27. Jahrgang.
Iulöa^ Donnerstag, den 11. Januar 1900.
(Nachdruck verboten.)
ling Palizzolo wird dieselbe noch lange die öffent- iche Meinung beschäftigen und der Welt von neuem zeigen, wie vieles faul ist im modernen Staate Italien.
£ Italienische Skandale.
Wieder ein Minister-Skandälchen in Italien, oder vielmehr ein tüchtiger Skandal! General Mirri, der bisherige Kriegsminister des Ministeriums Pelloux, hatte den Generalstaatsanwalt Venturinr in Palermo beschuldigt, er habe es der Mafia gegenüber an der nöthigen Thatkraft fehlen laffen. Aber das ist dem Minister schlecht bekommen; an ihm hat sich von neuem die alte Wahrbeit gezeigt, daß Einer, der im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen soll. Und Herr Mirri hat gerade in einem besonders gebrechlichen Glashause gesessen, das nun über ihm zusammengebrochen ist. Die Zeitung,Tempo' nämlich, veröffentlichte plötzlich einen Geheimbericht des Generalstaatsanwaltes Venturini vom 22. Dezember 1894 an den Justizmimster, in dem es sich um die Ermordung des Bankdirektors Notarbartolo handelt, und dem ein Briefwechsel zwischen dem Staatsanwalt und dem General Mirri beigefügt ist, der damals königlicher Kommissar für Sizilien war. In diesem Briefwechsel verlangt Mirri die vorläufige Frei, lafsung eines gewissen Saladino, eines Mitgliedes der Mafia, der mit der Mordsache in Verbindung stand; und er begründet dieses Verlangen mit politischen Interessen, indem er behauptet, man müsse den Saladino haben, um mit Erfolg die Wahl des Crispi-Anhängers Damiani durchzusetzen. Der Generalstaatsanwalt lehnte das Ansinnen des Generals Mirri ab und zeigte sich damit besser als dieser, der nun heute in unbegreiflicher Heuchelei den Generalstaatsanwalt als einen gewissenlosen Staatsbeamten brandmarken wollte. General Mirri gerade wollte zu Gunsten eines Mafiosen den Gang der Gerechtigkeit stören, Ventarini aber hatte sich als Mann der Pflicht gezeigt.
Nur derjenige, der die Zustände im modernen Italien kennt, kann begreifen, wie es möglich sein konnte, daß der Ministerpräsident Pelloux nach diesen Veröffentlichungen auch nur eine Minute lang darüber im Zweifel war, ob General Mirri noch Kriegsminister zu bleiben vermöchte .oder nicht. Und Herr Pelloux ist that- sächlich eine Zeit lang im Zweifel darüber gewesen ; erst der Sturm der Entrüstung, der sogar unter den skandalgewohnten Italienern gegen Mirri sich erhob, zeigte Herrn Pelloux deutlich, was hier geschehen müffe; und so hat der Ministerrath beschlossen, das Rücktrittsgesuch, zu dem Herr Mirri veranlaßt wurde, der Krone zur Annahme zu empfehlen; und diese hat dem Kriegsminister unverzüglich die gewünschte Entlassung aus seinem Amte bewilligt.
