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Julöa, Donnerstag, den 30. August 1900.
Jl» 198.
27. Jahrgang.
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Harne» Me Pettt» »eile 25 Pf.; M Wtederholimge» wird entsprech««, Rabatt gewühet.
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S Ständiges Kolonialheer?
Aus manchen Maßnahmen der HeereSver« waltuvg könnte man den Schluß ziehen, daß die ostafiatischen Regimenter keine vorübergehende Einrichtungen sein sollen. An diesem Donnerstag werden in Berlin zwölf Bataillonen der Ostafiatischen Infanterie-Regimenter Fahnen und einem Ostafiatischen Reiter-Regiment eine Standarte verliehen. DaS geschah bisher nicht mtt vorübergehenden Truppenbildungen, so daß man ganz wohl auf den Gedanken kommen kann, die Heeres-Berwaltung wolle diese Ostafiatischen Regimenter nie mehr eingehen kaffen. Auch auf einen anderen Umstand wird mit Recht in der Preffe aufmerksam gemacht als auf ein weiteres Zeichen für den dauernden Bestand dieser Regimenter: in den heimischen Truppen- theilen find an die Stellen der nach Ostasien abgegangenen und noch abgehenden Offiziere andere eingerückt. Wenn die ostafiatischen Regimenter wieder aufgelöst würden, müßten deren Offiziere ja sammt und sonders überzählig sein.
Die heimische HeereSmacht kann in ihren Truppenkörpern nicht geschwächt werden und ist auch durch die Entsendung der Ostafiatischen Regimenter nicht geschwächt worden. Wenn also diese letztgenannten Regimenter bestehen bleiben würden, dann würde das eine Vermehrung der Zahl der deutschen Truppentheile bedeuten, und eine solche Vermehrung würde ohne Frage der Beschlußfaffung des Reichstages unterliegen. Nur durch ein besonderes, vom Reichstage an- genommenes Reichsgesetz kann die Friedensstärke des Heeres oder die Zahl von dessen Truppen- theilen vermehrt werden.
Bereit« vor mehreren Wochen wurde in einigen Blättern, die häufig Winke aus dem Reichskanzleramte und von anderen Reichsstellen erhalten, daS Thema von der Bildung eines eigenen Kolonialheeres ganz in der Weise besprochen, als sei es bereits die bestimmte Absicht der verbündeten Regierungen, vom Reichstage die Bildung eine- solchen Heereskörpers zu verlangen. Man wies dabei auf Frankreich hin, daS jetzt in derselben Weise vorgegangen ist; und auch in England beschäftigt man sich neuerdings mit dem Plane, von den britischen Kolonien eine Kriegsreserve an Mannschaften für den Dienst in dem Gebiete deS gesammten britischen Reiches zu erhalten. DaS bedeutet in der That ebenfalls nichts Anderes als die Gründung eines KolonialheereS.
Aber gerade solche Hinweise auf Frankreich und England überzeugen nicht. Für diese Staaten liegt ebenso wie beispielsweise für Ruß- land die Möglichkeit kolonialer Zwiste viel näher als unS in Deutschland. Man denke nur an Faschoda, an die verdächtig unfreundlichen Begegnungen von Engländern und Franzosen im Kongogebiete, an die Nebenbuhlerei zwischen Rußland und England in Asien — in solchen Verhältnissen befindet sich Deutschland nicht; die gegenwärtigen Verwickelungen in China find für uns ein ganz auSnahmSweises Ereigniß. Wenn die verbündeten Regierungen die Forderung einer festen Kolonialarmee nur mit dem Hinweise auf China begründen wollten, so
Vie Tochter des Khrmnns.
Roman von O. Elster.
46 ------ (Nachdruck verboten.)
23. Kapitel.
In dem Palais der Herzogin von Richmond zu Brüssel herrschte lautes, festliches Treiben.
