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Jutöa, Montag, den 5. März 1900.

27. Jahrgang.

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Meiwarischer Landtag.

In der Plenarsitzung des Landtags vom Donners­tag, den 1. März, standen nicht weniger als 10 Punkte auf der Tagesordnung. Es war von vornherein klar, daß bei der Wichtigkeit einzelner Punkte die ganze Tagesordnung nicht würde in einer einzigen Sitzung zu erledigen sein. Thatsächlich konnte auch nur die Hälfte erledigt werden.

Den 1. Punkt der Tagesordnung bildete der Bericht des Finanzausschusses über den Antrag des Abgeordneten Freiherrn von BoynevnrgK und Genossen, die Ab­minderung oder Beseitigung der Grundsteuer betreffend. Nach kurzer Debatte wurde der Ausschußantrag ange­nommen, wonach der Landtag sich mit der Zusage der Großherzogl. Staatsregierung einverstanden erklärt, so­daß danach die Abminderung der Grundsteuer um 2*/* Termine vom 1. Januar 1901 ab unter entsprechender Abänderung des Gesetzes über die Steuerverfassung vom 14. März 1869 als vereinbart gilt. — Die Re­gierung hatte nämlich die Erklärung abgegebeu, daß sie dem nächsten ordentlichen Landtag den Entwurf eines Gesetzes vorlegen werde, durch welches die Grundsteuer vom 1. Januar 1901 ab um 2*/s Termine ermäßigt werden solle. Mündlich erklärte der Staatsminister noch, daß überhaupt eine organische Aufhebung bezw. Aenderung der ganzen Grundsteuer geplant sei.

Den zweiten, gleichzeitig auch umfangreichsten Punkt der Tagesordnung bildete der Bericht deS Finanzaus- schufles über die Besoldungsoorlage. Die Berathung dieser Vorlage hatte zum weitaus größten Theil die Sitzungen des Finanzausschusses während dieser letzten Tagung beschäftigt. Abgesehen von mehreren Positionen, nach denen der Ausschuß noch über die Regierungsvor­lage hinausging, wurde im Großen und Ganzen die Vorlage der Regierung angenommen. Die Debatte über diesen Gegenstand nahm im Plenum nicht den Umfang an, den man von vornherein wohl erwartet

Aus -em Reichstage.

•GP 159. Sitzung vom 3. März 1900.

Das noch weniger zahlreich als an den Tagen vor­her besuchte Haus erledigte am heutigen Samstag die Etats der Zölle und Verbrauchssteuern und der Stempelabgaben; den letztgenannten Etat ohne Debatte.

Eine längere Debatte entspann sich über das neue Mühlenregulativ, wobei der Schatzsekretär IreiHerr v. Thiekma«« auf Aeußerungen der Abgg. Speck (Ctr.), Graf Schweria-Löwitz (tonf.) und v. Aardorfi (frci- kons.) hin versicherte, das Wohl der Landwirthschaft liege den verbündeten Regierungen ebenso am Herzen, wie das anderer Erwerbsstände.

Hraf Schwert« kündigte für die dritte Eiatslesung eme konservative Resolution an über die Aufhebung der gemischten Transitlager und der Zollkredite für Groß­mühlen, worauf

Abg. Speck im Namen des CentrumS dieser Reso­lution die Unterstützung zusicherte. Ueberhaupt werde das Centrum stets auf der Seite derjenigen zu finden sein, die Maßnahmen zur Hebung der Getreidepreise in Vorschlag bringen. Ueber eine zu dem Titel ,Zucker- steuer- eingebrachte Resolution, di, künstlichen Süßstoffe in die Apotheken zu verweisen und ihre Verwendung von ärztlicher Verordnung abhängig zu machen, soll erst bei der dritten Lesung abgestimmt werden.

GegendieRefolution sprachen die Abgg. ÄS«rm (fo»b.) und Dr. Kermes (freis. Volksp.) — für dieselbe die Abgg. Hraf Stolverg (tonf.), Dr. Laasche (ntl.), Dr Kahn (wild-kons.), Müfier-Sagan (freis. Volksp.) und v. Kardorfi (freikons.). Die Abstimmung darüber soll erst bei der dritten Lesung stattfinden. (Die Annahme der Resolution ist sicher.)

Die Titel „Zuckersteuer" und „Brausteuer" werden darauf bewilligt, ebenso der Rest dieses Etats.

Ohne Debatte wird dann auch der Etat der Stempelabgaben gutgeheißen. Ueber eine vomkons- Abg E»raf Stolverg beantragte Resolution, den Steuer, satz für Loose öffentlicher Lotterieen von 10 auf 20 v. H. zu erhöhen, wird erst bei der dritten Lesung abge­stimmt werden.

