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Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn-und Feier­tage. Vierteljährl. ßerugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aus­wärts IM.öOPs.

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mit Iluterhallungs-Meikage „Mustrirle Sonntags-Zeitung"

Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckeret petersgaffe Nr. 2 tDarmouie).

Wochen-Rundschau.

- (Nachdruck verbotet

X Fulda, 21. Juli.

Die Kulturwelt ist erstarrt vor Abscheu und Ent­setzen über die grauenhaften, unglaublichen Greuel in Peking, über den unerhörten Bruch des Völker­rechtes der dort verübt worden ist: Die fremden Ge­sandtschaften in Peking sind zerstört und in Schutt­haufen verwandelt worden; die Gesandten mit ihren Frauen und Kindern und aller in Peking lebender Europäer sind auf die scheußlichste Weise abgeschlachtet. Bluttriefende, wilde Leidenschaft in Verbindung mit überlegter Hinterlist und wüster Mordgier sind an die Stelle der Achtung getreten, die man seit urdenklichen Zeiten den beglaubigten Vertretern fremder Völker zollt; unter der Führung eines Mitgliedes des kaiserlichen Hauses haben chinesische Regie­rungstruppen in Verbindung mit raubgierigen Mordbanden die fremden Gesandtschaften planmäßig belagert und erstürmt, nicht in dem Taumel einer augenblicklich auflodernden wilden Leidenschaft, sondern mit voller Ueberlegung, in dem fortlaufenden Zeit­räume von Wochen. Wer will nun sagen, die „Re­bellen" hätten das gethan, nicht die chinesische Re­gierung? Und dennoch treiben die chinesischen Gesandt­schaften in Berlin und Washington dieses freche Gaukelspiel. Sie erlassen Rundschriften an die Regie­rungen der europäischen Mächte, in denen sie dem „Bedauern" der „chinesischen Regierung" über die Ereignisse in China Ausdruck geben; und der Erz­gauner Li-Hung-Tschang hat sogar die Keckheit be­sessen, der Mutter des schon vorher ermordeten deut­schen Gesandten Freiherrn von Ketteler ein Schreiben zugehen lassen, in der er ihr „sein herzliches Beileid" kundgibt. Und dann freilich, wenn die Flaggen der europäischen Mächte von den Mauern von Peking hernieder wehen werden, kann man sicher sein, daß der Schurke Prinz Tuan, der Aufrührer der Mord­bewegung, verschwunden sein und mit geheucheltem Abscheu die Kaiserin beflissen sein wird, den Ver­tretern der Mächte für ihre „Befreiung von den Re­bellen" zu danken. Aber ebenso sicher würde die Kaiserin es mit dem Prinzen Tuan und mit seinen Spießgesellen halten, wenn nach ihrer ursprünglichen und vielleicht noch immer nicht erloschenen Hoffnung Prinz Tuan der Sieger sein und alle ftemden Truppen nöthigen würde, den Boden von China zu räumen; und genau ebenso denken ohne Zweifel alle chinesischen Provinzgouverneure mit einander, den berühmten „Bismarck von China" Li-Hung-Tschang mit ein- geschlossen. Die Kurzsichtigkeit unserer Diplomatie ititb ihr vornehmes Hinweggehen über die Warnungen des nicht zünftig diplomatischenMissionsbischofes von Anzer rächen sich entsetzlich. Die Ströme ver­soffenen Europäerblutes, die nach der Zerstörung der 'DMndtschasten dampfend durch die Straßen des Peknger Fremdenviertels floffen, sind das gräßliche äußere Anzeichen dieser Rache der ungeahnten Er­eignisse. Es wird dem deutschen Manne schwer, die wild aufbrausende Wuth über die mongolische Heim­tücke und Scheußlichkeit zu zügeln und nicht zu wün­schen, daß fürchterliches und blutiges Rachegericht ge­halten werde über das ganze Land und über das ganze Volk, in deren Mitte das wüste Blutbad an­gerichtet wurde. Aber das muß Jedermann wünschen, daß das unvermeidliche Strafgericht nicht deswegen aufgehoben sein möge, weil es aufgeschoben werden muß, und daß es bei aller kühl abwägenden Ueber­legung recht kräftig ausfallen möge. Nicht den Leuten darf die Ausübung dieses Strafgerichtes überlasten bleiben, die sich später den europäischen Mächten als chinesische Regierung vorstellen werden; das müssen die Truppen der Mächte selbst ausführen, damit den Chinesen in ihrer Art gezeigt werde, daß in unserem Zeitalter der unerhörten Blutthat auch die strenge Strafe folgt.