.Ein Schall des Festes drang durch weite Nacht — In Belgiens Hauptstadt waren froh gereiht Die Schönen und die Braven; und die Pracht
. Der Lampen schien auf Huld und Tapferkeit —* so sang der englische Dichter Lord Byron von diesem Fest, welches die schöne und weise Herzogin von Richmond dem Herzog Wellington und den tapferen Offizieren der um die belgische Hauptstadt im Quartier liegenden englisch-deMschen Armee veranstaltet hatte. Da sah man die hagere Gestalt des Herzogs Wellington, des Siegers von Talaveria, Salamanca und Toulouse; über sern eherne«, wie aus Bronze gegossenes Antlitz stog oft ein höfliches Lächeln, wenn er mit einer Dame sprach, fein sonst so ernstes Auge schien den Glanz de« Feste« wiederzuspiegeln; er gab sich ganz dem Zauber de« Feste« hin und dachte nicht an Schlacht und Kampf. Da sah man den Prinzen von Oranien, welcher die niederländischen Truppen kommandirte; da sah man all' die alten englischen Generäle au« dem spanischen Kriege und die tapferen Führer der deutsch-englischen Legion, die an der Seite der englischen Waffenbrüder auf der spanischen Halbinsel gekämpft hatten.
Aber wie ein Schatten durch all' die glänzenden Toiletten der Damen und die blitzenden
würden sie im Reichstage vielfachem Widerspruche begegnen. Aber ausgenommen, die Forderung käme und ihre Begründung fiel so zugkräf- tig aus, daß sie die Billigung des Reichstages fände, daun könnte man nur die Grundsätze billigen, nach denen bei der Bildung der Truppenkörper für Ostafien jetzt verfahren wurde. Namentlich die Bildung von Kolonialtruppen aus Mannschaften des stehenden Heeres, die sich freiwillig zu diesem Dienste melden, würde ohne Zweifel allgemeine Billigung finden. Auch in Frankreich soll nach dem neuen Gesetze über die Bildung eines Kolonialheeres in dieser Weise verfahren werden; dort sollen nur solche Soldaten in die Kolonialarmee eintreten, die in der Heimath bereits ein Jahr bei der Waffe dienten und sich freiwillig zum Kolonialdienste melden. Außerdem aber soll eS dem französischen Kriegsminister freistehen, die Kolonialtruppen unter geeigneten Umständen auch für den Dienst im Mutterlande zu verwenden. Das that Frankreich bekanntlich auch schon früher; die Turkos aus dem Kriege von 1870/71 find bekannt genug. Die fürchterliche Wirkung auf die Deutschen, die man sich von dem Anstürme der schwarzen Gesichter versprach, blieb freilich vollkommen auS.
Ohne Zweifel ist die ganze Frage eine weitere Stütze für die Forderung einer früheren Einberufung des Reichstages. Denn es kann den verbündeten Regierungen selbst unmöglich ein angenehmes Bewußtsein sein, etwas zu thun, wofür sie unbedingt der Zustimmung des Reichstages bedürfen. Das ist klar, daß man nicht ohne dringende Noth den Reichstag einberuft; diese Einberufung ist eine große Last für die Mitglieder des Parlamentes und auch für die Regierung. Aber diesmal würde es sicherlich im Jntereffe der Regierungen liegen, die Einberufung dennoch früher als sonst vorzunehmen. Allgemeine Klarheit kann ihren Plänen nur förderlich sein.
Denlfchrs Keich.
Berlin, den 29. August.
X Ai«e öeschkeuuigle Hittverttstmg de» Reichstages wird auch von einem sächsischen Regierungsorgan, dem amtlichen .Dresdener Journal', als unnöthig und nicht wünschens- werth bezeichnet. Nur ist der Dresdener Osfi- ziosus artiger als der Berliner, indem er wenigstens einige Gründe dafür anführt, warum die Regierungen den Reichstag nicht zu einer außer- ordentlichen Tagung einberufen wollen. Erstens, so meint daS .Dresdener Journal', fei bestimmt anzunehmen, daß die übergroße Mehrheit des Reichstages die bisherigen Schritte der deutschen Politik billigen würde. Zweitens fei es nicht möglich, die Höhe der Ausgaben für die Truppen- fenbungen nach China schon jetzt zu bestimmen. Drittens könnten die Vertreter der verbündeten Regierungen vorläufig auch nichts Anderes über China vorbringen als das bereits allgemein bekannte Thatsachenmaterial. Gerade jetzt, nach der Einnahme von Peking, müffe man erst abwarten, welche Entwickelung die Dinge in China nehmen würden. Gleichzeitig kündigt das amt«
Uniformen der Offiziere schritt eine schwarze Gestalt, da« ernste Antlitz von dunklem Bart halb gedeckt, die tiefliegenden Augen voll BegeisterungS- gluth, auf den bärtigen Lippen ein schwermüthige« Lächeln. Den roßschweifumwallten Tschako trug er im Arm, auf der Brust erglänzte al« einziges Abzeichen seiner fürstlichen Geburt der Stern des Schwarzen Adlerordens, den der König von Preußen ihn vor langen Jahren schon verliehen, al« er noch ein preußische« Regiment kommandirte.
