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27. Jahrgang.

Iutda, Mittwoch, den 24. Januar 1900.

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0 Ausstand der Kohlenarbeiter in Oesterreich.

Der Ausstand der österreichischen Kohlenar- weiter hat einen Umfang angenommen, der die Ausdehnung fast aller ähnlichen Lohnbewegungen übertrifft. Er umfaßt sämmtliche Kohlenreviere ja Böhmen, Oesterreich-Schlesien und Mähren, und es mögen gegenwärtig 90000 Arbeiter fein, die feiern.

Diese Riesenbewegung hat sich aus einem ganz kleinen Anfänge entwickelt. Es war zuerst nur ein kleiner Ausstand in zwei Bergwerken in Mhrisch-Ostrau ; und fast schien es so, als sollte auch daraus nichts werden. Denn dort wurden die Arbeiter mit ihren Forderungen zum Theil berücksichtigt, und sie wollten daraufhin die Ar­beit wieder aufnehmen. Das aber paßte der Sozialdemokratie nicht. Obwohl uns die Herren Obergenoffen stets versichern, sie hielten sich fern von dem thätlichen Eingreifen in solche Lohn­angelegenheiten und Lohnbewegungen, so ist, wie männiglich bekannt, auf solche Versicherungen nicht viel zu geben. Und hier hat die sozial­demokratische Parteileitung alles Mögliche aus- geboten, um den Streik ins Werk zu setzen. Man verspricht sich einen für die Arbeiter günstigen Ausgang der Lohnbewegung und als Folge davon weiteren Zuwachs des sozialdemo­kratischen Anhanges unter den Arbeitern, und vor den Parteirücksichten schwinden bei der So­zialdemokratie alle anderen.

Es ist übrigens nicht zu leugnen, daß die Dinge für die <51 reiter gar nicht schlecht stehen. Der österreichische Kohlenbergbau befindet sich in Verhältnissen, die bis jetzt noch nicht da waren, so riesenhaft ist der Aufschwung, den er in der neuesten Zeit genommen hat. Die Bergwerke konnten kaum mehr die an sie gefteflien Ansprüche befriedigen, und in dem kurzen Zeiträume von noch nicht einem Jahre ist der Kohlenpreis um 15 o. H. gestiegen. Daraus ist es zu erklären, daß der Ausstand so außerordentlich schnell sich verbreitet hat. Außerdem hat man sich vielfach gar nicht auf solche Möglichkeiten vorbereitet. Die Stadt Prag leidet bereits unter empfindlichem Kohlenmangel, weil niemand vorbereitet war, und sogar in Dresden, das seine Kohlen durch Elbschiffe aus Böhmen bekommt, zeitigt der Aus­stand sehr unliebsame Erscheinungen. Diestädtischen Licht- und Kraftwerke müffen ihren Betrieb ein­schränken, wodurch auch der Betrieb der elektrischen Straßenbahn und die elektrische Beleuchtung störend beeinflußt werden; und der Schulunterricht muß eingeschränkt werden, weil die Schulen keine Kohlenvorräthe zum Heizen haben.

Die Forderungen der Bergarbeiter sind über­all genau dieselben; Einführung der achtstündigen Arbeitsschicht einschließlich Einfahrt und Ausfahrt, Erhöhung des Lohnes um 15 v. H. und Anerkennung der Vertrauensleute der Arbeiter. Das ist nun ziemlich viel auf einmal verlangt. Aber man muß, wenn man gerecht fein will, an­erkennen, daß die böhmischen und mährischen Kohlenbergarbeiter eine Ausbesserung ihrer wirth- schafllichen Lage brauchen können. Die Leitungen der staatlichen Bergwerke haben deswegen auch zu erkennen gegeben, daß sie zu einigen

