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27. Jahrgang.

IuLöa, Dienstag, den 13. März 1900.

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Aus venr Reichstage.

■tiP 165. Sitzung vom 12. März 1900.

auf das Sorgfältigste.

Selbstverständlich blieb das große Glück, das Fräulein Aurelia so unerwartet zugefallen war, vicht lange ein Geheimniß in der Stadt. Es war daher nicht zu verwundern, daß sich bald ver­schiedene Bewerber fanden, denen Aurelia um des Geldes willen begehrenswerth erschien.

Sie selbst schwamm in einem Meer von Wonne und GlÜckseligkett. Ihres Lebens schönster Wunsch würde sich erfüllen; von dem Besitz eines Gatten erwartete sie das höchste Glück.

Eines Tages gestand Aurelia strahlenden Gesichtes denn auch wirklich ihrer überraschten Schwägerin, daß sie sich verlobt habe.

Mathilde hegte zwar bange Zweifel an dem bauernden Glück des alternden Mädchens. Eine

die Wahl des Bräuttgams beeinflußt haben könnte. Auch hatte der junge Mann, den Aurelia bald darauf vorgestellt, nicht eben den günstigsten Eindruck auf Mathilde gemacht. Seine so offen

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Auf der Tagesordnung steht die zweite Berathung ... Novelle zum Münzgesetze, ja der am Tische deS Bundesraths unter anderen erschienen sind Reichs­schatzsekretär Frhr. v. Thiel mann und Seheimrath Dr. Koch, Präsident der ReichSbank.

Der erste Artikel handelt von der Außerkurs­setzung der goldenen sFünfmarkstücke mit einer Einlösungsfrist von einem Jahre.

In Verbindung damit wird folgende, von der Kom­mission vorgeschlagene Resolution zur Diskusfion ge­stellt: „Den Reichskanzler zu ersuchen, bei Neuaus­prägun, von Reichsgoldmünzen aus eine vermehrte Ausprägung von Kronen hinzuwirken."

Abg. ». Aardorfs (freikons.) kündigt an, daß er vor der Abstimmung über den Artikel IV (Einziehung von Thalern) die Auszählung des HauseS beantragen

Bon den Kindern konnte auch keines ein rechtes Zutrauen zu „dem Onkel" soffen, so viel Bonbons und Spielsachen er ihnen auch schenkte, man merkte es ihnen dennoch an, sie ließen sich nur ungern von ihm auf den Schoß nehmen und duldeten nur mit Widerstreben seine Schmeicheleien. Dies beirrte ihn aber keineswegs. Täglich kam er, seine Braut zu besuchen, und betrieb mit auffallendem Eifer die Vorbereitungen zur Hochzeit.

Aurelia glaubte darin nur Übergroße Liebe ihres Verlobten erblicken zu dürfen. Mathilde aber las von seinen Augen ab, daß eS nur der Geldbesitz war, nach dem er strebte. Es entging ihr weder das spöttische Lächeln, das um seinen Mund lag, wenn Aurelia eintrat, noch die heim­liche Ungeduld in den Zügen, wenn Aurelia gar zu zärtlich wurde.

Oft bat die tiefbekümmerte Frau: „Aurelia, Du mußt Deinem Verlobten davon Mittheilung machen, daß Du über die Hälfte Deines Geldes verfügt hast."

Aber jene wollte davon nichts wiffen.

„Das Geld ist Röschen sicher, und für das Andere laß nur mich sorgen," sagte sie jedesmal.

Aurelia wagte sich Arthur gegenüber auch nicht mit der Sprache heraus, auS Furcht, er könnte zurücktreten, und noch in letzter Stunde die Verlobung aufheben.

„Bin ich erst seine Frau, und des Besitzes seiner Person sicher, so werde ich es ihm schon beibrmgen," tröstete sie sich. „Unter Eheleuten läßt sich so etwas viel leichter verhandeln, und Überdies hat es noch gute Weile, bls Röschen

Sona» und Feier«., Lsge.LierteMhrl

ShueBringeclohn «nd Bestellgeld in Gulda und mir« sürt-IM.bVPs.