Mit der Leitung des Kriegsministeriums ist vorläufig Ministerpräsident Pelloux betraut worden. Aber damit und mit dem Verschwinden deS Generals Mirri aus dem Ministerium if die ganze Skandalsache noch nicht auS der Welt geschaffl. Zusammen mit dem Prozesse gegen den ehemaligen Abgeordneten und Mafia-Häupt-
des Etats begonnen, zunächst des Etats der Post- und Telegraphen-Verwaltung. Die Einnahmen sind für 1900 angesetzt mit 393,452,930 Mk., d. h. mit rund 33 Millionen höher als im Vorjahre. Staatssekretär v. Pod- bielski widersprach der Anschauung des Abg. Möller-Duisburg, daß die U-berschüffe der Post eigentlich nur von den günstigen Verträgen mit den Bahnverwaltungen herrühren sollen, so daß nach dieser Anschauung die hohen Posteinnahmen nur herkämen von Einnahme-Ausfällen der Eisenbahn. Der Staatssekretär erklärte, auch ohne die Vergünstigung bei der Eisenbahn müßte die Post noch Überschüsse bringen. Die Berechnung des preußischen Finanzministers, daß die Leistungen der Eisenbahn auf 23 Millionen zu veranschlagen sei, sei zu hoch. Der sozd. Abg. Singer tadelte die Ausgabe der Jahrhundert- postkarten und frug an, ob wirklich die Ausgabe von „v-Briefen" geplant sei. Staatssekretär von Podbielski erwidert, das Letztere sei eine Anregung von ihm selbst, doch werde dieselbe wohl nicht zur Ausführung gelangen. Abg. Prinz Arenberg (Ctr) regt angesichts der Ueber- lastung der Eisenbahnen die Einführung von Postzügen an, worauf Staatssekretär von Podbielski erwidert, daß das eine Verlangsamung der Postbestellungen zur Folge haben würde. Auf eine Anfrage des poln. Abg. von Jazd- zewski erwidert der Staatssekretär, es bestehe keine prinzipielle Verfügung über die Versetzung polnischer Postassistenten in andere als polnische Provinzen. Die Verwaltung könne aber nicht dulden, daß polnische Postbeamten polnische Agitation trieben. Die Berathung wird am Freitag fortgesetzt werden.
X Wegen der ZLeamtenmatzregelnnge« haben die Konservativen im preußischen Abgeordnetenhause eine Interpellation eingebracht, die solgenden Wortlaut hat: „Jn- wiefern erachtet die kgl. Staatsregierung die im vorigen Sommer im Anschluffe an die Abstimmung in der dritten Lesung der Kanalvorlage gegenüber eine' Anzahl von Staatsbeamten getroffenen dienstlichen Maßregeln im Einklang mit den Vorschriften der §§ 83 und 84 der Verfassung?" Die Begründung der Interpellation hat der Abg. von Köller übernommen, der frühere Präsident des Abgeordnetenhauses. _
Dann wurde er ein wenig ruhiger und ging langsam auf und ab. Es mußte ihn ein neuer Gedanke gefangen haben, denn man hörte ihn murmeln:
„Ja, ja, alter Knabe, das kann alles eben mache,,: Begrüßungsrede, Gedicht, Inschriften, „Sternschnuppen", Novelle, huldvolle Ansprache, Orden! Es ist zum Verrücklwerden!"
„Dem möchte ich nicht gerne beiwohnen," bemerkte lächelnd der Slationsvorstehcr, „und ich ziehe mich zurück, der Dienst ruft."
„Der Heerschild ist erklungen. Der Ruf für's Vaterland —*
citirte wieder der Assistent. „Ich begl.ite Sie eine Strecke. Vielleicht sprechen wir bei Fräulein Schwertmann vor und erkundigen uns nach künstlichen Blumen; natürliche find mir aber lieber. Moraen ist ja auch ein Tag."
Und die beiden jungen Männer waren alfo- fort verschwunden. Sie schüttelten sich vor Lachen, als sie auf der Straße waren und dem Bahnhof zusclrillcn.
„Sehen Sie, nahm nach einer Weile der Assistent das Wort, so machen kleinliche Verhältnisse kleinliche Menschen. Der Bürgermeister ist sonst kein so übler Mann, wenn er sich aber in etwas verrannt hat, und besonders wenn sein Ehrgeiz ins Spiel kommt, so ist er total verrückt. Und so finden Sie noch viele Exemplare hier. Seine Frau ist eigentlich schuld an diesem verschrobenen Zeug. Zum Glück gibt es nirgends lauter Dornen, sondern hier und da schaut auch ein Röslein aus der Hecke."
„Meinen Eie Fräulein Helene damit?" fragte Leopold lächelnd.
Deutsches
Berlin, 10. Januar.
