Einzelbild herunterladen
 

scheint täglich, ^Msnohwe btt E,nn,unbSeter- ^e-virrteljührl. ^Bnngerlohn ^Kesttllgrld m -ulda und aus« Ml M.5O Pf.

FuldaerMZeitmrg

>nfr»6tt: Di« eto- spalt. ®arnweb< »eile oder bereu Raum 15 Pf.,»». Hamen die Petit, »eile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprech««, Rabatt gewählt.

2. parzell«, ta SaMxu mit Anterhatkmgs-Meikage „Ikluflrirte Sonntags-Zeitungt' p«1er»§affe to. 2 Cbmnonte).

JK 39.

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

+ Fulda, 17. Februar.

Am Dienstag ist Prinz Heinrich von Preußen nach Berlin zurückgekehrt, festlich empfangen von Kaiser und von der Bevölkerung. Zwei Jahre hat sich der Prinz im fernen Ostasien aufgehalten, gleichzeitig die ersten beiden Jahre seit dem Zeit­punkte, an dem Deutschlands Flagge zum ersten Mal in Tsingtau gehißt wurde. Dies geschah am 14. Nov. 1897, und am Ende desselben Jahres trat Prinz Heinrich auf der „Deutschland" seine Fahrt nach Asien an. Zum Glück hat er nicht mit eisengewappneter Faust dreinzuschlagen brauchen. Friedlich ist seine Sendung verlaufen. Im vollen Frieden besuchte der Prinz im Mai 1898 den Kaiser von China als der erste europäische Fürst, der die geheimnißvollen Hallen des chinesischen Kaiserpalastes betrat und brachte als friedlich erworbene Beute zwei fabelhaft werthvolle Perlenschnüre aus dem Schatze der Kaiserin mit. Und mm zum Schlüsse machte er noch den Umweg über Wien, wo er in der alten Hofburg der Habsburger der Gast des Kaisers Franz Joseph war und gleich­zeitig ein neuer Zeuge für die guten und unerschütter­lich festen Freundschaftsbeziehungen zwischen Oester­reich und Deutschland. Am Abend des Dienstag hat dann der Kaiser zu Ehren seines zurückgekehrten Bruders ein Festmahl veranstaltet und hat dabei in einem Trinkspruche den festlichen Empfang, den die Berliner Bevölkerung dem Prinzen bereitete, gedeutet als einen „unzweideutigen Fingerzeig dafür, wie groß das Verständniß für die Stärkung unserer Seegeltung in der Bevölkerung geworden ist". „Das deutsche Volk — so sprach der Kaiser weiter — „ist mit seinen i Fürsten und seinem Kaiser darüber willenseinig, daß es in seiner mächtigen Entwickelung einen neuen Mark­stein setzen will in der Schaffung einer großen, den Bedürfnissen entsprechenden Flotte."

„Wenn wir nur die gräßliche F l o t t e n - V o r- lage erst los wären" — hat der Abgeordnete Dr. Hahn, Direktor des Bundes der Landwirthe, in einem Privatgespräche zu dem Centrumsabgeordneten Szmula gesagt und diesen dazu ermuntert, im Cen­trum gegen die Annahme der Flotten-Vorlage zu wirken. Herr Szmula hat das in der Centrums- ' ftaftion erzählt, und von da ist die Kunde davon — man weiß nicht, wie! — in die Presse gedrungen. Daraus hat sich dann im Reichstage am Ende der zweiten Lesung der Flotten-Vorlage eine sehr scharfe persönliche Auseinandersetzung zwischen dem Abgeord­neten Szmula und Dr. Hahn entwickelt, in der dieser letztere nichts weniger als siegreich gewesen ist. Er l »ersuchte, sich durch einige Flunkereien aus der Affäre zu ziehen, indem er zwei Gespräche mit einander zu vermengen suchte; aber es ist ihm nicht gelungen. Hinterher hat dann Herr Dr. Hahn, den siebzigjährigen j Abg. Szmula auf Pistolen fordern lassen, aber selbst- ' verständlich einen rundweg ablehnenden Bescheid er­halten. Herr Dr. Hahn wird daraus die heilsame i Lehre ziehen, daß man sich vor hinterlistiger Jntriguen- f Politik in Acht nehmen muß. Im Allgemeinen aber wird es hoffentlich bei uns nicht nach und nach allge­meiner Brauch werden, Privatgespräche zwischen Ab­geordneten verschiedener Parteien zu Angriffen in der Presse auszunützen.