Aamen die Petii- zrile 25 Pf.; fof Wiederholung?« wird entsprechend Rabatt gewöhÄ

heirathet, — so lange bleiben wir ja im vollen Besitze des Kapitals."

Schon seit Monaten war Aurelia Arthur Böhlers grau, und noch immer zögerte sie, ihrem Gatten mitzutheilen, waS er doch wissen mußte, nämlich, daß sie Röschen die Hälfte ihres Geldes verschrieben.

Und je länger sie wartete, desto härter ent­schloß sie sich dazu. Arthur war in Geldsachen unsäglich peinlich, ja geizig zu nennen. Nun wurde es ihr erst klar, welch' großen Fehler sie mit ihrem Verschweigen begangen hatte, und bang lag ihr oft die Frage am Herzen, wie er wohl die Mittheilung ausnehmen würde.

Einmal aber mußte es fein. Aengstlich be­richtete sie ihrem Mann, was er längst wiffen sollte. .

Die Wirkung war furchtbar, und nie tu ihrem Leben vergaß Aurelia das wuthentstellte Gesicht, das er ihr nach jener Mittheilung zeigte.

Stirn und Schläfe färbte eine hohe; Zornes- röthe, mit der geballten Faust schlug er auf den Tisch, daß es dröhnte, und fast heiser klang eS an das Ohr der bestürzten Frau: „Das, — das — hättest Du gethan, 30,000 Mk. mir nichts. Dir nichts verschenkt, — o über eine solche uner­hörte Dummheit! Ha, ha, ha, — man muß wirklich lachen Über solche Bornirtheit dieses Weibes. Ja, ist denn so etwas möglich ? Du wirst doch nicht denken, daß ich darauf eingehen werde?"

Zitternd wollte Aurelia die Arme um den Hals des Gatten schlingen, doch er stieß sie un­sanft von sich.

die christliche Gewerkschaftsbewegung im allgemeinen, insbesondere bei der Gründung neuer Organi­sationen; gemeinsame Maßnahmen zur Aufklär­ung und Schulung der Arbeiter auf sozialem Gebiete wie zur Hebung der Volksbildung überhaupt. Der letztgenannte Programmpunkt erscheint besonders beachtenswerth und erfreulich; er beweist, von welch richtigem Verständniß für die Bedürfnisse des Arbeiterstandes man bei Gründung des Kartells geleitet war. Ein voller Erfolg und eifrige Nachahmung dieses Vorgehens an anderen Orten wäre schon allein im Hinblick auf diesen bedeutsamen Programm­punkt zu wünschen. Wie wir hören, ist in M.-Gladbach ein Ausschuß von fünf Textilar­beitern, vier Metallarbeitern und drei Maurern beauftragt, die weiteren Schritte zur Organisation des Kartells zu veranlassen. Auch soll eine ge­meinsame Kartellkaffe eingerichtet werden, an welche die in Betracht kommenden Verbände einen bestimmten, ihrer Mitgliederzahl entsprechenden Zuschuß leisten werden.

