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JuLöcr, Samstag, den 15. September 1900.
27. Jahrgang
M 212
für Jnferate 3. Var je II er in Fulda. mit NnterhMmgs-Aettage „Issuffrirte Sonntags-Zeitungs - peleiseafe Ä«. » nbarauaU).
|| Drittes Matt. |
G Wirkungen der Handelsverträge.
Den Handelsverträgen, die Deutschland vor einigen Jahren abgeschlossen hat und die nun ihrem Ende entgegengehen, ist sehr viel Schlimmer von ihren Gegnern, noch mehr Guter aber von ihren ausgesprochenen Freunden nachgesagt worden. Es ist ein Kampf um diese Verträge entbrannt, der viel heftiger ist als damals, als es während der Kanzlerschaft des Grafen von Caprivi galt, sie im Reichstage durchzuberathen und entweder anzunehmen oder abzulehnen; und ohne Zweifel steht dieser Kampf erst im Anfänge seiner Entwickelung. Er wird in der bevorstehenden nahen Zukunft noch heftiger werden.
Wie es stets bei solchen Kämpfen geschieht, so ist es auch hier: Befürworter und Gegner schießen in ihrem Eifer vielfach über das Ziel hinaus. Die Freunde der Handelsverträge, wie sie unter dem zweiten Kanzler abgeschlossen wurden, wollen an ihnen nur gute Seiten erblicken; ein Theil der Gegner möchte am liebsten mit der ganzen Handelsvertragspolitik brechen und zu einer vollkommen durchgeführten autonomen Zollpolitik übergehen, d. h. also so, daß das deutsche Reich in Zukunft ganz selbständig, ohne ein anderes Land darum zu fragen, seine Einfuhrzölle festsetzen müßte und zu jeder Zeit nach Belieben ändern könnte.
Dieses letztere Verfahren würde ohne Zweifel manche Vorzüge haben, namentlich den Vorzug der Bequemlichkeit und der Freiheit des Reiches in seinen Bewegungen aus dem Gebiete der Handelspolitik. Aber das kann hier nicht der entscheidende Gesichtspunkt sein. Die Entscheidung kann vielmehr der Hauptsache nach nur danach getroffen werden, wie man dem deutschen Volke und seinem Wohlstände nach der üblichen Ausdrucksweise der nationalen Produktion am meisten nützen kann. In diesem Sinne hoben augenscheinlich die deutschen Unterhändler bei dem Abschlüsse der letzten, zur Zeit noch bestehenden Handelsverträge sich manche Vortheile entgehen lasten. Die Vorbereitungen dazu waren auf deutscher Seite nicht sorgfältig genug gewesen. Und in diesem Sinne sind tadelnde Kritiken durchaus angebracht. Aber deswegen, weil diese Handelsverträge nicht zu unserer Zufriedenheit ausgefallen sind, brauchen wir noch lange nicht alle Handelsverträge überhaupt über den Haufen zu werfen. Was an diesen Handelsverträgen nicht gut gemacht worden ist, könnte ja bei neuen Verträgen bester ausge- führt werden; und thatsächlich sind auch die Wirkungen der gegenwärtigen Handelsverträge im Allgemeinen nicht schlecht gewesen.
Man ersieht dies aus einer Zusammenstellung, die durch die zuständige Reichsbehörde gemacht und jetzt durch eine halbamtliche Kundgebung der Oeffentlichkeit übergeben worden ist. Danach ist die deutsche Ausfuhr nach denjenigen Staaten, mit denen wir Handelsverträge haben, während der Dauer derselben ganz erheblich gewachsen, nämlich um 18 v. H., während die Einfuhr aus denselben Staaten in derselben Zeit nur um 1 v. H. gestiegen ist. Die deutsche Ausfuhr nach denjenigen Staaten, mit denen wir keine Handelsverträge haben, ist dagegen nicht gestiegen, sondern vielmehr im Verlaufe derselben Jahre um 4 v. H. gesunken. Die Einfuhr aus den Staaten ohne Vertrag nach Deutschland ist gleichzeitig um 21 v. H. größer geworden. Der Sinn dieser Ziffern ist, kurz gesagt, der, daß Deutschland im Allgemeinen in dem Handelsverkehr mit den Vertragsftaaten den Vortheil auf seiner Seite gehabt hat, umgekehrt aber den Nachtheil in dem gegenseitigen Aus- tausche mit den anderen Staaten, mit denen das Reich keine Verträge abgeschlossen hatte.
