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Julöa, Samstag, den 10. Februar 1900.
27. Jahrgang.
Wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
4- Fulda, 10. Februar.
Eine wichtige Woche hat der Reichstag hinter sich: endlich ist die „lex Heintze" in 2. Lesung dnrchberathen und in allen wesentlichen Stücken nach den Vorschlägen der Kommission angenommen worden; nnd außerdem ist mit der Beratbung der neuen Flotten-Vorlage der Anfang gemacht worden. Herr Staatssekretär Nieberding hat zwar wiederholt vorher in der Kommission des Reichstages und jetzt im Reichstage selbst erklärt, der Bundesrath werde das Gesetz in der beschlossenen Form niemals annehmen; aber die Mehrheit des Reichstages ist dennoch fest geblieben und hat sowohl das Schutzalter für unbescholtene Mädchen von 16 auf 18 Jahre heraufgesetzt, als auch den sogenannten Arbeitgeberparagraphen angenommen, und diesmal liegt auch nicht der geringste Vorwand dafür vor zu behaupten, daß die Abstimmung eine Parteimache sei. Die Mehrheit, namentlich für den Arbeitgeberparagräphen, setzt sich zusammen aus Stimmen von der äußersten Rechten bis in die Reihen der Sozialdemokratie hinein. Bei diesem Arbeitgeberparagraphen handelt es sich bekanntlich um die Einsetzung einer besonderen Strafe dafür, wenn Arbeitgeber oder Dienstherren das dienstliche Abhängigkeitsverhältniß dazu mißbrauchen, weibliche Dienstboten oder Arbeiterinnen durch Androhung von Strafen oder Versprechen von Lohnvortheilen zu «ustttlichen Handlungen zu bewegen — sicherlich eine ganz nothwendige Bestimmung, wenn man mit Ernst aller Unfittlichkeit zu Leibe gehen will. Aber die Re- Jlterung und die Minderheit des Reichstages b-haup- en, solche Bestimmungen würden nichts nützen, dagegen Gelegenheit geben zu allerhand boshaften Denunziationen — als ob nicht jede Strafbestimmung in dieser Weise gemißbraucht werden könnte! Man muß nun abwarten, was weiter werden wird: ob die verbündeten Regierungen nachgeben werden, oder ob eine Vermittelung der Gegensätze durch ein Kompromiß fich erzielen lassen wird. Ueber die Schicksale solcher Gesetzentwürfe wie die Flotte»-Vorlage wird nicht im Plenum des Reichstages in öffentlicher Sitzung entschieden: bei solcken Vorlagen liegt die Haoptentscheidung in der Kommission, hier also in der Budget-Kommission des Reichstages, und namentlich für das Centrum wird es in erster Reihe auf diese Berathungen ankommen, also auf die ernste und sachliche Prüfung des Gesetzentwurfes und vor allen Dingen auf die grundlegende Frage der Kostendeckung. Das Centrum unterscheidet fich dadurch von auderen Parteien, die meist schon vorher, noch ehe fi« eine solche Vorlage überhaupt nur kennen, ganz genau wissen, ob sie Ja oder Nein sagen werden. Darüber ist schon jetzt alles im Centrum einig: sollte die verlangte Vermehrung der Flotte oder eine annähernde Flottenvrrgrößerung im Reichstage gutge» heiße» werden, dann dürfen niemals die schwä- ?eren Steuerschultern durch die ent- eheuden Kosten belastet werden. Interessant ist, daß sehr viele sonst ganz konservative Leute Gegner der Flottenvorlage find; aber sie trauen sich mit dieser Gegnerschaft nicht recht an die Oeffentlichkeit hervor.
Am letzten Dienstag hat der Unterstaatssckrelär des Auswärtigen Amtes im englischen Unterhause Auskunft gegeben über das Samoa-Abkommen zwischen England, Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser Vertrag ist ani 29. Januar vom amerikanischen Senat genehmigt worden und der gegenseitige Austausch der amtlichen Urkunden steht unmittelbar bevor. Bevor dieser nicht erfolgt ist, können natürlich Deutschland und Amerika die ihnen zugefallenen Theile von Samoa nicht in Besitz nehmen.
