Verantw.: Mr di« Redaktion t. P. Barl Sch aller, lür Inserate 3. Parzelle» tn F-lda.
mit Anterhattungs-Meilage „Ilkustrirte Sonntags-Zeitung" •"* Petras« Ib.'TtMnmb).
M 209.
JuLöa, Mittwoch, den 12. September 1900.
27. Jahrgang.
G Die Auflösung des österreichischen Reichsrathes.
Die kaiserliche Verordnung, durch die das österreichische Abgeordnetenhaus aufgelöst wird, ist nunmehr erschienen. In derselben Nummer der amtlichen .Wiener Ztg.', in der diese Verordnung veröffentlicht wird, gibt die österreichische Regierung eine Darlegung der Gründe, die zur Auflösung geführt haben. Diese Darlegung ist geschickt zusammengestellt und spricht Millionen aus dem Herzen, indem sie sagt, der bestehende Zustand sei unhaltbar; denn der Staat und seine Bewohner sehen ihre Interessen so gut wie gänzlich preisgegeben ... Alle Wünsche der Bevölkerung, die sich auf die Hebung des allgemeinen Wohlstandes und ihrer eigenen Steuerkraft beziehen . . . müssen zurückstehen vor der einzigen, durchaus nicht den ganzen Staat berührenden Frage der Regelung der Amtssprache in einzelnen Gebieten des Reiches."
Herr Ministerpräsident v. Körber sagt damit die volle Wahrheit. Aber leider ist diese bittere Wahrheit nicht mehr ganz neu; sie ist vorher schon von manchen Anderen ausgesprochen worden und hat doch ihren Eindruck verfehlt. Wird sie jetzt aufmerksamere Hörer finden? Im Volke, nicht nur im österreichischen, ist man gar zu leicht geneigt, die Sünden früherer Regierungen auch der gegenwärtigen Staatsleitung in die Schuhe ;3U schieben; und deswegen wird Mancher mit einem gewiffen Mißtrauen den anderen Satz in der neuen ministeriellen Kundgebung lesen, in dem von der „fonfeqient dargethanen politischen Unparteilichkeit und nationalen Unbefangenheit" der Regierung die Rede ist. Herrn von Körber und seinen Ministerkollegen kann man die Anerkennung nicht versagen, daß sie stets ein ehrliches Streben in diesem Sinne bekundet haben. Aber durch die Sünden früherer Ministerien ha das Vertrauen starker Bruchtheile der österreichischen Bevölkerung zu dieser „nationalen Unbefangenheit" der Regierung gar zu starke Stöße bekommen, als daß man auf durchschlagende Erfolge dieser neuen und besseren AegieruvgLsprache ohne weiteres rechnen könnte. Das Ministerium des Herrn von Körber hatte bisher noch zu wenig Gelegenheit und vielleicht auch zu wenig Neigung, durch energische Thaten dieses erschütterte Vertrauen wieder zu festigen.
DaS Bedenklichste bei der Sache ist ferner, daß auch dieses Ministerium des Herrn von Köcher nicht einig in sich selbst ist. Uebereinstimmend wird von verschiedenen Seiten berichtet, daß Herr von Körber gerade nur mit der allernothwendigsten Stimmenmehrheit im Ministerrathe den Beschluß durchgedrückt habe, vom Kaiser die Genehmigung zur Auflösung des Abgeordnetenhauses einzuholen. Der eine Minister wollte wohl auflösen, aber die Neuwahlen erst nach längerer Zeit ausschreiben, um inzwischen auf dem leider nicht mehr ungewöhnlichen Wege der bureaukratischen Verordnung mit Umgehung des Parlamentes allerhand unter Dach und Fach zu bringen; ein anderer wollte dem neuen Abgeordnetenhause mit Anwendung von allerhand Nöthigungen eine neue Geschäftsordnung geben, und der polnische Landsmann-
Die Merle von Ikorenz.
Orginal-Roman von Irene v. Hellmuth.
3 ------ (Nachdruck verboten.)