Das wußte man ohnehin, daß im Bund der lLandwirthe und in einem großen Theil der üb« I rigen konservativen Partei eine Hurrah-Stimmung für die Flottenverdoppelung nicht vorhanden ist. Bon I Neuem hat dies der Abg. Freiherr v. Wangen- Herm in der Generalversammlung des Bundes der j Landwirthe bestätigt, die am 12. Februar im Cirkus Busch in Berlin abgehalten worden ist; indem er da­rauf hingewiesen hat, welche neuen Opfer durch die Annahme der Flotten-Vorlage dem Volke und nament­lich der Landwirthschaft auferlegt werden würden. ■ Bedeutungsvoll ist eine Aussprache, die der konserva- - tive Abgordnete Dr. von Frege, Vizepräsident des : Reichstages, an diese Generalversammlung des Bundes der Landwirthe gerichtet hat: Herr v. Frege gab darin seiner „Hoffnung auf einen kommenden ^Reichskanzler" Ausdruck, der „den Spuren des unsterblichen Bismarck folgen werde".

Im Reichstage und im preußischen Ab- ordnetenhause ist man eifrig mit dec Berathung der Etats beschäftigt. Im Reichstage gab die Be- ; rathung des Kolonial-Etaks Veranlassung zu einer Be­sprechung des „Falles Arenberg", d. h. der wüsten ! Ausschreitung, deren sich der Leutnant Prinz Prosper von Ärenberg in Südwestafrika gegen einen Einge- .borenen schuldig gemacht hat — einer „scheußlichen, ganz unmenschlichen That", wie der Centrumsabge- vrdnete Gröber sich treffend ausdrückte. Leider konnte der Kolonialdirektor von Buchta genauere Auskunft über den Fall nicht geben, da dieser sich Noch im Stadium der Untersuchung befindet und dos j militärische Gerichtsverfahren in Preußen bekanntlich noch immer geheim ist. Das Centrum, so führte Abg. Gröber aus, wünscht die strengste Ahndung dieser scheußlichen That — hoffentlich bleibt oie strenge Be- sstrafung nicht aus, so daß die Welt sieht, daß Abg. Bebel Unrecht hat mit seiner Behauptung, in der l Gesellschaft von heute werde die Moral auf den Kopf | gestellt.

Im Reichstage und im preußischen Abgeordneten­hause ist in diesen Tagen wieder einmal die Polen­frage behandelt worden: im Reichstage in Folge einer Interpellation des Abg. vou Czarlinski

Jutöa, Samstag, den 17. Februar 1900.

im Abgeordnetenhause beim Etat des Ministeriums des Innern. Die Interpellation Czarlinski richtete sich gegen die Verweigerung von -Dolmetschern vor Gericht für polnisch sprechende Leute, und die Be­sprechung dieser Interpellation hat ohne Zweifel er­geben, daß da nicht alles in Ordnung gewesen ist, daß der Hakatismus auch schon Einzug in die Ge­richtssäle gehalten hat, wie der Centrumsabgeordnete Roer en ausführte. Aber die Herren Staatssekretäre und Minister haben auf alle solche Beschwerden zu­nächst immer nur die eine Antwort, es komme alles von der großpolnischen Hetzerei her und diese dürfe nicht geduldet werden. Das ist richfig, sie dürste nicht geduldet werden, wenn sie ihr Haupt zu erheben wagte. Aber deswegen dürfen noch lange nicht die polnischen Staatsbürger mit anderem Maaße gemessen werden als die deutschen. Gerechtigkeit muß überall und in allen Dingen herrschen, sonst steigen wir herab von der Stufe eines modernen Kulturstaates zu einem Staatswesen, in dem auch die Willkür ihren verderb­lichen Einfluß geltend machen darf. Dem neuen preußi­schen Minister, Freiherrn von Rheinbaben, gereicht es zur Ehre, daß er nicht allen Beschwerden der polni­schen Abgeordneten von Jazdzewski, Motty und Gle- bocki grundsätzlich sein Ohr verschloß, sondern Unter­suchung einzelner Fälle zusagte. In Ostrowo ist ganz neuerdings der Herausgeber der dort erscheinen­den polnischen Zeitung ,Gazeta Ostrowska', Witold Leitgerber, unter dem Verdachte des Hochver- raths verhaftet worden. Auf die Entwickelung dieses Falles ist natürlich alle Welt außerordentlich ge­spannt.

