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Grscheint tLgkch, M. Ausnahme der Sonn- und Feier» tage- Bierteljährl.

Ahne Bnngerlohn ,nd Bestellgeld in »ulda und auS- »trtSlM.MPj.

FuldaerMZeitung

Inserate: Die estc- spalt. Garuwnd- zeile ober deren Raum 15 Pf., Re­klamen die Petit- zeile 25 Pf.; bei Wiederholung« wird entsprechend. Rabatt gewährt.

für JnfrtatTj. pa,zelle» ta Selb«. mit Ftnlerhattungs-Aeikage „Issustrirte Sonnlags-Zeilung« peteragaSe kl». 2 Cfcaratouk).

27. Jahrgang.

Jutda, Donnerstag, den 22. März 1900.

J£67.

□ Vor sünszig Jahren.

In diesem und dem vorigen Jahre begehen und begingen die St. Vincenzvereine in mehreren Städten Deutschlands das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens in feierlicher Weise. Die hiesigen Vincenz-Konferenzen können dieses Fest erst in 15 Jahren feiern, da am 21. August 1865 vom Generalrath in Paris die St. Vincenz-Konferenz von Fulda in den Verein ausgenommen worden ist; in anderer Form aber ist auch hier ein Wohlthätigkeits- v ereiu schon im Jahre 1850 ins Leben getreten, aus welchem später der Vincenzverein hervorging.

Das betreffende Schriftstück, welches als Gründungsdokument betrachtet werden kann und welches sich bei den Akten des St. Vincenzvereins befindet, hat folgenden Wortlaut:

Es ha en sich unter dem Heutigen bie Unterzeichneten zu einem Wohlthätigkeits-Vereine verbunden welcher sich vorerst die Unterstützung armer Kranken hiesiger Stadt mit Nahrung, Holz und Kleidung zum Ziele gesetzt hat und die Mittel hierzu durch monatliche freiwillige Geld­beiträge, deren Minimum in der Beilage eingezeichnet ist, und durch Annahme von Naturalien u. s. w. zu be­schaffen sich verpflichtet. Die Unterzeichneten haben als­bald zum Vorstande dieses Vereines den Dompräbendaten Lomb, den Stadtkaplan Engel und den Domkaplan Schell erwählt, und diesen Herren die Einlassirung der monatlichkn Beiträge, die Empfangnahme anderer Geld- und Natural-Unterstützungen und die Verwendung derselben zu dem obigen Zwecke an die zur Unterstützung aufgenommenen Personen, die von den Beretnsmitgliedern in Vorschlag gebracht werden können, übertragen. Der Vorstand wird von Zeit zu Zeit, wenigstens am Ende jedes Jahres einen Rechenschafts-Bericht in dem Korre­spondenten der Pius-Vereine der Diözese Fulda ver­öffentlichen.

Da die Erweiterung dieses Vereines im Interesse der leidenden Menschheit so sehr erwünscht ist, so laden wir 'Ne hochwürdige Geistlichkeit hiesiger Stadt ein, ihren Beitritt zu obigem Vereine auf anliegendem Bogen zu erklären, die monatlichen Beiträge geneigtest unter­zeichnen und wohlthätige Laien zur Beitritts-Erklärung veranlassen zu wollen.

Fulda, 26. März 1850.

Komb. Engel. Will. Wehner. Kalb. Kahn. Ksister. Malkmuo. Schell. Erb.

Mit innigem Vergnügen drücke ich meine Billigung hinsichtlich dieses so echt christlichen und zeitgemäßen Vereins aus und bin bereit, nicht nur einen monatlichen Beitrag von 5 Thalern zu leisten, sondern auch in be­sonderen Fällen weitere Beiträge nach Kräften an den Verein gelangen zu lassen.

Fulda, 1. April 1850.

t Khristoph Iksrenttus,

Bischof.

Von den hochw. Unterzeichnern weilen nur noch zwei: Herr General ick ir und Protonotar Engel und Herr Pfarrer Schell in Großen­lüder unter den Lebenden.

Das KMckskind.

Erzählung von Irene von Hellmuth.

11 ------ Nachdruck verboten.

V.

Die Dämmerung des kurzen Wintertages war eben angebrochen, als Röschen, die sehr zum Auf­bruche gedrängt hatte, mit Tante Aurelia heimkehrte.

