kirche, drängte man die Studenten in eine Ecke, wo absolut nichts zu sehen war. Auf die gerechten Proteste bin erschien der Ehrenpräsident Kardinal Parocchi persönlich an Ort und Stelle und führte die Studenten in die fönst bei solchen Gelegenheiten unzugängliche Sa° kramenttkapelle, welche Leo XIII. pasfiren mußte. Von hier aus begleiteten dieselben darauf den hl. Vater bis zum Hochaltäre. Thränen der Freude standen dem greisen Papste in den Augen, tll er sich von diesem begeisterten jungen
find nach zwei verschiedenen Richtungen in die Ge- 1 rge abgezogen. Aber Präsident Krüger mochte das Verzweifelte seiner Lage einsehen. Seine „Flucht", wenn man es so nennen will, nach Lourenzo Marques ist zur Thatsache geworden; wohin er sich nun zunächst wenden wird, ist noch nicht bestimmt. Dr. Leyds chreibt: Der 6monatliche Urlaub Krügers verändere >ie Kriegslage keineswegs. Vizepräsident Schalk Burgher übernahm die Präsidentschaft.
Römische Briese, xxxxi.
!—I Rom, 9. September 1900.
Seit den ersten Tagen dieses Monates hat die internationale Bewegung wieder mit aller 5 stacht eingesetzt. Die von mehr als20,000Pil- । em besuchte großartige Segnung in St. Peter am vergangenen Donnerstag legt das beste Zeug- niß davon ab. Bei dieser Gelegenheit versammelten sich um Leo XIII. gleichzeitig mit den Pilgern die Mitglieder des XVII. italienischen Katholikentages,diejenigen derkatho- ischeu Jugend und endlich diejenigen des nter nationalen Studenten-Kongresses, welcher sich des besonderen Interesses des greisen Papstes zu erfreuen hatte. Der italienische Katholikentag war recht gut besucht. Unter dem Ehrenpräsidium deS Kardinal-Vikars Respighi faulen die Berathungen in der Kirche von St. Apolli- nare statt, welche am Eröffnungstage von nicht weniger als 4 Kardinalen und 35 Bischöfen beucht war. Einen großen Erfolg errang der geehrte P. Zocchi mit seinem meisterhaften Vortrage über die Freiheit des Unterrichtes. Im Uebrigen bewegte sich dieser ausschließlich talienische Kongreß durchaus im hergebrachten Rahmen seiner Vorgänger. Eine Neuheit, ein „Erster Versuch" dagegen war der internationale Kongreß katholischer Studenten, welcher außerordentlich besucht war und welchen man als durchaus geglückt bezeichnen kann. Das allgemeine Programm dieses Kongreffes läßt sich in eine Manifestation der Anhänglichkeit und Treue an die Kirche und den päpstlichen Stuhl, sowie in der Belebung der katholischenStudenten- Bewegung auf der ganzen Linie, als auch in den Versuch einerAnnäherung der verschiedenen Gruppen zusammenfaffen. Der Kongreß, deffen Ehrenpräsident der Kardinal Parocchi war, war vom deutschen Element trotz deS ungünstigen Zeitpunktes sehr zahlreich besucht. Etwa 150 deutsche und österreichische Studenten, sowie 20 Komilitonen aus der Schweiz waren dem Rufe gefolgt. Im Vorstande wurden u. A. folgende Herren gewählt: 8tuä. Rudolf Meyer von der Aenauia, Anton Kayser, Vororts- Präsident der BonifatiuS-Einigung und H. Lorenz von der Räthia, sämmtlich aus München; G sch l a d t von der Rudolfina-W i e n, Dermasti a von der Danica-Wien und Barbacovi von der Trientiner Unione accadem. cattolica. Die Schweiz war im Vorstande durch Herrn etud. Hans Müller von der Helvetia ver- treten, welcher einen sehr beifällig angenommenen Vortrag über „Lehrfreiheit, ein Recht der Kirche" hielt. Zu Ehrenmitgliedern wurden die Deutschen Profeffor Freiherr von Hertling, der Herausgeber der Academia Dr. Wurm, sowie die Reichstagsabgeordneten Groeber und Hitze, dir Oesterreicher Prinz A. Liechtenstein, P. Heinrich Abel, Hosrath Pastor und Bischof Mahmic von Veglia, »on Schweizern endlich Herr von Montenach in Fribourg ernannt. Sehr zahlreich war die katholische Presse vertreten. Die Berliner „Germania", die Wiener
. >eere des Katholizismus umjubelt sah. Wegen Übermüdung des hl. Vaters konnte die geplante Vorstellung der Studenten durch den Kardinal nicht stattfinden. Wahrscheinlich aber dürfte der il. Vater denselben noch eine besondere Au« lienz gewähren. Was übrigens hiesige und auch auswärtige Zeitungen über eine den katho- lschen Studenten feindliche Demonstration elegentlich eines „Bierabends" im hiesigen , Sitcolo Universitario' gemeldet haben, reduzirt ich auf eine der vielen flegelhaften kindereien halbwüchsiger Burschen, welche man überhaupt nicht ernst nehmen sollte. — Zwei amerikanische Studenten, in Eichstädt stu» dirend, hatten sich gelegentlih der unter der Führung Anton de Waal's unternommenen Be« ichtigung der Katakomben verirrt und wurden erst nach langem Suchen wiedergefunden.
