Fulda und m* LärtslM.bOPf.
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täglich, bmebet
27. JahrgMg.
Iutöa, Mittwoch, den 30. Mai 1900.
Vor mehreren Monaten war die achtzigjährige unverheirathete Konradine Uhle gestorben, die, so lange stch die ältesten Menschen der Stadt erinnern konnten, den Eulenthum im Voßwinkel be. wohnte. Nach Schätzung dieser - selben ältesten Menschen mußte Fräulein Konradine beträchtliche Neichthümer aufgesammelt haben, denn das weitläufige Gebäude, der Eulen- oder Uhlenthurm, welches ihr erb- und eigenthümlich gehörte, brachte sehr gute Miethen auf und Fräulein Konradine lebte in größter Einfachheit. Freilich sogenannte honette Leute wohnten nicht in dem Eulenthurme. Unten befand sich rechts von dem großen, dunklen Hausflur eine alte verräucherte Weinstube: links ein Materialwaarenladen. Den ersten Stock bewohnte Fräulein Uhle mit ihrer alten Dienerin. In dem zweiten hausten ein Flickschneider, ein Flickschuster und einige andere „kleine Leute", über deren Existenzmittel man in Zweifel sein konnte. Der dritte Stock diente als Wäsche- und Trockenboden und zum Aufbewahren von allerhand Gerümpel. An das Vorderhaus schloffen sich ein großer Hof und ein verwilderter Garten; der Hof war von Seitengebäuden eingeschloffen, die mehrere Remiken, Werkstätten und eine Anzahl Wohnungen enthielten, die lauter „kleine Leute" beherbergten. Postschaffner, Bierkutscher, Waschfrauen, Aufwärter in öffentlichen Lokalen — au« diesen Elementen setzte sich die Bewohnerschaft des Eulenthurmes zusammen. Man konnte deshalb dem Herrn Professor die Frage wirklich nicht verübeln, ob Konrad Uhle, der Hauptmann a. D. mit der Berechtigung, Uniform zn tragen, in diesem Hause wohnen wollte.
Aber die „kleinenLeute" hattenderverstorbenen Konradine viel Geld eingebracht. ES waren seß
hafte Leute, die ihre Miethe im Allgemeinen pünktlich entrichteten. Unordentliche Leute duldete da» alte Fräulein nicht im Eulenthurme; wenn dagegen Jemand einmal aus wirklicher Noth die Miethe nicht bezahlen konnte, übte sie stets milde Nachsicht.
Auch die Nachbarschaft des Eulenthurmes, der sogenannte Voßwinkel war der älteste und allerwinkligste Theil der alten und winkligen Stadt. Ein Wunder war es, daß sich die schiefen, au« dem Lothe gegangenen Häuser und Häuschen noch aufrecht erhalten konnten. Die Wände zeigten bedenkliche Riffe. Die Thürschwellen waren schief gezogen, die Balken glichen Geigenbogen, so krumm waren sie. Die Treppen im Innern der Häuser hatten sich vor Altersschwäche gesenkt, die Läden der Fenster schloffen nicht mehr recht. Die Häuser und Höfe und kleinen Gärtchen waren so ineinander geschachtelt, daß es ein Kunststück war, die einzelnen Grundstücke auseinander zu finden. Selbst der gescheidteste Baumeister der Jetztzeit hätte eine solche Verwirrung und Einschachtelung von einem halben Hundert Häuser und Hütten, Höfen und Gärtchen nicht mehr zu Stande gebracht.
Das einzige Gebäude, das im Voßwinkel außer dem immerhin stattlichen Eulenthurme noch einigermaßen aufrecht stand, war das uralte Kirchlein Sankti Viti, die Sankt Veitskapelle, wie sie tnt Volksmunde hieß. Die Kapelle stieß mit ihrem finsteren Friedhöfe unmittelbar an den Eulenthurm; Friedhof und Garten trennte nur ein kleiner Wasserlauf, der den Bewohnern des Voßwinkels zum Waschen diente, wodurch seine Klarheit nicht gerade gefördert wurde. Die Sankt Veitskapelle und der Eulenthurm hatten vor Jahr-
Deirtfches Kelch.
Berlin, den 29. Mai.
