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verantw.^ SBr^MeXetattron t.^ ** ^da. mit Anterhaktungs-Meikage „Zkkustrirte Sonntags-Zeitung!' ”•* pete»,-Se ll». 1 (Dannonit).

Jutöcl, Samstag, den 1. September 1900.

M 200.

27. Jahrgang.

Woche«-Rundschau.

(Rachdrark btttietei)

X Fulda, 1. September.

Der Oberbefehlshaber der Truppen der verbün­deten Mächte, Generalfeldmarschall Graf Walder- see, eilt auf dem deutschen Dampfer „Sachsen" mit seinem Stabe den fernen ostasiatischen Gestaden zu. Von Neapel aus hat er die Fahrt angetreten, nach­dem ihm auch die italienische Regierung einen ehren­vollen Empfang bereitet batte. Ein solcher gebührte dem Feldmarschall ohne Zweifel. Aber leider haben es sich die Berliner Offiziösen nicht versagen können, auf alle die vorher in Ueberschwänglichkeit begangenen Geschmacklosigkeiten noch einen recht kräftigen Tusch in derselben Tonart zu setzen: ,Reichsanzeiger' und .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' paradirten gleich­zeitig in Kundgebungen scheinbarer Entrüstung da­rüber, daß die deutsche Presse dem Grafen Waldersee nicht genug Ehre anthue und daß dieser das uner­schütterliche Vertrauen des Kaisers genieße. Das Letztere ist niemals angezweifelt worden, und darüber, daß mit dem Grafen Waldersee geradezu ein byzan­tinischer Unfug in überschwänglicher Verhimmelung getrieben worden war, herrschte vollkommene Ueber- einstimmung in der Presse aller Parteien ohne Aus­nahme. Es konnte also nicht leicht etwas ungeschick­teres geben, als diese erneuten offiziösen Kundgebungen, und man sollte doch ja recht sehr bedacht sein darauf, die für das China-Unternehmen im allgemeinen günstige Stimmung im Volke zu erhalten, nicht aber durch solche kleinliche Nörgeleien zu verderben.

In Cbina selbst gehen die Truppen der verbün­deten Mächte sehr rücksichtsvoll vor. Die Hauptstadt Peking ist nach einigen Straßenkämpfen in allen ihren Theilen besetzt worden; aber das für die Fremden bisher verbotene Stadtviertel ist zunächst von den ver­bündeten Truppen unberührt geblieben, späterhin aber dennoch besetzt worden. Die Kaiserin-Wittwe zog es vor, mit ihrem Hoflager noch vor der Belagerung der Hauptstadt aus dieser zu verschwinden und den jungen Kaiser mit sich zu nehmen. Angeblich soll sie auch die nette Summe von 55 Millionen Taels mitgenom­men haben; jedoch hat man darüber noch nichts Ge­naueres erfahren können. Natürlich aber läßt man das nicht so ohne weiteres geschehen, sondern sucht der Hofkarawane habhaft zu werden. Eine aus Deut­schen, Japanern und Russen zusammengesetzte Streit­macht in der Stärke von 1000 Mann ist von Peking westwärts ausgezogen, um der Kaiserin-Wittwe den ihr schuldigen Besuch zu machen. Herr Li-Hung- Tschan g hat bei den Mächten kein Glück gehabt mit seinen Vermittelungsanerbieten. Alle haben ihn ab­gewiesen als ungenügend bevollmächtigt; verhältniß- mäßig am sanftesten ist dies von Japan aus geschehen, von wo aus man Herrn Li-Hung-Tschang geantwortet hat, Unterhandlungen seien erst dann möglich, wenn China Bevollmächtigte stelle, die den Mächten ange­nehm sein würden.

