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Jt» 212.

JuLöcr, Samstag, den 15. September 1900.

27. Jahrgang.

Vt rantw.: Lür die XedaNi-n i. v. Sa kl Sb als er., fi» 2nle»at» 3. Parzelle» f* Anlda.

mit Zlnterhaktungs-Meilagc „Mustrirte Sonntags-Ieitung"

[J Freisinn, Sozialdemokratie und Handelspolitik.

„Die alten Herren ruhen auf den Lorbeeren, von denen der Liberalismus zehrt; aber die Zeit ist nicht fern, wo der Wind den vergilbten Lor« beer verweht haben wird. Alsdann steht der Liberalismus wissenschaftlich vor dem Nichts, und der spärliche Nachwuchs kann sich an den Wahlflugblättern erbauen, die alle fünf Jahre von den liberalen Parteileitungen vertheilt werden."

Ein wahres Wort! Wer schreibt es? Nicht eine konservative, keine katholische Zeitung, son­dern die freisinnige .Breslauer Morgenzeitung', die sich gleichzeitig bitter über das drakonische Regiment Eugen Richters beklagt, das alle Kritik im Freisinn selbst niederhält und alle diejenigen lieber schweigen läßt, die nicht sehr starke Nerven haben. Solchen Stimmen muß man um so mehr glauben, als sie gar nicht vereinzelt er­schallen. Dieselbe Klage tönt auch aus den Spalten anderer Blätter heraus, vorausgesetzt, daß sie „starke Nerven haben" und sich dar leisten können. Es ist auch schon vorgekommen, daß nach sozialdemokratischem Muster solche Re­dakteure „flogen", die das ungeheure Wagniß unternahmen, an dem allgewaltigen Parteihaupt Kritik zu üben.

Der Liberalismus, vor allem aber diejenige besondere Richtung desselben, die sich „freisinnig" nennt, ist nichts weiter mehr, als eine in mehrere Theile geborstene Ruine, ein ziemlich hilfloses Wrack, das auf den Wogen der Politik hin- und hergeschleudert wird und nur noch dann einen bestimmten Kurs mit Erfolg inne zu halten ver­mag, wenn es von anderen und kräftigeren Fahr­zeugen ins Schleppthau genommen wird. Aber wer mag das noch thun? ES gibt nur noch selten jemand, der das mag und dem das etwas nützen kann; und so verfällt denn der absterbende Liberalismus, genau so wie wir es in neuerer Zeit in anderen Ländern, beispielsweise in Belgien sahen, mehr und mehr der Sozialdemo­kratie. Noch mehr: er wirft sich dieser letzteren Hilfe heischend in die Arme, die sich nur zu gern öffnen, um das Opfer, das die „Genoffen" als sichere Beute für sich schon längst betrachten, in dieser Molochsumarmung vollkommen zu erdrücken.

So ging es bei der Berathung der lex Heintze im Reichstage. So wird es wieder gehen bei den bevorstehenden Berathungen über die Handels­politik und die Handelsverträge. Schon vor meh­reren Monaten hat die freisinnige Bereinigung unter der Leitung deS wunderlichen Abgeordneten Dr. Barth eine Versammlung abgehalten, in der das Zusammengehen mit der Sozialdemokratie auf dem Gebiete der Handelspolitik ganz unmittel­bar empfohlen und gutgeheißen wurde. Vielleicht denkt man auch schon im voraus ein wenig daran, von Neuem das Spektakelstück der Obstruktion unter der bewährten Fühmng des Obergenoffen Singer aufzuführen, wenn nichts Anderes helfen

Die Aerke von Ikorenz.

Orginal-Roman von Irene v. Hellmuth.

6 ------ (Nachdruck verboten.)

II.

Nach einigen Tagen fühlte Roland sich wohl genug, um aufstehen zu können. Sein erster Gang galt dem Dom, wo Anita gewöhnlich mit ihren Blumen stand. Sie war nicht da. Nieder­geschlagen kam er zurück.

„Vielleicht," so tröstete er sich, „hat sie die Sache überlegt, und erfüllt meinen Wunsch, den Handel aufzugeben."

Bei diesem Gedanken jubelte sein Heiy.

