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monatsMlage: „Zuldaer Grschichtsblätter"

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wochmbriiag«: „Illuftrirtte Sonntagszeiümg

M 243.

fUldb, Freitag, den 23. Oktober 1903.

30. Jahrgang.

Berlin, den 22. Oktober 1903.

* Der Kaiser hat zu morgen (Freitag) abend die an den finanziellen Besprechungen be­teiligt gewesenen Vertreter der Bundes­regierungen zur Hostafel nach dem Neuen Palais geladen. Die Besprechungen find am Mittwoch abend geschloffen worden. Nach der ,Nat. Lib. Korr.' haben Abstimmungen nicht stattgefunden. Die Vorschläge wurden ad refe- rendum genommen und werden den Einzel­regierungen unterbreitet werden. Uebereinstimmend sollen fich die Teilnehmer der Konferenz dafür ausgesprochen haben, es möge zunächst das Aeußerste versucht werden, um bei der Auf­stellung des Etats Sparsamkeit walten zu laffen und die Möglichkeit zu gewähren, die Pflicht der Schuldentilgung mehr in den Vordergrund treten zu laffen. Löbliche Vorsätze. Wie fie gehalten werden, werden wir vor allem wohl bei der Militärvorlage sehen.

[] Dem Reichstage wird, wie die ,Voff. Ztg.' hört, in der bevorstehenden Session eine Vorlage über die Aenderung des Börsen­gesetzes zugehen. Zugleich wird eine Aenderung des Stempelgesetzes beantragt werden, durch welche die Umsatzsteuer auf die Sätze vor dem Gesetz vom 14. Juni 1900 ermäßigt wird. Heber die Notwendigkeit dieser Reform bestehe voll­kommenes Einverständnis zwischen den preußischen Instanzen, insbesondere dem Handelsminister und dem Finanzminister und den Instanzen des Reichs, insbesondere dem Reichskanzler und dem Reichs­schatzsekretär. Es unterliege keinem Zweifel, daß die Regierung zu jeder Aenderung des Börsen- fesetzes bereit fei, für die sich eine Mehrheit im ieichstage finde. Die Börsenleute wünschen be­kanntlich vor allem die Beseitigung des Börsen- registers und des Terminhandelverbotes. Daß dafür keine Mehrheit zu haben ist, braucht nicht nochmals gesagt zu werden. Es hätte also gar keinen Zweck, wenn die Regierung nach dem Wunsche der ,Voff. Ztg/ sich in ihrer Vorlage nicht auf diejenigen Punkte beschränkte, für die fie im voraus einer Mehrheit sicher ist, sondern „eine durchgreifende Reform" beantragte und „energisch verträte". Ob an dem Rückgang der Börsensteuer die Höhe dieser Steuer oder die wirtschaftliche Lage schuldig ist, wird zu prüfen sein, ehe man auf eine Herabsetzung des^Stempels eingeht.

* Daß auch in der nächsten Tagung dem Reichstage einige sozialpolitische Entwürfe zugehen werden, dürfte ziemlich sicher sein. Die offiziösen ,Berl. Polit. Nachr.' schreiben darüber: lieber den Gesetzentwurf betr. die kaufmän­nischen Schiedsgerichte wird noch verhandelt. Die Krankenverstcherungsvovelle, die am 1. Januar 1904 chrem vollen Umfange nach in Kraft tritt, dürfte noch eine Konsequenz bezüglich der Seemanns-Ordnung haben. Bon einer Anzahl auf dem Verwaltungswege getroffener Maßnahmen Dürfte dem Reichstag Kennt­nis gegeben werden Die wichtigste sozialpolitische

5>as Majorat.

Roman von Ewald August König.

14 ------ (Nachdruck »erboten.)

„Ja, das sei Gott geklagt," seufzte Abraham, „ich hab meinem Bruder oft die Wahrheit gesagt, aber er will nicht hören."

„Und was soll das später werden, wenn Du ver­heiratet bist? Dir kann er dann nicht mehr auf der Tasche liegen."

„Dann wird er wohl fleißiger arbeiten müssen. MebrigenS verdient er auch jetzt genug "

„Womit?" fragte Frau Burger rasch, während der Friseur vor dem Spiegel seine Halsbinde ordnete.

„Ich ich weiß ei nicht," antwortete der Hüne sichtbar verlegen.

„Womit?" spottete der Friseur. „Ich glaub', er geht auf die Jogd."

„Geschwätz!" brumm'e Abraham. „Ein Maschinen­arbeiter soll auf die Jagd zehen!