Nächst- Sitzung Dienstag l Uhr- Konsular­gerichtsbarkeit, Petitionen.

[J Keine Bierversälschung mehr!

Die Abgeordneten Dr. P a a s ch e und B 0 e s i ck e- Dessau hatten, wie bekannt, im Reichstage für die norddeutsche Brauereigemeinschast das Verbot aller Surrogate für die Bierbesr eitung beantragt. Nunmehr hat die 12. Kommission des Reichstages gestern und heute (Freitag und Samstag) unter dem Vorsitze des nationalliberalen Abg. Dr. Paasche über diesen Antrag berathen und mit großer Mehrheit einen von den Antrag­stellern schließlich gestellten Vermittelungsantrag angenommen, wonach zur Bereitung von Bier, das nicht nachweislich für die Ausfuhr bestimmt ist, keine anderen Stoffe verwendet werden dürfen als Malz, Hopfen, Hefe und Wasser. Nur soll eine Uebergangszeit von drei Jahren zugestanden werden, während deren ein Zusatz von Stärkezucker, Stärkesyrup und Zuckercouleur bei der Bereitung von obergärigen und soge­nannten einfachen Bieren gestaltet sein soll; aber das darf nach dem beschlossenen Anträge nur so geschehen, daß die Verbraucher in irgend einer Weise Kenntniß erhalten von den gemachten Zu­sätzen.

Die Auseinandersetzungen, die diesem Beschlüsse vorausgivgen, gestalteten sich zum Theil sehr interessant.

Der anwesende Vertreter der verbündeten Re­gierungen erklärte, daß der Bundesrath neuer, dings mit diesen Dingen sich nicht befaßt habe. Jedenfalls aber stehe er auf dem Standpunkte, daß er dem Anträge nur dann statt­geben könne, wenn ein Weg gefunden würde, um die kleinen Brauereien in ihrem Bestehen besser zu sichern als bisher. Demgemäß ist von der Kommission neben dem neuen Anträge Paasche- Roestcke ein weiterer Antrag des Abg. Gamp an­genommen worden, der dahin geht, daß gleich­zeitig mit dem Verbote von Surrogaten für die kleinen Brauereien eine Ermäßigung der Steuer unter entsprechender Erhöhung der Steuer für die großen Betriebe eintreten soll. Unter „ent­sprechender Erhöhung" soll dabei verstanden werden, daß der gesammte Steuertrag für die Reichskaffe keine Erhöhung durch diese Steuerabstusung er­fahren dürfe.

In Bayern dürfen bekanntlich seit langen Jahren keine Surrogate bei der Bierbrauerei verwandt werden; und dabei machen die baye- rischen Brauereien glänzende Geschäfte, obwohl das Bier in Bayern, wie allbekannt, besser ist als in der norddeutschen Brauereigemeinschaft und dabei auch billiger. Der bayerische Ministerial- rath v. Geiger wohnte den Berathungen der Kommission bei und bestätigte diese bekannten Thatsachen wiederholt von Amtswegen. Außerdem wies er darauf hin, daß man auch in Bayern besondere Maßregeln hat zum Schutze der kleinen Brauereien, nämlich die Staffelsteuer, wonach die Malzabgabe desto höher wird, je mehr Malz eine Brauerei jährlich verbraut.

Nun bleibt nur zu wünschen übrig, daß das Plenum des Reichstages und danach der Bundes­rath den Vorschlägen der Kommission sich an« schließen. Es thut wahrhaftig noth, daß den endlosen Bieroerfälschungen ein Ende gemacht werde.

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Deutsches Reich.

Berlin, den 3. März.

O Der Kaiser sollte angeblich die Eng­länder zu ihren Waffenerfolgen in Südafrika beglückwünscht haben. Die Meldung trug den Stempel der Erfindung deutlich an sich und ist darum von uns in der,Fuld. Ztg/ unberücksichtigt geblieben. Jetzt wird halbamtlich erklärt, daß sie durchaus unbegründet ist.

h Avg. Mittler-I«kda soll nach der Mel­dung eines westdeutschen Blattes es abgelehnt haben, das Referat über die Flottenvor­lage zu übernehmen. Diese Meldung ist inso­fern nicht richtig, als eine Anfrage in diesem Sinne gar nicht an den genannten Abgeordneten ergangen ist. Natürlich aber besteht bei dem Centrum im allgemeinen außerordentlich geringe Neigung dazu, die Führung in dieser Sache zu übernehmen, Das Flottengesetz von 1898 ver­dankte sein Entstehen der aufopferungsvollen Ar­beit des CentrumS. Soll nun das Centrum wieder die Führung übernehmen, wenn es sich darum handelt, dem mühevoll zustande gebrachten Wirke von 1898 ein verfrühtes und gewaltsames Ende zu bereiten?

