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Äscheri t»-Nch, «tt iMsnat?me »er Sonn- M* Stiertege. viertel. ptyL Bezugspreis $|ne Bringerlohn und KeßeLgeldinZuldaund rnswärtr y Mk. 50 pfg.
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i föi«'Ä-. wochenixiiage: „Illustrierte Sonntagszeitung"
Zeitung
Monatsbeüage: „Zuldaer Geschichtrblätter".
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Druck und Verlag bet Zuldaer Acttendruckerei in 5ulda (Harmonie) Zernsprecher Nr. 9.
flllda, Samstag, der 7. November 1903.
M 256
30. Jahrgang.
Reklame»- und Anzeigenteil.
Königliche Hoflieferanten
(Schweiz)
> Zweites Blatt
kennt, dann wird die Farbe Ihres Haares zum Verräter on Ihnen. Mein Kommis machte mich heute vormittag auf den Steckbrief und zugleich auf Sie aufmerksam; ich habe ibm Verschwiegenheit befohlen, er wird schweigen, weil er von mir abhängt. Haben Sie viele Bekannte hier?"
„Nein", erwiderte der Graf, indem er stehen blieb und mit finsterem Blick durch das Fenster schaute.
„Sie müssen verschwinden und in anderer Gestalt zurück'ehren." '
mied es ängstlich, dem Blick Eduards zu begegnen. „Dieses Wiener Blatt ist hier wenig verbreitet".
fache Weisheitsregel halten: Nicht pumpen! Man schämt sich fast, das uralte Sprichwort von Borgen und Sorgen noch einmal hinzu'chreiben. Ts ist so fürchterlich abgegriffen, aber es wird immer noch vergeffen, herllos übertreten. Unsere Handwerker und Krämer klagen über die Borg- wirtschaft. Sie schädigt betbe Teile, den redlichen Gläubiger und den Schuldner. Freude daran haben nur die Blutsauger, die darauf ausgehen, den leichtsinnigen Leuten überflüssige oder schlechte Sachen zu übertriebenem Preise anzuhängen und dann mit aller RücksichtStosig- ' keit die Zitrone bis zum letzten Tropfen auszupressen. Ach, Borgen bringt nicht blos Sorgen, sondern es bringt immer Schaden, da der Barzahler besser und billiger kauft, und es bringt die ärgsten Gefahren, weil die Borgern einem tückischen Moor gleicht, in das man immer tiefer hineinsinkt, wenn nicht eine rettende Hand noch rechtzeitig zu Hilfe kommt.
Ein hinterlistiger Kopf hat mal die Redensart geprägt: die Politik verdirbt den Charakter. Ich möchte diesem trügerischen Spruche einen wahren Kernspruch entgegenstellen: Das Borgen verdirbt den Charakter. Das Schuldenmachen verdirbt das Ehrgefühl, es führt zur Heuchelei, zu Notlügen, zum Schwindel; unter Umständen zu Betrug und Verbrechen. Wer sich nach der Decke seines Vermögens streckt und Niemandem etwas schuldig ist, der trägt seinen Kopf hoch und frei und geht den geraden Weg ohne Furcht und Tadel. Aber wer in „Verlegenheiten" und Schulden steckt, der fühlt sich wie ein Knecht und muß sich winden, wie ein Gauner, wenn er auch äußerlich zu prunken und zu protzen sucht.
Nun ja, wer aus dem Berliner Prozeß sich einen Abscheu gegen die polnisch- Wirtschaft holen will, der tue es recht gründlich, aber er mache gefälligst die Nutzanwendung auf f id) selbst, auf seine eigene Wirtschaft. Es kann uns allen nicht schaden, wenn wir mal ernstlich nachd?nken über das Thema: Die Barzahlung al- Grundpfeiler des häuslichen Glückes und der Herzensruhe!
Unpolitische Seitläuse.
(Nachdruck verboten.) (0 Berlin, 5. Nov. 1903.
