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X Fulda, 14. Juli.

Reichskanzler Hohenlohe weilt zur Erholung nach 'der anstrengenden Zeit in dem herrlichen Ragatz in der Schweiz. Die allermeisten Staatssekretäre und 'Minister haben dem ungemüthlichen Berlin des Hoch­sommers ebenfalls für mehrere Wochen den Rücken gekehrt, und nun ist am letzten Dienstag auch der Kaiser auf seiner Aacht „Hohenzollern" von Kiel abgefahren, um in der gewohnten Nordlandsreise Er­holung und Erfrischung von den aufregenden Pflichten .der letzten Wochen zu suchen. Nur der immer uner­müdliche Staatssekretär Graf Posadowsky weilt in 'Berlin als Vertreter des Reichskanzlers, und natür­lich muß auch Graf Bülow als Leiter der auswär­tigen Angelegenheiten in der Hauptstadt aushalten. Aber aus dem Umstande, daß Kaiser, Reichskanzler -und preußischer Kriegsminisier dem sommerlichen Berlin den Rücken gekehrt haben, kann Jedermann sicherlich die Beruhigung schöpfen, daß die chinesischen Wirren, so widerwärtig und so scheußlich sie in ein­zelnen ihrer Erscheinungen sich äußern mögen, nicht so ungeheuer gefährlich sind, wie namentlich englische Berichte sie darzustellen suchen. Nachdruck ist nöthig, rücksichtslose Strenge, um wieder Ordnung in China .zu schaffen, gepaart mit kühler Ueberlegung und Be­sonnenheit; aber wendet man dieses Rezept an, dann wird es nach dem Eintreffen aller der Truppen der verschiedenen Mächte nicht mehr lange dauern, bis Liese Ordnung äußerlich wieder hergestellt sein wird. Die chinesischen Truppen sind besser bewaffnet und «inexerzirt, als man vorher glaubte. Sie verdanken das namentlich deutschen Exerzirmeistern und der deut­schen Industrie, namentlich der Firma Krupp in Essen. Aber es ist gar nicht anzunchmen, daß sie auf die Dauer dem Machtgebote Stand halten können, das jetzt von allen Gegenden der Welt her nach China unterwegs ist. Bei dem Charakter der Chinesen, der von Treu und Glauben nichts kennt, wenigstens nicht der weißen Rasse gegenüber, wird es freilich mit der Herstellung der äußeren Ruhe und Ordnung sein Be­wenden schwerlich haben können; und wahrscheinlich wird es nothwendig werden, ständig ein stärkeres Truppenaufgebot als bisher zu unterhalten zum Schutze der deutschen Missionen und Landsleute im fernen Osten. Deswegen erwägt man in den Kreisen der verbündeten Regierungen die Schaffung eines stän­digen Kolonialheeres, und es kann wohl sein, daß dem Reichstage im nächsten Herbste eine Vorlage in diesem Sinne zugehen wird. Auch daraus würde inan wiederum sehen, daß diejenigen recht haben, die von jeher den Standpunkt vertraten, daß die Aus­gaben für unsere Schutzgebiete im Laufe der Zeit nicht geringer, sondern größer werden müssen. Aber über zukünftige Dinge braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen.

Die Engländer wollten wieder einmal im Trüben fischen. Sie wollten, man solle die ganze chinesische Sache einfach den Japanern überlassen zur Schlichtung und Ordnung. Natürlich hatten sie dabei ihre eigenen Hintergedanken: sie wollten auf diese Weise mit Hilfe der Japaner das chinesische Schäfchen gründlich scheeren; und nun sind sie wüthend und schimpfen in ihren Zeitungen aufs gröblichste auf Deutschland, daß dieses den Plan durchschaute und nicht darauf einging. Das ist die sogenannte Freund- schaft, die die Engländer für Deutschland hegen für uns Deutsche! Sicherlich steht es im Zusammenhänge mit diesen Dingen, daß der Kaiser für diesmal seinen vorher geplanten Besuch in England auf­gegeben hat.

Edel und ritterlich hat der Kaiser gehandelt, in- Lem er durch den Chef des ostasiatischen Kreuzerd Äders den chinesischen Gouverneuren oder BizeO der .Provinz Schantung, Nanking unn Wut schaug ankündigen ließ, er werde 1000 Taels auszahlen für jeden der zur Zeit in Peking eingeschlossenen Fremden, gleichgiltig, wel­cher Nation er angehört, an denjenigen der die Befreiung herbeiführt. Hoffentlich verfehlt die kaiser­liche Zusage nicht ihre gute Wirkung; sonst wenigstens sind die bezopften Leute für alles, was Geld ist, empfänglicher als für alles andere. Nach vereinzelten Leitungsmeldungen hat der Papst durch die Ver­mittelung des Kardinalfürstbischofes Kopp von Bres­lau dem Kaiser seinen Glückwunsch aussprechen lassen zu dem energischen Vorgehen in China. Ein Widerspruch gegen diese Meldungen ist nicht erfolgt; sie werden also wohl richtig sein.

