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FuUmerMZeitung

WMM

JuLöcr, Donnerstag, den 22. Februar 1900J

27. Jahrgang

7

SarmmL

Bon M. Röhr.

------ (Nachdruck verboten.)

„Ich habe es von ihr selbst gehört, als ich >hr in Dover begegnete", rief Lady Davement; »sie hatte meinen Aufenthalt erfahren und schrieb wir nach Montpellier, um mir mitzutheilen, daß Ne inzwischen erfahren, das Haus, aus deffen Fenster ein Kind geworfen wurde, sei das Haus Weines Mannes gewesen; daS Kind befinde fich «n ihrer Freundin, Frau Cogple."

. „Freundin? großer Gott, diese Unverschämt­heit von der Frau!"

„Nun, sie sagte. Sie hätten daS Kind in Pflege genommen und sie zweifle gar nicht, daß «as Ihnen übergebene Kind das meine sei. Ich sprach mit ihr, als ich durch Dover reiste. Was denken Sie nun? Ist irgend etwas da, das als beweis gelten könnte?

„Ich muß erst nachsinnen, aber, natürlich der «hawl — warten Sie einen Moment, ich hole rhn."

Lady Davement betrachtete liebenden Blickes Polly und fand in ihr eins der niedlichsten nmder, die sie je gesehen.

„Sie gleicht durchaus keinem niedrig geborenen "mde," bemerkte sie, als sie über das seiden­weiche Haar strich, welches sich um Polly'S kleines Gesicht kräuselte.

. „O Himmel," rief Lady Davement, als sie een blauen Shawl in Frau Coggle'S Händen wh; „es kann kein Zweifel mehr sein — auch

kamen die PeiiL teilt 25 Pf.; U Wiederholungen virdentsprech«Ä Rabatt gewähr?

nicht der allergeringste. Es ist der Shawl der. selbe, den mir meine gute Mutter zu meiner Ausstattung gab. Können Sie beschwören, daß das Kind, weiches in jener Nacht zu Ihnen ge­bracht wurde, in dieses Tuch ringewickelt war?"

„Gnädige Frau, so feierlich, als ich es ver­mag, schwöre ich, daß das Kind, welches Frau Peterkin in der Stacht des großen Feuers in London mir in's Haus brachte, in dieses Tuch eingewickelt war."

„DaS ist genug, genug für mich. Ihr Zeug- niß, das von Frau Prterkin und das dieser guten Frau hier beweist augenscheinlich, was mein Herz nur zu gern glaubt, und für wahr hält."

Dabei nahm sie Polly auf den Schooß und sagte:

„Süßer Liebling, ick bin deine Mutter."

„Wo ist dein Kreuz?" fragte Polly.

„Was will sie sagen?"

„Ich will ein Kreuz."

„Ach. Unsinn, Polly, sieh einmal, welch wundervolle Ringe die Dame bvt; gnädige Frau, ich bin überzeugt, daß dies Ihr Kind ist; ich habe es immer gesagt.

„Ich bin überglücklich, Frau Coggle, daß ich endlich meine kleine Anna wieder gefunden habe", erwiderte die Dame; „Anna ist ihr Name und Sie dürfen sie nicht mehr Polly nennen. Wie gut ist es, daß Sie so lange sich ihrer angenommen und sie so niedlich gekleidet haben und das alles ohne Entschädigung. Aber von nun an werde ich alles bezahlen, wenn Sie erlauben, und zwar ganz regelmäßig. Ich möchte sie gern vorläufig bei Ihnen lassen, denn ich muß unverzüglich nach Montpellier zurück. Onkel Mordaunt erwartet

den Fall nur öffentlich bekannt zu machen und e» würden sich mir sofort eine Menge Lügner, Schwindler und Bettler präsentiren, um mir die gewünschte Auskunft zu geben."

„O mein Gott", rief Frau Krump, „solche Ausdrücke hat Frau Coggle wahrlich nicht verdient!"