In der bayerischen Abgeordnetenkam­mer kam es zu einer lebhaften Debatte bei der Be­rathung des Etats des Ministeriums des Innern. Auch dort kamen die berechtigten Klagen der Landwirthschaft zum Ausdrucke über die Leute- noth auf dem Lande, die Landflucht, die schlechten Ge­treidepreise ; und auch dort, ebenso wie im preußischen Abgeordnetenhause, vertrat vornehmlich das Centrum die bedrängte Landwirthschaft. Äbg. Dr. Heim vom Centrum unterwarf die bestehenden Handelsverträge einer scharfen Kritik und faßte seine Forderungen dahin zusammen: Erhöhung der Getreidezölle, Gleichstellung des Zolles für Hafer und Gerste mit dem Zoll der anderen Getreidearten, keine Zollfreiheit mehr für Kleie und Malzkeime, Rückvergütung von Zoll nicht mehr allein für ausgeführtes Getreioe und Mehl, son­dern auch für Erzeugnisfe aus Mehl.

Oesterreich steht unter dem Zeichen des Lohn­kampfes der Kohlenbergleute. Die Versuche der Eini­gungsämter, eine Verständigung zwischen den Unter­nehmern und den Arbeitern herbeizuführen, sind bis­her vergeblich gewesen, obwohl man der Regierung das gute Zeugniß ausstellen muß, daß sie sich alle redliche Mühe gegeben hat, eine Einigung in die Wege zu leiten. Den Arbeitslohn wollen die Unternehmer nicht unbeträchtlich erhöhen; aber auf die tägliche Acht­stundenschicht wollen sie sich nicht einlassen, und ohne die Bewilligung gerade dieser wollen die Bergleute die Arbeit nicht wieder ausnehmen. Nun hat die Re­gierung den Reichsrath zum 25. Februar einbe­rufen, um diesem eine Gesetzesvorlage über die Rege­lung dieser Arbeiterfragen zu machen. Alle Parteien haben gleichmäßig ein Jntereffe an der gedeidlichen Regelung dieser Fragen, und es kann deswegen wohl möglich sein, daß einmal ausnahmsweise der Reichs - rath wieder etwas zu Stande bringt. In der Sprachenfrage ist das neuerdings wieder ganz unwahrscheinlich geworden; denn bisher hat die Ver­ständigungs-Konferenz in Wien ohne Ergebniß gear­beitet — trotz aller Versicherungen von beiden Seiten, daß man des ewigen Haders müde sei, und obwohl auch dies Mal die Regierung ernst in der Sache vor­geht. Der Eigensinn beider Theile, der Tschechen und der Deutschnationalen, ist noch immer größer als der gute Wille zur Versöhnung.

Eine sehr vernünftige Rede hat dieser Tage im ungarischen Reichstage der ungarische Minister­präsident Koloman vonSzell gehalten, eine Rede, die ihrem Sinn nach ein erfreulicher Gegensatz ist zu dem Sprachenzwist in der anderen Reichshälsle. Herr von Szell wahrte die Rechte des Magyarischen als Staatssprache, warnte aber gleichzeitig vor aller un- nöthigen „Energie" gegen die anderen Völkerschaften in Ungarn, die Polen, Rumänen, Ruthenen, Deut­schen, Wallachen, Bosniaken usw. Die Warnung war sehr am Platze; denn in neuerer Zeit leisten die Ungarn erstaunliche Dinge in allerhand Härten gegen die anderen Völker, die mit ihnen zusammen in Ungarn leben.

Neue Meldungen aus Südafrika sind noch immer gleichbeveutend geblieben mit neuen Nieder­lagen der Engländer: General Buller hatte zum dritten Mal den Tugela-Fluß überschritten, um Lady­smith zu entsetzen; aber zum dritten Mal ist er prompt von den Buren wieder zurückgedrängt worden. In Großbritannien wollen die Iren die südafrikanischen Verlegenheiten zu ihrem eigenen Vortheil ausnützen; die bisher in zwei politische Heerlager gespaltenen Iren haben sich wieder zusammengefunden und wollen nun unter der Führung von John Redmond von Neuem den Kampf ausnehmen für die irische Selbst­ständigkeit. Leider wird ihnen dieser neue Kampf ebenso wenig nützen wie die anderen Kämpfe vorher.

