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Zrrnfprecher Nr 9.

24!. fulda, Mittwoch, den 21. Oktober 1903. 30. Jahrgang.

][ Die wahirechtsressrm in Sachsen.

Dieser Tage ist der Wahlrecktsentwurf der sächsischen Regierung bekannt geworben. Er hat die Liberalen nicht wenig verblüfft und erschreckt. Nach­dem der ersteSchrecken überwunden ist, hallt die libe­rale Presse wider von Entrüstungsschreien. „Lieber gar keine Reform als diese!", heißt es jetzt. Sie hat nämlich vor allem den Fehler, daß sie die liberalen Parteiinteressen nicht genug berücksichtigt.

Das jetzige, vor sieben Jahren eingeführte Wahlrecht ist bekanntlich ein gemäßigtes Drei­klaffensystem. Die Wähler werden in drei Ab­teilungen eingeteilt, doch nicht so schlechthin nach dem Steuerbetraae, wie in Preußen. Eine Ein­kommen- und Grundsteuer von 300 M. berechtigt schon zur Wahl in der ersten Abteilung. Die Wahl ist, wie in Preußen, indirekt, hat aber vor dem preußischen System den großen Vorteil voraus, daß sie geheim ist. Wie die jüngsten Wahlen wieder gezeigt Haben, ist es der Sozial- demokratie nur ga >z ausnahmsweise möglich, ein Mandat zu erobern, weil die Wahlmänner der dritten Abteilung durch die der beiden anderen matt gesetzt werden. Um etwas mehr, aber auch nicht zu viel Gerechtigkeit in die Wahlen zu bringen, war als Muster das Leipziger Stadt­verordnetenwahlrecht empfohlen worden. Dies deckt sich in dem springenden Punkte mit dem preußischen Gemeindewahlrecht, da die drei Ab­teilungen nicht gemeinsam, sondern jede für sich ihre Vertreter, und zwar direkt, wählen.

Die sächsische Regierung hat dies sog. Leip­ziger System übernommen, aber nur für die Hälfte der Landtagsabgeordneten. Künftig soll die zweite Kammer aus 96 Mitgliedern bestehen. Die Hälfte, also 48, soll in 16 Wahlkreisen ge­wählt werden, in j der Klaffe einer. Da die Sozialdemokraten einstweilen wohl auf die Herrschaft in der dritten Abteilung beschränkt bleiben, könnten sie es höchstens auf 16 Abge­ordnete, also ein Sechstel der Kammer bringen. Die übrigen 48 Abgeordneten sollen nach „Be- rufsklassen" gewählt werden, und zwar 24 von den landwirtschaftlichen Vertretungen, und je 12 von den Handels- und den Gewerbe­kammern.

„Das ist ja eine unnatürliche, mittelalterliche, ständische Kammer, die mit den Verhältnissen Sachsens und den Interessen der Bevölkerung in schroffstem Widerspruch steht," schreit die ganze liberale Presse. Ist ihr schon oas Wort „ständische Vertretung" ein Greuel, so empört es sie noch mehr, daß die Landwirtschaft in dem Jndustriestaate Sachsen so bevorzugt werden soll. Erst erhält diese schon die Hälfte der berufsständischen Vertreter und dann wird sie bei den Klasfenwahlen natürlich auch noch eine Anzahl Vertreter erhalten; überdies ist sie

Das Majorat.

Raman von Ewald August König.

12 ------- (Nachdruck verboten.)

„Ich lasse mich dem gnädigen Herrn empfehlen", sagte er herablassend, „will er mich morgen hier Wiedersehen, mag er mir nur den Wagen schicken, morgen habe ich die beste Zeit; bitte, sagen Sie ihm das, Jakob."

Der Kammerdiener verneigte sich schweigend und folgte dem alten Herrn zum Wagen, dessen Tür er öffnete.

„Was ich noch sagen wollte", fuhr der Notar mit einer Miene fort, als ob er sich auf etwas besinnen müsse, „was war eS doch gleich? Ja, ja, es könntein der nächsten Zeit an das Dienstpersonal die Frage herantreten, ob ea in Treue dem gnädigen Herrn an­hangen oder gegen ihn intriguieren wollte. Da möchte ich schon jetzt eine ernste Warnung aussprechen, ich habe scharfe Augen, und der Herr Baron versteht in diesem Punkte keinen Spaß, man soll des Sprich­worts eingedenk sein: Weß Brot ich esse, deß Lied ich finge! Ich hoffe, Sie baden mich verstanden, Jakob, teilen Sie diese Warnung dem gesamten Personal mit, aber lassen Sie in Gegenwart des gnädigen Fräuleins keine Silbe davon verlauten, der Herr Baron hat es aufs strengste verboten! Adieu!"