V Werkin, 12. März Nach einer Meldung von Helgoland ist daS Linienschiff „Kurfürst Friedrich Wil­helm" mit dem Kaiser an Bord heute Vormittag nach Bremerhaven in See gegangen. — Der Kaiser hat den Chef der Marinestation der Nordsee, Vizeadmiral Thomson zum Admiral befördert. — Der Besuch des Kaisers in Bremen ist nunmehr für Dienstag oder Mittwoch zu erwarten. Wie die ,Weser-Ztg/ von zu­verlässiger Seite erfährt, besteht die Absicht des Kaisers, wenn die Wafferverhältnisse auf der Unterweser es ge­statten, die Fahrt von Bremerhaven nach Bremen an Bord des kleinen Kreuzers „Hela" der auf der Werft der Aktiengesellschaft „Weser" daselbst erbaut ist, zu unternehmen. — Aus Wilhelmshaven wird ge­meldet : Prinz Heinrich ist nach Kiel, der Staatssekretär T i r p i tz nach Berlin abgereist. — Justizminifter Schöjn strdt beabsichtigt nach der .Ger­mania' sich Ende März zur Erholung nach Italien zu begeben. — Staatssekretär Graf Bülow ist von neuem an der Influenza erkrankt. — Der Gesetzentwurf über die PrivatverficherungSunternehmungen ist nach der .Norddeutschen Allg. Ztg.' nebst Begründung dem Bundesrath zugegangen. — Die Tapezierer und Dekorateure Berlins, »eren Gesammtzahl über 2500 Mann beträgt, sind am Montag in den Massenstreik getreten. Sie fordern 60 Pfg. Stundenlohn, 80 Pfg. für die Ueberstunde, 20 pCt. Lohnaufschlag für Akkord­arbeiten und Freigabe des 1. Mai. Laut Mittheilung der Streikkommission in der Montagmittag-Beisammlung haben bis jetzt 63 Firmen (darunter Gerson) mit 360 Mann die Forderung bewilligt.

Fünfmarkftücke, sondern auch die Zehnmarkstücke einge­zogen werden, um den Goldbestand der Reichsbank zu türken. Der Redner ist unbedingt gegen die geplante Einziehung von Thalern, wie auch der folgende Redner, der konservative

Abg. Mellich. Im übrigen aber ist dieser mit den Bestimmungen dec Vorlage einverstanden.

Abg. Kerokd-Fu lda (Ctr.): Meine Freunde stehen im Allgemeinen der Vorlage günstig gegenüber, obwohl ein Theil derselben aus Freunden der Goldwährung, ein anderer aus Anhängern der Doppelwährung besteht und ein dritter Theil eine abwartende Stellung zu diesen Fragen einnimmt. Aber alle sind der Ansicht, daß oie Thaler in unser MünzMem nicht hineinpassen. Ich beantrage darum zu Artikel IV eine Aenderung dahin, daß der Silberbestand in keinem Falle vermindert werden soll. Die fragliche Bestimmung des Arikels IV soll also folgenden Wortlaut erhalten: Zur Neuprägung dieser Münzen (zur Vermehrung der Umlaussmittel) sind Landessilbermünzen so weit einzuziehen (nicht, wie es in der Vorlage heißt, zu „veräußern"), alS solche für die Neuprägung und deren Kosten erforder­lich sind.

Schatzsekretär v. Hhiekman« spricht gegen die Vorschläge des Abg. Arendt und erklärt, daß er auch gegenüber dem Anträge Herold an der Vorlage fest­halte. Eine weitere Vermehrung unserer Silbermünzen würde nach der Ansicht des Redners dem Grundsätze der Goldwährung zuwiderlaufen.

Die Sozialdemokraten sind nach der Erklärung des Abg. Dr. SchSnkank mit der Fassung der Vorlage einverstanden, würden aber auch für den Antrag Herold stimmen.

Der natlib. Abg. Wüsing tritt durchaus für bte bei uns eingeführte Goldwährung ein und befürwortet die Fassung des Artikels IV nach der Vorlage, als» Einziehung und Umprägung von Thalerstücken zur Ver­mehrung der Reichssilbermünzen.

Reichsbankpräsident Dr. A-ch bestreitet die mehr- fach aufgestellte Behauptung, daß die Zweimark- nn» Fünfmarkstücke unbeliebt ftien. Abg. Atschveck (frets. Vp.) spricht für die Vorlage, will aber auch den Antrag Herold annehmen; denselben Standpunkt vertritt Abg. Aroemek von der freis. Bgg. Abg. v. Scheke-Wunstorf (Deutschhann.) bekennt sich als Anhänger der inter­nationalen Doppelwährung und bittet um Ablehnung des ganzen Gesetzes. m

Abg. v. Aardorff (freikons.) hält bte Behauptung, daß die Goldwährung sich bewährt habe, für unberechtigt. Daß es während der letzte» dreißig Jahre tiefsten Friedens gut gegangen sei, sei weiter kein Wunder; gleichwohl sei es doch zu einem Diskontsätze von 7 ». H. gekommen. Das erscheint dem Redner nicht als ein Zeichen für das Bewähren der Goldwährung. Für den Antrag Herold will der Redner einstweilen stimmen; im übrigen hält er an der Ablehnung der ganzen Vor­lage fest.