Die so plötzlich und gewiffermaßen unerwartet gekommene Rückkehr des Herzogs der Abruzzen von seinem Ausflage in die nordischen Regionen hat in Italien überall die größte Freude hervorgerufen. Der unternehmende hrinj ist eben durch seinen Unternehmungsgeist mgemein populär bei den Italienern. Der Herzog ist gegenwärtig auf der Reise nach Italien und wird, nachdem er seinem Vetter, lern jungen Könige in Neapel, eine Visite abgestattet, bei der Familie seines Bruders, deS Herzogs von Aosta, in den Bergen Piemonts Aufenthalt nehmen.
17. Kries MderWellansMus 1900.
Bon unserem Speziallorrespondenten. (Nachdruck verboten.) Q Paris, 12. Sept.
Modernes Papier.
Da streiten sich die Leute herum, welches Gebiet des modernen Lebens unserem Zeitalter das Gepräge gibt. Dem einen ist es die Dampfmaschine, dem anderen die Elektrizität, dem dritten der Verkehr. Sie alle habes Recht, aber lie moderne Entwickelung ist zu mannigfaltig, als daß sie mit einem einzigen Schlagworte er« chöpfend gekennzeichnet würde. Man könnte auch von einem Zeitalter des Militarismus, der sozialen Bestrebungen, der allgemeinen Bildung und vergleichen sprechen. Ich will heute zur Kennzeichnung unserer Zeit mich auf den Satz be» chränken: „Wir sind im Zeichen des Papiers." Der Gedanke, welcher im Kopfe des arbeitenden Menschen zur Reife kommt, hat nicht die Auf- gäbe sofort wieder zu verschwinden; er soll viel- mehr festgehalten werden, sei es als Grundlage zur eigenen Weiterarbeit, sei eS zur Mittheilung an Andere. Wo täglich viele Millionen von Menschen ihre Gedanken und Beobachtungen niederschreiben, wo viele dieser Gedanken unzählig oft vervielfältigt werden, wie beispielsweise der Inhalt der Zeitungen, da ist es selbstverständlich, daß auch der Stoff, welcher zu ihrer Auf- nähme und Verbreitung bestimmt ist, nicht nur eine große kulturelle Rolle spielt, sondern auch eine große gewerbliche und volkswirthschastltche Bedeutung besitzt. Die letztere geht deutlich auS der Statistik hervor, nach welcher allein im Deutschen Reiche im Jahre 1897 mit der Herstellung von Holzschliff und Zellstoffen als Rohmaterial der Papierindustrie, sowie von Papier und Pappe mehr als 1500 Betriebe mit rund 66000 Arbeitern gezählt wurden. Unabhängig davon ist der Einfluß auf andere Gewerbe, wie Buchdruckerei und Buchbinderei, Tapetenfabrikation, Mafchinenindustrie und andere, welche bei der Beurtheilung der volkSwirthschaftlichen Bedeutung des Papieres natürlich mit genannt werden müssen. Erwähnt sei besonders, daß die Papier- industrie deS deutschen Reiches auch rund 10000 Lumpensammler ernährt, welche die Lumpen oder Hadern, das beste Rohmaterial für die Papierbereitung, sammeln und welche allein im Jahre 1897 gegen 266 000 Tonnen Lumpen beschafft haben, von denen etwa drei Viertel zu Papier verarbeitet wurden.
Die Papiermaschine. Papiererzeugung aus Holz und Lumpen.