„Wenn es nur ein Geschwätz ist, dann soll Dein Bruder sorgen, daß solches Geschwätz nicht auskommen kann," sagte die alte Frau ärgeilich. „Man sogt es geradezu, der Anton sei ein Wilderer, und es muß wohl etwas Wahres dran ftin, ich hab' mit eigenen Augen ein Reh in Eurer Kammer gesehen. Bis heute hab ich nicht davon sprechen wollen, aber jetzt warne ich Dich, Abraham, solche Geschichten nehmen immer ein schiefes Ende."

„Du wirst doch nicht glauben, daß ich auch auf die Jagd gehe?" fragte der Hüne, das Haupt trotzig erhebend. „Ich bin immer ein ehrlicher Kerl gewesen und werde es auch bleioen!"

„Das weiß ich," nickie fie; „aber die Richter totff en es nicht, wenn Dein Bruder einmal erwischt wird. Und der Förster auf Haus Eichenhorst versteht

Aufgabe jedoch, deren Lösung die Regierungskreise in dem nächsten Jahre beschäftigen wird, rst die Wit­wen- und Waisenversicherung der Arbeiter. Bekanntlich ist im neuen Zolltarifgesetz, deffen Inkraft­setzung allerdings noch aussteht, bestimmt worden, daß gewiffe voraussichtliche Zollmehreinnahmen zur Wrtwen- und Waisenversicherung der Arbeiter verwendet werden sollen, wenn diese bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gesetzlich eingeführt ist, andernfalls sollen die betreffen­den Summen den Versicherungsanstalten zu dem gleichen Zwecke überwiesen werden. In irgend einer Werse muß demnach von der Regierungsseite die betreffende Angelegenheit erledigt werden. In die eigent­liche Arbeit auf diesem Gebiete durfte wohl erst ein« getreten werden, wenn Vie neuen Zolltarifgesktze in Kraft getreten und namentlich wenn zu übersehen sein wird, welche Summen infolge der betreffenden Mehr­einnahmen für die Witwen- und Waisenversicherung der Arbeiter aus der Reichskaffe zu verwenden sein werden. In nicht allzu langer Zeit dürfte aber wohl dre In­kraftsetzung des neuen Zolltarifs erfolgen. Jedenfalls wird die Sozialpolitik der nächsten Jahre im Deutschen Reiche von der Frage der Witwen- und Waisenver- ficherung der Arbeiter beherrscht sein.

§ Den Erlaß des Eiseudahnministers, der den Tierschutz empfiehlt, nimmt der,Vor­wärts' zum Anlaß, dem Minister auch den Menschenschutz zu empfehlen. Vor etwa drei Jahren ist den Eisenbahnbeamten am Haupt­bahnhof Magdeburg folgender Erlaß zur Kennt­nis gegeben worden: „Nach den gesetzlichen Be­stimmungen kann die höchste zulässige Dienstzeit bis auf sechzehn Stunden ausgedehnt wer­den. Danach ist z. B. die um 6 Uhr abends antre tende Nachtreserve verpflichtet, unter Um­ständen bis 10 Uhr vormittags des anderen Tages Dienst zu verrichten. Trotzdem ist es nun in letzter Zeit zweimal vorgekommen, daß sich einzelne Hilssbremser geweigert haben, so lange fahren zu wollen. Inwiefern die Betreffen­den glauben, daß das ihrer dienstlichen Laufbahn zuträglich ist, mag ih'ern Ermessen Überlaffen bleiben. Es soll aber hiermit auf den § 183 der allgemeinen Bestimmungen für sämtliche Ar­beiter, welcher auch für die Hilfsbremser gilt, hingewiesen werden, wonach bei Dienstverweige­rungen sofortige Entlassung eintreten kann. Ausreden, wie etwa nicht mit genügenden Eß­mitteln rc. versehen, werden nicht als stichhaltig betrachtet. Ein jeder weiß, wie lange er ge­gebenenfalls fahren muß und kann sich danach vorher einrichten. Bei etatsmäßig angestellten Bremsern tritt im Fall der Dienstverweigerung das Disziplinarverfahren ein. Die Herren Zug­führer wollen die ihnen unterstellten Fahr­bediensteten entsprechend belehren und sie vor übereilten, unbedachten Handlungen warnen. Sollten sich trotzdem widerwillige Elemente vor­finden, sind sie sofort nach hier zu melden." Vielleicht erfahren wir gelegentlich, daß man sich im Reiche des Herrn Budde den eignen Arbeitern und Beamten gegenüber annähernd zu der Hu­manität bekehrt hat, die an fremden Tieren zu übenden Beamten jetzt zur Pflicht gemacht ist, meint der .Vorwärts'.