Die Friedenskonferenz im Haag beschäftigt noch immer die Diplomaten. Gegen einen Paragraphen der abgeschlossenen Uebercinkunft hatten Deutschland, England und die Vereinigten Staaten Widerspruch erhoben, nämlich gegen die Bestimmung, daß Leute, die von neutralen Schiffen aus einer Seeschlacht gerettet werden, bis zum Ende des Krieges rn dem neutralen Lande untergebracht werden sollen. 9tun soll • die ganze Bestimmung aus der Ueberein- kunft entfernt werden. Leider wird nach wie vor de ganze Uebereinkunft auf den: Papier stehen bleiben, ohne praktische Früchte zu bringen; und daran wird auch nicht viel geändert werden durch die Einsetzung und Errichtung des internationalen Bureaus des ständigen Schiedsgerichtshofes im Haag, worüber der holländischen Kammer ein Gesetzentwurf zugegangen ist. Wenn der gute Wille fehlt, helfen alle Schriftstücke und Bureaus nichts-
Innerhalb der deutschen Antisemiten gibt es wieder einmal Streitigkeiten. Der Abg. Liebermann von Sonnenberg hat den Vorsitz im Vorstände der Antisemitenpartei niedergelegt, oder der dentsch-sozialen Reformpartei, wie sie sich eigentlich nennt. Er fürchtet, daß er gegen die radikalen Elemente nichts werde ausrichten können, die neben ihm in den Vorstand gewählt worden find. Ebenso gibt es auch wieder in der nationalliberalen Partei einen Streitpunkt, nämlich über die Stellung der Partei zum Bunde der Landwirthe. Der Abg. Dr. Krause-Königsberg war in einer Rede in Bromberg dem Bunde aufs schärfste zu Leibe gegangen, muß es sich nun aber gefallen lassen, daß der Abgeordnete KommerzienrathMünch-Ferber im Namen
der süddeutschen Nationalliberalen erklärt, daß diese die Rede Krause's mißbilligen.
Das neue österreichische Ministerium des Herrn von-Körber hat wirklich in der Sprachenfrage schon einen Erfolg zu verzeichnen: Die Konferenz zur Besprechung einer Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen hat thatsächlich in Wien begonnen, nachdem sie von Deutschen und Tschechen beschickt worden ist. Nur die ganz radikalen Deutschnationalen von der Farbe der Herren Schönerer und Wolf find der Zusammenkunft fern geblieben, worüber schwerlich irgendwer Trauer empfinden wird. Das ist schon etwas, daß die Konferenz überhaupt zusammengebracht werden konnte; ob aber auch handgreifliche Erfolge zu erzielen sein werden, ist natürlich noch sehr die Frage. Die Einsicht, daß es so nicht weiter gehen kann, ist auf beiden Seiten wohl da. Aber leider ist bisher noch immer der Eigensinn auf beiden Seiten stärker gewesen. Wie bekannt, legt die Regierung der Verständigungs-Konferenz ihren Sprachen-Gesetz- Entwurf zur Begutachtung und Besprechung vor.
Der Streik der österreichischen Kohlen- arbeiter steht noch auf dem alten Flecke. In manchen Revieren war die Arbeit zum großen Theil schon wieder ausgenommen worden, wurde aber nachträglich von Neuem niedergelegt.
Die neue französische Flotten-Vorlage ist dem Parlamente nunmehr zugegangen. Sie besteht aus fünf einzelnen Gesetzen, die von der Flottenvermehrung, der Küstenbefestigung, dem Ausbau von Kriegshafen, der Einrichtung von Flottenstützpunkten im Auslande und der Legung von Seekabeln handeln. Im Ganzen ist dafür ein Kostenaufwand von 900 Millionen Franken in Aussicht genommen, wovon auf die Vermehrung der Kriegsflotte beinahe 500 Mill, entfallen.
In Westafrika wird eine neue französische Kolonie begründet, die den Namen „Westmauri- tanien" erhalten soll. Man will dadurch feste Beziehungen erlangen zu den Mauren und Tuaregs. Zunächst wird eine große Sahara-Expedition ausgerüstet zur Betreibung dieser Pläne; in zweiter Reihe ist die Erbauung einer Eisenbahn quer durch das ganze Wüstengebiet in Aussicht genommen, um auf diese Weise das westafrikanische Gebiet Frankreichs mit seinen nordafrikanischen Besitzungen zu verbinden.
In Südafrika haben die Engländer ihre Schlappe vom Spionskvp noch nicht wieder gut gemacht. Jetzt scheint etwas Neues im Werke zu sein, um Ladysmith vielleicht doch noch zu entsetzen. Bei der Bertheidigung des SpionSkop hat ein Mann seinen Tod gefunden, dessen Name einst viel genannt wurde: der ehemalige Leutnant von Brüsewitz in Karlsruhe. Er hat in heldenmüthigem Kampfe sein Ende gefunden.