Der alte Herr stieg ein, der Wagen rollte von dannen, mit ernster, nachdenklicher Miene kehrte Jakob « das Haus zurück.

4. Kapitel.

Die Wohnung des Dr. Steinselder war ziemlich begrenzt, aber schon als Hermann sie mietete, rechnete er darank, daß seine Schwester fti ihm wohnen würde, «Id so fand Baronin Adelgunde bei ihrer Ankunft ein

in der ersten Kammer ohnehin bevorzugt. Da roetben also die Liberalen niemals darauf hoffen dürfen, zu herrschen, und die Interessen von Handel und Industrie müssen gegen die Land wirtschaft zurückstehen. Drese Klagen der Libe­ralen sind durchaus begreiflich. Kämen bte Interessen der Landwirtschaft und der Konser­vativen bei der geplanten Reform ebenso schlecht weg, so würden natürlich die Konservativen protestieren und erklären: Niemals!

Wir unserseits haben vor einer herufs- ftändischen Vertretung durchaus keine Angst. Im Gegenteil, wir halten sie für un­vergleichlich besser als eine Vertretung, die aus dem großen Haufen unterschiedslos zusammen gewürfelter Wähler mit den verschiedensten Jnte- reffen, Bestrebungen, Anschauungen und lieber« zeugungen hervorgeht. Aber ehe man berufs­ständische Wahlen vornehmen kann, muß man Berufsstän e und berufsständische Organi- sationen haben. Die sehlen und darum sind Berufsvertretungen einstweilen Zukunftsmusik. Was wir bis jetzt von Organisationen haben, kann nicht im entferntesten als Organisation der Bevölkerung nach Berufsständen angesehen werden; es sind schwache Anläufe dazu. Darum kann auch die in Sachsen geplante berussständische Vertretung nicht als gerecht angesehen werden.

Die landwirtschaftlichen Korporationen, Ge­werbekammern und Handelskammern können doch im Ernste nicht als Berufsorganisation d«s sächsischen Volkes angesehen werden Von vorn­herein ist die große Masse der Hund ar beiten­den Bevölkerung von den wahlberechtigten Standesorganisationen ausgeschlossen; sie würde also ganz unvertreten bleiben. Sodann können Handels- und Gewerbekammern auch nicht als Vertretungen des gesamten Mittelstandes, sondern nur als einer kleinen und zwar der wohlhabenderen Klasse der Handels- und Ge­werbetreibenden gelten. Daß die landwirtschaft­lichen Korporationen eine sachgemäße Vertretung aller an der Landwirtschaft interessierten Be­wohner des Landes find, bezweifeln wir eben­falls stark.

Was die sächsische Regierung da plant, wäre also keineswegs eine wirkliche Volksvertretung, sondern zumeist eine Vertretung einzelner hevorzugter Klassen. Vermutlich will sie eben auch keine wirkliche Volksvertretung, weil te dann zu viel Sozialdemokraten zu bekommen ürchtet, sondern nur eine Besserung des be­leihenden Wahlrechtes, die feiner Verwertung als Mittel zur Schürung der Unzufriedenheit ein Ende macht. Was die Konfervativen von dem Reformplane denken, haben wir bis jetzt aus der Presse nicht ersehen können. Vielleicht tnb sie dagegen, weil ihnen die jetzige Zusammen- etzung des Landtages ganz gut gefällt. Wenn te ebenfalls erklären: Dieser Reformentwurf darf nicht Gesetz werden, dann ist am Ende allen, mit Ausnahme der Sozialdemokraten, geholfen. Es ist bann der Versuch gemacht worden, das Wahlrecht zu verbessern, aber er ist „leider" mißglückt. Dann hat man feine Pflicht getan, indem man nach der Reform verlangt hat, aber man kann nicht dafür, daß nichts daraus ge-

renrdlicheS, mit ollem Komfort aurgestaitetes Zimmer, in dem sie sich bald heimisch fühlen konnte.

Die Mitteilungen des Rittmeisters, die ihr Bruder ihr getreulich berichtete, riefen auch in ihrer Seele bte alten halb vergessenen Erinn erungen wieder wach, mit einrr gewissen Sehnsucht sah sie dem Besuch des einstigen Geliebten entgegen, dessen Tochter sie nun auch kennen zu lernen wünschte.

