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30. Jahrgang.

fulda, Donnerstag, den 24. Dezember 1903,

JW 295

Die et» spalttge Petitzeile oder deren Raum 15 psg. Reklamen die Petitzeile 25 Psg.; bei wieder. Holungen wird entspr Rabatt gewährt.

Druck und Verlag der 8uldaerActirndruckere» in Zulda (harmonier Zernsprecher M- 9.

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Surnahme der $omt-

Stiertage, viert» Nhrl.ve,ugr»reia ohne vringerloh« und Beßelgeld in Sulda und «rwärtrlMk- 50 psg

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mal gleich oie Musterknaben und Mustermädchen werden, wie die Eltern in hoffnungsfrohen Stunden — manchmal auch mit Eitelkeit und Größenwahn — es sich geträumt haben. Wir sind ja auch keine baren Engel gewesen, wir haben unseren Eltern auch nicht lauter Freude und Stolz bereitet. Wir können nicht mehr ver­langen, als daß unsere Sprößlinge gewöhnliche Menschenkinder sind mit dem üblichen Gemisch von guten Anlagen und Schwächen, mit „durch­wachsenen" Trieben, die einer mühsamen und geduldigen Erziehung bedürscn. Mit unaushör- lichem Tadel und steter Strenge wird das Ziel auch nicht erreicht. Die Peitsche allein tut 8 nicht; sie kann leicht zu einer verhängnisvollen Verstockung führen. Es muß auch das Zucker­brot der suchenden, verzeihenden, hoffenden Liebe hinzukommen. Wer mit langmütiger Liebe das Herz der Kinder zu gewinnen und zu halten weiß, der kann den allmählichen Gesundungs- und Krästigungsprozeß von innen heraus in Gang bringen.

Schlimm ist es, wenn die Eltern »n edlen Verblendung die Fehler und Schwäche ihrer Kinder nicht sehen und sie verziehen. Aber schlimm ist es auch, wenn die Eltern gleichsam ihre Kinder unter dem Mikroskop betrachten, jede Mücke sür einen Elefanten ansehen und bei kleinen Unarten gleich verdammen und verzweifeln wollen. Wenn der Most auch wild gährt, so kann doch noch ein guter Wein daraus werden. Erst mal unter geduldiger Pflege abwarten, ehe man das brausende Faß zum Essig verstößt. Frieden ist zu Weihnachten denen verheißen, die guten Willens sind. Vor allem gilt es von der werdenden und ringenden Jugend, daß noch alles gut werden kann, wenn nur der Wille zum Bessern noch Wurzel fassen kann. Also nicht den Willen er- würgen, sondern ihn wecken! Und wenn man zu Weihnachten nicht sagen kann: es ist alles gut! so soll man doch im Vertrauen auf das Christkind und auf die eigene Mitarbeit doch sich und der anderen Hälfte sagen: Es kann noch alles gut werden, wir wollen dem Himmel danken, daß es nicht noch schlimmer ist, und daS Unserige tun, damit es nächstes Jahr besser sei. —

Nun aber auch ein Weihnachts-Wörtchen an die aufblühende Jugend. Ihr macht euren Eltern Geschenke. Was ihr ihnen bietet, kann sie äußer­lich nicht bereichern, denn ihr habt ja doch alles von euren Eltern. Eure Geschenke haben ihren Wert als Symbol, als Zeichen eurer Dankbar- feit und Liebe. Doch nur dann, wenn das wirklich vorhanden ist, was sie bezeichnen sollen. Legt die Hand aus's Herz und fragt euch, ob dort das rechte und echte, goldene und lautere Weihnachtsgeschenk sitzt, was euren Eltern lieber ist, als alle Herrlichkeiten der Well. Es ist wirk- lich nicht so schwer, ein leidlich braver Sohn, eine ordentliche Tochter zu sein. Und wenn ihr diese Leistung an euch selbst vollbringt, dann habt ihr etwas Großes und Segensreiches voll- bracht; dann begründet ihr nicht bloß euer eigenes Lebensglück, sondern ihr macht auch eure Eltern selig und fröhlich am Abend ihres Lebens. Die rechte Weihnachtsfteude muß auch geschmiedet werden, und gerade ihr Heranwachsenden Kinder seid die berufenen Schmiede des Familienglücks. Ihr habt es in der Hand, ob ihr die ganze Familie elend oder glückselig machen wollt. Also nehmt euch ein bischen zusammen, und wenn das Lied erklingt vom Frieden des guten Willens, dann sagt mit gehobener Hand aus schwellendem Herzen mit fester Stimme: Ich will!