„Von Frau Coggle ist dabei gar nicht die Rede gewesen", erwiderte die Dame; „mein Onkel hat nur seine Ansicht im Allgemeinen auSge» sprachen, und was mich betrifft, Frau Coggle, so kann ich Sie nur meiner größten Hochachtung versichern. Mein Onkel .ist Schwarzseher durch und durch, aber trotzdem hoffe ich, ihn mit der Zeit davon zu überzeugen, daß Anna wirklich mein Kind ist. Jedenfalls werde ich sie nach seinem Tode vor Gericht adoptiren. In der Zwischenzeit bin ich glücklich, sie in Ihren Hän­den zu wissen; Sie, die so lange Jahre mit meiner armen Mutter zusammen gelebt haben, so daß ich zu Ihnen wie zu einer Freundin Ver­trauen habe."

„Sie sind sehr gütig", sagte Frau ®oggle seufzend und blickte nach der Thür, denn sie Hütte das Geräusch der sich öffnenden Hausthür. Völlig verzweifelt, bat sie lerse Frau Krump:

„Erweisen Sie mir die Liebe und sehen Sie, wer da kommt, und wenn es Hanna ist, fo taffen Sie sie nicht herein."

Lady Davement herzte und küßte das Kind, das sie auf dem Schooß hielt und fuhr fort:

„Sie haben sich, verehrteste Frau Coggle, um mich und mein Kind ein großes Verdienst erwor­ben, das um so größer erscheint, als Sie sich Anna's annahmen, ohne zu wissen, ob Sie jemals für ihr Opfer Ersatz finden würden. Ich muß

mich noch vor Ende des Monats, und ich darf ihn nicht enttäuschen. Er ist jetzt ein alter Mann und ich bin an ihn und seine Wünsche gebunden. Er liebt Kinder nicht, und ich fürchte, es wird ehr schwierig sein, ihn zu überzeugen, daß Anna lebt. Er wird sagen, es sei kein genügender Beweis vorhanden. Erstens Frau Peterskin'S Aussage, welche ihr Sohn leider nicht bestätigen kann, denn er ist tobt, und dann dieses Tuch, das ich auf keinen Fall verwechseln kann. Sagte Frau Peterkin Ihnen, daß das Kind aus dem Dave- ment'kchen Hause käme?"

„Nein gnädige Frau, ich kann mich deffen nicht entsinnen; sie sagte nur, aus einem großen Hause, jenseits des Flusses."

„Ganz reckt, dazu noch der Shawl, ich bin vollständig überzeugt. Aber ich kenne Herrn Mordaunt. Er ist immer anderer Ansicht als andere Menschen, und wenn er einmal eine Mei­nung ausgesprochen hat, kann Niemand ihn davon abbringen."

„Gerade wie Hanna Porter", seufzte Frau Coggle.

„Mein Onkel stritt mit seiner Schwester Sohn, Herrn Georg Aales, weil er gegen seinen Rath heirathete, und nichts kann ihn bewegen, diesem zu vergeben. Wahrscheinlich wird er sein Ver­mögen mir hinterlassen, die ich doch eine ent­ferntere Verwandte bin; ick muß sehr darauf Acht haben, ihn nicht zu kränken, denn er ist fürchterlich mißtrauisch. Er denkt immer, man will ihn betrügen. Einmal sagte ich: „Wie glück­lich wäre ich, wenn durch eine Möglichkeit mein Kind gerettet wäre und ich es wiederfinden könnte!" Da sagte er in ärgerlichem Tone, ich brauchte ja I

Marianne.

Sem englischen Originale der Lady Fullerion nacherzählt.

trichemt täglich, Entnahme der Soeo* und Feier- ^ge.»ie-t-ljährl.

-ezag-pret, ohne Bringerlohn NndBeffellgrldin «ulds und au 8* ArtN M.50 Pf.

