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lichdie Wahl des Ministers durch den Land­tag verlangt wird. Helfen wird ihnen auch diese Leimruthe nicht viel.

Am 25. und 28. Mai haben in Wien die Wahlen zum Gemeinderathe stattgefunden; am 25. Mai iin zweiten, am 28. Mai im ersten Wahlkörper. Am ersten Tage haben die vereinigten Antiliberalen einen glänzenden Sieg errungen: in 17 von 20 Bezirken wurden christlich-soziale Wahlbewer­ber mit großer Mehrheit gewählt; die Liberalen sieg­ten nur noch in dein einzigen Bezirke Leopoldstadt, in dem sehr viele Juden wohnen. Und das nennen die liberalen Zeitungen den „sichtlichen Rückgang des Regiments Lueger!" Bei den Wahlen im ersten Wahlkörper haben die Liberalen sieben Mandate verloren.

Italien sieht vor den Neuwahlen zur Deputirten- kammer. Die Blätter der Regierung finden gar nicht Worte genug, um zu versichern, daß die Regierung sich jeglichen Einflusses auf die Wahlen enthalte und den Dingen ihren vollkommen freien Lauf lasse. Wer Italien einigermaßen kennt, kann sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er diese salbungsvollen Ver­sicherungen liest, die zur Wahrheit so etwa in dem Verhältnisse des unmittelbaren Gegentheiles stehen werden. Vielleicht soll diese Sprache der italienischen Regierung nur dazu dienen, auf eine Niederlage der Regierung bei den Wahlen vorzuberciten!

Am Sonntag, den 27. Mai fand im Petersdom in Rom die Seligsprechung von 77 Personen statt, die in Tonkin und Cochinchina den Martyrer- tod erlitten haben. In feierlichem Zuge begab sich Nachmittags der Papst nach St. Peter, um die Selig­gesprochenen zu verehren. Der Feier wohnten 30,000 Personen bei, die den Papst, der sich bei bestem Wohl­sein befand, lebhaft begrüßten. Am Samstag vorher hatte der hl. Vater die deutschen und französischen Pilger vom dritten Orden empfangen, im Ganzen etwa 20,000 Theilnehmer.

Die Bewegung in der spanischen Provinz Ka­talonien soll angeblich, so behauptet man bei der Regierung in Madrid, mit der Haltung der katalani­schen Geistlichkeit und namentlich des Bischofs von Barcelona zusammenhängen, des Monsignore Morgades. Das spanische Ministerium hat sich deswegen in Rom beschwert, und nun ist Bischof Morgades auf den Be­fehl des hl. Vaters nach Rom gereist, um Bericht zu erstatten. Aber die Gründe der spanischen Unruhen liegen, wie man weiß, hauptsächlich in der bedauerns- werthen Großmannssucht der spanischen Regierung, die sich nicht in die Nothwendigkeit fügen will, Spar­samkeit zu üben nach der Lage des Landes.

Im französischen Parlamente ist auf ein­mal die unglückliche Dreyfus-Affäre wieder lebendig geworden. Ein Offizier des Kriegsministeriums veröffentlicht geheime Schriftstüne und wagt es, dies seinen Vorgesetzten gegenüber unmittelbar als politische That zu rühmen. Dem Kriegsminister aber, der diese ungeheuerliche Disziplinarlosigkeit in einer Kammec- rede gebührend geißelt, ruft ein General als Abgeord­neter zu: „Der Offizier hat recht Methan!" — und das Ende vom Liede ist, daß dieser Kriegsminister, Marquis Gallifet, nicht hinreichende Unterstützung beim Ministerpräsidenten findet und vom Ministerium zu­rücktritt. Es könnte wohl sein, daß schließlich das ganze Kabinet über diese absonderliche Sache stolpert, daß also die endlose „Affäre", die man doch für tobt und begraben hielt, noch einmal die Ursache für den Sturz eines Ministeriums wird.