ist mitunter eine gewisse Eilfertigkeit anzumerken, renn zwischen dem Verleger und dem Autor lestehen ja Verträge und bindende Kontrakte mit >er Drohung einer empfindlichen Honorar-Einbuße int Hintergrund. Das Manuskript muß an einem vorher bestimmten Tage abgeliefert werden — ich spreche erst gar nicht von dem vielleicht schwereren Druck einer vorgeschriebenen Bogenzahl, die partout erreicht werden soll.

Der Journalist ist nur allzu oft von diesen beiden Bedingungen abhängig, der Schriftsteller, der seine Feder den flüchtigen Ereignissen des Tages widmet, arbeitet fast immer in einer ge­wissen Hast und er muß den Strom seiner Ge- ranken und Gefühle eindämmen, wenn ihm aus rer Druckerei gemeldet wird, daß ihm nur noch >er Raum einer beschränkten Zeilenzahl zur Ver- ügung gestellt werden kann; wehe dem Journa- isten, den das ewige Drängen der Setzer außer Fassung bringt, dem es die Stimmung verdirbt!

Diese Einflüsse sind aber in Betracht zu ziehen, wenn der „ausmerksame Leser", der viel­eicht nicht ganz so erbarmungslos gehetzt ist, in einer geistigen Nahrung ein Haar findet, wenn er einen Lapsus entdeckt, dessen Entstehung ihm unbegreiflich dünkt. *

Demjenigen, dem das feuchte Manuskript!so zu sagen unter der Feder weggezogen wird, kann es passiren, daß er einen vielversprechenden! jungen Künstler einmal einen „bedeutenden Anfänger" und dann wieder ein „nicht ungewöhnliches Talent" nennt. Ich erinnere mich einer Biographie — der Held war ein Großindustrieller — in die ich die rührende Stelle:

„.....Er wuchs auf ohne die Wonne

mütterlicher Zärtlichkeit, denn seine gute Mutter starb, als fie seinem älteren Bruder das Leben gab . . . ."

eingeschlichen hatte; und in einem schlesischen Provinzialblatte behauptete damals, als Grill­parzer gestorben war, ein Feuilleton-Korrespondent aus Wien offenbar ganz ernsthaft:

......Der gefeierte Dichter wohnte zwar im vierten Stock, aber es war dabei so bequem, als ob man vier Treppen hin­absteige ..."

Wenn sich die Gedanken mit Ungestüm m die Feder drängen, ohne Zeit zur Klärung zu finden, wenn die Phantasie sich nicht mehr halten läßtund dasBedürfnis,etwasBedeutendes zusagen, auch dem sonst Besonnenen die Fähigkeit der Selbstkrittk raubt, dann können selbst Monstro­sitäten von der Art des unsprechlichen Aus­spruches:

„Der wahre Künstler verbirgt sich hinter die Bescheidenheit des Größenwahns" zu Tage kommen.

Aber ich habe es oben betont, die literarischen Sünden des Zeitungsschreibers sind nicht mit dem Maß zu messen, welches aus die Arbeit anderer Dintenarbeiter anzuwenden ist.

Wer wollte eine billige Entschuldigung finden für die unerhörte Tat jenes Schriftstellers, der in der * *-Zeitung einen Roman veröffentlicht (dessen Fortsetzungen er neben seinen journa­listischen Berufsgeschäften Tag für Tag verfaßte) und nach etwa drei Wochen aus dem Leserkreife die Zuschrift erhielt: „Ein alter Abonnent er­laubt sich in Erinnerung zu bringen, daß der in vorgestrigen Roman-Fortsetzung austretende Guts­pächter bereits in Nr. 34 Ihres geschätzten Blattes begraben wurde."

Nicht ganz so unverzeihlich ist die Vergeßlich­keit eines unserer ersten und ziemlich spählich produ- zirtrn Novellisten, der in seiner hübsch erzählten Geschichten die blondhaarige Heldin in einem späteren Kapitel brünett werden läßt, ohne die Mitwirkung eines Haarsärbe - Mittels zu er­wähnen.