Wenn sie das that, — dann lieble sie ihn auch, — gewiß! — So wird eS sein. Er rief sich olle die Stunden, die er schon mit Anita verlebt, in's Gedächtniß zurück; er erinnerte sich all der Kosenamen, die sie ihm gegeben, wenn er sie mit einem Geschenk erfreut hatte. Freilich war immer die Alte, die auch Roland sehr zu­wider war, dabei gewesen. Anita wollt« es so, sie behauptete, ihrem guten Rufe das schuldig zu sein; er selber fand das ganz in der Ordnung und war schon glücklich, in ihrer Nähe wellen zu dürfen.

Gegen Mittag eilte Roland abermals dem Domplatze zu. Dasselbe Resultat. —

Abends begab er sich in Anitas Wohnung, aber mit strahlendem Gesichte kehrte er heute von seinem Besuche heim.

„Nun, alter Grübler," rief er schon von Wellern Konrad zu, „was sagst Du jetzt! Anita hat mir versprochen, endlich meinen flehentlichen

sollte dazu, dem Volke den nothwendigen Zollschutz für seine wichtigsten Erzeugniffe vorzuenthalten.

Und die Sozialdemokratie? Sie läßt sich dann gern gefallen und lächelt gnädig Beifall. Aber der Kamm ist ihr auch in Folge deffen schon jetzt nicht wenig geschwollen. Sie spottet gleichzeitig schon im voraus über den Freisinn, der ohne sie nichts mehr ausrichten kann. „Ist doch schon heute — schreibt das Berliner sozial­demokratische Zentralorgan — kaum mehr zweifel­haft, daß, wie in letzter Zeit die Sozialdemokratie dazu gedrängt worden ist, die Führung in Kämpfen zu übernehmen, in denen eigentlich die Führerschaft dem freisinnigen Bürgerthum zuge­kommen wäre, so auch in den bevorstehenden Kämpfen um die einzuschlagende Zoll- und Handelspolitik die Sozialdemokratie wohl die Hauptarbeit wird leisten müssen, mog sie wollen oder nicht." Wollen wird sie natürlich. Aber ein wenig zu kokettiren und sich zu spreizen macht auch der modernen Sozialdemokratie einiges Ver­gnügen; und darum läßt sie die Dinge an sich herankommen, drängt sich dem äußern Anscheine nach gar nicht danach, an die Spitze der frei- händlerischen Bewegung zu treten. Es ist so hübsch, von fteifinnigen Börsenblättern, wie es noch während der letzten Tage geschah, darum angefleht zu werden, sich doch ein wenig mehr für den kommenden handelspolitischen Kampf zu rühren!

Wie unsinnig geradezu aber die Sozialdemo­kratie unsere handelspolitischen Beziehungen und Pflichten beurtbeilt, dafür hat das Berliner sozial­demokratische Centralorgan erst in diesen Tagen wieder ein tolles Beispiel geliefert. Das Blatt gab unmittelbar zu, daß die Vereinigten Staaten unter der Wirkung ihres neuen Zollsystems riesige Fortschritte gemacht haben. Diese« System steht bekanntlich auf dem Boden des Hochschutzzolles. Ebenso kann das Blatt nicht leugnen, daß Deutsch­land unter diesem System Schaden gelitten hat, wie eS ja thatsächlich der Fall ist. Aber wehren soll sich Deutschland ja nicht gegen die Vereinigten Staaten, soll ja keine Abwehrmaßregeln ergreifen, denn das würde zu einem Zollkriege führen, „in dem alle Gewinnchancen auf der Seite Amerikas liegen".

Jedes handelspolitische Kind weiß, daß diese letzte Behauptung die Wahrheit unmittelbar auf den Kopf stellt. Gerade das Gegentheil daran ist die Wahrheit. Und unter solcher Fühmng will Herr Dr. Barth mit seinen Genossen in den Kampf um die Handelsverträge eintreten, derselbe Dr. Barth, der sich so angemessen viel zu gute thut auf sein Wissen und auf seine Kenntnisse! Solche Gmndsätze zur Ausführung bringen würde nichts anderes bedeuten als die gewaltsame Herbei­führung unseres wirtbschastlichen Ruins. Das werden auch sehr bald die Arbeiter begreifen, die jetzt noch urtheilsloS der Fahne der Sozial- demokratie folgen, und sie werden dieser die Ge­folgschaft ebenso aufsagen, wie bei der letzten Ersatzwahl im elsässischen Wahlkreise Mühlhausen. Für alle Gegner der von dem Freisinn und der mit ihm verbündeten Sozialdemokratie versochtenen Handelspolitik kann das aber nur angenehm und erwünscht sein. Je toller es die Herren treiben, desto besser. Desto schneller werden ihre Handels-

Bitten nachzugeben: Heute über ein Jahr wird sie meine Frau, bis dahin verkauft sie kerne ein­zige Blume mehr! Glaubst Du nun, daß sie mich liebt, ober zweifelst Du noch immer, un­gläubiger Thomas?"