Im allgemeinen haben dem Reiche also die gegenwärtig noch gilligen Handelsverträge Vortheile gebracht, nicht Nachtheile. Das zu leugnen, ist unmöglich, und deswegen sollte niemand im Ernste so weit sich versteigen, daß er in Zukunft mit aller Vertragspolitik brechen und gar keine Verträge mehr abschließen möchte, die auf Gegenseitigkeit beruhen. Ebenso unmöglich aber kann in Abrede gestellt werden, daß im einzelnen die deutsche Landwirthschaft von den gegenwärtigen Handelsverträgen keine Vortheile, sondern Nachtheile davongetragen hat; und es ist eine ganz tolle Behauptung, die man mitunter in solchen Zeitungen aufgestellt findet, die einseitig die Interessen der Industrie und des Handelsstandes verfechten, nämlich die Behauptung, daß die kleine Besterung, die sich in der Lage der Landwirthschaft während der allerneuesten Zeit vollzogen hat, ebenfalls der Wirkungen der bestehenden Handelsverträge zuzuschreiben sei. Die Landwirthschaft hat Schaden erlitten und erleidet fortgesetzt Schaden durch die Herab
setzung der Getreidezölle, die durch diese letzten Handelsverträge bedingt war, und dieser Nachtheil muß unbedingt bei dem Abschlüße neuer Verträge vermieden werden. Daß es geschehen wird, ist unzweifelhaft. Die starke Mehrheit dafür ist schon etzt im Reichstage vollkommen gesichert.
Und dann ist stets noch das Eine zu bedenken: von der starken Ausfuhr allein hängt nicht der Wohlstand eines Landes ab, sondern gewöhnlich nur das reichlichere Gedeihen einzelner Erwerbsklaffen. Aber wenn es gelingt, die neue Handelsverträge so zu gestalten, daß sowohl der deutschen Landwirthschaft und ihren Interessen genügend Rechnung getragen und auch darauf Bedacht genommen wird, daß die Vortheile der Verträge nicht einzelnen Bevorzugten allein in den Schooß fallen, warum sollten wir n'cht neue Verträge an Stelle der alten abschließen? Von einem Dinge, das für uns vortheilhaft ist, können wir nur wünschen, daß sein Bestand für längere Zeit hinaus gesichert werde!
rh Deutschiands Außenhandel im Jahre 1899.
Von dem ersten, den Jahreshandel von 1899 darstellenden Band (Land 128 der Statistik des Deutschen Reiches, Verlag von Puttkammer u. Mühlbrecht, Berlin): „Der Verkehr mit den einzelnen Ländern in den Jahren 1899, 1898 und 1897“ sind soeben die Helfte XXI (Westindien), XXII (Australien) und XXIII (Freihäfen, Zollausschlüffe, Nicht ermittelt (seewärts)) erschienen. Dem Tabellenwerk dieser Hefte geht eine kurze Besprechung des Außenhandels des deutschen Zollgebietes mit diesen Ländern voraus.
Das Heft XXI (Westindien) enthält den Handel nachstehender Länder: Britische Besitzungen in Westindien, Central- und dem nördlichen Südamerika. Der Spezial- Handel mit diesem Gebiet hat betragen im Jahre 1899: in der Einfuhr 7,8 Millionen Mark gegen 7,9 Millionen Mark im Jahre 1898, in der Ausfuhr 2,1 Millionen Mark gegen 1,6 Millionen Mark im Jahre 1898.
