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woch-Eia»-: „Illustrierte Somtagrzeitung"
S«$eige«: Vie ehe faltige Petitzeile ober bereu Hexe IS psg° letlamen bie petttzeUe 25 Pf-.; bei wieder. Holungen wirb entfpr. Rabatt -ewShrt.
druck xnb Verlag bet Lulbaer Xctienbndetri ix Kulbe (Harmonie) Lerusprecher M. 9.
30. Jahrgang.
fUlüL, Dienstag, den 10. November 1903.
M 258.
D Vie Hinausschiebung der UMttSr- vorlage.
Der ,Nat. Ztg/, die mit dem Preßbureau in »er Berliner Wilhelmstraße enge Fühlung unter« hält, wird „zuverlässig bestätigt", daß eine neue Militärvorlage vorläufig nicht zu erwarten ist. Das Quinquennat soll um ein Zahrverlängert werden; die Friedenspräsenz- Kärke bleibt also die alte: waS auf andern militärischen Gebieten an „Reformen" geplant ist, wird teils im Etat, teils in besonderen Vorlagen «scheinen.
Ein Teil der Presse ist mit der Verschiebung wenig zufrieden, nicht sowohl aus militärischen Grüncken — wie würde sie wagen Nein zu sagen, wo die militärischen „Fachmänner" Ja sagen? — sondern aus politischen Gründe». Zu den Inzufriedenen gehört bezeichender Weise auch die L)e»tsche Tagesztg/. Sie bleibt dabei allerdings ihrer Vergangenheit und der des Bundes der Aaudwirte getreu. Nur das Interesse der Land« wirte bleibt unberücksichtigt. Da heißt es nun m alleuBundesblättern undBundesversammlungen, die Landwirtschaft befinde fich in einer schweren Notlage; sie könne die finanzielle» und persönliche« Lasten, die der Staat ihr auferlege, kaum »och tragen; die Leutenot werde immer größer. Jede Vermehrung der militärischen Präsenzstärke trifft »un in erster Linie die Landwirtschaft, denn ihr werden damit immer mehr Arbeitskräfte entzöge«. Wenn neue Steuern oder Zölle zur Deckung der Kosten notwendig find, so treffen diese, direkt oder indirekt, stets auch die bedrängte Amdwirtschaft. Aber sobald eine neue Militär- obe*. Marine-Vorlage auftaucht, so wird fie von de« Bunde der Landwirte mit Hurrah begrüßt. Ma« schimpft wohl heimlich auf die „gräßliche Notte" und seufzt wohl auch heimlich über die MLitärlasten, aber öffentlich geberdet man sich «gemein bewilligungslustig.
Also handelt auch die ,Deutsche Tagesztg/ nur „konsequent", wenn fie die HinauS- ichiedung der Militärvorlage beklagt. Sie ver- stchert zwar vorweg, fie würde es ja mit großer Freude begrüßen, wenn im nächsten Jahre keine wesentliche Erhöhung der Friedenspräsenz notwendig sei, aber es kann ihr doch nicht eilig genug gehen mit dem neuen Quinquennat. Sie will nicht glauben, daß man die Hinaus- flhid»««g plane, um einen Konflikt zu vermeiden, und hält den Kriegsminister nicht für den Mann, der aus Furcht vor Konflikten seine Ueber- zeugung preisgebe und unbedingt notwendige Forderungen zurückstelle. Sie kann überhaupt keinen verständigen Grund für die Hinausschiebung finden, es müßte denn sein, daß die Heeresverwaltung den Grundgedanken, dem eine Festsetzung der Friedenspräsenzstärke für «ine« längeren Zeitraum zu gründe liegt, über-
Das Majorat.
Roman von &®alb August König.
M ------ (Nachdruck verboten.)
„Was geht es denn uns an, war die Beiden mit einander auSzufechten haben?" rief der Friseur un- Willtfl, indem er sein GlaS erhob. „Es versteht sich vox selbst, daß der Anton jetzt ausziehen muß, damit hat die Geschichte für uns ein Ende. Wir ober wollen heule fröhlich fein; ich habe die Ehre, ein Hoch au «eine Frau auszubringen."