Sie schmeichelte und bat so lange, bis diese >ie Trlaubniß gab, noch rasch den Gang zur alten Martha und von da ins Leihhaus machen zu dürfen. „Aber Du mußt Dich beeilen, Rosi, daß Du, bevor der Onkel zurückkehrt, wieder da bist; Du weißt, er würde sonst schelten," rief Tante Aurelia der Hinauseilenden nach.

„In einer halben Stunde bin ich wieder da, Tantchen, — und dann schläft Martha heute Nacht in ihrem Bett, ich kann es kaum erwarten, bis ich es ihr zurückgebracht habe; ihre Kinder sollen initgehen und es tragen."

Aus der Küche trat Röschen die treue Magd entgegen, und flüsterte ihr heimlich zu: „Wollen Sie nicht etwas gute Suppe für Ihre Kranke Nitnehmen, Fräulein? Sie ist eben fertig, und sehr kräftig und wohlschmeckend, es ist meine eigene, ich koche mir schnell eine andere."

„O, wie gern, Riecke," jubelte Röschen. „Ach toirb Martha sich freuen, Du solltest nur sehen, tote dankbar die für alles ist, was man ihr thut; die Thränen laufen ihr jedesmal über die runz- ichen Backen, wenn ich komme."

WDrend das Mädchen heiter plauderte, hatte klecks' ^Mien tiefen Topf mit dampfender Suppe

G „Genoffe" Millerand.

Als Herr Millerand als sozialdemo­kratisches Mitglied gemeinsam mit dem schneidig kavalleristischcn und kaum noch republikanischen General Marquis von Gallifet in das gegen­wärtig französische Ministerium des Herrn Wal- deck-Rouffeau eingetreten war, entstand großes Lamento in einem Theile der sozialdemokratischen Presse hüben und drüben, an der Seine und an der Spree. Herr Mrllerand sollte dadurch, daß er Handelsminister unter Waldeck-Rouffeau geworden, war, gegen sozialdemokratische Grund­lehren verstoßen haben; und in der That war es auch so. Denn eigentlich sollte doch kein So­zialdemokrat helfen dazu, der Welt zu zeigen, daß es auch ganz gut mit der bürgerlichen Ge­sellschaftsordnung geht.

Aber der Sturm hat nicht lange gedauert; und nicht allzu lange danach hat eine Versamm­lung der französischen Sozialdemokratie einen Be­schluß gefaßt, der nicht anders gedeutet werden konnte als eine Zustimmung der Partei in aller Form zu dem Eintritte eines der Ihrigen in ein bürgerliches Ministerium. Denn die Sozialdemo­kratie denkt gar nicht daran, so zu handeln, wie sie lehrt; sie versteht es vortrefflich, ihre angeblichen Grundsätze unerwarteten Ereignissen unterzuordnen, wenn sir glaubt, daß sie damit Profit machen kann.

Und mit Herrn Millerand macht sie Profit. Das ersieht man aus einer Verordnung, die der­selbe vor einigen Wochen als Minister für Handel und Gewerbe erlaffen hat.

Die freien Gewerkschaften find, wie Jeder­mann weiß, durchaus sozialdemokratische Parteiorganisationen geworden; inFrank- reich genau ebenso wie in Deutschland. Außer­dem gibt es in Frankreich noch sogenannte Ar­beiterkammern, die ebenfalls vollkommen sozialdemokratisch geworden, übrigens ein­seitige Arbeiter-Körperschaften und nicht Ver­tretungen in dem Sinne der Arbeitskammern des Antrages Lieber-Hche im deutschen Reichstage sind. Diese Letzteren sollen ja vielmehr nach dem Wunsche der Antragsteller gleichmäßig aus Unternehmern und Arbeitern zusammengesetzt werden.