Einen wohlthuenden Gegensatz zu den chinesischen Greueln bildet der katholische CHaritas-Tag, der während der vorigen Woche in Berlin abgehalten worden ist. Katholiken aus allen Gegenden Deutsch­lands hatten sich dazu eingefunden, namentlich Geist­liche, Lehrer und Lehrerinnen waren stark vertreten; •aber auch Oesterreich hatte seine Vertreter gesandt, und nicht klein war die Zahl andersgläubiger Christen, die gekommen waren, um von der katholischen Ver­anstaltung und von den katholischen Charitas-Grund- Bi lernen. Das ist der größte Triumph, den feiern können, in solchen Werken, also in der christlichen, der durchdachten und werk- thätigen Liebe als Vorbilder zu gelten.

Zwei Ersatzwahlen zum Reichstage haben stattgesunden: in dem elsässischen Wahlkreise Mülhausen und in dem hannoverschen Kreise Einbeck-Nort- Heim. In Mülhausen wurde sonst ein Sozial­

Irrtöa, Samstag, den 14. Juli 1900.

demokrat gewählt. Zuletzt war es Herr Bueb, der aber sein Mandat wegen Streitigkeiten mit seinem Parteivorstande niederlegte. Herr Bueb wurde im Jahre 1898 mit 1846 Stimmen Mehrheit gewählt; diesmal sind die Sozialdemokraten von dem reichen Fabrikbesitzer Schlumberger um 10,000 Stimmen über­holt worden — elender kann man keine Niederlage erleiden! In Einbeck-Northeim muß noch eine Stichwahl stattfinden zwischen einem Nationalliberalen und dem Sozialdemokraten; die Niederlage des „Ge­nossen" ist auch hier im voraus besiegelt. Der Rück­gang der sozialdemokratischen Stimmen beträgt in diesem zweiten Wahlkreise gegen 1898 etwa 600. Es geht rückwärts mit der verlogenen Sozialdemokratie!

Ein wunderliches Urtheil haben die Geschworenen in Brüssel gesprochen: dort ist der Mordbube Sipido vom Schwurgerichte freigesprochen worden, der auf dem Nordbahnhof in Brüssel auf den Prinzen von Wales geschossen hatte. Es wurde nämlich die „Zurechnungsfähigkeit" des Angeklagten verneint, ob­wohl dieser beinahe 17 Jahre alt ist; und außerdem soll die Rede des Vertheidigers Eindruck auf die Ge­schworenen gemacht haben. Dieser Vertheidiger rühmte bei dem Angeklagten eine „fanatische Liebe zum Frieden und zur Gerechtigkeit", der durch den eng­lischen Krieg gegen Transvaal so aufgebracht worden wäre, daß er sich zu dem Mordanfall hinreißen ließ. Eine wunderliche Schwärmerei, die aus Liebe zur Gerechtigkeit zum Mordblei greift! In Deutschland hat man kein Berständniß für diesen Wahrspruch der Brüsseler Geschworenen. Man konnte Entschuldigungs­gründe für Sipido gelten lassen. Aber ihn und seine drei Mitangeklagten ohne weiteres frei zu sprechen und sofort wieder laufen zu lassen widerspricht dem Gerechtigkeitsgefühl durchaus.

Die französische Deputirtenkammer hat nach der großen Vorlage über Flottenvermehrung und Küstenvertbeivigung nun auch den Gesetzentwurf über die neue Organisation eines Kolonialheeres an­genommen. Die Mannschaften dieses neuen Kolonial­heeres müssen mindestens ein Jahr in der Heimath schon gedient haben. Die Truppe steht unter der Leitung des Kriegsministers, nicht des Kolonialministers, wie ehedem beabsichtigt war. Jahrelang ist über die Einrichtung dieser Truppe gestritten worden, bis es endlich auch dem vorigen Kriegsminister Galliiet ge­lungen ist, die Vorlage reif zur Annahme zu machen.

