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fUlda, Mittwoch, den 30. Dezember 1903.
30. Jahrgang.
SrMngtit Ms -as L Quartal 1904 kr ^twldaer Zeitung^ werden fort- Svihrend von allen Postanstalten, Land- driefträgeru nud von unserer Expedition ^Harmonie) eotgegevgenomme».
;(:) Das Zahr 1905.
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$ Die ReichStagSwahlen ließen die zoll- freundliche Mehrheit vollständig uner- schüttert. Die Wortführer deS Bundes der Bandwirte verschwanden zwar sämtlich auS Dem Reichstage: aber da sie immer gegen die Mlnahme deS Zolltarife- geeifert hatten, konnte das nur alS ein Beweis angesehen werden, daß die Bevölkerung mit der Parole: „Alles oder nichts!" nicht einverstanden war. Die Niederlage de» Bundes war um so schwerer für diesen, als er vorher den Mund ungeheuer voll genommen und mit seinen Drohungen die Konservativen vielfach, auch richtig eingeschüchtert hatte. Sein Versuch, in die Zentrumsgebiete des Westens einzndrtngen, war mit dem Wahlergebnis eben- falls als Mißerfolg gekennzeichnet. Der Wahlerfolg der Sozialdemokraten, die von 58 auf 81 Mandate kamen und das Königreich Sachsen nahezu vollständig eroberten, kann nicht <üs Protest des Volkes gegen die Schutzzollpolitik angesehen werden. Denn erstens ist er ganz anderen Ursachen als dem Zolltarif zu verdanken und zweitens ist er in der Hauptsache auf Kosten der Liberalen errungen worden, ins- besondere der Freisinnigen, die ebenfalls Gegner des Zolltarife- waren oder gar sich an der radaumäßigen Obstruktion beteiligt hatten.
Der Wahlerfolg der „Genossen" machte sofort alle Scharfmacher wieder mobil. GS wurde sogar der Versuch unternommen, eine große Agitation gegen da- Reichstagswahlrecht ins IBerf zu setzen, das soeben zum großen Aerger der Konservativen durch die Einführung deS Wahllouverts und der „Dunkelkammer- verbessert worden war. Der Dresdener sozialdemokratische Parteitag zeigte aber auch jedem, der scheu kann, daß der Sozialdemokratie die eigene Stärke gefährlich wird, und mit dem Anwachsen der Mandate nicht die innere Kraft und Einigkeit wächst, da damit an die Partei immer dringender die Aufgabe herantritt, ihrer Gefolgschaft auch positive Leistungen vorzuzeigen. Der Dresdener Parteitag, auf dem „Revolutionäre" und „Revisionisten" unter skandalösen gegenseitigen .Beschimpfungen zusammenstießen, war nach dem großen Wahlerfolge für die Partei ebne ungeheure Blamage. DaS geben alle nicht verblendeten oder die Wahrheit scheuenden Genossen selbst zu. Wenn derartige „Siegesfeiern" häufiger veranstaltet würden, müßte die Partei notwendig in Trümmer gehen. Ohne Zweifel würden wir auch tatsächlich so etwas häufiger er- leben, wenn die Gegner der Sozialdemokratie Ihr nicht immer wieder über ihre inneren Schwierigkeiten hinweghälfen und ihnen et» möglichte«, dir Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu lenken.
