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Julöcr, Samstag, den 25. August 1900.
27. Jahrgang.
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Wochen-Rundschau.
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X Fulda, 25. August.
„Die Fahrt des Sonderzuges des Feldmarschalls Grafen Waldersee durch die deutschen Lande glich einem Triumphzuge. Die preußische, die sächsische und die bayerische Bevölkerung längs der Linie, die der Sonderzug des Armee-Oberkommandos befährt, wetteifern in patriotischen Kundgebungen . . . Der Feldmarschall ist der freudig bewegte Empfänger begeisterter Ovationen, wie ähnliche seit 1870 nicht vorgekommen sein dürften . . ." So wird die Fahrt des Grafen Waldersee von einem Berichterstatter geschildert, der im Auftrage des Telegraphenbmeaus der Regierung an der Fahrt selbst theilgenommen hat. Die Quelle ist ein wenig verdächtig. Aber die übrigen Zeitungsberichte stimmen im großen und ganzen mit dem offiziösen Berichterstatter überein; und wenn man auch unbedingt denjenigen recht geben muß, die in diesen Kundgebungen viel Ueberschwängliches erblicken und kritisiren, so muß man doch auf der andern Seite die einzig mögliche Lehre daraus ziehen, daß der China-Feldzug im allgemeinen eine recht Volks - thümliche Sache bei uns in Deutschland ist. Ebenso herzlich gestaltete sich der Empfang des Grafen Waldersee und seiner Offiziere in Oesterreich, und nicht minder zufrieden kann er mit der Aufnahme sein, die ihm am Mittwoch in Rom und vom italienischen König bereitet worden ist.
Schwere Aufgaben wird der Graf in China zu lösen haben, nicht nur Aufgaben militärischer, sondern wirthschaftlicher Art. Man erwartet von ihm, daß er sein Augenmerk in hervorragendem Maße darauf richten werde, den Handelsbeziehungen aller Völker zum chinesischen Reiche eine gesicherte und gleichzeitig breitere Grundlage als bisher zu schaffen; und man muß sagen, daß Deutschland keinen Mann nach China senden konnte, der besser geeignet hätte sein können für die Lösung der zweierlei Aufgaben, als gerade Feldmarschall Graf Waldersee. Gleichzeitig erfreut gerade er sich des Vertrauens der anderen Regierungen: der Zar hat selbst den Grafen Waldersee als geeigneten Mann vorgeschlagen, und auch in Frankreich ist man mit der Wahl einverstanden. „Die hohe Stellung des Marschalls — so äußert sich das Pariser Regierungsblatt ,TernpS' — sicherte ihm von vornherein das Recht des Oberbefehls, sobald er einmal zum Führer der deutschen Streitkräfte in China bestellt war." Also die Wahl der Person ist vortrefflich. Nun bleibt nur zu wünschen übrig, daß die Erfolge der Wahl entsprechen mögen.
Vorläufig ruht noch ein dunkler Schleier über der zukünftigen Gestaltung der Dinge in China. Die Hauptstadt Peking ist in den Händen der Truppen der verbündeten Mächte, die nach schweren Mühen Peking erreicht und nach heftigen Kämpfen genommen haben, wobei namentlich die Truppen der Russen und der Japaner sich auszeichneten. Die Gesandten sind wohlbehalten aufgefunden worden. Aber was nun? so lautet die allgemeine Frage. Und die eine Antwort wird fast allgemein darauf ertheilt, daß damit erst der allerkleinste Theil der Aufgaben in China gelöst ist. Nur ein kleines Häuflein von politischen Querköpfen in Deutschland vertheidigt die entgegengesetzte Anschauung, daß nunmehr die deutschen Truppen zum größten Theil wieder zurückgezogen werden könnten. Sie werden im Reichstage, wenn dieser Ende September oder Anfang Oktober zusammentreten sollte, mit ihren Anschauungen in verschwindender Minder- heit bleiben. Ordnung muß in China wieder geschaffen werden und gleichzeitig die Gewähr dafür, daß die Ordnung gesichert bleibt; eher dürfen die Mächte ihre Aufgabe nicht als gelöst betrachten, und allein Anscheine nach gelangen allmählich auch alle Regierungen zu dieser Anschauung. Die anfänglichen Gerüchte von Waffenstillstand und Rückberufung der Truppen nach der Einnahme von Peking und Befreiung der Gesandten sind bald genug wieder verstummt.