Zugeständniffen bereit seien — naiürlich nur unter der Bedingung, daß ihre Arbeiter an dem Streik sich nicht betheiligen. Es ist noch unbekannt, wie die Arbeiter dieser staatlichen Kohlengruben sich dazu verhalten. In mehreren Bezirken weigern sich die Unternehmer rundweg, irgendwelche Zugeständnisse zu machen oder sich auch nur in Unterhandlungen mit den Aus­ständigen einzulassen. In dem Reviere von Kladno und Schlau kündigen die Bergwerks- besitzer den Arbeitern an, daß diejenigen sich als entlaßen betrachten sollen, die bis zu diesem Mittwoch nicht wieder einfahren. Aber sie haben bei diesem Verfahren die öffent­liche Meinung nicht auf ihrer Seite. Nament­lich denjenigen Unternehmern, die sich im Kladnoer Revier geweigert hatten, in Ver­handlungen vor dem Einigungsamte einzutreten, wird in der amtlichen »Wiener Abendpost' gehörig der Text gelesen. Es wird ihnen voraehalten, welche außerordentliche Verantwort­lichkeit sie durch ihre Weigerung auf sich laden; die Bergwerks-Inspektoren aber werden in die Ausstands-Reviere entsandt, um sich über die Forderungen der Arbeiter zu unterrichten und Überhaupt durch eigene Anschauung einen genauen Einblick in die Sachlage zu gewinnen.

Bisher haben sich die Ausständigen in Böhmen keine Ausschreitungen zu Schulden kommen lassen. Nur in dem mährischen Bezirke von Karmin ist von ausständigen Arbeitern mehrfach der Versuch gemacht worden, arbeitswillige Leute mit Gewalt von dem Ein­fahren in die Gruben abzuhalten.

Für die Arbeiter liegen aber auf der andern Seite die Dinge ebenfalls ungünstig deswegen, weil auch bei ihnen keine ober doch nur ungenügende Vorsorge getroffen ist für die Ausstandsbewegung. Es ist also sehr fraglich, ob sie die nöthigen Mittel aufbringen werden, um eine längere Arbeitseinstellung aus­halten zu können.

Deutsches Deich-

Berlin, 23. Januar.

+ Eine artige Meröcngung macht die ministerielle .Berliner Korrespondenz' vor den Konservativen. Das offiziöse Organ leistet sich nämlich die eigenthümliche Behauptung, es sei ganz etwas Anderes, wenn Konservative die Regierung tadeln, oder wenn andere Leute das thun. Von den Angriffen der Konservativen im Reichstage gegen die innere Politik der Regierung schreibt die ,Berl. Korresp.": „.. . Diese Angriffe dürfen um so weniger unterschätzt werden, als dieselben wesentlich von der rechten Seite des Hauses ausgingen; und dieser Umstand verleiht ihnen . . . ein ungleich größeres Gewicht, als wenn die zum Ausdruck gelangte Opposition von denjenigen politischen Gruppen ausgegangen wäre, deren Prinzipien zu der ge» sammten Gestaltung unseres öffentlichen Lebens oder doch zu den grundlegenden Gesichtspunkten der gegenwärtigen Reichspolitik im Widerspruche stehen. . ." Thatsächlich paßt dieser letzte Satz ja gerade auf die Konseroativen, wenn die

Rede von den letzten Debatten im Reichstage fein soll bei der Beralhung der Etats des Reichs­kanzlers und des Reichsamtes des Innern; und man begreift nicht recht, was der Offiziosus eigentlich sagen will. Nur das begreift man, daß er sich in großer Verlegenheit befindet und nicht weiß, wie er sich eines augenscheinlich er­haltenen Auftrages entledigen soll. Auf diese Weise aber werden die Konservativen nicht ge­bessert, und die anderen politischen Gruppen werden erst recht geärgert werden durch die Aus­nahmestellung, die den Konservativen und ihrer politischen Bedeutung eingeräumt wird. Es ist keine große Regierungsweisheit, die aus dieser offiziösen Verlegenheitsschreiberei herausktingt.

+ Der Kolonial Ktat stand am heutigen Dienstag in der Budget-Kommission des Reichs­tages zur Berathung. Kolonialdirektor v. Buchka führte in längerer Rede aus, was für Reformen er anzubringen gedenke: die Ausbildung der Be­amten solle praktischer als bisher gestaltet werden, sie sollen auch mehr kaufmännische Kenntnisse erwerben. Die Selbstverwaltung der Schutzgebiete solle mehr ausgebildet werden unter Betheiligung der Eingebornen, und das Zollsystem solle mög­lichst von allen unnützen Plackereien befreit werden. Bei der Wahl der Beamten komme es weniger auf die Vorbildung an, als vielmehr auf Per­sönlichkeit und Charakter. Bei dem besonderen Etat für Ostafrika rügte der Centrums-Abg. Müller Ankda, daß unsere Schutzgebiete zu hohe Zuschüsse erfordern. Man müffe danach streben, daß die Kolonieen sich selbst erhalten. Eine Steigerung der Zuschüsse des Reiches könne auf keinen Fall zugelaffen werden. Die Berathung wurde heute nicht beendet, sondern auf Mittwoch vertagt.