Die Gäste stimmten bereitwillig in daS Hoch ein, das der Friseur ausbrachte; nur Abraham und seine Schwiegermutter blickten ernst und nachdenklich.
„Ein Unglück!" wiederholte die alte Frau leise. „Ick will'S gerne glauben, Dein Bruder ist ein rachsüchtiger Mensch, er vergißt kein böses Wort; und für den Schlag wird er sicher Rache nehmen wollen. <fc xmß fort aus unserem Hause, er soll nicht von »er Polizei hier abgeholt werden."
„Ich kann'S nicht ändern", sagte Abraham. „Zu mir kann ich ihn nicht nehmen —"
„Rein," unterbrach die junge Frau ihn rasch, „waS Du verdienst, haben wir nun selbst nötig, die Unterstützungen, die Du ihm gegeben hast, müffen «in Ende nehmen. Weshalb hat er unsere Einladung «bgelehnt? Warum fitzt er hier nicht unter den Gästen?"
„Seil er sein Gesicht nicht zeigen darf," antwortete ihre Mutter. „WaS soll er sagnt, wenn er gefragt wird, wo er sich die Schmarre geholt hat?"
DaS ehrliche Gesicht Abrahams hatte mehr und «ehr sich umwölkt, er trank sein Glas axs und schüttelte ärgerlich da» Haxpt.
„Wir bleiben wohl noch ein Stündchen beisammen," jagte er, „ich will ihm noch einmal in» Gewissen rÄen."
1
Besten; ich bin der Einzige, bei ihm gelten. Also nimm
DeukcbcsRekb.
„Wozu?" fragte die alte Frau scharf. „Du schaffst Dir nur ohne Not Berger, und aus dem Zank kann noch Schlimmeres entziehen."
„Wenn ich dabei ruhig bleibe, hat's keine Not," sagte er, „rede ich heute nicht mit ihm, fo komme ich in den nächsten Tagen nicht dazu, weil wir ja nicht mehr beisammen wohnen. Und es geschieht zu feinem Besten; ich bin der Einzige, dessen Worte noch etwas bei ihm gelten. Also nimm mir'S nicht übel, Anna, wenn ich aus einige Minuten Dich verlasse, es ist
glauben, dadurch die BewtlligungSfteudigkeü des Reichstages gegenüber der Heeresverwaltung er» »öhen zu können. Man sollte fich überhaupt von dem Optimismus frei halten, als wäre der neue Reichstag in Heeres- und Marine-Fragen so eicht zu behandeln wie der alte.
seiner Bruders folgte, „wer fich in Gefahr begibt, muß fich auch daraus gefaßt machen, daß er darin umkommt."
„Wenn der Förster mich niedergeschossen hätte, so war er vielleicht in seinem Recht, und hätte er mich krumm und lahm geschossen, ich würde es ihm nicht nachgetragen haben. Aber mich hinterrücks zu überfallen und mich dann wehrlos seinem Herrn vorzu- sühren, das kann und werde ich ihm nicht vergessen!
Er mag fich dieser Heldentat rühmen, aber er wird noch einmal darüber seufzen! Bon dem Bock, den ich geschossen habe, hat er Euch den Hochzeitsbraten geliefert, ich hab' mir das gleich gedacht und von dem Braten nichts angerührt; da steht das Zeug noch, Dein Schwiegervater mags moraen zum Frühstück essen. Gott int Himmel, wenn ich daran denke, daß dieser schwatzhafte Bartkratzer nun von HauS zu Han» gehen wird, um überall die Neuigkeit zu erzählen.
„Das wird nicht geschehen, ich will schon mit ihm reden."
„Und wenn er eS Dir hundertmal versprecht, er kann nicht schweigen, di: Gassenbuben werden mir nachlauseu und mich verhöhnen. Und hat's der Förster । Deiner Schwiegermutter gesagt, so wird er's auch im I Wirtshaus auSplaudern, der Lump!"