Vom Kaiser von Rußland ist nunmehr die Verbannung nach Sibirien theilweise auf­gehoben worden. Der Ukas darüber ist bereits veröffentlicht. Die Verhandlungen darüber haben be­kanntlich schon unter dem Vater des jetzigen Zaren ihren Anfang genommen. Dieser schöne Erlaß steht im Gegensatz zu einem andern, gar nicht erfreulichen, durch den nun auch die russische Sprache den Finländern als Amtssprache gegen alte früheren Abmachungen mit Gewalt aufgezwungen wird. Alle Vorstellungen, alle Widersprüche haben dagegen nichts genützt. Das moderne Moskowiterthum erdrückt mit seinem Riesengewichte alle Eigenart, die von der eignen Art abweicht!

Von dem Burenkriege wird es immer stiller. Oom Krüger versichert zwar, die Transvaaler würden noch kämpfen, und wenn ihrer noch fünfhundert wären. Aber in Wirklichkeit kann es leider nicht mehr lange dauern, bis das Häuflein thatsächlich so zusammen- geschmolzen fein wird, daß nicht viel mehr als 500 übrig bleiben. Und das ist dann das Ende. Armes Transvaal!

12. ßritf mi in WtmSklW 1900.

Bon unserem Spezialkorrespondenten.

(Nachdruck verboten.) Q Paris, 10. Juli. Die Elektrotechnik auf der Ausstellung.

Die Elektrotechnik ist das eigentlich signifikante auf der diesmaligen Weltausstellung Auf ihren Vorgängerinnen hatten sich nur erst schwache Anfänge gezeigt, diesmal ist es anders. Nicht allein, daß die ganze Ausstellung elektrisch be­leuchtet ist, auch die Kraftübertragung geschieht durch den elektrischen Draht. Bei der Uebertragung der Kraft durch Wellen, Zahn­räder, Transmissionen 2c. muß die Quelle der Kraft, also in den meisten Fällen die Dampf­maschine, möglichst nahe bei der Arbeitsmaschine, z. B. einer Druckerpreffe, einer Hobelmaschine rc. stehen. Und da die Aufstellung und Inbetrieb­setzung des Dampfkeffels immer mit einiger Ge­fahr und Unbequemlichkeit verbunden ist, so mußten bei früheren Ausstellungen alle Maschinen, wenn man sie in Betrieb sehen wollte, an dem einen Ort untergebracht werden, wo die Dampf- Maschinen stehen konnten. Bei der Kraftüber- tragung durch den elektrischen Draht ist das aber ganz anders. Da ist keine Ecke zu scharf, kein Winkel zu enge, daß man nicht den dünnen Leitungsdraht einsühren könnte. So erst auch war es möglich, daS Prinzip aufzustellen, welches die jetzige Ausstellung beherrscht: nämlich bei dem Produkt auch jedesmal die produzirende Maschine vorzuführen und so dem Beschauer direkt zu zeigen, wie das Ding da zur Welt kommt. So kann man z. B. in der großen Maschinenhalle auf dem Marsfelde eine große Maschine sehen, in welchem die schwersten Tannenklötze zu dem feinen Brei vermahlen werden, welcher das Vorprodukt des Papiers ist. Daneben steht dann eine gewaltige Papier- maschine, wo an einem Ende daS Vorprodukt

eingesteckt wird und am anderen Ende das Zeitungspapier fix und fertig zum Gebrauch herauskommt. Anderswo kann man dann sehen, wie der Satz einer Zeitung hergestellt wird und nebenan wird einem bei der Druckmaschine die soeben vor den Augen des Publikums gedruckte neueste Journal-Nummer in die Hand gedrückt. Alles das ist nur möglich, weil durch den elektrischen Draht die Kraft überallhin geleitet werden und Überall eine Maschine in Betrieb gesetzt werden kann,

Welches die letzten Konsequenzen dieser Mög­lichkeit sind, das läßt sich heute noch gar nicht sagen. Vor allen Dingen kommt sie dem Klein­betrieb zu gut. Das Handwerk kann sich darauf einen neuen goldenen Boden schaffen, so prophezeien Männer, welche ein offenes Auge für solche Sachen haben. Für uns Deutsche ist das übrigens gar nichts Neues. Wir haben in Deutsch­land eine große Reihe selbst kleinerer Städte und Städtchen, die schon längst eine gemeinsame elek­trische Centrale haben, von welcher aus elektrische Kraft an die Einzelbetriebe abgegeben wird und thatsächlich der Haupt-Vortheil dem kleineren Handwerk und t Kunsthandwerk zu Gute kommt. Ja unsere deutschen kleinen Städte sind der Pariser Weltausstellung weit über. Diese hat es bis heute noch nicht zu einem guten Funktioniren ihres elektrischen Apparates gebracht. Die Be­leuchtung versagt alle Augenblicke einmal ganz oder theilweise, und bei der Kraftübertragung ist es nicht besser. In der landwirthschaftlichen Aus­stellung sah ich nämlich eine kleine Maschine einer Hamburger Firma zum Auslesen der Steine aus dem Getreide. Aber wenn der beaufsichtigende Wärter ihre Arbeit vorführen wollte, mußte er jedesmal erst selbst Hand anlegen und nachschütteln, weil der elektrische Strom nicht stark und gleich­mäßig genug war. Bei unseren deutschen Ein­richtungen ist so etwas heute kaum noch denkbar.

