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M 86.

mit Zlnterhattungs-Aeikage „Issustrirte Sonntags-Zeitung!'

Juköa, Samstag, den 14. April 1900.

27. Jahrgang.

Dritte and Verlag der Fuldaer Acttendnttkeret peterrgaffe Nr. 2 (TMimonit).

Wochen -Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 14. April.

Kaiser Franz Joseph von Oesterreich hat -em deutschen Kaiser seinen Besuch zum 5. und 6. Mai angekündigt. An diesem letztem Tage wird die Groß­jährigkeit des Kronprinzen festlich begangen. Kaiser Franz Joseph kann eines ganz besondern Empsanges in Berlin sicher sein, und wie außerordentlichen Werth Kaiser Wilhelm auf den Besuch des verbündeten Mo­narchen legt, geht aus einem Telegramm hervor, das er an den Berliner Oberbürgermeister gerichtet hat. Es heißt in dem Telegramm: „Ueberzeugt, daß die Bürger meiner Residenzstadt in treuer Verehrung und warmer Zuneigung zu dem hohen Gaste emporblicken, der einst ein treuer Freund unseres unvergeßlichen großen Kaisers war, theile ich Ihnen den bevorstehen­den Besuch mit, damit meine Berliner frühzeitig in der Lage seien, die Stadt würdig zu schmücken zum Willkommen für meinen verehrten, treuen Verbündeten". In Deutschland und in Oester­reich gleichmäßig wird der Kaiserbesuch aufs lebhafteste und freudigste begrüßt als ein neuer Beweis für die unzerstörbar feste Freundschaft und Bündnißtreue beider Länder.

Wunderlich haben sich einige deutsche Kulturkampfs­blätter angestellt bei der Nachricht, Graf v. Balle­strem, der Präsident des deutschen Reichstages, sei nach Rom gereist, und dort vom hl. Vater empfangen worden. Die Audienz sollte mit Oer Flottenvorlage Zusammenhängen, und wer weiß, was sonst noch alles für Vermuthungen damit verknüpft wurden. Alle diese Vermuthungen gehören in das Reich der Fabel. Die Gattin und mehrere Mitglieder der Familie des Grafen von Ballestrem befinden sich bereits seit mehreren Wochen in der ewigen Stadt. Es war also nichts natürlicher, als daß auch Graf Ballestrem dorthin reiste: und weiterhin war es ebenso natürlich, daß der hl. Vater einem Manne von der Bedeutung und von dem Range des Grafen Ballestrem eine Audienz gewährte.

Was für ein Schicksal wird die lex Heintze haben? Das ist die Frage, die fortgesetzt alle Welt beschäftigt. Leider wächst die Wahrscheinlichkeit, daß die verbündeten Regierungen große Lust zur Drücke­bergerei haben. In diesem Sinne hat sich kürzlich auch der Centrumsabgeordnete Roer en in einer Ver­sammlung ausgesprochen. „Das Schicksal der lex Heintze — so sagte Abg.Roeren — ist ein zweifel­haftes, weil man nicht sagen kann, ob nicht die Re­gierung ihren eignen Entwurf fallen lassen wird. . . Es fehlt nicht an Anzeichen, welche die Vermuthung nahe legen können, daß die Regierung selbst vor dem Entrüstungsrummel kapitulirt, daß sie sich durch den­selben veranlaßt sehen könnte, ihren eignen Entwurf zu verlassen und zu verleugnen. Das Schicksal des Zedlitzschen Schulgesetzes bietet nach dieser Richtung hin ein lehrreiches Beispiel . . . Geht die Regierung dazu über, einen Gesetzentwurf, der von der Mehrheit des Volkes angenommen worden ist, fallen zu lassen, dann bringt sie sich um den Rest des Ver­trauens in den gesitteten Kreisen des Volkes, auf die sich allein in den Stürmen der Zeit, die sicher kommen werden, stützen kann." Abg. Roeren hat von neuem der Regierung eine bittere Wahrheit gesagt. Man muß nun abwarten, ob die verbündeten Regierungen die geeignete Lehre daraus ziehen werden.