Gerade deswegen, weil die Sozialdemokratie mit den Gewerkschaften für ihre ausschließlichen Parteizwecke arbeiten will, sucht sie diese Gewerk­schaften als künstliches Mittelglied einzuschieben zwischen die Arbeiter und die Gewerbe-Aufsichts- Beamten. Die Herren Genossen wiffen genau, warum: sie wollen eigentlich kein Mittelglied einschieben, sondern vielmehr eine Trennungs­wan d zwischen Arbeitern undGewerbe-Jnspektoren ausrichten und möchten es gar zu gern dahin bringen, daß die Arbeiter schließlich die Vortheile, die ihnen aus der Einsührung der Gewerbe-Auf­sicht erwachsen, erst aus der Hand der vermittelnden oder vielmehr eigentlich trennenden sozialdemokrati­schen Gewerkschaft empfangen. Ihre Be­schwerden sollen nach dem Wunsche der Grnoffen die Arbeiter nicht an die Ausfichtsdeamten un­mittelbar richten, sondern an die Gewerkschaft; und diese letztere soll nun erst den Beamten da­von in Kenntniß setzen.; *$••• ■

gefüllt und in ein Körbchen gestellt, mit welchem Röschen sich eiligst entfernte.

Das Häuschen der alten Martha war bald erreicht.

W Hier herrschte allerdings traurige, nackte Ar- muth und Dürftigkeit. Das Stübchen war dunkel und kalt, die Kinder hockten zusammengekauert und vor Hunger weinend, in einer Ecke. Als Röschen eintrat, konnte sie sich kaum zurechtfinden, und rief einem etwa zehnjährigen Mädchen zu: „Gretel, mach schnell, warum zündest Du denn kein Licht an?"

„Wir haben keines im Hause, Fräulein," ent­gegnete die Angerufene weinerlich.

„So lauf, da hast Du Geld, und hole welches. Nachher, wenn Du kommst, gibts Suppe, — hörst Du, heiße, gute Suppe, die wird Dir aber schmecken, mein Gretelchen."

Das Mädchen ließ einen Jubellaut hören, und eilte, so rasch es die viel zu großen Socken ge­statteten, davon, um in kurzer Zeit mit einem Talglicht zu erscheinen.

Röschen hatte eben ihre Suppe ausgepackt, und Gretel, sowie deren Schwester legten die feuerrothen, erstarrten Händchen um den noch heißen Topf, um sich zu wärmen. Die Kinder streckten die Näschen vor, und athmeten behaglich den Duft, welcher der Suppe entströmte; sie blinzelten sich vergnügt zu, die Freude an dem bevorstehenden Genuß konnte man ihnen von den lächelnden Gesichtern ablesen.

Röschen wandte sich der auf dem ärmlichen Lager ausgestreckt liegenden Kranken zu. Dieselbe war noch nicht so alt, als man nach deren Aus­sehen schließen mochte.

Das möchten dir Herren Genoffen. Aber alle anderen Leute wollen das natürlich nicht. Alle verständigen und nicht durch Parteileidenschaft verblendeten Leute wollen vielmehr den unmittel­baren Verkehr zwischen den Beamten und den Arbeitern so sehr wie möglich fördern; und ob­wohl das leider gar kein leichtes Unternehmen tst, so sieht man glücklicherweise doch schon Fort­schritte darin. Der soeben erschienene Bericht der badischen Fabrik-Inspektoren stellt von neuem fest, daß sowohl der mündliche als auch der schriftliche Verkehr zwischen den Arbeitern und Beamten allmählich lebhafter als in früheren Jahren wird.

Anders geht Herr Millerand in Frankreich vor. Dieser hat in der vorher erwähnten Ver­ordnung an die französischen Gewerbe-Inspektoren ganz einfach verfügt, daß sie sich der Gewerkoereine und Arbeitersyndtkate nach Möglichkeit zu bedienen haben, um Mißständen in Gewerbebetrieben nach­zuforschen; und ferner sollen die Inspektoren alle Eingaben und Beschwerden, die durch die genann­ten Körperschaften an sie gelangen, sofort prüfen und dann innerhalb eines Zeitraumes von vierzehn Tagen an die Sekretäre jener Arbeitervertretungen über ihre Erhebungen Bericht erstatten.

Es kann nur empfohlen werden, daß die Be­amten nicht etwa geflrffentlich solche Beschwerden unbeachtet lassen, die ihnen durch eine Gewerk­schaft sozialdemokratischer Tonart zugehen. Und thatsächlich hat man ja bereits in Bayern und Württemberg die verständige Einrichtung ge­troffen, daß die Gewerbeaufsichtsbeamten ab und zu mit gewerkschaftlichen Vertretern zu gemein­samen Besprechungen zusammenkommen. Aber wie es Herr Millerand macht, das heißt ganz einfach die Gewerbe-Inspektoren der sozialdemo­kratischen Herrschaft unterordnen zum Schaden des schnellen und unbeeinflußten Arbeitens der Gewerbe-Inspektion selbst.

