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Jutöa, Freitag, den 8. Juni 1900.

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p«„eli», in Salta. mit IlnLerhattungs-Meilage „Zssustrirte Sonntags-Zellmg? •" to. i (ttavMMk).

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27. JahrgMg.

© Die Flottenvorlage im Reichstage.

Am Mittwoch bei der Eröffnung des letzten Tagungsabschnittes bot der Reichstag nicht das Bild eines Tages erster Ordnung, noch weniger das eines kritischen Tages erster Ord­nung. Der Sitzungssaal war mäßig besucht, die Zuschauertribünen zeigten nur einige wenige Be­sucher, und die Herren an den Bundcsrathstischen waren ebenfalls viel weniger zahlreich vertreten, als dies sonst bei ähnlichen Gelegenheiten der Fall zu sein pflegt. Auf dem Ganzen lagerte eine nichts weniger als aufgeregte Stinimung, wozu freilich die Hochsommertemperatur mit ihren 22 Grad Röaumur im Schatten auch das ihrige beitragen mochte. Alles drängt zum Schluffe; und in der Sitzung des Seniorenkonvents, den der Prä­sident Graf von Ballestrem am Mittwoch eine halbe Stunde vor der Plenarsitzung zusammenbe­rufen ließ, war man übereinstimmend der Ansicht, daß der Schluß der Tagung am 12. Juni werde stattfinden, und daß man dennoch auch das Seuchengesetz außer der Flottenvorlage werde er­ledigen und am nächsten Samstag auch die sozial­demokratische Interpellation wegen des Verbotes des Streikpostenstehens in Lübeck und wegen der Gesetzentwürfe gegen den Kontraktbruch ländlicher Arbeiter in Anhalt und Reuß auf die Tagesord­nung werde setzen können. In den Kommissionen sind ja die erwähnten Gesetzentwürfe so erschöpfend behandelt worden, daß sich im Plenum des Reichs­tages wirklich nicht mehr viel Neues sagen läßt — außer etwa solche Dinge, die man als Agita­tion zum Fenster hinaus in das Land hinein sprechen will. Aber auch dazu dürfte im Allge­meinen recht wenig Neigung bei den Parteien vor­handen sein, ausgenommen natürlich die Sozial. demokraten,die ohne das Redenhalten zum Fenster hinaus nun einmal nicht auskommen können.

Gleich nach dem Berichterstatter der Budget­kommission, dem CentrumSabgeordneten Müller- Fulda, nahm der Herr Staatssekretär der Marine das Wort. Admiral Tirpitz sprach weit freier und leichter als bei der ersten Lesung der Vor­lage — als ob ein Stein ihm vom Herzen ge­nommen sei; und er erklärte nach einigen ein­leitenden Worten, die von erfreulicher Kürze waren, daß der Bundesrath, „wie er annehmen könne", der Beseitigung der Vermehrung der Aus­landsschiffe aus der Vorlage seine Zustimmung geben werde.

Mit dieser Erklärung des Marinestaatssekretärs, die ja übrigens schon im voraus Niemand anders erwartet hatte, war der intereffanteste Punkt der ganzen Debatte eigentlich erledigt, und recht über­flüssig war die lange Rede, mit der der Herr Obergenoffe Bebel auf den Staatssekretär folgte. Herr Bebel hatte es diesmal namentlich auf das Centrum abgesehen: er behauptete, dieses wider­spreche mit einer Annahme der Vorlage seiner voraufgegangenen Haltung in Flottenfragen . . . ganz als ob Herr Bebel heute aus einem langen und tiefen Schlafe erwacht wäre und keine Ahnung hätte von dem, was inzwischen vorgegangen! Wohl hat der Abg. Schaedler am 8. Februar bei der -ersten Lesung der Vorlage gesagt: „so etwas

Im Kulenthurme.

Roman von O. Elster.

•9 ------- (Nachdruck verboten.)

Wenn Konrad wirklich geglaubt hatte, nur im engsten Familienkreise bei dem Kommerzien- rath Atbert Grottler zu speisen, so mußte er sich gleich bei dem Eintritte in die elegante Villa, die an dem schönsten Theile der städtischen Promenade lag, enttäuscht sehen. Der in Hellblau und Silber gekleidete Diener nahm ihm Hut und Ueberrock mit der diskret zu geflüsterte Mittheilung ab, daß die übrigen Gäste bereits versammelt seien.