Die belgischen Neuwahlen, zum ersten Mal nach dem neuen Wahlsystem mit der Listenwahl vorgenommen, haben den Gegnern nicht den Gefallen gethan, den sie davon erwarteten; auch in der neuen Kammer hat es sein Bewenden bei der katholischen Mehrheit. Die Regierung hat auch in der neuen Deputirtenkammer eine feste, in sich geschloffene Mehr­heit von etwa zehn Stimmen. Alle Führer der kon­servativen Katholiken find wiedergewählt worden — also Sieg auf der ganzen katholischen Linie!

Das radikale norwegische Ministerium des Herrn Steen stellte sich an, als wollte es zurück­treten, weil der Kronprinz als Regent ein von ihm empfohlenes Gesetz nicht bestätigte. Es handelt sich aber nur um ein Schauspielerstückchen. Im Ernste wollen die Herren gar nicht zurücktreten.

Die Unruhen, die von der Sekte der „Boxer" in China hervorgerufen werden, nehmen einen ganz bedenklichen Umfang an. Nur vierzig Kilometer von der Hauptstadt Peking entfernt, zerstören die Aufrührer Eisenbahnen, schlagen Regierungstruppen in die Flucht, und an anderen Orten zerstören sie christliche Nieder­lassungen, ermorden die Einwohner und hausen auf die scheußlichste Weise. Deutsche und französische Marinetruppen sind unterwegs, um einige belgische Familien zu befreien, da die Regierung rastlos und machtlos ist. Man sieht, die Auflösung des alten Reiches der Mitte macht rasche Fortschritte!

Römische Briese.

XXXI.

1Z2 Rom, 28. Mai 1900.

Inmitten der lärmenden und das Land auf­regenden Vorbereitungen zu den politischen Wah­len fanden in dieser letzten Woche die Feste der Heilig- und Seligsprechungen statt. Letz- tere betrafen die anamitischeu und chinesischen Märtyrer. Di« Kanonisation des sel. La Salle und Rita da Casein vollzog sich am Himmel­fahrtstage mit dem größten Pomp, welcher der katholischen Kirche überhaupt zu Gebote steht. Leo XL I. erschien auf dem hohen Tragthroue unter dem goldenen Baldachin, den Mittelpunkt

einer ehrwürdigen, glänzenden Prozession bildend, welche sich aus 33 Kardinälen, 250 Patriarchen, Primaten und Bischöfen, einer Unzahl von Aebten, Ordensgenerälen, Prälaten und Mitgliedern der Kongregationen, Sekretariaten und kirchlichen Be­hörden, dem Regular- und Säkular-Klerus Roms, den obersten Hofämtern, Kreuz- und Kronenträgern, Kammerherren, apostolischen Protonotarien und Kapellanen zusammensetzte.

Die ehrwürdige Gestalt des Papstes, welche in der goldgestickten weißen Falda und der goldenen Mitra, ein brennendes Licht in der Linken, erschien, war von den obersten erblichen Hofämtern, dem Fürft-Thronassistenten Colonna, dem Generalleutnant Prinzen Altieri, Komman­danten der Nobelgarde, den Offizieren der letzteren, sowie derjenigen der palatinischeu und der Schweizer­garde begleitet. Unmittelbar neben dem Papste trugen Soldaten der Schweizer im Stahlpanzer die historischen riesigen Schwerter als Sinnbilder der schweizer katholischen Kantone. Der Zug des Papstes gebrauchte über P/a Stunden, um von der sixtinischen Kapelle in die Peterskirche zu ge­langen, wo er nach 9 Vs Uhr eintraf.