Man sieht, die Katze läßt das Mausen nicht und der „Genoffe" Millerand vergißt auch als Minister nicht, daß er Sozialdemokrat ist und sozialdemokratische Parteiverpfltchtungen hat. Als Minister für Handel und Gewerbe kommt ihm eine bedeutende Rolle bei der Eröffnung der Pariser Weltausstellung zu, und man be­richtet, er wolle auch diese Gelegenheit benützen zu einer Verherrlichung der sozialdemokratischen Umsturzgedanken. Darauf darf man, wenn die Nachricht zutrifft, begierig fein.

Ab->r die Sozialdemokraten haben wahrlich keinen Grund mehr zur Uuzuftiedewhest mit ihrem Genoffen auf dem Pariser Ministersessel.

Deutsches R^ch.

Berlin, den 21. März.

+ Das Befinden des Abg. Dr. «Liever ist andauernd vortrefflich: Er befindet siq viel­fach außer dem Bett, erholt sich zusehends und ist in bester Stimmung. Seine Uebersiedslung nach Camberg muß bis Anfang April verschoben werden mit Rücksicht auf seinen dortigen Haus­arzt, der gegenwärtig zu einer militärischen Uebung ein gezogen ist.

„Ihr sollet auch etwas genießen, Martha," bat das junge Mädchen sanft.

Die Angeredete streckte ihrer Wohlthätenn die beiden abgezehrten Hände entgegen, dankbar, in Thränen schwimmend, blickten ihre Augen auf das liebliche Mädchen.

„Sie sind so engelsgut, Fräulein! Gott lohne Ihnen, was Sie an einer armen Kranken thun," tönte es matt von den blassen Lippen.

„Fräulein, dürfen wir jetzt essen?" fragte Gretel, die ihre Begierde kaum noch bezähmen konnte.

„Ja, ja, Kinder, macht schnell, Ihr müßt nach­her noch mit mir gehen."

Im Nu war der Topf geleert, lächelnd hatte die junge Spenderin zugeschaut, im Stillen be­dauernd, daß sie nicht reich genug war, um hier gründlich helfen zu können.

Dann machten sich die drei auf den Weg.

Es war unterdcß vollständig dunkel geworden, die Kinder froren in ihren dünnen Kleidchen. Es schneite in großen Flocken, dazu blies ein eisiger Wind von Norden her, der den Schnee durchein­ander wirbelte, so daß man kaum sehen konnte.

Röschen ging eiligen Schrittes dahin, so daß die Kinder ein Stückchen zurückblieben. Sie kämpf­ten sich mühsam durch den tobenden Sturm.

Einige Straßen waren schon durchwandert, als Röschen plötzlich eine wohlbekannte, geliebte Stimme vernahm. Freudig durchzuckte es ihr Herz, doch die Freude wandelte sich rasch in herben Trotz. Denn nicht liebreich, sondern tadelnd klang es aus Hermann Pächtners Munde an ihr Ohr:

„Ja, sehe ich denn recht, Du hier? Was machst Du denn zu solcher Stunde und bei diesem Wetter

ft Die Wahk des soziakdcmokratische« ASg. Sachs, der für den schlesischen W ihlkreis Waldenburg in den Reichstag gewählt ist, soll nach einem heute (Mittwoch) gefaßten Be­schlüsse der Wahlprüfungs Kommission un gütig erklärt werden. Beanstandet wird durch die­selbe Kommission die Wahl des elsässischen Ab­geordneten Baron de Schmid, der den 12. elsässischen Wahlkreis im Reichstage vertritt.

X Im Reichstage soll nach Beendigung der zweiten Etats-Berathung am Montag der Entwurf der Seemanns-Ordnung in erster Lesung an die Reihe kommen. Nachher soll der Etat in dritter Berathung herangenommen werden, und wenn dann auch diese erledigt sein wird, sollen nach einem heute gefaßten Beschlüsse des Seniorenkonventes die Osterferien beginnen. Man nimmt an, daß dieselben bis zum 24. April dauern werden.