Was den AuSstellungSbesucher zu dieser In- dustrie hinzieht, sind nicht die Produkte, sondent chre Herstellung, welche dort gezeigt wird. Es ist freilich, soviel ich gesehen habe, nur etne und zwar eine französische Maschine in Betrieb. Die anderen, darunter auch deutsche, werden auf der Ausstellung nicht betrieben. Aber btefe eine hat eine so günstige Lage an dem ^reuzungSpunkte zweier Hauptwege, daß sie während chrer Arbeitszeit stets von Hunderten von Zuschauern umlagert ist, welche mit größtem Interesse die Fabrikation verfolgen.
Man sieht dort die ganze Herstellung des Papiere« auS dem Rohstoffe, in diesem Falle Holzkloben, vorgeführt. Zunächst sieht man den au8 dem Holze entstandenen Holzschliff. Als be
von Olmütz einnahm.
Der Zwisst zwischen Rumänien und Bulgarien ist noch nicht beigelegt. Die bulgarischen Minister suchen allen Verdacht der Theilnehmerschaft an den revolutionären Umtrieben des makedonischen Komitees von sich abzuwälzen; aber die rumänische Regierung steht dem, ebenso wie alle Welt, mit ungläubigem Lächeln gegenüber. Auch der Bulgarensürst Ferdinand selbst! Der bulgarische Ministerrath tele- graphirte an den Fürsten, der in Zell am See im schönen Alpenlande weilt, er möchte doch nach Sofia zurückkehren. Dieser aber antwortete, er wolle „nicht über ein Volk regieren, wo man zum Morde anstistet. Macht erst Ordnung, dann kehre ich zurück." Dem Fürsten mag es wohl mitunter selbst unheimlich werden zwischen seinen Bulgaren, die so schnell mit Mordwerkzeugen bei der Hand sind, um unliebsame Personen auS dem Wege zu schaffen . . . auch Fürsten!
Ein schauderhafter Skandal ist schon wieder einmal in Serbien entstanden. Die Mutter des jungen Königs, die frühere Königin Natalie, hat an ihren Hofmarschall in Belgrad eine offene Postkarte geschrieben mit groben Schmähungen gegen ihren Sohn und dessen „junge" Frau Draga. Daraufhin hat nun der junge König Alexander sowohl seiner Mutter Natalie als auch seinem Vater Milan das Betreten des Landes Serbien verboten. Die erwähnte Postkarte soll in den niedrigsten Ausdrücken abgefaßt sein!
In Italien kämpfen die Katholiken einen ähnlichen Kampf wie bei uns in Deutschland und auch in Frankreich, nämlich den Kampf um die Schule. Dieser Kampf bildete das Hauptthema bei dem 17. italienischen Katholikenkongresse, der in diesem Jahre in Rom abgchalten wurde. Begeisterten Beifall erntete der Hauptredner, Pater Zocchi von der Gesellschaft Jesu, der für die Freiheit des Unterrichtes eintrat entgegen dem Schulmonopol, das der Staat für sich in Anspruch nimmt. Rebellen, Anarchisten, Königsmörder gehen aus der Erziehung dieser Staatsschulen hervor. Da ist es vor allen Dingen nöthig, daß das Christenthum wieder seinen ungehinderten Rückzug in die Schule halte. Mit großer Vorsicht sind neuerdings verbreitete Meldungen aufzunehmen über angeblich bestehende anarchistische Verschwörungen gegen das Leben-des Papstes. Es soll angeblich der Plan bestehen, den hl. Vater in der Peterskirche zu ermorden; die englische Polizei soll der italienischen schon die Namen von Anarchisten genannt haben, die in dieser Absicht von Amerika nac Italien unterwegs fein sollen. Ein großes Fragezeichen ist wohl hier nöthig. Wenn es sich wirklich so verhielte, würde man das schwerlich schon im voraus in die Zeitungen gebracht haben.
Die spanische Regierung will demnächst wieder die Ausnahmemaßregeln aufheben, die wegen den mehrfach entstandenen Unruhen Über eine Reihe von Städten und Landestheilen verhängt worden waren. Anstifter in dieser Bewegung war die sogenannte Nationale Union mit ihrem Präsidenten, Herrn Para iso. Dieser tritt von der Präsidentschaft zurück, und nunmehr hofft man, daß auch dre Nationale Union sich ruhiger verhalten werde.
Die englischen Gewerkvereine (Trade Unione) haben jüngst ihre diesjährige Generalversammlung abgehalten. Sie haben den sehr vernünftigen Beschluß gefaßt, daß der 1. Mai nicht zum allgemeinen Arbeiterfeiertag erklärt werden sollte. Die Herren „Genoffen" bei unS mögen es sich merken!