China wollen wir nicht auftheilen. Deutschland will auch keine besonderen Vortheile für sich selbst er­reichen: das sind die erfreulich klaren Leitsätze der deutschen Politik, wie sie das Rundschreiben kennzeichnen, das Staatssekretär Graf Bülow an die deutschen Bundesregierungen gerichtet hat und das gleichzeitig durch die Preste der allgemeinen Kenntniß zugänglich gemacht worden ist. Und diese Politik findet rückhaltlose Anerkennung und Billigung in der auswärtigen Regierungspresse, in Rußland, Oester­reich, Frankreich und auch in den Vereinigten Staaten von Amerika, zum Aerger der Engländer, die wieder einmal so gern die Führerrolle übernommen hätten, ohne daß es ihnen etwas kostet, und die nun sehen müssen, daß auch ihre „angelsächsischen Vettern" jen­seits des Atlantischen Meeres der deutschen Politik chre ungetheilte Anerkennung zollen. In China wird Ordnung und Ruhe hergestellt, es werden die Uebel- thäter bestraft, und es wird dafür gesorgt werden, daß Ruhe und Ordnung bestehen bleiben — das ist die Aufgabe der nach China entsandten Truppen. Darüber hinaus nichts!

Daß die Truppen ihrer Aufgabe gewachsen sein werden, ist die sichere Annahme der Verbündeten Re­gierungen. Und so kann vorläufig nichts weiter ge­schehen, bis diese Truppen in China angekommen sein werden. Die Zwischenzeit hat der Kaiser benützt, um in den Gewässern Norwegens in gewohnter Weise Ruhe und Erholung zu suchen, und er ist dabei nach den vorliegenden Berichten vom Wetter begünstigt wie nie zuvor. Zum Nachfolger des ermordeten Ge­sandten vonKetteleristDr. Mumm v. Schwarze n-

27. Jahrgang.

Irrtöa, Samstag, den 21. Juli 1900.

stein ernannt worden, zuletzt außerordentlicher Ge- sandter in Luxemburg.

Wunderlich wird man angemuthet von der Art und Weise, wie die Zeitung des Herrn Hofpredigeis a. D. Stöcker, das christlich-soziale ,Volk'in Siegen nachträglich über den Charitas-Tag urtheilt, der in der Vorwoche in Berlin abgehalten wurde. Dem protestantischen Mitarbeiter des genannten Blattes war nämlich dieser Charitas-Tag — nicht katholisch genug! Diese einzelne Thatsache spricht ganze Bände. .Die Katholiken bemühen sich aufs eifrigste, von ihren 'Veranstaltungen dieser Art alles fern zu halten, das wie eine Spitze gegen die Christen anderer Kon­fessionen aussehen könnte, und das setzt die Protestan­ten, die diese katholischen Veranstaltungen mit auf­merksamem Auge verfolgen, dermaßen in Staunen, daß fie es nicht unterlassen können, diesem Staunen auch öffentlichen Ausdruck zu verleihen. Namentlich wundert sich das ,Volk' darüber, daß Herr Propst und Fürstbischöflicher Delegat N eub er in Berlin von den „evangelischen Mitbrüdern und Mitschwestern" gesprochen hat. „Darf man denn — fragt das ,Volk' — die verstoßenen Kinder so freundlich rühmen?" Diese Kinder sind nun nichts weniger als verstoßen; denn sie haben aus freien Stücken der Kirche den Rücken gewandt und würden jeden Tag aufs freund­lichste wieder Äfgenommen werden. Aber auf pro­testantischer Seite mag man sich das merken und nach dem guten Beispiele handeln, das die katholischen Ver­anstaltungen ihnen geben. In den Versammlungen des „Gustav-Adolf-Vereins" und des sogenannten „Evangelischen Bundes" merkt man leider nichts davon.

