30. Jahrgang.
fuldd, Samstag, den 24. Oktober 1903,
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Deutscher Reich.
Berlin, den 23. Oktober 1903.
** Der kommandierende General des IX. Armeekorps, von Maffow, ist, wie der .Reichsanzeiger' meldet, mit der Vertretung des erkrankten Präsidenten des Reichsmilitärgerichts, Generals Freiherrn v. Gemmingen, beauftragt worden. Inzwischen ist Frhr. von Gemmingen heute früh 4 Uhr gestorben. Der Verstorbene war am 15. Juli 1843 zu Grunau in Westpreußen geboren. Am 9. Juli 1900 wurde er zum Präsidenten des am 1. Oktober 1900 errichteten Reichsmilitärgerichts ernannt und am 27. Januar 1902 zum General der Infanterie befördert.
** Die geheimnisvollen Konferenzen, von denen die ,Saale-Ztg.' zu berichten wußte, entpuppen sich als Zusammenkünfte, die von der „Zentralstelle zur Bekämpfung der Sozialdemo- tratie" angeregt und veranlaßt worden sind. Irgend etwas herausgekommen ist bei den Verhandlungen bisher nicht. Es wird auch wohl nichts dabei herauskommen.
Zu der Meldung der,Voss. Ztg/ über das Börsengesetz wird berichtet, daß weder über die Einbringung der dem Bundesrate vorliegenden Börsenreform-Novelle, noch über eine etwaige Herabsetzung der Börsensteuersätze irgend ein Beschluß bisher gefaßt worden ist. Die Verhandlungen über die Reform haben s. Z. gestockt; es blieb noch eine Verständigung über Aenderungs- «ünsche einiger kleinstaatlicher Vertretungen zu erzielen, die indessen nicht von grundsätzlicher, sondern von mehr formal-juristischer Bedeutung waren. Hebet die Grundzüge der Reform herrscht, wie die .Nat.-Ztg/ aus Bundesratskreisen erfährt, allseitige Hebereinstimmung, und es darf nach wie vor erwartet werden, daß der Bundesrat bis zum Beginn der neuen Reichstags - Session die Vorlage erledigt. Auch daß eine Ermäßigung der Stempelsteuersätze vorgenommen werden wird, darf als sicher gelten; ob die bezügliche Vorlage allen Erwartungen der interessierten Kreise gerecht «erden wird, muß wohl dahingestellt bleiben.
t Im Evangelischen Bunde scheint man das Bedürfnis zu empfinden, möglichst oft von sich reden zu machen. Jetzt haben die in Berlin anwesenden Mitglieder des Zentralvorstandes «ine Erklärung veröffentlicht, die sich mit dem Artikel der ,Kreuzztg.' über die Stellung der Generalsynode zum Bunde beschäftigt. Sie ist inhaltlich recht belanglos. Zunächst tritt sie der Auffaffung der .Kreuzztg.' entgegen, daß eine amtliche Berichterstattung über den Bund nicht in die Generalsynode gehöre. Die Gründe, die von ihr für die entgegengesetzte Auffassung der Unterzeichner gellend gemacht werden, sind für uns, bemerkt kühl die .Kreuzztg.', nicht erheblich
Lureiße«: vte em* fpaltige Petitzeile oder deren Raum 15 Pf- Reklamen die Petitzeile 25 Pfg.; bei wieder- Holungen wird entspr Rabatt, gewährt.
Druck und Verlag der Zuldaer Actiendruckere^ in Hulda (harmonies Zernsprecher M 9.
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Verantwortlicher
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3. JJÄJffSL wochmbellagr: „Illustrierte Sonntagszeitung
eine (ärgere Ruhepause folgen, Welche Versuchsfahrten zu rein wisienschaftlichen Zwecken gewidmet sein soll.
♦ Meiningen, 23. Oft. 1903. Bei den Wahlen der Höchstbesteuerten zum Meininger Landtage wurden nur nationalliberale und freisinnige Kandidaten gewählt. Der künf- tige Landtag wird zusammengesetzt fern aus 8 Nationalliberalen, 7 Sozialdemokraten, 4 Freisinnigen, 2 Agrariern, 2 Konservativen und 1 „Liberalen". Bisher hatten die Rechte und die Nationalliberalen zwei Drittel der Mandate des Meininger Landtags inne.