Fast ebenso zweifelhaft sind die endlichen Schicksale des gesundheitlich und wirthschafilich so außerordent­lich wichtigen Fleischbeschau-Gesetzes. Die Vorschläge der Kommission haben bekanntlich eine starke Mehrheit im Reichstage für sich. Aber wenn die verbündeten Regierungen sich hartnäckig weigern, diesen Vorschlägen ihre Zustimmung zu ertheilen, dann sst wahrscheinlich anzunehmen, daß eine Verständigung wlf einer Mittellinie zwischen den Beschlüssen der Reichstagsmehrheit und dem Standpunkte der Regie­rungen zu Stande kommt.

Ein scharfes, aber wiederum recht trauriges Schlag- ucht für diejenigen, die es etwas angeht, hat der »all Oertel in Nürnberg geworfen. Der Abg. Lertel, nunmehr vor einigen Tagen verstorben, war riner der eifrigsten Parteigänger der Sozialdemokratie, dem diese letztere viel zu verdanken hat. Aber dem «bg. Oertel, der Zeitungsverleger in Nürnberg war, ging es recht gut mit seinen Unternehmungen, und das genügte, um ihm unter seinen „Genossen" und den Häuptern der sozialdemokratischen Partei Neider und Feinde erstehe» zu lassen, und man drangsalirte wn nach allen Regeln der sozialdemokratischen Quäler-

sein Hauptblatt, die »Fränkische Tagespost' in Nürnberg, deren Verkaufswerth allgemein auf 200,000 Awrk geschätzt wird, für 5000 Mk. an die Partei ab- sutreten. Herr Oertel ist darüber irrsinnig geworden und gestorben als ein neues warnendes Beispiel für ulle, die sehen und hören können und wollen, wie die Sozialdemokratie diejenigen ehrt, die ihr überzeugungs- ^eu dienen, und wie sie die Freiheit und das gute Necht des Einzelnen brutal mit Füßen tritt, gleich- Mtlg, ob der Getretene darüber zu Grunde geht oder nicht.

$ in dieser letzten Woche haben wir die traurige W'cht, von dem Ableben eines Kirchenfürsten zu be- bu . Kardinal Haller, Fürsterzbischof von Salz-

in die Ewigkeit abberufen worden. Trauernd 8» ».• katholische Welt an seiner Gruft: der greife nrdinalpriester hat für seine Kirche gewirkt, wieselten net- Seine umfangreiche und von reichem Segen

gekrönte Thätigkeit wird ein bleibendes Denkmal be­halten in den Annalen der katholischen Kirchen­geschichte.

Die Tschechen schaffen sich durch ihre verfehlten und übertriebenen Machenschaften immer neue Gegner. Die Vorliebe der Jungtschechen für Rußland ist be­kannt. Diese hat nun einen neuen Ausdruck darin gefunden, daß die Tschechenführer an den Schulen mit tschechischer Unterrichtssprache russischen Sprachunter­richt als pflichtmäßigen Gegenstand eingeführt haben wollen. Aber daran haben die Polen lebhaft Anstoß genommen, und nun fallen die polnischen Blätter über die Tschechen und ihre russischen Liebhabereien her, daß es nur so seine Art hat.

In Wien erwartete man wieder einmal den Be­such des Fürsten Ferdinand von Bulgarien, der gern König werden möchte und dafür sicherlich alles thun würde, was nur immer Jemand von ihm verlangen wollte. In Petersburg macht man sich augenscheinlich diesen Umstand zunutze und sucht so viel wie möglich in Bulgarien für das Moskowitec- thum selbst einzuheimsen. Aber Furcht vor Konflikten an der unteren Donau braucht man deswegen nicht zu haben, so lange Oesterreich und Rußland in ihren Ansichten über die Lage der Dinge an der unteren Donau einig sind. Und jetzt sind sie einig, daran ist nicht zu zweifeln. Höchstens könnte es eines schönen Tages mit dem Herrscherthuin des Koburgers ein Ende haben; und das würde schwerlich bei irgendwem in Europa Trauer Hervorrufen.

