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FuldaerMIeitung

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»exrot».: Für di« Redaktion t. 0. Lael Shaiie- füf 2. Parzelle» i* Anlda.

mit Zlnterhattungs-Aeitage „Issustrirte Sonntags-Zeitung" petrra-ag« Nr. 1 (eormonk).

M 206.

Jutöa, Samstag, den 8. September 1900.

27. Jahrgang.

Wochen-Rundschau. - («achdrnck verboten^

X Fulda, 8. September.

In der alten Rheinstadt Bonn haben die deut­schen Katholiken in diesem Jahre ihre Heerschau abgehalten, die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. Das war wieder der alte und uner­schütterliche Geist der strammen Einigkeit, der sein Band um die deutschen Katholiken schlingt und bei allen Gegnern und auch Freunden stets von Neuem den alten und unauslöschlichen Eindruck macht: der die Gegner daran erinnert, daß es nicht gut ist, An­griffe gegen die feste Burg der deutschen Katholiken zu unternehmen; und der allen Freunden neue Be­geisterung für die gemeinsame Sache einflößt und ihren Kampfesmuth von Neuem belebt, wenn er etwa zu erlahmen droht in der Abwehr übermächtiger An­griffe. Aber viel mehr als der Geist der Kampfes- freudigkeit kommt in diesen Versammlungen der andere Geist deS Friedens zum Ausdrucke, der es sorgfältig vermeidet, dem andern christlichen Bekenntnisse in Deutschland zu nahe zu treten. In allen diesen Gene­ralversammlungen der Katholiken Deutschlands ist nie­mals ein Wort gegen die Protestanten gefallen; und stets müssen auch diejenigen Blätter, die uns Katho­liken gar nicht wohlwollen, diesen Versammlungen die Anerkennung zollen, daß sie sich sorgfältig frei halten von aller Unduldsamkeit gegen Andersgläubige, sehr zum vortheilhaften Unterschiede von den Versamm­lungen des sog. Evangelischen Bundes und ähnlichen Veranstaltungen, deren Hauptzweck und Hauptschlag­wort der „Kampf gegen Rom" ist. Die glänzenden Reden, die diesmal an die Tausende der Versammelten ergingen, galten der Kennzeichnung der katholischen Weltanschauung an der gegenwärtigen Jahrhundert­wende und der wirthschaftlichen und sozialen Bedürf­nisse der Zeit. Wiederum konnte der stattliche Bau, der von dem rührigen Bonner Festausschüsse für die Versammlung errichtet worden war, kaum alle die Theilnehmer aufnehmen; und doch verlief auch dies­mal, trotz aller Schwierigkeiten, die Riesenveranstal­tung ohne eine einzige Störung. Glänzender aber, als es andere Städte vermögen, hat das schöne Bonn den Schluß der Versammlung gestaltet: nur am herr­lichen Rheinstrom kann man solche Feste feiern; nur derjenige, der es einmal mitgemacht hat, hat eine voll­kommene Vorstellung davon, was eine Festfahrt aus dem Rhein und eine festliche Beleuchtung seiner User zu bedeuten haben. In unvergeßlicher Erinnerung wird Allen die Bonner Katholikenversammlung von 1900 bleiben, in unvergeßlicher und dabei dankbarer Erinnerung an bte Mühe und reichliche Arbeitslast, die unsere Bonner Freunde auf sich nahmen, um daS Gelingen des Werkes zu gewährleisten. Diese zweite Bonner Katholikenversammlung wird stets einen her­vorragenden Platz einnehmen unter allen andere» gleichen Versammlungen vorher und nachher!