* Die Verhandlungen des miriHschafl- kichen Ausschusses zur Vorbereitung der Han­delsverträge sollten angeblich ganz vertraulicher Natur fein. Aber die »Berl. Pol. Nachr.' find trotz alledem in der Lage, ein Stück nach dem anderen aus diesen Verhandlungen zu veröffent­lichen. Jetzt wird durch die genannte Zeitungs­korrespondenz ausgeplaudert, daß ein Zoll aus Kartoffeln beabsichtigt oder doch als möglich ins Auge gefaßt ist. „Die Fürsorge für die land- wirthschastliche Produktion — so wird gesagt — kommt auch darin (in dem neuen Zolltarif-Schema) zum Ausdrucke, daß ihretwegen eine vollständige Neuerung in den Zolltarif eingeführt werden soll, nämlich die Trennung einer Waarengattung nach den Jahreszeiten ihrer Einfuhr. Die Position Frische Kartoffeln nämlich wird im Tarif­schema in zwei Unterabtheilungen zerlegt, und zwar für die Einfuhr vom 15. Februar bis Ende Juni und für die vom Juli bis zum 14. Februar." Der Offiziosus läßt es aber dahingestellt, ob die Absicht sich werde durchführen lassen.

ft Der Gesetzentwurf üver die Me- kämpfnug gemeingefährlicher Krankheiten liegt bekanntlich dem Bundesrathe vor. Er knüpft an die Entwürfe an, die in den Jahren 1893 und 1894 dem Reichstage vorlagen und damals nicht verabschiedet wurden. Jetzt ist der Entwurf nur nach den neuesten Forschungs-Ergebnissen er­gänzt und umgearbeitet worden, namentlich in dem Kapitel über die Pest. Es handelt sich dabei

nm die Erfahrungen der im Jahre 1897 zur Er­forschung der Pest nach Indien entsandten wissen­schaftlichen Kommission und von Sachverständigen, die neuerdings nach Oporto zum Studium der Seuche entsandt wurden. Die Krankheiten, die in den Rahmen des Gesetzes fallen sollen, sind Aussatz (Lepra), astatische Cholera, Flecktyphus, gelbe Fieber, orientalische Beulenpest und Pocken. Der Entwurf behandelt den Stoff in 6 Abschnitten, die der Reihe nach handeln von Anzeigepflicht, Ermittelung der Krankheit, Schuhmaßregeln, Ent­schädigungen, allgemeine Vorschriften, Straf-Be­stimmungen.

• Die Münzgesetz Novelle führte am heutigen Dienstag in der 18. Kommission des Reichstages zu einer ausgedehnten Währungs­debatte, in Anknüpfung an Artikel 4 der Novelle, der von der Neuprägung von Silbermünzen und Einziehung der Thaler handelt. Ein Beschluß wurde heute noch nicht gefaßt.