Ein Mordversuch gegen den Prinzen von Wales auf dem Nordbahnhofe in Brüssel ist zum Glücke fehlgeschlagen. Der Meuchelmörder, ein junger Klempnerbursche von kaum 18 Jahren, hat fehlge- schoffen. Das ändert aber nichts an der traurigen Thatsache, daß die That überhaupt unternommen wurde. Augenscheinlich sind auch in diesem Falle anarchistisch-sozialistische Treibereien die hauptsächliche Veranlassung gewesen, dem Burschen Sipido, so heißt der Attentäter, den Kopf zu verwirren.

Die Königin von England macht nach langen Jahren wieder zum ersten Mal einen Besuch in Ir­land. Bis jetzt ist der Empfang, der ihr zu Theil wurde, überall gut gewesen. An der Abneigung der Iren gegen diesen Krieg in Südafrika wird indessen auch durch diesen Besuch wenig geändert wer­den. In dem Kriege selbst sind neuerdings kaum Ereignisse von besonderer Bedeutung zu verzeichnen. Das trifft nach wie vor zu, daß Feldmarschall Roberts seine liebe Noth hat, feine Stellung in Bloemfontein zu behaupten: und in Natal sieht es nicht anders aus. Der Krieg wird eben aller Wahrscheinlichkeit nach noch recht lange dauern zum Bedauern aller Freunde der Gerechtigkeit!

D Verschleppungen.

Die ,Berl. N. 91/ behaupten, daß im Reichs­tage von einer Seite, von der man es nicht hätte erwarten sollen, „planmäßig auf die Ver­schleppung der Flottenangelegenheit hingearbeitet wird". Gerade deshalb unterstützten „gewisse Leute plötzlich mit aller Kraft" das Ver­langen des Centrums nach einer befriedigenden Lösung der Deckungsfrage. Für gewöhnlich wird die Lösung der Deckungsfrage als ein gün­stiges Zeichen für die Flottenvorlage angesehen, und deshalb mußte die Unterstützung der Cen­trumsforderung als Verdienst gelten. Allein das Blatt der Flottenintereffenten argumentirt anders Es wiederholt seine schon neulich aus­gesprochene Ansicht, daß die Lösung der Deckungs­frage in so kurzer Zeit, wie sie roch zur Ver­fügung steht, unmöglich sei. E ne Erbschafts­steuervorlage z. B. lasse sich, wenn die Regierung darauf überhaupt eingehen wollte, so schnell gar nicht ausarbeiten. Der Reichssckatzfikretär habe sein Entgegenkommen mit seiner Zustimmung zur Verdoppelung des Lotteriestempels und zur Sac charinsteuer hinlänglich bethätigt. Damit habe die Regierung ein Uebrigks arthan, um die Deckung des Mehrbedarfs der Marine bis zur Neu­ordnung deS Reich! finar zwisens in Zusammen­hang mit der Zolltarifreform sicher zu stellen. Wollte sie darüber hinaus sich auf einschnewende Maßregeln einlassen, so würde das auf eine Vertagung der ganzen Flottenver­stärkung auf unbestimmte Zeit hinaus- kommen. Durch Unterstützung der Centrums­forderung arbeite man also für die Verschleppung.