„Gäste?" fragte Konrad erstaunt. „Ich denke, außer mir ist Niemand eingeladen?"

„Das war auch zuerst die Absicht der gnädigen Frau. Als aber gestern Abend noch der Herr Sohn, der Herr Rittmeister eintraten, änderte die gnädige Frau ihre Absicht. Uebrigens sind nur einige Herren mit ihren Damen erschienen, der Oberstleutnant von Rackwitz, der Herr Oberbürgermeister Vetterlein, der Herr Professor Rönneberg und der Herr Geheime Regierungs­rath von Fritzen."

„Ah, da ist ja die ganze noble Gesellschaft der Stadt versammelt?!"

„Oh, bitte, bei uns verkehren nur die höchsten Herrschaften."

„Dann hätte ich mich aber in Frack werfen müssen."

„Bitte sehr. Man speist bei uns ganz ohne Zwang."

können wir nicht mitmachen".- Aber gerade das Centrum ist es ja gewesen, das die ganze Vorlage umgestaltet und die Forderungen desselben außer­ordentlich verringert hat, eben weil es die ur­sprüngliche Vorlage der Regierung nicht mitmachen konnte. Warum in aller Welt sollte das Centrum da nicht „mitmachen", wo es sich um seine eigenen Schöpfungen handelt? Fürwahr, das war nicht glücklich operirt vom alten Herrn Bebel!

Das empfand augenscheinlich auch Herr Bebel selbst sehr deutlich, als der Centrumsredner Gröber in glänzender und schlagender Weise ihm Nachfolgendes vorhielt: Am 8. Februar hat Abg. Schädler im Namen des Centrums am An­fänge und am Schlüsse seiner Rede ausdrücklich festgestellt, daß das Centrum nicht gegen eine starke Kriegsflotte ist; und am 10. Februar hat das der Abg. Bebel selbst festgestellt, indem er sagte, das Centrum scheine man nicht mehr zu den Gegnern der Flottenvermehrung rechnen zu können. Im Jahre 1898 hat ein Theil des Centrums gegen die damalige Flottenvermehrung gestimmt, und zwar deswegen, weil ihm das Etatsrecht des Reichstages damals nicht genügend gewahrt schien. Das ist jetzt aber voll und ganz gewahrt, denn das neue Flottengesetz bestimmt ausdrücklich, daß die Feststellung der Ausgaben für die Flotte alljährlich durch den Reichs­tag erfolgt. Der Reichstag hat die also Be­willigung dieser Mittel vollkommen in der Hand. Alle Staaten um uns herum rüsten gewaltig ihre Kriegsflotten aus; da dürfen wir nicht völlig zurückbleiben. Und thatsächlich stehen auch die Sozialdemokraten anderer Länder auf ganz an­derem Standpunkte als ihre Genossen in Deutsch­land: die französische Sozialdemokratie, an ihrer Spitze der Handelsminister Millerand, thut alles Mögliche, um die von der Regierung geforderte Vermehrung der französischen Kriegsflotte durch­zubringen. Ganz besonders aber ist zu bedenken, daß gerade durch die Bemühungen des Centrums nicht weniger als 390 Millionen an den ersten Forderungen der Regierung abgestrichen worden sind und daß die Ausgaben der neuen Flotten­vorlage niemals die steuerschwächeren Schultern bedrücken können, auch durchaus nicht über die Leistungsfähigkeit des Reiches hinausgehen!

Was dann am Mittwoch noch an Reden folgte, war an sich selbstverständlich: die Redner der Konservativen, Freikonservativen und Natio­nalliberalen sprachen für die Vorlage, gegen die­selbe unter anderen Herr Eugen Richter, dieser aber diesmal so schwach, daß seine Freunde schwerlich entzückt sein werden von dieser neuesten Leistung ihres Oberhauptes.

Herr Obergenoffe Singer konnte es sich nicht versagen, namentliche Abstimmung über den ersten Paragraphen der Vorlage zu beantragen. Seine Hoffnung aber auf Be­schlußunfähigkeit des Hauses schlug fehl: der e r st e P a r a g r a p h, der den Umfang der Flotten­vermehrung bestimmt, wurde mit 153 gegen 79 Stimmen bei zwei Stimmenenthaltungen ange­nommen.