[] Getreideeinfuhr nach Deutschland.
Gegenwärtig steht die Einfuhr fremden Brotgetreide- nach Deutschland wieder einmal im Vordergründe der Auseinandersetzungen in der Presse und in den Parlamenten; namentlich ist diese Auseinandersetzung der neuen Flottenvor- läge, in der die Regierung fich auf den Standpunkt stellt, daß durch die deutsche Flotte die Einfuhr derjenigen Lebensmitteln sichergestellt werden müsse, die für d:e Ernährung des deutschen Volkes nothwendig sind, und daß der deutsche Seehandel im Laufe der Zeit immer unentbehrlicher werden müsse für die Versorgung des deutschen Volker mit Srber>5mitteln.
Mit einiger Verwunderung bat man diesen Hinweis gelesen, denn bisher hörte man von den Vertretern der Regierungen im Reichstage und in anderen Parlamenten immer die Ansicht aas- sprechen, daß Deutschland allgemach in die Lage gebracht werden könne und müsse, sich selbst mit dem nöihigen Brotgetreide und Fleisch zu versorgen. So bat sich vor nicht länger als JahreS- srist Staatssekretär Gras PosadowSky im im Reichstage ausgesprochen, und zu derselben Anschauung hat fich noch soeben erst der preußische Landwirthschaftsmimster Freiherr v. Hämmerst ein im preußischen Abgeordnetenhause bekannt. Man sollte also eigentlich annehmen, daß es die besondere Auffassung der Marine-Verwaltung sei, sich dmch bange Zukunftsträume von einem hungernden Deutschland in Angst und Schrecken versetzen zu lassen; aber die Marine-Verwaltung kann doch unmöglich als maßgebende Größe angesehen werden für die Beurtheilung dieser wirth- schaftlichen Verhältnisse
Die Tbatsachen sprechen übrigens gegen die Auffassung, als drohten uns Deutsche HungerSnotbgkfahren wegen mangelnder Zufuhr von Brotgetreide: denn gerade während der letzten Jahre hat die Einfuhr von Brotgetreide nach Deutschland, namentlich von Roggen, dauernd und stetig adgerommen. Die Einfuhr von Roggen nach Deutschland belief fich nämlich im Jahre 1896 auf IO1/» Millionen Doppelzentner, im Jahre 1897 auf 81/* Mill, im Jahre 1898 auf etwas über 9 Millionen und im Jahre 1899 nur auf 5*/» Millionen Doppelzentner. Die Einfuhr von Roggen ist also trotz steigender Bevölkerungsziffer und trotz wachsenden Wohlstandes erheblich geringer geworden, von 1896 bis zu 1899 auf die Hälfte gesunken ; aber von irgendwelcher Roth an Brotgetreide hat
Niemand etwas gemerkt. Im Gegentheil: wäre so etwas wie ein Mangel an Brotkorn ringe« treten, dann hätte man da- auch äußerlich erkennen müssen an einem Steigen der Roggenpreise. Aber davon ist gar nichts zu merken. Die Landwirthe klagen vielmehr über das neuerlich wieder eingetretene Sinken der Getreidepreise. Im Dezember 1899 hatte der Roggen in Berlin einen Durchschnittspreis von 146,3 M für die Tonne, und jetzt ist dieser Preis noch weiter bis auf 144 M. heruntergegangen; und aus allen diesen unbestreitbaren Thal fachen zusammengenommen kann man nur den einen Schluß ziehen, daß die ftühereingesührten zehn Millionen Doppelzentner Roggen gar nicht nöthig waren für die Ernährung des deutschen Volkes.
Man darf auch nicht etwa annehmen, daß stärkere Einfuhr von Weizen den Ausfall in der Roggeneinfuhr ausgeglichen hätte. Die Weizeneinnahme hat sich während der letzten Jahre nicht vermehrt, sondern in der Hauptsache ebenfalls verringert. An Weizen wurden nach Deutschland eingeführt 16'/« Millionen Doppelzentner i. I. 1896, gegen 12 Millionen Doppelztr. i. I. 1897, 14,7 Mill. Doppelztr. i. I. 1898 und 13,7 Mill Doppelztr. i. 1.1899. Und außerdem sind gerade jetzt für Weizen die Preise ausnahmsweise niedrig geworden, so daß man unbedingt annehmen muß, daß bedeutend mehr Weizen nach Deutschland eingesührt worden ist, als Deutschland braucht. Wäre es anders, dann würden die Weizenpreise höher sein.