Von dem Gebiete der innern Politik ist auch diesmal nichts neues von Bedeutung zu berichten, und vermuthlich wird diese Stille noch fortgesetzt eine Zeit lang anhalten. Reichskanzler Fürst Hohenlohe weilt auf seiner Besitzung Werki in Rußland, ohne daß man bis jetzt weiß, wann er nach Berlin zurückkehren wird. Staatsminiller von Miquel wird auch noch etwa 14 Tage der Hauptstadt fern bleiben, und vom BundeS- rathe wird angenommen, daß er nicht vor der Mitte des Monats September seine Sitzungen wieder be­ginnen werde. Deswegen sind auch die verschiedenen Meldungen mit Mißtrauen anzunehmen, wonach be­reits beschlossen sei, den Reichstag zu einigen Sitzungen gegen das Ende des Monats September oder für den Anfang Oktober einzuberufen; man weiß ja gar nicht, wer einen solchen Beschluß hätte fassen sollen. Ob auf der andern Seite, wie in diesen Tagen die offi­ziöse ,Nordd. Allg. Ztg.' melvete, der Reichstag in diesem Jahre auch nicht früher als sonst einberufen werden wird, bleibt doch noch sehr abzuwarten. Nach anderen Meldungen soll der Reichstag im Oktober eröffnet werden.

Hoffentlich kommt dann auch die Lieferung von Waffen aus Deutschland nach China zur Sprache. Ties: Waffenlieferungen sind während des Jahres 1899 ganz besonders stark gewesen: die Aus­fuhr vonWaffen ausDeutschland nach China war während des genannten Jahres drei Mal stärker als im Vorjahre. Sie hat während des letzten Jahres erheblich mehr als 8 Millionen Mark int Werlhe betragen; 1898 "ur etwa drei Millionen, ohne die für China in Deutschland gebauten Kriegsschiffe! Söhne deutscher Erde müssen mit ihrem Blute und mit ihrem Leben dafür einstehen, daß der Schaden wieder gut gemacht werde, den Chinesen mit deutschen Waffen uns Deut­schen zugefügt haben — gerade kein erhebendes Be­wußtsein. Aber die Lieferfirmen fteuen sich ihres Ver­dienstes und denken non ölet — es riecht nicht! — äug dem Großherzogthum Baden wird be­richtet, daß auch dort eine Sonderbesteuerung der Äaarenhäuser vorbereitet werde; die badi­sche Regierung hat in diesem Sinne bereits Erhebungen nngeleitet. Es sollen von den Handelskammern die Detailgeschäfte, die sich selbst als Waareithäuser be­zeichnen, und alle diejenigen Geschäfte mit bedeutendem Umsätze namhaft werden, die nach dem preußischen WaarerflMsfieuergesetze dieser preußischen Steuer des­wegen unterstes« würden, weil sie Kleinhandel mit »ehr als einer der unterschiedenen Waarengruppen

treiben. Noch vor gar nicht langer Zeit sprach sich der badische Herr Finanzminister in der zweiten badi­schen Kammer als Gegner der Waarenhausbesteuerung aus. Hat der Herr Minister sich bekehren lassen, oder hat er mit seinem ablehnenden Standpunkte eine Nieder­lage erlitten? Hoffentlich kehrt auch in Württemberg bald bessere Einsicht ein!

In Böhmen hat es wieder einmal einen Tschechenkrawall gegeben. Auf dem Berge Rzip bei Randnitz wurde eine tschechische Massenver­sammlung abgehalten und die schärfste Opposition gegen die Regierung beschlossen. Junge Leute zogen dabei mit schwarzen Fahnen umher, die in der Mitte rothe Kelche zeigten, ohne der Aufforderung des Be­zirkshauptmannes, diese Fahnen zu entfernen, zu ge­horchen. Der Bezirkshauptmann zerstörte darauf mit eigner Hand eine dieser Fahnen und mußte danach heftige Kundgebungen des Unwillens in seinem Hause anhören. Erst durch Gensdarmerie konnte allmählich die tobende Menge zerstreut werden. Von regierungs­feindlichen Kundgebungen deutscher Volkselemente hat man seit dem Rücktritte des Grasen Badem in Böhmen nichts mehr gehört.