Die Entwickelung der Dinge in China hat eine Ueberraschung gebracht: Rußland ist mit einem Vor­schläge an die übrigen Mächte herangetreten, der die Räumung der Hauptstadt Peking, Entblößung der­selben von den fremden Truppen in Aussicht nimmt. Der Vorschlag hat zu ernsthaften Verhandlungen zwischen den Mächten geführt, deren Ergebniß im gegenwärtigen Augenblicke noch nicht zu übersehen ist. Gleichzeitig hat der alte Fuchs Li-Hung-Tschang in Shanghai Verhandlungen mit Vertretern der euro­päischen Diplomatie begonnen und natürlich bietet er dabei alles auf, um Uneinigkeit zwischen den Mächten zu stiften. Leider scheinen Rußland und Frankreich nur zu geneigt zu sein, den Verlockungen des sogen, chinesischen Bismarck ein aufmerksames Ohr zu leihen; aber wenn alle anderen Mächte fest bleiben, werden auch die beiden Freunde von der Newa und von der Seine schließlich einsehen müssen, daß es für sie eine unwürdige Rolle spielen hieße, von den übrigen Staaten sich im eigennützigen Interesse abzusondern. Sie werden sich nicht von dem Mongolenlande Japan beschämen lassen wollen, das sich willfähriger und un­eigennütziger zeigt und die von ihm in Amoy, gegen­über der Insel Formosa gelandeten Truppen wieder zurückgezogen hat, augenscheinlich auf die Vorstel­lungen anderer Mächte hin. Der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich, ist in aller Stille nach Eng­land abgereist, um der Königin Viktoria einen Besuch zu machen. Die Reise soll eilig wieder be­endet werden: am 8. September soll der Prinz bereits wieder in Stettin eintreffen, um — nach amtlicher Lesart — an dem großen Kaisermanöver theil zu nehmen. Sehr nahe liegt die Vermuthung, daß es sich bei dieser Reise um eine vertrauliche Sendung in politischen Dingen handelt.

Am letzten Dienstag ist wiederum eine China- Expedition von Deutschland, nämlich von Bremer­haven abgesegelt. Sie umfaßt zusammen 2093 Köpfe, 2019 Mann, 72 Offiziere und 2 Militärbeamten. Die Kosten, die bisher dem Reiche durch die China­wirren entstanden find, werden auf hundert Millionen geschätzt, also etwa dreimal so viel, als der Ueber- schuß in der Reichskasse beträgt. Aber die Meldung, daß die Einzelstaaten vom Reiche aufgefordert worden seien, alle zur Verrechnung mit dem Reiche bestimmten und in den Zollkaffen verfügbaren Gelder sofort nach Berlin abzuführen, war unrichtig. Nichtsdestoweniger hätten die verbündeten Regierungen ohne Zweiftl beffer gethan, vor der eigentlichen China-Aktion mit dem Reichstage sich über dieselbe auseinanderzusetzen.

Nunmehr nimmt man an, daß der Reichstag im Laufe des Monats Oktober werde zusammenberufen werden.

DaS deutsch-amerikanische Kabel ist fertig gestellt und eröffnet worden. Bei dieser Gelegenheit hat der Kaiser mit Herrn Mac Kinley, dem Präsi­denten der Vereinigten Staaten von Amerika, freund­liche Telegramme ausgewechselt, in denen auf die neue friedliche Verbindung zwischen beiden Staatsgebieten hingewiesen wird. DaS neue Kabel gehört von der Insel Borkum ab der Deutsch-Atlantischen Tele­graphengesellschaft in Köln und geht über die Azoren nach New-Iork in einer Länge von 8085 Kilometern.

Eine andere Gelegenheit zu einem Austausche freundschaftlicher Kundgebungen gab das Regie­rungsjubiläum des Sultans Abdul Hamid. Der amtliche Reichsanzeiger' nannte in seinem B" glückwunschungsartikel den Sultan „den fteundwilligen Schützer und Förderer deutscher Kulturarbeit in der Türkei"; und auch in der amtlichen Wiener »Abend­post' wurden dem Sultan sehr freundliche Worte ge­widmet, in denen sogar davon die Rede ist, daß Oester­reich „mit Sympathie die innere Festigkeit der Türkei unter der Regierung dieses Herrschers ver- olge." Abdul Hamid ist der erste unten den Sultanen eines Herrschergeschlechtes, dem es vergönnt ist, so ange Zeit als „Beherrscher aller Gläubigen" zu regieren.