Freilich, schön war sie, das konnte auch er nicht leugnen. Wer sie dort an der Ecke des Domes stehen sab, den Korb mit Blumen neben sich, sie selbst schöner, blühender, frischer noch als alle die duftenden Sträußchen, die sie feilbot,— der blieb, zumal wenn er ein Fremder war, gewiß stehen und bewunderte das schöne Kind. Jeder kaufte der schönen Blumenhändlerin gern ein Sträußchen ab, zumal die fremden Herren, die in Florenz das ganze Jahr hindurch zu sehen sind. Anita hatte für Alle ein freundliches, gewinnendes Lächeln. Sie wußte nur zu gut, wie reizend ihr das stand, und ihr Stolz wuchs dadurch immer mehr.
Den armen Roland brachte der Gedanke, daß Jeder das Recht hatte, die schöne Blurnenver- käuferiu anzustaunen, mit ihr zu sprechen und zu scherzen, oft genug heimlich fast zur Verzweiflung; er bat und flehte, sie möge doch den ganzen Handel aufgeben, — allein, Anita wollte davon nichts hören. Manchmal sagte er sich selbst, daß das Mädchen ihn nicht liebe, aber die lächelnde Versicherung, daß seine Befürchtung grundlos sei, genügte jedes Mal, ihn zu beruhigen.^
Wie wunderbar die malerische Tracht sie kleidete! DaS weiße, zierliche, auf dem Kopf befestigte Tuch, unter dem die Haarmaffen her- worquollen und aufgelöst über den Rücken herab- hingeu, die faltige Blouse mit den weiten, gestickten Aermeln, die kleine Schürze mit bunten
schaftsminister Dr. Pientak wollte von einer Auflösung gar nichts wiffen.
Die Worte, mit denen die amtliche Darlegung die Auflösung des Abgeordnetenhauses begründet sind also recht geschickt gewählt, und man bat: auch annehmen, daß sie des Herrn v. Körber eigene Ansicht und Ueberzeugung widerspiegeln. Aber ob der Ministerpräsident auch immer die geeignete und hinreichende Unterstützung und Thalkraft finden wird, um in allen Stücken seiner Ansicht Geltung zu verschaffen, ist eine große Frage. Jeder, der es gut meint mit Oesterreich, muß das wünschen. Aber heute wagt man es kaum zu hoffen. — Die Neuwahlen für den Reichsrath wurden im letzten Ministerrathe für alle Kronländer außer Galizien, der Buckowina und Dalmatien für die Zeit zwischen dem 2. und 15. Januar festgesetzt. In den genannten drei Provinzen finden die Wahlen aus allgemeiner und Landgemeindekurie zwischen dem 15. Dezember und Weihnachten statt. Was geschehen soll, wenn dann etwa auch das neugewählte Abgeordnetenhaus als arbeitsunfähig sich erweisen sollte, liegt noch im Schooße der Zukunft verborgen. Hat Herr v. Körber auch schon dagegen ein Rezept in der Tasche, wird er sich natürlich hüten, es vor der Zeit bekannt werden zu laffen. Jedenfalls kann ihm nicht oft genug das alte Wort zugerufen werden: Landgraf, werde hart! Die Tschechen zeigen sich durch die Auflösungsdrohung gar nicht eingeschüchtert, im Gegeutheil: sie suchen auch die Auflösungs-Verfügung als einen Triumph für ihre Politik hinzustellen. Das freilich glauben ihnen nicht viele Leute. Aber ohne Zweifel ist der Tscheche jetzt eher mit der Peitsche, als mit Zuckerbrod zu kirren. Der verfahrene Karren der österreichischen Politik kann zunächst nur dadurch wieder in das richtige Geleise gebracht werden, daß er um denselben Ruck zurückgedrückt wird, um den er durch die tschechische Anmaßung und durch die Hilfe- leistung des Grafen Badem dabei aus diesem rechten Geleise der gleichmäßigen Vertheilung der politischen Macht herausgeschleudert wurde.
Deutschrs Reich.
Berlin, den 11. September.
h Die Kivvernfimg des Iteichstages und der Zeitpunkt, an dem dieselbe erfolgen soll, unterliegt fortgesetzt den merkwürdigsten Widersprüchen in den Meldungen, die darüber an die Oeffent- lichkeit gelangen. Die konservative »Deutsche Tages- ztg/ schreibt: „Wie wir aus sehr guter Quelle erfahren, gedenkt nunmehr die Regierung den Reichstag in kurzer Zeit zu einer außerordentlichen Tagung einzuberufen, die sich nur mit der Chinasrage zu befaffen haben wird. Die ordentliche Tagung soll dann in diesem Jahre, da das Berathungs-Material noch wenig vorbereitet ist, ziemlich spät statt finden." Von anderer Seite wird behauptet, die Einberufung solle zum 23. Oktober erfolgen, um die China- fache zu erledigen; alsdann solle Vertagung ein« treten bis zur zweiten Hälfte des Monats November. Anders wiederum lautet die Lesart in den,Berl. Polit. Nacht.', deren Meldungen dieser
Schleifen, der kurze, blaue Rock, der die winzigen Füßchen freiließ, dazu der bräunliche, echt italienische Teint, — alles in allem: ein eigenartiges, herrliches Geschöpf!