Drohend begann sich das Verhältniß zwischen Rumänien und Bulgarien zu gestalten. Die Veranlassung dazu liegt in der Thätigkeit eines bul­garisch-makedonischen Komitees, das eine regelrechte Verschwörung angezettelt zu haben scheint, um in Ma­kedonien alle rumänischen Bevölkerungselemente zu Gunsten der bulgarischen zu unterdrücken. Das End­ziel des Komitees besteht wohl darin, Makedonien vollständig dem Lande Bulgarien einzuverleiben. Dieses Komitee hatte einen Theil seiner Thätigkeit nach Rumänien verlegt und wurde, fo argwöhnt man in Bukarest, auch von bulgarischen Regierungsmitglie­dern unterstützt. Da die Ver schwörer schließlich sogar vor dem politischen Morde nicht zurückschreckten und in den in der Presse gegen ihre Umtriebe thätigen Professor Michaileanu durch einen Dolchstoß aus dem Leben räumten, erhob die rumänische Regierung sehr energische Vorstellungen in Sofia, von denen man eine Zeit lang nicht wußte, wie sie dort ausgenommen wer­den würden. Die Lage wurde namentlich auch in Wien als sehr ernst betrachtet; aber schließlich scheint nun doch in Sofia die richtige Erkenntniß gesiegt zu haben, daß nichts anderes übrig bleibt, als klein bei zu gehen, und mit dieser Erkenntniß ist nun auch Hoffnung vorhanden auf friedliche Beilegung des Streitfalles. Die Bulgaren hätten bei keinem anderen Volke Sympathien gesunden für ihr herausforderitdes Vorgehen.

Ganz besonders kennzeichnend für die griechi­schen Verhältnisse ist ein Offizier-Streiks, der dort ausgebrochen ist. In Athen hat diese sonder­bare Bewegung ihren Anfang genommen, und nach und nach ist sie von Offizieren in allen griechischen Provinzen nachgemacht worden. Ganz öffentlich in Versammlungen lehnen sich die Offiziere gegen das Kriegsministerium und gegen die Regierung auf, weil diese letztere ihre Forderung nicht erfüllt, einen be« sondern Gerichtshof einzusetzen, der durch Urtheils- fpruch diejenigen Offiziere aus dem Heere entfernen foll, die im türkisch-griechischen Kriege sich nicht be­währt haben. Die Regimenter halten vielfach zu den meuternden Offizieren, so daß die Regierung bereits die Maßregel erwägt, ganze Infanterie-Regimenter aufzulösen und deren Offiziere und Soldaten heim­zuschicken.

Die Buren in Südafrika leisten zähen Wider­stand. Es scheint sogar, als hätte die Zahl der kämpfenden Buren neuerdings wiederum eine Ver­mehrung erfahren; wenigstens sprechen die neuesten Drahtmeldungen von etwa 20,000 Buren, die gegen die Briten unter Waffen stehen. In Transvaal haben am 26. und 27. August nicht weit von Belfast von neuem Gefechte großen Stils zwischen den kämpfenden Parteien stattgefunden, in denen die englischen Waffen augenscheinlich wenig Glück gehabt haben. Jedenfalls vermißt man in den Drahtberichten des britischen Oberbefehlshabers vollkommen das Wort Sieg. Auch im Gebiete des Oranje-Freistaates, oder der Oranje- Kolonie, wie die Engländer jetzt sagen, haben von neuem lebhafte Kämpfe stattgefunden. Leider hat sich dabei der große Burengeneral Oliver durch allzu großen Wagemuth dazu verleiten lassen, eine gar zu starke britische Uebermacht anzugreifen, so daß er von dieser schließlich umzingelt und mit 1000 Mann ge­fangen genommen wurde. Ein Ende der Kämpfe ist noch lange nicht zu erwarten. Das endgiltige Resul­tat, über die letzten schweren Kämpfe bei Machadodorp und Lydenburg steht noch aus.