Deutsches Keich-

Berlin, den 16. Februar.

* Zlever die mitttärische Dienstzeit der MokksschnKehrer und Kandidalen des Volks- schulamtes veröffentlicht das Kriegsministerium eine Reihe von Bestimmungen, die vom Jahre 1900 ab giltig sind und Folgendes besagen:

1. Auf Bolksschullehrer und Kandidaten des Bolks- schulamts, welche ihrer aktiven Dienstpflicht als Ein­jährig-Freiwillige genügen wollen ober genügen, finden die in der Wehr- und Heeresordnung enthaltenen Bestimmungen über „Einjährig-Freiwillige" Anwendung.

2. Alle übrigen Volksschullehrer u. s. w., welche ihre Befähigung für das Schulamt in vorschriftsmäßiger Prüfung nachgewtesen haben, find vom Jahre 1900 ab nach einjähriger aktiver Dienst» eit bei ein em Infanterie-Regiment zur Reserve zu beur­lauben.

• 3. Sofern sie nicht schon beim Ober-Ersatz­geschäft ausgehoben werden, sind sie durch die zu­ständigen Ersatzkommtsstonen (W.-O. § 26, 2 und § 25, 2—4 — für noch nicht im militärpflichtigen Alter be­findliche Bewerber sinngemäß angewandt —) im Februar oder August außerterminltchen Musterungen zu unterwerfen.

4 Ihre Einstellung findet möglichst unmittelbar an dem nach dem Seminarschlußtermin folgenden 1. April oder 1. Oktober statt. Schwierigkeiten, die ihrer sofortigen Einstellung zu diesen Zeiten aus den Bor- schriften über die Loosung erwachsen, können sie durch Verzicht auf die Vortheile der Loosung (Wehrordnung § 63,8 und § 66,2) begegnen. Noch nicht militär­pflichtige taugliche Volksschullehrer u. s. w. dürfen sich zum Diensteintritt freiwillig bereit erklären. Der Ausstellung eines Meldescheines bedarf es in diesem Falle nicht.

5. Ein Recht auf die Wahl des Truppen- theils haben die etnzustellendenLehrer u. s. w. nicht, vielmehr werden sie durch die Generalkommandos bezw. die großherzoglich hessische (25.) Division auf die Jn- fanterietruppentheile ihres Bezirks vertheilt. Dabei ist den Wünschen der Lehrer möglichstRechnung zu tragen.

6. Wegen Anrechnung der eingestellten Lehrer u. s. w. auf die Rekrutenzahlen wird durch die alljähr­lichen RekrutirungSbestimmungen daS Wütete festgesetzt werden.

7. Die demselben Trnppentheil überwiesenen Lehrer u. f. w. find grundsätzlich gemeinschaftlich unterzubrtngen, soweit dies nach § 21, 2 der Garnisonverwaltungsordnung gestattet ist. Sie nehmen, soweit möglich, an der Rekrutenausbildung der Einjährig-Freiwilligen Theil, treten alsdann in die Kompagnie ein und sind, insoweit sie sich »ach ihrer militärischen Beanlagung und ihrem Diensteifer hierzu eignen, nach Anordnung der Regierungskomman­deure zu Unteroffizieren des Beurlaubtenstandes auszu­bilden

Ihre Verwendung in den Geschäftszimmern ist ausgeschloffen.

Diejenigen Bolksschullehrer u. s. w , welche sich gut geführt und ausreichende Dienstkenntnisse erworben haben, dürfen nach mindestens sechsmonatiger Dienstzeit zu überzähligen Gefreiten ernannt, diejenigen, welche bet musterhafter Führung und Haltung Hervor­ragendes geleistet haben, bei der Entlassung aus dem Dienste ausnahmsweise zu überzähligen Unter­offizieren befördert, drejenigen, welche sich nach dem Urthelle der Vorgesetzten zu Unteroffizieren des Be­urlaubtenstandes eignen, alS Unteroffizier-Aspi­ranten entlasfen werden.