„Wer ist jener Offizier?" fragte ein junge«, einfach gekleidete« Mädchen eine ältere, vornehme, weißhaarige Dame, an deren Seite sie durch den Saal schritt.
„Es ist der Herzog von Braunschweig, der Held von 1809, mein Kind", entgegnete die alte Dame und ein leises Beben ging durch die Gestalt de« jungen Mädchens.
Das also war der Held, unter dessen Fahnen Karl Ahrendt gekämpft und gefallen war? Mit heißen Blicken verfolgte Gesine, denn Niemand anderes war das junge Mädchen an der Seite der Gräfin von Walsrode, die hohe Gestalt des Fürsten, der eben in eine tiefe Fensternische trat, halb verborgen durch die kostbaren Vorhänge.
Es hatte Gesine nicht in ihrer engen Heimath am Weferstrand gelitten. Die Worte der Gräfin Walsrode, welche so opfermüthig ihr Leben und ihre Thätigkeit dem Vaterlande weihte, entzündeten auch in ihrer Seele das heilige Feuer und erweckten sie zu neuem Dasein, zu neuem Thalen- drang, nachdem die Nachricht von dem Tode des Geliebten sie in apathische Tatenlosigkeit, in völlige Gleichgittigkeit gegen die Welt versetzt hatte.
liche Dresdener Blatt an, daß der Reichstag zu seiner regelmäßigen Sitzungsperiode im Oktober einberufen werden würde. Damit wird die an dieser Stelle bereits mehrfach ausgesprochene Vermuthung bestätigt, daß die Der« Regierungen mit der Einberufung des Reichstages doch nicht bis zu dem sonst üblichen spätern Zeitpunkte warten wollen. Das würde ficherlich ein schwerer taktischer Fehler gewesen fein.
+ Die königliche Aufiedelnngs-Kom misftstt fir die prentzische« Provinzen ?Meu ttud Abeflprentzen hat, wie bekannt, schon sehr viel von sich reden gemacht, meist aber nicht in einem für sie günstigen Sinne. Jetzt macht eine Mittheilung die Runde durch die Preffe, die genannte Kommission als Arbeitgeber kennzeichnet, und diese Mittheilung ist arg in ihrer Art. Danach sollen die Verwalter der von der Kommission angekauften Güter ihren Arbeitern eine Kost verabreichen, die an Ausgaben täglich nicht mehr als 40 Pfennige beträgt. Fleisch soll es dreimal in der Woche geben. An den Fleischtagen soll das Mittageffen für den einzelnen Arbeiter 16,05 Pfennige, an den fleischlosen Tagen 12,05 Pfennige kosten, das Frühstück 2,05, das Abendessen 2,75 Pfennige. Verschiedene Vorstellungen von Verwaltern gegen diese Anordnungen blieben unbeachtet. Der Präsident bir Kommission gestattete zwar, Leuten, die an mehr Fleisch gewöhnt find, 500 Gramm Fleisch die ganze Woche zu geben; das sollte aber gleichzeitig an den ausgesetzten Fett- und Brotrationen wieder eingespart werden! Na, türlich laufen dann die Arbeiter weg, wenn sie in dieser Weise beköstigt werden; die Beköstigungsvorschriften des Herrn Präsidenten der königlichen Anstedelungskommisfiou sind nämlich den Anordnungen für . . . Zuchthäuser entnommen — eine Handlungsweise, die den Arbeitern ficherlich eine recht eigenthümliche Vor- fleöung beibringen muß von der Schätzung, die die königliche Ansi-delungskommisfion ihnen zu Theil werden läßt. DaS schnöde Verfahren der Kommission darf g:nz und gar nicht als kennzeichnendes Beispiel angesehen werden für die Art und Weise, wie Arbeiter östlich der Elbe Überhaupt auf dem Lande beköstigt werden. Jeder Kenner der Verhältnisse weiß das ganz genau. Desto weniger ruhmvoll ist dieses Verfahren für die genannte Kommission, die mit solchen Hungerkuren natürlich recht schlechte Propaganda für das Dentschthum bei den polnischen Arbeitern und Landleuten Überhaupt machen wird.