Erst einen großen Prozeß wegen eines wirklich totgeprügelten Knaben, jetzt einen noch größeren Prozeß wegen eines angeblich untergeschobenen Knaben! Mehr, als wir brauchen. Ich freue mich bloß, daß ich nicht zu den Berliner Geschworenen gehöre. Einen ganzen Monat lang jeden Tag (mit Ausnahme des jüdischen und des christlichen Ruhetages) von morgens 9 bis -nachmittags 4 Uhr im Über füllten Gerichtssaale sitzen und unter dem Druck der ungeheuren Verantwortlichkeit den endlosen und widerspruchsvollen, zum großen Teil nur durch Verdollrnetschung verständlichen Zeugenaussagen mit kritischer Schärfe zu folgen, — ich danke für dieses Ehrenamt! Zeit ist Geld, Kraft ist Geld, namentlich für einen großstädtischen Geschäftsmann, der nicht vom Schlendrian leben kann. Solche Riesenaufgaben stellen doch eigentlich zu große Anforderungen an den bürgerlichen Opfersinn. Ich schwärme nicht für die Schwurgerichte, bei denen 12 Bürger (in Dauerverhandlungen 13 oder 14) bloß zu dem Zweck, um die Schuldfragen zu beantworten, neben dem Gerichtshof fitzen tnüffen, während die Abmessung der Strafe, wobei das VolkSgewiffen gerade mitzusprechen hätte, ausschließlich den rechtsgelehrten! Richtern zufällt. Besser wäre ein Ausbau von I «einen, mittleren und großen Schöffengerichten, in denen eine Mehrzahl von Laien mit einem oder mehreren rechtsgelehrten Richtern zusammenfitzt, um einheitlich alles zu entscheiden, Schuld und Strafe. Abgesehen von andern Vorteilen würde das eine Ersparnis an Laienkraft herbeiführen, da man dann mit höchstens 5 Schöffen an Stelle der jetzigen 12 Geschworenen auskäme.
Die gegenwärtigen Berliner Geschworenen beneide ich auch deshalb nicht, weil die Geschichte von dem zweffelhaften kleinen Grafen verzweifelt unklar und verworren ist. Man hatte bisher gedacht, daß solche „romantischen" Dinge, wie Kindesunterschiebungen in hohen Häusern, nur in englischen Romanen noch vorkämen und bei der strammen Buchführung der modernen Staaten in zivilisierten Gegenden überhaupt nicht mehr möglich seien. Aber der Staatsanwalt, der doch kein Romandichter zu sein pflegt, behauptet und will beweisen, daß noch um die Wende dieses Jahrhunderts eine Gräfin die Komödie der Mutterschaft gespielt, einen neugeborenen Knaben aus Krakau bezogen und ihn für ihr eigenes Kwd ausgegeben habe, um dieses Einschiebsel r Erben Oes Majorats zu verwerten, damit dieses Flderkommiß bei ihrer Familie bleibe. Das sechsjährige Kind läuft als weißgekleideter Unschuldsengel durch den Wirrwarr und den Schmutz
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sir.d irr der fulhcer Zeininq'vo lnrrr« MtrkÄurkrtt.
in diesem Falle ließe sich ein Bündnis schl eßen, da» natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen müßte."
„Gegen diese Bedingung läßt fich nichts einwen- >en", nickte Eduard, „ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich in diesem Falle Sie schirmen und beschütze» werde, außerdem eröffne ich Ihnen, wenn Sie es richtig anzugreifen wissen, eine Goldgrube, au8 der Sie mit vollen Händen schöpfen können. Spielen Sie ?"
„Leidenschaftlich 1*
„Verstehen Sie auch das „Corriger la fortune ?* »Diese Frage ist beleidigend! fuhr der Graf auf. „Keineswegs, ich muß klar sehen, um meinenPla» entwerfen zu können. Sie werden mit einem reiche» .?errn bekannt werden, der früher ein leidenschaftlicher Pazardspieler war; es ist mein Wille, ihn zu ruinieren.*
„Finanziell?"
»Nicht das allein, auch moralisch, er hat mich tötlich beleidigt, ich hasse ihn. Aber er darf nicht et* ahren, caß ich hinter Ihnen stehe. Sie müssen, wen» die Rede darauf kommen sollte, jede Bekanmschaft mit mir leugnen; erfährt er die Wahrheit, so werden Sie Ihren Zweck nie erreichen. Zudem müssen Sie et außerordentlich fein anfangen, um keinen Argwohn i» einer Seele zu wecken, nur langsam, Schritt für Schritt, dürfen Sie ihn auf der gefahrvollen Bah» vorwärts führen, bis er in den Abgrund hinunter iürzt. Der Herr ist ein Edelmann aus alter, hoch* ngesehener Familie, er wird nach zwei Jahren ei» Majorat erben, stebt aber augenblicklich noch unter Vormundschaft seines Onkels, den er haßt. Sie werde» fich als ungarischer Graf in diese Familie einführe» und das Vertrauen wie die Freundschaft des junge» Herrn zu erwerben suchen; wenn Sie dai erreicht haben, so beginnen Sie ungesäumt mit der Aus* ührung meiner Plane-, über den ich alsdann Ihne» noch weitere Instruktionen geben werde. Glauben Sie^ das zu können?"