Mit Genugtuung ist eS zu verzeichnen, daß die Regierung sich auf die Scharfmacherei uichl einlaßstn mag. Die Reichstags-Thronrede >at angekündigt, daß die Regierung „unbeirrt durch politische Strömungen" an der Sozial- reform festhalten werde. Graf Bülow hat das >eim Empfange einer Abordnung des Frank- urter Arbeiterkongreffes ausdrücklich auch als >ie lleberzeugung de- Kaisers bezeichnet, die sich weder durch die Scharfmacher noch durch die Sozialdemokratie irre machen lassen werde. Im Reichstage hat er die Zumutung, den Weg der Ausnahme- und „Represflv"-Gesetzgebung zu betreten, bestimmt abgelehnt und wiederholt die Fortsührung der Sozialreform als notwendig bezeichn«. Im abgelaufenen Jahre hat die Reform ja auch nicht stillgestanden. U. a. find das wichtige Kinderschutzgesetz und die Krankenkassen- novelle zustande gekommen. Wieviel freilich noch ju tun bleibt, das lehrt schon ein Blick in die zahlreichen sozialpolitischen Anträge, die im neuen Reichstage, namentlich auch vom Zentrum eingebracht worden find. Das dringendste wäre der Ausbau und die Sicherstellung des Koalitionsrechtes und die gesetzliche Organisation der Arbeiter, wie sie der 600000 organisierte nichtsozialdemokratische Arbeiter vertretendeFrank- furter Kongreß aufs neue verlangt hat. Leider hat Graf Bülow der Abordnung des Kongresses, die ihm dessen Wünsche vortrug, eine zwar freundliche, doch sehr unbestimmte Antwort gegeben. Wie neuerdings wieder das Verhalten der sächsischen Behörden bei dem wirtschaftlichen Kampfe in Krimmitschau gezeigt hat, stehen die Regierungen in dieser Frage vielfach noch gar zu befangen auf Seiten der Unternehmer und vermögen sich nicht zu der Anschauung von der wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Arbeiter mit den Übrigen Erwerbsständen aufzuschwingen. Wie aber ohne die kräftige Mithilfe der organisierten nichtsozialdemokratischen Arbeiterschaft die Sozialdemokratie Überwunden werden soll, wird wohl keiner von ihnen zu sagen vermögen. i**»-
Bei den preußischen Landtagswahlen haben die Sozialdemokraten zum ersten Male ihr Glück versucht, aber vergebens. Sie können sich indessen mit ber Liberalen trösten, welche die „konservativ-klerikale" Mehrheit zu zerschmettern unternahmen und froh sein mußten, selbst einigermaßen mit heiler Haut davon zu kommen. Wieder ging es der Freisinnigen Vereinigung, in der die Sozialdemokratie die meisten Freunde hat, am schlimmsten. Es rettete sie nicht einmal, daß sie sich kurz vorher mit den National-Sozialen „fusioniert hatten. — Glücklicher waren Liberalismus und Sozialdemokraten bei den Landtagswahlen in Baden, wo letztere sich behaupteten, ersterer seine Mandate um zwei vermehrte, das Zentrum indessen auch unerschüttert blieb. Bei den Landtagswahlen in Sachsen dagegen blieben die Konservativen Herr. Die Sozialdemokraten konnten kein Mandat erringen und die Liberalen mußten sich mit einer recht bescheidenen Zahl begnügen. Im ersten Schrecken über den Ausfall der Reichstagswahlen hatte die Regierung angekündigt, daß sie das Landtags - Wahlrecht verbessern wolle. Es scheint aber nichts daraus zu
werden, da das jetzige Wahlrecht den Konservativen viel zu gut gefällt.
Hat das Zentrum alle Angriffe feiner Gegner bisher siegreich abgeschlagen, so scheint eiber baS radikale Polentum ihm in Ober- chlesien ernstlich gefährlich werden zu sollen. $8 hat das Zentrum bereits um mehrere Reichstags- bezw. Landtagsmandate gebracht, wenn auch nicht gerade durch eigene Kraft. Kein Einichtiger kann darüber im Zweifel sein, daß daS Anwachsen des polnischen Radikalismus hauptsächlich der falschen^Polenpolitik der Regierung und dem HakalismuS zu verdanken ist. Trotz aller handgreiflichen Mißerfolge dieser Polenpolitik, denen im abgelaufenen Jahre auch »ie Oberpräsidenten von Posen und Schlesien, Dr. v. Bitter und Fürst Hatzfeld, zum Opfer telen, wird sie fortgesetzt; sogar das Reich will sich daran beteiligen. Wir sind übrigens überzeugt, daß viele, die gegen das Polentum eifern, sich heimlich über die Schwierigkeiten freuen, die eS der Zentrumspartei bereitet, denn hinter dem Antipolonismus steckt nur zu häufig ber Anti- katholiziSmus.
Der neue Zolltarif ist nun schon über ei« Jahr fertig, aber bisher ist er noch nicht in Wirksamkeit getreten unb ist such noch nicht abzusehen, wenn das der Fall sein wird. Noch ist kein neuer Handelsvertrag zu Stande gekommen. Mit Rußland ist in den letzten Monaten verhandelt worden; wie weit man gekommen ist, ist Amtsgeheimnis. Mit Italien sollen die Verhandlungen in den nächsten Tagen beginnen. Die Reichstags- wie die preußische LandtagSsesfion schloß int vorigen Frühjahr mit einer starken Verstimmung zwischen den Konservativen und der Regierung, nicht allein wegen des „Klosetgesetzes" und der Weigerung der Regierung, eine den Konservativen passende antisozialdemokratische Wahlparole auszugeben, fonbern hauptsächlich wegen ihrer Weigerung, die Handelsverträge alsbald zu kündigen. Sie denkt ohne Zweifel auch jetzt noch nicht an die Kündigung der Verträge unb die Inkraftsetzung des neuen Zolltarifs. Wir könnten jedenfalls die Einnahmen auS den neuen Zöllen sehr gut brauchen, denn daS Reich befindet sich in schwerer Geldverlegenheit.