X Das Thema von den Tagegelder« für die Mitglieder des Reichstages ist alt und bleibt doch ewig neu. Denn alle möglichen Vorgänge weisen stets von neuem sehr deutlich auf die Not Hw endig leit hin, endlich und endlich solche Tagegeldern oder doch wenigstens, wie neuerdings wieder vorgeschlagen worden ist, An- wesenheitSgelder zu gewähren. Durch die Machtlosigkeit des beschlußunfähigen Reichstages gegenüber der Obstruktion von Ostern dieses Jahres wurde die alte Frage von neuem auf- gerollt, und da haben zum erstenmal auch konservative und freikonservative Abgeordneten und Zeitungen zugestanden, daß die Gewährung von Diäten an die Mitglieder des Reichstages sich nicht mehr einfach von der Hand weisen lasse. Einzelne konservative Organe sind sogar ohne weitere« für die Diätenzahlung eingetreten; und
Dieses Gesetz tritt gleichzeitig mit dem »och in dieser Session deS Reichstags zu erlassenden Gesetz, bett. Abänderung des ReichsstempelgesetzeS vom 27. Aprill894, und dem Gesetz bett, die Abänderung deS Zolltarifgesetzes, in Kraft. , „
Das Gesetz bett. dieHeutsche Flotte vom 10. April 1898 wird aufgehoben.
Schon aus mehreren Reden beim letzten sozial- -emokratischen Parteitage in Hannover konnte man das entnehmen. Aber auch diesmal ist Herrn Bebel sofort widersprochen worden, und zwar von Leuten, die innerhalb der sozialdemokratischen Partei gerade in der Gewerkschaftsbewegung eine ährende Rolle spielen. Sonntag Nachmittag prach der ehemalige Prioatdozent Dr. Arons, »er zu der sogenannten „gemäßigten" Richtung »er Sozialdemokratie gehört, über dasselbe Thema n einer öffentlichen Berliner Versammlung und ätzte in vollem Gegensätze zu Bebel seine Meinung »ahin zusammen, daß „die Gewerkschaften bei der Verfolgung ihrer Ziele nach Besserung der Löhne und der Arbeitsbedingungen nurdieVorstufe der Sozialdemokratie sein können, ohne welche die Gewerkschaften nichts erreichen können". Und der sozialdemokratische Abgeordnete Legten, der Vorsitzende der Hamburger Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands und Hauptführer der deutschen Gewerkschaften sozialdemokratischer Richtung, erklärt in dem ,Korrespondenzblatt', dem Blatte der genannten Generalkommission, ebenfalls in unmittelbarem Widerspruche zu Bebel: „das intimste Verhältnis" müsse zwischen der sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften bestehen. In demselben Sinne äußert sich eine von der Gewerkschaftszentralisation angenommene Entschließung: alle Bemühungen sind arbeiterfeindlich, die den Zusammenhang zwischen den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie lockern oder gar zerbrechen wollen; und ganz entsprechend schreibt gleichzeitig der.Vorwärts', das Berliner sozialdemokratische Centralorgan: wem die politische Erkenntniß von der über materiellen Interessen hinauSgehenden Bedeutung des gewerkschaftlichen Kampfes mangele, der gehört nicht zur Kämpferschaar der modernen Arbeiterbewegung.
Herr Bebel mit seiner zweideutigen Redeweise steht mit seiner Auffassung so ziemlich allein da in der sozialdemokratischen Partei, wie mau sieht; und diese beansprucht die Gewerkschaften voll und ganz für sich und für ihre politischen Zwecke oder betrachtet sie als etwas Feindseliges. Darum kann nicht oft genug gewarnt und wiederholt werden, daß hinter allem Gerede von sogenannten „neutralen" Gewerkschaften nichts weiter zu suchen ist als der Leim, um Gimpel in die sozialdemokratischen Netze zu locken und sie dort nach allen Regeln der Kunst zu be- arbeiten, damit auch sie allgemach gänzlich in der Sozialdemokratie aufgehen.