Die «Deutsche Tagesztg.' will keine Ahnung haben, wo die „gewissen Leute" seien, die so etwas „planmäßig" betreiben. Uns ist es gar nicht zweifelhaft, daß die konservativen „Agrarier" gemeint find, und das Organ des Bundes der Landwirthe dürfte darüber wohl auch nicht im Unklaren sein. Das Wort des Abg. Dr. Hahn von der „gräßlichen Flotte" war mehr als einem der in seiner Nähe sitzenden Herren aus der Seele gesprochen. Sie sind nur nicht alle so offenherzig. Aus den Kreisen ihrer Standes- und Gesinnungsgenoffen wird jedoch in Zu­schriften an die .Deutsche Tageszeitung' die Ab­neigung gegen d?e Fiottknoorlage wieder und wieder laut. Nach den Andeutungen des Blattes läßt es nur die Wenigsten öffentlich, zu Worte kommen, aber sie sprechen schon deutlich cenug. Es ist nicht allein der augenblickliche Aerger über das Fleischbcschaugesetz, der sich da

in feindseligen Worten Über die Flotte Luft macht. Es herrscht in landwirthschaftlichen Kreisen eine intensive Abneigung gegen die Flottenvorlage, weil diese ausgesprochener Maßen vor allem im Jntereffe der Ausfuhrindustrie und des Ausfuhrhandels eingebracht ist, und weil man befürchtet, daß eine weitere Begünstigung der Industrie die Leutenoth noch vermehren und die Flotte die Getreideeinfuhr begünstigen werde

Auch der sehr floltenfreundlichen »Post' ist die Stimmung im Lande nicht entgangen. Sie bekennt, daß der Flottenverein trotz aller angeb­lichen Begeisterung in der Tiefe der Be­völkerung noch nicht Boden gefaßt Hobe und man sich durch seine Thätigkeit nicht zu Illusionen verleiten lassen dürfe. Zwar hofft sie noch auf sicheren Erfolg, wenn der Reichstag wegen Ablehnung wesentlicher Theile der Vorlage aufgelöst würde, aber eine Auflösung wegen der Deckungsfrage würde nicht die ge­ringste Aussicht auf Erfolg haben. Also das Schwesterblatt, die ,Becl. 91. 91.', ist im Gegensatz zu diesem der Meinung, die Deckungs­frage müsse zunächst gelöst werden. Nachdem man sich allseitig soweit mit ihr eingelassen hat, wird man auch nicht mehr anders können. Ist der Regierung daran gelegen, die Vorlage nicht verschleppt zu sehen, so wird sie den.Berl. N. N.' nicht folgen. Vielleicht ist sie aber thatsächlich schon zu weit auf den Wegen gewandelt, in dem sie das verflossene halbe Jahr nicht besser benutzt hat. Die Schuld an einer Hinausschiebung dec Vorlage würde sie tragen, weil sie feine Deckungsvorschläge ausgearbeitet hat. De» „ge­wissen Leuten", die die „gräßliche Flotte" nicht wollen, dies aber nicht offen bekennen mögen, wird übrigens mit einer Verschleppung nur dann wirklich gedient, wenn diese gleichbedeutend wäre mit dauernder Ablehnung. Wenn sie die Deckungsforderung mit Hintergedanken unter­stützen, so könnte ihre Absicht int letzen Grunde also nur fein, die Vorlage zum Scheitern zu bringen. Aber wenn deshalb aufgelöst würde? Dann würden wir sie unter den „opferwilligen Patrioten" sehen.

Deutlicher als bei der Flottenvorlage und im Zusammenhänge mit dieser glaubt man eine Ver­schleppungs-Taktik bei der Kanal-Vorlage zu bemerken. Eben taucht wieder die Meldung auf, der GroßschifffahrtS-Weg Berlin- Stettin solle auf unmittelbare Anregung deS Kaisers aus der Vorlage herauSgenommen und unmittelbar nach den Osterferien in einem beson­deren Gesetzentwürfe an den Landtag gebracht werden. Hiergegen wendet sich die,Nordd. Allgem. Ztg/. Sie hält eS für „zweckmäßig, die Erörte­rungen über etwaige Abtrennung einzelner Theile des GesammtplaneS und über den Zeitpunkt des Einbringens der Vorlage möglichst zu beschrän­ken", und erklärt kategorisch: „Von einer Tren­nung in Einzelvorlagen oder gar von einem Fallen- lassen deS Rhein-Elbe-Kanals ist, soweit die Re­gierung in Frage kommt, in keiner Form die Rede." Dieses „soweit die Regierung in Frage kommt" sieht recht verdächtig auS. Fast scheint es, als ob „an anderer Stelle" doch die Tren­nung gewünscht wäre. Vielleicht deutet die Er. klärung auch auf Meinungsverschiedenheiten inner­halb der Regierung selbst.