Was un8 über manche Widerwärtigkeit des verflossenen Jahres trösten kann, ist die Fortdauer des Frieden». Kaiser Wilhelm hat durch feine Begegnungen mit dem Könige von Italien in Rom, mit dem Kaiser Franz Joseph in Wien unb mit dem Zaren in Wiesbaden ohne Zweifel zu seiner Befestigung nicht uner» heblich beigetragen. Auch der Besuch des Königs von Dänemark, den er anfangs April unb erst vor einigen Wochen wieder empfing, dürfen wir wohl als kleinen Beitrag zur Stärkung des Friedens verzeichnen. Hoffentlich bleibt uns trotz der „dunklen Wolke" am Balkan unb im fernen Osten der Frieden auch im neuen Jahre erhalten.
Deutsches Reich.
Berlin, den 29. Dezember 1908.
% Der Kaiser hatte am Montag im Neuen Palais nach der Frühstückstafel eine längere
konferenz mit dem Reichskanzler Grafen Bülow, der auch zur Mittagstafel geladen «Htr.
(!) AuS Hannover hatte fich daS,Berl- Tagebl.' bekanntlich berichten lassen, der Kaiser olle dort während seiner jüngsten Anwesenheit, als in intimem Kreise die Rede auf Aeußerung« »eS Ministers des Innern über die «elfische Partei gekommen sei, zu einem allen Hannoveraner lächelnd bemerkt habe: „Er werde dem Minister, wenn dieser daS nächstem«! «ieber nach Hannover käme, einen silberne« Man!» k«rb mitgeben." Die .Nordd. Allg. Ztg/ ist zu der Feststellung ermächtigt, daß diese Ev- ählung vom ersten bis zum letzten Wort erfunden ist. DaS jüdische freisinnige ,Berl. Tageblatt" hat also wieder einmal geflunkert!
* Die Verleger des Beyerstein'schen Roman» , Jena ober Eedan" haben gegen bie .Hamburger Nachr." BeleibigungS- unb Schadenersatzklage angestrengt, weil baS Blatt bie »utschen Buchhändler vor weiterem Vertrieb des Roman- „wegenseiner antimilitärisch-sozialistischen Tendenz" gewarnt habe. —Soll es denn einer Zeitung nicht einmal mehr erlaubt sein, vor einem Buche zu warnen, daS man für schlecht ober besten Inhalt man für gefährlich hält?
* Ein zweites Korbach ist in ber deutschen Armee unmöglich, erklärte KriegSrninist« v. Einem im Reichstage. Nun aber wird berichtet, daß dem Verleger des Bllse'schen Romans, Richard Sattler in Braunschweig in den letzten Wochen nicht weniger als aus fünf östlichen und westlichen Garnisonen deS Reiches und zwar aus Offiziers- unb Unteroffiziers kreisen Manuskripte zur Drucklegung jugegangen find, welche Personen und Verhältnisse ber betreffenden Garnisonen schildern. — Da wirb auch eine „gute Portion" Geschäftsspekulation dahinter stecken!
* Das Motuproprio des Papstes üb« die christliche Demokratie" bereitet dem .ReichS- boten' schwere Kopfschmerze«. Er läßt ganz unbeachtet, daß es für die „christlichen Demokraten " in Italien beDnmt ist, unb tut so, als wolle der Papst in der ganzen Welt, also auch in den monarchischen Staaten eine kirchlich-hierarchische Demokratie konstruieren unb den „alten jesuitischen Plan" der Weltherrschaft des Papstes als des Oberhauptes einer Weltdemokratie zur Ausführung bringen. Der demokratische Gedanke sei offenbar als Lockmittel gedacht. Der wachsame.Reichsbote' empfiehlt den monarchischen Staatsregierungen, fich den Erlaß recht genau anzusehen, unb macht sie darauf aufmerksam, daß der UltramontaniSmuS offenbar den Glaube« an die Zukunft der Monarchie, als deren Stützen er sich sonst ausgespielt, aufgegeben habe, und fich nun mit ber Demokratie ber Welt gut zu stellen und sie in die Gewalt der Hierarchie zu bringen fache. Der.Reichsbote' ist ein tapfere- Blatt, er fürchtet sich vor kein« Lächerlichkeit.