(:) Die „Erinnernngsfeier" an das vor 25 Jahren in Kraft getretene Sozialisten­gesetz wurde am Mittwoch in 17 sozialdemo­kratischen Versammlungen in Berlin und den Vororten begangen. Die Referenten, darunter Bebel, Singer, Bernstein, der „rote Postmeister"

in solchen Dingen auch keinen Spaß, das magst Du dem Anton sagen. Es ist nur gut, daß Ihr von über­morgen ab nicht mehr zusammenwohnt, mitgefangen, mitgebangen! heißt es im Sprichwort."

„Stimmt ganz genau, bester Schwiegersohn!" nickte der Friseur. „Du weißt mehr, wie Du uns verraten willst, fe; vernünftig und höre auf unsere Warnung.

Damit eilte er hinaus in den Laden, um einen Kunden, der eben eingetreten war, zu bedienen.

Abraham zog seine Braut an sich und küßte fie, dann stand er rasch auf.

„Ich hab' mir nichts vorzuwersen", sagte er in seiner schlichten, ehrlichen Weise, „meinen Bruder kann ich nicht zwingen, wenn ich auch der Aeltere bin. Er ist einundzwanzig Jahre alt, da muß der Mensch wissen, was er tun und was er lassen darf."

„Das wissen manche Menschen noch nicht, wenn fie schon graue Haare haben," spottete die Mutter.

„Dann ist ihnen auch nicht zu helfen. Anton war immer tigenfinnig, selbst die Mutter konnte seinen harten Kops nicht beugen, und fie hatte mehr Gewalt über ihn, als i h. Da muß ich ihn seinen Weg gehen laffen

„Wenn er nicht anders will, in Gottes Namen, geh' Du nur nicht mit ihm!"

„Auf diesem Wege niemals!"

„Man muß auch den Schein meiden!"

„Na, wir kommen ja übermorgen auseinander, er bleibt hier im Hinterhaus- und ich ziehe mit Anna in unsere neue Wohnung."

„Im Hinterhanfe wird er nicht mehr lange bleiben," sagte die att*' Frau in entschlossenem Tone, „er muß auch ziehen, wenn er sich nicht bessern will. Der Förster von Eichenhvrst kommt o)t hierher, ich glaube, er hat schon Verdacht auf Anton geworfen, er soll nicht denken, daß wir die Geschichte begünstigen!"

„Wenn Du es so willst, werde ich s nicht ändern können," erwiderte Abraham, mit der breiten Hand üver fein Gesicht fahrend, „mir sollte es von Herzen

Motteler usw., gaben meist persönliche Erlebnisse aus jener Zeit, teils Schilderungen der Schwierig- ketten, mit denen die Partei unter dem Sozialisten­gesetze zu kämpfen hatte, teils Erzählungen vom Schmuggel verbotener Schriften, wie von der Irreführung von „Lockspitzeln" zum besten. Eduard Bernstein bekämpft die in Arbeiter­kreisen vielverbreitete Ansicht, als ob die Aka­demiker unzulässig seien und für die Partei keine Opfer brächten, gerade die gebildeten Partei­genossen hätten in der schweren Zeit des Sozialistengesetzes ihre Treue erprobt. In den Germaniasälen schilderte Abgeordneter Motteler die Einzelhesten und die gute Organisation der „roten Feldpost". Bebel meinte, kein Mensch mit gesundem Verstände könne, angesichts der Mißerfolge des Sozialistengesetzes, an dessen Er­neuerung denken. In der Diskussion traten viel­fach damals ausgewiesene Sozialdemokraten auf.

* Die.Tägliche Rundschau' istmit dem Verhalten der Generalsynode in der Sitzung, in der der Bericht über die Tätigkeit des Evangelischen Bundes von dem Schrift­führer Dr. Witte erstattet wurde, nicht zu­frieden; fie schreibt: „Es war das erste Mal, daß man an dieser Stelle von der Tätigkeit des Bundes Kenntnis nahm. Um so mehr mußte es auffallen, daß die Synode über diesen Be­richt mit eisigem Schweigen hinwegging. Während dem neulich vorgetragenen Referat über die Heidenmiffion eine ausdrückliche Danksagung folgte und ebenso dem Gustav-Adolf-Verein eine feine Tätigkeit anerkennende und fördernde Be­handlung zuteil wurde, hatte sich der Evange­lische Bund eines ähnlichen Wohlwollens nicht zu erfreuen. Kein Wort dks Verständnisses und der Teilnahme erging aus der Mitte der kirch­lichen Versammlung. Dieses Verhalten wirft ein grelles Licht auf unser öffentliches kirchliches Leben." Die,Kreuztg.' findet, wie das bereits aus ihren gestrigen Ausführungen hervorging, das Verhalten der Generalsynode durchaus b.lligenswert. Vielleicht wäre es aber doch noch richtiger gewesen, von dem Evangelischen Bunde auf der Generalsynode überhaupt keine Notiz zu nehmen. Daß über ihn berichtet wurde, ist doch schon ein Erfolg, den er nicht verdient.