Die deutsche Elektrotechnik.

Ueberhaupt je länger man die Ausstellung studirt, desto mehr wird das deutsche National- bewußtsein gehoben. Gerade die Elektrotechnik, — soll ich sagen diese Kunst, oder diese Wissen­schaft oder diese gewaltige Macht, welche die nächste Zukunft beherrscht — ist das ureigenste Gebiet der Deutschen. Nur wissen wir's manch­mal selber nicht — sind auch leider, besonders in früherer Zeit, nicht immer diejenigen gewesen, welche die eigenen Erfindungen praktisch nutzbar zu machen und zu verwerthen verstanden. So ist oft genug das Sprichwort wahr geworden, daß in Deutschland der Erfinder zum armen Mann und Narren ward; in England und Amerika wird er Millionär und mit Ehren Überhäuft. Auch hierin hat eS sich bei uns in den letzten 30 Jahren gewaltig gebessert.

Die erste telegraphische Anlage der Welt wurde in Deutschland gebaut: 1833 ver­banden Gauß und Weber zu Göttingen die Sternwarte mit dem physikalischen Institut da­selbst. Der Münchener Professor Steinheil verbefferte den Telegraphen, indem et der erste war, der die Erde zur Rückleitung benutzte. Werner Siemens baute 1866 die erste Dynamomaschine und schuf damit die Möglich­keit, große Mengen elektrischer Rraft einfach und billig zu erzeugen. Siemens verband sich mit dem Mechaniker Halske und baute mit diesem die erste große Telegrophenlinie Europas zwischen Frankfurt und Berlin. Dieselbe Firma erregte auch auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung un­geheures Aufsehen mit der ersten elektrisch be­triebenen Eisenbahn. Das find so einige Groß- thaten, welche zeigen, daß Deutschland nicht von heute auf morgen an die erste Stelle in der Elektrotechnik gerückt ist, sondern daß es von Anfang an auf diesemlGebiete wacker mitgearbeitet hat und nun erntet, wo es auch gefäet hat.

Den größten Fortschritt hat die Elektrotechnik im Betriebe von Straßenbahnen zu ver­zeichnen. In Deutschland selbst gab es am 1. Januar 1899 schon 77 Städte mit elektrischen Bahnen; 1891 erst 3. Biel größer dürste aber die Anlage von elektrischen Bahnen durch deutsche Firmen im Ausland sein und geht das so an­gelegte Kapital wohl an die Milliarden. In Deutschland werden heute schon mehr als die Hälfte aller prodvzirten Dampfmaschinen zum Antrieb von Dynamomaschinen verwandt. Im Ganzen haben wir etwa 80 elektrotechnische Aktiengesellschaften mit einem Aktienkapital von 520 Millionen Mark.

Auf der Ausstellung ist Deutschland vertreten mit 18 Nummern zur maschinenmäßigen Er­zeugung und Nutzbarmachung der Elektri­zität. Da sind wahre Leviathans unter ihres Gleichen, gewaltige Räder, die mit Hunderten von Spulen und Ankern besetzt find, und wenn sie in Bewegung find, einen Luftzug erzeugen, daß man auf 10 Meter Entfernung noch den Strohhut festhalten muß. Bor allem verdient

27. Jahrgang.

auch Erwähnung, daß Deutschland, bezw. die Allgem. Elektrizitäts-Gesellschaft zu Berlin, die größte elektrische Maschine ausgestellt hat, die dis heute gebaut wurde. Sie steht gerade beim Eingang in der deutschen Maschinenhalle; nur schade, daß fie nicht an eine Dampfmaschine an­geschloffen werden konnte, also nicht int Betrieb zu sehen ist. Sie hat 4500 Pferdekräfte. Außer­dem stehen aber auch noch tüchtige Riesen von 2000 und 3000 Pferdestärken in der Haupthalle auf dem Marsfeld. Erwähnt mag dabei gleich werden, daß auch die stammverwandte Schweiz sehr hervorragendes auf diesem Gebiete geleistet und mehrere prächtige Stücke ausgestellt hat.