** Die .Kreuzztg? erwidert ausführlich auf die von Professor Dr. Witte im Namen des Zentralvorstandes des Evanaelischen Bundes unternommenen Versuch, der Bund gegen ihre Anklagen zu rechtfertigen. Sie bleibt bei ihren Behauptungen unb weist insbesondere schlagend nach, daß der Bund vielfach Politik
Das Glück.
3« dem letzten Häuschen eines kleinen Dorfes lebte -ine Frau mit ihrem einzigen Kinde. Sie war Witwe und besaß nichts andere», als die Hütte, in b« sie wohnte, und ein kleines Stückchen Feld, da» sie selbst bebaute und von dessen Erträgnis sie ihren Unterhalt bestritt.
Eie und ihr Manu hatten einst in besseren Ber- hältMen gelebt; aber fie waren herabgekommen, mußt« Hab und Gut verkaufen, und zuletzt blieb chne« nichts als die elende Hütte und das kleine Stückchen Land. Da starb der Mann unb die arme Frau blieb allein zurück mit ihrem Mädchen; ober fie war fleißig und sie wuchs und blüete; es war ein liefe stches Sind und hing en der Stuftet mit seinem ganzen kleinen Herzen-
Einst, nach einem heißen, schwülen Frühlingstage, brach des Nachts ein Gewitter aus. Der Donner rollte dröhnend am Himmel, grelle Blitze durchzuckten die Nacht und fuhren hinab zur Erde, der Sturm erhob fich, er heulte und sauste umher; dann fielen ein- jriue schwere Tropfen vom Himmel, bi» endlich ein gewaltiger Kegen niederrauschte, der Fluren und Täler erquickte; fast schien e», als wollte er nie wehr aushören, beim er wurde immer gewaltiger unb ein dampfe» Brausen ertönte vom Flusse her, ber andern Dorfe vorüberfloß Und al« der Morgen angebrochen »ar, hatten fich Sturm und Gewitter gelegt, nur der Kyn strömte rrnch vom Himmel herab auf das triefende
Da standen die Leute nun unb blickten zum Flosse, der seine Gewässer schäumend dahinwälzte. Die Brücke 8X0 abger-ssen unb fortgeschwemmt worden, einige Häuser standen unter Wasser und der Fluß reichte hl. an die Hütte ber Witwe.
Endlich ließ der Regen nach und einige Stunden darauf begann der Fluß zu finken. Da wurde auch das Feld der armen Fran vom Wasser frei. Aber wie sah es au»! Die Erde mit der Saat war fortgeschwemmt, Steine und Schlamm bedeckten eS.
Die arme Frau schluchzte und mit Entsetzen dachte sie an die Zukunft.
„Dahin ist die Ernte für ein Jahr. Wein Gott, wa» soll aus un« werden! Wir hatten nicht», al» dar Feld! Nun ist eS auch dahin! Ja, schau nur hin", sagte fie za de°- Kinde, das neben ihr stand, „wir werden noch diese elende Hütte verkaufen müssen und werden verhungern I"
„Matter", rief da» Kind, „warum ist da» geschehen ?" Da lachte die Frau bitter auf.
„Ich wollte lieber gleich sterben! Ich mag nicht weiterleben! Ich bin arm unb hilflos, alles hab' ich verloren und nun soll ich auch noch elend und langsam zu Grande gehen! Und Du — Du auch!"
..Mutter," fragte da» Sind, „warum geht es Dir so schlecht?"
„Weil mir da» Glück davongegangen ist", erwiderte die Mutter rauh.
„Wo ist das Glück hingegangen?" fragte da» Sind.
„Fort, fort ist es unb kommt nicht wieder," grollte bie Frau und blickte finster auf da» verwüstete Feld.
Da schlich da» Sind leise fort, nahm ein alte» Tuch um fich, einen kleinen Korb in die Hand und ging an» dem Hause.
Rack einigen Stunden, als bie Frau das Abendbrot bereitet batte and da» Sind rief — da war e» nicht da. Sir suchte es erst im Hause, aus dem Dachboden, dann bi dem kleinen Keller — r» war nicht da. Sie suchte im Nachbarhaus, wo da» Sind zu. weilen spickte — da hatte e» niemand gesehen. Sie suchte, bis e» spät geworden war; und al» bie Nacht kam, weckte fie die Leute auf, bie alle schon schliefen, unb bat fie in Verzweiflung, fie möchten doch
da» Kind — das Kind! Da» hätte ihr Gott nicht nehmen sollen, warum war da» geschehen?
