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JuLöa, Samstag, den 9. Juni 1900.

27. Jahrgang.

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W Drittes Matt. ||

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Bom katholischen Weltkongreß.

(Nachdruck verboten.) x Paris, 3. Juni.

Hohes Pfingstfest und katholischer Weltkon­greß in einer zu 90 Prozent katholischen Stadt (rund 80000 Andersgläubige unter mehr als 3 Millionen Seelen) — das Herz geht einem auf, wenn man die Worte aus der Ferne hört. Und doch, da ich mitten drin stehe, versetzte ich mich heute früh nach dem protestantischen Berlin, um wenigstens einigermaßen in Pfingststimmung zu zu kommen. Dort in der Stadt des protestan­tischen Nordens ist heute Alles mit frischem Kal­mus und Birken geschmückt: jede Gemüsefrau hat ihren Strauß, jeder Hundewagen ist mit einem grünen Zweig versehen, und den Inhabern sieht man es am Gesichte an, wie sie beeilt sind, den Staub der Alltäglichkeit möglichst schnell los zu werden, und auch ihr Theil von dem herrlichen Feste zu bekommen.

Und hier im katholischen Paris? Als ich heute früh um 6 Uhr in die Meffe ging, wühlte eine „Naturforscherin" (so heißen bekanntlich im Norden die Lumpensammler) in den Dreck- und Müllkästen vor den Hausthüren, wie an jedem gewöhnlichen Tage. Als ich um 7 Uhr zurückkehrle, traf ich sie noch bei derselben Arbeit, der Unter­schied bestand nur darin, daß jetzt auch die Sttaßenkehrer mit ihren Dreckwagen dazu ge­kommen waren. Als ich über den nächsten Boulevard ging, sah ich, daß auch der Gemüse-, Fleisch- und — Althändler-Markt abgehalten wurde, wie am gemeinsten Wochentage: bie Ar­beiter gingen unrasirt in ihren Arbeitskitteln; kurz und gut, nicht das Geringste von irgend welcher Festesfreude und Festesbegeisterung war sichtbar. Als ich nach meiner Wohnung kam, machte ich meinem Hauswirth den Vorschlag, er möge mich um 9 Uhr nach der Notre-Dame be­gleiten, wo zur Eröffnung des Katholiken-Kon- greffes feierliches Amt sei. Aber der gute Mann verweigerte es. Und warum? Er gehe um 12^/, Uhr in dieMeffe, sagte er. Ich erwiderte, das könne er doch auch in Notre-Dame haben. Ah Oiii, war die Antwort, aber die Sozialisten! Er sei nicht Sozialist, sagte er, was ich auch

wußte. Aber die Sozialisten haben überall ihre Spione, und wenn sie einen Beamten ertappen, der Sonntags zur Messe geht, so wird er denun- zirt. Deshalb ziehen die Katholiken, welche in öffentlicher Stellung sind, es vor, an dem einen Sonntag hier und am anderen dort zur Kirche zu gehen; aber nach Notre-Dame, wo heute viele Menschen zu erwarten waren, wagte mein Haus­herr — und wohl auch die anderen katholischen Beamten sich nicht! Das ist das katholische Frankreich beim Jahrhundertwechsel, und vor jeder Kirche steht heute noch von der großen Re­volution her mit mächtigen Lettern eingemeißelt: Liberte, Egalite, Fraternit6. Es versteht sich von selbst, daß ich auch meinem Hauswirth einige Andeutungen machte, aber er lächelte und meinte: „ja Liberte! bei uns ist das nichts."

Als ich bei Notre-Dame ankam, war es halb zehn Uhr. Ich glaubte, ich käme zu spät, denn ich wußte den Beginn der Feier nicht. In dem allgemeinen Programme war die Stunde nicht angegeben, und meine Eintrittskarte war mir noch nicht zugegangen, obschon ich den Bei­trag längst eingesandt hatte. Am gestrigen Tage hatte ich deshalb bei einem Pariser Geistlichen angefragt, aber auch er hatte feine Eintritts­karte noch nicht erhalten können und die katho­lische Zeitung ,La Croix' hatte gestern zwar an einer ziemlich unauffälligen Stelle ihres Bei­blattes das nähere Programm veröffentlicht; aber für den Eröffnungsgottesdienst die Stunde nicht angegeben! So hatte mein geistlicher Gewährs­mann denn gemeint, es muffe 9 Uhr sein — aber es war doch nicht so.