Die belletristische Literatur ist überreich an ergötzlichsten Stil-Kuriositäten. Da finde ich in dem ersten Bande eines mir kürzlich zugesendeten neuen Romans von B. K. die schöne Stelle:

„Es war ihm mit einem Male hochgekom­men und er stürzte aus dem Zimmer . .

zu der ich ein aus früherer Zeit stammendes liebenswürdiges Gegenstück aus der höchst man­gelhaften Uebersetzung eines englischen Autors zu bieten vermag; es heißt da:

. Miß Cowen konnte ihre Befangen­heit, die sie in der aristokratischen Gesellschaft überfiel, nicht los werden, fie löffelte seit einer Viertelstunde an einem Fruchteis, und erst als ihr die Baronin einen Wink gab, folgte sie dieser in den Garten. Nach wenigen Minuten kam sie an den Tisch zurück, das Eis war gebrochen — und man konnte sich keine amü­santere. Nachbarin denken."

In einer Frauenzeitung fand ich vor meh- rerm Jahren eine Erzählung, die damit anfängt, daß ein junges Ehepaar feine Hochzeitsreise an­tritt; es ist mir nichts davon in Erinnerung ge­blieben, als die schöne Stelle:

Literarische Schwabenstreiche.

Wer aus eigener Praxis oder Beobachtung mit dem Zeitungswesen, d. h. mit der ewigen Eile und Hetzjagd bekannt 'ist, in welcher Zeitungen hergestellt werden, ist in seiner Kritik der Erzeugnisse der Tagespreffe, welche doch meist nur Eintagsfliegen find, vorsichtig und urteilt über die Verstöße in Form und Inhalt, welcbe sich eben wegen jener Hast einstellen, mit welcher die Verfertiger der Taaespresse unter der ewig zuströmenden Flut der Nachrichten über Tages­ereignisse arbeiten, nicht allzu scharf; diejenigen unserer Leser, welche trotzdem noch nicht zu jener menschlichen Nachsicht geneigt sein sollten, werden sich bald bekehren, wenn sie nachfolgenden, unter dem obigen Titel in dem .Deutschen Montags­blatt' erschienenen Artikel von Paul von Schönthan in Berlin lesen:

Unsere schnelllebige Zeit liest unendlich rasch, Die bändereichsten Romane werden im Nu ver­schlungen, schon aus der Rücksicht, weil man — „man" ist natürlich Leihbibliothek-Abonnent — nicht auf feine Kosten kommt, wenn man ein Buch Tage lang int Hause hat. Diesem fieber- haften Tempo entspricht natürlich auch das Zeit­maß, welches der Produktton gegönnt ist, ja selbs den Werken angesehener moderner Schriftsteller

□ Dem Kampf gegen öas Zentrum scheint auch in Zukunft im westlichen Deutsch­land die Agitation der Sozialdemo­kratie hauptsächlich gelten zu wollen. Die beiden sozialdemokratischen Parteitage, welche letzthin Ende November und Mitte Dezember in Rheinland und Westfalen zu Remscheid bezw. Gelsenkirchen abgehalten worden sind, haben dies offen erklärt.

In Remscheid wurde ausgesührt: Eine schwierige, aber dankenswerte Hauptanf- aabe der sozialdemokratischen Partei sei die Be­kämpfung des Zentrums; es müßten da­her den festgefügten Organisationen des Zentrums gleich gute sozialdemokratische gegenübergefteQt werden. — Und in Gelsenkirchen wurde als Zweck der Partei ausdrücklich bezeichnet, dieselbe solle ein „Vorstoß in die schwarze Kante" sein. In den nächsten Jahren gelte es, einen Feldzug in das „gelobte Sauer- und Münster- land" zu unternehmen. Im Sauerlande habe man schon einen guten Stamm Genossen, die sich noch in den christlichen und bürgerlichen Vereinen bewegten, weil dort eine Scheidung der Geister sich noch nicht vollzogen habe. — Das Zentrum müsse bis in die geheimsten Winkel aufgespürt werden. Das Zentrum sei der schlimmste Feind der Sozial­demokratie. Mit all' ihrer Klugheit und ihrem Geldreichtum reichten die Nationalliberalen nicht an das Zentrum heran. Ein von einer fünf­gliedrigen Kommission ausgearbeiteter Organisa­tions-Entwurf wurde in Remscheid angenommen, welcher die möglichste Durchführung einer politi­schen Zentralisation in den zu dem niederrheini- ,scheu Bezirke gehörigen 15 Wahlkreisen vorsieht.