: Nach den Beschlüssen der Kommission sollen die Bestimmungen über die Einfuhr von Fleisch nur bis zum 31. Dezember 1903 gelten, und zwar soll (§ 14a) frisches Fleisch nur in ganzen Thierkörpern eingeführt werden, die aber bei aus­gewachsenem Rindvieh und bei Schweinen (nicht Kälbern) in zwei Hälften zerlegt sein können. Brust- und Bauchfett, Lunge, Herz, Nieren und bei Kühen das Euter müssen in natürlichem Zu­sammenhänge vorhanden sein. Zubereitetes Fleisch darf nur eingeführt werden, wenn nach der Art seiner Gewinnung und Zubereitung Ge­fahren für die menschliche Gesundheit erfahrungs­gemäß ausgeschlossen sind, oder wenn die Un­schädlichkeit für die menschliche Gesundheit in zu­verlässiger Weise bei der Einfuhr sich feststellen läßt. Die Einfuhr von eingepökeltem oder ähnlich zubereitetem Fleisch — ausgenommen Schweineschinken, Speck und Därme — ist ver­boten. Nach dem 31. Dezember 1903 soll die Einfuhr von Fleisch, ausgenommen Speck und Schmalz, verboten sein. — Am heutigen Mitt­woch hat die Kommission die Berathung über das Fleischbeschau-Gesetz beendet. Bei der Ab­stimmung wurde das Gesetz im ganzen mit allen Stimmen gegen eine angenommen. Diese I eine Stimme gehört dem Abg. Hoffmann. Hall von der süddeutschen Volkspartei. Die Sozialdemokraten fehlten in dieser letzten Sitzung. Der freisinnige Abg. Steinhauer stimmte mit der Mehrheit.

△ Aeligion und „freie" Hewerkschaften. Bekanntlich behaupten die „freien", thatsächlich sozialdemokratischen Gewerkschaften, die in der Hamburger Generalkommisfion vereinigt sind, daß sie nichts mit Religion zu thun hätten und jeder ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses sich ihnen anschließen könne, christliche Gewerkoereine also überflüssig seien. Seitens der Gewerkschafts­presse wird darauf hingewiesen, daß man für religionSseindliche Ausfälle eines einzelnen Fach- organS nicht die Gewerkschaften überhaupt ver- antwortlich machen dürfe. Wir sind weit ent­fernt davon, einen einzelnen Fall verallgemeinern zu wollen. Die (katholische) .Westdeutsche Ar- beiter-Zeitung' in M.-Gladbach brachte jedoch in ihrer Nummer vom 5. Januar d. I. eine Reihe von Beweisen für den religionsfeindlichen Cha­rakter der Gewerkschaften, die nicht einem ein­zelnen Blatte, sondern einer Mehrzahl von Fach­organen entnommen sind, und den Gewerkschaften umsomehr zur Last fallen, als in den Redaktionen der Geneerkschafrsblätter gerade die führenden Geister der Gewerkschaftsbewegung fitzen. Eo bezeichnet der.Grundstein', das Organ des Zentralverbandes der Maurer, in seinem letzten WeihnochtSartikel den Glauben an den mensch- geworveMl Gottessohn als frommen Wahn; eine frtmme Mythe sei eS, was wir am Weihnachtsfeste verehren; nurfrommerWahrr habe den „edlen Nazarener" zum Sott ge- macht. Ein anderes Gewerkschaftsblatt,! das Organ des Deutschen TextilaröelterverbandeS,! brachte in der Nummer vom 15. Dezember 1899 ein Gedicht, in dessen ersten Strophen in sehr sonderbaren Worten von den Frommen geredet wird, die „Jubellieber singen" und ihre Hoffnung haben, „befreit zu werden durch den Erlöser