Abg. Kirsch (Tentr.): Die Goldwährung wird schwerlich ewig dauern. Wir werden auch wieder eht| mal andere Währungsverhältniffe bekommen. Dennoch wünsche ich der Goldwährung ein möglichst langes Da­sein, um Krisen zu vermeiden, die unter Aenderung der Währungsverhältniffe verbunden fein könnten. Das Fünfmarkstück ist weniger beliebt alS der Thaler; von den Thalerstücken sollten also möglichst wenige wegqe- notnmen werden. Zweimarkstücke sollten recht zahlreich ausgeprägt werden.

Abg. Dr. Aah« (netto kons.) will für den Antrag Arendt stimmen, für die Neuprägung von Silbermünzen Silberbarren zu kaufen und bittet auch diejenigen Cen- trumSmitglieder, die nicht grundsätzliche Anhänger der Goldwährung sind, seinem Beispiele zu folgen.

Nach einer längern Geschäftsordnungsdebatte wir» gegen die Stimmen der Freikonservativen und einiger Konservativen beschlossen, die Abstimmung über die ein­zelnen Artikel bis zuletzt auszusetzen.

Als Artikel IVa beantragt Aba. Dr. Arendt fol­gende neue Bestimmung: Niemand ist verpflichtet, Fünf­markstücke im Betrage von mehr als 1000 Mk., andere Reichssilbermünzen im Betrage von mehr alS 50 Mk in Zahlung zu nehmen.

Als Artikel VI hat die Kommission eine neue Bestimmung hinzugefügt, durch die der Bnndesrath er­mächtigt werden soll. Fünf- und Zweimarkstücke als Denkmünzen in anderer Prägung Herstellen zu lassen.

werde.

Der kreikons. Ab,. Dr. Arendt bedauert, daß die Vorlage in der Kommission nicht eine auch für die Minderheit angenehme Fassung erhalten habe. Nach der Ansicht des Redners sollen nicht nur die goldenen

Deutsches Deich.

Berlin, den 12. März.

ft Kerrn Minister von Miquel ist nach dem Berichte einer Berliner .Montags-Zeitung' eine große kaiserliche Gnade widerfahren. Herrn von Miquel soll nämlich nach seiner Ge­nesung von der Krankheit ein äußerst gnädiges Handschreiben zugegangen fein, in dem der Mo­narch der Hoffnung Ausdruck gibt, daß „die Kräfte des hoch verehrten Staatsmannes noch lange dem Staate und dem Reiche erhalten bleiben mögen". Jedenfalls, so wird weiter Über den Inhalt dieses Schreibens berichtet, sei der Kaiser Willens, allen Wünschen des Ministers, die deffeu völlige Wiederherstellung und Kräftigung betreffen könnten, im vollen Maße Rechnung zu tragen. — Namentlich würde es wahrscheinlich sehr zur Beruhigung des Herrn Ministers von Miquel gereichen, wenn der Kaiser auf die Ein­bringung der Kanalvorlage im preußischen Land­tage während der laufenden Tagung endgiltig Verzicht leisten wollte!