Der Rittm ister kam nicht, Baronin Adelgunde zürnte ihm; zudem vermehrten die Erklärungen des Notars Tellenbach auch ihre innere Unzufriedenheit, te wollte um jeden Preis den Prozeh gegen ihren Schwager beginnen und HauSMchenhorst zurückfor­dern, sie verstand es nicht, daß ihr Bruder ihr davon abriet; die Gründe, auf die sein Rat sich stützte, ließ iie nicht gelten.

Diese innere Unzustiedenheit trieb fie nach einigen Tagen, die Amme ihres Sohnes aufzufuchen. Hermann erbot sich, fie zu begleiten; in der Mittagsstunde traten te den Weg an.

„Ich habe mich nach dem Friseur Burger erkun­digt", sagte er, während sie Arm in Arm die Straße durchwanderten, „der Mann hat ein gutes, wenn auch kleines Geschäft, und soll mit seiner Frau sehr glück­lich leben Sie haben nur ein Kind, eine Tochter, die mit eü em Maschinenbauer verlobt ist. nur eins gefällt mir nicht, der Friseur soll ein heilloser Schwätzer sein."

„Wir haben ja mit ihm selbst nichts zu schaffen," erwiderte die Baronin, „ich will nur einige Fragen an die Frau richten. Sie soll mir bezeugen, daß ich damals nicht geisteskrank gewesen war, sie befand fich als Wärterin meines Knaben und später auch als Kammerfrau immer in meiner Nähe, und da fie mir bis eine treu ergebene Dienerin, ja, ich darf wohl agen, eine Freundin gewesen ist, so darf ich zuver- ichtlich darauf zählen, daß fie in meinem Prozeß eine wichtige Zeugin sein wird."

„Wir werden sehen!" sagte Hermann nachdenklich.

ro rben ist; ba sinb die Regierung und „die anderen" schuld. Die „Reformfrage" ruht bann eine gute Weile und diejenigen, die „im Besitze" sind, fühlen sich recht wohl dabei.

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1,1 E

Berlin, den 20. Oktober 1903,

% Der Reichskanzler hat, wie offiziös mitgeteilt wird, der Konferenz der bundes­staatlichen Vertreter gleich mehrere Vor­schläge zu einer „Reichsfinanzreform" unterbreitet. Der Urheber dieser neuen Vor­schläge wird wohl der neue Reichsschatzsekretär sein. Bekannt geworden ist bis jetzt kein ein­ziger. Daß einer dieser Reformpläne ohne neue Steuern auskommen könnte, vermögen wir uns nicht recht vorzustellen. Das Geld zur Deckung aller Ausgaben fehlt, besonders wenn noch die Militärausgaben aufs neue erhöht werden. Die Eivzelstaaten wollen es nicht hergeben, sie wollen gegen die wachsenden Ansprüche des Reiches, soweit sie nicht durch Ueberweisungen gedeckt sind, geschützt fein. Woher soll ba das Geld kommen, wenn nicht durch neue Steuern? Etwa aus einer immer erneuten Zuschußanleihe? Die .Berliner Pol. Nachrichten' versichern, von einer grundlegenden Reichsfinanzreform und einer ent­sprechenden Vorlage könne vorerst nicht die Rede sein, ba man die Erträge des neuen Zolltarifs abwarten müsse. Man werde sich nur grund­sätzlich jetzt schon über das, was geschehen solle, schlüssig machen und zugleich Fürsorge treffen müssen, daß in der Übergangszeit bis zur Durch­führung einer gründlichen Reichsfinanzreform die Finanzen der Bundesstaaten keine Schädigung erlitten. Ja, wie soll denn das in der Aera des Defizits ohne neue Steuern geschehen? Will man wirklich die Ausgaben einschränken? Das glauben wir nicht eher, als rohr es fei en.

** Postkonvention über den Verlust von Paketen. Mit der bayerischen und der württembergischen Postverwaltung ist, wie die postoffiziöse ,D. Verk.-Ztg/ mitteilt, in Abänderung der Bestimmungen im § 13 des Uebereinkommens vom 25. Mai 1889 vereinbart worden, daß in Fällen des Verlustes ober der Beschädigung gewöhnlicher Paketsenbungen des deutschen Wechselverkehrs, in denen der zu zahlende Ersatzbetrag die Summe von 6 Mk. nicht über­steigt, die Aufgabeoerwaltung den ganzen Schaden trägt, ohne auf die beteiligten anderen Ver­waltungen Rückgriff zu nehmen ober den Ersatz- betrag auf die beteiligten Verwaltungen zu ver­teilen. Die Vereinbarung findet Anwendung auf die vom 1. Ok ober 1903 ab eingelieferten Pakete.