! Jesu Christ"; am Schluffe aber heißt es dann in geradezu gotteslästerischer Weise: „Es dämmett schon dein Jubelfestmorgen — Ob Herde du, ob Jud', ob Christ — Der dich befreit von allen Sorgen — Ist dein Erlöser: Sozialist." Da­mit nicht genug; in einem folgenden Artikel heißt es: „Selbst die gutkatholischen Arbeiter fangen an zu begreifen, daß ihnen mit dem Eia popeia vom Himmel, — Womit man einlullt, wenn eS greint, — Das Volk, den großen Lümmel!" allein nicht mehr gedient ist, und wenn sie auch noch nicht auf den Himmel verzichten mögen, so wollen sie doch auch hier auf Erden schon ihren Antheil haben, den sich ihre Vorbilder, die Pfaff m, schon längst verschafft haben, und daS übrige wird sich noch finden. Wo einmal Ver­nunft und Wissenschaft ihren Einzug gehalten haben, ziehen die Märchen von Himmel, Hölle und Fegfeuer nicht mehr." ES ließe sich die Reihe solcher Aeußerungen nach der Sammlung der .Westdeutschen Arbeiter-Zeitung' leicht weiter ausdehnen. Nennt man das die christliche Ueberzeugung der Arbeiter respektiren. Hat man es da den christlichen Arbeitern ver­argen können, wenn sie dafür dankten, in solche Gewerkschaften einzutreten und sich in deren Blättern derartige Verhöhnungen ihrer religiösen Gefühle bieten zu lassen. Man hat den Führern der christlichen Gewerkoereine den Vorwurf ge­macht, sie hätten durch die Gründung der christ­lichen Gewerkoereine die Arbeiter zersplittert und die Aktionsfähigkeit der Arbeiterklasse lahm­gelegt. Nein, die sozialdemokratischen Gewerkschaften sind es, die durch ihre Re­ligionshetze das Zusammengehen aller Arbeiter unmöglich machen. Die christ- lichen Arbeiter müssen in Folge deS religions­feindlichen Gebührens darauf verzichten, in die sogenannten freien Gewerkschaften einzutreten. Sie werden unablässig mit immer frischer Energie den Ausbau der christlichen Gewerkoereine weiter betreiben.

Merkt«, 21. Frbr. Der Kronprinz hat am Mittwoch in Plön sein Abiturientenexamen vor dem Geheimrath Köpke aus dem Kultusministerium ab­gelegt. — Am Sonnabend soll Prinz Eitel Fritz die Fähnrichsprüsung bestehen. Dieser bleibt dann nach der .Kreuz-Zeitungs zufolge rin oder zwei Jahre bis zum Abiturientenexamen in Plön, während der Kronprinz nach dem Abiturientenexamen in Potsdam seinen eigenen Hofstaat erhält. Nach der .Deutschen Warte, hat der Kronprinz die schriftliche Prüfung befriedigend bestanden. — Der MWär-Attachee bei der hiesigen russischen Botschaft Korvetten-Kapitän Pauls über­brachte heute im Auftrage des Kaisers von Rußland dem Staatssekretär d«S ReichSmarinramts Viceadmiral Tirpitz den weißen Adlerorden. — Dernational- liberale Abgeordnete Dr. Kruse, welcher den Hanno». Wahlkreis Aurich vertritt, wurde heute Vormittag im Reichstagsgebäude von einem Schlaganfall betroffen. In einem der KommisfionSzimmer wurde ein provisorisches Krankenlager für ihn hergerichtet. Der Zustand der Patienten soll bedenklich sein. — Der Vater des Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg, Landrath a. D, Felix von Bethman-Hollweg, Mitglied des Herrenhauses, ist heute auf Hohenfinow im Kreise Ober-Barnim im Alter von 75 Jahren ge­storben, — Das Befinden des Abg. Dr. Suber war den heutigen Tag über andauernd gut. — Kultusminister v. Etudt hofft in 8 Tagen seine Arbeiten wieder auf­nehmen zu können. — Finanzminister Dr. v. Miquel, der gestern seinen 72. Geburtstag in aller Stille be­gangen hat, ist von Neuem schwer erkrankt. — Der Abg. Bebel (geboren am 22. Februar 1840 zu Köln) feiert morgen seinen 60. Geburtstag. — In dem Masseu-

Deutsches Keich.