Der Angeredete kraute sich statt aller Antwort hinter den Ohren, und schnitt eine Grimasse.

„Nun?" fragte Roland, und blickte mit den glücklich leuchtenden Augen, die heute so ftöhlich aus dem schmalen Gesichte schauten, erwartungs­voll auf den schweigsamen Freund.

Dieser räusperte sich und ftagte endlich, jedes Wort betonend: „Und was hast Du der Ange­beteten Deines Herzens drnn heute alles mitge­bracht?"

Rolands Züge versinsterten sich.

„Ah, — Du bist wirklich abscheulich! Ich hätte nicht gedacht, daß Du die Sache so weit treiben, und auch jetzt noch an Anita zweifeln würdest! Du verdirbst mir auch wirklich jede Freude, geh, — Du thust mir weh! — Anita hat ganz recht, wenn sie mich vor Dir warnt."

„Thut sie das? — Ah, das wußte ich aller­dings nicht!"

Konrad haschte bei den letzten Worten nach des Freundes Hand und drückte sie innig.

„Du weißt, daß ich mit tausend Freuden mein eigenes Lebensglück dahingeben würde, könnte ich da» Deinige damit erkaufen," sagte er, freundlich in Rolands finsteres Gesicht blickend. „Zürne mir nicht, ich kann mich doch nicht anders machen, als ich bin; Gott wird schon alles zum Guten lenken!"--

Es blieb doch eine kleine Verstimmung zurück, trotzdem Konrad alles aufbot, den Eindruck seiner

politischen Schiffe von den Wogen der sich da­gegen auflehnenden Volksbewegung verschlungen sein!

Deutsches Deich.

Berlin, den 14. September.

X Der Aentrakitätsdnsek hat in einer Berliner gewerkschaftlichen Versammlung gründ­liche und gerechtfertigte Verurtheilung gefunden. DaS schöne Wort „Neutralitätsdusel" stammt aus dieser Versammlung selbst. Bekanntlich aber ist in erster Reihe Herr Obergenoffe Bebel der Hauptverfechter und Hauptverbreiter dieses „Du­sels", darauf berechnet, andere, nicht sozialdemo­kratische Arbeiter auf den sozialdemokratischen Leim zu locken; und somit richtete sich die ganze Schärfe deS Wortes und des ablehnenden Be­schlusses gegen die Person des Herrn Bebel selbst. ES handelt sich um eine Versammlung der im Berliner Gewerkschaftskart-ll vereinigten gewerk­schaftlich organistrten Arbeiter Berlins; ein ge­wisser Metzner hielt des Abends den Vortrag über das Thema: „Darf die deutsche Gewerk- schaftsbewegung unpolitisch oder neutral sein?", und schließlich wurde mit allen gegen nur sechs Stimmen eine Entschließung angenommen, in der besagter „NeutralitätSdusel" ganz entschieden ver- urtheilt wird. Nach dieser Entschließung kann der gewerkschaftliche Kampf der Arbeiter nur dann mit dem nöthigen Nachdruck und der nöthigen Einheit geführt werden, wenn er als Klaffen­kampf der sozialdemokratischen Arbeiterklasse gegen die Ausbeutung anerkannt und geführt wird; dieser Kampf kann nur unter engem und be­wußtem Anschluffe an die Grundsätze und For­derungen der sozialdemokratischen Partei Deutsch­lands mit Aussicht auf dauernden Erfolg geführt werden. Eine Trennung der gewerkschaftlichen Organisation von her bewußten sozialdemokrati­schen Bewegung fti darum nicht möglich usw. Daß alle sozialdemokratischen Gewerkschaftler genau so denken, auch diejenigen, die unter der Führung ihres Obergenoffen Bebel in dem heuch­lerischen NeutralitätSdusel machen, wissen wir ja längst. Aber sie sagen eS nicht alle. Viele denken, durch NeuttalitätSheuchelei christliche Ar­beiter einzufangen. Da muß man sagen, daß die schärfere Berliner Tonart die bessere ist. Erstens heucheln diese Leute nicht, sondern sagen offen und frei ihre wirkliche Meinung. Und zweitens werden diese Sozialdemokraten aus eben diesem Grunde weniger gefährlich, als die Heuchler, die hinter allerhand Mätzchen sich zu verstecken und andere über ihre wahren Absichten und Ziele zu täuschen suchen.