In der Kirche selbst herrschte ein lebens­gefährliches Gedränge und eine wenigwohl- thuende Ordnung. Schon die auf dem Peters- platze von 6 Uhr ab aufgestellten Truppenreihen aller Waffengattungen, welche denselben absperr­ten und nur die mit Karten Versehenen passtren ließen, wurden zu wiederholten Malen durch­brochen, und als unbegreiflicher Weise erst nach 7 Uhr die Kirchenthore geöffnet wurden, entstand ein wahrhaft fürchterliches Gedränge. An irgend­welche Kontrolle der Eintrittskarten war gar nicht zu denken. Tausende kamen ohne Karte hinein oder bedienten sich der ganz offen auf den Straßen verkauften Falsifikate. Bei dem in der Kirche herrschenden Gedränge, dem Staub und der er­drückenden Hitze muß es geradezu als ein Wunder betrachtet werden, daß sich nicht mehr Unglücks- sälle ereignet haben. In der Kirche waren zahl­reiche päpstliche Feuerwehren mit 3 Spritzen auf­gestellt; 8 Rettungs-Stationen hatten die barm­herzigen Brüder errichtet. Im Ganzen wurden etwa 500 Personen in der Zeit von 7—1 Uhr behandelt und gepflegt. Unter den bekannt gewordenen Fällen befinden sich zwei Todesfälle, drei schwerere Verwundungen und eine sehr hohe Anzahl von Ohnmächten, Kontusionen und Quetschungen.

Nachdem der hl. Vater vom hohen Throne aus die Kanonisationsformel gesprochen, wurde das Tedeum angestimmt und alle Glocken Roms läuteten. An Stelle des Papstes celebrirte Kardinaldekan Oreglia das Hochamt über dem Apostelgrabe; während desselben wurde eine päpstliche Homilie auf die neuen Heiligen ver­lesen und die Uebergabe der „Oblationen", welche aus Kerzen, vergoldeten und versilberten Wein- und Wasserfäßchen und kleinen Käfigen mit Tauben und kleinen Singvögeln, sowie silbernen und goldenen Broden bestanden, durch verschiedene Kardinäle, Ordensgeistliche und Crrcmoniäre vorgenommen. Gegen 1 Uhr ver­ließ Papst Leo XIII. wieder in derselben Weise, wie er gekommen die Kirche und kehrte durch die SakcamentSkapells in den Vatikan zurück.

Nachmittags wurde die Kirche dem Publikum geöffnet, welches indeß so zahlreich erschienen war und sich so ungestüm benahm, den Truppe«- kordon durchbrach und in der Kirche ein derartiges Gedränge verursachte, daß man schon nach 6 Uhr vorsichtshalber die Thore schließen mußte.

Die Illumination der Kirchenfasade und der Kolonaden verlief glänzend und ohne jede Störung. Erst spät verlies sich die ungeheure Menschenmenge, welche dem seltenen und eigen« artigen Schauspiel beigewohnt hatte.

Papst Leo XIII. hatte die außergewöhnlichen Anstrengungen der fünfstündigen Funktion auf das allerbeste ertragen und erthrilte bereits am Sonnabend, wiederum in der Peterskirche, den zahlreich versammelten Pilgern aller Nationen, Deutschen, Spaniern, Portugiesen,Italienern, sowie der aus Konstantinopel eingetroffenen Pilgerschaft seinen Segen. In der Sala Clementina des Vatikans hatte der Papst vorher die Häupter der betreffenden Pilgerzüge empfangen.

Die gestrige Beatifikation der asiatischen Märtyrer nahm in der Peterskirche ihren guten Verlauf. An Stelle der üblichen Gemälde, die auf die betreffenden Heiligen Bezug haben, waren Abbildungen und Inschriften, die 77 Märtyrer betreffend, getreten. Das Dekret wurde vom Sekretär der Ritenkongregation verlesen, der Titular-Patriarck von Konstantinopel celebrirte das Hochamt. Nachmittags 6 Uhr erschien der Papst, um die neuen Beati zu verehren. Man schätzte die Anwesenden auf 50 000, während am Donnerstage 120 000 Personen am Vormittage die Peterskirche besuchten.

Deutsches Deich.

Berlin, den 1. Juni.