Berlin, 21. Februar.

X Atolle«vereine sind politische Wsr- eitteund deswegen für aktive Militärper­sonen verboten — so hat der kommandirende General des XV. Armeekorps in Straßburg entschieden. Sammtliche Offiziere, Sanitätsoffi­ziere und Militärbeamten, die in hellen Schaaren dem neu gegründeten Flottenvereine tn Straßburg beigegeben waren, müssen also aus demselben wieder ausscheiden, ein arges Mißgeschick für den Verein, denn nun verliert er die Hälfte feiner Mitglieder. Aber die Entscheidung des komman- direnden Generals ist offenbar durchaus richtig, und es müßte dieselbe Bestimmung in allen Ar­meekorps getroffen werden, wenn überall streng nach der Vorschrift verfahren würde.

* Kriegsflotte rmd Kavdek. In Ham­burg hat man sich schon dagegen gewehrt, bei der Flottendeckung mit einem Voraus belastet zu werden. Ganz ähnlich ist die Stimmung in Bremen. So schreibt die ,Wes.-Ztg.':

„Herr Liebermann v. Sonnenberg hat ausgerufen: „Die deutsche Hansa mußte die Kriegsflotte selbst be­zahlen, warum sollten die Erben der Hansa sich nicht an der Aufbringung der Kosten für ihre Flotte be­theiligen ?" Betheiligen werden fich natürlich die Han­seaten an diesen Kosten so gut wie alle anderen; nach dem Zusammenhänge sollen fie aber Herrn Liebermann zufolge diese Kosten allein oder vorzugsweise tragen, weil sie, wie er meint, die Kriegsflotte zu ihrem Geschäfte bedürfen. Da liegt derJrrthum, der werf verbreitet ist. Natürlich soll nicht geleugnet werden, daß auch geschäftliche Bortheile von dem Vor­handensein einer deutschen Seemacht gelegentlich ab- hängen, nicht allein für binnrnländische Gewerbetreibende und Landwirthe, sondern auch für hanseatische Kauf- leute. Wenn man aber die hanseatischen Kaufleute skdiglich als Geschäftsleute fragt, ob fieKriegs­schiffe halten wollten, um mehr Geld zu verdienen, so würden sie einstimmig mit Nein antworten müssen. Als Patrioten stimmen sie für die ReichSflotte, zu deren Kosten fie ihren Theil beisteuern werden; als Geschäfts - .’LL* ®“r^en f,e aber den bisherigen Zulland, bei dem es fich ja auch leben läßt, lieber ertragen, als ein stehendes Konto „für Kriegsschiffe" in ihren Büchern zu eröffnen, das ihr ganzes Geschäft verschlingen müßte."

Das sind Ausführungen, die in ihrer Nüchtern­heit Bänve sprechen und wenn man im Reichs­tag wieder die „starke Flotte" als ein Erforder- niß des Handels vertreten wird, kann man mit Recht an die hanseatische Stimme erinnern. „Als Geschäftsleute haben wir Bremenser kein Interesse an der Flottenvergrößerung." — Kann die ganze Flottenagitation treffender charakterisitt werden?!

x Lovkieder a«f die Neich»fi»a»ze« ■fagen die Berliner Offiziösen mit bewunderns- «erther Ausdauer. Neuerdings wird von den Jerl. Pol. Nachrichten', die dem preußischen Ftnauzministerium nahe stehen, große Mühe darauf verwandt, nachzuweisen, daß „eine Stockung in der aufsteigenden Bewegung der Reichseinnahmen" mcht vorhanden fei. Warum diese Ausdauer ge­übt wird, liegt klar aus der Hand: es handelt -uh um Stimmungsmache für die Flottenvorlage. Aber das heißt die Sache am unrechten Ende an- lassen. Denn ein Beweis dafür, daß gegenwärtig »ie Neichssinanzen glänzend dastehen, ist noch lange kern Beweis ssiir das viel wichtigere Erforderniß, °aß die Reichseinnahmen auch in der Zukunft gut bleiben werden; und vor allen Dingen schweigen