Eine entscheidende Schlacht, ein „Sedan in Transvaal", hätten die Engländer gegen die Buren geliefert, und zwar beiLydenbnrg; aber die Buren haben ihnen diesen Gefallen nicht gethan. Die Stadt Lydeuburg haben sie den Engländern überlassen und
Jerusalem, auf alle mögliche Weise aus; die Regie- rung in Köln behandelt die Lazaristen schlimmer als die Anarchisten. Und da wollen die Leute uns glauben machen, es gebe keinen Kulturkampf mehr!
Wo int nächsten Jahre die Katholikenversammlung abgehalten werden wird, ist noch unbestimmt. Das Centralkomitee hatte Passau ins Auge gefaßt. Aber eine bestimmte Zusage in diesem Sinne konnte von Paffau aus noch nicht gegeben werden, so fteudig auch die Stadt Passau die Versammlung begrüßen würde; man weiß ja hinlänglich, daß die Veranstaltung einer solchen Riesenversammlung Schwierigkeiten aller Art verursacht.
In Norwegen haben die Neuwahlen zum Storthing zum größten Theil stattgesunden, zum ersten Mal unter dem Einflüsse des neu eingeführten allgemeinen Wahlrechtes. Nach den bisher bekannten Ergebnissen hat die radikale Linke keine neuen Sitze im Parlamente gewonnen, vielmehr deren zwei verloren. Wichtig ist namentlich, daß die Radikalen aus der Hauptstadt Christiania vollkommen verdrängt sind. Alle vier Mandate von Christiania sind der Rechten zugefallen. Zwölf Wahlen haben noch stattzufinden.
Neuwahlen zum Abgeordnetenhause sind auch in Oesterreich ausgeschrieben worden. Auch dort werden diese Neuwahlen nicht, wie bei uns,, an einem Tage vorgenommen. Die Wahlen in Oesterreich finden zum größern Theil durch Jnteressenkörperschaften tatt, nur zum kleinsten Theile in der Gestalt allgemeiner Volkswahlen. Als Wahlzeit ist die Zeit vom 4. Dezember bis 15. Januar bestimmt worden. Man will das Abgeordnetenhaus, das nun zwei Jahre hindurch durch die abwechselnde Obstruktion der deutsch- nationalen Linken und nunmehr der Tschechen an aller fruchtbringenden parlamentarischen Arbeit behindert war, wieder arbeitsfähig machen. Ob das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Leider berechtigen die bisherigen Erfahrungen nicht zu rosigen Hoffnungen. Erst wieder am letzten Sonntag kam es in Olmütz zu Straßenkämpfen zwischen Deutschen und Tschechen infolge der herausfordernden Haltung, die der „Nordmährische Lökalverband" — ein tschechischer Turnverein — bei der Rückkehr von einem Ausfluge in den Straßen
Wochen-Rundjchau.
(Nachdruck »eibeten)
X Fulda, 15. September.
„Ein Vermittelungsvorschlag Deutschlands" — so überschrieben vor einigen Tagen die Blätter ihre Artikel über die C h i n a - W i r r e n. Deutschland sollte nämlich dem russischen Vorschläge, die fremden Tropen aus Peking zurückzuzieben, einen Vermittelungsvorschlag entgegengesetzt haben; und übermäßig findige englische Zeitungen wollten auch schon den Inhalt dieses deutschen Vorschlages kennen. Danach sollte vorgeschlagen sein, die fremde Truppenmacht in Peking auf 2000 Mann zu verringern. Alle diese Meldungen haben sich nicht bewährt; Deutschland hat gar keinen eigenen Vorschlag gemacht, sondern den russischen Vorschlag, ebenso wie mehrere andere Mächte, nur beantwortet. Was aus diesem russischen Vorschläge nun werden wird, ist noch immer ungewiß. Bis jetzt find noch nicht alle Antworten darauf in Petersburg ein- gegangen.
Vor einigen Tagen, nämlich am letzten Samstag, hat auch der Kaiser in seiner Ansprache aus die Chinafrage angespielt. Das war vor dem Rathhause in Stettin, wohin das Kaiserpaar wegen der Kaisermanöver gereift war. Der Kaiser beantwortete die Empfangsrede des Oberbürgermeisters und sagte dabei: Sie haben, Herr Oberbürgermeister, unserer Brüder gedacht, die für unsere Interessen nach dem fernen Osten gegangen sind. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß es ihnen gelingen wird, dort feste und geordnete Verhältnisse zu schaffen, unter denen der deutsche Kaufmann, der drüben lebt und wirkt, ein für alle mal vor Unheil bewahrt bleiben und ohne Störung und Gefahr Handel treiben kann. Ich habe gar keine Besorgniß für die Zukunft. Denn mit uns ist Gott, der wird uns durchhelfen!"