+ ZSaugemache« gilt vicht! Das offi­ziöse Drahtbureau verbreitet eine Meldung aus Washington, in der mit allerhand Maß­regeln der Regierung der Vereinigten Staaten gedroht ist für den Fall, daß „der Einfuhr amerikanischer Erzeugnisse unbillige Erschwerungen bereitet werden sollten". In einem solchen Falle sollen „offizielle Kreise" der Vereinigten Staaten .gesetzgeberische Maßregeln vorschlagen, durch die erhebliche Dtfferentialabgaben aus die Schifffahrt derjenigen Länder gelegt werden sollen", die der amerikanischen Einsuhr solche Erschwerungen be­reiten sollten. Gemeint ist natürlich der Gesetz­entwurf Über die Fleischbeschau. Aber wo ist in diesem Entwürfe die Absicht einer „un­billigen" Erschwerung ausgedrückt? Nirgends. Die ganze Meldung hat also eigentlich gar nichts zu bedeuten. Und selbst, wenn die Regierungin Washington drohen wollte, was ja noch gar nicht der Fall ist, brauche« wir uns dadurch noch lange nicht bange machen zu lassen. Eine Drohung ist noch keine wirklich ausgeführte Maßregel, und bei einem Zollkriege zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten würden diese letzteren wahrscheinlich den Kürzeren ziehen. Das wiffen auch die Amerikaner natürlich ganz genau. Nur bei uns in Deutschland gibt eS sonderbare Leute, denen daS Jntereffe der ameri- Eanischen Händler mehr am Herzen zu liegen scheint, alS unser eigenes Jntereffe in Deutsch­land.

X Die „lex KeinHe" und ein Wider­sprach gegen dieselbe bildeten den Gegenstand der Darlegungen einer Abordnung, die am heutigen Montag in Gegenwart des Staatssekre­tärs Nieberding vom Reichskanzler Fürsten Hohenlohe empfangen worden ist. Die Ab­ordnung bestand aus den Herren Prof. A. von Menzel, Prof. Th. Mommsen, Prof. Rein­hold BegaS, Prof. Gustav Eberle in, Her­mann Sudermann und Adolf l'Arronge, war also zusammengesetzt aus Vertretern der Wissenschaft, der Schriftstellerei, der bildenden und der darstellenden Kunst. Der Reichskanzler ist nach den Mittheiluugen, welche die halbamt-

Das KMtkskind.

Erzählung von Irene von Hellmuth.

Z ------ Nachdruck verboten.

Die beiden Nachbarn kamen richtig herbei, waren zuerst sprachlos vor Erstaunen über Fräu­lein Aurelias unverhofftes Glück, und lobten dann die Tante wegen ihres hochherzigen Ver­sprechens über alle Maßen.

Die beiden Männer unterschrieben auch wirklich das Schriftstück und Mathilde verwahrte den Schein bei ihren Schmucksachen und Kostbarkeiten

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liche .Nordd. Allgern. Ztg.' über den Verlauf der Unterredung macht, bemüht gewesen, die Bedenken der erschienenen Herren zu zerstreuen. Auf der andern Seite aber hat Fürst Hohenlohe den Herren keine Aussicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche eröffnet. „Der Herr Reichskanzler," so berichtet das genannte offiziöse Blatt, „bemerkte, daß die Regierung nicht lediglich auf die Anschauungen in den von den anwesenden Herren vertretenen Kreisen Rücksicht nehmen könne, sondern sich auch erinnern müßte, daß weite Schich­ten des Volkes von anderen und zum Theil von entgegengesetzten Empfindungen geleitet würden, welche ebenfalls Anspruch auf amt­liche Beachtung erheben. Die Aufgabe der Gesetzgebung sei es, hier die richtige Mitte zu halten, ohne in Extreme zu verfallen." In der Versicherung des Reichskanz­lers, es sei weder seine Absicht noch die Absicht der verbündeten Regierungen, der künstlerischen und wiffenschastlichen Thätigkeit Schranken zu setzen, ist dabei genau dasselbe ausgesprochen, was schon ungemein oft vorher gesagt worden ist: kein Mensch denkt daran, solche ungesunde Schranken zu ziehen! In der Unterredung war auch die Rede von dem sogenannten Thea ter - Paragraphen. Die Herren der Abordnung hätten gern gewußt, wie der Inhalt des Kom­promisses fei, der darüber zwischen den Parteien vereinbart wurde. Fürst Hohenlohe hat aber keine Auskunft darüber gegeben, sondern darauf hingewiesen, daß die Vereinbarungsvorschläge von den Parteien noch nicht vorgelegt worden seien. Die dritte Berathung der lex Heintze steht nun bereits auf der Tagesordnung der Reichs- tagSfitzung an diesem Dienstag. Die Neugierde der Herren wird also bald befriedigt werden, ohne daß ihnen Gelegenheit geboten wird, eine Agitation dagegen zu entfalten.

