Huldaer
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«scheint täglich, Mit Snrvahme der Sonn- ob Stiertage. Viertel- Aihrl. Bezugspreis »tzne Bringerlohn und NeßeLgeldinZnldaund «mvärts 1 Bll. 50 Pfg-
A.^rzrller"in^uida. Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeituug"
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Druck und Verlag d« SuldaerActiendrnckerei in 8»iba (Harmonie) Zernsprecher Nr. 9.
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JW 844
Samstag, den 24. Oktober 1903.
30. Jahrgang.
Unpolitische Zeitkäufe.
(Nachdruck verboten.)
D Berlin, 22. Okt. 1903.
„Schimpfen kann jeder Sackträger." So hatte ein bayerisches Blatt in einer Antwort auf einen groben Gegner geschrieben. Aber die Sackträger ließen nicht mit sich fpqßen. Es erschien alsbald eine feierliche Erklärung des dortigen Vereins der Hafen- und Speicherarbeiter, gezeichnet vom I. Vorsitzenden, worin die „Beleidigung" der Sackträger energisch zurückgewiesen wurde. Das Spaßhasteste an dieser Geschichte ist nun aber, daß der löbliche Verein, nachdem er feine Mitglieder gegen den Vorwurf der Schimpfkunst verwahrt hat, über den armen Redakteur noch einen Kübel voll „Höflichkeiten" losläßt: „Der Herr Doktor-Redakteur... tut uns herzlich leid. Wir laden der» Herrn Doktor- Redakteur zum Verkehr in unseren Kreisen ein und hoffen bei Annahme unserer Einladung ihm baldigst andere Ausdrücke anzugewöhnen." Wie es in dem alten Liede heißt: Fein oder grob — geschimpft wird doch!
Im allgemeinen ist es ja erfreulich, daß das berufsgenossenschaftliche Ehrgefühl auch schon bei den Sackträgern zum Durchbruch gekommen ist. Nur möchte ich bitten, caß die Herrschaften nicht gleich so empfindlich werden, wie ein Gardeleutnant. Die Höflichkeit des Sackträgers ist nun doch einmal sprichwörtlich geworden, ebenso wie die Komplimentierkunst der Marktfrauen. Wenn man davon beispiels- oder vergleichsweise spricht, so soll das keinen Vorwurf und keine Verachtung bedeuten, sondern die gemütliche Anerkennung einer geschichtlich berechtigten Eigentümlichkeit. Die „Rheinkadetten" z. B. genießen einen Weltruf; sie würden ihn selber untergraben, wenn sie durch ihren I. Vorsitzenden die Erklärung abgeben ließen, daß sie das Goldene Anstandsbuch durchstudiert oder bei einer feinen Pensionsmutter sich die schickliche Ausdrucks- weife angeeignet hätten. Glücklicherweise denken sie nicht an eine solche Verflachung ihrer Individualität, ebensowenig wie sie Frack und Zylinder als Amtstracht annehmen wollen. Es wäre ja auch entsetzlich langweilig in der Welt, wenn alle Menschen über denselben Leisten geschlagen wären.
Ist es denn gar so schlimm, wenn hier und da mal ein kräftiges Wort fällt, das nicht im Komplimentierbuch steht? Meinesteils habe ich einen Menschen, der mir eine Grobheit frisch und frei ins Gesicht sagt, noch viel lieber, als einen, der mit hämischen Anspielungen oder mit hinterhältigen Verleumdungen seinen Haß betätigt. Eine augenblickliche Aufwallung vor Aerger und Zorn, die sich in urwüchsigen
Worten Luft macht, muß man nicht so genau nehmen; es ist in der Regel nicht so schlimm gemeint, und wenn die Kraftworte verhallt sind, so ist die Sache abgemacht.