+ Einen Rückzug der Regierung in Sachen der lexHeintze befürchtet der konservative Berliner .Reichsbote'; derselbe schreibt: „Die Regierung scheint also auch hier, wie schon so oft, vor der Agitation zurückweichen zu wollen" — und kommt für sich zu dem Schluffe, daß die IsxHeintze allen Anstrengungen der Mehrheit zum Trotze als gescheitert angesehen werden müsse. Dem gegenüber darf man niemals vergessen, daß die Reichsregierung selbst es war, welche die Vorlage etnbrachte. Wenn sie jetzt, wie ehe­mals die preußische Staatsregierung in Sachen eines Volksschul-Gesetzes auf christlicher Grund­lage, feige vor der Agitation der Sozialdemo­kraten und Freisinnigen zurückweichen sollte, dann würde sie sich selbst mit ihren eigenen Werken ein trauriges Armuthszeugniß ausstellen. Denn es würde, wie schon gestern an dieser Stelle aus­gesprochen, nichts weiter als leere Spiegelfechterei fein, wenn die Regierung den sogen. Wohnungs- Paragraphen als Grund sür die Ablehnung deS ganzen Gesetzes an geben würde; ganz abgesehen davon, daß der Vertreter der verbündeten Re­gierungen bei der Berathung dieses Paragraphen erklärte, die Regierungs-Fassung desselben sei für die Regierung keine conditio eine qua non — keine Bestimmung, deren Ablehnung das ganze Gesetz für die Regierung unannehmbar machen würde. Die Mehrheit des Reichstages ist der Regierung sehr weit entgegengekommen. Sollte jetzt die Reichsregierung mit solchen leeren Vor­wänden arbeiten, so würde sie kein ehrliches Spiel treiben.

* Die Abstimmung Sei der lex Aeiutze. Jetzt liegt der amtliche Bericht vor über die Sitzung des Reichstages am letzten Samstag, in der die Berathung über die lex Heintze wegen Beschlußunfähigkeit des Reichstages aufs neue ver­tagt werden mußte. Die Aufschlüsse, die man aus diesen amtlichen Auszeichnungen erhält, bestätigen leider vollkommen die Thatsoche, daß die Rechte verhältnißmäßig schwach vertreten war. Die Kom­promißanträge der Rechten und des Centrums waren von 206 Mitgliedern des Reichstages unter­zeichnet worden; aber von diesen 206 fehlten bei der Abstimmung am letzten Samstag 75. Von diesen 75 waren sechs krank, zehn beurlaubt und sieben entschuldigt; die übrigen 52 fehlten ohne Entschuldigung, namentlich bei den Konservativen noch auf der Straße? Und ganz allein? Wo willst Du denn hin?

Er bemerkte die beiden kleinen Mädchen mcht, die inzwischen unbekümmert um Röschens Auf­enthalt ihren Weg fortsetzten.

Rosi hörte das Mißtrauen ans jedem seiner Worte, er gab sich auch gar keine Mühe, es zu verbergen. In jähem Schmerz Über diese Er- kenntniß zog sich ihr Herz zusammen, er — er mißtraute ihr, — ohne Grund, — auf den bloßen Schein hin.

Stolz war ein Hauptzug ihres Charakters. Sie wußte, daß ein Wort von ihr die Sache aufklären mußte, — aber trotzig biß sie die Lippen zusammen, und stand einige Sekunden wortlos vor ihm.

Er deutete ihr Schweigen für Schuldbewußt- sein, und noch etwas strenger als vorher klangen seine Worte: „Nun, willst Du mir nicht sagen, was Dich um diese Stunde hierher führt, ich habe ein Recht, es zu erfahren."

Endlich öffnete sich der kleine, trotzige Mund: „Verzeihe, Hermann, ich — ich habe Eile, da mein Vormund nicht wiffen darf, daß ich noch ausging und ich infolgedessen vor ihm wieder zu Hause sein muß."

Wohl ahnte si-, daß diese Worte sein einmal rege gewordenes Mißtrauen noch steigern mußten, doch was thats? Im Gesühle ihrer Unschuld ging alles andere unter. Außerdem fehlte zu längeren Erörterungen wirklich die Zeft und die stierenden Kinder thaten ihr leid. Sie durften nicht noch länger warten ,

Er hielt sie auch nicht auf, als sie nut einem