Eine Ilotleurede großen Stils hat Staatssekretär Graf Bülow heute (Mittwoch) Morgen in Stettin gehalten beim Stapellaufe des neuen Schnelldampfers „Deutschland" in der Werft des „Vulkan", dem auch der Kaiser anwohnte. „Mein Feld ist die Welt", so sei der Wahrspruch der alten Hansa gewesen, und so solle unser Loosungswort wieder werden. „Heute fühlen wir mehr und mehr," so führte u.A. der Staatssekretär aus, „daß ein Volk, welches sich von der See abdrängen läßt, im Weltgetriebe beiseite steht wie der Statist, der sich im Hintergründe hrrumdrückt, während vorn auf der Bühne die großen Flotten agiren .... Deutschland, das (durch seinen Handel) dem Meere so ungeheuere Werthe anvertraut hat, das . . . Welthandelsmacht im Vordertreffen der Konkurrenz ist, muß auch zur See stark genug sein, um deutschen Frieden, deutsche Ehre und deutsche Wohlfahrt überall wahren zu können . . . Muthig, stetig und energisch müssen und wollen wir dem Endziele entzegenschreiten. Und wenn wir auf diesem uns vom Schicksale vorgezeichneten Wege Hindernisse zu überwinden und schwierige Stellen zu pasfiren haben, so wird uns das weder irre machen, noch niederbeugen." Daß Graf Bülow, wenn er will, wirkungsvoll sprechen kann, weiß man ja. Aber es würde ihm doch wohl schwer werden, zugkräftig zu beweisen, daß das Schicksal es ist, das uns unerbittlich auf die Wege der unaufhörlichen Flottenvergrößerungen und der Weltmacht-Politik drängt.
ft Der Dampfer „Kerzog-' ist nunmehr auch von den Engländern freigegeben worden. Jetzt wird nur noch der zuerst beschlagnahmte Dampfer „Bundesrath" in Durban festgehalten. Vermuthlich wird es nicht mehr lange dauern, bis auch dieses Schiff wieder frei sein wird. Die Engländer weichen dem von Berlin aus geübten Drucke schwerlich der besseren Einsicht, daß sie mit der Beschlagnahme der Schiffe im Unrechte sich befinden.
0 Graf A. v. Spee, der Präsident des Rheinischen Bauernvereins, ist an Stelle des verstorbenen Grafen v. Los in den Wirth schäft- lichen Ausschuß zur Vorbereitung der Handelsverträge berufen worden.
X Die Sozialdemokratie als vorüver- gehevde Krfcheinrmg von maßgebender Stelle bezeichnet zu hören ist heutigen Tages sehr ungewöhnlich. Meist kann man sich gar nicht genug darin thun, die schrecklichsten Zukunftsbilder auszumalen über das Anwachsen der Sozialdemokratie und dessen gräßliche Folgen; und namentlich die Herren von der löblichen Scharfmacher- zunst betrachten es als den zugkräftigsten Theil ihrer Taktik nach oben hin, solche sozialdemokratische Schreckbilder an die Wand zu malen und sich selbst zu empfehlen als die einzigen Menschen, die dre rechlen Waffen gegen die So
zialdemokratie besäßen. Es wird nun diesen Herren nicht angenehm sein zu erfahren, daß der Kaiser ihre Anschauungen über die Sozialdemokratie nicht theilt. Die Technische Hochschule in Charlottenburg feierte letzten Dienstag in besonderer Veranstaltung die „Jahrhundertwende", und bei dieser Gelegenheit theilte der Rektor den Wortlaut einer Ansprache mit, die der Kaiser kürzlich an eine Abordnung von Vertretern der preußischen technischen Hochschulen gerichtet hatte. Dabei sagte der Kaiser unter anderem: „Ich wollte die technischen Hochschulen in den Vordergrund bringen, denn sie haben große Aufgaben zu lösen, nicht blos technische, sondern auch große soziale Aufgaben. Die sind bisher nicht so gelöst, wie ich wollte. Die bisherigen Richtungen haben ja leider in sozialer Beziehung vollständig versagt. Die Sozialdemokratie betrachte ich als eine vorübergehende Erscheinung. Siemüffen aber ihren Schülern die sozialen Pflichten gegen die Arbeiter klar machen. Wenden Sie sich mit aller Kraft daher auch den großen wirthschaftlichen und sozialen Aufgaben zu." Man weiß nicht recht, was man darunter zu ver- stehen hat, daß die bisherigen Richtungen in sozialer Beziehung vollständig versagt hätten; welche Richtungen meint der Kaiser? Im übrigen muß man es mit aufrichtiger Freude begrüßen, die großen sozialen Aufgaben der Gegenwart vom Kaiser in so deutlicher und nachdrücklicher Weise hervorgehoben und so dringlich zur Beachtung empfohlen zu hören. Namentlich die Herren Freiherr von Stumm und Genossen mögen sich diese Worte des Kaisers recht deutlich einprägen.