In Mailand wurde am 29. August der Königsmörder Bresci von dem Mailander Schwurgericht abgeurtheilt. Nachdem die beiden Vertheidiger Breseis ihr Plaidoyer, eine bloße For­malität, beendet, erhob sich der Verbrecher und gab eine ruhige und entschiedene Erklärung, wonach er mit vollem Bewußtsein und voller Ueberzeugung gehandelt habe. Er schloß, ohne daß seine Stimme ihren Klang änderte, mit den Worten: Sie können mich zu der schwersten Strafe verurtheilen, mir ist alles gleich, ich appellire an die nächste Revolution. Ein Brausen ging bei diesen Worten durch den überfüllten Saal. Nm 6 Uhr zogen sich die Geschworenen zur Berathung zurück und nach knapp einer Viertelstunde verkündigte der Präsident das Verdikt, das auf lebensläng­lichem Kerker lautete, verstärkt durch 7 Jahre Einzelhaft.

S Nochmals die Sedan-Feier.

Verschiedene Gründe sind dafür ins Feld ge­führt worden, in diesem Jahre von öffentliche« und von militärischen Festlichkeiten am 2. Sep­tember abzusehen. Hauptsächlich find es deren

zwei: erstens Rücksichtnahme auf Frankreich, zweitens die Erwägung, daß es sich nicht empfiehlt, in der Heimath geräuschvolle Sieges- feste mit gefüllten Humpen und knallenden Sekt­flaschen zu feiern, während Tausende der Söhne deutscher Erde vor einem Feinde stehen und bluten, der an Grausamkeit und wüster Barbarei alle Schlachtengegner übertrifft, mit denen Deutsche seit Jahrhunderten zu kämpfen hatten.

Die Rücksichtnahme auf Frankreich ist eine Erwägung, die sich hören läßt. Es kann ja sein, daß es in Frankreich Leute gibt, die es Übel empfinden, wenn Deutschland den Sedantag festlich begeht; und da nun gegenwärtig Deutsche und Franzosen Schulter an Schulter kämpfen gegen die Chinesen, die Franzosen auch sich willig unter deutschen Oberbefehl stellen wollen, so kann eine solche Rücksichtnahme in Frankreich nur angenehm empfunden werden, auf keinen Fall in irgend welchem Sinne schädlich sein. Aber allzu ängstlich sollte man doch gerade in diesem Punkte nicht denken. Die Franzosen sind ja an die Sedanfeier so hinlänglich gewöhnt, so daß sie ihnen nicht weiter mehr auffallen kann; und in Frankreich selbst ist man nicht gar so zartfühlend. Weder die Waffenbrüder­schaft in Ostasien noch die Anwesenheit der deutschen Aussteller und Gäste in der Weltaus­stellung hat öte Franzosen daran gehindert, am gewohnten Tage die Bildsäule von Straßburg mit Trauetflor zu umkleiden.

An sich aber ist es unschön, ohne Ende den Tag eines höhern Schlachtensieges mit Volks­belustigungen, üppigen Festmahlen und Trink­gelagen za begehen; und noch unschöner wirkt das in einem Jahre, wie in diesem, schon weil gleichzeitig unsere Söhne und Brüder in fernen Landen der Barbarei ihr Leben in die Schanze schlagen müssen. In ernsten Zeiten versammeln sich ernste und überlegene Männer nicht zu öffentlichen Schmausereien und Trinkgelagen. Das ist an sich ein unwürdiges Beginnen und vor allen Dingen gerade deutschem Wesen und deutscher Art gar r:cht eigen. Also gerade die­jenigen, die sich angeblich aus nationalen Gründen für die gewohnte Feier des Eedantages in's Zeug legen, sollten aus wirklich nationalen Gründen der entgegengesetzten Ansicht sein.