\ Für die Entwickelung der Reichs-Ein­nahmen im laufenden Etatsjahre ist es einiger­maßen wichtig, daß die Einnahmen aus den Ge­treidezöllen sich dauernd auf einer Höhe ge­halten haben, die in früheren Jahren nie erreicht wurden. Ob sie auch während der Herbst- und Wintermonate keinen Rückzug erleiden, muß ab= „Die Glaubwürdigkeit dieser Zeugin wird schon deshalb angefochten werden, weil fie Deine Dienerin war, das Arrest Deines Hausarztes gilt mehr als ibre Aussagen."

„Dieser Hausarzt war kein Ehrenmann!" sagte Adelgunde.

„Das mag fein, aber Du kannst es nicht be­weisen. Doktor Horn lebt heute noch, er ist ein ge­achteter Arzt, seine Praxis freilich sehr unbedeutend, aber da er eine reiche Frau hat, lebt er in den besten Verhältnissen."

„Seine Praxis war auch damals nicht groß, ich lernte den Herrn zufällig kennen, sein glattes, liebens» würdiges Wesen nahm mich für ihn ein. Ich vertraute ihm die Behandlung Dagoberts an, als dieser erkrankte, er benahm fich sehr teilnehmend, war äußerst auf­merksam, und seinen Bemühungen schrieb ich es zu, daß das Kind genas. Dadurch hat er mein volles Vertrauen gewonnen, und dieses Vertrauen hat er schändlich mißbraucht. Er muß fich mit meinem Schwager heimlich in Verbindung gesetzt haben, er hüt fich von ihm erkaufen lassen."

„Und was er damals geschrieben hat, wird er heute noch als seine Ueberzeugung vertreten," unter­brach Hermann fie. „Dagegen läßt sich nicht ankämpfen, Adelgunde. Doktor Graumann steht mit seiner Autorität ebenfalls auf der Seite der Gegner, und alle übrigen Aerzte können nur über Deinen heutigen, nicht aber über Deinen damaligen Geisteszustand ihr Gutachten abgeben. Es wäre fruchtlose Mühe, wollten wir diesen Kampf beginnen, unsere Gegner fino insgefamt hoch- angesehene Leute, deren Aussagen der Richter un­bedingt Glauben schentt."

„Uno ich sage Dir noch einmal, ich verlange meine Rechte!" erwiderte fie in leidenschaftlichem Tone, „ich lasse mich mit einer Jahresrente nicht abfinden, ich verlange Haus Eichenhorstzurück."

„Was getan werden kann, das soll geschehen, ich werde die Aufhebung Deiner Jnterdiktion beantragen. Hier find wir am Ziele."

gewartet werben. Bei der Bier- unb Brannt­weinsteuer bauert bet nicht erhebliche, immer­hin aber mitsprechenbe Rückgang in ben Erträgen an. Er hängt zusammen — wahrscheinlich wenig­stens — mit der wirtschaftlichen Sage unb be­rührt, soweit bie Biersteuer in Betracht kommt, nicht nur bas Gebiet ber Branstetter - Gemein­schaft, sonbern auch ben außerhalb berselben be­findlichen Süben bes Vaterlandes.

* Unsaubere Dinge bei ber Vergebung städtischer Arbeiten find in Potsdam ent­deckt worben. Es handelte sich um Legung einer Rohrleitung in ber Berliner Vorstadt, bie an den Mmbestsorbernden vergeben werben sollte. Unter ben Bewerbern befand sich nun ber In­haber einer Firma, öeffen Vater lange Jahre Stadtverordneter war. Dieser stellte sieben Mit­bewerbern Wechsel über je 500 Mark aus, bie er ihnen zahlen wollte, wenn er die Arbeit be­käme und sie ihm durch Herabdrückung des Preises nicht das Geschäft illusorisch machten. Die städtischen ühbeiten wurden indessen an einen anderen Unternehmer vergeben, ber Stadt- vmwroneter ist, unb bie enttäuschten Wechsel- emßfänger hielten nun nicht mehr reinen Mund, sodaß bte Sache auch ber städtischen Verwaltung bekannt wurde. Drese hat nunmehr ben Beschluß gefaßt, in Zukunft den betreffenden Unternehmer bei ber Vergebung städtischer Arbeiten auszu­schließen.