In Sachsen-Weimar und in Württem­berg rüstet man sich zu den neuen Landtags­wahlen. Für das Verhältniß der Parteien im All­gemeinen zu einander ist es kennzeichnend, daß in Weimar die Freisinnigen und die Sozialdemokraten ein festes Bündniß mit einander abgeschlossen haben: die Freisinnigen verzichten in vier Wahlkreisen auf eigne Wahlbewerber zu Gunsten der Sozialdemo­kraten, und umgekehrt thun dasselbe die Sozialdemo­kraten in neun anderen Wahlkreisen. Es wird augen­scheinlich nicht mehr lange dauern, bis die „Genossen­schaft" zwischen beiden Parteien vollständig ist. Auch in Württemberg ist die Sozialdemokratie zuerst mit ihrem Wahlprogramm hervorgetreten, und auch dabei ist etwas Merkwürdiges zu verzeichnen: in diesem Programm steht auch die Erhaltung der Selbständig­keit der .Württembergischen Post'. So müssen die Herren „Genossen", die sonst so gern mit ihren inter­nationalen Grundsätzen prahlen, ihre Grundsätze ver­leugne» und ein wenig Heuchelei treiben im Interesse besserer Wahlgeschäfte. Aus beiden Fällen ersieht man, daß die Theilnahme der Sozialdemokratie an den Landtagswahlen der einzelnen Bundesstaaten immer allgemeiner wird.

Vor einiger Zeit entstand das Gerücht, König Leopold von Belgien wolle abdanken. Dieses Gerücht wird jetzt von Brüssel aus als unrichtig sehr entschieden in Abrede gestellt. Der König der Belgier trug sich mit solchen Gedanken während eines schweren Augenleidens, das ihn befallen hatte, und von dem man einige Zeit glaubte, es sei unheilbar. Diese letztere Annahme hat sich indessen als falsch erwiesen, und damit hat der König seine frühere Absicht fallen gelassen. Er bleibt König.

In den französischen Häfen befinden sich die Hafenarbeiter im Ausstande. In Dün­kirchen ist es sogar zu Zusammenstößen zwischen den Ausständigen und der bewaffneten Macht gekommen, weil die Streiter arbeitswillige Leute am Arbeiten gewaltsam hindern wollten. Gen! a men und nach ihnen schwere Reiterei mußten das Hafengebiet von den Aufständigen säubern. Man sieht, auch unter dem Regiment des sozialdemokratischen Handels- und Arbeitsministers Millerand geht nicht alles so, wie die Herren Genossen es sich mitunter vorstellen.

Nach Frankreich ist die Einladung Italiens zu einem neuen internationalen Kongresse ge­langt, der über Maßregeln gegen den Anarchismus berathen soll. Bereits früher hatte die französische Regierung ihre Bereitwilligkeit zur Theilnahme aus­gesprochen. Aus anderen Hauptstädten liegen noch keine Nachrichten vor über das Eintreffen derselben Einladung.

Den italienischen Katholiken scheint keine rosige Zukunft bevorzustehen. In italienischen Blättern, die der Regierung nahe stehen, wird damit gedroht, der Staat wolle „in Zukunst nicht mehr eine so weit gehende Toleranz üben wie bisher". Augenscheinlich will man den Priestern die Ausübung ihrer geistlichen Pflichten noch mehr erschweren als bisher — gerade der richtige Weg, um das Umsichgreifen der anarchi­stischen Pest noch mehr zu fördern!