Welche Nutzanwendung ergibt sich aus obigem nun für das Zentrum? „Die festgefügten Orga­nisationen" müssen noch mehr gefestigt werden. Sorge man überall namentlich für eine gehörige Verbrettung des Volksvereins für das katholische Deutschland, eine intensiveAns- klärungs - Arbeit in seinem Sinne. Die Sozial­demokratie hat von neuem und auf der ganzen Linie den Vormarfch gegen das Zentrum ange­kündigt, möge sie überall das Zentrum zum Kampfe wohl gerüstet finden. Diese Mahnung empfehlen wir namentlich dort zur Beherzigung, wo man, wie auf dem Lande und in kleineren Orten viel­fach, von der fozialdememokratifchen Gefahr sich noch nicht bedroht glaubt, diese aber oft wie über Nacht herankommt.

Weltbürger - kann dann mal zum Spieß- bürget werden, der fich nur um seinen häus­lichen Herd und seinen Kirchturm bekümmert. Und das paßt ja sehr gut zu dem Charakter des Wechnachtssestes, das die Familien am leuchtenden Christbaum und die Gemeinde vor Krippe und Altar vereinigen soll.

So eine dreitägige Abstinenz vom Zettungs- genuffe schadet nicht. Nachher ist der Appetit und das Behagen beim Lesen des Leibblattes um so größer. Wer in die jetzige Welt paßt, hat fich an den gedruckten Hausfreund so gewöhnt, daß er ihn länger wie drei Tage doch nicht gut entbehren kann. Darum hat der schlaue Mann auch schon vor Weihnachten seine Zeitungen neu bestellt, damit nicht etwa beim Jahreswechsel seine geistige Wasserleitung ins Stocken komme. Wer es noch nicht getan hat, mache sich einen Knoten ins Taschentuch.

Die drei Festtage gestatten uns, die Familien­feier recht ausgiebig zu gestalten. Am hl. Abend und am ersten Festtage pflegt man der ruhigen Gemütlichkeit in der eigenen Familie. An den beiden anderen Tagen kann man etwas weiter greifen und schweifen: die Anverwandtfchaft und engere Freundschaft; die geeigneten Besuche machen und empfangen. Aber mit Maß und Vorsicht! Nicht mit fremden Leuten sich einlassen! Die kalte Höflichkeit paßt nicht zu diesem herzlichen Feste. Was sich unter dem Christbaum sammeln soll, muß in herzlicher Gemeinschaft stehen. Protzerei, Neid, Nörgelei, Klatsch und Heuchelei müssen kein Platz finden. Was nicht „Ein Herz und eine Seele" fein kann, das bleibt lieber zu Weihnachten gefonbert. Zu Neujahr, bei der lauten und äußer­lichen Jahresfeier, kommt es auf die Auswahl nicht fo genau an; da kann man alle Welt an­prosten.

Vielleicht seufzt da ein Moderner: Drei Tage Familienfimpelei, das wird furchtbar langweilig! Ja, dieser Stoßseufzer, der tief blicken läßt, kann sogar von einer modernen Weiblichkeit aus­gehen, denn heutzutage gibt es auch schon weib­liche Wesen, die keinen Familiensinn mehr haben. Traurig genug, wenn die friedliche Gemütlichkeit am häuslichen Herde für langweilig gilt. Wo fich wirklich Langeweile einstellt, da muß das Gewissen erforscht werden. Entweder ist bei dem Einzelnen, der sich ungemütlich fühlt, etwas nicht in Ordnung, oder die betreffende Familie selbst befindet sich nicht in der richtigen Ver­fassung. Wer von Leidenschaften durchwühlt, von Genußsucht zerrüttet, von einem bösen Ge­wissen bedrückt ist, der kann sich freilich am häuslichen Herd von biederen Christenmenschen nicht behaglich fühlen. Er sucht Aufregung statt der Gemütlichkeit, und wenn er sieht, daß die anderen fich in ihrem Herzensfrieden und ihrer genügsamen Siebe sich so recht behaglich fühlen, dann fühlt er erst, was ihm fehlt, und möchte sein Gewissen betäuben. Es geht ihm wie dem Säufer, dem die leckerste und nahr­hafteste Milch ein Gegenstand des Abscheues ist. Solchen Vergnügungsjägern kann man nur sagen: Bessert Euch und sucht das Glück da, wo es zu finden ist; auf eueren Hetzjagden durch Kneipen, Balllokale, Schauhäusern :c. werdet ihr es nicht finden!