Die Erfahrungen der letzten Jahre sprechen also nicht für die Richtigkeit der vorher angeführten Beweisführung in der Begründung der Flotten-Vorlage; und diese letztere verliert noch mehr an Berechtigung, wenn man der Herkunft der früher so starken Einfuhr von Roggen nachforscht. Die Massen des früher eingeführten fremden Roggens stammten nämlich zum überwiegenden Theile aus Rußland, und sie find neuerdings fortgeblieben, weil Rußland mehrere Mißernten nacheinander gehabt hat. Mit Seehandel und Kriegsflotte hatte also auch die frühere, übermäßig starke Roggeneinfuhr nach Deutschland nicht das Geringste zu thuu.
Um Deutschland mit dem nothwendigen Brotgetreide zu versorgen, brauchen wir gegenwärtig das Ausland in viel geringerem Maße, als man gemeinhin annimmt; und die Einfuhr auf dem Seewege brauchen wir namentlich außerordentlich wenig, ohne daß die Getreidepreise im Jnlande lästig hoch für den Verbraucher werden müßten. Das beweisen die Zahlen und Erfahrungen der letzten Jahre mit unwiderleglicher Deutlichkeit. Nnd Deutschland kann dahin gelangen, seinen Verbrauch an Getreide selbst zu decken, wenn dafür gesorgt wird, daß dieLandwirthschaft sich wieder mehr dem Getreidebau zuwenden kann und im allgemeinen dazu gelangt, endlich die Krise zu über- wiitden, in der sie noch immer steckt. Dazu aber ist vor allen Dingen die Beseitigung der Leutenoth nöthig, mit der die Landwirthschaft so schwer zu kämpfen hat; und die Regierungen sollten nicht nur im besonderen Interesse der Landwirthschaft, sondern im allgemeinen Volksinteresse mit allem Nachdruck und so schnell wie nur eben möglich die Einwanderung fremder Arbeitskräfte befördern.
Das thut noth. vielmehr noth als die geforderte Riesenverstürkung der Kriegsflotte!
L Gewerbliche Beschäftigung von Schulkindern.
Nach unendlich langen Verhandlungen und Streitereien ist man nun endlich in Berlin dazu gelangt, bestimmte Verordnungen gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft von Schulkindern zu erlassen. Aber hervorragend sind die Berliner Errungenschaften nicht: die Verordnungen fassen nämlich nur Kinder unter 10 Jahren in's Auge. Kinder, die älter als 10 Jahre sind, sind nach wie vor schutzlos der Ausbeutung preisgegeben. Welchen außerordentlichen Umfang die gewerbliche Beschäftigung von Schulkindern in den großstädtischen Verhältnissen angenommen hat, ersieht man ganz besonders deutlich aus dem Ergebnisse der Erhebungen, die der Magistrat von Schöneberg vorgenommen hat, einer städtischen Vorort- Gemeinde. Die Schöneberger Volksschulen wer- den von etwa 7400 Schulkindern besucht, und von dieser Anzahl sind nach den angestellten Erhebungen nicht weniger als 848 gewerblich thätig, also etwa 12 v. H. Von diesen 848 Kindern sind 532 Knaben und 316 Mädchen; und schon Kinder in dem zarten Alter von sechs Jahren finden sich unter diesen kindlichen Arbeitern. Es standen im Alter von
6—7 Jahren 11 Kinder 10-11 Jahren 103 Kinder 7-8 „ 41 „ 11-12 „ 138 „
8-9 „ 52 „ 12-13 „ 192 „
9-10 „ 86 , 13-14 „ 189 „
über 14 Jahren 36 Schukinder. Geradezu entsetzlich deutlich treten diele Mißstände zu Tage, wenn man sich ansieht, rote lange diese Kinder täglich arbeiten müssen. Diese Arbeitszeit geht hinauf bis zu neun Stunden in einem Tage. Es waren nämlich von denKmdern im täglichen Durchschnitte beschäftigt:
36 Kinder '/» Stunde, 135 1
320 „ 2 Stunden,
123 , 3 „
81 „ 4 ,
und so fort btS zu 6 Kindern, die im Durchschnitte 9 Stunden täglich als gewerblich thätig befunden wurden. Die Irbeit besteht der Hauptsache nach im AuSt ragen von Zeitungen, Austragen von Milch und Backwaaren, Aufwarte- und Laufburschen-Diensten. Nachdem man von dem Umfange bitfer gewerblichen Thätigkeit von Schulkindern Kenntniß erhalten hat, will man nun. endlich auch in Schöneberg mit Verordnungen dagegen rorgehen. Aber man hätte eS gar nicht so weit kommen lassen sollen!