Hoffentlich erfüllt sich der Wunsch des Kaisers. Inzwischen sind neue Nachrichten aus China eingetroffen, aus denen aufs neue hervorgeht, daß die Regierung, an deren Spitze die Kaiserin-Wittwe stand, mit voller Planmäßigkeit an den Christenverfolgungen und an der Fremdenhetze theilgenommen hat. Im Kaiserpalaste in Peking hat man nämlich schriftliche Berichte gefunden, in denen fortlaufend die Zahlen der Getödteten verzeichnet sind, um diese zur amtlichen Kenntniß der Kaiserin zu bringen; außerdem wurde auch ein Aufruf des Polizeiministers auf- gesunden, in dem dieser Geldbelohnungen aussetzt für jeden ermordeten Christen. Jegliche zarte Rücksichtnahme auf die Kaiserin-Wittwe würde also vollkommen verfehlt sein.
Wenn der Reichstag zusammentreten soll, um Stellung zu der Chinaftage zu nehmen und die erforderlichen Mittel zu bewilligen, ist noch ungewiß. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist am letzten Sonntag nach Berlin zurückgekehrt, und nunmehr können auch erst die Berathungen über die Einberufung des Reichstages beginnen. Man weiß auch noch gar nicht, ob zunächst im Oktober eine außerordentliche Tagung des Reichstages stattfindet, ober ob der Reichstag etwas später und dann gleich zu einer ordentlichen Tagung für den ganzen Winter einberufen werden soll.
Die Katholikenversammlung in Bonn klang während der letzten Tage noch nach in zahlreichen Steuerungen der Presse. Die Mehrzahl der Blätter gesteht zu, daß dieser Einfluß der katholischen Generalversammlungen in der Zunahme begriffen ist. „Mit dem wachsenden Einflüsse der Centrumspartei — so schrieb die Kölnische Zeitung' — hat auch die Bedeutung und Durchführung der deutschen Katholikentage gleichen Schritt gehalten; sie sind zu ganz bedeutenden politischen Demonstrationen ausgewachsen." „Man mag — so sprach sich dasselbe Blatt an einer anderen Stelle ans — die Centrumsherbstparade be- nrtheilen, wie man will, zweifellos ist zur Zeit keine andere politische Partei in Deutschland mehr da, die ein solches Schauspiel als Kundgebung geschloffener Einheit und bewußter Machtfülle zu Stande bringen könnte." Und die konservative .Deutsche Tageszeitung' schrieb: „Die 47. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands legte wie ihre Vorgängerinnen sprechendes Zeugniß ab von der Arbeitsfreudigkeit und Ge- schloffenheit, die in den katholischen Kreisen und im Zentrum herrscht. Nach dieser Richtung können und müffen unsere katholischen Volksgenoffen allen vorbildlich sein." Natürlich wurde auch diese Generalver- fammlung von anderen Blättern, namentlich von sozialdemokratischen, geschmäht und angegriffen. Aber waS diese Geister schmähen und angreifen, das muß
erst recht gut sein.
Gerade als hätte die preußische Staatsregierung unmittelbar nach der Katholikenversammlung den Beweis dafür erbringen wollen, wie recht die Abgeordneten Freiherr von Heereman und Dr. Lieber damit hatten, daß sie in der Versammlung die Behandlung der kirchlichen Orden als unerträglich kennzeichneten, hat sie plötzlich in ge- walffamer Weise in eine Volksmission eingegriffen, die von Lazaristenpatres in BenSberg im Rheinlande abgehalten wurde. Die Volksmisfion wurde plötzlich unterbrochen, die Pattes durften nicht mehr predigen, well die Lazaristen zu denjenigen Orden gehören, die man als „jesuitenverwandt" bezeichnet. Anarchisten läßt man Versammlungen abhalten und reden. Aber PatreS, die int Sinne des ChristenthumS und nach den Worten unseres göttlichen Heilandes predigen und gegen Anarchie und Umsturz auftreten, läßt man nicht sprechen. Kaiser Wilhelm zeichnet einen Lazaristen, den deutschen Pater Schmidt in