** Daß ein völlig «»zulänglicher Loh« zur sofortigen Niederlegung der Arbeit berechtige, entschied in seiner jüngsten Sitzung das Gewerbegericht zu Düsseldorf. Der in Ratingen wohnende Dütenfabrikant Peter Heubes hatte gegen zwei Arbeiterinnen Klage auf Zahlung eines Schadenersatzes von je 9,60 Mark wegen Kontraktbruchs angestrengt. Aus ber Verhanb- lung ging hervor, daß die beiden Mädchen in vierzehn Tagen nur 6 Mark, etwa 41/» Pfennig in der Arbeitsstunde, verdient hatten, weshalb sie von der Arbeit weggeblieben waren. Der Gerichtsoorsitzende gab dem Kläger ben guten Rat, bei solchem Lohne, von bent doch niemand leben könne, bie Klage zurückzunehmen. Dessen weigerte fich ber Arbeitgeber, worauf er mit feinen Ansprüchen abgewiesen unb gleichzeitig verurteilt würbe, einer Arbeiterin wegen Vor­enthaltung der Papiere 12 Mark Entschädigung zu zahlen. Bravo!

*' Berlin, 20. Ott. 1903. Der Kaiser unter­nahm gestern nachmittag einen Spaziergang im Park do i Sanssouci. Heute vormittag von 9 Uhr ab hörte der Monarch die Borträge des Chefs des Milttär- kabinets und des Chefs des Admiralstabes und empfing um 12”« Uhr den neu ernannten großherzoglich-badi­schen Gesandten Grafen von Berckheim. — Bei dem Reichskanzler fand heute abend zu Ehren der hier anwesenden bundesstaatlichen Vertreter ein Diner statt. — Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht einen Erlaß des Finanzministeriums betreffend Erleichterung des Zah- l.nngsverkehrs bei den Regrerungshaupt- kassen und deren Spezialkaffen. — Der preußische Minister des Innern bezeichnet in einem soeben er­gangenen Erlaffe die weitverbreitete Auffassung, daß die zum Christentum übertretenden Juden berechtigt seien, fich bei der Taufe einen anderen Familien­namen beizulegen, als irrig. Anträge auf Aenderung des Familiennamens sollen nicht anders wie die Namens­änderungen von Christen behandelt, also nur dann be- rückfichrigt werden, wenn sehr triftige Gründe ob-

Sie standen vor einem kleinen Hause, das einen freunbtidjen Eindruck machte; unten im Erdgeschoß befand fich der Laden eines Friseurs, sie traten durch eine Glastüre hinein.

Ein kleiner, lebhafter Mann mit einem außer­ordentlich neugierigen Gesicht, das ein bereits ergrauen­der, wohl gepflegter Knebelbart zierte, trat durch eine andere Tür ein.

„Habe die Ehre!" schnarrte er. „Was befehlen die Herrschaften?"

„Ich wünsche Frau Gruber zu sprechen," erwiderte die Baronin mit erzwungener Ruhe.

Der Friseur öffnete bie Tür.

„Marie!" rief er, und eine große, sehr beleibte Frau trat in den Laden.

„Gütiger Himmel, unsere gnädige Frau!" sagte fie, und der Ausdruck freudiger Ueberraschung glitt über chr rundes, gutmütiges Gesicht. „Nein, welche Freude, Sie noch einmal wiederzusehen!"

Baronin Adelgunde reitfite ihr mit einem gütigen Lächeln die Hand; fie mußte nun auch ins Wohn­zimmer treten, in dem der Bräutigam sich befand.

„Hier ist meine Tochter Anna", sagte fie, auf ein hübsches, jugendfrisches Mädchen deutend, „und dieser Herr ist ihr Bräutigam, Herr Abraham Ungewitter. Uebermorgen soll die Hochzeit gefeiert werden; die beiden haben einander lieb, fie können's gar nicht er­warten, bis fie Mann und Frau geworden find."

Die Baronin stattete ihre Glückwünsche ab und äußerte den Wunsch, einige Worte mit der alten Dienerin allein zu reben.

Sie mußten fich die Treppe hinaufbemühen, oben lag die Putzstube, deren hübsche Ausstattung von einer gewissen Wohlhabenheit zeugte.

Baronin Adelgunde nahm auf dem Divan Platz, Hermann, dem ein Sessel angeboten wurde, zog es vor, stehen zu btt ben.

„Sie werden sich jener Zeit noch sehr genau erinnern", nahm die Baronin das Wort, als Marie