Nun gibt es leider auch Familien, in denen nicht einmal zu Weihnachten die echte Gemüt­lichkeit aufkommen kann. Hier verderben es die Eltern, dort die Kmder, und oft arbeiten beide Teile gemeinsam an der Untergrabung des häus­lichen Glückes. Wenn die Eltern hinter dem Weihnachtsbaum die mahnenden Gläubiger oder gar den „Onkel Gerichtsvollzieher" sehen, wo soll dann die Behaglichkeit Herkommen? Wenn Mann und Frau wie Katze und Hund zu ein- ander stehen und den innern Zwist nur mühsam durch etwas Weihnachtshöfltchkeit zeitweilig ver- hüllen, wie sollen da die Kinder die rechte Familienliebe lernen und genießen?

Laßt uns besser werden, gleich wird's besser fein! Die Eltern mögen den Anfang machen mit der Selbstprüfung und Besserung.

Auch brave Eltern haben manchmal schweren Aerger und bittere Enttäuschung mit den Kindern. Je größer sie werden, desto mehr Sorgen, desto Öer Kummer! Aber was Hilst da die Un- oder gar ein verzweifelter Schritt? Der gute Hirt geht dem verlorenen Schäfchen rastlos nach, bis er es findet, und mit Gottes Hilfe darf man immer noch auf einen Erfolg der un­ermüdlichen Liede hoffen. Gerade am Weih- nachtsfeste, wo wir die Ankunft des Retters für alle feiern, sollten die bedrückten Eltern neue Hoffnung schöpfen, zu neuen Rettungstzebeten und Rettungstaten einsetzen. Und wo es ftdi nicht um schwere Verfehlungen handelt, sondern um kindliche Mängel und Schwächen, da soll man zu Weihnachten die Strenge deS Urteils etwas mildern. Das ist nun einmal so im ir­dischen Jammertale, daß die Kinder nicht allzu-

Unpolttische ZettlSuse.

(Nachdruck verboten )

(£ Berlin, 22. Dez. 1903.

Also 3 Feiertage hintereinander! Nach zwei Jahren schon wird sich wieder ein Kleeblatt von Feiertagen bilden, indem bann das Christfest auf den Montag fällt. Ueberhaupt muß diese Er- fcheinung durchschnittlich alle sieben Jahre zwei­mal eintreten. Die anderen Hochfeste müssen sich immer mit zwei Feiertagen höchstens begnügen. Weihnachten steht also auch in der Dauer der Feier an der Spitze der Feste.

Wenn der erste Weihnachtstag auf den Freitag -fällt, wie dieses Jahr, so gibt das noch eineaus- Sigere Feier, als bei dem Fall auf den Montag.

n in der Regel wird die Bescherung am Weihnachtsbaum schon am Nachmittag vor dem ersten Festtage vorgenommen, so daß man auch diesen Vortag schon als halben Festtag rechnen kann. Macht also für 1903 im ganzen 3'/, Fest­tage.

Sonderbar, daß die Liberalen und die Bureau- traten, die sonst so gern über die „große Zahl der (katholischen) Feiertage" sich aufregen, noch keine Versuche gemacht haben, die Weihnachts- feiertage zu beschneiden. Zum Glück fällt das Fest Serabe mitten in den Winter, wo die Pause in er Arbeitsleistung weniger scharf empfunden wird, als in den offenen Jahreszeiten.

Schade, daß in bet Christenheit noch immer zwei Kalender nebeneinander laufen. Die schis- mattsche Kirche im Osten, zu der die gewaltige Maffe der russischen Untertanen gehört, feiert ihr Weihnachtsfest erst 13 Tage später. Wenn die Feier in der ganzen Christenheit auf einen Tag fiele, fo würbe die Ruhe in der Politik allze- meiner eintreten. Und es gehört ja zu den an­genehmen Beigaben der Doppelteste und erst recht 5er Kleeblattseste, daß für die politischen Nerven Schonzeit eintritt, daß Zeitungen weder geschrieben noch gelesen zu werden brauchen. Der neugierige

Suföaer W Zeitung

„Illustrierte Zonntagrzeitung" m»mkbeuage: „Sultaer Geschichtt,-lütter".