FuldaerMZeitung
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JuLöa, Mittwoch, den 13. Juni 1900.
27. Jahrgang.
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Thränen seiner Tochter weiter zu bekümmern, „Du bist auch Zeugin dafür, daß ich ein Künstler war! Denn was Du kannst, was Du bist, das verdankst Du mir! Ich habe Dich sehen gelehrt! ch habe Dich die Geheimniffe der Natur gelehrt, damit Dein Pinsel sie wiedergeben konnte — ich war Dein Lehrer — ich ganz allein! Ah, Hauptmann Konrad Uhle, Du bist ja auch Maler! Du verstehst etwas von der Kunst, hast Du die Studien und Bilder meiner Mia gesehen?"
„Ich habe sie gesehen und bewundert. Fräulein Mia besitzt ein großes Talent."
„Siehst Du, Mia! Hörst Du, Mia! — Ach, Konrad Uhle, so habe ich doch nicht vergebens gelebt — nein — nein, ihr Bestien", wandte er sich gereizt gegen die grinsenden Löwen, „ich habe nicht vergebens gelebt und wenn ihr noch so teuf- lich grinst und die Zähne fletscht! — Und nun, Mia, hole Wein und Gläser, daß ich mit unserem Freunde auf unsere, auf Deine Kunst anstoßen kann —"
„Aber Vater —"
„Hast Du keinen Wein mehr! O, ich habe noch eine Flasche! Da in der Ecke — siehst Du!"
Triumphirend holte er hinter alten Bildern und Skizzen eine Flasche Champagner hervor.
„Der wollen wir heute den Hals brechen auf das Wohl der ewigen, göttlichen Kunst!"
Konrad legte die Hand auf den Arm des Ex- altirten.
„Nein", sprach Konrad ernst und bestimmt, .heute wollen wir die Flasche ruhen laffen. Ich kam, um mit Dir über die Arbeiten Deiner Tochter zu sprechen. Ich werde an meinen Kunsthändler in Berlin schreiben. Er soll die Arbeiten
tage. Biertrljährl. r-r»r»yr»t»
»hneBrinaerloh« «nd Bestellgeld in Fulda und au», «rt» IM. 60 Pf.
Zm Gukmlhurme.
Roman von O. Elster.
------- (Nachdruck verboten.)
Aus dem Reichstage.
209. Sitzung vom 11. Juni 1900, 11 Uhr.
Am Tische des BundesratheS Reichskanzler Fürst Hohenlohe, die Staatssekretäre Graf Posa- dowsky, Graf Bülow, Tirpitz, Freiherr von Thielmann.
Der Gesetzentwurf über die Rechtsverhältnisse in den deutschen Schutzgebieten liegt zur ersten Berathung vor.
Die Abgg. Schrader (freis. Bg.) und Kirsch (Ctr.) stimmen demselben im Ganzen genommen zu, nachdem Unterstaatssekretär Frhr. v. Richt Hofen auseinandergesetzt hat, daß es sich im Wesentlichen um eine Frage aus dem neuen Gesetze über die Konsulargerichtsbarkeit handele.
In der sofort angeschlossenen zweiten Berathung beantragt Abg. Hroever (Ctr.) die Einfügung einer neuen Bestimmung, wonach den Angehörigen der im Deutschen Reiche anerkannten Religionsgemeinschaften in den Schutzgebieten Gewissensfreiheit und religiöse Duldung gewährleistet werden. — Dieser Antrag wird mit großer Mehrheit angenommen.
der Person des Kaisers zu beschäftigen. — greift der Redner das Milizsystem im Gegensätze zum deutschen Militarismus an und nennt die Flottenvorlage einen „Raubzug gegen das deutsche Volk".
Diese letztere Benennung trägt dem Redner einen Ordnungsruf ein; und da nachträglich aus dem Stenogramm festgestellt wird, daß Abg. Liebknecht im Anfänge seiner Rede auch von dem „Kainszeichen deS Wortbruches" und von einem „elenden Wortbruch" im Sinneszusammenhange mit der Regierung gesprochen
Tag für Tag Pinsel und Palette zur Hand — ich sehe es deutlich vor mir, wie es werden soll, aber ich kann es nicht mehr gestalten — ich kann es nicht mehr — ich bin vernichtet, zerschmettert —"
Konrad legte dem kleinen Mann die Hand auf die Schulter. „Das wird wiederkommen," tröstete er tief bewegt, obgleich er selbst überzeugt war, daß Ruland sich niemals wieder emporraffen werde.