das ist deswegen von besonderer Wichtigkeit, weil »ekanntlich die Sache bisher immer an dem Wider- tande der Konservativen scheiterte. Innerhalb »er verbündeten Regierungen war die grundsätz- iche Abneigung gegen die Bewilligung solcher Zahlungen schon in der Zeit überwunden, als Graf Posadowsky noch Staatssekretär deS Reichsschatzamtes war. Jetzt wird berichtet, tm Bundesrathe beschäftige man sich von neuem mit Erwägungen über die Gewährung von Tagegeldern an die Mitglieder des Reichstages. Das klingt ganz wahrscheinlich. Leider wird gleichzeitig damit die Behauptung nerbreitet, die verbündeten Regierungen hätten die Absicht, auch diesmal wieder „Kompen- ätionen" zu fordern, also im Austausche gegen »ie Gelderbewilligung andere Zugeständnisse nach ihren Wünschen. Von einer Aenderung des Reichstagswahlrechtes soll jetzt nicht mehr die Rede sein, dagegen soll man sich im Bundesrathe mit der Absicht tragen, im Ausgleiche für »ie Gewährung von Tagegeldern eine Aenderung des Artikels 25 der Reichsverfassung zu verlangen. In diesem Artikel ist bestimmt, daß im Falle der Auflösung des Reichstages die Neuwahlen innerhalb von 60 Tagen danach statt« finden sollen und daß der neue Reichstag binnen 90 Tagen nach der Auflösung des alten einbe- rufen werden muß. Nunmehr wollen angeblich die verbündeten Regierungen dahin streben, daß bestimmt werde, die Neuwahlen binnen 14 Tagen nach der Auflösung stattfinden zu lassen. Wer diese Meldung erfunden hat, scheint niemals Einficht genommen zu haben von dem Wahlgesetz. Binnen 14 Tagen lassen sich kaum die Wählerlisten aufstellen, geschweige denn öffentlich auslegen und richtigstellen. Eine Neuwahl nach Schluß der Legislaturperiode aber kann sogar schon jetzt unmittelbar am Tage nach dem Sesstonsschluß stattstnden und bedarf dazu keinerlei Aenderung. Zum Ueberfluß wird in der „Post" ausdrücklich bestätigt, daß an unterrichteter Stelle von den angedeuteten Erwägungen nichts bekannt ist.
ft Die armen AörsenmiKionäre können sich noch immer nicht beruhigen über die geplante Erhöhung der Börsensteuer. Eine Abordnung der größten Berliner Bankfirmen geht bei allen Berliner Ministerien um deswegen und ist zuletzt auch von Herrn von Miquel empfangen worden. „Woßu?"
ft Gin Schanmrveinstener-Kefetz soll im nächsten Herbste dem Reichstage vorgelegt werden, so hat in bestimmter Form ein Vertreter des Reichsschatzamtes in der Budgetkommission des Reichstages erklärt bei der Brrathung über die Baffermannsche Novelle zum Tarifgesetze. Man ersieht dies aus dem Bericht des nationalliberalen Abg. Dr. Paasche über diesen Theil der Korn- missionsberathung, während bisher in den Zeitungsberichten über diese Kommissionsberathungen nur einmal die Rede war von weniger bestimmten Aenßerungen der Regierungsvertreter. Nach dem Berichte des Abg. Paasche hat der Vertreter des Schatzamtes noch hinzugefügt, die verbündeten Regierungen seien der „festen Ueberzeugung, daß die inländischen Schaumweine eine Besteuerung sehr wohl vertragen könnten".
§ 2. Ausgenommen bei SchiffSverlusten sollen er« etzt werden: Linienschiffe nach 25 Jahren, Kreuzer nach 20 Jahren. Die Fristen laufen vom Jahre der Bewilligung der ersten Rate des zu ersetzenden Schiffe» bis zur Bewilligung der ersten Rate des Ersatzschiffes.
II. Iudiensthaktung.
§ 3. Bezüglich der Jndiensthaltung der Schlacht - flotte gelten folgende Grundsätze:
1. Das 1. und 2. Geschwader bilden die aktive Schlachtflotte, das 8. und 4. Geschwader die Reserve- Schlachtflotte.
2/ Bon der aktive« Schlachtflotte sollen sämmt- liche, von der Reserve-Schlachtflotte die Hälfte der Linienschiffe und Kreuzer dauernd im Dienst gehalten werden.
3. Zu Manövern sollen einzelne außer Dienst be- indliche Schiffe der Reserve-Schlachtflotte vorübergehend n Dienst gestellt werden.