Die auswärtige Politik des Reichskanzlers Fürst Hohenlohe und des Staatssekretärs Graf Bülow hat bei der Behandlung der China-Frage entschieden Erfolge zu verzeichnen. Deswegen kam einigermaßen überraschend die vor etwa acht Tagen durch einen konservativen Berliner Zeitungskorrespondenten verbreitete Nachricht, der Fürst Hohenlohe sei es müde, Reichskanzler zu sein und werde demnächst zurücktreten, auch seine Familie dränge ihn zum Rücktritte auS Rücksicht auf seine Gesundheit. Die Botschaft hörte man; aber es fehlte der Glaube. Und thatsächlich ift nichts wahres daran gewesen. Die Offiziösen haben es nicht einmal für nöthig gehalten, der falschen Nachricht zu widersprechen. Fürst Hohenlohe bleibt also Reichskanzler, gerade so wie jetzt vor einem Jahre, wo man sowohl seine als auch des Ministers von Miquel Amtstage als gezählt betrachten wollte. Nach der Ansicht des Centrums könnte es bessere Reichskanzler geben, als Fürst Hohenlohe ist, aber auch schlimmere; und wenn Fürst Hohenlohe Reichskanzler bleibt, so kann es dem Centrum recht sein.
Ein hervorragender Führer des Centrums, der Abgeordnete Dompfarrer Dr. Schaedlcr in Bamberg, hat am letzten Mittwoch sein silbernes Priesterjubiläum gefeiert. Für die Beliebtheit, deren der verehrte Centrumsführer sich erfreut, legen reichliches Zeugniß ab die außerordentlich zahlreichen eingelaufenen Kundgebungen und Glückwünsche. Möge es dem Der« ehrten Jubilar, möge es dem deutschen Centrum ver
gönnt sein, daß derselbe nach weiteren fünfundzwanzig Jahren auch sein goldenes Priesterjubiläum begehe in unveränderter Geistesthätigkeit und Körperfrische vornan in den Reihen des Centrums! Die Männer seiner Art, so selbstlos, so zielbewußt und treu und so frei von allem Streberthum, sind selten in unserer Zeit!
Ein Ministerwechsel hat in Oldenburg stattgefunden. Man erwartete das nach dem Tode des Großherzogs Peter, und nunmehr ist das erwartete Ereigniß eingetreten. Die Beziehungen des neuen Großherzogs zu den leitenden Ministern seines Vaters waren schon lange so, daß der Ministerwechsel unausbleiblich war nach dem Tode des Großherzogs Peter. An Stelle der bisherigen Minister Jansen, Fior und Hermann ernannte der Großherzog den Geheimrath Willich zum Minister des Innern, den Oberregierungsrath Ruh st rat zum Finanzminister und den Oberstaatsanwalt Ruhstrat zum Justizminister. Ob im Lande Oldenburg durch den Ministerwechsel etwas geändert wird, bleibt abzuwarten.
Kaiser Franz Joseph von Oesterreich hat am 18. August seinen siebzigsten Geburtstag begangen unter allgemeiner und herzlicher Theilnahme seiner Völker. Ein langes Leben der Arbeit und der Mühen liegt hinter ihm. Vereinsamt steht er da durch traurige Geschicke: sein Sohn und seine Gattin sind vor ihm ins Grab gesunken als die Opfer unheilvoller Ereignisse ; sparsam waren die Freuden, die das Leben ihm brachten, und schwieriger als je zuvor haben sich die Verhältnisse innerhalb der österreichischen Monarchie gestaltet infolge des unheimlichen, unfeligen Völkerzwistes. Wir Deutsche wünschen dem treuen Freunde unseres Reiches, daß der Abend seines Lebens lichter sich gestalten möge, als das Leben bisher sich für ihn entwickelte. In warmen Worten gedachte Kaiser Wilhelm des treuen Bundesgenossen in einem Trinkspruche bei einem in Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel abgehaltenen Festmahle.
Die Neuwahlen zum norwegischen Parlamente, zum Storthing, haben am letzten Montag ihren Anfang genommen. Die norwegischen Wahlen erfordern bis zu ihrer Erledigung immer eine längere Zeit. Sowohl deswegen als auch aus zwei anderen Gründen kann man schwer über ihren Ausfall etwas Voraussagen: erstens finden diesmal die Wahlen unter dem neuen Regiment des allgemeinen Wahlrechtes statt, das die Norweger bisher noch nicht hatten; zweitens aber haben mehrere der bisherigen politischen Führer beider Parteien keine Kandidatur mehr zum Storthing angenommen. Am wahrscheinlichsten ist, daß auch durch diese Neuwahlen wenig geändert wird in der Zusammensetzung des norwegischen Parlamentes, daß es also vermuthlich bei der radikalen Mehrheit sein Bewenden haben wird.