Auch in Frankreich herrscht jetzt parlamen­tarische Ruhe. Mit einem Seufzer der Erleichterung mögen die Mitglieder des Ministeriums Waldeck- Rousseau den Tag begrüßt haben, an dem die Depu- tirtenkammer ihre Pforten bis zum Spätherbste schloß. Zwar siegte er bei verschiedenen Abstimmungen mit ganz ansehnlichen Mehrheiten. Aber die Stimmung französischer Parlamentarier unterliegt so vielen wechselnden Einflüssen, daß man niemals politische Pläne auf lange Zeit hinaus machen kann, und die Nationalisten lassen auch nicht eine einzige Gelegenheit voräbergehen, gegen Waldeck-Rousseau und seine Mi­nisterkollegen Sturm zu laufen. Auch das National- fest, also der Erinnerungstag der Erstürmung der Bastille, ist ruhig vorübergegangen und nur durch eine Prügelei zwischen Nationalisten und Sozialdemokraten gestört worden, die aber keinen großen Umfang annahm.

Der belgische Prinzenattentäter Sipido scheint doch nicht, wie bisher angenommen wurde, nach Paris entkommen zu sein; oder wenigstens stellen sich die belgischen Behirdn so an, als glaubten sie nicht daran. S schträglich ist ein Steckbrief gegen Sipido erlassen XW eben, aber erst auf diplomatisches Ersuchen hin. 3* spät sahen sie ein, baß es allem Rechtsgefühl zu Wider ist, wenn ber Morbbengel frei umherläuft unb Sozialdemokraten und Anarchisten als „Volksheld" g-feiert und besungen wird.

In der spanischen Provinz Katalonien will die Ruhe nicht wieder einkehren, ob nun die spanische Re­gierung mit Freundlichkeit oder mit Strenge den Ka­taloniern gegenübertritt. Aber diesmal hat die Re­gierung einen Hintergrund, für den alle aufrichtigen Kulturfreunde eingenommen sein müssen: Die Bewe­gung geht gegen die Stiergefechte, und es ist sehr er­freulich zu vernehmen, daß Bischof Morgados von Barcelona offen diese Bewegung unterstützt. Möge sie der Anstoß sein dazu, daß diese rohen Schaustel­lungen nicht nur aus Katalonien, sondern allgemach auch aus ganz Spanien verschwinden! Sonst scheint sich die öffentliche Stimmung in Spanien ein wenig beruhigt zu haben. Dies kann man daraus schließen, daß die ganze königliche Familie Reisen durch beinahe ganz Spanien während der nächsten Monate machen werden.

Finland'muß schwer leiden, weil es sich nicht gutwillig russisch machen lassen will. Schlag auf Schlag saust auf das gequälte Land hernieder: jetzt hat man den Finländern sogar die Versammlungsfrei­heit genommen. Von nun an dürfen öffentliche Ver­sammlungen in Finland nur noch abgehalten werden, wenn die besondere Erlaubniß des Herrn Generalgou­verneurs ertheilt ist; und sogar die Stunde des Schlusses einer Versammlung muß vorher festgesetzt werden. Desto mehr Pflege widmet die zarische Re­gierung dem neu erschlossenen Riesenlande Sibirien: mit allerhand Mitteln sucht man den Sttom der bäuerlichen Auswanderung dorthin zu leiten. Für etwa 15 Mark können arme Auswanderer etwa 6000 Klm. weit auf der neuen großen Sibirienbahn reisen.

