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JuLöa, Montag, den 25. Juni 1900.

27. Jahrgang.

J2 143.

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Davon wollte Ruland jedoch nichts hören. „Ihr habt mir versprochen/' rief er, „mit mir bis zum Sonnenaufgang auszuharren; ich hoffe, Ihr werdet Euer Versprechen halten. Seht, da brechen schon die ersten grauen Dämmerungen des Tages an."

Er stieß den Flügel eines Fensters auf. In der That bereitete sich bereits eine leichte Däm­merung, wie ein grauer Schleier, über die Häuser und Hütten des Voßwinkels aus, den alten, winke­ligen düsteren Stadtiheil noch älter, noch winke­liger, noch düsterer erscheinen lastend. Die kurze Sommernacht war rasch entschwunden.

Anton Ruland starrte, ans Fenster gelehnt, zu dem grauen Sternenhimmel empor.

„Löscht die Lichter aus," sprach er mit leiser Stimme. „Sie paffen nicht zu dem Dämmerschein Herdes aufklimmenden Morgens."

Man löschte die Lichter. In graue Dämme­rung gehüllt lag das Eulennest da.

„Bis der erste Sonnenstrahl am Himmel empor- schicßt, laßt uns warten," fuhr der kleine Maler

Als der Justizrath und Konrad an den Tisch traten, streckte Ruland dem Hauptmann die Hand entgegen.

„Grüß' Gott, Freund und Kunstgenoffe," sprach er mit wehmüthigem Lächeln, das Konrad «genthümlich schmerzlich berührte, wir haben uns einige Sage nicht gesehen. Wo stecktest Du so lange?

„Ich hatte zu arbeiten."

„Ha! zu arbeiten! Auch ich hatte zu arbeiten, versichere ich Dir! Und ich habe gearbeitet", setzte er tief aufseufzend hinzu. „Aber des Abends denkt man doch der feuchten, fröhlichen Schaar der Freunde — so habe ich es wenigstens ge­halten mein Leben lang. — Ja, und das war 2?.etP Unglück. Hast Du Nachrichten von meinem «tnbe, Freund?"

»Ja, ft? hat mir geschrieben, welchen Erfolg sie errungen."

„Auch mir hat sie davon Mittheilung ge- macht. Und ich habe mich gefreut und mir ge­sagt: Anton Ruland, du Karrikatur eines Men­schen und Künstlers, du Zerrbild, du verkom­menes Genie, du hast doch nicht vergeblich gelebt."

, „Konrad erschrak über die Bitterkeit, welche w den Worten des Unglücklichen lag. Dieselben -Worte hatte er einst selbst Ruland im Zorne Uber deffen Trunksucht und Leichtsinn zugerufen,

Eine seltsame Stimmung hatte sich der Gesell­schaft bemächtigt. Einige unter ihnen, Konrad und der Justizrath, waren tief erschüttert durch die klagenden Worte Rulands ; andere zeigten sich sehr skeptisch den hochtrabenden Reden gegenüber ; noch andere versprachen sich einen „Haupt-Jux" von dem neuen Werk des exa tirten kleinen Malers. Der Doktor Witte suchte diesen zu beruhigen.

Im Kuleuthurme.

Roman von O. Elster.

(Nachdruck verboten.)

fort, „dann führe ich Euch zu meinem Werke, dem einzigen meines Lebens, das mir gelungen ist, in das ich meine Geel?, meine Liebe, meine Andacht

Künste, mit denen eine Kostümsoubrette die pikanten Linien ihrer Trikotfüllung zeigt, oder der augen- zwinkernde Cynismus, mit dem ein Komiker eine läppische Zote meckert, finden in Maffe ihr Publikum und die verzücktesten Beifalls- grimaffen. ..." O ja, Centralorgan, du hast ja so recht, leider so sehr recht: die Kennzeichnung ist vortrefflich — in ihren Worten. Aber die Herren „Genoffen" im Reichstage stehen auf einem ganz anderen Blatte. Denn dort haben diese gerade im Dienste der Leute vom „Schwindel­bau des Kapitalismus" und ihrer „Afterkultur" die wüste Obstruktion aufgeführt und angeführt gegen den Theaterparagraphen in der lex Heinze, der diesem „Kult des Trivialen, Obscönen, Frechen und Albernen" ein wenig zu Leibe gehen sollte. Was soll das heuchlerische Jammern über Dinge, die man schützt und beschirmt, wenn es ihnen einmal ernstlich an den Kragen gehen soll?