Die belgische Regierung hat zu spät eingesehen, daß sie eine Thorheit beging, als sie den Prinzenattentäter Sipid i o laufen ließ. In England war man wüthend darüber, und nun möchten die Belgier das Mordbübchen gern wieder haben. Man vermnthet, er werde nach der Schweiz flüchten, und deswegen hat man Verhandlungen mit der Schweiz an gefangen über „Heimschaffung flüchtiger junger Leute". Der Bundesrath der Schweiz hat der vorgeschlagenen Vereinbarung zugestimmt.
Paris will den Zaren sehen als Besucher der Weltausstellung in feinem ganzen kaiserlichen Glanze. Das ist schon lange der Herzenswunsch der Pariser, der aber bisher noch wenig Aussicht auf Erfüllung hatte. Jetzt sollte es auf einmal anders geworden, der Besuch also zu erwarten sein, und Paris schwamm kurze Zeit in Jubel. Aber die Pariser Offiziösen und auch die russische Botschaft in Paris gossen Wasser in den Wein der Zarenbegeisterung: nochmals also heißt es warten darauf, ob der Zar den Parisern den ersehnten Gefallen thun werde ober nicht. Die russische Botschaft stellt es sogar entschieden in Abrede, daß der Beherrscher aller Reußen nach Paris kommen werde.
Eine unwillkommene Ruhestörung mußte die irische Stadt Belfast durchmachen. Zwischen Katholiken und Protestanten kam es zu bösen Krawallen. Aber weniger die Verschiedenheit des Bekenntnisses gibt dort den Grund ab zrr den immer wieder auftretenden Streitigkeiten, als vielmehr die Stammesverschieden- heit zwischen den katholischen Iren und den Nachkommen der früher in der Landschaft Ulster eingewander- ten protestantischen Engländer.
Der Prozeß gegen den italienischen Königsmörder Bresci soll am 29. August seinen Anfang nehmen. Den Vorsitz wird der Appellrath Gatti führen. Als Vertheidiger hat die Behörde den sozialistischen Advokaten Filippo Turati in Mailand berufen. Bresci wollte keinen Vertheidiger sich wählen.
Das junge Eheglück in Serbien wird hell und warm von der russischen Gnadensonne beschienen: die „junge" Königin Draga erhielt als Hochzeitsgeschenk des Zaren durch den russischen Vertreter in Belgrad einen kostbaren Brillantschmuck. Die Offiziere wenden sich je länger desto mehr von dem Vater Milan ab und dem Sohne Alexander zu — die gerechte Strafe für den treulosen Milan!
Angebliche Siege der Buren in Transvaal haben sich als nicht vorhanden erwiesen. Aber anderseits mußte auch Feldmarschall Roberts gestehen, daß ihm der schneidige Burenführer Christian Dewet aufs neue entwifcht ist. Allem Anscheine nach wird der Kleinkrieg der Buren den Engländern noch sehr viel zu schaffen machen!
Römische Briese, xxxvin.
üü Rom, 19. August 1900.
Der vatikanische .Osseroatore Romano' veröffentlicht an hervorragender Stelle eine Er
klärung, worin es u. A. heißt: Nicht wenige Blätter Italiens, aber noch mehr des Auslandes hätten, Angesichts der dem verstorbenen König Humbert zu Theil gewordenen kirchlichen Begräbniß- und Todtenfeiern, ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, daß die kirchliche Autorität gewiffermaßen von den heiligsten Gesetzen der Kirche abgewichen sei. Es sei nöthig bekannt zu geben, daß die kirchliche Autorität nicht nur aus dem Grunde in die Feierlichkeiten für den verstorbenen König eingewilligt habe, um gegen das an seiner Person begangene oer- abscheuungswürdige Verbrechen zu protestiren, sondern daß in weit höherem Maße die persönlichen Umstände des Verstorbenen dabei maßgebend gewesen seien. Denn der König habe, namentlich in den letzten Zeiten seines Lebens unzweideutige Zeichen religiösen Gefühls (non dabbii segni di sentimento religiöse) gegeben, welche sogar bis zu dem Wunsche gestiegen seien, sich mit Gott mit Hilfe der Sakramente im gegenwärtigen Heiligen Jahre auszusöhnen. Es sei daher anzunehmen, daß König Humbert in den letzten Momenten seines Lebens die unendliche göttliche Barmherzigkeit angerus-n habe und daß derselbe, wenn er noch die Zeit gehabt, nicht gezögert hätte, sich mit dem Allmächtigen auszusöhnen.