Wenn d:e Innung der weiblichen Verkäuferinnen auf Markt- und sonstigen Standplätzen es mir nicht übel nimmt, so möchte ich bemerken, daß die Marktfrauen und insbesondere die „Fischweiber" von alters her in dem Rufe einer gepfefferten Beredsamkeit stehen. Und zwar in allen Gegenden. Das Geschäft muß es also wohl so mit sich bringen. Und in der Tat lassen sich psychologische Erklärungsgtünde finden. Inmitten eines starken Wettbewerbs geduldig auf die Käufer zu warten, ist eine gewisse Nerven- belastung. Wenn nun endlich eine Kundin kommt, und die Hoffnung auf ein Geschäftchen weckt, so ist es eine herbe, Enttäuschung, Mäkeleien hören zu müssen. Die Ausstellungen an der Ware oder dem Preise sind manchmal begründet, manchmal unbegründet. Hat die Marktfrau ein böses Gewissen, so ist es gewiß sehr unrecht von ihr, in grobem Tone die Vorhaltungen zu bestreiten; aber es ist eine alte Erfahrung, daß gerade die Leute, die im Unrecht sind und sich getroffen fühlen, leicht wütend und grob werden. Nun kommt es aber auch vor, daß allzu sparsame Hausfrauen ohne rechten Grund an der Ware herummäkeln, um damit einen Abschlag vom Preise zu erjelen, eine sehr häßliche Art des Feilschens. Ferner gibt es schnippische Käuferinnen, die wenig Warenkenntnis und Erfahrung haben, aber durch Mäkelei und riesige Ansprüche imponieren wollen. In solchen Fällen ist es kein Wunder, wenn wir den „ollen ehrlichen" Marktfrauen, die ihre Kunden bald durchschaut, die Galle ein wenig überläuft und sie anfängt „aufzutreten", wie man hier zu Lande sagt. Ich kenne Frauen, sie bei den gröbsten Marktfrauen und den knorrigsten Schlächtern am liebste". kaufen, weil sie erfahren haben, daß hinter dieser Borstigkeit eine solide und tüchtige Geschäftsführung steckt. Ja, oft ist das berechtigte Selbstbewußtsein die Ursache der gelegentlichen Grobheit; die Leute haben es durch Fleiß, Geschick und Ehrlichkeit zu etwas gebracht, sie wissen, daß ihre Ware gut und preiswürdig ist, und wenn einer der Versuch macht, das anzuzweifeln, so fahren sie auf, als wenn ihnen auf das beste Hühnerauge getreten wäre. Alles begreifen, heißt alles verzeihen Auf dem Markt gibt es keine Goldwagen; deshalb soll man die dort gewechselten Werte auch nicht darauf legen wollen.
Nun könnte jemand sagen, ich wollte die Grobheit entschuldigen und das Schimpfen beschönigen. Nein, grob werden ist häßlich und schimpfen ist eine Dummheit. Ich sage nur, wenn ein Mitmensch in solche Fehler verfällt, so soll man ihm nicht mit derselben Münze heimzahlen und über ihn ein grobes Verdammungsuri eil fällen. Das richtige Verhalten gegenüber einem zornigen Polterer ist die ge- meffene Ruhe, womöglich vollkommenes Stillschweigen. Letzteres ist ganz besonders gegen -ine erregte weibliche Zunge anzuempfehlen. Schon
Das Majorat.
Hinan von Ewald August König.
15 ------- (Nachdruck Verbotes.)
„Folge meinem Rat," sagte er. „Ich bitte Dich noch einmal, laß ob von diesem ge^Hrlichen Wege, bedenk, der Krug geht s» lang" zu W fier, bis er zerbricht, und dann kommt die Reue zu spät. Wenn D« einmal bestraft bist, dann weicht jeder Dir aus, Du bist verloren, ein ehrlicher Kerl wirst Du nie wieder."
„Unfinn!" lachte der andere. „Du sprichst, als ob ich einen Mord begehen wollte."
„Auch dazu kann es kommen auf dem Wege, auf de» D» wanderst. Es ist schon ost ein Wilddieb ein Wördes geworden."
„Nur bann, wenn er angegriffen wurde, wenn er SR eigenes Leben verteidigen mußte; das nenne
nicht Mord, sondern Notwehr."
„Mord ist es, Anton! Behüte der Himmel Dich vor schlecht« Tat! Bleibe hier, geh' heute nicht, ich hab' eine schümme Abnung."
„Run komm' mir auch noch mit diesem alten Weibergewäsch!" höhnte Anton, indem er den Bruder beiseite schob. „Dir und Deinen Ahnungen zum Trotz gehe ich. Adieu!
Abraham machte eine Bewegung, als ob er dem Bruder Nacheilen und ihn zurückhalten wolle, ,ber o der küre wandte er sich wieder um.
„6e würde nicht- nutzen," brummte er, „einsperren kann ich ihn nicht, ich kann nur raten und warnen, ob »er sich nicht raten läßt, dem ist auch nicht zu helfen."
6c wanderte noch einmal auf und nieder, bann warf ec fich ans bai Bett, an einige Stunden der Ruhe zu pflegen.