Das österreichische Abgeordnetenhaus soll aufgelöst, die Neuwahlen sollen im Januar des nächsten Jahres abgehalten werden — und so fort, bis die Tschechen zahm geworden sein werden. So wird gemeldet. Ob auch danach gehandelt werden wird, bleibt abzuwarten. Energie wäre freilich endlich einmal dringend nöthig gegen das immer übermüthiger auftretende Tschechenthum.

Die Engländer haben nun auch Transvaal annektirt. Vorläufig wird eS abfr noch einige Zeit dauern, bis sie das neu annektijrte Land auch wirklich besitzen!

[] Hit Sonett SathMtMchemleeg.

Nicht nur von unseren Gegnern, manchmal auch von guten Freunden hören wir daS Wort, die Generalversammlungen der Katholiken Deutsch­land« glitten einander wie ein Ei dem andern; e« lohne sich gar nicht der Mühe, sie zu besuchen oder die Berichte darüber zu lesen.

Wenn Gegner derlei reden, wissen wir, warum sie es thun; sie wollen die große Bedeutung dieser Versammlungen herabdrücken.Unsere Freunde aber köanen sich von einer solchen falschen An­

schauung, wenn sie ihr vorübergehend anheimge- fallen sind, am besten befreien durch ein aufmerk­sames Studium dieser letzten Versammlung in Bonn. DaS ist frischer Lebenshauch, der uns daraus entgegenweht; das ist der lebendige Geist thätigen Schaffens für eine gute Sache, thätig in Menschen, die in voller UeberzeugungStreue und nimmer müder Arbeit ihren Zielen zustreben, und daß dieser Thätigkeit auch der äußere Erfolg nicht fehlt, beweist die stetige Zunahme deS Besuches dieser Versammlungen. Wenn sie allgemach ver- knöchnern würden in hergebrachter Schablone, wenn sie nichts weiter wären als die stete Wieder­holung schon bekannter Dinge, dann würden sie ohne Zweifel dieses ungeheuer« Zuspruches sich nicht erfreuen. Wir legen also die Verdächtigung der Gegner und den Jrrthum vereinzelter Freunde beruhigt „zu dem Uebrigen"; denn wir sind unserer Sache sicher mit der bestimmten Behauptung, daß die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands im Laufe der kommenden Jahre an Jntereffe und Zugkraft nicht abnehmen, sondern beständig wachsen werden.

Die Papstfrage freilich ist seit Jahren in stets gleicher Weise behandelt worden. Natürlich, denn auch ihre Behandlung durch die italienische Re­gierung und durch die Mächte ist leider noch immer dieselbe geblieben. Wa» würden wohl die Gegner sagen, wenn die katholische Generalver­sammlung auf einmal nicht mehr die Papstfrage auf ihr Programm setzen wollte? Triumphiren würden sie und sagen: nun sieht man e«, auch die Katholiken bekommen es schon satt, für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit ihre« Kirchen- oberhaupteS einzutreten; nun wird es nicht mehr lange dauern, bis die ganze sogenannte Papst­frage von der Bildfläche verschwunden sein wird l Schon au» taktischen Gründen darf dieser Punkt also niemals vergessen werden. Allen treuen Katho­liken ist es aber ein Bedürfniß, immer und immer wieder zu protestiren gegen die Vergewaltigung des hl. Vaters; deswegen ist e« auch in sich eine Unmöglichkeit, diese erste aller Verhandlungsfragen auch nur einmal zu übergehen. Sie wird den ersten Platz einnehmen bei allen Katholikenver- sammlungen, so lange Katholikenversammlungen stattfinden und das Unrecht, das gegen das Ober­haupt der Kirche begangen wurde, nicht wieder gut gemacht worden sein wird.