h. Die Kohlennoth hat auch den west- preußischen Städtetag beschäftigt, der während der letzten Tage in Elbing versammelt war. GS wurde beschlossen, bei der Staats- regierung ermäßigte Frachttarife für die Einfuhr englischer Steinkohlen zu beantragen. — Der Mangel an Kohlen wird nun endlich auch von Staatsorganen als vorhanden anerkannt: die Centralverwaltung der staatlichen ob er sch le fischen Kohlenbergwerke hat beschlossen, aus Rücksicht auf die bestehende Nothlage im bevorstehenden Winter von einer Steigerung der Kohlen- preise abzusehen und auch auf den üblichen Win- terzuschlag zu verzichten. Nichtsdestoweniger hat bekanntlich Niemand daran gedacht, die Fracht-
Als sich der Schlummer schwer auf die Augen Han» Heinrichs und Berendt Prigge's gesenkt, entfloh sie dem väterlichen Hause und begab sich nach dem „weißen Roß", wo die Gräfin Walsrode sie freudig aufnahm. Auf der langen Reise nach Brüssel erkannte die Gräfin, welch' ein tapferes, edles Herz in der Brust Gesinens schlug und sie zog das junge Mädchen in ihre Nähe, es ward ihr besonderer Schützling, ihre Tochter fast. Auch in Brüssel, wo die Gräfin ihr Hospital aufschlug, blieb Gesine in der nächsten Umgebung der vornehmen Dame, bereit Rang und Stellung ihr die ersten Kreise öffnete. So erhielt sie auch eine Einladung zu dem Fest der Herzogin Richmond, wohin Gesine die Greisin begletten mußte.
Wie gern hätte Gefine dem edlen Fürsten die tapfere Hand geküßt! Aber sie wagte nicht, sich ihm zu nahen und doch konnte sie kein Auge von der dunklen Gestalt verwenden, deren Blicke finster die glänzende Gesellschaft überflogen, an der ei innerlich nicht theilzunehmen schien. Seine Gedanken wellten wohl bei seinen Truppen im Feldlager, seine Gedanken weilten bei den preußischen Bundesgenossen, bei dem Feldmarschall Blücher, der bereite vor dem Feinde stand und dringend um die Unterstützung Wellingtons gebeten hatte. Aber sorglos weilte der britische Heerführer auf dem Feste der schönen Herzogin von Richmond, anstatt int Feldlager zu stehen und den preußischen Verbündeten entgegenzuetlen.
Ein junger Ordonnanzoffizier trat an den Herzog heran und überbrachte ihm eine Meldung.
Der Herzog richtete stch straff empor; wie Wetterleuchten zuckte es über sein Gesicht und sein düsteres Auge blitzte auf. Mtt festem
Vergünstigungen für die Einfuhr deutscher Kohle nach dem AuSlande aufzuheben. Sehr treffend geißelt diese Unterlaffung der neueste Jahres- bericht der Handelskammer in Bielefeld: »Diesen Verhältnissen (eben der Kohlennoth! Red.) gegenüber . . . mußte es ungerechtfertigt erscheinen, daß zur Zeit einer solchen Kohlennoth große Mengen Kohlen mit staatlicher Unterstützung, nämlich unter Gewährung einer Frachtermäßigung von im ganzen 2*/2 Millionen Mark jährlich ins Ausland abgesetzt wurden." Die Handelskammer von Koburg hat be« schloffen, die zuständigen Behörden neuerdings um die Aufhebung dieser Frachtermäßigungen unmittelbar zu ersuchen — man wird ja nun sehen, ob das etwas helfen wird.