ft Die Zwangserziehung von Wmder- jährige« macht, wie berichtet, von neuem den Gegenstand einer Vorlage aus, die an den preußischen Landtag gelangt ist. Der preußische Staat ist auf diesem Gebiete hinter anderen Bundesstaaten zurückgeblieben, so daß schleunige Reform durchaus geboten erscheint, um so mehr, als durch das Bürgerliche Gesetzbuch von neuem Anregung dazu gegeben ist, die Zwangserziehung neu zu regeln und weiter auszudehnen. Auch nach dem neuen Gesetzentwürfe soll die Zwangserziehung den Kommunalverbänden unter staatlicher Aufsicht obliegen. Die Kosten sollen, wie auch bisher schon, zur Hälfte vom Staate, zur anderen Hälfte von den Kommunal- verbänden getragen werden; den Ortsarmenverbänden sollen nur die Kosten der ersten Einlieferung, der Ausrüstung und der Rückreise nach Beendigung der Zwangserziehung zur Last fallen.
ft Das „rrrrerkarrvte" KoKektiren spielt nun auch im Reichstage eine Rolle. Mit Unterstützung des Centrums hat Abg. R inte len den schleunigen Antrag eingebracht, das gegen den Abg. Erzpriester Frank-Berlin eingeleitete Slraf- verfahren wegen angeblich unerlaubten Kollektirens für einen katholischen Kirchenbau für die Dauer der Tagung einzustellen.
Parlamentarische Nachrichten.
+ Die Andget-Kommisfio« des Deichs- tages hat am gestrigen Mittwoch die Berathung
wird fertig? Nichts wird fertig! Welch' eine Last von Aufgaben! Den Stadtrath zusammentrommeln lassen, Herr Assistent, er sollte schon da sein, schon beschloffen haben, die Cyiinder sollten schon gebürstet, dir Böller qeladen sein. Und Sie rühren sich nicht von der Stelle? Insubordination! Sie sind eine Schnecke!"
„Ater, Herr Bärgermeistlr," fiel dieser ernsthaft besorgt em, „fassen Sie fich doch. In der Aufregung, in der Sie fich befinden, kommt nichts BescheidteS zu Stande. Es eilt ja auch gar nicht."
„Es eilt nicht?" stöhnte der Bürgermeister. „Weich' bodenloser Leichtsinn! Es müssen Tannenbäume her, Guirlanden, Ehrenpforten, Kränze, Moos, Blumen, Rosen, Tulpen, Nelken —"
„Alle Blumen welken,
Nur die eine welket nicht. Welche heißt Vergißmeinnicht —"
zitirte der Assistent und sah dabei in Helenens Augen. „Wir sind ja im Spätherbst, wo sollen jetzt Rosen, Tulpen und Nelken Herkommen?"
„Dann müssen künstliche her!" schrie der Uebereifriae, „man kann jetzt alles künstlich machen. Die Tochter vom Doktor Schwertmann hat das los wie keine. Man muß eine Deputation zu dem Fräulein schicken."
„Aber Sie leben ja iu offener Feindschaft mit den Leuten," warf hier belustigt Leopold ein.
„Das verstehen Sie nicht," schrie der Ge- marterte. „Wenn es fich um das Wohl des Vaterlandes handelt, so gilt so etwas nichts weiter als ein Pappenstiel. Ein neuer Frack muß her, auS der Residenz, und fitzen muß er wie angegoMt."
Der Slrudelkopf.
Vokkserzählrmg von M. S ebaldus-Aug. Butscher.
„Warum nicht gar! Vier Wochen ist noch eine lange Zeit," warf behäbig der Assistent ein, „da kann man noch nach Grönland reisen und
zum Champagner holen."