Im Vordergründe des politischen Interesses steht die Entschließung der Bonner Versammlung über die Erhöhung der bestehenden Zölle für landwirthschaftliche Erzeugnisse. Wer die Ent­wickelung der Dinge während der jüngsten Zeit nur einigermaßen aufmerksam und verständniß- voll verfolgt hat, der mußte zwar im Voraus wissen, daß diese Entschließung in Bonn die ein- müthige Annahme finden würde, die fie gefunden hat. Die Aeußerungen mehrerer Zeitungen be­weisen aber, daß dennoch nicht überall das richtige Verständniß vorhanden war für diese Dinge, so daß sie diese Entschließung der letzten Katholiken­versammlung als ein politisches Ereigniß ersten Ranges behandeln. Wir quittiren dankend. Diese Art der Auffassung ehrt die Katholikevversamm- lung und räumt ihr die ihr gebührende hohe Bedeutung ein, die andere Gegend ihr so gern absprechen möchten. Und denjenigen Leute», die noch immer gern daS Centrum ver­dächtigen möchten, als bringe es der Land- wirthschaft und ihren nothwendigsten Bedürf­nissen nicht das erforderliche Verständniß und Jntereffe entgegen, sei ein Wort der.Deutschen TageSz-itung' entgegengehalten, de» leitenden Organs des Bundes der Landwirthe. „Wir können mit diesen Darlegungen bis auf einige Kleinigkeiten, abgesehen von dem Parteistand­punkte deS Redners, einverstanden sein . . .", so bemerkt das genannte Blatt zu der Bonner Rede des Gutsbesitzers Blum über die Agrarfrage. Wo die.Deutsche Tageszeitung' zufrieden ist, ist sicherlich für keinen Landwirth mehr Grund zur Unzufriedenheit vorhanden von seinem Jntereffen- standpunkte aus!

Für den deutschen Katholiken aber stehen an Bedeutung allen anderen voran die Reden und Verhandlungen über die Unterdrückung der kirch­lichen Ordensgeroflenschaften, über die Ungleich­heit des Masses. mit dem von den StaatSregie- rungen gen» ff en wird bei der Vergebung der Mittel für kaihrlische und protestantische Kirchen­bauten, Seelsorgerstellen und Schulen. Jede neue Verhandlung über diese wichtigsten aller Fragen ist ein neuer und unwiderleglicher Beweis dafür, daß die Katholiken noch immer als die Stiefkinder bei uns in Deutschland und nament­lich in Preußen behandelt werden, als Staats­bürger zweiter Klaffe, denen man daS vorenthölt, was man den Anderen gern und reich zumißt. Je länger das so bleibt, desto bitterer muß daS Gefühl werden, mit dem die Katholiken diese un­gleiche Behandlung hinnehmen; und so möge nie­mand unter allen deutschen Katholiken den War­nungsruf ihres altbewährten und hochverdiente«

Führers Dr. Lieber ungehört bei sich vorüber« hallen laffen: seid gerüstet, haltet euer Pulver trocken für einen neuen Kultur« kampf!

Zur Anarchistensrage.

Bon Dr. jar. C. Freiherr v. d. Goltz.

------ (Nachdruck verboten.)

Die Anarchistensrage hat ein psychologische, eine politische und eine juristische Seite. Wir haben eS hier lediglich mit der juristischen Seite zu thun.

Jedesmal, wenn der Telegraph die Schreckens- künde von der Ermordung eines gekrönten Hauptes um den Erdball trägt, erhebt sich die bange Frage: was ist inzwischen geschehen; stehen die Regierungen der zivilisirten Staate« diesen entsetzlichen Ereignissen etwa rathlos und machtlos gegenüber? AlS vor zwei Jahren die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich von dem Dolche eines Anarchisten ins Herz getroffen war, wurde eine internationale Konferenz nach Rom berufen, welche beauftragt war, über Mittel zur Abwehr der anarchistischen Gefahr zu berathen. Ueber die Thätigkeft dieser Konferenz ist fast nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen; von den einzelnen Delegirten ist nichts zu erfahren, da sie durch die Verpflichtung zur Amtsverschwiegenheit ge« Kunden sind. Es wäre wünschenwerth, daß durch geeignete Mittheilungen etwas zur Be­ruhigung der öffentlichen Meinung geschähe.