** In drei oder vier preußischen Kreisen ist es noch nicht gelungen, eine Einigung zwischen den Konservativen und dem Bunde der Landwirte in der Frage der Landtagskaudidatnr herbeizuführen. Die .Deutsche Tagesztg.' bestreitet, daß dies von „Unstimmigkeiten" zwischen beiden zeuge. Zu ernsten Differenzen liege nicht die mindeste Ver­anlassung vor. Die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses sei in agrarischen Fragen immer zuverlässig gewesen; es sei niemals zu Mißhelligkeiten oder auch nur Mißverständnissen zwischen ihr und dem Bunde der Landwirte ge­kommen.

§ In der soeben erschienenen Öktobernummer des vom Kaiserlichen statistischen Amt heraus­gegebenen ,Reichs - Arbeitsb lattes' wird ausgeführt: „Die Lage des Arbeitsmark­tes im Monat September hat sich in den meisten Industrien gegen den Monat August

leid tun, wenn diese harte Behandlung meinen Bruder zu gründe richtete. Ich meine, man müsse Geduld mit ihm haben —"

„Bis er abgefaßt und ins Gefängnis gebracht wird? Das wäre ein schöner Skandal, wenn die Polizei ihn hier aus dem Haufe fortholte; den will ich vermeiden, wenn ich eben kann. Geh' jetzt und schlafe, wirst eine schwere Nacht haben."

Der Hüne nickte seiner Braut noch einmal zu und verließ das Zimmer. Seine Wohnung lag in einem kleinen Gebäude, das hinter dem Hause lag, sie bestand aus einer geräumigen, einfach möblierten Kammer, die er mit seinem Bruder teilte; neben dem Vorder­hause führte eine schmale Gasse zu diesem Hinter­gebäude von der Straße aus hin.

Als Abraham eintrat, lag fein Bruder angekleidet auf dem Bett mit der brennenden Zigarre im Munde.

Anton war kleiner und geschmeidiger wie der Hüne, der Ausdruck seines jugendlich frischen Gesichts bekundete List und Berschlagenh it, ein dünnes, blondes Schnurrbärtchen beschattete die Oberlippe.

„Wieder nicht auf der Arbeit?" fragte Abraham ärgerlich. „Lebst ja wie ein vornehmer Herr!"

„Weshalb auch nicht, wenn meine Mittel es mir erlauben?" spottete Anton

„Prahl' nicht mit Deinen Mitteln, fie sind nicht ehrlich erworben."

Anton richtete fich auf feinem Sager empor und betrachtete den Bruder mit erstauntem Bl'ck.

„Oho, Du bist ja in einer absonderlichen Laune!" sagte er höhnisch. „Hat Deine Schwiegermutter Dir den Kopf heiß gemacht? Die Schwiegermütter taugen alle nichts, laß eS Dir gesagt sein, man muß ihnen die Zahne zeigen und fich fein Work gefallen lassen "

„Frau Burger ist eine brave Frau," erwiderte Abravam ernst, „ich lasse nichts auf sie kommen. Hast Tu kürzlich ein Reh hrer oehabt?"

„Was soll das?" brauste Anton auf. „Es geht niemand elwas an.*

noch weiter verbessert und kann heute im allge­meinen als günstig bezeichnet werden. Der Kohlenbergbau hat sehr gut zu tun, in der Metall- und Maschinenindustrie und in der elek­trischen Industrie hat die Besserung in der Be­schäftigung weiter sehr erhebliche Fortschritte gemacht, sodaß die Lage wo bl als fast normal bezeichnet werden kann, und auch die Textil­industrie ist, von einzelnen Branchen abgesehen, im großen und ganzen genügend beschäftigt. Wenn auch in einzelnen Berufen, wie der Bäcker, Bild­hauer, Buchdrucker, Handschuhmacher, im Sep­tember eine bemerkenswerte Arbeitslosigkeit vor­handen war, und auch in einzelnen Industrien die Konjunktur ungünstig war, so vermag das an dem günstigen Gesamtbild des deutschen Ar­beitsmarktes im September nichts zu ändern. Die an die Berichterstattung des .Reichsarbeits­blattes' angeschlossenen Kaffen zeigen für Sep­tember eine Zunahme des Beschäftigungsgrades um 28474 gegenüber einer Zunahme von 16007 im Monat August. Die Vermittelungsergebnisse bei den Arbeitsnachweisen waren im September sehr günstig, in einer Anzahl von Berufen konnte die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht gedeckt werden