+ Zur Beruhigung der Agrarier wird in der amtlichen ,Berl. Korr/, anknüpfend an die Aeußerung des Landwirthschaftsministers im Abgeordnetenhause bemerkt: „Bei Ein­bringung der Irotte««ovelke habe die Frage der Lebensmitteleinfuhr keine Rolle gespielt. Wenn heute öfters in der Agitation für die Flottenvermehrung die Sicher­stellung der Lebensmittelzufuhr erscheint, so ist das ein von außen hineingetragenes Moment, das mit der Sache und der Einbringung der Novelle und überhaupt mit dem ganzen Flottenplan nicht das Mindeste zu thun hat. Die Freunde der Marinevermehrung werden daher gut thun, für die Fernhaltung dieses Moments Sorge zu tragen." — Wenn dies ernst gemeint ist, so müffen „die Freunde der Marinevermehrung" ihre ganze bisherige Litteratur für die Agitation ein stampfen lassen; denn die Broschüren und Flugblätter gipfeln überall gerade darin, daß ohne die Flottenverstärkung Deutschland im Kriegsfall verhungern müffe.

X Der fortgesetzt mattgekhafte Mesach des Meichstages wirkt außerordentlich hindernd auf den Fortgang der parlamentarischen Arbeiten ein. Eine ganze stattliche Menge von parlamen­tarischem Material harrt der Verabschiedung, kann aber nicht zur Abstimmung gebracht werden, weil niemals ein beschlußfähiges Haus beisammen ist, so Gewerbenovelle, Fleischbeschaugesetz, Münznovelle und lex Heintze. Deswegen ergeht durch die Vor­sitzenden der Fraktionen ein beweglicher Aufruf an alle Mitglieder des Reichstages, zur Erfüllung ihrer drängenden Pflicht in Berlin zu erscheinen. Die ^genannten Gesetze sollen nach einem Beschlüsse des Seniorenkonvents vom nächsten Donnerstag an in zweiter und dritter Lesung in Angriff genommen werden, wenn der Anruf seine Wirkung nicht etwa auch diesmal verfehlen sollte. Man ersieht daraus, daß die Einführung von Tagegeldern für die Reichstagsabgeordneten je länger desto nothwendiger wird.

+ Derdoppeknng der Lotteriesteuer hat der konservative Abg. Graf Stolberg am letzten Samstag im Reichstage vorgeschlagen. Er hat dabei ausdrücklich hinzugefügt, daß er mit diesem Vorschläge die Deckungsfrage in der Flottenangelegenheit ihrer Lösung näher bringen wolle. Umgehend erfolgt eine Antwort darauf von dem Berliner Finanzoffiziosus in den ,Berl. Pol. Nachr.': der Vorschlag wird im Jntereffe der Vermehrung der Reichseinnahmen als zweck­mäßig bezeichnet; man solle aber nicht glauben, daß auf diese Weise die bestehenden Mißstände bei den Staatslotterieen im deutschen Reiche be­seitigt werden würden. Wolle man Ordnung in das staatliche Lotteriewesen bringen, so müffe man sich „mit dem Gedanken einer reichsgesetz­lichen Kontingentirung desRechtes der Bundesstaaten auf Ausgabe von Loosen nach d-r Bevölkerungszahl befreunden". Also das ist der Kernpunkt der Verhandlungen, von denen bereits Andeutung im preußischen Abgeordnetenhause und auch in der Budget­kommission des Reichstages gemacht wurde.

© Das Ik-ifchSesch-m-Hefetz soll, wenn nicht noch besondere Hinderungsgründe eintreten, am nächsten Donnerstag vom Reichstage in zweiter Lesung in Angriff genommen werden.

A«» dem Landtage.

GPA»gevrd«e1e»Ha«s. — 37. Sitzung v. 3. März 1900.

Noch immer steht der Eisenbahn-Etat auf der Tagesordnung.

Abg. Iderhofi (freitonf.) empfiehlt größeres Ent­gegenkommen gegenüber den Kleinbahnen, Abg. »teft (Centr.) legt ein Wort ein für die Ermäßigung der Personenfahrpreise. Außerdem befchwert sich der Redner über verschiedene Unzuträglichkeiten im Eisen­bahnverkehr zwischen Krefeld und Berlin und Duisburg und Oberhausen. Nach weiteren Bemerkungen örtlicher Art der Abgg. Kausmaun (natl.) und Sfr8r. vo« Bodenhaufe« (kons.) empfiehlt

Abg. Dr Borsch (Centr.) eine Verbilligung der Fahrpreise im Vorortverkehr großer Städte, um den Arbeitern das Wohnen auf dem Lande zu ermöglichen.