tl Der berliner Ireifinu brüstet sich so gern mit der herrlichen Verwaltung der Stadt Berlin, und die gefammte deutsche Freistnnpreffe hilft stets wacker dabei. Betrachtet man doch diese angeblich unvergleichliche Stadtverwaltung als einen Ruhm des eignen Hauses, als ein Verdienst der freisinnigen Partei, die bisher immer in Berlin das Stadtregiment geführt hat und neuerdings sich nothgedrungen anschickt, dieses Regiment mit den Herren Singer und Genossen zu thellen. Wenn man genauer zusieht, merkt man aber gar bald, daß eS mit der Herrlichkeit dieser Berliner Stadteinrichtungen gar nicht so weit her ist. So entstand in der zweiten Hälfte des letzten Winters ein schwerer Nothstand, weil die Stadt Berlin vollkommen unzureichende Einrichtungen für die Versorgung und Unterbringung von Kranken hat; es mußten damals sehr viele Kranke von den Krankenhäusern abgewiesen werden, auch schwere kranke Leute, weil auch nicht mehr ein Plätzchen für sie vorhanden war, und so ging es beinahe einen ganzen Monat lang, so oder doch annähernd so ging es in jedem der letzten Winter. Dieser drückende Mangel herrscht bereits feit neun oder zehn Jahren, und dabei steigt das Bedürfniß an Krankenbetten jährlich um etwa zweihundert; und doch hat man eS nichts weniger als eilig mit der Einrichtung neuer Krankenhäuser. Im Jahre 1893 wurde die Erbauung eines neuen städtischen Kranken- Hauses beschloffen, das bereits 1898 fertig fein sollte. Aber niemand in der Stadtverwaltung scheint sich dieses höchst nothwendigen Baues so angenommen zu haben, wie es nothwendig gewesen wäre, und jetzt stellt sich heraus, daß dieses Krankenhaus rächt vor dem Jahre 1904 (!) vollendet sein tarnt. Man hat den Bau nämlich erst im Jahre 1898 ernstlich in Angriff genommen ! Früher gab es in Berlin überhaupt keine städtischen Krankenhäuser; da ließ eS sich die Stadt Berlin sehr gern gefallen, daß private Wohlthätigkeit der Berliner Kranken sich annahm, und namentlich die Thätigkeit katholischer Ordensschwestern ließ sich der Berliner Freisinn immer sehr gern auf diesem Gebiete gefallen, um so lieber, je billiger die Stadt Berlin dabei wegkam. Aber selbst für die Kranken zu sorgen hat man keine Lust — das ist doch sicherlich ein Zustand, der den schärfsten Tadel herauSfordert und außerdem die Engherzigkeit kennzeichnet, von der der Berliner Freisinn in solchen Dingen sich leiten läßt.
Griff legte sich seine Hand auf den Korb deS Säbels.
„Reiten Sie schnell zum Oberst Alfermann," sprach er mit fester, lauter Stimme, „und Überbringen Sie ihm meinen Befehl, daß er um Mitternacht unser Korps allarmirt. Bei Tagesanbruch soll dos Korps auf der Straße Brüssel- Waterloo marschbereit stehen."
„Zu Befehl, Ew. Durchlaucht."
„Und melden Sie dem Herzog von Wellington. daß meine Truppen marschbereit find und auf den Befehl des Vormarsches warten. Ich ersuche um diesen Befehl."
„Zu Befehl, Ew. Durchlaucht . . ."
Der junge Offizier wandte fich, um davonzueilen. Der Kerzenschimmer fiel hell auf fein schönes, kriegerisches Gesicht — Gefine erschrak und ward todtenbleich. Standen die Todten wieder auf? Täuschte sie ihre erregte Phantasie?
„WaS ist Ihnen, mein Kind?" fragte die Gräfin besorgt.
„Sehen Sie, Frau Gräfin — dort — der braunschweigische Offizier . . .!*
„Ich sehe ihn — es ist eine prächtige Erscheinung . . . kennen Sie ihn?"
„Es ist--Karl Arendt . . ."
„Unmöglich! ... Er ist ja in Spanien gefallen . . ."
„Ich kann mich nicht täuschen — lassen Sie mich zu ihm gehen ..."
Ohne eine Antwort der Greisin abzuwarten, eilte sie auf den jungen Offizier zu, der die Menge nicht fo rasch durchdringen konnte. Jetzt stand fie vor ihm.