III. 'NersaaarSeflaud.
§ 4. An Deckoffizieren, Unteroffizieren und Gemeinen der Matrosendivifionen, Werftdivisionen und Torpedo-Abthellungen sollen vorhanden sein:
1. volle Besatzungen für die zur aktiven Schlachtflotte gehörigen Schiffe, für die Hälfte der Torpedoboote, die Schulschiffe und die Spezialschiffe,
2. Besatzungsstämme (Maschinenpersonal ’ übriges Personal */» der vollen Besatzungen) sür die zur Reserve- Schlachtflotte gehörigen Schiffe, sowie für die 2. Hälfte der Torpedoboote, ,, . „ „ . .
8. 1'/, fache Besatzungen für die im Auslande be« Endlichen Schiffe,
4. der erforderliche Landbedarf,
5. ein Zuschlag von 5°/, zumzGesammtbedarf.
IV. Aofte«.
§ 5. Die Bereitstellung der zur Ausführung dieses Gesetzes erforderlichen Mittel unterliegt der jährlichen Festsetzung durch den ReichshauShaltSetat.
§ 6. Insoweit vom Rechnungsjahre 1901 ab der Mehrbedarf an fortdauernden und einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats der Mariueverwaltung »en Mehrertra, der Reichsstempelabgabrn über die Summe von 53.708,000 Mk. hinaus übersteigt, und der Fehlbetrag nicht in den sonstigen Ei»nahmen deS Reichs seine Deckung findet, darf der Letztere nicht durch Erhöhung oder Vermehrung der indirekten, den Massenverbrauch belastenden Reichsabgaben aufgebracht
Das Flottengesetz
erhält nach den Beschlüffcn der Reichstagskommission folgende Fassung:
I. Schiffsvestand.
§ 1. Es soll bestehen:
1. die Schlachtflotte: aus 2 Flottenflaggschiffen, 4 Geschwadern zu je 8 Linienschiffen, 8 großen Kreuzern, 24 kleinen Kreuzern als Ausklärungsschiffen;
2. die Auslandsflotte: aus 8 großen Kreuzern, 10 kleinen Kreuzern;
3. Die Materialreserve: aus 4 Linienschiffen, 3 großen Kreuzern, 4 kleinen Kreuzern;
lockigen Jnlchen Mittenzweig? Ah, Du Glückspilz"
Der Professor lächelte geschmeichelt.
„Julie ist eine brave Hausfrau geworden," versetzte er. „Ich bin mit ihr zufrieden."
„So, Du bist mit ihr zufrieden?! Mein Gott, wer sollte es nicht in Deiner Lage sein? Und hat sich Jnlchen — ich wollte sagen Deine Frau, die muntere Laune noch bewahrt? Lacht sie noch so herzlich, so toll und mit so weißen Zähnen?"
Des Professors Gesicht verfinsterte sich.
„Der Ernst des Lebens ist nicht spurlos an Julie vorübergegangen. Sie ist Mutter von fünf Kindern —"
„Deshalb braucht man doch nicht die fröhliche Laune zu verlieren? Die Kinder bringen ja erst recht Leben in das Haus."
„Unsere gesellschaftliche Stellung erfordert einen gewissen Ernst, eine gewisse Haltung —, man darf sich nicht so gehen lassen —"
„O Ihr armen Leute I — aber ich verspreche Dir, Freund, ich will es an Haltung nicht fehlen lassen, wenn ich in Euere Gesellschaft eintrete. Und nun lebe wohl für heute! — Der Dienstmann mit meinem Gepäck erwartet mich im Eulenthurme."
Nochmals schüttelte er dem Professor die Hand und eilte davon. Der Professor sah ihm eine Zeit- lang nach, dann begab er sich kopfschüttelnd in das Gastzimmer, wo er den Honorationen der Stadt erzählte, wen er soeben getroffen habe.
Das war eine interessante Nachricht; denn seit einiger Zett bildete die Persönlichkeit Konrads den Hauptgesprächsstoff aller Kaffeegesellschaften und Bierstammtische.
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if Bebel und die Gewerkschaften.
Der alte Bebel gibt sich fortgesetzt die größte Mühe, die Welt glauben zu machen, daß die ' Sozialdemokratie die Gewerkschaften nicht für
l ihre Parteizwecke ausnützen, daß sie diese Kör
perschaften wirklich „neutral" sein lassen wolle. Einen solchen neuen Versuch hat er vor einigen Tagen im sozialdemokratischen Berliner Gewerk« v 4 schastshause gemacht. Dabei hat er sogar be-
' hauptet, er fei von früher anderen Ansichten neuerdings zu diesen besseren Anschauungen be- > kehrt worden. Früher fei er energisch für den । ausgeprägt sozialdemokratischen Charakter der 1 Gewerkschaften eingetreten, Die die Rekruten für - i die große sozialdemokratische Armee heranzuziehen hätten; jetzt aber „wünsche er dringend, daß in Zukunft die Gewerkschaften polittsche Verschiedenheiten zurückstellen und nur reine Arbeiter- Politik treiben sollten".