Als ich die Kirche zu Gesicht bekam, sah ich verhältnißmäßig sehr viele Menschen sich vor dem, Eingänge drängen, ein ganz ungewohnter Anblick hier in Paris. Ich wollte schon mit aller Eile auch vorgehen, als mir einfiel, auch die anderen Eingänge erst zu kontrolliren. Aber siehe da! Von den 6 mächtigen Eingangsthüren war über­haupt nur eine einzige geöffnet, und unter den Eintretenden waren offenbar sehr viele, die weder des Gottesdienstes noch des Katholiken- Kongresses wegen da waren. Das gewaltige Hauptschiff, welches wie in allen hiesigen Kirchen durch ein starkes Holzgitter eingefriedigt und mit Stufen bestellt ist, war noch fast ganz leer; ich zählte nur etwa 60—70 Anwesende, offenbar meistens Fremde. Ich ging weiter durch den Chorumgang zur Sakristei, wo sich eine dichte

Reihe von Zuschauern gebildet hatte, welche die eintretenden Geistlichen musterten. Von einem Kirchenwächter erfuhr ich endlich, daß der Gottes­dienst um 10 Uhr beginne und ging für 15 Cen­times in den abgesperrten Theil des Chorumganges gerade gegenüber dem bischöflichen Thron. Von den 6—7 Reihen Stühlen waren nur einige be­setzt und ich bekam noch einen sehr günstigen Platz. Im Ganzen mochten hier vielleicht 30 bis 40 Leute sein, ebenfalls meistens Fremde, die anderen hielten sich draußen; bei der hl. Messe machte ich manche Beobachtung, die uns Deut­schen etwas ungewohntes ist.

Um 10 Uhr kam Kardinal Richard, die ehrwürdige, ziemlich stark gebückte Gestalt eines 8Ojährigen Greises. Er begab sich unter Voran­tragung des Kreuzes zunächst zum Altar und so­dann auf seinen Thron, wobei er den bischöflichen Segen spendete. Wenn das in einer Stadt Deutsch­lands geschieht, wie etwa Fulda, liegt selbst­verständlich Alles auf den Knieen, höchstens, daß vielleicht ein Nichtkatholik nicht weiß, was Ge­brauch ist. Hier habe ich aber nur eine einzige Dame niederknieen sehen — offenbar auch eine Fremde. Nachdem der Erzbischof die Pontifikal- Gewänder angelegt hatte, ging er in feierlichem Zuge durch die ganze Kathedrale und theilte den Segen aus, was fast 20 Minuten dauerte. Ein­mal entstand inzwischen ein lebhaftes Geräusch von Schritten, und als ich mich umwandte, sah ich, daß sich unter der fortwährend durch die Kirche fluthenden Zuschauermenge ein Trupp von 15—20 jüngeren Leuten befand, alle weiße Mützen auf dem Kopfe, wie etwa ein deut­scher Ruder- oder Radfahrer-Verein, die mit den Händen auf dem Rücken oder auch in den Taschen während des bischöflichen Segens ziemlich in ge­schloffener Reihe durch die Kathedrale marschirten. Trotzdem verschiedene Wächter mit Stäben oder Hellebarden anwesend waren, schienen sie doch von keiner Seite gehört zu werden.

Heute Nachmittag 5 Uhr hielt Herr P. Ser- tilange von den Dominikanern die Eröffnungs- Predigt in Notte-Dame. Der Predigeristein Mann in jüngeren Jahren — ich schätze ihn auf 35—40. In recht geistreicher Weise wußte er der Versammlung die Zwecke der Tagung ans Herz zu legen, indem er zunächst das Wesen der Charitas, der christlichen Liebe darlegte: der Mensch ist nicht blos ein einzelnes Individuum er ist ein soziales Wesen, ein Theil des großen'

Zur Lage in Mord - Khina.

gegangen.

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Die Ansammlung der Kriegsschiffe, sowie die Flottenstationen von Port Arthur, Weiheiwei und Kiautschou (Tsintau) find in unserer Karte durch kleine schwarze Schiffstypen markirt.