S Bischof von Ketteler Über die Arbeiterorganisation.
Unter dem Eindruck deS Auftretens LaffalleS bat Bischof von Ketteler sich nicht wenig für Produkdvassoziationen begeistert, d. b. für Genossenschaften von Arbeitern, die selbst Besitzer der Betriebsmittel und Leiter deS Betrieb.- find. Wie er daS sog. eherne Lohngesetz alS Grund für die Thatsache annahm, daß die Arbeiter unter dem freien Walten des Gesetze- von Angebot und Nachfrage im Allgemeinen auf das unter den jeweiligen Verhältnissen zum Leben Nothwendige beschränkt blieben, so sah er andererseits in dem Vorschlag der Produktivaffoziation da- Mittel, dem Arbeiter über dem nackten Arbeitslohn hin- auS den entsprechenden Anth-il am Reingewinn zu verschaffen. Allerdings hat sich Ketteler in Bezug auf die Produktioaffoziationen keineswegs unbedingt an Lassalle angeschlossen. Insbesondere verwarf er den von Lassalle zu diesem Punkt aefotberten StaatSkredit als m.t der Gerechtigkeit nicht vereinbar, wenn er auch nicht jede StaatSunterfiützung abwie». Er dachte überhaupt mehr an die Partner- oder Theilhaberschaft und wollte diese zunächst im Kleinen mit Mitteln der christlichen Liebe verwirklichen. Allein die ent« gegenstehenden Schwierigkeiten und mißlichen Erfahrungen überzeugten den Bischof bald, daß auf diese Weise ein durchschlagender Erfolg für den Arbeiterstand nicht zu erzielen sei. DaS lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Arbeiter or gant- sation, welche von nun an feinen Geist vornehmlich beschäftigte und die erste Forderung seines sozialpolitischen Programm- wurde.
Schon seit 1865 faßte Bischof von Ketteler, wie Otto Pülf 8. J. neuesten» in der Biographie desselben (II. 202 ff.) aus dessen nachgelassenen Papieren zeigt, die Reorganisation aller Berufsstände, insbesondere de- Arbeiterstandes ins Auge. Als Grundlage der Organisation des Arbeiterstandes bezeichnet er schon um diese Zeit die Gewerkschaft, ehe sonst in Deutschland noch kau« jemand daran dachte. Und zwar war es die al- gemeine gewerkschaftliche Organisation unter staatlich anerkannten Kreisverbänden, welche er schon damals erwog Ausführlicher kommt er auf denselben Gegenstand zurück in der Skizze zu einer Schrift, welche ihn unmittelbar vor seinem Tode im Jahre 1877 noch beschäftigte (vgl. Pülf, Ketteler III 293 ff.) Er gebuchte in einer eigenen Schrift die Frage zu erörtern: „Kann em katholischer Arbeiter Mitglied der sozialistischen Arbeiterpartei sein?" Er wollte in dieser Schrift 1. die berechtigten, 2. die unberechtigten Forderungen de» Arbeiterstandcs besprechen. Zu den berechtigten Forderungen des Arbeiterstandes aber rechnete er an erster Stelle eine allgemeine Organisation desselben unter staatlichem Schutze, ganz entsprechend der ersten Forderung seines sozialpolitischen Prs- gramms vom Jahre 1871: „Reorganisation des Arbeiter st andeS und des Handwerke r- sta ndes", welche durch die gedachte Skizze wesentlich erläutert wird. Zwar ist aus derselben nicht ganz ersichtlich, ob Ketteler an eine gemeinsame Organisation des Arbeiter- und Handwerkerstandes gedacht hat, ausdrücklich spricht er nur von industriellen Arbeitern. Jedenfalls aber hat er an eine allgemeine obligatorische Organisation nach Art der Zwangsinnungen gedacht. Er fordert ausdrücklich, daß die Arbeiterverbindungen alle Standesgenossen einschließen. Auch auf die Kreis- verbände kommt er wieder zu sprechen, indem er schreibt: „lieber diese Gewerkschaften an Ort und Stelle müßten bann nach demselben Vorbild auch Kreis-Gewerkschaften gestellt werden. In den Einzelverbänden stehen diejGewerke allein, in den Kreisverbänden alle Gewerke zusammen. Es ist interessant, zu erfahren, daß Ketieler in diesen Kreisverbänden, welche wir uns wohl als zewerk-