Man sagt, am Sedantage feierten wir weniger die Schlacht am 2. September 1870 selbst, als vielmehr die große Bedeutung, die diese Schlacht für die Folgezeit hatte: also Hauptentscheidungsschlacht in dem deutsch-fran­zösischen Kriege, infolge des Kriegsausganges neue Einigung der deutschen Lande und Wieder­geburt des deutschen Kaiserreiches. Gut, das läßt sich hören; und es ist ja auch richtig, daß Kaiser Wilhelm I. es ablehnte, selbst einen Tag zu bestimmen, an dem das deutsche Volk immer wieder an jene großen geschichtlichen Ereigniffe sich erinnern sollte, daß vielmehr die Wahl gerade dieses Tages aus dem Volke heraus erfolgte. Aber an und für sich wäre es schöner gewesen, als Erinnerungstag den 10. Mai zu wählen, den Tag des Frankfurter Friedens, der dem Kriege von 1870/71 ein Ende machte; und gerade die Zeit des alljährlichen Frühlings würde in ihrer Bedeutung viel bester anklingen an den Gedanken von der Wiedergeburt des deutschen Reiches, als der Tag der blutigen Schlacht bei Sedan.

Außerdem aber sind es zwei sehr verschieden­artige Begriffe: Erinnerungstage zu begehen und Feste zu feiern in dem üblich gewordenen Stile unserer Sedantage. Einen Erinnerungstag kann man in sehr ernster Weise begehen; eigentlich sollte man das desto ernster thun, je wichtiger und bedeutungsvoller man einen solchen Tag an­steht. Und wenn jetzt beispielsweise die .Berliner Neuesten Nachrichten' schreiben: „Die Feier des zweiten September soll nichts als für alle Zeiten ein einziges großes Dankgebet sein. . .sie soll die jetzige Generation vor Ueberhebung und Eelbst- oergöttrrung behüten durch die Mahnung an die Größe und die Schwere des opferreichen Ringens, aus dem einst Kaiser und Reich in Flammengluth heroorgingen —", so wird kaum jemand etwas einzuwenden haben gegen die Erhaltung des Er- innerungStageS in dieser Art und Weise. Aber die Befürworter der Feier in ihrer hergebrachten Form werden schwerlich den Beweis dafür er­bringen können, daß diese Form gerade die Be­deutung dieser Mahnung enthielt und noch ent­hält. Umgekehrt kann man eher sagen, sie sei recht sehr geeignet dazu, Uebermuth und Selbst­vergötterung bei uns zu fördern; wenigstens geht uns jegliche- Verständniß dafür ab, wie man leckere Mahlzeiten, verbunden mit feinen Weinen und Sekt, Kommerse, musikalische Frühschoppen und dergleichen mehr ansehen soll als das äußere Zeichen eines „einzigen großen Dankgebetes für alle Zeiten . . . " Es heißt allzu viel verlangt, hierbei gerade diese beiden Gedanken mit einander zu verbinden.

Aber gegen diese übermüthige Form in dem Begehen des Erinnerungstages richten sich die geäußerten Bedenken in erster Reihe. Dagegen, daß in Schulen, in Kasernen und noch sonst an geeigneten Stätten in ernster Weise auf die Be­deutung des Tages aufmerksam gemacht wird, hat sich wohl noch nicht ein einziger Widerspruch erhoben. Das sollten diejenigen hübsch bedenken, die sich über die Abmachung von öffentlichen und übermüthigen Lustbarkeiten ereifern und sich dabei anstellen, als wollten wir und andere gleichen Sinnes überhaupt alle Erinnerungen an 1870/71 in die Rumpelkammer werfen. Davon hat noch niemand gesprochen!

16. Kcks dkl WklimSkümg 1900.

Bon unserem Spezialkorrespondenten.

(Nachdruck verboten.) Q Paris, 30. Aug.

Ein „clou" der Ausstellung: das Telegraphon oder der Telephonograph.

Es ist zwar kein „clou“, nach dem die Aus­stellungsneugierigen laufen und staunen, wie ob des Gffelthurmes — ein solcher ist diesmal gar nicht zur Welt gekommen; aber es ist eine neue Erfindung, deren Tragweite noch gar nicht ab­zusehen ist, wenn sie sich auch vorläufig noch recht bescheiden präsentirt.