Anita war sich ihrer Schönheit wohlbewußt. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, daß die Mädchen und Frauen sie beneideten, die Männer sie anstaunten wie ein Wunder. Sie war oberflächlich und flatterhaft und Konrad hatte nur zu wahr gesprochen: Anita liebte Rouland nicht im Mindesten, sie konnte überhaupt den Gedanken, nicht mehr mit ihren Blumen hier stehen zu dürfen, nicht ertragen. Die Huldigungen, die man ihr, — der „Perle von Florenz", — darbrachte, waren ihr sozusagen zum Lebensbedürfniß geworden.
Doch ließ die schlaue Kokette sich nichts merken von alledem; denn daß Roland viel Geld besaß, hatte sie rasch genug herausgebracht, auch deuteten >ie vielen werlhvollen Geschenke, die er ihr machte, auf den Reich thnm des Gebers. Reich wäre Anita nun freilich für ihr Leben gern gewesen ; sie beneidete alle die vornehmen Herren und Damen, die täglich am Dorn Santa Maria del Fiore vorbeigingen oder fuhren, — aber deshalb ihre Freiheit opfern? — nein, daS wollte le gewiß nicht! Mochte der gutrnüthige verliebte »eutsche Bildhauer doch schmachten, so lang es ihm beliebte, was kümmerte sie sich darum? —
Roland hatte mit seinem Begleiter den mäch- igen Dom erreicht. Suchend schweiften die räumerischen Augen des jungen Mannes umher, Anita war nirgends zu sehen.
„Sie ist nicht mehr hier, ich dachte eS," murmelte er enttäuscht; es klang so traurig, daß
Art nicht weit vom preußischen Finanzministerium ihren Ursprung zu haben pflegen: man werde, so heißt diese Lesart, in der Annahme nicht fehl gehen, daß aus Überwiegenden praktischen Erwägungen die Einberufung des Reichstages nicht erheblich früher erfolgen werde, als sie auch, abgesehen von den chinesischen Wirren, ohnehin in Aussicht zu nehmen sein würde. Das hieße in klares Deutsch übersetzt: die Regierung hält es für überflüssig, den Reichstag wegen der Chinawirren überhaupt besonders einzuberufen. Sollten etwa innerhalb der leitenden Kreise selbst die Meinungen über die Einberufung des Reichstages ebenso verschieden sein wie die Meldungen, die darüber an dieOeffentlichkeit gelangen? Fast sieht es so aus. Und leider würde das bei uns nichts Neues mehr fein.
Zu unserem gestrigen Artikel Über die KoHkermolH ist noch erläuternd hinzuzufügen, daß wir keineswegs der Meinung find, daß der Zwischenhandel allein die Hauptschuld an der gegenwärtigen Nothlage trage und die Grubenbesitzer nur zum geringen Theil die Vertheuerung der Kohlen verursacht hätten. Wenn die Grubenbesitzer ernstlich wollen, so können sie Händler, große wie kleine, an Übermäßigen Preisen hindern. Selbst ein so gut kapitalistisches Blatt wie die ,Nat.-Zig.' vermag an die Unschuld der Grubenbesitzer, insbesondere des Kohlen-Syndikates, nicht recht zu glauben. Sie ermahnt das Syndikat und die anderen Grubenbesitzer, des Zweckes eingedenk zu fein, dem ihre Organisation der Preisbildung dienen sollte. Angesichts der jetzigen Kohlenpreise liege es nahe, zu sagen: wenn das Syndikat uns nicht vor sehr hohen Preisen behüten kann, dann ist es auch nicht berechtigt bei- schlechter Konjunktur einen tiefen Preisfall zu verhindern, dem Publikum dann den Vortheil niedrigerer Preise vorzuenthalten; es darf ihm daher kein moralischer Zwang gegen die einzelnen Produzenten gestattet werden; der Staat darf ihm weder als Grubenbesitzer noch als Abnehmer irgendwie Hilfe leisten. Die Grubenbesitzer sollten einer solchen Wendung d-r öffentlichen Meinung vorbeugen — wozu auch die Einführung des Rohstoff - Tarifes sofort auf zwei Jahre die Mahnung enthält. Nur wenn die Grubenbesitzer weitere Preissteigerungen vermieden und Preisermäßigungen, zu denen die Lage des Weltmarktes etwa demnächst die Aufforderung enthalten sollte, willig eintreten ließen, werde eine Bewegung gegen das in der jetzigen Art der Preisbildung enthaltene Element der Willkür unterbleiben. — Ferner wollen wir unsere Leser verständigen, daß, wenn wir gegen den Zwischenhandel zu Felde zogen, wir keineswegs die kleinen Kohlen - Stationen, wie sie sich etwa in Fulda finde», im Auge hatten, sondern jene Großhandel - Klique, die in direkter Verbindung mit den Grubenbesitzern steht.