„S>e sind ein — ein Idiot," brauste der Bürgermeister auf, sprang in die Höhe und raste in der Stube umher. „Und Sie fitzen auch noch da?" wandte er sich schnaubend an den Stationsvorsteher, „und denken an nichts, wo es doch so vieles zu denken gibl: Exlrazug, Fahnen, Kränze, Teppiche, weiße Handschuhe, Weichenstellung —"
„Zeichengellung," erwiderte dieser ruhig. „Es wird fich Alles reimen, Sie find ja rein aus Rand und Band, das Ding prefsirt nicht halb so."
„Das Ding, das Ding?" jammerte der Unverstandene. „Das „Ding" kann Sie um Amt und Brod bringen, wenn nicht Alles klappt. O unsere heutige Jugend! Amalie, Helene: weiße Kleider, Bouquets, Schärpen, Schleppen! Was zum Henker sitzt ihr denn da, wie angewachsen, man könnte ja aus der Haut fahren!"
„Fasse Dich, Mann," rief die ebenfalls erregte Frau. „Der Schrecken fitzt mir noch in allen Gliedern. Es wird Alles besorgt, ich mache schon den Feldzugsplan. Thue Du das Deinige, ich werde mit meinem Theile schon fertig werden."
Helene lächelte vor sich hin und sagte nichts.
»Fertig werden?" stöhnte der arme Mann. »Ich weiß nicht, wie die heutige Welt ist. Was
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124. Sitzung vom 10. Jan. 1900.
Der schleunige Antrag Rintelen auf Einstellung des gegen den Abg Frank (Ctr.)schwebende» Strafverfahrens wird debattelos angenommen. Es handelt fich dabei, wie bekannt, um die Strafanträge der Staatsanwaltschaft in Glotz wegen angebüch unerlaubten Kollektirens für kathol. Kirchenbauten.
Die zweite Gtatsberathung beginnt mit de« Etat des Reichstages.
Eine Anregung der Abgg. Müller-Sagan uni Rickert, die Stenographen und Beamten des Reichstages bester zu stellen, findet beifällige Aufnahme.
Der freif. Abg Mecüh-Koburg tadelt die Verwendung des Reichstagsgebäudes zu allerhand Kon- gresten. . L .
Der Etat deS Reichstages wrrd darauf bewilligt, und es erfolgt der Etat des Reichsamtes de» Innern. Bei dem Titel „Staatssekretär" bittet
„Hm," war die diplomatische Antwort, „mau weiß, was man weiß."--
3. Kapitel. Spuren im Schnee.
Die übrigen Besuche, die wir aber nicht ein- gehend schildern wollen, machte unser Held so nach und nach ab, sehr mit Widerwillen, aber als etwas Unvermeidliches.
Am liebsten war er in den Freistunden, deren es viele gab, daheim und schüttete dort in Scherz und Ernst sein Herz aus. Seine Eltern kannten sich kaum mehr vor Stolz und Befriedigung, über den nach ihren Begriffen so hochgestiegenen Sohn, und besonders der Vater, der deS Gebrauches seiner Füße beraubt war, fuhr gleichsam mit dem geflügelten Rade, das sein Leopold an der Dienstmütze trug. Als ihm Leopold das von dem Dichter und Kritiker von Wwkelstadt so herabgewürdigte Gedicht vorlas,» weinte er und die ganze Familie Freudenthränen. Ein solcher Sohn, so sagten sich die alten Eltern, müffe unbedingt auch eine Frau bekommen, die seiner würdig sei. Sie verbrachten manche giunbe damit, alle heiralhsfähigen Töchter von Winkelstabt an den Fingern abzuzählen und dieselben nach allen Seiten abzuschätzen. Für die engere Wahl blieben aber jedesmal nur zwn übrig, Bürgermeisters Helene und Doktors Melanie. Aber bei dieser Wahl war sofort auch die Qual, denn die Väter beider Familien waren nach Winkelstädter Begriffen unmenschlich reich, und die Mädchen von vielen Seiten so umworben, daß das Niedersitzen zwischen zwei Stühlen zur sehr unangenehmen Wahrscheinlichkeit wurde. Das gab sehr viele unrölhige Sorgen für bte
mit Ilnlerhaüungs-Aeilage „Illussrirte Sonntags-Aeitung"