- Daß Heuchelei bei der Politik der Sozial­demokratie zur täglichen Erscheinung geworden ist, hat man ferner aufs deutlichste gesehen an der zweideutigen Haltung des Obergenoffen Bebel in der Gewerkschaftsfrage, die in der jüngsten Zeit in allen Blättern besprochen und gebrand- markt worden ist. Und daß die Sozialdemokratie auch eine Feindin religiöser Duldung ist, hat sie in der letzten Sitzung des Reichstages am 12. Juni bewiesen. Dort hatte der Centrumsabge­ordnete Groeber zu dem Gesetze über die Rechls- verhältniffe in den deutschen Schutzgebieten einen Antrag eingebracht, wonach dem Gesetzentwürfe ein neuer Paragraph eingefügt werden soll, der allen im deutschen Reiche anerkannten Religionsgemein­schaften in den Schutzgebieten Gewissensfreiheit und religiöse Duldung gewährleistet. Alle Parteien stimmten für den Antrag; allein die Sozial­demokraten stimmten dagegen. Warum wohl? Der Paragraph bestimmt auch, daß die Einrichtung von Missionen keinerlei Beschränkung und Hinderung erfahren darf, und das ist den Herren Genossen wahrscheinlich ein Doru im Auge gewesen. Eine Erlaubniß zur Verbreitung der Fetischanbetung in Deutschland würden sie jeden­falls sofort ertheilt haben; aber der Ausbreitung des Christenthums suchen sie nach Möglichkeit Hindernisse zu bereiten, und das nennen die Herren Genossen „Pflege der Gewissensfreiheit" und „religiöse Duldung".

Eine elendere und erbärmlichere Heuchelei kann es nicht geben als in der Politik der Sozialdemo­kratie. Dagegen ist der „Schwindelbau des Kapi­talismus" mit seiner auch nicht kleinen Heuchelei ein winziger Waisenknabe!

preußischen Landtage eine feste Mehrheit gegen sich haben; und außerdem müßte seine Er­nennung angesehen werden als Kriegserklärung der Regierung gegen alle Bestrebungen, eine konfessionelle Volksschule durchzuführen.

H Abg Ar. Kettigevstabt ist zum Nach­folger des Freiherrn v. Huene als Präsident der preußischen Centralg^nossenschafts- Kasse ernannt worden. Herr Dr. Heiligen­stadt gehört der nationalliberalen Partei an und vertritt im Reichstage den Wahlkreis Wanzleben. Er erlernte zunächst die Landwirthschäft und war dann im Bankfache thätig, auch längere Zeit Hilfs- arbeitet bei der Reichsbank. Herr Dr. Heiligen­stadt ist katholischer Konfession. Ob er seinem verstorbenen Vorgänger in der Vortrefflichkeit der Amtsführung gleichkommen wird, bleibt abzuwarten.

+ Aanerndomänesr will die preußische Staatsregierung nach einer halbamtlichen An­kündigung einrichten. „Die Regierung — so heißt es in der fraglichen halbamtlichen Mit- theilung — will einen Theil der Mittel, welche durch den Verkauf von größeren, zum Privat­besitz geeigneten Domänen, namentlich in der Provinz Sachsen, gewonnen werden, zum An­käufe von Bauerngütern verwenden, welche demnächst in Pacht gegeben und so dem bäuerlichen Betriebe erhalten werden sollen . . . Der Staat wird so in der Lage fein, manches Bauerngut, welches andernfalls der Aufsaugung durch Latifundien ausgesetzt wäre, in seinem Bestände zu erhalten ..." Dieses Bestreben' ist lobenswerth; nur sollte cs, um ganz lobens« werth zu fein, im ganzen Staatsgebiete gleich- mäßig bethätigt werden. Der Offiziosus läßt aber gleichzeitig durchblicken, daß die Domänen­bauerngüter weniger im reinen Interesse für die Stärkung des landwirthschaftlichen Mittelstandes begründet, sondern hauptsächlich ein neues Kampfmittel werden sollen gegen das Polenthum. Und unter diesem Gesichtswinkel büßt der Plan nicht wenig ein an Verdienst und Lob Würdigkeit.