Die Einfuhr ist sonach gegen 1898 um 0,1 Million Mark zurückgegangen, die Ausfuhr dagegen um 0,5 Million Mark gestiegen.
" Die hauptsächlichsten Einfuhr - Artikel sind Kaffee, Kakaobohnen, Jamaika-Rum, Piment und Asphalt, die wichtigsten Ausfuhrartikel geschälter Reis, baumwollene Strumpfwaaren und Bier in Flaschen.
Dänische Besitzungen in Westindien. Der Handelsverkehr des deutschen Zollgebietes mit den kleinen Antillen-Inseln St. Croix, St. Jean und St. Thomas ist gering. Der Werth des Spezialhandels für 1899 beträgt in der Einfuhr 220,000 Mark und in der Ausfuhr 158,000 Mark.
Französische Besitzungen in Amerika. Der Handelsverkehr ist ebenfalls unbedeutend. Die Einfuhr in das deutsche Zollgebiet bewerthet sich auf 30,000 Mark, die Ausfuhr auf 83,000 Mark.
Niederländische Besitzungen in Amerika. Der Handel mit diesen Gebieten ist von geringer Bedeutung. Die Einfuhr im Spezialhandel beträgt 902,000 Mark gegen 782,000 Mark im Jahre 1898 und die Ausfuhr 422,000 Mark gegen 352,000 Mark im Jahre 1898. Die wichtigsten Einfuhr-Artikel sind Dividivi, natürlicher phosphorsaurer Kalk und Kakaobohnen, ausgeführt werden hauptsächlich Baumwollen- und Eisenwaaren.
Cuba, Portoriko. Der Spezialhandel des Jahres 1899 hat in Einfuhr und Ausfuhr dem Werthe nach gegen 1898 zugenommen. Es beträgt die Einfuhr 12,9 Millionen Mark gegen 12,5 Millionen Mark im Jahre 1898, also mehr 0,4 Million Mark, die Ausfuhr 9,8 Millionen Mark gegen 4,6 Millionen Mark in 1898, also mehr 5,2 Millionen Mark. Eingeführt werden hauptsächlich Zigarren, Kaffee, unbearbeitete Tabakblätter und Rohwaaren zur Bürstenfabrikation, ausgeführt dagegen geschälter Reis, Waaren aus edlen Metallen, Baumwollen- und Eisenwaaren.
Dominikanische Republik. Das deutsche Zollgebiet bezieht von diesem Land vornehmlich unbearbeitete Tabakblätter, Kakaobohnen, Kaffee und Blauholz, während es dorthin namentlich geschälten Reis, Bier in Flaschen, Thon- und Eisenwaaren liefert. Im Jahre 1899 beläuft sich die Einfuhr im Spezialhandel auf 3,0 Millionen Mark gegen 2,3 Millionen Mark im Vorjahre, die Ausfuhr auf 0,75 Million Mark gegen 0,65 Million Mark im Jahre 1898.
Republik Haiti. Aus Haiti werden hauptsächlich Kakaobohnen, unbearbeitete Tabakblätter und Kaffee eingeführt, während dorthin Reis sowie Waaren der Textil- und Eisenindustrie geschickt werd-n. Die Einfuhr im Spezialhandel
beträgt 6,5 Millionen Mark gegen 6,6 Millionen Mark in 1898, die Ausfuhr 0,5 Million Mark gegen 0,7 Million Mark im Jahre 1898.
Heft XXII (Australien) umfaßt folgende Gebiete:
Britisch-A ustralien. Jrn Spezialbandel hat im Jahre 1899 betragen: die Einfuhr 121,1 Millionen Mark gegen 86,8 Millionen Mark im Vorjahre, die Ausfuhr 37,9 Millionen Mark gegen 32,9 Millionen Mark im Vorjahr».