+ Hi« eigettthümkicher OestchtsprmKt macht sich in dem .Berliner Tageblattt geltend bei der Beurtheilung einer Ersatzwahl zum preußischen Abgeordnetenhause in einem Wahl­kreise der Provinz Posen. Dort ist der Rechts­anwalt Wolf gewählt worden, und das genannte Blatt stellt mit sichtlichem Triumph fest, daß mit Herrn Wolf das dritte jüdische Mitglied in das Abgeordnetenhaus einziehe. Wenn es dem ,Berl. Tagebl/ darauf ankommt, so darf es sich nicht wundern, wenn andere Leute aufmerksam werden und dem Bestreben entgegenarbeiten, möglichst viele jüdische Abgeordneten zu wählen. Herr Wolf gehört — „natürlich" hätten wir bei­nahe gesagt! — der Freisinnigen Vereinigung an.

ft Die Meizeueinftthr <ms Argentinier» nach Deutschland hat während der letzten Jahre ganz außerordentlich zugenommen. Sie betrug während der ersten drei Monate dieses Jahres doppelt so viel als während desselben Zeitraumes vor fünf Jahren, nämlich 1327 355 Doppelzentner in diesem Jahre gegen 710 698 Doppelzentner im ersten Viertel des Jahres 1895. Die argentinische Republik verschließt dagegen ihre Grenzen fortgesetzt mehr gegen die Einfuhr deutscher Maaren.

□ Der AokKsverei« für das Katholische Deutschland hielt kürzlich in Köln eine Ver­sammlung seiner rheinischen Geschäfts­führer und Vertrauensmänner ab. Bei der Gelegenheit kamen vor allem die mannig­fachen Hinderniffe zur Sprache, welche der Ausbreitung des so wichtigen Vereins noch immer entgegenstehen; was dabei über die Sage im Rheinlande gesagt wurde, gilt ebenso sehr, wenn nicht noch mehr, für die übrigen katholischen Gegenden Deutschlands. Zwar hat es der Volks­verein zu einer ansehnlichen Stärke gebracht, er ist mit seinen 186.000 Mitgliedern heute bereits ein sozialer Verein von imponirender Macht. Aber was bedeutet diese Zahl gegenüber VI* Millionen Centrumswählern, von denen man in erster Linie erwarten sollte, daß sie ohne Aus­nahme einem Verein angehören würden, dessen hohe Bedeutung für die Lesung der sozialen Auf­gaben der deutschen Katholiken häufig genug von hervorragenden Centrumsabgeordneten betont wurde. Und dann haben wir in Deutschland mehrere Millionen großjährige Katholiken^ die alle berufen sind, an den Bestrebungen des Volks­vereins theilzunehmen. Dennoch noch keine 200.000 Mitglieder! Unter den Hindernissen der weiteren Ausbreitung steht nicht an letzter Stelle die Gleichgiltigkeit der sogenannten besseren Stände und namentlich auch der akademisch gebildeten Kreise gegenüber sozialen Be­strebungen. Wenn hier mehr Mitarbeiter ge­wonnen würden, dann würde es überall sehr erleichtert fein, auch in die breiteren Schichten des Volkes immer mehr Eingang zu erlangen, diesen soziale Belehrung zu bieten, die Gedanken der Organisation und wirthschaftlichen Selbst­hilfe wirksam anzuregen und — vielfach grade mit Hilfe der Bessergestellten — zur prak­tischen Durchführung zu bringen. Aber an jener von echt sozialer Gesinnung zeugen­der Theilnahme derjenigen, welche die sozialen Nöthen der Zeit nicht am eigenen Leibe erfahren, fehlt es eben in weitestem Maße. Spricht man davon, daß der wirth- schaftliche Niedergang und die Nothlage in fast allen Erwerbs ständen, die Bedrängniß des Mittelstandes, die traurige Lage zahlloser Arbeiter und Arbeiterinnen in Folge ungenügen­den Lohnes oder übermäßiger Arbeitszeit, Woh- nungsnoth u. s. w. dringend auch soziale Betätigung erfordere,? und daß man daher wenigstens zunächst einmal den Volksverein für das katholische Deutschland einführen oder sich daran betheiligen möge, bann zucken leider noch immer so viele gutgesinnte Katholiken aus den befferen Ständen die Achsel und „halten über­haupt nicht viel von sozialen Bestrebungen". Almosen will man wohl geben, und doch heißt es Waffer in ein Faß ohne Boden schütten, wenn man die wirthschaftlichen Mißstände nicht beseitigt und nur augenblickliche Linderung für die daraus sich fortdauernd ergebenden Folgen zu schaffen bereit ist. — Wenn das allmählich anders wird, wenn der Volksoerein und durch ihn die sozialen Bestrebungen, die noch ungleich wichtiger sind, wir die charitativen, immer mehr Boden gewinnen werden, dann wird es gewiß nicht zuletzt das Verdienst wackerer Geschäfts­führer und Vertrauensmänner des Volksoereins fein. Diese aber würden den Erfolg ihrer Thätigkeit gewiß wesentlich verstärken können, wenn die Geschäftsführer der einzelnen Bezirke und die Vertrauensmänner der einzelnen Orte häufiger solche Versammlungen zu gegenseitiger Aussprache abhielten, wie die obenerwähnte.