Bisher befinden sich vor Taku folgende Kriegs­schiffe: der deutsche Kreuzer „Kaiserin Augusta«, der in Tientsin eine Verstärkung von 50 Mann an Bord genommen hatte und das Kanonenboot „Iltis". Die russischen Schiffe „Gremjaschtschi", „Dimitri Donskoi", „SsissoiWeliki", „Gaidamak«, „Wssadnik" und zwei Torpedoboote. Das ftan- zösische Schiff „Descartes", die englischen Schiffe „Orlando" und „Algerine" und das italienische Schiff „Elba", ferner der amerikanische Kreuzer „Newark" und der japanische Kreuzer „Atagoran". Am stärksten ist demnach Rußland dort ver­treten. —

In höchst bedrohlicher Weise hat sich die christenfeindliche Bewegung der Boxer in China zu einem Aufstande entwickelt, der be­reits die Hauptstadt des Himmlischen Reiches von Südwesten her bedroht. Die Aufstands­bewegung erstreckt sich über den Süden der Provinz Petchili, hat sich ferner in Shansi und südlich davon in den weiter entfernten Pro­vinzen Hupe und Szetschuen, welch letztere bereits im innersten Theile Chinas liegen, und von wo aus sich die aufständische Bewegung nach den britischen und französischen In- tereffensphären in Südchina auszudehnen droht.

Von internationalem Jntereffe jedoch ist der Aufstand im Norden Chinas, bei welchem die Provinz Petchili mit Peking, sowie die Provinz Shantung in Betracht kommen. In letzterer liegt bekanntlich das deutsche Pacht­gebiet von Kiautschou und das englische von Weiheiwei auf drm äußersten Nordostzipfel der Halbinsel Shantung. Gegenüber nähert sich die in russischer Gewalt befindliche Halb- iusel Liatong mit dem Kriegshafen Port Arthur, und hier wird der Golf von Petchili wie eine Art Binnenmeer vom Gelben Meer abgeschnürt, und sein schmaler, durch eine Jnselreihe noch eingeengter Eingang wird von Norden und Süden durch die Anlage von Port Arthur bezw. Weibeiwei beherrscht.

Die hier abgedruckte Karte gibt dem Leser einen klaren Ueberblick über die Lage. Sie umfaßt das gesammte hier im Norden in Betracht kommende Gebiet, auf ihr sind die vorhandenen sowohl wie die projektirten bezw. im Bau befindlichen Eisenbahnen verzeichnet, deren Herstellung bekanntlich den äußeren Anstoß zu der ftemdenfeindlichen Bewegung gegeben hat. Die letztere hat sich daher ja auch in Shantung gezeigt, woselbst wiederholt Angriffe auf die beim Bau der deutscherseits begonnenen Bahn von Tsintau über Kiautschou und Weihsien nach den Kohlengebieren Shantungs beschäftigten Arbeiter stattfanden, so daß militärische Hilfe aus Kiautschou requirirt werden mußte.

Die Aufstandsbewegung bei Peking erstreckt sich vornehmlich die Bahntrace der Linie Peking- Hankau entlang, und hier find die Boxer bereits bis Fengtai fast unmittelbar vor den Thoren Pekings vorgedrungen.

Seitens der fremden Mächte sind alsbald mehrere Kriegsschiffe nach Taku, dem Seehafen von Tientsin entsandt, und von hier aus Truppen­detachements nach Peking dirigirt.

Am 31. Mai ist ein Sonderzug mit englischen, amerikanischen, italienischen, japanischen, franzö­sischen und russischen Truppen, im Ganzen mit 22 Offizieren und 334 Mann und 5 Schnell- feuergeschützm von Tientsin nach Peking ab«

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Ganzen, und deshalb ist die Förderation, die Verbrüderung nur der allerbeste Egoismus. Er ging dann auf die einzelnen Gruppen der zahl­reichen guten Werke ein, welche er in 3 große Klaffen schied: Werke des Brodes (du pain) d. i. die auf materielle Hebung abzielenden, Werke des Lichts (de la lumiere), welche die Aufklärung und Belehrung bezwecken im Sinne des Aposto­lates, welches heißt „lehret alle Völker", und Werke des Rechtes (des droits), d. h. diejenigen, welche die Bertheidigung des Glaubens im Staate und der Oeffentlichkeit bezwecken. Nach der Pre­digt, welcher etwa 200 Männer und 400 Frauen, darunter sehr viele Nonnen, beigewohnt hatten, wurde der sakramentalische Segen ertheilt.