die Offiziösen nach wie vor über die unliebsame und verhängnißvolle Thatsache, daß die Schulden des Reiches in fortgesetztem und raschem Wachsthum sich befinden. Alle Schönfärberei kann diesen Thatbestand nicht ans der Welt bringen, und doch kommt es gerade auf diesen am allermeisten an bei der Beurtheilung der finanziellen Seite der Flottenfrage, nicht darauf, ob die Reichseinnahmen in dem einen Jahre fünf oder zehn Millionen mehr oder weniger ergeben als in dem andern. Interessant ist an der ganzen Darlegung eigentlich nur die erneute Feststellung der Thatsache, daß die Getreide-Einfuhr nach Deutschland neuer­dings sich erheblich verringert hat und in­folgedessen die Einnahme aus Getreivezöllen kleiner geworden sind. Uebrigens hat die Marine- Verwaltung in dem laufenden Etatsjahre die etatsmäßig ihr zustehende Ausgaben Summe um nicht weniger als Millionen überschritten — ein neuer Beweis dafür, wie vollkommen un­möglich es ist, einen festen Finanzplan für unsere Kriegsflotte und ihre Bedürfnisse auf eine längere Reihe von Jahren hinaus auf- zustellen. Alle Vorausberechnungen werden ja doch durch die nachkommenden Ereignisse Lügen gestraft.

+ Die KskaqzieHung fremder Arbeiter ist das einzige Mittel, durch das man wirksam der immer schwerer auf der Landwitthschaft lastenden Leutenoth steuern könnte; darüber herrscht unter allen Sachverständigen nur noch eine Meinung, und endlich will auch die preußische Regierung, wie Minister von Rheinbaben im preußischen Abgeordnetenhause mittheilte, eine Kommission einberufen, um eingehend darüber zu berathen. Nur die Hakatisten sind anderer Ansicht. Der „Deutsche Ostmarkeuverein" hat eine Eingabe an das preußische Staatsministerium gerichtet, worin er gegen jegliche Ansiedelung von russischen und polnischen Arbeitern Einspruch er­bebt. Leider hat der Verein vergessen, gute Rathschläge zu ettheilen, wie diese schwere Krise auf andere Weise beseitigt werden könnte.

© Die ZSefteuernttg der Wsare« Häuser wird im preußischen Abgeordnetenhause an diesem Donnerstag zur ersten Berathung gelangen, mög­licherweise am Freitag die Novelle zum Ge­meindewahl-Gesetze. Der Kultus-Etat wird so lange zurückgestellt werden, bis der Kultus­minister an den Berathungen wird theilnehmen können.

4- Der chesetzentrvnrf üver die ItelfH- veschatt ist am letzten Dienstag Nachmittag tn sechsstündiger Berathung von der zuständigen (15.) Kommission deS Reichstages in zweiter Lesung durchberathen worden. Die Berathung nahm im allgemeinen einen sehr glatten Verlauf, da bereits vorher vertrauliche Besprechungen statt­gefunden hatten zwischen Vertretern des Cen­trums, der beiden konservativen Patteien und der Nationalliberalen. Die dabei getroffenen Verab­redungen wurden durchweg zum Beschlüsse er­hoben, und da nun diese Beschlüsse auf so »reitet Grundlage stehen, ist anzunehmen, daß sie auch im Plenum des Reichstages glatt durchgehen werden. Sie find der Att, daß sie die gerecht­fertigten Ansprüche auf Schutz des Inlandes vor schlechter Auslandswaare befriedigen können. I

J.pa»3tll«s is Mta. mit ZlnLtryaüuugs-Aellage „MuflrirLe SomüagsZettnng?