„Nein, nie," flüsterte der kleine Maler, indem er traurig den Kopf schüttelte, es kommt nicht wieder — es ist fort — verschwunden — ich weiß nicht wohin! Sieh da meine Löwen an! Schon seit Jahren male ich und male ich und pinsele und pinsele; und stets grinsen mich die Bestien an, als wären sie direkt aus den ,Fliegenden Blättern" entsprungen. O diese karikaturen, zu denen mich die Alte verurtheilt ;at — sie haben meine Hand, meine Phantasie verdorben — ich bin ein Nichts--ein —
Nichts —"
Aufstöhnend sank er auf das niedrige Tabouret und stützte die Stirne in die Hand. Mia trat auf ihn zu ; Thränen glänzten in ihren blauen Augen.
„Du mußt so nicht sprechen, Vater —" Ruland sprang empor.
„Ah", rief er wild, „für Dich habe ich es ge- han! Für Dich, damit Du keinen Hunger leiden olltest! Für Dich habe ich meine Kunst verkauft Für Dich mich in die Abhängigkeit der Alten begeben — für Dich — für Dich."
„Vater! Vater! Ich habe es nicht vergessen — niemals — niemals —"
„Aber", so fuhr Ruland fort, ohne sich um die
Fräulein Mias ausstellen, damit wir vorerst einmal unbeeinflußtes Urtheil der Kritik erhalten."
„Ah, bah, Kritik! Was frage ich nach der Kritik!"
„Vater, ich bitte Dich, höre den Herrn Hauptmann ruhig an."
„Nun denn, so sprich, Konrad Uhle!"
Der kleine Maler setzte sich auf den Rand eines einfachen Feldbettes und fing an, die Champagnerflasche zu öffnen, während er den Worten konrads lauschte. Dieser setzte ihm seinen Plan n Bezug auf MiaS Arbeiten und den Bau des Ateliers auseinander. Ruland nickte beistimmend mit dem Kopfe. Als Konrad geendet, hatte Ruland auch die Champagnerflasche geöffnet. Mit lautem knall flog der Pfropfen in die Lust. Auflachend chwang Anton Ruland die Flasche empor und rief:
„Habe ich es nicht gesagt, Mia, daß wir noch durchdringen werden. Profit alle Welt, es lebe die Kunst!"
Er setzte die Flasche an den Mund und trank in langen gierigen Zügen.
Auffchluchzend verhüllte Mia ihr Antlitz in die Hände und verließ das Atelier. Konrad aber ntriß dem Unglückseligen die Flasche, schmetterte te zu Boden, daß sie in tausend Scherben zer» plitterte und rief mit grollender Stimme:
„Du verdienst die grinsenden Löwen-Karrika- turen! Du bist selbst das Zerrbild eines Menschen und Künstlers geworden!"
Ruland starrte Konrad wie geistesabwesend an. Die Augen quollen ihm fast aus bett Höhlen, i flötzlich schlug er sich mit der flachen Hand vor ie Stirne, warf sich der Länge nach auf das Ruhebett, verbarg das Gesicht in die Arme und
Wegen des hl. iFrohnleichnamsfestes wird die nächste Nummer «nferes.Blattes erst am Freitag ansgegebe«.
nächste Reichstag versammelt sein wird, der aus den Neuwahlen im Jahre 1902 hervorgeht; und jenem zukünftigen Reichstage wird dann die Entscheidung zufallen, die uns schon heute, um Jahre im voraus, wahrhaftig nicht aufzuregen braucht.
Die neue Flottenvorlage also ist bewilligt, und zwar mit erheblich stärkerer Mehrheit bewilligt, als das Flottengesetz von 1898. Das kommt daher, daß das ganze Centrum mit wenigen Ausnahmen für dieses neue Flottengesetz gestimmt hat, während im Jahre 1898 ein großer Theil des Cevtrums zur Nein-Seite gehörte. Nun darf man nicht glauben, das Centrum sei zu einer Partei von lauter Flottenschwärmern geworden. Namentlich der bayerische Centrumsabgeordnete Dr. Heim hat das in kräftiger Betonung nochmals bei der zweiten Lesung hervorgehoben. Wenn nun doch das Centrum mit wenigen Ausnahmen für die neue Flottenvermehrung gestimmt hat, so beruht dies auf zwei Gründen: erstens ist durch die Fassung des neuen Gesetzes dem Reichstage sein jährliches Bewilligungsrecht gewahrt, was bei der Flottenvorlage von 1898 in so klarer und unzweideutiger Weise nicht der Fall war; zweitens aber wirtten diesmal die patriotischen Gründe stärker als damals, und Abg. Groeber wies darauf mit besonders kräftiger Betonung hin, indem er bei der zweiten Lesung des Gesetzentwurfes ausführte,daß„Deutsch- land bei etwaigen Konflikten, die mit Waffengewalt durchgekämpft werden müssen, nicht von der Gnade anderer Völker abhängen darf".