+ Die denlschsoziake Seformpartei, bekannter unter der Bezeichnung Antisemittsche Partei, hat am Sonntag und Montag ihren Parteitag in Magdeburg abgehalten und dabei wirklich die Spaltung vollzogen, die vorher als wahrscheinlich bevorstehend angekündigt wurde. Die Einigung der beiden antisemitischen Gruppen, die erst vor einigen Jahren stattfand, hat also nicht lange Stand gehalten. Die letzte 5Ber«
Konrad wieder inniges Mitleid mit dem verliebten Freund fühlte. — Eine Weile standen sie unschlüssig, Roland starrte zu dem freistehenden Glockenthurm empor, der mit zahlreichen Bildsäulen und Reliefs geschmückt und mit verschiedenfarbigem Marmor bekleidet, in der abendlichen Beleuchtung einen wunderschönen Anblick bot.
Roland schien ganz in seine Träumereien versunken, und den Freund vergessen zu haben; er rührte sich erst, als dieser ihn anstieß: „Anita wird schon nach Hause gegangen sein, möglich daß sie auch irgend welche Einladung erhalten hat. Laß uns heute ein Theater oder ein an» )eres Vergnügungslokal aufsuchen, das bringt Dich auf heitere Gedanken."
„Nein, nein," wehrte Roland heftig ab, „erst weckst Du allerlei Befürchtungen in mir, und )ann soll ich Anita nicht einmal sehen dürfen. Ich muß sie auf jeden Fall noch heute fragen; Du hast mich ein wenig angesteckt mit Deinen Bemerkungen, es regt mich auf, länger in Ungewißheit zu bleiben. Gehe Du einstweilen vor- rus, suche im Theater gute Plätze zu bekommen, ch folge dann nach. Doch vorerst wollen wir )en Platz della Santissima Annunziata aufsuchen, vielleicht, daß Anita sich dort noch aufgehalten l>at, wie schon öfters."
Roland schob jetzt seinen Arm in den des Freundes. Dieser nickte zustimmend und brummte etwas, das Roland nicht verstand.
Der bezeichnete Platz, welcher auf drei Seiten von Säulengängen umgeben, mit zwei schönen Brunnen und der Reiterbildsäule Ferdinands I. geschmückt ist, war erreicht. Doch soviel die
anlaffung zur Spaltung ist bekanntlich die Hinneigung des Adg. Liebermann von Sonnen« berg und feiner näheren Freunde zu der konser« vatioen Partei und ihren politischen Anschauungen gewesen; der andere Flügel huldigt mehr radikalen Grundsätzen. Bei diesem Parteitage wurde nun ein für die antisemitische Reichstagsfraktion und namentlich für Herrn Liebermann von Sonnenberg beantragtes Vertrauensvotum mit 85 gegen 75 Stimmen abgelehnt, worauf Liebermann feinen Austritt aus der Partei erklärte. Mit ihm erklärten noch 46 der anwesenden Vertreter von Wahlkreisen den Austritt aus der „Deutschsozialen Reformpartei". Diese wollen nun eine neue Partei gründen, die „Deutschsoziale Partei". Es ist noch unbestimmt, wie die verschiedenen Reichstagsabgeordneten zu der Spaltung sich verhalten werden. Mit Herrn Liebermann von Sonnenberg haben sofort nur die Abgeordneten Raab und Müller ihren Austritt aus der gegenwärtigen Parteiorganisation erklärt. Somit haben diejenigen recht behalten, die bereits vor Jahren, als die Verschmelzung der beiden antisemitischen Gruppen zu einem Parteioerbande stattfand, diesen neuen Verband ein todtgebornes Kind nannten. Die Gegnerschaft gegen das Judenthirm an sich genügt nicht, um auf die Dauer Leute von verschiedener politischer Anschauung zusammen zu halten. Auf verneinenden Grundzügen kann man nicht politische Parteien von längerem Bestände aufbauen, das geht wiederum recht deutlich hervor aus der Ent- wickelungsgeschichte des Antisemitismus in Deutschland.