Die Einfuhr hat hiernach eine Steigerung um 34,3 Mill onen Mark, die Ausfuhr eine solche von 5,0 Millionen Mark erfahren Britisch-Au- stralien liefert em deutschen Zollgebiet hauptsächlich Schafwolle; Elniuhrart'kel im Weich von mehr als 1 Million Mark sind in E-ze, Harz, Weizen, Blei, Eselsteine unh Talg. Die wichtigsten Ausfubrwaaren sind Eisenwaaren, Klaviere, Baumwollenwaaren, Masch neu, Spielwaa en, Ce ment und feine Ho zwarren.
Deutsch-Australien. Der Handelsverkehr mit Deutsch-Australien ist von geringer Bedeutung. Der wichtigste Einfuhrartikel ist die Kopra; auS- gefilhrt werben vornehmlich Gold- und Silber- münzen, Bier in Flaschen, Gegenstände des feineren Tafelgenuffes, Kleider und Putzwaaren. Im Spezialhandel hat 1899 betragen: die Einfuyr 275,000 Maik gegen 206,000 Mark tm Jahre 1898, die Ausfuhr 591,000 Mark gegen 271,000 Mark im Jahre 1898.
Französisch-Australien. Die Ausfuhr nach diesem Gebiet ist sehr gering (59,000 Mark im Jahre 1899 gegen 27,000 Mark im Vorjahre), )ie Einfuhr etwas beträchtlicher (1,6 Millionen Mark in 1899 gegen 1,3 Millionen Mark in 1898). Die bedeutendsten Einfuhrartikel sind Kobalt-, Nickel- und Chromerze sowie Vanille.
Samoa-Inseln. Der Handel des deutschen Zollgebietes mit diesen Inseln ist noch sehr gering. Die Einfuhr im Jahre 1899 ist mit 27,000 Mark gegen 5000 Mark im Vorjahre, die Ausfuhr mit" 180,000 Mark gegen 95,000 Mark in 1898 bewerthet.
Uebri g es Polpnesin einschließlich Ha- weiische (Sandwich-) Inseln. Der Werth der Einfuhr ist sehr unbedeutend (18 O0o Mark in 1899 gegen 34 000 Mark in 1898), der Werth der Ausfuhr dagegen erheblich größer (1,3 Millionen Mark in 1899 gegen 1,4 Millionen Mark in 1898). Die hauptsächlichsten Ausfuhrartikel sind Eisenwaaren, schwefelsaures Kali u d Maschinen.
Heft XXIII enthält den Handel des deutschen Zollgebietes mit nachstehenden Gebieten:
Freihäfen Hamburg, Cuxhaven. Das Freihafengebiet Hamburg kommt für den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebietes als Speditions- und Lagerplatz sowie als Industriegebiet in Betracht, während das Freihafengebiet Cuxhaven nur Lagerplatz ist. Die Erzeugniffe der Freihafenindustrie lassen sich beim Eingang in das Zollgebiet sicher nachweisen, und es entsprechen daher die über die Einfuhr ermittelten Zahlen ziemlich genau der Wirklichkeit. Dagegen erscheint die Ausfuhr nach dem Freihafengebiet zu hoch, weil in den für sie veröffentlichten Zahlen auch solche Mengen enthalten sind, die nicht für den Verbrauch im Freihafen bestimmt, sondern nur zur vorläufigen Lagerung dahin verbracht worden sind, um später in den Handel anderer Länder übergeführt zu werden. Das Bekanntwerden dieser Thatsache verzögert sich aber in vielen Fällen über den Zeitpunkt hinaus, bis zu welchem der Abschluß der Jahresnackweisungen zu erfolgen hat, so daß diese Mengen dem Verkehr mit den betreffenden außer- deutfchen Ländern nicht mehr zugeschrieben werden können. Die Ausfuhrziffern enthalten sonach auch solche Waaren, die auf Rechnung fremder Handels- gebiete zu setzen sind. Dies macht sich namentlich bei Zucker bemerkbar.