Abg. Stützet (Centr.): Die Kohlensyndikate haben in den Kohlenbezirken den ganz unglaublichen Zustand geschaffen, daß dort gerade bei den kleinen Leuten die größte Kohlennoth besteht. Die von der Regierung ausgestellte Behauptung, daß die Arbeitsleistung in den Kohlenbergwerken geringer geworden fei, erklärt sich aus der Einstellung vieler junger und ungeübter Arbeiter, die weniger fördern, und ferner daraus, daß im Ruhr­gebiet weniger lohnende Flöhe abgebaut werden, die man früher liegen ließ.

Nach einigen unwesentlichen Bemerkungen der Abgg. Sänger (freis.) und Ai»g (kons.) wird die De- batte geschloffen. Die einzelnen Einnahmetitel werden bewilligt. Der freisinnige Antrag Wiemer auf Ermäßigung der Personenfahrpreise wird mit fast allen Stimmen gegen diejenigen der Freisinnigen abgelehnt.

Es folgen die Ausgaben.

Abg. Dr. Keistg (Centr.) rügt es, daß Bittgesuche katholischer Arbeiter um Arbeitsfreiheit an katholischen Feiertagen abgeschlagen werden und

Abg. Wadvyt (Centr.) bedauert, daß an der Eisenbahn nur zwei Stenographiesysteme geduldet würden, was Minister »0« Miete« bestreitet.

Ein Antrag des Abg. Schmidt-Warburg (Centr.) auf Verbesserungen in der Dienstzeit der Eisenbahnbau- und Betriebsinspektoren geht an die Budgetkommisston.

Montag Fortsetzung der heutigen Berathung.

Marianne.

Dem englischen Originale der Lady Fullerton nacherzählt. Von M. Röhr.

16 ------ (Nachdruck verboten.)

Es gibt Augenblicke, in denen sich die Ver­gangenheit mit allen Erinnerungen, die Gegen­wart mit ihren Verwicklungen und die Zukunft mit allen Möglichkeiten in unfern Gemüth zu­sammendrängen. Einen solchen Augenblick hatte Anna oder Maria, wer sie auch war als sie hörte, daß sie diejenige sehen sollte, welche ihr stets von Hanna als Mutter bezeichnet worden war.

Das Uebermaß ihres Glückes schien ihr Ge­fühl zu lähmen. Sie stand bewegungslos, wie vor einem Abgrund, mit dem Bewußtsein, daß der nächste Schritt ihr Rettung ober Verderben bringen mußte. Noch konnte sie Frau Coggle's Rath befolgen, das Haus verlaffen und zu Lady Davement und ihrer bestrickenden Häuslichkeit zurückkehren. Sie sah vor ihren Augen die Freude und Fröhlichkeit, und unter den Bildern künftiger Glückseligkeit strahlte dasjenige Bild des jungen Mannes am hellsten, der einst ihr Gatte werden sollte. Es war eine starke Versuchung. Aber Treue, Glauben und Gewiffen waren mächtig in der jungen Seele und kämpften gegen Eitelkeit und Selbstsucht. Konnte sie mit dem Zweifel im Herzen, wenn es überhaupt ein Zweifel war, die heitere, lebenslustige Lady Davement „Mutter" nennen und die arme tiefgebeugte Frau Nates verleugnen? Konnte sie als Katholikin — denn nn Herzen war sie ihrem Glauben treu geblieben

unter Protestanten leben und sich zu ihnen

zählen, wenn sie noch die Möglichkeit halte, bei einer katholischen Mutter zu leben? Nein, sie durfte nicht die Blumen wählen und die Dornen zurückweisen. Frau Nates hatte sie ja emst selbst ermahnt, zu leiden. Alle diese Gedanken durch­zogen ihr Gemüth innerhalb einer Minute, wie dies ja so oft der Fall zu sein pflegt; auch er­innerte sie sich der Worte: „Fais ce que tu dois, advienne que pourra!“ („Thue deine Pflicht, mag kommen, was da will"), die sie in der Schule gelesen und die sie zu ihrem Lebens­motto wählen wollte. Sie ließ die aufgeregte Frau Cogqle zurück und stieg die Treppen zu Hanna's Zimmer hinauf.