* München, 23. Oft. 1903. Die heutige Sitzung der Abgeordnetenkammer wurde ausgefüllt durch die fast dreistündige Fortsetzung der gestern abgebrochenen Rede des Dr. Casselmann, die zu sehr stürmischen Szenen Anlaß gab. Redner sprach der Hauptsache nach über die Stellung der Regierung zum Zentrum und verbreitete sich eingehend über die Fälle Landmann und Crailsheim, wobei er von der rechten Seite des Hauses wiederholt stürmisch unterbrochen wurde. Dr. Caffel- mann verlangte, daß die Regierung dem „Ultra» montanismus" gegenüber mehr Rückgrat zeige, und warf dann die Frage auf, ob der Munster- präsident auch die Kraft und die Macht habe, unparteiisch zu regieren und ohne Rücksicht auf die Wünsche des Zentrums. (Herr v. Podewils rief dazwischen: „O ja!") Dr. Casselmann schloß mit den Worten: „Wenn die Regierung allezeit den guten Willen hat, dem Hltramontanis- mus zu widerstehen und dem guten Willen auch die Lat folgen läßt, dann werden nicht nur die Liberalen hier, sondern das gesamte liberale Bürgertum und alle bis in die Knochen monarchisch Gesinnten hinter ihr stehen, vielleicht mit Ausnahme derer, deren Ziele jenseits der deutschen Berge liegen." Hier wurde Redner vom Zentrum stürmisch unterbrochen. Das Haus vertagte sich nachmittags 4 Uhr. Der Zentrums- Abgeordnete Dr. Heim wird morgen als erster Redner zu Worte kommen.
genug, um uns mit ihnen eingehend zu beschäftigend Weiter sucht die Erklärung bte Behauptung zu widerlegen, daß die Generalsynode mit der Berichterstattung Dr. Wittes über bte Tätigkeit des Bundes vor eine vollbrachte Lat- sache gestellt worben fei. Die .Kreuzztg.' hält ihre Behauptung in vollem Umfange ausrecht, will aber um des lieben Friedens willen näheres über den Gegenstand nicht mitteilen, und bemerkt nur, „daß die Unterstützung eines Antrages auf Rulaffung des Berichts nicht die Annahme dieses Antrages in sich schließt, daß also die Absetzung dieses Gegenstandes von der Tagesordnung durch Mehrheitsbeschluß immer noch möglich war, und daß ein Antrag auf Absetzung nur int Htnblick auf die Vorverhandlungen unterblieben ist. Weiter heißt es in der Erklärung: „Es galt in der Öffentlichkeit festzustellen, daß der Evangelische Bund als solcher keine Politik treibt und keine Partei nimmt; damit würde er sich selbst das Grab graben." Dazu bemerkt die .Kreuzztg.': „An der Aufrichtigkeit dieser Bemerkung zweifeln wir nicht. Aber die Genugtuung, die in dem gedruckten Berichte des Bundes über die Niederlage des konservativen, zu den Altlutheranern gehörigen ehemaligen Abg. Jaeobskötter gegenüber seinem nationalliberalen Gegnern zum Ausdruck kommt, ist mit der Behauptung, daß der Bund als solcher keine Politik treibe, doch nicht recht vereinbar." Die übrigen Sätze der Erklärung beziehen sich auf Nebenpunkte und scheinen der .Kreuzztg.' einer Erwiderung nicht zu bedürfen. Das konservative Blatt bemerkt schließlich: „Wenn die Leitung des Evangelischen Bundes Sorge trägt, daß in der von ihm unterstützten ,Deuts ch-evangelischen Korrespondenz', mit der er nach dem Inhalte seines Berichts eng verwachsen ist, die üblichen Beschimpfungen gegen die konservative Partei, einzelne ihrer Mitglieder und die .Kreuzztg.' künftig unterbleiben, so würden wir das schon als einen wesentlichen Fortschritt betrachten. Im übrigen müssen wir nach der neuesten Erklärung die Hoffnung aufgeben, daß es bald zu einer Verständigung zwischen dem Bunde und uns kommen wird."