Die Eugen Richter und Genossen hatten sich unüberlegter Weise schon im voraus auf5 Neinsagen verrannt, noch ehe sie die Vorlage kannten; und andere Parteien waren bereits entschlossen, Ja zu sagen, ehe sie überhaupt wußten, was die Regierung an weiteren Schiffen haben wolle. Das Centrum hat mit seiner Entschließung gewartet, bis Alles bekannt und aufgeklärt war. Mit Bedacht und Ueberlegung, ruhig und rein sachlich ist es zu Werke gegangen, unbeirrt durch die Angriffe von rechts und links, und wie richtig und zielbewußt fein Vorgehen gewesen ist unter der Führung der Abgeordneten Gröber und Müller-Fulda, das zeigt das Ende: dus Volk ist vor übergroßen Mehrausgaben bewahrt; die Lasten haben allein die kräftigen Steuerschultern zu tragen, und die Regierung ist ebenfalls befriedigt. Das Centrum selbst aber ist in so fester Entschloffenheit vorgegangen, wie fast noch niemals vorher bei einer Militär- oder Marinevorlage.
Wenn Alles so gut und so glatt abgeht, dann steht es gut um unsere Reichspolitik und auch um unsere Centrumspartei. Wir aber haben allen Grund, den Poliükern dankbar zu fein, unter deren Führung diese erfreulichen politischen Er- gebniffe erzielt worden sind.
Auf den ersten Blick erkannte Konrad, daß Sein mattgewordenes, erschlafftes großes ent sich vergebens bemühte, einen großen Vorwurf künstlerisch zu gestalten. Die nackte Gestalt des in der Mitte der Bestien knieenden Jünglings war meisterhaft gezeichnet, der ver- trauensvolle, hingebende und doch trotzig-muthige Gesichtsausdruck treffend wiedergegeben — aber diese Gestalt verrieth auch ganz allein das hin- geschwundene Talent des unglücklichen Malers. Die Löwen waren geradezu entsetzliche Bestien. Konrad mußte unwillkürlich an die Karikaturen des Löwen in den Witzblättern denken; in der- selben lächerlichen Weise grinsten ihm die Löwen Anton Rulands entgegen.
Der Maler saß mit Palette und Malstock auf einem niedrigen Tabourett vor ' «nd starrte verzweifelt vor sich hin.
Als Konrad und Mia einttaten, sich müde und theilnamslos.
„Sei mir willkommen, Freund," mit dumpfer Stimme. „Entschuldige, 'daß' ich Dich nicht fröhlich empfange, aber Du findest mich zerschmettert, vernichtet —"
„Was ist denn geschehen?"
„Nichts ist geschehen — nichts habe ich ge- than — nichts habe ich fertig gebracht!" rief Ruland schmerzlich bewegt aus. „Ich wollte so gern arbeiten, so gern — o so gern — ich nehme
Deutsches Deich.
Berlin, den 12. Juni.
* Die Aa«ptergeö«isse der Schnk-Ao« fere«z werden in der .Kreuzztg/, deren Chefredakteur Dr. K r o p a t s ch e k an den Berathungen theilgenommen hat, wie folgt zusammengefaßt: „Obenan steht der fast einmüthig gefaßte Be
schluß, den Abiturienten der drei höheren Schulen mit neunjährigem Kursus — Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule — das Studium an Universitäten und Hochschulen gleichmäßig freizugeben. In Vorkursen an den Universitäten bezw. Hochschulen sollen die für die einzelnen Fächer mangelnden Spezial- kenntnisse nachgeholt werden. Diese Gleichstellung hat, wie von den verschiedensten Seiten scharf betont ward, die erfreuliche Voraussetzung und Folge, daß an der Eigenart keiner dieser drei Schulen weiter gerüttelt werden soll. Deshalb sprach sich die Konferenz einhellig gegen die Hinausschiebung des griechi schen Unterrichts aus. Demgemäß soll das Englische an den Gymnasien zwar als fakultativer Unterricht gepflegt, aber nicht obligatorisch gemacht werden. Die übrigen Beschlüsse, die ich auf die Gestaltung einzelner Unterrichts- ächer beziehen, bieten allerlei beachtenswerthe Anregung für die im Unterrichtsministerium abzuhaltenden späteren Kommissionsberathungen. Die einstimmige Annahme eines Antrages, der 1) die wenn auch nicht mechanische, so doch durchzuführende Gleichstellung der Lehrer mit den Richtern erster Instanz, 2) die Herabsetzung der Klassenfrequenz. 3) häufigere Revisionen der Schulen wünschte, wird gewiß in Schulkreisen lebhafte Befriedigung Hervorrufen."