Diese Erklärung des hochoffiziösen vatikanischen Blattes wird nicht verfehlen, viele unrichtige Nachrichten über das Verhältniß König Humberts zur Religion richtig zu stellen, sowie viele absichtliche oder unabsichtliche Ueber- tsreib ungen zu mildern. Ein Gebet der Königin aus Anlaß des Todes ihres Gemahls dagegen konnte nicht approbirt werden, da es den Gesetzen der Liturgie widerspricht.
Das Eisenbahn-Unglück beim Kastel Giubileo bei Rom hat auch dem segensreichen Leben des Domtmkanerpaters Vincenz Vannutelli, einem Neffen der b iden gleichnamigen Kardinäle und Schwager des ehemaligen päpstlichen Kriegs- miuisters General Kanzler ein frühzeitiges Ende bereitet. P. Vannutelli trat 1841 in den Dominikanerorden ein und wurde in den Kämpfen mit Garibaldi Feldkaplan der französtschen Truppen. Später, nach 1870, widmete er sich ganz seinen archäologischen Studien und der Wiedervereinigung der orientalischen mit der römischen Kirche, zu welchem Zwecke er lange und wiederholte Reisen in den Orient und nach Rußland und Griechenland unternahm. Sein letztes Werk war die Beschreibung der Ausgrabungen bei der Sankt« Sanktorum beim Lateran.
Viele Kombinationen sind — wie immer bei ähnlichen Gelegenheiten — an den Besuch des Prinzen Heinrich von Preußen beim hl. Vater, Papst Leo XIII., geknüpft worden. Bald sollte es sich um die gar nicht existirende Frage der Errichtung einer Berliner Nuntiatur, bald um China oder gar deutsche innerpolitische Angelegenheiten gehandelt haben. Am kläglichsten ist es nun aber einem der verbreitetsten römischen Blätter, dem liberalen ,Giorno' gegangen, welcher sich von seinem Pariser Korrespondenten nach der dortigen Lanterne' die Nachricht hierher telegraphiren ließ, daß Prinz Heinrich während seiner hiesigen Anwesenheit über die Nachfolgerschaft des Papstes „verhandelt" habe und zwar, um den deutschfreundlichen Kardinal Jacob ini aus den päpstlichen Thron zu erheben! Dabei ist es wohl überflüssig zu bemerken, daß Kardinal Jacobini bereits seit dem 1. Februar tobt ist und daß die „Deutschfreundlichkeit" desselben sich höchstens auf einen früheren Kardinal gleichen Namens beziehen könnte, welcher eine Zeit lang Nuntius in Wien war. Und solche Nachrichten läßt sich ein römisches Blatt für theures Geld aus Paris telegraphiren!
Der hier Anfangs September zusammentretende internationale Kongreß katholischer Studenten wird u. A. den bekannten Reichstagsabgeordneten Prinzen Lichtenstein sowie den Wiener Mä^neropostel P. Abel zu Ehrenmitgliedern ernennen. Die Ehrenmitgliedschaft haben ferner angenommen: Baron von Montenach in Fribourg, der Redakteur an der Revue des Deux Mondes, Goyan, der spanische Universitäts- proseffor de Cepeda von Valencia, Professor Toniolo in Prsa und Conte Soderini, sozial- politischer Schriftsteller in Rom. Von deutschen und österreichischen Studentenkorporationen werden vertreten fein: Noveria (Bonn); Tirolia (Innsbruck); österr. Verbindungkartell; Carolina (Graz); akademischer Görresoerein (München); akademische BonifatiuSvereine; akademische Piusvereine; slooenische Verbindung Danica (Wien) und Andere. Die Versammlungen des KongreffeS, welche unter dem Ehrenpräsidium eines Kardinals stattfinden, werden in den Räumen des von Leo XIII. zur Verfügung gestellten Seminars von S. Apollinare abgehalten. Die Schweiz,
Bayern und Belgien werden zahlreich vertreten sein. Aus Deutschland und Oesterreich sind mehr als 100 studentische Teilnehmer fest angemeldet. Das ist zwar keine allzustarke Betheiligung, aber sie ist eine fast vollständige in Bezug auf die Repräsentanz der verschiedenen Gruppen.
15. Ariks tum der WeltmßekW 1900.
Von unserem Spezialkorrespondenten. (Nachdruck verboten.) Q Paris, 17. Aug. Ein Wort über das heutige Maschinen- Wesen.