„So mußt Du Dir das auch gefallen lassen."
„Muß ich? Bm ich denn ein Wurm, den jeder zertreten darf? Wer hat dem Baron daS Recht gegeben, mich mtt der Reitpeitsche in» Gesicht zu schlagen?"
„Und wer gab Dir das Recht, in seinem Walde zu jagen? Nimm doch auch daraus Rücksicht, Anton. Der Baron hätte Dich ins Gefängnis bringen können —"
„Sag' was Du wAst, ich will meine Racke haben." „Die Dich selbst unglücklich machen wird."
| „Und wenn ich den Tod davon hätte, ich verzichte nicht ans meine Rache."
„Avion, Anton, denk' an unsere brav« Wtetter und Misere» ehrlichen Namen!"
(Kortsetzxxg folgt)
„Schickt Deine Schwiegermutter Dich?" unterbrach Anton ihn spöttisch. „Ich kann mir schon denken, was fie mir durch Dich sagen läßt, fie ist ja aller Weisheit voll und muß sie tut den Mann bringen."
„Sie ist eine kluge Frau, und wer auf ihren Rat hört, ist nicht schlecht beraten", entgegnete fein Bruder ruhig. „Du hast wahrhaftig keine Ursache, über sie zu spotten, fie meint es atch mit Dir gut. Der Förster von Hau» Eichenhorst ist gestern Morgen hier gewesen, wir wissen nun, wer Dein Geficht so böS gezeichnet."
„Hat der Schuft sich seiner Heldentat gerühmt?" fuhr Anton auf.
„@r hat's ja nicht getan, sondern der Baron von Darboren."
„Jawohl, nachdem der Förster mir die Hände zusammengeschnürt hatte, damit ich mich nicht wehren konnte. Oh, wenn ich meine Büchse noch hätte! Die | hat das Gesindel mir auch gestohlen, hol' der Teufel fie allefamt."
Anton hatte daS nasse Handtuch vom Geficht genommen und in die Waflerschüsscl geworfen, die vor ihm stand, er sprang von seinem Sch auf, die Dielen knarrten unter seinen schweren Tritten.
„Laß er bei dem Fluch bewenden," antwortete Abraham warnend. „Ich kann mir wohl denken, wie sehr Dich die Schmach ärgern mup, aber Du machst fie nicht ungeschehen, wenn Du Rache dafür nimmst."
„Wenn Du so z-hm bist, ich bin eS nicht!" rief sein Bruder mit steigender Erregung. „Ich lasse mich nicht mit der Peitsche schlagen, wie man einen Hund schlägt, hätte ich die Hände frei gehabt — ah, wie daS brennt."
bedeckte das Geficht mit beiden Händen und blieb einen Augenblick stehen, dann setzte er mtt einem tiefen, schwere» Atemzuge seine Wanderung fort.
S» war ja Deine eigene Schuld," erwiderte Abraham, der mit besorgtem Blick jeber Wendung
Bruderpflicht."
„Ja, laß ihn nur gehen," nickte Frau Burger, deren Bedenken jetzt befeitigt zu sein schienen, „er braucht sich dann später keine Borwürfe zu machen."
Abraham nah n mit einem Kuß Abschied von seiner Frau und ging hinan»; die Gäste, die in eifriger Unterhaltung begriffen waren, bemertten es nicht.
Mtt schwerem Herzen trat er in die Stube, die er bisher mtt feinem Bruder gemeinsam bewohnt hatte; die Erklärung feiner Schwiegermutter über die rote Schmarre erschien ihm sehr glaubwürdig, fie beunruhigte ihn im höchsten Grade.
Anton saß am Tisch, auf dem eine Flasche Wein und die Uebeireste einer vpulenten Mahlzeit standen, er kühlte mit einem nassen Tuche fein heiles Geficht.