Der Spezialhandel des deutschen Zollgebiets mit dem Freihafengebiet Hamburg-Cuxhaven hat folgenden Werth: Einfuhr 19 3 Millionen Mark im Jahre 1899 gegen 15,7 Millionen Mark im Jahre 1898, Ausfuhr 70,8 Millionen Mark im Jahre 1899 gegen 58,4 Millionen Mark im Jahre 1898.
Einfuhr und Ausfuhr sind gegen das Vorjahr gestiegen, und zwar um 3,6 bezw. 12,4 Millionen Mark. Die wichtigsten Einfuhrartlkel aus den Freihafengebieten sind Oelkuchen, rohes Kupfer, natürlicher Guano, Superphosphat, rohes Silber und geschälter Reis; die hervorragendsten Ausfuhrartikel Steinkohlen, Rohzucker, grobe Böttcher- und Tischlerwaaren, Eisen und Eisenwaaren und Maschinen.
Freihäfen Bremerhaven, Geestemünde. Der Spezialbandel des deutschen Reiches mit diesen Freihäfen hat betragen im Jahre 1899: in der Einfuhr 0.197 Millionen Mark gegen 0,036 Millionen Mark im Jahre 1898, in der Ausfuhr 7,205 Millionen Mark gegen 6,742 Millionen Mark im Jahre 1898.
Bei der Ausfuhr handelt es sich fast nur um Vorräthe aller Art für den Gebrauch der Schiffsmannschaft, der Reisenden sowie für die Schiffe.
Zollausschluß Helgoland. Helaolaud liefert dem deutschen Zollgebiet vornehmlich Hummern und Schildkröten und erhält dagegen Steine, die zu Befestigungsbauten Verwendung finden, Nahrungs- und Genußmittel, Kleider und Putzwaaren rc.
Der Werth der Einfuhr im Speziakhandel beläuft sich auf 0,138 Millionen Mark gegen 0,106 Millionen Mark im Jahre 1898 und der- j-ntge der Ausfuhr im Jahre 1899 auf 1 629 Millionen Mark gegen 1,365 Millionen Mack im Jahr 1898
Nicht ermittelt (seewärts). Hier kommen hauptsächlich die zubereiteten (aeiaizenen, geräucherten) E->räcm>ffe der Hochseefiicheiei in Betracht, sowie Waaren, die als Scbiff?prooiant, Sch>ffsans'üstu«gs -eaenstände, Stra dgui re ohne @rn itMung her Hei kunft o^er Bestimmung über hie Nord ober Onsee ein- ober auSgeführt werden. Der Sp jialbanbel für bas Jahr 1899 ne- trägt in her Einfuhr 3,012 M üionen Maik geaen 3 662 Mrllwven Mark un V r sichre und in der A nfuhr 0,656 M Istonen M i k gegen 0 583 Millionen Mark im Jahre 1898
Babische Zc> llansschlösse. Der Spezialhandel der badischen Zollausichlüffe mit dem deutschen Zollgebiet bat folgenden W rth: in der Einfuhr im Jahre 1899 282,000 Mark gegen 260,000 Mark im Jahre 1898. in der Ausfuhr tm Jahre 1899 522.000 Mark gegen 346,000 Mark im Jahre 1898.
Die Einfuhr besteht fast nur aus Vieh und Getreide, ausgeführt werden hauptsächlich edle Metalle, Vieh, Waaren der Textilindustrie.
Vermischtes.