Die Engländer haben zur Abwechselung in Transvaal wieder eine Niederlage erlitten, und zwar eine vollständige Niederlage in unmittel­barer Nähe von Pretoria und Johannesburg. Bei Nitralsnek, 25 Klm. westlich von Pretoria, also unter den Augen des Feldmarschalls Lord Roberts, haben die Buren den Engländern zwei Geschütze weg­genommen und eine ganze Schwadron sowie fast eine ganze Kompagnie in Gefangenschaft sortgeführt. An­geblich sollen die übermüdeten Pferde der Engländer an der Niederlage schuld sein. Es werden aber wohl noch andere Gründe dafür vorliegen!

sx Die „Einigkeit" der Sozial­demokratie.

In hochtrabenden Redensarten pflegen die sozialdemokratischen Blätter die Einigkeit und den festen inneren Zusammenhalt der internationalen Sozialdemokratie zu

preisen. Aber jede Gelegenheit, die sich findet, um die Wahrheit solcher Schützenfest-Artikel zu erhärten, wird zum Beweise vom Gegentheil. Das wissen wir am besten aus dem Verlauf der sozialdemokratischen Parteitage Deutschlands; und außerdem geht das stets von Neuem hervor aus jeder einzelnen sozialdemokratischen Veranstaltung, bei der ernsthaft berathen werden soll über ernst­hafte wirthschaftliche und politische Dinge. Da geht die Schützenfeststimmung der Jubelartikel und der Begrüßungsabende häßlich in die Brüche; und was übrig bleibt, ist Uneinigkeit in wich­tigen Dingen und sehr schwache Aussicht darauf, überhaupt zur Einigkeit zu gelangen.

Grnau so ging es auch diesmal wieder mit dem „Internationalen Textilarbeiter- Kongreß" in Berlin, dem vierten seiner Art. Der erste wurde i. I. 1894 in Manchester abgehalten. Dieser erste Kongreß führte zu der Einsetzung eines internationalen Sekretariates; und auch dec zweite Kongreß in Gent befaßte sich nur mit dieser Einrichtung. Erst der dritte Kongreß i. I. 1897 in Roubaix begann mit der Behandlung praktischer Fragen, nämlich mit dem Achtstundentags, und dieser Kongreß in Ber­lin sollte berathen über Frauen-, Kinder- und Nachtarbeit und die Abschaffung der Akkord­arbeit. Aber gleich der Beginn der Berathungen artete in derben Zank aus.

Das hing wiederum mit dem sogenannten Internationalen Sekretariate zusammen. Zwei ganze Kongresse hatten sich abgemüht, das Sekretariat zu Stande zu bringen; und man sollte meinen, daß alle diejenigen, die es etwas angeht, das allergrößte Gewicht legen müßten auf die Erhaltung, die Unterstützung und den Ausbau dieses Institutes. Aber davon ist gar keine Rede. Zunächst macht es einen lustigen Eindruck, wenn man vernimmt, daß der ganze Bericht des Sekretariates den erstaunlichen Um­fang einer einzigen kleinen Oktavseite einnimmt. Dann wird man roch heiterer gestimmt, wenn man weiter hört, was die Engländer, die das Sekretariat zu verwalten haben, auf die Vor­würfe wegen der überraschenden Magerkeit dieses Berichtes zu antworten hatten: es hat sich niemand von der internationalen Genoffen­schaft darum gekümmert; niemand hat dem Sekretariate Berichte eingesandt. Noch mehr: die Franzosen haben ungefähr fünfzig Anfragen des Sekretariates mit der ihnen angeborenen Grazie in den Papierkorb wandern lassen; int Allgemeinen haben die Sekretariate der einzelnen Länder die ganze Einrichtung, die nach so un­säglicher Mühe ins Leben gerufen worden war, nicht für wichtig genug gehalten, um die ein- geforderten Berichte zu liefern und haben die Mahnungen des internationalen Sekretariates um Einlieferung solcher Berichte ganz einfach unbeachtet gelassen ... Ein summarisches Verfahren!