* Zur Konitzer Mordaffaire ist heute zu berichten, daß das in Könitz stationirte 1. Bataillon des 14. Infanterie - Regiments aus Graudenz auf allerhöchsten Befehl dort eingerückt ist und die Stadt nicht früher wieder verlassen darf, bis volle Garantieen für Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung gegeben werden. Die Kosten für den Unterhalt der Truppen hat nach allerhöchstem Befehl die Stadtgemeinde zu tragen. Das Garnison- Kommando hat für das Einschreiten der bewaffneten Macht eingehende Allerhöchste Bestimmungen zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Das Standrecht ist trotz der gegenseitigen, selbst vom ,W. T -B.' weitergetragenen Behauptung bisher nicht verkündet worden. Wenigstens ist dem Staatsministerium, wie die.Nationalzeitung' hört, nichts davon bekannt.
Auf den Antrag des ntl. Abg. A«ck-Heidelberg soll noch heute die dritte Berathung des Entwurfes vorgenommen werden, sobald die Zusammenstellung der Beschlüsse zweiter Lesung vorliegt.
Bei der nun vorgenommenen dritten Lesung des Keuch«« gesetzes erklärt
Abg. Dr. Zröckek (Antis.), er müffe entschieden gegen daS Gesetz stimmen, das geradezu Eingriffe in die Gewissensfreiheit des Volkes enthalte, während der nationalliberale
Abg. Dr. Kndemau« in dem Gesetze einen durchaus erfreulichen Fortschritt erblickt.
Abg. Inveik (sozd.) bedauert, daß die Vorlage so spät an den Reichstag gelangt fei, daß man eingehend nicht darüber verhandeln konnte. Ein Theil seiner Partei will nicht dafür stimmen.
Abg. Ztemvokd (Ctr.) gibt zu, daß das Gesetz manche Mängel habe, weist aber gleichzeitig darauf hin, daß man in der Eile durch gar zu einschneidende Aen- derungen das ganze Gesetz in Gefahr gebracht haben würde.
Nach weiteren Bemerkungen der Abg. Dr. Müller- Sagan (freis. Vp) und Wurm (sozd.) für das Gesetz wird die Generaldebatte geschloffen und das Gesetz in der Etnzelberathung nach den Beschlüssen der zweiten Lesung unverändert angenommen.
Es folgt die dritte Berathung der von dem Abg. Müller-Fulda beantragten Aovelle zumSlempek- gesetze zum Zwecke der Kostendeckung bei der Flottenvorlage.
Der natl. Abg. KikSL beantragt, von dem neuen Stempel für Kuxe diejenigen Einzahlungen auszunehmen, die zur Erhaltung des Betriebes in dem bisherigen Umfange bestimmt sind; der Stempelbetrag für Kuxe soll weiter von 2 v. H. auf 1 v. H. herabgesetzt werden.
Die Abg Graf Ariola (ntl.) und Wüller-Fulda (Centr.) stimmen dem Anträge zu, worauf dieser mit großer Mehrheit angenommen wird.
Ohne Debatte gelangt alsdann das ganze Gesetz in namentlicher Abstimmung mit 208 gegen 87 Stimmen zur Annahme.
Die oon dem Abg. Bassermann (ntl.) beantragte Wovelle zum Zolltarif wird ebenfalls ohne Debatte in dritter Lesung angenommen.
Alsdann tritt das Haus in die dritte Berathung deS Gesetzes über die Itechtoverhättuille i« bew Schutzgebiete« ein und nimmt dasselbe im ganzen ohne Berathung an.
Es folgt nunmehr die dritte Lesung der Ilotteu- vorkage.