Am zweiten Tage (Donnerstag) bot der Reichs­tag ein lebhafteres Bild, als am ersten Be- rathnngStage. Der Sitzungssaal war dichter be­setzt, die Tribünen waren stärker besucht, und in

Konrad lachte, theils ärgerlich, theils belustigt über den famosen Lakaien.

Eben hatte Konrad seine rotbraunen Glace­handschuhe, die er sich glücklicherweise noch auf dem Wege nach der Grottler'schen Villa gekauft, zugeknöpft, als aus der Flügelthüre des Salons eine junge Dame in glänzender, duftiger Sommer­toilette hervortänzelte.

„Bist Du es wirklich, Vetter Konrad?" rief sie» mit gut gespielter Ueberraschung. Du kommst spät und wir fürchteten fast, Du würdest unsere einfache Einladung verschmähen."

„Ich bin es wirklich, Kousinchen, entgegnete er freundlicher gestimmt, als er in die kecken, dunklen Augen der jungen Dame sah. „Ich bin es wirklich, direkt aus Texas eingeführt. Deshalb entschuldigt Ihr wohl, daß ich ohne Frack und —"

„Aber ich bitte Dich, Vetter! Wir sind ganz unter uns!"

„Nun, dieses „Unter uns" scheint bei Euch ein sehr weitläufiger Begriff zu fein."

„Ach, Du meinst wegen der paar Herren? Man wollte Euch dadurch eine Freude bereiten. Mein Bruder liebt die Gesellschaft so sehr — aber nun komm nur geschwind herein. Man ist allgemein sehr neugierig auf Dich, Du berühmter Mann."

Mit Hellem Lachen legte sie graziös ihren Arm in den feinigen und zog ihn in den Salon, in dem die Gesellschaft bereits ver­sammelt war.

Olga Grottler war in der That eine an« muthige Erscheinung. Ihr schwarzes Haar krönte in eleganter Frisur den stolz getragenen kleinen

dem Ganzen wehte ein regerer Geist als am Mitt­woch.

Er wurde zunächst angefacht durch die Redner der beiden freisinnigen Gruppen, den Bankdirektor Dr. Siemens von der freisinnigen Vereinigung und Herrn Eugen Richter von der freisinnigen Volkspartei. Die Wadenstrümpfler und die Wasier- stiefler können sich niemals gut vertragen, und so stehen sie auch diesmal auf Standpunkten, die ein­ander vollkommen entgegengesetzt sind. Die Waden­strümpfler trieben es am ärgsten mit der Flotten­schwärmerei und schimpfen nunmehr auf die Steuern, durch die die Kosten der Flottenvergröße­rung gedeckt werden sollen; die Wasierstiefler gaben sich als Gegner der Flottenvermehrung, erkennen aber jetzt die Richtigkeit des vom Centrum ver­fochtenen Grundsatzes an, erst durch geeignete Steuerquellen das Geld herbeizuschaffen, das man ausgeben will, anstatt einfach nur auszugeben und die Deckung vertrauensvoll der Zukunft zu über­lasten.

Herr Bankdirektor Siemens hatte alle möglichen Scheingründe zusammengeholt, um die geplante Erhöhung der Börsensteuer anzugreifen und gegen die Abgabe auf Schiffsfrachturkunden loszuziehen, sodaß man danach annehmen mußte, die Börse werde nach des Redners Ansicht schwer durch die Erhöhung der Börsensteuer geschädigt werden. Aber zur Ueberraschung sehr vieler Zu­hörer bekannte Herr Bankdirektor Siemens ganz offen, daß die Börsen und die Banken keinen Pfennig von solchen Steuern bezahlen, sondern alles auf das Publikum abwälzen; und er mußte bitteren Spott von Herrn Eugen Richter er­leben. „Hätte ich, — so rief dieser unter stür­mischer Heiterkeit des Hauses aus — eine Spur von einer boshaften Ader, so würde ich mich freuen darüber, daß gerade die Herren, die sich jetzt durch den Mund des Herrn Dr. Siemens Über die vorgeschlagenen Steuern beklagen, vor­her die allereifrigsten Flottenschwärmer waren und jetzt dafür bestraft werden . . .!"