h A-ines, ««verfälschtesMier ist nicht nach dem Geschmacks der Berliner Offiziö­sen. Diese ziehen Bier mit Surrogaten-Panscherei vor. Wenigstens schreibt ein Offiziosus, der dem Berliner Finanzministerium nahe steht, ein Langes und Breites gegen das auch in dem norddeutschen Brauerei-Gebiete immer stärker hervortretende Be­streben, die elende Panscherei mit den Bier-Sur­rogaten endlich einmal zu beseitigen. Leider kann man hier nicht sagen: es muß auch solche Käuze geben. Man kann im Gegentheil nur recht sehr wünschen, daß es möglichst bald nicht mehr solche Käuze geben möchte, die gepanschtes Bier dem Bier aus Malz und Hopfen vorziehen.

S DonanwörlH. 24. Juni. Der Gründer und Leiter des Kasstaneums, Herr Direktor Ludwig Auer (weithin bekannt unter dem Namen „Onkel Ludwig"), ist aus Anlaß der Jubiläumsfeier zum 25jährigen Bestehen der An- stakt in Donauwörth vom hl. Vater zum Ritter des Cwilordens vom heil, Gregor dem Großen ernannt worden und zwar wegen der Verdienste, die er sich um die katholische Preffe und die Jugendliteratur erworben hat.

Noch etwas von der Sozial­demokratie.

So weit hat es die Sozialdemokratie nun glücklich schon gebracht, daß man sie im Reichs­tage die Schutztruppe derBörse nennt, die Sozialdemokratie, die oorgibt, die eifrigste Ver- fechterin der Interessen des Enterbten gegen das überwuchernde Großkapital zu sein, dieselbe Sozial­demokratie, die in ihrer Politik von jeglicher Heuchelei sich freihalten und die die Trägerin fein wollre aller Gedanken der Freiheit und der Duldung! Noch heute hat sie das alles auf ihrem Aushängeschilde stehen. Aber das sind nur die Leimruthen, an denen die Gimpel sich fangen sollen, die das innere Wesen der Sozialdemokratie noch immer nicht erkannt und noch nicht einge­sehen haben, daß die ganze heutige Sozialdemokratie mit ihrer Politik eigentlich nur aus lauter Heuchelei zusammengesetzt ist.

Denn von einem Kampfe gegen das Groß- kapilal und Ueberwuchern seiner Macht kann doch erstens bei der Sozialdemokratie gar keine Rede mehr fein. Wie könnten sonst die Bebel und Genoffen im Reichstage gegen die Erhöhung der Abgaben für Börsengeschäfte und Börsenspekulationen nicht nur stimmen, sondern sogar lange Reden halten; und wie wäre es sonst möglich, daß überall der Auswuchs in unserer Handelswelt, der als Bazare oder Waarenhäuser in die Erscheinung tritt, von den Herren Genossen aufs eifrigste beschützt und vertheidigt wird? Gerade hierbei tritt der Wider- spmch zwischen geschriebener und gesprochener Lehre der Sozialdemokratie und ihren Handlungen so recht deutlich zu Tage. Denn diese Waaren­häuser und Bazare sind genau das Gegentheil von wirthschaftlicher Nothwendigkeit. Niemand brauchte sie. Nur reiche Kapitalisten merkten, -aß man auf diesem Wege üppige Erträge aus dem Kapital ernten könne, und deswegen ent­standen und entstehen diese Bazare als die Aus­geburt reinster Spekulation. Und diese Unter, nehmungen, die nichts weiter sind als Winkel­züge müßigen Großkapitals zu dem Zwecke, dieses Kapital noch ertragfähiger als bisher zu machen, gerade kleine Existenzen aber in großer Anzahl zu vernichten, werden von der Sozialdemokratie vertheidigt und gefördert.