Zehn und ein halb Uhr war es, als das Staffelgebet begann. Von dem Kirchenchor wurde in dem bekannten ausschweifenden Stil früherer Zeiten eine Meffe gesungen, wie man sie vor Aufkommen der Cäcilien-Vereine auch in Deutsch­land meistens zu hören bekam. Der Gesang war kaum mittelmäßig zu nennen. Wozu die ewigen Wiederholungen! Während die Kirche das Eleison beim Kyrie neun Mal ertönen läßt, wurde es hier mindestens dreißig Mal wiederholt. Die Geist­lichen verließen während desselben den Altar und setzten sich, wie es bei uns während des Credo geschieht. Ebenso war es beim Gloria, es dauerte volle acht Minuten. Das Credo wurde indeß ohne diese Wiederholungen gesungen; es war der ansprechendste von allen Chören, die ich hörte, und so konnte doch das Amt sein Ende schon einige Minuten nach ll1/« Uhr finden.

Auffallend war es mir, daß bei der kirch­lichen Zeremonie die französischen Geistlichen sich deS Kneifers bedienen, während bei uns bekannt­lich die Brille an der Tagesordnung ist. Der Geistliche, welcher das Amt las, im übrigen ein schon sehr bejahrter Herr, setzte sich, sobald er etwas lesen mußte, den Zwicker auf die Nase; der Subdiakon dagegen trug ihn während der ganzen Meffe, das schwarze Seidenbändchen flott hinter das rechts Ohr gelegt. Auch bei den an­deren Mitwirkenden, Chorknaben ec. sah ich hier und da den Zwicker, viel weniger als bei ünS die Brille.

Als ich mich nach der Kommunion umwandte, sah ich, baß von den Zuhörern, welche zeitweilig ziemlich alle Plätze an dem Chor besetzt hielten, etwa die Hälfte schon wieder verschwunden waren. Wie der Besuch im Hauptschiff gewesen, kann ich nicht sagen. Nach den Stühlen, welche nach Be­endigung des Gottesdienstes benutzt gewesen zu sein schienen, möchte ich annehmen, daß vielleicht der vierte Theil besetzt gewesen sei — nach Pariser Begriffen und nach den Erfahrungen, welche ich bisher im hiesigen Kirchenbesuch gemacht, eine recht gute Frequenz, selbst für den ersten Pfingsttag.

Dics ist die Grundlage, auf welcher morgen — Pfingstmontag ist kein kirchlicher Feiertag in Parts — die Arbeit des Internatio­nalen Kongreffes beginnen soll. Man sieht, mit den Begriffen von unseren deutschen Katholiken­tagen kann man hier nicht rechnen. Dazu fehlt es hier noch an gar viel: es fehlt an einem wirk­lich katholischen Volksleben, es fehltan der strammen Organisation, die vielfach nur auf dem Papier steht, es fehlt an der strammen Ord­nung, die vielleicht eine Errungenschaft unseres Kulturkampfes ist, jedenfalls in der Entwickelung begründet ist, dis unser junges Deutschland ge­nommen hat. Trotzdem brauchen wir uns noch nicht pharisäisch in die Brust zu werfen. In Frankreich blühen viele gute Werke, von denen wir kühlen Nordländer uns kaum einen Begriff machen. Es ist nur alles zu vereinzelt, zu isolirt, zu zerstreut und imponirt deshalb nicht. Manches verkümmert auch, nachdem es auf­gegangen, wie die Körner, die auf den Weg ge­fallen waren, weil es an der befruchtenden Feuchtigkeit des allgemeinen Zusammenwirkens fehlte. Wenn es gelingt, dieses bei dem jetzigen Kongreß um einen Schritt weiter zu fördern, so dürfte ein gutes Stück katholischer Arbeit ge- ■ schehen sein.

L Die Unruhen in China.

„Tod allen Fremden" — so verkünden große Tafeln in dem Landstriche zwischen Tientsin und Peking. Viele Ortschaften stehen in Flammen, große Banden von „Boxern" durchstreifen die Gegend — kurz, die Empörung hat solche Fort­schritte gemacht, daß die chinesische Reichshaupt­stadt Peking von ihrer Hafenstadt Tientsin ab- geschnitten, und daß es nur noch bewaffneter Macht möglich ist, diese Gegenden in der unmittel- raren Nähe der Hauptstadt zu betreten. Ohne Zweifel sind bereits viele Europäer Opfer des Auf­ruhrs geworden; und wenn es nach den Aufrührern singe, müßten fie alle an das Messer. Wenig­stens verkünden riesige Anschläge, daß an diesem Samstag alle Fremden sterben müßten.

Auf jeden Fall sieht es also sehr schlimm in China aus. Die Regierungstruppeu sind mehr«