(Fortsetzung folgt.)
„Unter anderem Namen? Meine Papier« find in Ordnung; wollte ich einen anderen Namen führen, so müßte ich einen Paß haben, der auf ihn lautet."
„Könnten Sie dieses Papier fich nicht verschaffen?" „Nein."
„Na, dann muffen Sie Ihren Namen behalten", agte der Bankier nach kurzem Nachdenken. Weshalb sollte es nicht zwei Grafen Morray geben können? Vettern vielleicht, die eine gewisse Familienähnlichkeit mit einander haben? Sie find nicht lange hier, und wie Sie sagen, wenig bekannt, die Kreise, in denen Sie bish-w verkehrt haben, müssen Sie meiden, in der großen Stadt kann Ihnen das nicht schwer fallen."
Graf Morroy hatte fich in einen Sessel geworfen, er holte sein Eiui au« der Tasche und zündete eine neue Zigarre an.
„Wollen Sie mir sagen, was Eie von mir verlangen ?" fragte er mit heiserer Stimme. „Die Richtigkeit Ihrer Berwutnngen erkenne ich keineswegs an, aber eS wäre möglich, daß Ihre Pläne mir zusagten;
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»Lesen Sie die amtlichen Bekanntmachungen", sagte er, indem er dem Grafen daS Blatt überreichte, „daS Signalement stimmt ganz genau."
Graf Morray hielt den starren Blick lange auf den Steckbrief geheftet, dann warf er das Blatt auf den Tisch.
„Ich begreife nicht, wie Sie diesen Steckbrief auf mich beziehen können," erwiderte er zornig. „Es ist allerdings nicht schmeichelhaft für mich, daß ich mit diesem Kellner Aebnlichkeit habe, aber man findet das ja häufig, ich selbst bin schon einmal einem Doppelgänger begegnet, der eine frappante Sehnlichkeit mit mir hatte."
Ein ironisches Lächeln umzuckte die Lippen Eduards, während er die Zeitung zusammenfaltete.
„Sie werden mich durch solche landläufige Redensarten nicht irre führen," sagte er achselzuckend. „Erinnern Sie fich, daß ich Ihnen beretts einen Wechsel diskontiert habe, und Sie werden begreifen, daß es nun in meinem Interesse läge, die hiesige Behörde auf diesen Steckbrief aufmerksam zn machen."
„Herr, wenn Sie das wagen —*
„Lassen Sie mich ausreüen, Herr — Graf. Sie würden mir beweisen müssen, daß Sie in der Tat der Graf Stephan Morray find, und daß Sie in Ungarn die Güter besitzen, von denen Sie bei jeder Gelegenheit reden. Diesen Beweis zu fordern bin ick als Jbr Gläubiger berechtigt, und aufgrund dieses Steckbriefes könnte unsere Behörde Sie dazu ।
Acts Majorat.
Boman von Ewald August König.
26 - ------ (Nachdruck verboten.)
Do« Antlitz des Grafen war fahl geworden, <u>ch er schien jetzt das Geheimnis zu ahnen.
-Nun, wie Sie wollen", sagte er, „ich bin in »er Tat neugierig, was da herauskommen wird."
»In jedem Falle etwas, was für Sie von großem Interesse ist." 8 p
*Allerdin 8!"? <8 persönlich?"
. . ich weiß zwar nicht — indessen etwas be-
68 "Echt sein. In dieser Straße wohne ich' w'r werden gleich am Ziele sein!"
.zwar kein gräfliches Quartier", sagte blteb«' °te ti°r bem Hause eines Sattlers stehen
Ä derTat "icht", erwiderte Gras Morray, „ataf fand nichts besseres, und im Hotel war mir «PtPMn geräuschvoll. Zwei Zimmer in der Beletage, mcht emmol komfortable möbliert, indessen da ich außer nachts feiten zu Hause bin, genügen fte mir. ° °
Der Graf und der Bankier stiegen eine enae steile Treppe hinaus, der Graf öffnet?eine Tür und ließ seinen Begleiter in ein hübsck, aber einfach ausgestattetes Zimmer eintreten.