5. Kapitel.
Wenn auch der Förster auf das Uri eil der Leute wenig Wert legte, so ärgerte es ihn doch, daß man sich so viel mit seiner Tochter beschäftigte. Er für seine Person war stolz auf die feine Erziehung, die Röschen in der Stadt genossen hatte; was ging das nun die Bauern an?
Ihr Gemüt war schlicht und einfach geblieben, immer heiter, mit allem zufrieden, trachtete sie nur danach, ihrem Vater das Dasein angenehm zu gestalten.
Und nun nannte man sie schon eine verwunschene Prinzessin, nun mail te man fich sogar an der Tafel des Barons lustig darüber, daß sie gebildeter war, wie die Dienstmägde in Eichenhorst.
Was hatte der Notar, dieser alte Schleicher, sich darum zu kümmern? Er stiftete doch überall Unheil, wohin er kam, mit seinen schlimmen Ratschlägen und seiner bösen Zunge.
Während er darüber nachdachte und dem inneren Groll mehr und mehr die 8 igel schießen ließ, ruhte sein Blick auf dem bildschönen Mädchen, das emsig arbeitend vor dem Nähtischchen am Fenster saß.
Sie mochte wohl glauben, er schlafe, wie er es jeden Mittag nach Tische zu tun pflegte, sie blickte von ihrer Arbeit nicht auf und vermied jedes Geräusch, um seinen Schlummer nicht zu stören.
Durch die kleinen Fenster fiel das Tageslicht nur gedämpft in daS trauliche Gemach, dessen Wände mit Jagdtrophäen geschmückt waren, der Kanarienvogel tm Mesfingbauer zwitscherte leise, draußen rauschte der Herbstwind in den Wipfeln der alten Eichen und Buchen.
Martin konnte endlich den in ihm tobenden Groll > icht mehr bemeistern, ein kerniger Fluch entfuhr unwillkürlich seinen Lippen.
RöSchen blickte erschrocken auf, die braunen Augen ruhten erwartungsvoll auf dem Baier, bange Besorgnis spiegelte fich in ihren lieblichen Zügen.
„WaS ärgert Dich, Vater ?" fragte Re teilneljmenb. „«Stört Dich das Singen de- Bogels?"
einem grimmigen Mann kann man höchstselten mit Berichtigungen oder Vernunftgründen beikommen; da die weibliche Natur noch viel mehr unter dem Gefühlszwange steht, so ist da im Augenblicke der schönsten Diskussion erst recht nichts zu antworten. Da gilt die Parole: Austoben lassen!
Man erzählt sich, eine keiflustige Frau sei verzweifelt in ihr Elternhaus zurückgeflohen, weil ihr Mann die „entsetzliche" Gewohnheit hatte, auf all' ihre Predigten gar nichts zu sagen. Den Widerspruch hätte sie schon in Grund und Boden geredet; aber das Stillschweigen verdarb ihr das ganze Konzept und trieb sie zur Verzweiflung. " Diese Geschichte wird wohl von einem Weiberfeind erfunden sein. Es liegt aber ein Körnchen Wahrheit darin. Das andauernde, vollständige Stillschweigen gegenüber Vorwürfen oöer Mahnungen kann unter Umftänben grausam wirken; es kann als vollständige Mißachtung, als tresste Verachtung empfunden werden, und deshalb ist sie Waffe des Stillschweigens gegenüber Angehörigen ober Bekannten mit Vorsicht und Schonung zu gebrauchen. Man muß sich hüten, daß nicht alle Fäd n der Verbindung reißen. Also hier und da doch ein Wort einfließen lassen, das eine gewisse Achtung und Rücksicht bekundet. Ober wenigstens bemerken: Na, wir wollen später mal mit ruhigem Blut die Sache besprechen!
Ja, wie soll man denn die Ruhe bewahren, wenn einem Grobheiten und Schimpfreden in's Gesicht geschleudert werden? Bedenke vor allem, daß Überall das Sprichwort gilt: Wer schimpft, hat Unrecht. Je gröber man gegen dich lospoltert. destoweniger ist deine Ehre in Gefahr. Freilich, wenn du dich selber auch zum Pollern und Schimpfen hinreißen läßt, dann hast du nichts mehr vor dem groben Gegner voraus. Bewahrst du aber die Ruhe, so sind die Zuhörer zu deinen Gunsten gestimmt. Also die würdigste Haltung ist zugleich die klügste.
Ein besonderes Kapitel bildet die Frage: Dürfen die Eltern über die Kinder schimpfen, die Lehrer über die Schüler, die Meister über die Lehrlinge? Ober müssen bei der Erziehung alle groben Worte ver sieben werben?