13. Kapitel.

Die Thüre des Krankenzimmers stand offen und bot folgendes Bild. Ihre alte Freundin, mit der Farbe des Todes im Antlitz, lag auf dem Bett; ein heiliges Lächeln verklärte ihre Züge, ihre Augen ruhten in unsäglicher Liebe auf dem Kruzifix in ihren Händen. An ihrer Seite saß eine schwer geprüfte Frau, die zwar noch nicht alt, aber doch verblüht und grauhaarig war; ihr schwarzes, abgetragenes Kleid hing lose um ihren abgemagerten Körper. Aber dieses Antlitz! — Welch' besondere himmlische Schönheit strahlte aus diesen abgeblühten Lilien! die Schönheit einer Seele, die ihren Frieden durch viele Prüsungen erkämpft hat. Ihre Augen, das Gegentheil ihres verblühten Gesichtes, die jetzt voll Thränen standen, waren die des jungen auf der Schwelle stehenden Mädchens. Sie waren sich gleich in der Farbe, im Ausdruck, in hingebender Zärtlichkeit. Sie glichen sich sehr, jene Frau und dieses Mädchen.

Ein schwaches Roth flog über die Wangen der einen, während tiefe Röthe Gesicht und Stirn der andern überzog. Hanna blickte nach der Thür und rief: „Polly, Ihre Polly!" Frau Dates — denn sie war es — stand zitternd auf; in dem­selben Augenblicke aber fühlte sich Hanna von den Armen ihres Lieblings umschlungen, heiße Thränen fielen auf sie nieder, und süße Liebesworte ertönten in ihrem Ohr.

„Ach, denke jetzt nicht an mich, mein Liebling; das ist Deine Mutter, kniee nieder und bitte um ihren Segen!"

Frau Dates faltete die Hände und betete innerlich um Fassung.

Polly (wir können sie nun nicht mehr Anna nennen) flüsterte Hanna zu: „Ist sie wirkllch meine Mutter?"

„Ich beschwöre es bei diesem Kreuz." Dabei legte die alte Frau ihre runzelige Hand auf das Kruzifix. Im nächsten Augenblicke preßte Frau Dates ihre Marie gegen ihr Herz, Gott dankend, daß sie ihren Schatz zurückerhalten.

„Marie, süßes Kind, Du bist gekleidet wie eine Tochter reicher Eltern, Du bist verlangt und anerkannt, wie ich höre, von einer Peison, die sich für Deine Mutter hält. Kommst Du von ihr?"

„Ja, sie ist sehr gütig gegen mich. Ich fühle mich aber nie als ihr Kind. Selbst wenn Hanna es nicht genau wüßte, wüßte ich, daß ich Dein Kind bin. Ich weiß es. Mutter, ich fühle es tief, tief in meinem Herzen. O, lege Deine Hände aus mein Haupt und segne mich! O Mutter, ich liebe Dich!"

Wer kann die Freude einer Mutter beschreiben,

die ihr verloren geglaubtes Kind wiederfindet? Was muß der Himmel sein, wenn schon die Erde solche Fülle des Glückes in einer Mutier Herz auszugießen vermag, die nach Jahre langen Ent­behrungen solche Worte von der verloren geglaubten Tochter Mund vernimmt? Aber sie bezwang ihre Bewegung, blickte ernst auf das Gesicht des jungen Mädchens und sagte:

„Marie, Du weißt, was es heißt, hier zu Lande katholisch zu fein. Du weißt, daß ich Dir kein anderes Heim als eine elende Dachstube zu bieten habe, daß ich seit meiner Freilassung von der Hände Arbeit lebe. Bist Du bereit, meine Armuth zu theilen, ein Leben zu führen, wie es unser Heiland und seine heilige Mutter auf Erden führten und Gott in katholischer Weise, selbst in Leiden und Verfolgungen zu dienen?"

Die Antwort, ähnlich der, die Ruth einst gab, war nicht mißzuverstehen.

„Ich bin bereit Mutter, mit Dir zu leiden und zu sterben."

Dann zog sie ihr Kruzifix hervor, das Symbol ihres Glaubens und ihrer Liebe feit dem Tage, an dem Hanna es zu küssen sie gelehrt hatte. Frau Date's Thränen flössen beim Anblick des Kreuzes reichlicher, und man hörte in dem kleinen Zimmer nichts als unterdrücktes Schluchzen und leises Beten.

Nun kam Frau Coggle die Treppe hinauf und rief von außen:

„Tie Dame im Wagen läßt sagen, daß es spät wird und zu regnen beginnt; das Fräulein möchte doch kommen, die Mama zu Hause würde schon warten."

(Fortsetzung folgt.)