. ^Nehmen Sie Platz", sagte er. auf den Divan beutenb, Sie dürfen sich nicht mit prüsenoem Blick »mschauen, der Ordnungswut meiner Hauswirtin habe, ich einen Riegel vorgeschoben; ich will mir nickt meine Papiere durchstöbern lassen."
»Sie werden triftige Gründe haben, da« zu »erbeten", spottete Eduard, den Blick fest und durchdringend auf ihn heftend, „der Kellner Joseph Limdel wird bereite steckbrieflich verfolgt. j
Gleichwohl fand er bald feine Fassung wieder, das Blut schoß ihm jäh in die Wangen, ein Zorn cs- blitz zuckte aus den halbgeschloffenen Augen
»Was wollen Sie damit sagen?" fragte er „____________ ....... ..T.vir„r,
'Mrs. „Was habe ich mit jenem Kellner zu schaffen?" fuhr der Letztere nach einer Pause fort, „gleichwohl
Eduard hatte btc Wiener Zeitung aus der Tasche kann ei in die Hände eines Beamten fallen, der Sie geholt. kennt, bann wirb bie Karbe Store« ftrrnre« wm
I Mittelstand sich ausbreiten, den Deutschen die schönsten Güter vor der Nase forttaufen, u. s. w
Also wollen wir nicht lieber den Pharisäer spielen, sondern lieber als wirtschaftliche Zöllner an die eigene Brust schlagen.
Die meisten von meinen Lesern werden wohl ebenso wenig, wie ich, ein Grafenschloß und ein Majorat besitzen. Aber wer wenig hat, kann doch verschwenden, und wer nichts hat, kann sogar Schulden machen. Auch wir können üppic; leben und mehr ausgeben, als wir haben. Wen man so etwas polnische Wirtschaft nennen will, nun, so gibt es unter den reinblütigen Germanen auch polnische Wirtschaft, und nicht blos in den höheren Kreisen, sondern auch im Mittelstände, und sogar unter den Arbeitern. Jawohl, wenn der Arbeiter am Samstag abend mjjt seinem sauer verdienten Wochenlohn erst in bie Kneipe geht und trinkt und spielt, oder wenn am Sonntag die lebenslustige Familie gemeinsam ein kräftiges Loch in das Wochengeld reißt und dann die Hausfrau die Lebensrnittel auf Borg nehmen oder beim Hauswirt um Mietverlängerung nachsuchen muß, so ist das auch eine polnische Wirtschaft.
Der leichtsinnige Majoratsherr treibt den Prunk und Luxus en groe, die leichtsinnige Familien aus dem Mittelstand tun es im Kleinen. Aber den kleinen Mann drückt die kleinere Verschwendung schließlich ebenso, wie den großen die große. Beide sagen zur Entschuldigung: sie müßten „standesgemäß" auftreten. Ein Hilfswort des Teufels, dieses „standesgemäß". Wo eine solche Eitelkeit herrscht, da gibt es jämmerliche Butterbröde, aber prächtige Möbel, schlechtes^ Unterzeug, aber die modernsten Roben und Mäntel, ungesunde Schlafzimmer, aber eine prunkvolle gute Stube. Kein Behagen in der alltäglichen Häuslichkeit, aber kostspielige Festivitäten drinnen und draußen. Der Vater arbeitet und d.e Mutter hat ihre ewigen Sorgen, aber nicht für ihr und der Kinder Glück, sondern nur des glänzenden Scheins halber, der den Nach- I barn und Bekannten imponieren soll. Und scharfsüchtige und klatschsüchtige Nachbarn und „Freunde" kaffen sich gar nicht imponieren, sondern wissen ganz genau, wie es hinter den häuslichen Kulissen zugeht, wie groß das Defizit ist, wo es am nötigsten fehlt, wo die Bären angebunden sind.
Einem flott aufwachsenden Mädchen gab ich mal das Buch vom „häuslichen Glück" zu tefen. »Ach, du lieber Himmel," sagte sie, „da sollen wir ja immec rechnen und rechnen und rechnen, bei jedem Groschen erst zusehen, ob er noch zu dem Anschläge paßt, und den ganzen Jahresbedarf im Kopfe haben; das kann ich nicht." Sie wollte nicht glauben, daß ohne Rechenkunst kein häusliches Glück zu gründen fei, und sie hat erst durch lange, bittere Erfahrungen das solide hausmütterliche Rechnen lernen müssen. Leider güt in dieser Beziehung Ras bekannte Professorenwort: Einige können's, andere lernen es nie!