Und wie im Traume stand fie auf unb ging zu dem Fluß.
Es war ein herrlicher Frühlingkmorgeu. Alle» grünte und keimte; die Vögel sangen in den Zweigen der blühenden Bäume, die Taulrvpfcki hingen an Gräsern und Blumen und glitzerten im Sonnenscheine. Auf den Wesen stand daS Wasser noch hie und be, und der Nebel stieg leicht von der Erde empor, al» die Sonnenstrahlen die Wolken durchbrachen. Die Frau blickte auf den Fluß hinab; er war zum Strom geworden! Das Wasser war dunkel und trüb! eilig zog'» am Ufer vorbei; e» rauschte bald dumpf, bald laut, und aus der Oberfläche schwammen Hefte, Pflanzen, Bretter, Balken, zerbrochene Tische, Stühle, einzelne Bäume samt ihren Wurzeln. Alle» das jagte mit in dem brausenden Getöse; und weiter, weiter zog der Strom und riß in seinem wilden Lauf mit sich, was er erreichen konnte! An seinem Ufer staub bie Frau unb sah, woS olles da zerstört, verheert und zertrümmert worden war. Doch al» fie toeiter ging, da sah fie etwas liegen im dichten Gesträuch — dort, wo die Weiden und Erlenbüsche stehen und fich über» Wasser neigen — fie ging hin mit llorsendem Herzen, da schimmerte etwa» rotkS hindurch — war nicht da» Röckchen ihre» Kindes rot? Sie schob die Zweige zur Seite, da» hohe Gra» und das Schilf, da» dort wächst — da log das Kind, ihr Kmd — dort am Wasser lag'» mit gefalteten Händchen und geschlossenen Augen!
„Mein Kind, mein arme» tote» Kindl" rief die Frau und knicke nieder. Sie küßte e» — da schlug da» Kind die Augen auf — es hatte nur geschlafen« — Das konnte die arme Frau anfang» gar nicht glauben; da» Herz stand ihr still; al» ab« da» Kind die Mutter erkannte und an fing >« tofiren, da wußte st-, fest ttr K*rd r:#t n'-ntfrr nr v
suchen, ei fei ihr Kind verloren gegangen und fie würde nicht eher ruhen, als bi» fie e8 gefunden hätte. Da zogen die Leute au» mit Fackeln und Laternen; fie suchten im ganzen Dorf, in ber Kirche, am Friedhof — nirgend» war das Kind! Sie gingen zUm Fluß und suchten an den Ufern, fie riefen den Namen des Kindes laut in die Nacht hinaus, fie suchten auf den Feldern, iw nahen Walde — und sahen nichts.
Und al» der Morgen angebrochen war, da kamen fie zurück und brachten ber armen Mutter nicht» mit, als de» «indes Tuch und einen kleinen Korb — fie hatten die Sachen am Ufer be» Flusses flefunben. Jetzt war kein Zweifel mehr. Da» Mädchen mußie ertrunken sein. Unb man konnte nicht daran denken, be» Kindes Leiche zu find«, jetzt bei dem hohen Wasser. Der Fluß hat fie wohl wrtgerissen uvd mitgenommen. — Und fie trösteten die Mutter, und sagten ihr, es wäre doch für fie nicht möglich gewesen, da» Kind zu ernähren; fie fe ja so arm unb so allein, und jetzt hatte fie nicht einmal mehr ba» Feld, wovon hätten fie beide leben sollen? Und dem Kinde — dem ging eS jetzt gut; das hat bet liebe Gott zu fich genommen, und bie Frau solle fich nicht grämen. — Unb bann schwiegen die Leute und zerstreuten fich im ganzen Dorfe.
•f Tie Frau blieb allein und blickte ihnen nach mit ihren starren Augen. Jeder ging seine» Wege» und an sein Tagewerk, al» wäre nicht» geschehen. Unb doch war etwa« geschehen, ihr Kind war nicht mehr bei ihr.
Die arme Frau konnte nicht mehr weinen und spreche», fie dachte an nicht» mehr, fie wußte nur das eine: wa» lag au dem kleinen Stückchen Feld! Was lag an ber elenben Hütte, wenn fie ba» Wasser auch mitgenommen hätte! Nicht»! Sie hätte ja gearbeitet vom Morgen bis zu» Abend; die Nachbarn hätten ihr wohl a«b geholfen, sie hätte nicht geweint «nb geklagt. Wa» lag an ihrem eigenen Leben? — Ab-r