Gleichzeitig hören die sozialdemokratischen Blatter nicht auf, gegen den „Schwindelbau des Kapitalismus" zu donnern, der daran Schuld sei, daß unsere Gesellschaft mit ihrer „After- kultur" noch immer „die verruchte und unsinnige Zweitheilung der Gesellschaft in Lungernde und Fronende" habe. Und wobei schreibt das der »Vorwärts', das sozialdemokratische Berliner .Centralorgan"? Bei einer Betrachtung voll ge­heucheltem Ekel über die wüsten Kellerlokale, Tingeltangel und dergleichen in den Großstätten mit „allen Stätten des Lebensgenuffes in seiner konzentrirtesten und brutalsten Form des Amüsements"......Auf jeden wahren Kunst-

tempel — so ereifert sich das fozialdemokratische Centralorgan — kommt ein halbes Dutzend solcher Musentempel, die dem Kult oes Grotesken, Trivialen, Obscönen, »rechen und Albernen gewidmet sind. Die

Finanzpolitik sucht Miquel seines Gleichen. Im Anfänge der neunziger Jahre pflegte der preußische Staatshaushalt mit bedenklichen Fehlbeträgen ab­zuschließen; während der letzten Jahre hat er Ueberschüffe bis zu beinahe hundert Millionen ergeben, und dabei muß man rühmend anerkennen/ daß durch die Miquel'sche Steuerpolitik und die von ihm bewirkte Aenderung der Steuergesitz- gebnng die kleineren Einkommen entlastet worden sind zu Gunsten der größeren. Staatliche Ein­kommensteuer wird in Preußen erst von einem Einkommen von 900 Mark ab erhoben. Alles das erkennen Freund und Gegner ohne Unterschied gern an. Aber wo Herr von Miquel aufhört, nur Finanzminister zu sein, auf dem Gebiete der Staats- polittk fehlen ihm die Gegner nicht; und nament­lich die Freunde der Unterstützung des positiven Christenthums durch den Staat wissen, daß ihnen Herr von Miquel als unversöhnlicher Feind gegenüber steht. In diesem Punkte ist der Minister derselbe Kulturkämpfer geblieben, der er als nationalliberaler Abgeordneter war; und jedermann weiß, daß gerade Herrn von Miquel die Hauptschuld trifft an dem Falle des vom preußischen Landtage angenommenen Volksschul- gesitzes des Kultusministers Grafen Zedlitz und an dem Falle des Ministers selbst. Und daß der Zukunftsplan der sogenannten Reichsfinanz­reform Miquel's sehr zahlreiche Gegner hat, ist ebenso bekannt; die Zahl dieser Gegner ist so stattlich, daß besagter Plan hoffentlich niemals zur Wirklichkeit werden wird, obwohl die körper­liche und geistige Frische, über die der nunmehr 72 Jahre alte Minister verfügt, bewundernswerth sind und ihm, wie auch feine politischen Gegner wünschen, noch eine längere Reihe von Lebens- । jähren beschicken sein mag. Man munkelt, es I fei Herrn von Miquel's Ehrgeiz, nicht zu sterben, 1 bevor er nicht zum Kanzler des deutschen Reiches 1 emporgestiegen sei. Aber aller menschlichen Be- 1 rechnung nach wird ihm auch dieser Ehrgeiz un- ' erfüllt bleiben. ,

+, Ministerialdirektor Ar Kügler soll angeblich als Nachfolger des Geheimraths Dr. v. Bartsch im preußischen Kultusministerium als Unterstaatssekretär ausersehen sein, so be­hauptet eine Meldung eines im allgemeinen gut unterrichteten Berichterstatters. Die Meldung klingt überraschend, namentlich für alle Verfechter einer Volksschule auf positiv christlicher Grund- läge sehr unangenehm überraschend; denn gerade Herr Dr. Kügler, im Kultusministerium noch ein Ueberbleibsel aus der Zeit des Kulturkampf­ministers Dr. Falk, ist der Träger ausgesprochen liberaler Schulanstchten und außerdem ein er­klärter und offener Gegner der katholischen Kirche. Deswegen ist Dr. Kügler keineswegs der geeignete Mann als Nachfolger des ausge­schiedenen Staatssekretäts, und außerdem ist er im Parlamente im allgemeinen unbeliebt wegen der Schroffheit seines Auftretens. Bisher nahm man an, Ministerialdirektor Althoff werde der Nachfolger des Herrn v. Bartsch werden, und vorläufig wird man gut thun, dir Wahl des Dr. Kügler trotz der in bestimmter Form auftretenden Meldung noch nicht als feststehende Thatsache zu betrachten. Würde sie sich dennoch bewahrheiten, dann würde der neue Unter staats sekret är im

hob die Hände empör.