Mit dem scharfen Schelten verhält es sich ähnlich, wie mit dem Prügeln. Am besten ist es, wenn die Erzieher ohne diese Zuchtmittel fertig werden; aber wenn es nicht anders gegt, so muß man wenigstens höchst sparsam mit dem Scheltworte und mit dem Stock umgehen. Es gibt Zöglinge mit dicker Haut, die sich aus sanften Zurechtweisungen nichts machen; sie werden erst durch moralische Hiebe mit scharfen Worten oder gar erst durch körperliche Hiebe aus ihrer Gleichg-ltigkeit geweckt. Kinder, die von Natur empfindlicher oder williger sind, werden oft durch die Gemeinsamkeit mit robusteren Altersgenossen auch dickfellig. Sie sehen, daß dieser oder jener Mitschüler hart gescholten ober mit Schlägen bestraft wird. Daraus ziehen sie die Schlußfolgerung, daß ein ernstes Vorgehen erst dann vorliegt, wenn der Lehrer ober ber
Der Förster erhob fich und nahm eine kurze Tabakspfeife von der Wand.
„Gott sei Dank, so weit ist es noch nicht gekommen, daß ich mich, wie der Baron, übtr jede Fliege an der Wand ärgere," erwiverte er mit einem rauhen Lachen, „jedes Tierchen will seine Freude haben, und ich freue mich gerne mit ihm. Aber wenn der Kuckuck den Notar Tellenbach lotweise holen möchte, wäre ich ihm dankbar dafür!"
„Was hat er Dir getan?"
„Mir? Nichts! Aber alles, was im Herrenhause nur Schlimmes geschehen mag, geht von ihm aus. Sie hassen ihn alle, außer dem Baron und der Kammerjungfer. Es ist eine heillose Wirtschaft, könnte ich unfern rechtmäßigen Herrn aus Amerika holen, ich reiste heute noch ab, so sehr ich auch die weite Reise scheute."
Röschen schüttelte baS d raune Köpfchen und nahm bie unterbrochene Arbeit wieder auf.
„Das find fromme Wünsche, Vater," sagte fie, „in bie Verhältnisse, bie man nicht ändern kann, muß man fich fügen. Der Notar hat Dir ja nichts zu befehlen, geh' Du ruhig Deinen Weg unb kümmere Dich um bie Dinge im Herrenhause nicht."
Der Förster hatte seine Pfeife angezünbet, sein Haupt umhüllte fich immer bichter mit mächtigen Rauchwolken.
„Das ist auch leicht gesagt," erwiderte er, „man kann nicht immer Augen und Ohren zuhalten; da fieht und hört man manches, worüber man fich ärgern muß, man mag wollen oder nicht. Da nimmt man es mir zum Beispiel übel, daß ich Dich in der Stadt erziehen ließ, man macht fich lustig darüber, nennt mich hochfahrend und Gott weiß, was alle» — soll ich »ich darüber nicht ärgern?"
„Nein, Bater," antwortete Röschen ruhig, und ein kindlich unbefangenes Lächeln umspielte dabei chre Lippen, „bist Du mtt mit zufrieden und gefalle sich Dir, wie sich bi», so magst Du die Leute ruhig ®tten lassen, e» steckt ja doch nur ihr eigener Aerger inter. *
Vater wütend wird. Wenn sie felbft ftun blos einen sanften Verweis bekommen, so kann doch die Sache nicht so schlimm fein. Sie wiederholen und steigern ihre Unart, bis sie auch mal waS Ernstes abbekommen.
Oder em sonst gutgeartetes Kind macht mal eine Dummheit, während Vater ober Mutter in nervöser Stimmung find. Es gibt scharfe Schelte ober gar einen Schlag, obschon die Sache eigentlich gar nicht so schlimm liegt. Vater und Mutter vergessen bald den kleinen Zwischenfall; der Kindskopf verarbeitet jedoch das große Ereignis. Wenn künftig das Kind in sanften Worten zurechtgewiesen wird, so gehen die zu dem andern Ohr heraus. Erst muß die Mama wieder „wütend" werden und ber Papa wieder einen Klaps geben, wenn das Kind einsehen soll, daß es den Eltern wirklich ernst ist. Mit jeder weiteren Züchtigung steigern sich die „Ansprüche" des Kindes. Es gibt ja leider Kinderstuben, wo die „Schimpfe" und die „Püffe" zum täglichen Brot gehören unb von dem Kinde als regelmäßige, unvermeidliche Erscheinungen im irdischen Dasein betrachtet werden. Hat ein so „abgehärtetes" Kind nun mal eine wirkfame Züchtigung nötig, so muß schon eine grausame Prügelei daraus werden.