8. Hinsichtlich der Heranziehung zu Uebungen im Beurlaubtenstande werden die unter Ziffer 2 ge­nannten Bolksschullehrer u.f.w. wie die Übrigen Mann­schaften behandelt. Sie dürfen gelegentlich der Uebungen befördert werden.

9. Die Heerordnung wird wie folgt geändert:

§ 13, 1 lautet:

Die Bolksschullehrer und Kandidaten des Volks- schulamts (W -O. § 9, 1) werden bereits nach einjähriger aktiver Dienstzeit bei einem Infanterieregiment zur Reserve beurlaubt. Die Zeit eines Urlaubs von mehr als vierzehnjähriger Dauer findet auf die einjährige aktive Dienstzeit keine Anrechnung. .Diejäheren Be­stimmungen geben die Generalkommandos.

Im § 29, 1 Anmerkung") und irr. § 40, 3 ist „ge­mäß § 13, 2“ zu streichen. (Hiernach behalten die bis­herigen Uebungsbestimmungen für Volksschullehrer u s.w., welche zehn Wochen akiiv gedient haben, Giltigkeit.)

10. Die Aenderung der Wehrorbnungzj bleibt Vor­behalten.

□ Soziale Aufklärung «vd Sch«k««g ist wohl für alle Stände und Berufsschichten un­bestritten das dringendste Erforderntß für die Anbahnung besserer sozialer und wirthschaftltcher Verhältnisse. Man hört so häufig klagen und schellen, hier über die eigene gedrückte Lage, dort über Anmaßung und unberechtigte Be­strebungen anderer. Wenn man aber ant­wortet: Hast du dir diese oder jene Frage denn schon einmal gründlich überlegt, hast du dich vielleicht bemüht, über den" immerhin eng- begrenzten Kreis deiner eigenen Interessen hinaus die Dmqe in ihrem wirthschafilichen und sozialen Zusammenhang zu betrachten, mit den A-sichten, Erfahrungen und Erfolgen anderer Menschen, anderer Länder dich bekannt zu machen usw., dann wird in den meisten Fällen ein klein­lautes „Nein" oder „Nur wenig" erfolgen, oder auch ein gl^chgiltiges „Dazu hab' ich keine Zeit". U iö doch muß man nach dem bekannten Spruch: „S lbsterkenntniß ist der erste Schritt zur Befferun r", sagen, saß die, wenn auch zu­nächst nur aus Bildungsbedürfniß geübte Selbst- unterrichtuag in den sozialen und wirthschaft- lichen Fragen und Reformbestrebungen das beste Fundament und den besten Antrieb für die private und gemeinschaftliche Betätigung zur Besserung der bezüglichen Verhältniffe darstellt. Man liest mit Recht seine Tageszeitung, in der man gewiß schon mancherlei Anregung auch in jener Hinsicht findet, von der man aber eine gründlichere Unterrichtung nicht verlangen kann. Mehr kann man da schon bei aufmerksamer Lektüre einer Vereinszeirschrift, z B. der ,Sümmen aus dem Volksoerein', und besonders eines Fachorgans, einer Bauern-, Handwerker-, Arbeiter-Zeitung, eines GewerkschaftsblatteS usw.

27. Jahrgang.

lernen. Aber unerläßlich bleibt daneben für eine tiefere und fruchtbringendere soziale Auf­klärung und Schulung das private Studium kleiner oder größerer einschlägiger Schriften, auf Grund deffen mau dann im Kreise gleichstreben­der Berufs- und Gesiunungsgenoffen, etwa in sozialen Studienzirkeln oder Unterrichtskursen Gedanken und Anregungen austauschen kann. Bibliotheken, die jedermann unentgeltlich solche Schriften zur Verfügung stellen könnten, fehlen uns leider noch fast überall. Da tritt wieder, wie in so manchen dringenden Bedürfniffen, der Volks verein für das katholische Deutsch­land ergänzend ein mit seiner großen, ca. 3500 Bände zählenden sozialwissenschaftlichen Bibliothek der Centralstelle M.-Gladbach, aus welcher er jedem Mitglied Bücher kosten­los und portofrei zur Verfügung stellt. Ml Gutes ist durch diese auch alle praktischen Fragen behandelnden Bücher schon gestiftet worden; aber ihr Nutzen könnte weit größer sein, wenn noch so mancher Landwirth und Handwerker, Arbeitgeber und Arbeiter, statt sich in fruchtlosen Redensarten und Klagen zu er­gehen, mal den Entschluß faßte, sich ein paar Bücher etwa über Gewerkschafts, oder Genoffen­schaftswesen kommen zu laffen, um dieselben vor- urtheilsfrei zu lesen. Man braucht nicht einmal bestimmte Bücher zu verlangen, sondern nur anzugeben, über welchen Gegenstand und zu welchem Zwecke man Bücher haben will. Auf besonderen Wunsch kann man auch den aus­führlichen Katalog und, wenn man gründliche Studien machen will, das systematische Verzeich- niß sozialer Litteratur gratis von dort erhalten. Also — „nimm und lies"!