„WaS willst Du hier?" fragte er erstaunt auf» blickend. „Abschied nehmen? Du machst ja keine Äei%ein, ich mache keine Reise", unterbrach Abraham chn, während er ihm gegenüber Platz nahm, „bie R ichen und Vornehmen dürfen fich den Luxus einer Hochzeitsreise erlauben, uns-reinS muß darauf verzichten. Aber wir gehen trotzdem beute auseinander, Anton; und ich weiß nicht, ob ich Dich sobald Wiedersehen werde, denn zu mir wirst Du nicht kommen, und da» bißchen Zett, da» mir übrig bleckt, gehört nun meiner Fran. Da möchte ich noch einmal ein gute« Wart mtt Dir reden, damit Du nicht unter» »ehst —“
Haupt preisgegeben hätte. Das aber würde eine unbegreifliche Schwache und Unsicherheit der Regierung i« einer der allerwichtigsten Fragen tekunden. — Da wäre« wir also glücklich wieder angelangt, wohi« wir wollten und immer wieder wollen: Die Regierung muß der Schwäche und Unsicherheit bezichtigt werden. Jede Regierung, Vie nicht tut, roaS der Bund will, ist schwach und unsicher. Im Bunde „begrüßt" man es zwar „mit großer Freude", wenn keine Erhöhung der Präsenzstärke not» wendig ist, aber mit noch größerer Freude begrüßt man es, wenn ma« die Regierung der Schwäche und Unsicherheit anklagen kann, weil fie keine Erhöhung fordert.
Ob die »Deutsche Tagesztg/ fich von einem Konflikt zwischen Regierung und Reichstag etwas für den Bund verspricht, müffen wir dahin gestellt sein lasten. Andere Blätter, die über die Hinausschiebung murren, spekulieren ohne Zweifel auf ihren Privatvorteil. Wenn z. B. die ,Hamb. Nachr/ über die Ermunterung der Opposition klagen, so denken seine gleichgefinnten Scharfmacher dabei offenbar an die Möglichkeit, durch Neuwahlen mit großem patriotischem Spektakel nach dem Vorbilde von 1887 die Sozialdemokraten zurückschlagen und eine Mehrheit zu stände bringen zu können, die zu neuen Ausnahme-Gesetzen gegen sie bereit ist. Wenn die,Münchener Allgem. Zig/ ihren Verdruß äußert, so denkt fie im Geiste mancher Gesinnungsgenoffen wohl in erster Linie daran, daß fich bei Neuwahlen gute Geschäfte für den „nationalen Liberalismus" machen ließe. Bei allen Unzufriedenen aber herrscht zugleich der sehnliche Wunsch, mit Hilfe eines Konfliktes das Zentrum aus seiner Stellung zu verdrängen.
Nüchterne Erwägungen werden der Regierung hoffentlich sagen, daß fie allen Grund hat, einen Konflikt zu vermeiden. Zweimal hat die Auflösung des Reichstags ihr zwar eine Mehrheit für ihre Militäroorlage gebracht; das zweite Mal war fie aber auch danach, und wenn er heute noch wegen einer solchen Vorlage aufgelöst würde, so wäre mit Sicherheit vorauszusehen, daß es keine bewilligungslustige Mehr- heit mehr gäbe. Die Sozialdemokratie würde von der Auflösung den Hauptvorteil haben. Nachdem in den letzten Jahren Riesensummen für die Flotte bewilligt worden sind und die deutsche Armee durch fortwährende Verstärkung usw. längst zur ersten der Welt geworden ist, würde eS schwerlich noch möglich sein, die Mehrheit der Wählerschaft noch einzufangen mit der Behauptung, die Gegner der Militäroorlage wollten daS Vaterland wehrlos machen. Die Regierung soll fich nur ja nicht durch Scharfmacher und Parteispekulanten täuschen lasten. Mit einem Konflikt kommt sie nicht weit. Sie tut klüger, wenn fie den Reichstag nimmt, wie er ist, fich in ihren Forderungen mäßigt und sich später mit dem Reichstage zu verständigen sucht, so gut es geht. Es ist auch gerade nicht nötig, die Verständigung durch neue Flottenpläne zu erschweren. Wenn jetzt berichtet wird, es sei eine große neue Flottenvorlage in Bearbeitung, die den Bau eines dritten Doppelgeschwaders fordern werde, so wird man doch nicht etwa
baldige Entfernung desselben noch im Anfangsstadium hingevrängt haben. Daß solche gutartige Polypen, wen» fie vollständig operiert find, wieder wachsen und red feieren, kommt fast niemals vor, und ebenso ist ihr Uebergang in bösartige Formen ausgeschlossen.