X I«k die ostasrikanische Kerrtraköahrr wird neuerdings wieder di« Reklametrommel gerührt. Gleichzeitig wirt» angebeutet, daß der Reichstag auch in feiner bevorstehenden Tagung mit einer Theilfordemng für den gedachten Bahn- bau sich zu beschäftigen haben werde. Schon vor einem Jahre und früher sollen angeblich nach diesen Reklame-Artikeln „alle Kenner der Verhältnisse davon überzeugt gewesen sein, daß dieses Unternehmen unumgänglich sei, wenn wir Deutsch- Ostafrika nicht hinter den Nachbarkolonieen zurück- bleiben lassen wollen". Das ist nun einfach nicht wahr. Es gibt sehr viele „Kenner der Verhältnisse", die sich von dieser ostasrikanischen Centralbahn durchaus nicht große Erfolge versprechen und entschiedene Gegner des Planes sind, auf einmal Riesenfnmmen für solche gewagte Bahnexperimente zu verwenden. Daran wird auch nichts geändert werden, wenn, wie angekündigt wird, „dieses wichtige Unternehmen in der nächsten Session des Reichstages ganzanderSoertreten werden soll", als bisher. Das gerade ist kein dankbares Feld für den neuen Herrn Kolonialdirektor, um sich Lorbeeren zu erringen. Eine schärfere Tonart in der Forderung wird ohne Zweifel auch ein verschärftes Echo aus der Mitte des Reichstages heraus wachrufen. Vorsicht und Mäßigung gerade in dieser Sache kann den Herren Regierungsoertretern nicht genug empfohlen werden. Damit werden sie erheblich weiter kommen, als wenn sie ihr ostafrikanisches Roß zu schneidigster Gangart anspornen!
jungen Männer auch spähen möchten, Anita war nicht da. —
Schon vor einer halben Stunde hatte sie den Heimweg angetreten. Sie wohnte mit ihrer Mutter in einer der engen finsteren Straßen, die in der Neuzeit mehr und mehr verschwinden, an denen aber vor Jahren in Florenz kein Mangel war. Die vorspringenden Dächer der altersgrauen Häuser ließen die Straßen selbst am Tage dunkel erscheinen. Rasch durchschritt Anita einen stockfinsteren Hofraum, von dem aus eine schmale Holztreppe zu dem Wohnzimmer führte.
In dem ärmlich eingerichteten, nicht sehr sauber aussehendem Gemach saß auf einem niederen, gebrechlichen Schemel eine alte Frau, Anita's Mutter. Dieselbe bot einen wenig einnehmenden Anblick. Wohl mochte sie einst schön gewesen fein, dafür sprachen die glänzenden Augen, die dunkel aus dem pergamentfarbigen Antlitz hervorlugten.
Ein Zug derber Verschlagenheit lag um den faltigen Mund, die schmale, etwas gebogene Nase erinnerte an den Schnabel des Habicht, das graue Haar hing in losen Strähnen herab, die ganze Kleidung war recht vernachläsfigt und machte einen unangenehmen Eindruck.
„Ei, da bist Du ja, mein Täubchen!" tief die Alte der eintretenden Anita entgegen. Ihre Stimme klang schrill und laut.
Die Angeredete zog die Stirne in finstere Falten, ein fast drohender Blick streifte die zu- fammengelauerte Gestalt der Marter, die, dar scharf hervortretende Kinn in beide Hände gestützt, jede Bewegung des schönen Mädchens verfolgte.