Kommt man mit gesetzgeberischen Vorschlägen zur Bekämpfung des UebelS, so hat man dm Vorwurf zu gewärtigen: „Die Scharfmacher find wieder an der Arbeit; fort mit allen Aus­nahmegesetzen, fie nützen nicht, fie schaden nur, fie vertragen sich nicht mit den Prinzipim deS Rechtsstaates!" Darauferwiedereich: erhandelt sich überhaupt nicht um Ausnahmegesetze. Auch auf dem Gebiete deS Privatrechts hat die Ge­setzgebung, wenn neue Erscheinungen im wirth- schastlichen Leben hervortreten, sich mit diesen zu befassen. Das haben auch das neue Bürger­liche Gesetzbuch und Handelsgesetzbuch für daS deutsche Reich gethan, ohne damit Ausnahme­gesetze zu schaffen. Ebenso ist es auf sozialem Gebiete: wenn hier Erscheinungen in solchem Umfange und mit solcher Gewalt auftreten, daß fie die schwersten Gefahren und Schäden für das öffentliche Wohl herbeiführm können, so ist es geradezu Pflicht der Gesetzgebung, sich mit ihnen zu beschäftigen, für Schutz und Abhilfe zu sorgm. In Spanien und in Italien ist damit bereit- ein Anfang gemacht worden ist die Ge­setzgebung bereits in dieser Richtung thätig gewesen.

Noch ein zweites Argument muß ich von vornherein widerlegen. Man sagt: dort, wo die liberalste Gesetzgebung herrscht, im Lande ver goldenm Freiheit, in England, gibt eS die wenig- sten Anarchistm. Darauf antworte ich: der Grund dieser Erscheinung liegt nicht in der libe­ralen Gesetzgebung, sondern darin, daß die angel­sächsische Raffe in Folge ihrer ungewöhnlich prak­tischen Veranlagung überhaupt weniger zum Anarchismus geneigt ist. Nach glaubwürdigen Berichten gibt es in ganz England nur zehn einheimische Anarchisten!

Ich erwähne nun die einzelnm Mittel, tvelche zur Abwehr der anarchistischen Gefahr ange­wendet werden können, wobei ich wegen der Be­schränktheit des hier zur Verfügung stehendm Raumes auf erschöpfende und ausführliche Dar­stellung verzichten muß. Ich schicke voraus, daß ich bett Kriminalisten darin beistimme: die Ab­schreckungstheorie ist keine richtige Strafrechts­theorie. Der Anarchist, der zur Thal schreitet, kennt keine Todesfurcht; für ihn hat die Vor­stellung, eine Märtyrerrolle spielen zu können, etwas Berauschendes. E» kann sich daher wesent­lich nur um v o r b e u g e n d e Maßregeln handeln.

Vor allen Dingen ist zu verhindern, daß eine internationale Anarchisten Liga bald in New- Aork, in London, in Paris oder in Neapel tagt, und von dort aus ihre Delegirten nach allen Himmelsgegenden entsendet. ES ist mit der größten Strenge darauf zu halten, daß aus­ländische Anarchisten ausgewiesen werden. In ihrem Heimathstaate find fie besser bekannt und können fie leichter überwacht werden. Im Wege der diplomatischen Verhandlung ist dahin zu wirken, daß von anderen Staaten in gleicher Weise verfahren wird. ES ist ein unbestrittener staatsrechtlicher Grundsatz, daß jeder Staat be­rechtigt ist, aus allgemein politischen Gründen, im Jntereffe der öffentlichen Sicherheit, Ordnung und Ruhe Ausländer aus dem Lande zu ver­weisen.

Der internationalen Anarchisten-Liga ist durch eine internationale Anar Hfften-Polizei entgegen« Mieten. Die Polizeibehörden haben Verzetchniffe der politisch verdächtigen Personen zu führen. Diese Verzeichniffe find von den einzelnen