Ferner zählt noch die deutsche Ausstellung 9 Nummern in der Elektrochemie, 13 in elektrischer Beleuchtung, 8 in Tele­graphie und Telephonie und 20 verschiedene Anwendungen der Elektrizität. Man steht, wir haben auf elektrischem Gebiet unser Licht nicht unter den Scheffel gestellt. Aber das darf man auch sagen: was wir gebracht haben, kann sich sehen lassen und wir haben keinen Wettbewerb zu scheuen.

Die Königinnen des Trottoirs: die schwarzen Ziegen.

Zum Schluß des heutigen, sonst gar zu trockenen Briefes, noch ein kleines Bildchen aus dem inte­ressanten Pariser Straßen-Leben, an welchem schon mancher Neuling fein blaues Wunder gesehen hat. In den ersten Tagen meines Pariser Aufenthaltes schlenderte ich mit zwei Bekannten über einen der verkehrsreichsten Boulevards. Hunderte vonDroschken flogen hin und her, Tausende von Fußgängern waren aus dem Trottoir und suchten nach einem geeigneten Zeitpunkt, um ungefährdet über eine Straßenkreuzung zu kommen. Da plötzlich — was war das? Mitten in dem Trubel ein paar lange Ohren, ein schwarzer zottiger Pelz: richtig eine schwarze Ziege, und nicht blos eine, sondern 2, 3, 4 liefen da mitten durch den Menschentrubel hin­über, als wenn sie das auswendig wüßten. „Was ist denn das?" fragte ich meine Begleiter. „Sind die Thiere durchgegangen, oder dürfen die Metzger das Vieh hier frei durch die Stadt treiben?" — „O, da» kannst Du jeden Tag sehen", war die Antwort, „so wird die Kindermilch ganz frisch in die Stadt gebracht, und Betrug ist ausge­schlossen. Der Käufer kann genau zusehen, rote die Milch gemolken wird und kann Acht geben, daß kein Wasser eingeschüttet wird."

Einige Tage später kam ich eine Straße ent­lang gegenüber der Kirche St. Madeleine, eine Straße etwa von der Vornehmheit der Berliner Friedrichstraße und mit einem Verkehr, der diesem nicht viel nachsteht. Und siehe da: auf dem Trottoir, gemüthlich vor den Schaufenstern eines Buchladens hingestreckt, lagen 7 Ziegen und tauten gemüthlich wieder. Ein Eigenthümer war nicht zu sehen; wohl aber streichelte die eine oder andere Passantin einmal die Ziegen, eine davon stolperte auch über eine, welche zu weit nach der Mitte des Trottoirs lag. Sie hob mißmuthig den Kopf und drehte ein klein wenig zur Seite, ließ sich aber sonst nicht im mindesten in ihrer Ruhe stören — das heißt die Ziege; die Dame ging höflich aus dem Wege. Endlich kam der Eigenthümer, ein Bauer mit langer Peitsche, blauem Kittel und niedriger breitet Wollmütze ohne Schirm. In der einen Hand hätte er eine Flasche, in der andern ein kleines Blechschälchen. Mit letzterem setzte er sich gemüthlich hinter eine seiner Ziegen, melkte es voll und goß es bann in die Flasche, die er dann wieder in ein HauS auf der andern Seite der Straße trug. Dann pfiff er feinen Ziegen auf einer Art Panflöte, schwang feine Peitsche über seine Heerde und fort ging es, bis irgendwo wieder eine Station gemacht wurde — immer auf dem Trottoir. Was ein deutscher Schutzmann einer kleinen ober Mittelstadt zu solchen Verhältniffen sagen mag — von einem Berliner gar nicht zu reden! In Paris kann man das aber jeden Tag und in allen Stadt- theilen sehen. Besonders am Morgen in den ersten Tagesstunden hört man das Ti-ti lü-lü der Panflöten alle Augenblicke erschallen.

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Originalbericht der,Fuld. Zig.'

(Schluß.) II.

Wit zogen es vor, den Weg von Oberau über Kloster Ettal nach Oberammergau zu Fuß zurückznlegen. Als wir gegen Abend von dem genannten, idyllisch gelegenen Kloster Ettal mit seiner sehenSwerthen, im Barockstil gehaltenen Kirche hinabstiegen, hörten wir von weitem schon Böllerschüße erschallen. Bald erblickten wir den hohen Kofel, der wie ein riesiger Wachtposten, mit dem Zeichen der Erlösung auf dem Scheitel im Westen des Dorfes Oberammergau sich er­hebt. Wir betreten den weltbekannten Ort. Schmucke Häuser, geziert mit farbenfrischen