* Ein christliches Hewerstvereinskartelr. Vor einigen Tagen haben in M.-Gladbach die Ortsgruppen der christliche-.: Gewerkoereine der Textilarbeiter, Bauarbeiter und Metallarbeiter ein lokales Kartell gebildet, wie das bisher meist nur seitens der freien (sozialdemokratischen) Gewerk­schaften allenthalben geschehen ist. In christlichen Arbeiterkreisen finden wir eine solche werthvolle lokale Ergänzung der interlokalen Berufsorgani­sation in dieser ausgesprochenen Form eineSKartells hier fast zum erstenmal. Damit ist ein neuer bemerkenswerther Schritt in der christlichen Ge- werkvereinSbewegung erfolgt. Das M.-Gladbacher Gewerkvereinskartell betrachtet es als seine Auf­gabe, die Organisationsbewegung in christlichen Arbeiterkreisen machhaltiger in Fluß zu bringen sowie in der Agitation die gegenseitige Unter­stützung der Ortsgruppen zu erleichtern. Im einzelnen find folgende Zwecke ins Auge gefaßt worden: Gemeinsames Vorgehen in allen Ange­legenheiten, welche die Arbeitsverhältniffe von M.-Gladbach und Umgegend im allgemeinen be­treffen, z. B. Erzielung ermäßigter Preise für Arbeitersahrkarten auf den Kleinbahnen; Unter­stützung der Fürsorge für beffere und billigere Arbeiterwohnungen; gegenseitige Unterstützung in schwierigen Lohnkämpfen, welche von dem be­treffenden Verbände nicht allein geführt werden können; gegenseitige Hilfe in der Agitation für zur Schau getragene Zärtlichkeit für Amelia sch-rn erkünstelt und unnatürlich.

Selbstverständlich bemerkte die Letztere nichts von allem, und so mochte auch die erfahrene Frau nicht ein Mißtrauen erwecken, für das sie keinerlei Beweise hatte.

Ameliens Ausstattung war schon seit Jahr und Tag fertig bis auf das kleinste Stück, und lag wohlverwahrt in Kisten und Kasten. So brauchte man nicht lange zu warten. Die Hoch­zeit sollte bereits in sechs Wochen der Verlobung folgen.

Der Bräutigam war Reifender eines ange­sehenen HauseS, hatte einen gut bezahlten Posten; nur eines schmerzte Aurelia dabei, daß sie sich so oft von ihrem geliebten Arthur werde trennen müssen, da tr sich immer nur kurze Zeit zu Hause aufhalten konnte.

Er aber versicherte ihr, daß das Wiedersehen nach kürzerer oder längerer Trennung jedesmal ein Fest für sie beide fein würde, und schilderte der glücklichen Braut, was er ihr alles von seinen Reisen mitbringen würde.

So gab sie sich ganz dem Glücke hin, das ihr an der Seite des Geliebten winkte.

Mathilde dagegen wurde es von Tag zu Tag bänger ums Herz. Der Verlobte Ameliens wollte ihr durchaus nicht gefallen. Sein Blick hatte etwas Lauerndes, Unstetes an sich, er konnte, wenn man mit ihm sprach, einem nie offen und ehrlich in daS Gesicht sehen, sondern schaute be­harrlich ganz wo anders hin, und das gilt mit Recht in den meisten Fällen alS Zeichen von Falschheit und Tücke.