Das offiziöse Blatt schickt eine längere Er­örterung über die Frage, wann die Kanalvorlage kommt, voraus, und muß gestehen, daß es „auch heute aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist, den Zeitpunkt genau anzugeben". Die Ver­zögerung fei aber „lediglich ourch den Wunsch und den festen Willen veranlaßt, der Vorlage alle Vorbedingungen für d'e Annahme zu sichern". Dazu dürften insbesondere die Verhandlungen mit den Interessenten beitragen. Ueber die Ver­besserung der Wasserstraße Oder. Weichsel und den Masurischen Kanal werden die Verhandlungen aber erst „unmittelbar nach Ostern eingeleitet" werden. Bei den bisherigen Verhandlungen haben die Entwürfe durchweg große Anerkennung ge­funden und die ,Nordd. Allg. Ztg/ schöpft daraus die Hoffnung, daß das große Werk „zu einem für die große Mehrzahl befriedigenden Ende" geführt werde. „Dieses Ziel so bald als möglich zu erreichen, versichert sie nochmals, ist der un­abänderliche feste Wille der Regierung." Also die Vorlage kommt, nur weiß man immer noch nicht wann; Pfingsten wird gewiß darüber herankommen. Und da soll man glauben, eine so umfangreiche Vorlage könne noch in dieser Tagung erledigt werden? Gewiß macht sie der Regierung große Arbeit, aber es wird nicht viele Leute geben, die alle taktischen Erwägungen bei der Behand­lung der Vorlage für ausgeschloffen holten, den nationalliberalen Kanalfreunden die Vorlage immer wieder in Aussicht stellen, den konservativen Kanal­gegnern Hoffnung auf „Vertagung" machen. Das scheint bis zur Entscheidung über die Flotten­vorlage wenigstens an „gewissen Stellen" und der Regierung leitender Gedanke zu fein.

Deutsches Deich.

Berlin, 12. April.