Abg. Irhr. vo« Stumm (freikons.) behauptet, keine Marine beziehe billigere Panzerplatten als die deutsche; auch sei die Fabrikation der Panzerplatten so kostspielig, daß von großen Gewinnen dabei keine Rede sein könne. Die vom Abg. Bebel in der zweiten Lesung aufgestellte Behauptung, daß er — Redner — aus den Panzerplatten hohe Gewinne erzielen werde, sei falsch.
Abg. Dr. Aeriek-Sachsen (kons.): Meine Freunde werden für die Vorlage stimmen, lediglich bestimmt durch daS nationale Interesse Deutschland?, durch die Nothwendigkeit einer Verstärkung seiner Wehrkraft zur See. Mit Hurrastimmung nehmen wir aber die Vorlage nicht an, denn die Landwirthschaft weiß, daß fie die Hauptlasten derselben wird tragen müssen. Neben der Weltpolitik muß nun aber eine kräftige Heimaths- Politik getrieben werden. Nur dann kann die Weltpolitik Erfolge haben, wenn man sich bewußt ist, daß die Wurzeln der deutschen Kraft in der Heimath liegen.
Abg. Lievkuecht (sozd.) meint, im Volke wolle man von der Flotte nichts wissen, und gegen England könne man ja doch nichts auSrichten. Redner geht dann auf die Haltung des Kaisers zu England ein, wird aber von dem Präsidenten Grafen Aalleftrem darauf aufmerksam gemacht, daß er nicht daS Recht hat, sich mit
»$• Die Verabschiedung der Flottenvorlage.
Die lange Tagung des Reichstages mit ihren 209 Sitzungen hat mit der Verabschiedung derjenigen Vorlage geschloffen, die unter allen Vorlagen dieser Tagung am meisten von sich reden machte, nämlich die Flottenvorlage.
Konfliktslüfte wehten, als die Kunde davon in die Oeffentlichkeit drang, daß das soeben erst unter vieler Mühe zu Stande gebrachte Flottengesetz von 1898 durch eine neue Flottenvorlage verdrängt werden solle. Wie im Jahre 1887 bei dem beispiellos erregten Kampfe um das Militärseptennat begann eine Hetze gehässiger Art gegen alle diejenigen, die nicht bereit zu sein schienen, die neu an gekündigte Flottenvermehrung gut zu heißen, angefacht und unterhalten von Leuten, die sich dadurch selbst zu besserem Fortkommen verhelfen wollten und die zum Theil noch von der Schule der Offiziösen unter dem ersten Reichskanzler waren. Aber es ist nicht bei dieser Tonart geblieben. In vortheilhaftem Gegensätze zu dem Brauche früherer Jahre verstummte allgemach das Kläffen der Meute, die nicht mit dem Willen der maßgebenden Leiter der Reichspolitik loSgelaffen war, und ruhige und sachliche Behandlung trat nach und nach an die Stelle des leidenschaftlichen Streites.
Der Reichsregierung muß man es zum unbedingten Lobe anrechnen, daß sie in kluger Mäßigung auf die Gegenvorschläge des Centrums und damit der Mehrheit der Budgetkommission des Reichstages einging, auf die Ver- stärkung der Auslandsflotte verzichtete und sich mit der Verdoppelung der Schlachtflotte begnügte. Ob der Verzicht auf die geplante Verstärkung der Auslands flotte ein nur vorläufiger ist, oder ob er als ein enbgiltiger Verzicht gelten soll, das ist eine Frage, die zu untersuchen gegenwärtig Überflüssig ist. Staatssekretär Tirpitz hat bei der zweiten Lesung der Flottenvorlage im Reichstage ausdrücklich erklärt, die Regierung habe nur vorläufig darauf verzichtet und könne das auch, da der Bau der Auslandsfchiffe erst von 1906 ab in ihrem ursprünglichen Gesetzentwürfe vorgesehen war. Das ist doch klar genug gesprochen und läßt keinen Zweifel zu über die Ansichten und Absichten der Regierung: diese wird nach einiger Zeit mit der Forderung der Verstärkung der Auslandsflotte wiederum auf dem Plane erscheinen, und dann wird der Reichstag von neuem stch darüber zu entscheiden haben. Sollte das noch derselbe Reichstag sein, der jetzt versammelt war, so würde er unbedingt diese Forderung ab- lehnen. Die Regierung aber wird sich hüten, mit ihrem Verlangen noch an diesen Reichstag heranzutreten. Sie wird damit warten, bis der