Das klingt nun, an und für sich angehört, geradeso, als ob der Herr Obergenoffe sich gemausert hätte; und am Ende gibt es gar unschuldige Seelen, die von dem Obergenoffen Bebel gleich auf die ganze Genossenschaft schließen und Herrn Bebel den Gefallen thun möchten, an- । zunehmen, daß mit ihm die ganze Sozialdemo. " fratie ein anderes Gewerkschaftskleid angezogen j hätte oder anziehen möchte. Von dem allen ist nun gar keine Rede.
- Erstens sieht es mit Herrn Bebel's angeb.
kicher Mauserung selbst sehr zweifelhaft au«. Mau , muß nämlich wissen, waS er unter „Arbeiter- k Politik" versteht. „Arbeiter - Politik", fo sagte Herr Bebel an demselben Abend und in demselben , Vorträge, „schließt in hohem Grade auch all«
i gemeine Politik in sich. Dena viele Forde»
’tungen der Arbeiter lassen sich nicht auf dem Wege der Gewerkschaft erreichen, sondern nur : auf dem Wege der Staatsgesetzgebung; daher
Müssen nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch
* alle einzelnen Gewerkschafts-Glieder
sich energisch politisch betätigen." Und wie soll Las geschehen nach Herrn Bebel's Rezept? In Welcher Richtung? Herr Bebel hat auch darauf die Antwort gegeben: „Wenn sich die Arbeiter nun fragen, in welcher Richtung sie sich politisch bethätigen sollen, so werden sie sich leicht die Antwort geben können, wenn sie danach forschen, - I welche Partei ihren Forderungen in den Parla-
| I menten am nächsten steht: das ist natürlich
die sozialdemokratifche!" Herr Bebel wider- I legt sich also selbst. Er sagt es, weil die Wahrheit ihn dazu zwingt, daß ein Sozialdemokrat die Gewerkschaften sich nicht anders zusammengesetzt denken kann als aus Sozialdemo, traten; und solche Gewerkschaften will Herr Bebel dann „neutral" nennen — ein wenig geschicktes, wohl aber beinahe unehrliches Spiel mit Worten.
Zweitens denken die „Genossen" gar nicht , I daran, Herrn Bebel auf dieser Spur feiner an» v I gedlich neutralen Gewerkschaften zu folgen.
[ Am Kusenthurme.
Roman von O. Elster.
2 ------ (Nachdruck verboten.)
„Freilich, das Eulennest I Ein famoser, stiller Winkel, um in aller Ruhe seinen Schoppen Wein zn trinken. Ich danke es meiner alten Muhme, daß fix das Eulennest nicht ausgeräuchert hat. Der erste Schluck, den ich in dem alten Neste trinke, soll ihrem Andenken geweiht fein."
„Ich warne Dich, lieber Konrad; man sieht es in der hiesigen Gesellschaft nicht gern, wenn ein Mitglied derselben dort verkehrt."
„Aber ich bin doch kein Mitglied der hiesigen Gesellschaft?"
„Du bist doch pensionirter Hauptmann mit bet Berechtigung, die Uniform zu tragen. Also gehörst Du somit zur Gesellschaft. Das wird Dir unser Bezirkskommandeur Oberstleutnant von Rackowitz schon auseinandersetzen."
„Ich vergaß in der That, daß ich wieder unter zivilisirte Menschen gerathen bin", versetzte auf- lachend Konrad. „Vorläufig habe ich mich aber bei dem Herrn Bezirkskommaadeur noch nicht geweidet, und so wollen wir das Weitere abwarten."
Er schüttelte dem Freunde zum Abschied die Hand.
„Meine Frau wird sich freuen, Dich wieder iu sehen," sagte der Professor.
„Du bist verheirathet?"
„Ja sett zehn Jahren beretts. Mit Julie Mitienzweig."
„Wie? was? Mit dem braunäugigen, blond-