Daß auch Herr Bebel gegen die Erhöhung der Börsensteuer sprach, kann niemanden mehr überraschen, da ja die Sozialdemokratie neuer­dings zu den eifrigsten Veitheidigern des Groß­kapitals gehört, wie dies auch hervorgeht aus der schroffen Ablehnung, die sie der Besteuerung der Waarenbazare entgegensetzen. Deshalb war die Bezeichnung „Schutztruppe der Börse", mit der der Centrumsabgeordnete Gröber die Sozialdemokratie belegte, durchaus zutreffend und traf auch, wie man aus der wilden Aufregung des Abg. Bebel entnehmen konnte, der Herrn Gröber mit dem erregten Zwischenrufe „Un­verschämtheit" unterbrach und dafür vom Präsidenten Grafen Ballestrem zur Ordnung ge­rufen wurde.

Die Rede des Abg. Gröber bildete den Höhepunkt der ganzen Sitzung. Mit schlagender Beredsamkeit und überzeugender Sicherheit in der Beherrschung des Stoffes wies derselbe nach, daß andere Steuern als die vorgeschlagenen gegenwärtig gar nicht zu haben waren; und in sehr lebhafter Tonart, stets von neuem unter­brochen durch den Beifall der Mehrheit des Hauses, trat der Redner für die Börsensteuer ein: „Das Herz des Volkes liegt nicht, wie

Kopf. Ein künstlicher Wirrwarr kleiner Löckchen riefelte auf den Nacken nieder und umrahmte das Gesichtchen mit den großen, fast schwarzen Augen und dem etwas zu kurzen Stumpfnäschen. Dieses Näschen gab dem Gesichte etwas un­gemein keckes, was zu den herausfordernden Blicken der dunklen Augen sehr gut paßte. Die Gestalt Olgas war unter Mittelgröße und von ftischer Fülle, der man allerdings die Neigung zur Wohlbeleibtheit anmerkte. Sie mußte später ganz das Ebenbild ihrer sehr kleinen und sehr starken Mutter werde», während ihr langer, hagerer, blonder Bruder mehr dem Vater glich, deffen Körpergröße allerdings durch eine vorn übergebeugte Haltung des Kopfes und der runden Schultern beeinträchtigt wurde.

Die Grottlers waren mit den Uhles durch die Frau des Kommerzienrathes verwandt, die eine geborene Üble war. Früher hatten sich die vornehmen Grottlers nicht viel um die Uhles bekümmert, seit aber Tante Konradiue Uhle ihr Vermögen bei Grottler & Co. in Depot ge­geben hatte, war ein Umschlag der Stimmung eingetreten. Man frischte die etwas weitläufige Verwandtschaft wieder auf; Olga Grottler ward die zärlichste Nichte der Tante Konradiue, und jetzt, wo Konrad Uhle als Haupterbe der Ver­storbenen gelten konnte, übertrug man die Siebe und das verwandtschaftliche Gefühl ganz auf den „lieben Vetter".

Der Justizrath Quensel hatte Herrn Grottler von dem seltsamen Testament der Tante Mitthei­lung machen müssen. Man war zwar überzeugt, daß im Fall sich Konrad nicht so verheirathete,

Abg. Dr. Siemens sagt, bei der Börse, nicht bei der Börse und beim Geldmärkte ist der Herd des Patriotismus; der ist zu finden in einem ge­sunden Mittelstände, und dieser ist bei der Börse nicht vertreten." Sachlich am wichtigsten ist die Erklärung des Abg. Gröber, daß das Centrum nur dann die Deckungsfrage als gelöst ansehen wird, wenn die von der Kommission vorgeschlagenen Steuern in ihrem Erträg­nisse nicht wesentlich geschmälert werden. Sollte dies doch etwa geschehen, so würde das Centrum die Frage der Kostendeckung nicht als gelöst betrachten und danach auch bei der dritten Lesung der Flottenoorlage sich richten, das heißt gegen dieselbe stimmen.