* Hleöer die Aeguadignug eines Deutsch«« in Amerika berichtet der ,Hamd. Sott.' aus New-Jork: Gouverneur Roosevelt hat dieser Tage in einem Falle von besonderem Interesse einen Begnadigungsakt vollzogen. Der Begnadigte ist ein Deutscher, 25 Jahre alt, NamenS Karl Fischer. Dieser, der Sohn achtbarer, in Deutschland wohnender Eltern, war vor 9 Jahren hier eines Raubes überführt und zu 17 Jahren Ge- fängniß verurtheilt worden. Bon dieser Strafe hat er mehr als 8 Jahre verbüßt. Bor kurzem fiel dem Sträfling in Deutschland eine Erbschaft von 68000 Mark zu, und seine Mutter trat die Reise von Deutschland nach Amerika an, um ihrem unglücklichen Sohne, wenn möglich, die Freiheit wieder zu verschaffen. Sie begab sich zu Gouverneur Roosevelt und stellte ihm unter Thränen vor, ihr Sohn sei, als er das Verbrechen beging, fast noch ein Knabe gewesen. Er habe seine Verirrung durch mehr als achtjährige Kerkerhaft schwer gebüßt. Nun habe sich ihm eine Aussicht eröffnet, ein neues Leben unter veränderten Glücksumständen zu beginnen. Wenn der Gouverneur ihm begnadigen wolle, so würde sie ihn mit nach Deutschland nehmen, und er werde nicht wieder nach Amerika zurückkehren. Der Gouverneur, durch die Bitten der Mutter gerührt, verfügte die Entlaffung Fischers aus dem Gefängniß in Sing-Sing.
* Die Kann« des Glücks. In der Prager Bohe- mia steht zu lesen: In St. W o l f g a n g im Salzkammergut fand dieser Tage ein Wohlthätigkeitsfest statt. Natürlich fehlte es auch nicht an dem obligaten Bazar mit den mehr oder minder werthvollen Gewinn st en. Der vielbegehrte Haupttreffer war aber eine Tour- unb Retour karte auf den Schafberg. In später Abendstunde meldete sich freudig der Gewinner. Das Glück hatte just den begünstigt, der es am Nöthigsten hatte. Es war der Kondukteur der Schafbergbahn, der seit einer Reihe von Jahren die Fahrt auf den Schafberg täglich sechs- bis siebenmal zurückzulegen hat
* Der verdächtige Kauptkalsirer. Das Wiener Extrablatt gibt folgenden zeitgemäßen Witz zum Besten: Der Chef eines hiesigen großen Bankhauses wurde gestern vertraulich darauf aufmerksam gemacht, daß sein langjähriger Hauptkassirer, dem er unbegrenztes Vertrauen schenkte und durch deffen Hände große Summen gehen, Aufwand treibe, der mit seinem Gehalte nicht im Einklang zu stehen scheine.
„Was macht er denn?- fragte bestürzt der Bankier, „fährt er im Fiaker?"
„Nein."
„Spielt er beim Totalisator?"
„Nein, er geht niemals zum Rennen "
„Unterhält er vielleicht eine kostspielige Liaison?" „Nein."
„Also was denn, um Gotteswillen?"
„Kr heizt mit Kohle«
♦ Bescheiden. Der Ochsenwirth: „Meine Herren, Sie nennen mich immer Herr Hauptmann, weil ich Hauptmann der Schützengilde bin. Meine Herren, wenn ich vor meiner Kompagnie stehe, bin ich Hauptmann, aber wenn ich Sie bediene, bin ich nur der Ochsenwirth!"
* Häusliche Wetterregel. Hat die Gattin einen neuen Hut, dann ist das Wetter gut. — Kriegt sie einen neuen Kragen, dann ist's zu ertragen. — Hat aber der Gatte etwas dagegen, dann gibt's Regen.
* Mißverstanden. Frist ur (nachdem er dem Kunden die Haare geschnitten): „Wünschen Sie jetzt ein Bischen Spiritus?" — Herr: „Na ja, wenn Sie gerade einen Schluck da haben?"
* Heimgegebeu. Student zu einem Vorübergehenden, der ihn angerempelt): „DummerJunge!" — Herr: „Alle Wetter, ist das ein Echo! Und dabei hab' ich's blos gedacht!"
* Nicht so gefährlich. „Holla, Vorsicht! da geht ein Pferd durch!" — Fußgänger: „Haben Sie mich erschreckt, ich glaubte schon es käme ein Radfahrer."