$ufda, Samstag, den 2. Juni 1900.

27. Jahrgang.

M 126.

spalt. Garmond­zeile oder deren Raum 15 Pf., Re­klamen die Petit- zeil« 25 Pf.; dkl Wiederholungen wird entsprechens. Rabatt gewähr«.

Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn- und Feier­tage. Bierteljährl.

-e,ug«prri» ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und ou8» »ärtSlM.5VPf.

mit AnlerHclüungs-Meiktlge Ssrwisgs-Aelümg" peter-zaS« kkr. i (earaonk).

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck Verbote«.!

X Fulda, 2. Juni.

Bevor der Reichstag seine kurzen Pfingstferien be­gonnen hat, hat er ein wichtiges Stück sozialer Arbeit beendet: die neuen Unfallversicherungs-Ge­setze. Einstimmig sind dieselben vom Reichstage an­genommen worden, also auch von den Sozialdemo­kraten, obwohl diese und ihre Presse so anstellten, als bedeute die Annahme dieser Gesetze keine Verbesserung der Lage der Arbeiter, sondern womöglich eine Ver­schlechterung. Das kam aber nur davon her, weil die Sozialdemokratie an diesen wichtigen und bedeutungs­vollen Gesetzen vollkommen unbetheiligt ist und die Herren Genossen natürlich niemals gern zugeben wollen, daß sie es nicht sind, die die Gesetze zur Hebung der Wohlfahrt der Arbeiter gemacht haben. Der Kaiser ist der Bedeutung dieser Gesetzgebung dadurch gerecht geworden, daß er dem Staatssekretär Grafen Posadowsky über die einmüthige Annahme der Unfallversicherungsgesetze, „dieses für den weitern Aus­bau der Fürsorge für die arbeitenden Klassen so be­deutungsvollen Werkes", feine Freude ausgesprochen hat.

Wichtig sind auch zwei andere Gesetzentwürfe, die vom Reichstage in den letzten Tagen angenommen worden sind: das Fleischbeschaugesetz und die Novelle zum Münzgesetze. Ganz besondere Bedeutung für das tägliche Leben hat aber die Novelle zur Gewerbeord­nung, die gleichfalls während dieser Tage in dritter Lesung vom Reichstage verabschiedet worden ist.

Beim Fleischbeschaugesetze hat das Kom­promiß gesiegt. Pökelfleisch darf also nach wie vor eingeführt werden, aber nur in Stücken von mindestens 8 Pfund Gewicht; und über die Fleischeinsuhr im Allgemeinen gelten die bisherigen Bestimmungen, so daß das in der zweiten Lesung angenommene völlige Verbot der Fleischeinfuhr vom 1. Januar 1904 ab wieder aufgehoben ist' Nur die Einfuhr von Büchsen­fleisch und Würsten ist fortan nach dem neuen Gesetze untersagt. Daß die strengeren Beschlüffe der zweiten Lesung in dieser Weise abgemildert wurden, hat die Reichsregierung zu Wege gebracht. Diese weigerte sich durchaus, jene Beschlüsse gut zu heißen, und so fand denn das Kompromiß Annahme, damit nicht das Ganze gefährdet würde. Sehr viele Mitglieder des Reichstages stimmten also nur deswegen dafür, weil noch mehr im Interesse der guten und appetitlichen Ernährung des deutschen Volkes nicht zu erreichen war.