* Der elektrische Siemeus-Wage» hat Beute seine letzte Leistung (201 Kilometer) noch übertreffen: Er fuhr stellenweise mit der Geschwindigkeit von 207 Kilometer in der Stunde! Man kann von Dahlwitz aus nach Zoffen zu etwas über 2 Kilometer. nach Berlin zu über 41/a Kilometer der ziemlich geraden Bahnstrecke übersehen. Diese ganze Strecke legte der Siemens-Wagen heute in nicht ganz ls/i Minuten zurück. Freilich muß men in den l8/* Minuten scharf auspaffen. Wenn das Hornfignal des Militärpostens ertönt, dauert's nur noch Augenblicke und der Blitzmotor ist am Horizont als Pünktchen sichtbar; dann aber nimmt er an Umfang und Deutlichkeit „zusehends" zu; man bemerkt dar elektrische Feuerwerk der Oberleitung, man hört ein krausendes Fahrgeräusch und un Nu saust er an uns vorüber, im' Nu ist er wieder im Verschwinden begriffen. Das Ueberwältigende für den nahestehenden Beobachter liegt in der wahrhaft unheimlichen Vergrößerung des Kolosses bei deffen Annäherung. Es gehört ein geübtes Auge dazu, i m Personen an den Wagenfenstern unterscheiden zu können,—an ein Erkennen derselben ist nicht zu denken. Der wilden Jagd wird nunmehr ich ihn und sühre ihn ins Herrenhaus, der Baron mag ihn bann einsperren, bis die Gendarmen ihn holen. Die Handschellen trag'ich seitdem immer in der Tasche, ich taffe mich nicht noch einmal zum Narren halten."
„Läßt er sie sich nicht gutwillig anlegen, dann kann der Kamps nicht ausbleiben, und einem Manne, der nichts zu verlieren hat, kommt eS auf einen Mord nicht an, Vater."
„Es ist so schlimm nicht, Kind," antwortete er, sich erhebend, und dabei strich seine Hand leise über ihr üppiges, welliges Haar, „und wenn solck' ein Bursche auch einmal in der Desperation schießt — nicht jede Kugel trifft. Also behüt' Dich Gott, Röschen, am abend komme ich wieder."
Er nahm die Büchse von der Wand und hängte sie über feine Schulter, und nachdem er sein schönes Kind auf die Stirne geküßt hatte, verließ er das Haus. —
Er war verstimmt, er fühlte selbst, daß Röschen nicht mehr in die Waldhütte paßte, daß sie sich dort nicht so heimisch fühlen konnte, wie er es wünschte. Aber wie sollte er daS ändern?
Der Gedanke, sich von ihr trennen zu sollen, war ihm schrecklich; hätte er sich mit ihm befreunden können, so wäre es ihm ein Leichtes gewesen, ihren Wünschen und Anwrderungen Rechnung zu tragen; seine Schwester, die in der Stadt in sehr guten Berhältmffen lebte, nahm sie mit Freuden wieder auf.
Er mochte auch nicht daran denken, selbst den Wald zu verlassen, obgleich feine Schwester sich erboten hatte, ihm in der Stadt ein Unterkommen zu verschaffen, das chm ein sorgenfteieS Dasein sicherte; der Wald war ihm ans Herz gewachsen, er konnte nicht mehr leben ohne chn.
Und *wch, wie ganz anders war f8 früher hier gewesen! Wie sehr hatten alle Verhättniffe sich geändert.
Der jetzige Majoratsherr war kein Jäger, nur bann, nnnn daS Wild zu großen Schaden anrichtete, veranstaltete er ein Treibjacen, an dem er selbst nur widerwillig teilnahm.
daß der König sich zu baldigem Wie derkom men veranlaßt fühlt.
* Paris, 23. Oft. 1903. Der japanische Gesandte Motono dementiert in entschiedener Weise das durch Depeschen ans Honolulu verbreitete Gerücht betreffend eine angeblich russisch - japanischeKriegserklärung. Der Gesandte erklärte einem Berichterstatter des .Temps', man könne nicht einmal von Kriegsdrohungen sprechen. Der Gang der in Tokio zwischen dem japanischen Minister des Aeußeren und dem russischen Gesandten geführten Verhandlungen sei bisher normal und befriedigend. Japan suche eine Bürgschaft für feine sehr berechtigten Interessen zu erlangen, aber es bringe hierbei die persönlichsten Gesinnungen entgegen. Rußland könne von keinem anderen Geiste beseelt sein. Man dürfe deshalb auf eine mehr oder minder baldige Lösung rechnen, durch welche zwischen beiden Parteien ein Einvernehmen erzielt werden dürste. Die friedliche Gesinnung beider Regierungen fei den beiderseitigen Militärbehörden bekannt. Heberdies seien die russischen und japanischen Streitkräfte nirgends in direkter Berührung. Jnfolgedeffen fei die Gefahr auch nur eines lokalen Zwischenfalls beseitigt.