Im Jahre 1895 verwendeten im deutschen Reiche 164500 Betriebe Kraftmaschinen, d. h. solche Maschinen, welche nicht zur Bearbeitung des Stoffes dienen (diese heißen „Arbeits- maschinen"), sondern welche Kraft produziren. Und zwar leisteten diese 164500 Kraftmaschinen eine Arbeit von rund 3*/z Millionen Pferdekräften. Rechnen wir eine Pferdekraft gleich der Arbeit von 24 Menschen, so ist das die Arbeit von 82 Millionen Menschen. Von 1895 bis 1898 ist die Zahl der Pferdekräfte um fast 40 Prozent gewachsen und erreicht im Reiche jetzt jedenfalls 5 Millionen, das ist gleich der Arbeit von 120 Millionen Menschen. Nahezu vier Fünftel dieser Leistung liefert die Dampf kraft, nicht ganz ein Fünftel das fallende Wasser. Andere Triebkräfte sind Gas, Petroleum, Druckluft, Wind, Elektrizität. Da ist es nun eine interessante Frage: wie stehen diese einzelnen Kraftquellen heute zu einander; welche hat das Uebergewicht; welcher gehört die Zukunft. Die Weltausstellung ist der Ort, um Antwort auf diese Frage zu geben, denn hier ist so ziemlich alles vertreten, was es auf diesem Gebiete gibt. Und das Urtheil im allgemeinen geht dahin: die Wärme ist noch immer die Hauptarbeitsquelle und wird es auch bleiben. Allerdings die Art und Weise, wie die Wärme in Kraft umgefetzt wird, ist heute schon eine sehr mannigfache uns wechselt noch immer. Neben der Wärme beginnt die Wasserkraft eine bedeutsamere Rolle zu spielen als bisher; der Wind aber, welcher früher eine ziemliche Rolle spielte, kommt kaum mehr in Betracht. Abgesehen von den alten, aus früheren Zeiten stammenden Windmühlen wird er heute fast nur mehr in Gärtnereien und anderen kleineren Betrieben zum Heben des Sprengwassers und ähnlicher Verrichtungen benutzt, bei welchen es auf eine regelmäßige und präzise Arbeit nicht ankommt. Betrachten wir uns nun der Reihe nach die verschiedenen Arten der Kraftmaschinen.
I. Der Dampfkessel.
James Watt war bekanntlich der erste, der vor etwas mehr als 100 Jahren die Kraft der in der Kohle steckenden Wärmemenge zur Bewegung einer Maschine benutzte. Als Mittel dazu bediente er sich des Dampfkessels, in welchem Wasser zum Sieden gebracht wurde. Diese Erfindung Watt's hat das ganze verfloffene Jahrhundert beherrscht, sie hat die gewaltige Ausdehnung unseres ganzen Handels und Verkehrs wie der Industrie bewirkt, und sie ist es auch heute noch, welche bei weitem unter allen Kraftmaschinen überwiegt, besonders in den großen Maschinen von tausend und mehr Pferdestärken. Was möchte der selige Watt wohl für Augen machen, wenn er heute auf die Ausstellung kommen und die Leviathane bewundern könnte, welche seine Erfindung heroorgebracht hat. Und nicht allein über die Größe der Maschinen würde er staunen, sondern nicht weniger über die zahlreichen verschiedenen Systeme des Dampf keffels, die hier in Paris fast alle jeden Tag neben einander arbeiten, da sie den Dampf zum Betriebe der großen Maschinen zu liefern haben. Auffallend ist dabei, wie der Röhren kessel mehr und mehr Boden gewinnt, ja alle anderen Systeme nach und nach aus dem Felde zu schlagen scheint.
II. Die Dampf-Turbine.
Trotz seiner heutigen Vollkommenheit ist der Dampfkessel doch nur eine sehr mangelhafte Maschine, wenn man in Betracht zieht, wie viel von der in der verbrannten Kohle steckenden Kraft bei ihm verloren geht. Nur 12—15 °/o der Wärme der Kohle gehen thatsächlich in bewegende Kraft über, und deshalb ist man aus gar manche Neuerung verfallen, welche der alten Dampfmaschine Konkurrenz macht. Zunächst kommt da in Betracht die Dampf-Turbine des Schweden Laval, welche 1893 zum ersten Male in Chicago gezeigt wurde und damals eine Hauptsehenswürdigkeit bildete.
Inzwischen hat sie eine Reihe von Verbesserungen erfahren und ist in immer stärkeren Exemplaren gebaut und in Betrieb genommen worden, hat also heute schon vielfach praktische Verwendung gefunden. In ihr wird die Geschwindigkeit des Dampfers ausgenutz, fo daß das eigentliche Tur-