Neber die Vorgeschichte und den Verlaus de» Leiden» werden von unterrichteter Seite noch folgende Einzelheiten mitgeteilt: Der Kaiser litt schon vor Wochen an Unbequemlichkeiten im Halse; eine Untersuchung ergab da» Vorhandensein eines gutartigen Polypen, dessen baldige Entfernung opportun erschien. Man hat wohl bis jetzt gewartet, um durch eine weitere Entwickelung der kleinen Neubildung bie Möglichkeit zu geben, die Operation fast ohne Verletzung des Stimmbandes vornehmen zu können. Wenn besonders der Eingriff nicht vor der Zusammenkunft in Wiesbaden stattsand, so ist die» wohl damit zu erklären, daß der Kaiser selbst den Aufschub anordnete, I weil „er jetzt keine Zeit habe". Es wäre nicht verwunderlich zu hören, daß fick trotz der ersten günstige« Diagnose eine gewisse Nervosität vor der eigentlichen Entscheidung bei dem Patienten eingestellt hätte, aber Persönlichketten, die ihrer Stellung nach unzweifelhafte Beobachtungen in dieser Richtung anstellen konnten, bekunden, der Kaiser sei von einer geradezu bewunderungswürdigen Ruhe gewesen. Am Tage vorher, während der Operation und nachher sei der Monarch wie ohne Nnven gewesen. Diese Gelegenheit gab ihm auch Veranlassung, fich al» einen Feind jeden Vertuschen» zu betennen, das doch zu nichts führe. So gab et strengen Befehl, daß er rückbattSlo» über d-n Charakter seines Leiden» aufzuklären sei, und ferner, daß auch die Oeffentlichkeit sofort um den Befund entsprechend verständigt werden soll. — Der Geheime Medizinalrat Professor Otth, der Vertreter der pathologische« Anatomie an der Berliner Universität, der auf Befehl de» Kaiser» die mikroskopische Untersuchung auS- führte, hat einem Korrespondenten folgendes mitge» teilt: „Ich bevollmächtigte Sie hiermit, so scharf wie möglich zu erflären, daß auch nicht der leiseste Verdacht für eine irgendwie bedenkliche Bildung vorliegt. Es handelt fich um eine Erscheinung, über die jede» laryngologische Buch al» über etwa» ganz Gewöhnliche» Ausschluß gib'. Bei Personen, die, wie der Kaiser, durch ihre berufliche Tätigkeit gezwungen find, oft zu sprechen, finden fich häufig I aus den Stimmbändern derartige Bildungen, die mir I „Polypen" nennen. Sie find natürlich hinderlich, und deshalb hat man die Wucherung wohl auch beim Kaiser entfernt. Im übrigen bin ich mtt der klinischen Seite des Falle» nicht vertraut, dagegen glaube ich sagen zu können, daß der Kaiser berät» in acht Tage« wieder im Vollbesitz seiner stimmlichen Mittel sein wird.
*e Der Bericht der großherzoglich sächsischen Landessynode Über das kirchliche Lebe» führt bittere Klage über den immer mehr zu Tage tretenden Rückgang desselben. Mehr und mehr werde das Interesse am Kirchenbesuch geringer und auch in sonst gut kirchlichen Kreisen bereite sich ein Niedergang vor. Die sozialdemokratische Agitation, die auch schon in die ländlichen Kreise dringe, erzeuge bei der Mehrzahl der Industriearbeiter Gleichgiltigkeit gegen Kirche und Religion. Die Popularisation der materialistischen Wissen- schaft trage in den unteren Schichten ihre Früchte, aber es sickere nur das durch, was in den oberen Schichten schon vorhanden sei. Das kirchliche Leben der Studentenkreise, aus denen sich doch die höchstgebildeten Kreise rekrutierten, die berufen sein, in allen Dingen als Vorbild zu dienen, sei gleich Null; :fte zeigten nicht das geringste Interesse mehr für die Kirche. Aber auch in
Berlin, den 9. November 1903.