x Hilt das Bürgerliche Hefetzvuch für de« gewervlicheu Arveits - Aerlrag? KWo man diese Frage heute hört, und sie wird seit dem 1. Januar 1900 ziemlich oft auftauchen, muß man „Ja" und „Nein" zugleich antworten. Bekanntlich ist das Arbeitsverhältniß zwischen ge­werblichen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Allgemeinen bereits durch die Reichs - Gewerbe - ordnung geregelt und in der Hauptsache bleibt es dabei auch in Zukunft. Nach dem Bürger­lichen Gesetzbuchs (§ 621) soll z. B. die Kündi- gungsfrist der Löhnungsfrist (Tage-, Wochen-, Monatslohn :c.) entsprechen, sofern in dem be­treffenden Falle nichts Anderes vereinbart ist. Da die Gewerbeordnung aber als Regel vierzehntägige Kündigung verlangt, gilt z. B. für den Arbeiter, der im Tagelohn steht und nichts über die Kün­digung ausgemacht hat, nicht eintägige, sondern vierzehntägige Kündigungsfrist. Ferner läßt das Bürgerliche Gesetzbuch (§ 626) die sofortige Auflösung des Ardeits - Vertrages allgemein auS „wichtigen" Gründen zu, ohne diese näher zu be­zeichnen. Da nun aber die Gewerbeordnung für Arbeitsverhältniffe von vertragsmäßig nicht mehr alS vierwöchentlicher Dauer und mit höchstens vierzehntägiger Kündigungsfrist solche „wichtige" Gründe für Arbeitgeber und -nehmer ausdrücklich (§§ 123, 124) nennt, so kann ein Arbeiter, der in einem Arbeitsverhältniß der eben bezeichneten Art steht und nichts Besonderes verabredet hat, nur aus den wichtigen Gründen derGe- werbeordnung, nicht aus sonstigen wichtigen Gründen, sofort entlaffen werden oder selbst die Arbeit verlassen. Dieser Gegensatz zwischen Ge­werbeordnung und Bürgerlichen Gesetzbuch hat vor Allem zu Meinungsverschiedenheiten Anlaß gegeben, die zum Theil noch bestehen. Jndeffen scheint es, daß sich die Meinungen mehr und mehr der oben zu Gunsten der Gewerbeordnung gegebenen Erklärung zuneigen. Bei Berathung der Gewerbeordnungs - Novelle wurde überdies vom Bundesraths - Tische auS erklärt, daß nach der Annahme der Regierung und des Reichs-Justiz­amtes durch den § 626 des Bürgerlichen Gesetz­buches die einschlägigen Bestimmungen der Ge­werbeordnung weder geändert noch aufgehoben seien. — Andererseits muß man aber doch auf die Frage: „Gilt das Bürgerliche Gesetzbuch für

Der Strudelkopf.

Bolkserzählung von M. S ebaldus-Aug.Butscher.

23 ------ (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Damit winkte er dem Assistenten, ging hinaus und schlug hinter sich die Thüre zu, daß das ganze Haus mit sammt den Jnsaffen erbebte.

Der hohe Rath von Winkelstadt saß wie ge­lähmt, denn so hatte ihm noch niemand die Meinung gesagt. Besonders an dem Staats­bürgermeister würgten sie so lange, daß sie es ganz überhörten, daß draußen „Hoch" gerufen wurde. Erst das Krachen der Böller und datz Läuten der Glocken brachte sie zur Wirklichkeit zurück. Als sie aber mit wehenden Frack­schößen dem Bahnhofe zuflogen, war die ganze Herrlichkeit schon vorüber, der Extrazug war abgefahren.

Merkwürdigerweise trug der junge Stations­vorsteher neben bu Rettungsmedaille auch noch ein blitzendes Krer,, und in dem Knopfloch des Assistenten glänzte eine goldene Medaille. Die Stadträthe trauten ihren Augen nicht und fuhren behende mit dem Handrücken darüber, aber es war keine Täuschung, die „verfluchten Dinger", die wie „Sternschnuppen" flimmerten, waren ficht mehr aus der Welt zu schaffen.

Lachend wandte sich der Assistent an die ver­blüffte Versammlung mit den Worten:

„Seine Hoheit läßt den allergnädigsten Dank sür den saft zu festlichen Empfang sagen und ber guten alten Stadt recht herzlich und auf* "chtig gute Besserung wünschen. Der hohe

Herr wollte die ernsten Verhandlungen nicht stören, sondern möglichst rasch hier fortkommen. Immerhin hat sich in der Schnelligkeit eine Sternschnuppe in mein ahnungsloses Knopfloch verwirrt, die vielleicht dem Verfasser ander- weitiger Sternschnuppen zugedacht war. Ich hätte sie Ihnen, verehrter Herr Bürgermeister, von Herzen gegönnt, aber wer eben zuerst kommt, mahlt eben zuerst. Mein guter Freund da" — er wies lächelnd auf den jetzt ebenfalls lächelnden Leopold — „l)at für feine ausgezeich­nete Amtsführung — es wird von oben etwas darauf gehalten — und zugleich für die Rettung Ihrer Fräulein Tochter ebenfalls eine Auszeichnung erhalten und ist zugleich als Assistent in das Verkehrsministerium berufen worden. Schwer wird ihm fein Abgang jeden­falls werden — obwohl jetzt eine glänzende Laufbahn vor ihm liegt — weil es in Winkel­stadt immer etwas zu retten gibt und er sich schon in jungen Jahren darauf eingeübt hat. Ihre Novelle, Herr Prinzipal, dürfte so nach und nach einen recht befriedigenden Abschluß finden. Ob für mich" — setzte der Redner mit komischem Ernste hinzu — „noch etwas zu retten übrig bleibt, kann man nicht wiffen. immerhin macht der Strudelkopf durch feinen Abgang mir freie Bahn. Ich bleibe in Winkelstadt, denn ich habe an dem warmen Neste einmal den Narren, gefressen. Und jetzt meine ich, sollte man auf die ganze Geschichte einen guten Tropfen setzen, und zwar im Eisernen R>^' ' T % ich aucy fremd dort bin."