+ Die Natiovakfoziaker» find bei den Neuwahlen zum Landtage in Sachsen-Weimar her­vorgetreten, um Stimmung für die Wahl von Sozialdemokraten zu machen, so wird in Zeitungs­berichten aus Sachsen-Weimar behauptet. Herr Pfarrer a. D. Naumann soll selbst bei einer nationalsozialen Zusammenkunft in Vieselbach seinen politischen Freunden den Rath gegeben haben, überall für die sozialdemokratischen Wahl­bewerbern einzutreten, wo Kandidaten der National­sozialen keine Aussicht auf Erfolg haben. Da nun

Worte zu verwischen. Er zürnte sich selbst, daß er den Freund gekränkt, der — das wußte er längst, — doch niemals von Anita lassen würde.

Acht Tage waren seitdem vergangen. Roland hatte seiner Braut eine namhafte Summe über­wiesen, davon sie einstweilen leben und sich die zur Verheirathung nöthige Ausstattung anschaffen sollte. Er war glücklich, für sie sorgen zu dürfen, und kragte sie täglich, ob sie auch nichts vermisse.

Eines Tages war Roland nach dem Abschied von Anita eben die schmale Treppe hinabgeklettert, als ihm einfiel, daß er der Geliebten das Geschenk, das er heute für sie gekauft, zu übergeben ver­gessen hatte. Schleunigst machte er Kehrt, und tappte sich im Dunkeln wieder empor. In halber Höhe mußte er stehen bleiben, um Athem zu schöpfen, und hörte, da die Thüre nur angelehnt war, Anitas silberhelles Lachen erschallen.

Fast that es ihm weh, daß sie, nachdem er weg gegangen, so vergnügt war, während ihm selbst jedes Mal das Scheiden für einen ganzen Tag so ungemein hart ankam.

Doch horch! — Was war das? Die Worte drangen mit grausamer Deutlichkeit an da« Ohr des Lauschers. Seine Hand fuhr nach der Stelle, wo das Herz so ungestüm pochte, — eS war ihm, als risse dort plötzlich etwas entzwei. Er fühlte einen brennenden Schmerz in seinem Innern.

„Ha, ha, ha'" — klang es da wieder, — „nein, — ist das ein Dummkopf! Man sollte es kaum für möglich halten, — der glaubt aber auch alle-, was man ihm weis macht!--

O, diese Männer, man kann sie so bequem an der Nase herumführen, wenn man es nur ein

dieses Letztere wohl nirgends der Fall ist, würde das so viel bedeuten wie allgemeines Eintreten der Nationalsozialen für die Sozialdemokraten. Soll man das wirklich glauben? Wenn es wahr wäre, dann würde das ein neuer Beweis dafür sein, daß zwischen den Anschauungen des Centrums und denen der Nationalsozialen eine weite Kluft gähnt. Aber freilich kann das kleine Häuflein der Getreuen des Pfarrers Naumann niemals eine irgendwie bedeutsame Rolle spielen.