Wer die Gebäude des Marsfeldes durch­wandert, wird plötzlich, fast am Ende eines Ge­bäudeflügels, durch ein lautes surrendes Geräusch aus seinen stillen Betrachtungen aufgeschreckt. Folgt er den Tönen, so gelangt er bald in die Automatenausstellung und erkennt sofort die Ur­sache des Geräusches. Er steht vor den Phono­graphen, aus welchem ihm hier eine Trompete entgegenschmettert, während ihm von dort einige Streichmusik, eine Rede oder ein Gesang in die Ohren dringt. Das Durcheinander der Töne ist nicht gerade schön, aber doch übt es eine große Anziehungskraft auf das Publikum aus, und man hat seine liebe Noth, sich durch das Menschen- gewoge der Zuhörer und Zuschauer hindurchzu­arbeiten. Es ist gerade so wie in den Auto­matenausstellungen deutscher Großstädte an be­suchten Tagen.

Der bekannte amerikanische Erfinder Edison hatte schon im Jahre 1877 den ersten Phono­graphen gebaut. Heute findet man diese Apparate bereits über Stadt und Land verbreitet und kann sich überall gegen Einwurf eines Zehnpfennig­stückes etwas vorspielen lassen. Darüber hinaus haben dieselben eine praktische Verwendung aber noch nicht gefunden, trotz der großen Erwartungen, welche man an ihre weitere Ausgestaltung knüpfte, und trotz der Verbesserungen, welche dieselben im Laufe der Jahre erfahren haben.

Die Einrichtung des Phonographen ist wenig bekannt, sie sei daher hier kurz erwähnt. Der Schall besteht bekanntlich in Schwingungen der Luft. Spricht, singt oder mustzirt man nun gegen eine elastische Scheibe, so wird auch diese durch die Schallwellen der Lust in Schwingungen ver­setzt. Ein an der Scheide befestigter Stift macht diese Schwingunaen mit und gräbt dadurch in eine weiche Masse, welche sich hinter ihm her­dreht, kleine, tiefere oder flachere Furchen ein. Damit ist die Aufnahme der Töne vollendet. Kehrt man jetzt den Vorgang einfach um und dreht die gefurchte Maffe so an dem Stift vorüber, daß letzterer wieder durch die verschieden tiefen Furchen geführt wird, so macht er dieselben Bewegungen wie vorher beim Sprechen und bringt dadurch die Scheibe wieder in dieselben Schwingungen. Die schwingende Scheibe aber erzeugt ihrerseits wieder die nämlichen Lust- schwingungen, also die gleichen Töne, welche ur­sprünglich in den Apparat hineingeklungen waren. Das ist, wie man sieht, ein recht einfacher Vor­gang. Aber man erkennt auch gleich den Mangel des Phongraphen. Um den Furchenflift zum Schreiben zu bringen, muß man direkt in den Apparat hineinsprechen und ebenso muß man in unmittelbarer Nähe desselben stehen, um die wiedergegebenen Töne zu hören. Ein Sprechen in die Ferne, ein Hören in die Ferne, w e beim Telephon, ist ausgeschloffen, und darum ist der Phonograph bisher eine interessante Spielerei ge­blieben. Was die Technik noch nicht erreicht hatte, das suchte die, Phantasie zu ergänzen. In seiner phantastischen Schilderung des sozialistischen Zukunftsstaates: ,@in Rückblick aus dem Jahre 2000" erzählt uns Bellamy, wie er von seinem Zimmer aus ein Konzert durch's Telephon an­hört. Er hätte nicht bis zum Jahre 2000 hinaus« zugehen brauchen, denn heute schon, genau 100 Jahre früher, weist die Pariser Weltausstellung einen Apparat auf, welcher thatsächlich geeignet erscheint, Bellamy'S Phantasie in diesem Punkte zu verwirklichen: das „Telegraphon", zu deutsch etwa „Fernsprechschreiber" des dänischen Ingenieurs Poulsen.