Der Streit über das Sekretariat hat andert­halb Tage gedauert. Dann ging man an die Berathung über die Abschaffung der Akkord­arbeit. Diese war gemeint. Aber in dem darüber eingebrachten Anträge stand erstaunlicher­weise gerade das Gegentheil: da war von der Abschaffung der „Tageslohnarbeit" die Rede, und nun brauchte man einen weitern halben Tag da­zu, um sich klar darüber zu werden, was der Antrag eigentlich meine: ob Akkordarbeit oder Tagelohnarbeit! Und so gelangte man denn eigentlich nach der Schützenfeststimmung des Be­grüßungsabends mit höchst begeisterten Reden ohne Inhalt und nach zwei ganzen Tagen der Streiterei über das Sekretariat und dem an­geführten Antrag am vierten Tag zu den eigent­lichen Berathungen. Was dabei an Akkordarbeit, Ueberstunden und dergleichen gesagt wurde, ist unwesentlich, und zwar deswegen, weil man das ja alles schon kennt bis zum Ueberfluffe. Man kann sich also damit begnügen, daß man weiß, besagter Kongreß habe „beschlossen", die Akkord­arbeit, Ueberstunden und die Nachtarbeit ganz abzuschaffen — wiederum ein äußerst summari­sches Verfahren, an dessen praktische Durchfüh­rung in absehbarer Zeit sicherlich kein Einziger der versammelt gewesenen Herrn im Ernste denkt. Deswegen, unb weil sie praktischer veranlagt sind als die „Genossen" in Deutschland und Frank­reich, fttmmie.i denn auch die Engländer und mit ihnen die Belgier gegen die Entschließung über die Abschaffung der Akkordarbeit. Die Ent­schließung wurde also mit einer nur ganz knappen Mehrheit der anwesenden Vertreter angenommen. Berücksichtigt man aber die Zahl der Arbeiter, die hinter diesen Vertretern stehen, so gestaltet sich das Verhältniß noch ganz anders: hinter den Vertretern stehen nämlich nicht weniger als 137,000 Engländer allein, und diese machen für sich eine Mehrheit unter allen auf dem Kongresse vertretenen Arbeitern aus.

Der Form nach wurde die Entschließung angenommen. In der Thal ist fie als ab ge­

lehnt zu betrachten; und so ist denn auch dieser vierte sogenannte Internationale Textilarbeiter- Kongreß ausgegangen wie das altberühmte Horn­berger Schießen — vollkommen ergebnislos. Und von neuem sieht man die alte Erfahrung bestätigt, daß die sozialdemokratischen Veranstalt­ungen, die angeblich im Interesse der Arbeiter arbeiten sollen, diesem Interesse durchaus nicht förderlich, sondern schädlich sind. Denn viele solche mißglückte Veranstaltungen schaden der Sache, die sie sich in sehr ungeeigneter Weise als Aushängeschild vorgebunden haben; und damit thun fie der hochwichtigen Sache des Arbeiter­schutzes stets von neuem Abbruch.

Deutsches Deich.

Berlin, den 20. Juli.