X „AiMge Maare". Die Waarenhäuser und Bazare verdanken einen großen Th eil des Zulaufes, den sie haben, der irrtümlichen An­nahme, man kaufe dort billiger als in anderen Geschäften. Natürlich ist das unrichtig. Wie sollte es möglich fein, daß ein Geschäft, das einen sehr theueren Prachtbau aufführt, billiger verkauft als ein anderes, das ein solches Anlagekapital nicht zu verzinsen hat? Die billigeren Einkäufe in den Bazaren sind nichts weiter als trügerischer Schein. Ein neues Beispiel dafür, „wie's gemacht wird", liefert die freisinnige .Vossische Zeitung', sicherlich hierfür eine unverdächtige Quelle. So kauft matt in den Bazaren ausnehmend dieselben Garnknäuel, für die man anderwärts 10 Pfg. bezahlt, für 12 und 10 Pfg., und die Damenwelt ist entzückt von dem billigen Mnkaufe. Aber wenn man sich die angeblich billigen Garnknäuel näher besehen wollte, würde man finden, daß sie gar nicht billig, sondern theuer sind; es ist nämlich viel weniger Ggrn darauf, als auf den anderen Knäueln. Die Garnfabriken fertigen diese Knäuel, auf denen der früher vorhandene Gewichtsvermerk fehlt, auf ausdrücklichen Wunsch der Waaren­häuser an. nachdem sie sich vorher lange Zeit gesträubt hatten, das zu thun. ES ist dringend zu wünschen, daß diesem Schwindel ein Ende ge­macht werde durch die feste Bestimmung, daß solche Waare ohne Gewichtsbezeichnung nicht in den Handel kommen darf. Die Garnfabrikanten haben sich in diesem Sinne bereits an das preußische Staatsministerium gewandt; aber ge­schehen ist bisher noch nichts. Die einzige Waffe der Fabrikanten selbst ist ihr fester Zusammen­schluß gegen die Waarenhäuser und ihre schwindel­haften Zumuthungen, schlechte Waare zu machen, und gegen ihr Verlangen, die Waarenhaussteuer auszugleichen durch einen Waarenrabatt. Hatten aber die Fabrikanten der verschiedenen Zweige zusammen, bann müssen sich doch die Waarenhäuser fügen. ES ist einigermaßen unbegreiflich, baß bieser höchst einfache Gebankengang nicht schon überall in ben Kreisen ber Fabrikanten beten festen Zu­sammenschluß herbeigeführt hat.

X Das Aausierwefe« hat einen Punkt inbenBerathungenbeS Allgemeinen bayeri­schen HanbwerkertageS gebildet, ber in biefen Tagen in München versammelt war. Nach bem gefaßten Beschlüsse soll der Vorstand des bayerischen Handwerkerbundes in einer Petition beim Bundesrathe und beim Reichstage darum nachsuchen, daß 1) der Haustrhandel von Aus­ländern und Kindern gesetzlich verboten und der Hausirhandel weiblicher Personen aufs Aeußerste eingeschränkt werde — 2) die Er- tbeilung von Wandergewerbescheinen an In­länder vom Bedürfnisse abhängig gemacht werde — 3) der Hausirhandel an Sonn- und klein wenig versteht! — — Ha, ha, — denkt der Mensch, daß ich seinetwegen meinen einträg­lichen Blumenhandel aufgeben werde,--zu

albern! — Als ob ich gerade am Domplatze stehen müßte! Es gibt doch hier Gott sei Dank noch mehr Plätze, wo die „Perle von Florenz" ihre Blumen feilhalten kann. Freilich, so viel verdiene ich jetzt nicht wie früher, weil die Leute mich an ber alten Stelle suchen, aber dafür muß der dumme Roland, dieser Einfaltspinsel, mich schadlos hatten. Wofür wäre er denn sonst da!" „Wenn er nur nicht recht bald dahinter kommt, mein kluges Anitchen," mischte die Alte sich darein.

„Bah", klang eS verächtlich dagegen, „das kümmert mich nicht! Ich werde ihm schon etwas vorflunkern."

„Und wenn das Jahr um ist, das Du Dir ausbedungen, was wirst Du dann thun?"

„Ach was!" Anitas Stimme klang be­deutungsvoll. „Du kluge Alte, — ein Jahr ist lang, wer weiß, was da alles geschieht, denke doch daran, was Du mir erst kürzlich andeutetest, --doch, — was kümmert? Dich, — laß mich nur machen, — ich werde eben neue Frist verlangen ober sonst etwas, baS wirb sich finben unb--"

Tödtlich erschrocken verstummte baS schöne Mäbchen in diesem Augenblicke.

In der mit wilder Hast aufgestoßenen Thüre erschien die Gestalt Rolands. Anita stieß bei seinem Anblicke einen lauten Schrei aus; sie erhob wie abwehrend die bräunlichen Hände, als fürchtete sie, der Eingetretene würde sich auf sie stürzen.