* Barcelona, 23. Oft. 1903. Am Donnerstag abend konnte die Stadt nicht beleuchtet werden, da die Arbeiter der Gasanstalt in den Ausstand getreten sind. Der Gouverneur hat einen Verein der Gasarbeiter vor Gericht gestellt. Mehrere Ausständige sind verhaftet worden. Viele Kaufläden, Theater und Werkstätten sind geschlossen. Patrouillen durchzogen die Stadt. Militäringenieure hatten Gas hergestellt, doch ließen die Ausständigen das Gas entweichen, indem sie die Hähne der Laternen öffneten. — Die Zahl der Ausständigen in Bilbao beträgt 25000.
* Konstantinopel, 23. Oft. 1903. Die Pforte richtete an die österreichisch-ungarische und russische Botschaft sechs Mitteilungen, welche einzelne, von Komitadschis begangene ©reuet» taten schildern und sodann bekannt geben, daß die Organisation der Gendarmerie in den Wilajets größtenteils beendet sei, und daß ferner im Kreise Radowilsche (Wilajet Hesküb) sämtliche mohamedanische und christliche Feld- wächter bereits ernannt feien. Im Wilajet Monastir feien sechs Kommissionen mit der Unterbringung der mohamedanischen und christlichen Einwohner beschäftigt, deren Häuser zerstört seien. Diese« Mitteilungen scheinen zu bezwecken, den erwarteten Forderungen der Reformmächte zuvorzukommen und die Heberzeugung wachzurufen, daß die Reform den besten Fortschritt mache. — Der bulgarische Agent Nat- schowitsch gab gestern in Jildiz-Kiosk die offizielle Erklärung ab, daß eine weitere Reserve- klasse von 5000 Mann demobilisiert werde, so daß nur noch eine unter Waffen bleibe. Anderseits ordnet ein gestriges Jrade des Sultans die Entlassung von türftschen Jlawe- truppen an. — Nach Meldungen aus Mazedonien schicken die Bandenführer ihre Leute nach Haufe. — Ein anderes Jrade ordnet die
Vergebens versuchte Anton fich zu befielen, die ungünstige Lage, in der er fich befand, machte ibm den Kampf unmöglich, er mußte e8 geschehen lassen, daß seine Hände gefesselt wurden.
„So, und nun vorwärts," sagte der Förster, indem er die Büchse be8 Wilderers vom Boden aufhob.
Anton hatte fich erhoben, Zorn und Hast loderten in dem Blick, mit dem er dem alten Manne ins wetterharte Antlitz schaute.
„Ich bin kein Verbrecher," knirschte er. „Ihr habt kein Richt, mich zu fefliln. Wollt Ihr meinen Namen wissen, so werde ich ihn nennen, dann möget Ihr mich beim Gericht anzeigen —"
„Darüber hat der Herr Baron zu bestimmen," unterbrach der Förster ihn barsch, „ich liefere Euch im Herrenhause ab, dann mag der Herr Baron entscheiden, was mit Euch geschehen soll. Macht keine Umstände, ich habe Aerger genug durch Euch gehabt, Ihr sollt mir nicht wied-r entweichen. Vorwärts!"
Ein Stoß mit dem Büchsenkolben begleitete den Befehl, Anton mußte gehorchen, wollte er fich nicht weiteren Mißhandlungen aussetzen.
„Manch' schönes Stück Wild habt Ihr mir aus dem Walde geholt," fuhr der Förster fort, wäh'end fie mit raschen Schritten ihren Weg fortsctzten; „jetzt hab' ich Euch endlich, die Räubereien werden ein Ende nehmen."
„Räubereien!" höhnte Anton. „Ist daS Wild Euer Eigentum?"
„Ich bin sein Hüter!"
„Der gehorsame Knecht eines Mannes, der das für fich allein beansprucht, was unser Herrgott für alle geschaffen hat! Das Wüd ist frei, so gut wie Ratten und Mäuse frei find!"
„Ihr kennt die Gesetze wohl nicht?"
„Wer hat fie gemacht? Die reichen Herren, die alles für fich nehmen und den Armen nichts taffen!
„Sagt das dem Richter, bann wird er Euch beweisen, tote streng das Gesetz bestrafen kann! Wir kennen diese faulen Redensarten, jeder Verbrecher be-
5>as Majorat.
Roman von Ewald August König.
1« ------ (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)
„Wenn er zurückkehrt, so wird's harte Kämpfe geben, meinst Du nicht auch, Vater?"