Eine ähnliche Erklärung gab der konservative Redner Graf Kanitz ab. Auch dieser Redner äußerte in bestimmter Form, er werde gegen die Flottenoorlage stimmen, wenn nicht vorher die Gesetze über die Deckung der Gesetze angenommen worden seien, was Herrn Rickert von der Sippe der Wadenstrümpfler augenscheinlich nicht wenig in Aufregung versetzte. Jedenfalls sprach er von „ungewöhnlichen Drohungen", obwohl doch Abg. Gröber dieselbe Erklärung bereits in der Budget- Kommission abgegeben hatte.

Schließlich wurde der umstrittene sechste Pa­ragraph mit großer Mehrheit angenommen und dann ohne Debatte der Schlußparagraph, womit also die zweite Lesung der eigentlichen Flottenvorlage beendet war. Am Freitag folgen die Deckungsgefetze.

Deutsches Deich.

Berlin, den 7. Juni.

x Kokoniakdtreütsr von Anchka ver­läßt fein Amt. Aus feinen Antrag — so wird halbamtlich gemeldet — ist er von seinem Posten enthoben worden. Zu seinem Nachfolger ist Dr. Stübel ausersehen, jetzt deutscher Gesandter in Chile. Nach allen den vorausgegangenen Ereig­nissen und Mißgriffen in der Kolonialverwaltung war bekanntlich schon lange der Rücktritt des Herrn von Buchka vorauszusehen, und es kommt jetzt um so weniger überraschend, daß der Rücktritt wirk­lich erfolgt.

X Der fünfte Kharitastag findet in Berlin vom 3. bis 5. Juli d. Js. statt. Wie in Paris ein großer internationaler Katholiken­kongreß gelegentlich der Weltausstellung vorn 3. bis 10. Juni eine Heerschau abhält über die Werke des christlichen Glaubens und der christ­lichen Liebe während des ablaufenden Jahr­hunderts; wie sich Oesterreichs Katholiken rüsten, um demnächst in Wien den ersten österreichischen Charitaskongreß abzuhalten, so ist jetzt auch Berlin, die deutsche Kaiserstadt, dazu aus­ersehen, den CharitaSverband deutscher Katholiken in den Tagen vom 3, bis 5. Juli in ihren Mauern zu begrüßen und zu be­herbergen. Wie unser großer Dichter F. W. Weber in Dreizehnlinden die Natur mit einem Gottesgarten vergleicht, der wonnig zu durch­streifen ist, so darf man auch sagen, daß in den letzten Jahrzehnten suf märkischem Sande sich ein Gottesgarten aufgethan hat, der wohl ebenso wie die Maiennatur, zu einem Streifzuge einladet.

wie Tante Karoline es gewünscht haben würde, das Vermögen der Familie Grottler zufallen werde. Man konnte aber immerhin nicht wissen, was die alte Tante in ihrem versiegelten Testa­ment bestimmt hatte, und wenn Vetter Konrad vielleicht auf den klugen Einfall verfallen sollte, Olga zu heirathen, dann war man auch nach allen Seiten hin gesichert. Aus diesen Erwägungen entsprang die Haltung, die man Konrad gegen­über einzuschlagen für gut befand.

Dabei hatten es Grottlers nicht einmal nöthig, aus die Erbschaft der Tante Werth zu legen. Die Firma Grottler u. Co. war die angesehenste in der ganzen Provinz, und Albert Grottler war der einzige Inhaber der Firma. An allen großen Unternehmungen der Provinz war die Firma be» theiligt, mochte es sich nun um den Bau einer Eisenbahn oder um Gründung eines industriellen Unternehmens handeln. In den feuerfesten Geld- schränken des Bankhauses Grottler u. Co. ruhten die Depots der reichsten Leute der Stadt, aber auch die Armen brachten der Firma ihre geringen Ersparnisse. Albert Grottler war erster Stadt­rath und Vorsitzender der Stadtverordneten-Ver» sammlung. Er gehörte dem Vorstande des vor­nehmsten Vereins an und saß in dem AufsichtS- rathe verschiedener großer Aktiengesellschaften. Wenn er sich nicht selbst gesträubt hätte, so hätte man ihn schon mehr als einmal zum Reichstags­abgeordneten gewählt. Was konnte da den Grott­lers an den dreimalhunderttausend Mark der Tante Konradiue liegen?

So war wenigstens die Meinung der Welt, und die Grottlers hüteten sich sehr, dieser Meinung entgegenzutreten.