Römische Briese.

XVII.

□ Rom, 15. Februar 1900.

Trotz aller entgegengesetzten Zeitungs-Nach­richten, welche zum Theil aus ausländischer Quelle stammen, wimmelt unsere Stadt geradezu von Pilgern. Am Montag kamen allein 5000Lom­barden und Piemontesen mit vielen Bischöfen und Geistlichen an. An der Spitze derselben stehen die Erzbischöfe von Mailand und Turin, die Kar- dinäle Ferrari und Richelmy. Dazu kommt noch, daß der vergangene Sonntag der erste Tag des Massenbesuches der vier Haupt- basiliken seitens der Römer selbst war. Die hiesigen katholischen Vereine haben sich näm­lich zusammengethan, um gemeinsam den from­men Besuch der Jubiläumskirchen vorzunehmen, und um damit gleichzeitig denen unter den Römern, welchen es wegen ihrer Geschäfte an der Zett fehlt, Gelegenheit zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten zu geben, hat der hl. Vater allen denen, welche sich dem Zuge der genannten Vereine an­schließen, die Zahl der Visiten auf fünf herab­gesetzt. So war denn um die festgesetzte Zeit ein ganz gewaltiges Gedränge an den betreffenden heiligen Pforten, die Kirchen waren überfüllt und alle nur denkbaren Transportmittel wurden in Dienst gestellt, um die Waller von einer Basilika zur andern zu bringen Auch die elektrischen Straßenbahnen hatten ihren Verkehr verdreifacht, um die Unmaffen der Pilger auf ihren Linien bewältigen zu können. Alles ging indrffen ohne die geringsten Zwischenfälle ab und gab Zeugniß von einer gewissen Selbstdisziplin, deren die Römer immerhin fähig sein können, wenn sie nur ernst­lich wollen.

Von derKongregation derRiten wurde die feierliche Kanonisation des sei. La Salle, sowie der sei. Rita da Cascia endgiltig auf den Himmelfahrtstag dieses Jahres festgesetzt. Die Peterskirche soll zu dieser Feier in ganz außerordentlicher Weise ausgeschmückt und dekorirt werden. Unter den von den Architekten vorge­legten Projekten befindet sich ein solches, welches die Anbringung vieler tausender elektrischer Lämpchen imJnnern derKirchevorfchlägt. Nament­lich soll dabei die sogen. Cathedra des Apostrl- sürsten hinter dem Hochaltäre in einem wahren Meere elektrischer Sonnen schwimmen.

In der Deputirtenkammer kam wieder einmal der bekannte Zwischenfall von Riva zur Sprache. Der Minister des Aeußeren, Visconti- Venofta beantwortete eine Anfrage der Jrridenti- sten Lucchini und Barzilai. Diese Antwort des Ministers befriedigte natürlich die beiden Frage­steller nicht im Geringsten. Diese selbst war genau die Kopie der bisherigen Mittheilungen des Ministers in derselben Angelegenheit. Der­selbe brachte nicht das geringste Neue vor, was allgemeine Enttäuschung hervorrief.

Der Wiener Bürgermeister Dr. Lueger hat gestern mit dem 8-Uhr-Schnellzuge Rom wieder verlassen, um über Mailand nach Wien zurück­zukehren. Auf dem Bahnhofe wurde demselben von einer hier .wohnenden deutschen Dame ein