Wer schwach im hauswirtschaftlichen Rechnen ist, kann und soll sich wenigstens an eine einzwingen. Ich werde das nicht tun, Sie sogar schützen und unterstütze", wenn Sie in meiner Hand ein gehorsames Werkzeug fein wollen."
Das feste, energ sche Auftreten des Bankiers verfehlte den beabfichtigten Eindruck nicht, der Graf wanderte mit großen Schritten auf und ab und ver-
I dieses schrecklichen Prozesses, ohne eine Ahnung von seinerHauptrolle zu haben. Von dem Urteilsspruche der 12 Berliner Geschworenen wird es abhängen, ob der Junge in das galizische Findelhaus zurückverwiesen wird ober als preußischer Maioratsherr in das Leben hinausschreitet. Was ist Wahrheit? Die Zeugen häufen ein: Unklarheit auf die andere. Eine Zeugin ist schon wegen Meineides verhaftet worden, weil ihre Aussagen von früher und von jetzt sich widersprachen; aber man hat den Eindruck, daß diese Zeugin ebenso wie manche andere in ihrer angeborenen Beschränktheit, ihrer sprachlichen Unbeholfenheit und ihrer Angst vor dem streng mahnenden Richter verwirrt geworden sind und nicht mehr ihre eigenen Beobachtungen und das, was sie von anderen gehört haben, auseinanderhalten und richtig wiedergeben können. Und wenn nun wirklich bewiesen werden sollte, daß seinerzeit ein Knäblein von Krakau nach Berlin verschleppt ist, so ist damit das Rätsel noch nicht ganz gelöst. Es ist denkbar, daß man vorsichtshalber ein Knäblein herbeigeschafft hat, um es für den Fall, daß die Gräfin wieder mit einem Töchterchen gesegnet würde, an ! deren Stelle einzuschieben. Ist es nun dazu gekommen ober ist das Krakauer Reservekind wieder fortgeschafft worden, nachdem sich der erwünschte Knabe eingestellt hatte? „Spannend" finden das die neugierigen Zeitungsleser; aber die Geschworenen, die auf Ehre und Gewissen über das Schicksal der Angeklagten und ihrer Angehörigen entscheiden sollen, werden wohl Beklemmungen verspüren.
Ich zerbreche mir den Kopf der Geschworenen nicht, sondern frage vielmehr nach der Wurzel des Hebels. Entweder ist ein Verbrechen begangen, ober das gräfliche Ehepaar ist von einem furchtbaren Unglück heimgesucht worben. Und in beiben Fällen stoßen wir auf biefelbe Wurzel: ver- schwenderische Lebensweise. Weil bas gräfliche Ehepaar immer mehr ausgab, als es einnahm, eine liederliche Wirtschaft führte und fortwährenb bis über den Hals in Schulden steckte — deshalb ist der Verdacht entstanden, I daß das spätgeborene Kind unterschoben sei, um den Besitz des Majorats auch über den Tod des Vaters hinaus zu sichern. Hätten die Herrschaften es verstanden, mit ihren '-eirächtlichen Einkünften vernünftig Haus zu halten, so hätten sie weder Anlaß zu einer verbrecherischen Tat gehabt, noch Anlaß zu einem so schlimmen Verdacht und einem so schrecklichen Strafprozeß gegeben.
Nun rufen einige Blätter in echtem Pharisäertone : Polnische Wirtschaft! Ja, es sind Polen, und zweifellos gibt es unter den Polen Leute, bie gern üppig leben unb manchmal mehr ausgeben, als sie einnehmen. Aber gibt es benn unter ben Deutschen keine Verschwender unb Schuldenmacher? Wenn wir Deutsche alle bescheiden, nüchtern und sparsam lebten, dann müßten wir ja längst unsere polnischen Mitbürger wirtschastlich überwunden, sozusagen in die Tasche gesteckt haben. Aber damit hat es noch gute Weile. Unsere Polenfresser klagen ja im Gegenteil darüber, daß die Polen wirtschaftlich vorwärts kommen, namentlich im städtischen
Graf Morray prallte zurück, als ob ein Blitzstrahl vor ibm niet er gefahren fei; mochte er auch auf unliebsame Eröffnungen gefaßt gewesen sein — das hatte er nicht erwartet.