„O Sonne, Sonne!" rief et, „du hast meiner Jugend gefehlt, du hast meinem Mannesalter ge­fehlt — deshalb ward ich ein Zerrbild — eine Karrikatur meiner selbst! Dich trug ich als einzige Liebe im Herzen und in der Seele, aber du enthülltest dich mir nicht, du strahltest glück­licheren Menschen, du verbargst dich vor mir in grauen Nebelschleiern! O Sonne, Sonne, dich klage ich an, daß du zu spät in meinem Leben aufgegangen bist — zu spät — zu spät! — Da kommt sie! Seht Ihr sie! — Jetzt schießen die ersten Strahlenpfeile über das finstere Dach der Kapelle des heiligen Beit, des Schutzpatrons aller Leidenden, der auch mein Schutzpatron war! Da ist sie, die Sonne, die Sonne! — Ich habe sie gesehen und sie hat mich gegrüßt und hat mein Herz mit heißem Kuß geküßt und hat mir Kraft und Muth in das Herz gestrahlt, daß ich ein Werk schaffen konnte, ein Werk gleich ihr, gleich der schönen, strahlenden, alles erfreuenden, alles lieben­den Sonne! — Und jetzt kommt! Jetzt will ich Euch mein Werk zeigen!"

Anton Ruland fiel in feine frühere Stimmung zurück. Er trank mehr denn je; er fang und erzählte die tollsten Anekdoten. Zuweilen reckte er die Arme empor, als wollte er ein Segnet. I binenwteat habe htlb verscheuchen, das sich auf ihn niederzüs^l! Er hob Me H schien. Oder et schloß die Augen, lehnte sich in den Stuhl zurück uno athmete schwer und hastig.

Doktor Witte beobachtete ihn aufmerksam. „Ich fürchte, unser kleiner Freund macht es nicht mehr lange," flüsterte er Konrad zu. „Seine Kraft ist zu Ende — hören Sie nur den pfeifen­den Äthern. Wir wollen ihn doch lieber ins Bett bringen."

Deutsches Keich.

Berlin, den 24. Juni.

* Aerr Johannes von Wiqnek ist an diesem 24. Juni zehn Jahre Finanzminister. Niemand, weder Freund noch Gegner, unterschätzt die großartige Thätigkeit Miquel's als Verwalter der preußischen Staatsfinanzen. Die allzu stark ausgeprägte Fiskalität und mitunter rücksichts­lose Art und Weise Miquel's, für den Staat ein Profitchen zu machen, haben auch andere Finanzminister vor ihm gehabt und werden wie­der andere nach ihm haben; aber in der großen ctzt sah er mit Schrecken, wie tief er des ur- seligen Menschen Herz dadurch getroffen hatte. Er legte den Arm um die Schullern des kleinen Malers,

„Du sagtest. Du habest gearbeitet", sprach er beruhigend und freundlich, „kann man diese Arbeit nicht einmal sehen?"

Du sollst sie sehen - Du und Ihr alle, die Ihr mich nur verspottet und verschmäht habt. Heute noch, wenn die Sonne aufgegangen ist, wenn unsere Seelen das köstliche Gold des Weines zu hohem Fluge belebt hat. Im Sonnenqolde der Frühe habe ich gearbeitet, wenn ich diesen Tisch verließ, wenn Ihr glaubtet, jetzt taumelt . - Anton Ruland auf sein Sager trunken und kraftlos! Aber Ihr habt Euch getäuscht! Nicht trunken und kraftlos war ich. Begeistert war ich und in meiner Begeisterung konnte ich wieder schaffen und arbeiten und dichten und denken!"

Einige lachten spöttisch auf. Selbst Konrad war zweifelhaft, ob er des Malers Worte ernst nehmen sollte.

„Lacht nickt!" rief Ruland zornig. „Lacht erst bann, wenn Ihr meine Arbeit gesehen habt!"

„Ist der Daniel in der Löwengmbe fertig ?" fragte spottend der Kreisphysikus.

„Der Daniel in der Löwengrube wird nie- mals fertig. Aber ein anderes Werk habe ich geschaffen und Ihr sollt es sehen, wenn Ihr heute ausharren wollt mit mir, bis die Morgen- fonne sich hebt."

Man lachte und versprach so lange sitzen bleiben zu wollen. Die Jahreszeit erleichterte den Entschluß, ging doch die Sonne schon gegen drei Uhr Morgens auf.