♦ Im Plenarsitzungssaale des Reichstages wurde gestern unter dem Vorsitze des Senats­präsidenten des Kammergerichts, v. Strauß- Tornay, und in Anwesenheit von Vertretern deS Reiches und mehrerer Einzelstaaten und Städte die 20. Jahresversammlung des Deut­schen Vereins gegen Mißbrauch geistiger Getränke eröffnet. Staatssekretär Graf Posa- dowsky, als Vertreter des Reiches, hielt eine Ansprache, in der er ausführte, die schwerste Be­lastung der Volksentwickelung sei unzweifelhaft übermäßiger Alkoholgenuß. Namentlich die ärmeren Klaffen würden durch das Fehlen eines wohnlichen Heimes zum Wirtschausbesuche mit seinem Trinkzwange und damit zu übermäßigem Alkoholgenuß veranlaßt. Mit dem Kampf gegen den Alkoholmißbrauch stehe daher nicht nur eine Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der ärmeren Bevölkerung, sondern auch die Fürsorge für geeignete Erholungsstätten, namentlich für die unverheirateten Arbeiter und Gewerbegehilfen in untrennbarem Zusammenhänge. Er habe den Eindruck, daß das Verständnis für die Sache des Vereins immer weitere Kreise ergriffen habe, und damit anfange, beffernden Einfluß auszu- Üben. Namens Bayerns begrüßte Direktionsrat Hertel die Versammlung, die sodann an den Kaiser ein Begrüßungstelegramm, an d'e Kaiserin einen Geburtstagsglückwunsch zu senden beschloß.

* Wien, 22. Oft. 1903. Die un­garische Ministerkrisis schleppt sich immer noch weiter hin. Das sensationelle Ereignis des Tages ist, so meldet die.Nationalzeitung', daß der Monarch das militärische Pro-

„Jch frage nur, ob es wahr ist!"

„Na ja, es lag hier unter dem Bett."

„Meine Schwiegermutter bat's gesehen."

Anton sprang von dem Bett herunter, der Zorn blitzte aus feinen Augen.

„Was hat die Frau hier zu spionieren?" sagte er heiscr. „Sie soll die Nase in ihre Kochtöpfe hinein­stecken."

„Sachte, sachte, dieses Zimmer ist auch meine Wohnung, und ich kann nichts dagegen haben, wenn meine Schwiegermutter ober meine Braut hierher kommt, um Ordnung zu schaffen. Wenn fie hier etwas Ungehöriges findet, so ist das D>.ine und nicht ihre Schuld, und ich darf's nicht leiden."

„So weit bist Du schon, daß Du aufs Wort ge­horchen mußt?" höhnte Anton. „Du tust mir leit. aus Dir wird rin folgsamer Pantoffelheld werden!"

„Denk' darüber wie Du willst," fuhr Abraham- - seiner ernsten, ruhigen Wesse fort, „besser .in Pantoffel­held als em Verbrecher! Weißt wohl, daß ich nur nichts befehlen lasse, außer in der Fabrik, wo ich g horchen muß, und daß ich ein ehrlicher Kerl bleiben will."

„Holla, was soll das alles?" fuhr Anton aberma's ihm in die Rede. „Ein ehrlicher Kerl l iu ich auch

„Ein Wrlddieb bist Do. die Leute nennen D'Ä schon so, es wird nicht lange dauern, bann hat das Gericht Dich hinter Verschluß."

„Und tar.n hab' ich das nur dem Geschwätz Dei> er Schwiegereltern zu verdanken! Der Bartkratzer schmatzt ja wie eine Elster, aber er soll sich in acht nehmen, daß ich ihm nicht einmal einen Denkzettel gebe, d n er sein ganzes Leben lang nicht vergißt."

„Das find kindische Redensarten," sagte der Hüne, unter dessen ruhelosen Schritten die Dielen knarrten, „meine Verwandten sagen schon meinetwegen nichts über Dich, fie find klug genug, daß fie nicht sich selbst die Nase aus dem Gesicht schneiden! Andere Leute sagen ei."