X Derfichernng i« einer Höheren Lohn- Klasse der Invaliden MerstHernng. Nach der am 1. Januar d. I. in Kraft getretenen No­velle zum Jnoalidenversicherungs - Gesetze vom 13. Juli 1899 kann jeder Versicherte die Ver­sicherung in einer höheren Lohnklaffe — bis zur 5. Klaffe — beanspruchen und sich dadurch auch die entsprechend höheren Rentenansprüche erwer­ben. Allerdings hat er dann nach dem Gesetze die Mehrkosten allein ohne Beihilfe des Arbeit­gebers zu zahlen. Anscheinend ist diese Vergün­stigung bisher wenig beachtet und noch weniger in Anspruch genommen worden, weshalb wir allen Arbeitern und besonders auch allen Arbeite- rinnen den wohlgemeinten Rath geben, sich die Sache einmal genauer zu überlegen. Viele wer­den sich dann gewiß überzeugen, daß sie sich nach jener Bestimmung mit kleinen Opfern große Vor- theile sichern können. Versichert sich z. B. Je­mand vom 16. bis zum 46. Jahre in der III. Lohn­klaffe und wird er dann invalide, so beträgt die Rente 250 Mk., hätte er aber immer die Mar­ken dec V. Lohnklaffe geliebt, so würde er jähr­lich 330 Mk., also 80 Mark mehr beziehen. Nach 40 Beitrags-Jahren — also etwa im 56. L ebensjahre — beträgt die Invalidenrente in der V. Lohnklaffe 390 Mk., oser bereits 100 Mk. mehr wie in der III. Klaffe. Zur Erlangung dieses Bortheiles, nämlich vielleicht noch auf viele Jahre hinaus jährlich 100 Mark mehr Rente zu erhalten, hätte em in der III. Lohn- klasse Versicherungs pflichtiger in den 40 Jahren wöchentlich 12 Pfg., also jährlich 6 Mk. ober im Ganzen 240 Mk. mehr zu zahlen gehabt. Nach dreijährigem Rentenbezuge hat er also in Folge der erhöhten Rente bereits mehr zu­rück erhalten, als er in vierzig Jahren nach und nach gezahlt hat. — Daß übrigens manche Versicherte die Vortheile der Höherver­sicherung zu schätzen wissen, zeigt folgender: In einer uns bekannten Fabrik, in welcher im Ganzen — einschließlich der jugendlichen — ca. 350 Ar­beiter und Arbeiterinnen beschäftigt sind, wurde durch Anschlag bekannt gemacht, daß eine ver­sicherungspflichtige Person der Fabrik, welche sich höher versichern wolle, wie in der ihrem Lohne entsprechenden Klasse, auch dann nur die Hälfte des ganzen Beitrages zu entrichten habe, während die Firma die andere Hälfte übernehme. Wolle z. B. ein Arbeiter der III. Lohnklasse in der IV. versichert werden, so habe er wöchentlich 15 Pfg. und die Firma ebenfalls 15 Pfg. zu zahlen; er könne auch die V. Klasse wählen, und dann habe er und die Firma je 18 Pfg. zu tragen. Obwohl ein be­trächtlicher Theil der Arbeiter schon aus Grund ihres Lohnes in die V. Lohnklaffe gehören, mel­deten sich doch innerhalb 14 Tagen 86 Arbeiter und 45 Arbeiterinnen zur Höherversicherung und zwar sämmtlich zur V. Klaffe. Dieses Resultat wird hoffentlich manchen wohlwollenden Arbeit­geber veranlassen, in gleicher Weise vorzugehen und es dadurch seinen Arbeitern und Arbeiterinnen zu erleichtern, sich den Anspruch auf eine möglichst hohe Rente für ihren Lebensabend zu erwerben. Jedenfalls lohnt sich für den Arbeiter das kleine Opfer der Höherversicherung aber auch dann, wenn er allein die Mehrkosten zu tragen hat. Möchte man daher namentlich in den Arbeiter­vereinen daran denken, daß die Mitglieder an die Vortheile einer Höherversicherung hin und wieder erinnert werden.

x Die geringe Höhe der gerichtlichen Strafen, die über Arbeitgeber bei Dergehe« gegen ArVeiterfchntzSekimmnngen mitunter verhängt wird, bildet eine ständige Anklagerubrik in sozialdemokratischen Organen. Die Gewerbe« aufsichtrbenchte zeigen, daß die Sewerbeauffichts- beamten viele Fälle dieser Art verzeichnen und an den verschiedensten Stellen auf eine strengere Handhabuig der Strafbestimmungen hinwirken, indem sie feststellen, wie sehr viel gewissenhafter in Folge dessen die Arbeiterschutzbestimmungen beachtet worden sind. Die Reichsregierung selbst bringt für den Fall, daß ein Unternehmer ge» winnsüchiig sich gegen die Arbeiterfchutzgesetze vergeht, auf strenge Bestrafung. Der Staats- ftkretär des Innern, Graf v. PosadowSky, hat zu diesem Zwecke an die Regierung der Bundes­staaten die dringende Bitte gerichtet, in solchen Fällen, wo eine ausreichende und geeignete Be­strafung in der ersten Instanz nicht stattgefunden, die Anwälte darauf hinzuweisen, eine Korrektur des Unheils in zweiter Instanz herbeizuführen.

* Die Ikeichsssempekavgave« sollen für 1899 rund 53 Millionen Mark abgeworfen haben, das sind etwa 3 Millionen Mark mehr als ver­anschlagt worden war. Der Ueberschuß entfällt der Hauptsache nach auf die Börsensteuer, während die Loosesteuer den gehegten Erwartungen nicht ganz entsprochen hat.