Die Leute hörten ihm v atzt tzfi. Sie waren zu verblüfft, um den Sinn des ^wandten Vor­

trages gehörig zu verstehen, und nur der „gute Tropfen" leuchtete ihnen und besonders dem Wirth zum „Eisernen Ritter" völlig ein.

Der Doktor Schwertmann, der ein wenig auf der Seite stand, kam aus dem Lächeln und Bartstreichen gar nicht mehr heraus, und der „Strudelkopf", der sich zu ihm gesellt hatte, flüsterte ihm zu:

„Kommen Sie, wir machen uns den Spaß und gehen auch mit. Es bricht unbedingt für Winkelstadt eine bessere Zeit an und da dürfen wir, wenn wir auch fremd sind, als die Pioniere eines gesunden und vernünftigen Fortschrittes nicht fehlen.

Das leuchtete dem alten Herrn sofort ein und sie zogen harmlos mit den anderen, die sich über nichts mehr wunderten, in schöner Eintracht in den „Eisernen Ritter", der seine Rüstung noch gehörig klirren ließ.

Schließlich wurden noch die Festjungfrauen und die Familie des neuen „Assistenten" int Ver­kehrsministerium geholt, und es gab sogar noch ein flottes Tänzchen, trotz all der Trübsal, die heute über die Väter von Winkelstadt gekommen war.

Auch der „Lebensretter" erhielt endlich seinen Dank — von der Mutter Amalie mit sauersüßer Miene, vom Vater Bürgermeister mit trunkener Rührung. Der letztere schluchzte bann:

„Die Novelle mache ich fertig und wenn die ganze Regierung auf den Kopf steht. Und wenn Sie mein Schwiegersohn —" .

„Bitte, bitte", wehrte der Strudelkopf lächelnd ab, was würde der künftige Bürgermeister dazu sagen? Es gäbe unfehlbar ein Duell, und das wäre zu viel, eS kommt in der Novelle schon

zum Eingang ein Ereigniß zur Geltung, das schrecklich genug ist."

„Sie sind ein edler junger Mann," meinte der Exbürgermeister, „und können es hei Ihrem Talente noch weiter bringen als ich."

„Ich will weiter nichts", fiel hier der Assistent ein, der heimlich zugehöit hatte, „als Ihr Nach­folger und Schwiegersohn werden. Einen ge­lehrteren Schwiegervater finde ich doch nirgends."

„Die Sache hat gar keinen Anstand," erklärte der Dichter mit Würde, „nicht wahr, Amalie? Natürlich," setzte er diplomatisch hinzu, „wenn die Wahl ohne Anstand vor sich geht. Auch Helene, die nun einmal vom Minister nichts wiffen will, so wenig wie ich, hat sich in die Sache gefunden."

Und sie hatte sich wirklich darin gefunden, so gut wie Melanie, die jetzt ganz selig neben dem „Strudelkops" saß und es erröthend mit­anhörte, wie ihr Vater mit dröhnendem Baffe ihre Verlobung verkündete.

Aergerlich darüber, daß ihm die Fremden wieder einmal den Rang abgelaufen, beeilte sich der Bürgermeister zu sagen, daß die Verlobung feiner Tochter mit dem künftigen Bürgermeister wenigstens eine Minute älter fei. Man hatte übrigens schon sattsam erfahren, daß das Alte nichts mehr gelte, aber er wollte weiter nichts gesagt haben. Er ziehe sich auf seinen Altenthell zu den „schönen Künsten" zurück und werde auS der Vogelschau beobachten, ob nicht mit solchen Neuerungen die Welt zu Grunde gehe." —

Die Neuigkeiten wurden mit Achselzucken aus­genommen, und die Leute flüsterten sich zu, alles jedenfalls sei eine längst abgekartete Geschichte, und es sei am b.sten, zu schweigen.