X Das Kewervrgerichts Gesetz, welches vom 29. Juli 1890 datirt, gibt also im laufen­den Monat Anlaß, feiner zehnjährigen segens­reichen Wirksamkeit zu gedenken. Gegenwärtig zählt man im deutschen Reiche über 300 Ge­werbegerichte, alle Städte von mehr als 50,000 Einwohnern haben solche eingerichtet und unter den Städten zwischen 50,000 und 20,000 bilden die Städte ohne Gewerbegerichte auch nur seltene, aber desto unrühmlichere Ausnahmen, wie Neuß und Düren. 16,3 Millionen Ein­wohner unterstanden bereits 1896 der Juris­diktion der Gewerbegerichte. Zum größeren Theile bilden diese heute den „Verband deutscher Gewerbegerichte", welcher durch Austausch von Erfahrungen eine einheitliche Rechtsprechung angebahnt und die Thätigkeit der Gewerbegerichte statistisch festgestellt hat. Nach einer Statistik von 1896 gelangen vor den Gewerbegerichten mehr als die Hälfte aller Sachen (56 pCt.) in weniger als einer Woche zur Erledigung, während von den gewöhnlichen Gerichten eine Frist von 3 Monaten dafür anzufetzen wäre. Jndeß auch abgesehen von dieser unmittelbaren Wirksamkeit sind die Gewerbegerichte von großer sozialer Bedeutung gewesen. Ihr Eingreifen bei Streiks und Aussperrungen wird immer häufiger und geregelter. Die Ablehnung der Vermitt­lung des Gewerbegerichts ist mit Rückficht auf die öffentliche Meinung nicht mehr so leicht möglich, wie früher. Die Gewerbegerichte haben daher auch schon dazu beigetragen, die Arbeit­geber von dem Nutzen der beruflichen Organi­sation und der Nothwendigkeit, die Arbeiter­organisationen anzuerkennen, allmählich zu über­zeugen. Ferner ist der Gedanke der Arbeits­kammern, in denen sich Arbeitgeber und Shbeiter zur Berathung gemeinschaftlicher und zum Ver­such des Ausgleichs gegensätzlicher Jntereffen zu- sarnmenfinden, durch die Thätigkeit der Gewerbe­gerichte sehr gefördert worden, namentlich durch jene Gewerbegerichte, denen Arbeitsnachweise oder Auskunftsstellen angegliedert sind, wie in Mainz oder Stuttgart. Nicht zuletzt ist aber auch das Recht des Arbeitsvertrages, z. B. der wichtige Begriff des Akkordlohnes, des Stück­lohnes, des Zahl- und Abrechnungstages, der Arbeitsordnung rc., durch die gewerbegerichtliche Rechtsprechung zu klarerer Erkenntniß und Fest­stellung gelangt. Es war vor allem noth- wendig, wie in Nummer 10 des .Gewerbegericht' vom 1. Juli ausgeführt wurde, beide Theile (Arbeitgeber und Arbeiter) bei der Rechts­findung zu beseitigen, um dadurch schließlich auch das posttive Recht selbst so zu gestalten, daß die im Prinzip anerkannte Rechtsgleichheit zur Wahrheit werde. Das Gesetz rüst Arbeiter zur Theilnahme an der Rechtsprechung und Rechtsschöpfung heran, es zeigt einen Weg zur vergleichsweisen Erledigung von Ausständen, es ermöglicht den Arbeitern die Vertretung ihres Standpunktes gegenüber den Behörden. Und diese an Stelle des früher allein maß­gebenden Arbeitgeber-Standpunktes zur Geltung gebrachte Gleichberechtigung der Arbeiter, wozu vor zehn Jahren durch das Gewerbegerichts- gesetz ein neuer Grund gelegt wurde, bietet leibet noch immer weiten Kreisen der Unter­nehmer Alllaß zur Bekämpfung. Hierauf ist es auch zurückzuführen, daß das Gesetz an manchen Orten noch nicht zu praktischer Wirkung gelangt ist. Die in Aussicht stehende Reform des Gesetzes, welche in Folge deS Schlusses ber Reichstagssession einstweilen ausgeschoben ist, wirb u. a. auch in biefent Punkte Besserung zu schaffen und zu sorgen haben, baß wenigstens alle größere Orte (mit über 20,000 Einwohner) Gewerbegerichte erhalten.

Das Recht der Sommersrischler.

Bon Alphons Mosson, Rechtsanwalt in Berlin.

(Nachdruck verboten.)

Ein Recht auf Sommerfrische gibt es so wenig wie ein Recht auf Arbeit. Freilich hat ber soziale Bazillus dafür gesorgt, daß den