„Gewlß, Baron Kurt geht freiwillig nicht, aber Recht muß doch Recht bleiben! Na, hol' mir meinen Kaffee, ich muß noch hinaus in den Wald, eS haben in letzter Zeit fich wieder Wilddiebe gezeigt, da heißt •8 aufpaffen."
Röschen ging hinaus, der Blick des alten ManneS folgte mit Wohlgefallen der schlanken, hoben Gestalt, die in ihrer Haltung und in allm ihren Bewegungen den Anstand einer vornehm erzogenen Dame zeigte.
„Wie eine Prinzessin!" brummte er vergnügt. „Sie könnte in einem Fürstenschloß wohnen, würde ihre Rolle schon zu spielen wissen!"
Röschen kehrte mit dem Kaffee-Geschirr zurück, der Förster setzte fich hin und schlurfte behaglich den heißen Trank.
„Du hast bisher noch keinen Wllddieb erwischt?" fragte fie.
„In den letzten Jahren nicht, früher doch."
„Ich zittere immer, wenn ich daran denke, daß Du einmal in einen Kampf mit ihnen geraten könntest!"
„Bah, eS find viele Feiglinge unter ihnen," so spottete der Förster, „und trifft man einmal einen solchen Schlingel, dann nimmt er Reibaus! Noch schlimmer ist es, wenn fie sich ruhig fangen taffen und einen falschen Namen angeben, dann hat man später noch eine Menge Scherereien. Sie tnn's mit dem ehrlichsten Gesicht, wer kann alle die zweifelhaften Serie in der Stadt kennen! DaS ist mir einmal pas- fiert, settdem hab' ich mir vorgenommen, wenn ich »och einmal einem solchen Hallunken begegne, binde
* Wien, 23. Oft. 1903. Bei dem Besuch König Leopolds in Wien ist, wie der Wiener Daily Mail-Korrespondent erfährt, eine befriedigende Regelung verschiedener Fami- lien-Angelegenheiten erzielt worden. Man hat sich über die Schulden der Prinzessin Louise von Koburg und über das Testament der verstorbenen Königin Henriette von Belgien geeinigt, sodaß Gräfin Lonyay (ehemalige Kronprinzessin Stephanie, eine Tochter König Leoppld) einen Teil der Erbschaft erhält. Eine Aussöhnung mit der Gräfin Lonyay lehnte König Leopold indeß ab. Der Empfang des Königs durch Kaiser Franz Joseph dürfte nicht so herzlich gewesen fern,
Er hatte schon davon gesprochen, einen großen Teil des Waldbobens unb bte alten schönen Bäume verkaufen zu wollen, er führte diesen Vorsatz sicherlich aus, sobald er wirklicher Eigentümer des Majorats geworden war.
Auch daran hatte der alte Martin schon gedacht, eine andere Försterstelle zu suchen, die seinen Anschauungen und seinem Geschmacke besser entsprach; aber zur Ausführung dieses Vorhabens konnte er fich nicht entschließen.
Aus seinem Brüten schreckte ihn Plötzlich der scharfe Knall eines Schusses empor.
Horchend erhob er das Haupt, feine buschigen Brauen zogen fich drohend zusammen, rasck entschlossen verließ er den Fußweg, die Richtung verfolgenk, aus der der Schuß gekommen war.
.Es war ein Kugelsckpß", brummte er, „die Büchse eines Wilddiebes, denn daß der Baron hier jagen sollte, läßt sich nicht annehmen. Und fern kann der Wilderer nicht sein — gebe der Himmel, daß ich den Hallunken endlich erwische."
Geräuschlos schrftt er auf der weichen Moosdecke weiter, mit scharfem Blick nach allen Seiten hin spähend, es war Ehrensache für ihn, dem Baron zu beweisen, daß er seine Pflicht gewissenhaft erfüllte.
Ein dürrer Zweig knisterte unter seinen Füßen, er blieb stehen, in nächster Nähe vernahm er ein anderes Geräusch, daS nach kurzer Unterbrechung wieder laut wurde.
Bon Baum zu Baum schleichend, hatte er bald erreicht, was er suchte; vor fich auf einer kleinen Böschung sah er einen Mann, der emsig beschäftigt war, ein Reh auszuweiden.
Der Wilddieb wandte ihm den Rücken, er ahnte offenbar die Nähe des Försters nicht, der nur einige Sekunden lang ihn beobachtete unb bann mit Blitzesschnelle sich auf ihn stürzte. ..
Die sehnige Faust des alten ManneS hielt daS Genick AntonS fest umklammert, er drückte mit dem Knie den Wilderer nieder und holte die Handschellen hervor.