Die Moral davon ist: Selbstbeherrschung bei den ersten Fehltritten des Kindes! Auch wenn die Sache den Eltern und Lehrern unangenehm auf bie Nerven fällt, doch nicht gleich mit groben Worten ober Schlägen bareinfahren! Immer bedenken, daß die Züchtigungen fortwährend gesteigert werden müssen und daß man deshalb mit den sanftesten Zurechtweisungen beginnen muß und nur langsam ansteigen darf, bam't man nicht zu früh die höchste Stufe erreicht hat und gerade in den gefährlichsten Jahren ohnmächtig dasteht.
Ein Erzieher darf nicht nervös fein. Heber» Haupt sollten wir in allen Lebenslagen uns vor Augen halten, daß unsere schlimmsten Feinde und Tyrannen die eigenen Nerven sind, wenn sie mit der Zunge ober gar mit der Hand durchgehen.
Römischer Wochenbries.
[**] Rom, 20. Okt. 1903.
In ber vergangenen Woche sprach man in gewissen Kreisen Roms und Italiens fast nur von den mehr ober weniger großen Triumphen, welchen das italienische Königspaar in Paris ausgesetzt war. Die größte Freude trugen selbstverständlich die Liberalen zur Schau. Sie hatten allen Grund dazu, um die niederschmetternden Folgen der Absage des Kaisers von Rußland einigermaßen vergessen zu machen. Die Italiener sind in dieser Beziehung wie die kleinen Kinder: sie äußern ihren Enthusiasmus, auch wenn er nur ein eingebildeter ist, in Schreien und Herumziehen mit Fahnen, was sie sodann nationale Demonstrationen nennen. Und solcher Demonstrationen hatten wir im Lause der letzten Woche eine ganze Reihe: Alle zu Ehren Frank-
„DaS sag' ich mir auch, aber —"
„Das Geschwätz wird auch wieder verstummen, wenn die Leute erkennen, daß fie an ber Tatsache nichts Subern können. Ich dünke mich nicht höher wie sie, das werde ich ihnen zeigen, so oft ich mit ihnen zusammenkomme; aber ich hätte mich auch ohne diese städtische Erziehung niemals so ganz mit ihnen be« freunden können, denn ihre Anschauungen und Sitten find nicht die meinigen. Also lassen wir fie reden, wir enlbehren fie ja nicht, wir leben hier still für unS —"
„Das ist es eben," unterbrach er fie, „ich fürchte, es wird Dir bald zu einsam hier werden!"
„Zn einsam?" scherzte fie. „Ich habe den Wald, den ich liebe, ich habe meine Bücher unb bie Musik, was will ich mehr? Unb dann habe ich ja auch Dich," kuhr fie in innigerem Tone fort, „wir plaudern über dies und jenes und ich lerne noch täglich von Dir."
Er war stehen geblieben, bie finsteren Schatte» schwanben von seiner Stirne, ein freubiger Strahl zuckte aus seinen Augen.
„Bist mein braves Kind!" sagte er. „Wenn eS Dir zu einsam hier wird, dann sag'S mir ganz offen, ich will schon für Abwechselung sorgen. Weiß ohnedies nicht, wie lange die Herrlichkeit hi-r noch dauern wird! Wenn Baron Dagobert nicht bald zurückkehrt, dann —"
Er beendete den Satz nicht, sein Blick ruhte gedankenvoll auf den Büchsen, die an der; Wand hingen.
„Baron Dagobert?" erwiderte Röschen finnend. „Ich erinnere mich seiner noch sehr wohl, er war immer gütig gegen mich, bie onberen nannten ihn roh unb toilb, bei mir konnte er ftunbenlang im Walbe fitzen, um Kränze für mich zu winden. Ich war neun oder zehn Jahre alt, als er fortging, ich habe oft a» ihn gedacht, ich glaube nicht, daß er wiederkommen wird."
„Ich auch nicht, sonst wäre er längst hier, um sein Erbe in Empfang zu nehmen. Indessen vor einigen Tagen hat ber Notar dem Kammerdiener gesagt, eS ständen Veränderungen bevor, unb er rate unS allen, treu zum Baron zu halten, es scheint also boch, all ob eine Fährte gefunben worden ist; dann gebe Gott, daß fie nicht trügt." (F. f )