Die Novelle zur Gewerbeordnung ist, wie man ja weiß, namentlich wegen ihrer Bestim­mungen über den L a d e n s ch l u ß lebhaft bekämpft wor­den. Von 9 Uhr Abends bis 5 Ubr Morgens müssen nach der neuen Bestimmung alle Verkaufsstellen im deut­schen Reiche für den geschäftlichen Verkehr geschloffen sein. Durch örtliche Verordnungen kann in einzelnen Städten oder Bezirken ein noch ausgedehnterer Laden­schluß verfügt werden, wenn zwei Drittel der be­treffenden Geschäftsinhaber damit einverstanden sind.

Der Reichstag hat ein großes Stück Arbeit und zum Theil recht aufgeregte Tage hinter sich. Daß alles seine Erledigung in geschäftsmäßiger Ordnung gefunden hat, ist zu einem sehr großen Theile der umsichtigen und unermüdlichen Arbeit des Präsidenten Grafen von Balle st rem zu verdanken. Nament­lich aber hat es noch niemals vorher ein Mann so vollkommen wie er verstanden, bei der Erfüllung seiner Ichwierigen Aufgaben so volllonmen von dem eng­herzigen Standpunkte des Patteimannes sich frei zu machen. Die Thätigkeit des Grafen von Ballestrem findet bei allen Parteien gleichmäßig Dank und An­erkennung.

Nach Pfingsten wird der Reichstag die Flotten­vorlage erledigen und wahrscheinlich noch vor Frohn- leichnam diese lange Tagung beschließen, die überden Zeitraum von achtzehn Monaten sich erstteckt und weit über 200 Plenarsitzungen umfaßt.

Einige Neuwahlen zum Reichstage haben stattgefunden, nämlich in Nürnberg für den verstor­benen sozialdemokratischen Abgeordneten Derlei und tm badischen Wahlkreise Offenburg-Kehl für den ver­storbenen langjährigen Vertreter des Kreises, den Centrumsmann Reichert. In Nürnberg ist der Sozial­demokrat Dr. Südekum in den Reichstag gewählt worden, ein Redakteur, in den bayerischen Landtag sozialdemokratische Gutsbesitzer Dr. kBaron Haller von Hallerstein. Bei der Wahl zum ^eichztage haben die Sozialdemokraten weniger «nmmen bekommen als bei der Hauptwahl im Jahre ->°98, die Liberalen dagegen rund 3000 Stimmen Mr. Bei der Wahl zum Landtage fand man auf vsr Rückseite eines sozialdemokratischen Wahlzettels folgende Zeilen: „Einst wählten die Genossen den Ar- I E"br Grillenberger, den Mann mit der schwieligen mwst, dann den Bourgeois Derlei, den zu Tode Ge­atzten, heute den Gutsbesitzer Dr. Baron Haller von Hallerstein. Wer lacht da — ihr Proletarier? Wer Eraf k" '$?" 6eim n“$Pen gewählt? Vielleicht < In Dffenburg-Kehl hat das Centrum bei er Stjch^a^ einen glänzenden Sieg erfochten, ob- woyi die Nationalliberalen und Sozialdemokraten "Etzen das Centrum sich verbündet hatten.

.yn Sachsen-Weimar sollen im Herbste Neu- ahten zum Landtage stattfinden. Dafür fangen die °ilaldemokraten schon jetzt zu wühlen an, diesmal einem ganz neu erfundenen Lockmittel: sie haben n politisches Programm veröffentlicht, in dem näm-