§ Die Nachricht, daß der Kaiser fich am Sonn- abend der Operation eine» Stimmlippen- polypen unterzogen habe, hat allgemeine Ueber- raschung hervorgerufen. Zu irgendwelchen Be- iorgniffe» liegt indeß kein Anlaß vor. Es sandelt sich nach dem Gutachten des Professors Orth, wie schon mitgeteilt, um einen durchaus gutartigen bindegewebigen Polypen, der an der linken Stimmlippe saß. Auch die Aerzte, die fich in der Presse zu der Sache vernehmen lassen, find einmütig der Ansicht, die Sache habe weiter nichts zu bedeuten. Der Kais.r befindet fich durchaus wohl. Er muß fich nur bi» zur Heilung der Operation-wunde de» Stimmgebrauchs enthalte«. Das kann etwa acht Tage dauern. Am Sonntag war der Reichskanzler Graf Bülow bei Hofe zur Mittagstafel geladen, nachdem er vorher dem Kaiser Vortrag geholten hatte. Heute nahm der Kaiser den Vortrag des Herrn v. LncanuS entgegen. Auch unternimmt er feine gewohnten Spaziergänge. Das alles beweist, daß sein Allgemeinbefinden nichts zu wünschen übrig läßt. — Der Ausdruck „Stimmlippenpolyp" bezeichnet etwa nicht eine bestimmt charakterisierte Form des Polypen, sondern b tt Sitz desselben- Er bedeutet also nur Polyp an der Stimmlippe- Die Bezeichnung „Stimmlippe" ist neueren Ursprungs und auf die Bemühungen der deutschen Anatomische« Gesellschaft zurückzusühren. „Stimmlippen" bedeuten so viel wie „Stimmbänder", und demgemäß ist ein Stimmlippenpolyp ein ganz gewöhnlicher .Stimmbandpolyp", der mit einem Stiel an dem Rande der Stimmlippe haftet. Die Operation ist nicht nur leicht und glücklich gewesen, sondern unter der geschickten Hand de» vielerfahrenen Professors Moritz Schmidt in überraschend schneller »eise vo« statten gegangen. Abgesehen von bett Vorbereitungen zu bet Operation soll der operative Eingriff selbst nicht viel mehr al» eine Minute gedauert haben. Die Extraktion eines Polypen wird jetzt wohl stet» unter Anwendung von Cocam vollzogen, das den Schleimhäuten. aufge- pinselt wird und fie gegen Schmerzen unempfindlich macht. Al» Instrument dient meisten» eine feine, schneidende Zange. Wenn der Patient fich ruhig verhält, so beträgt nach Eintritt der Tocarn-Unempfittd- lichkeit die Dauer btr Operation in den meisten Fällen weniger al» eine Minute. Der geübte Operateur geht unter Führung des Kehlkopfspiegels mit der Zange in den Keblkopf ein und knipst die kleine, warzenähnliche Hervorragung fort. Diese bleibt dann in dem kleinen Löffelchen der Zange fitzen und wird mit ihr herausbefördert. Die nachfolgende Blutung ist meist sehr gering und steyt von selbst. Ueber die Größe des dem Kaiser entfernten Polypen find in den Bulletins keine Angaben gemacht. Sie schwantt in der Regel von der Größe eines Steck adelkopfes bis zu der einer Linse oder Erbse. Man darf annehmen, daß bei der äußerst gewissenhaften und sorgfältigen Behandlung des Kaisers die Aerzte nicht dn längeres Wachstum des Polypen abgewartet, sondern auf eine