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Druck und Verlag der zuldaerLetiendruckerei in Zulda (Harmonie) Zernsprecher Rr. 9.

flllM Dienstag, den 20. Oktober 1903.

M 240.

30. Jahrgang.

t vom englischen Imperialismus.

In Deutschland ist man im allgemeinen bei der heutigen Stimmung nicht geneigt, die poli­tischen Bestrebungen Großbritanniens mit über­mäßiger Freundlichkeit zu verfolgen. Das machte es erklärlich, aber nicht entschuldbar, daß fast alle Maßnahmen der jetzigen Regierung sehr häufig eine Hämische, wenig fachliche Kritik er­fahren und doch wäre es klüger, diese Maß­nahmen, denen ein ehrlicher Beobachter die Folgerichtigkeit und Großartigkeit nicht absprechen kann, mit etwas mehr Interesse zu betrachten, als es gemeiniglich der Fall ist.

Die englischen Staatsmänner haben nicht ge­zögert, nachdem sie die südafrikanische Ernte unter Dach gebracht haben, den imperialistischen Gedanken in die Praxis umzusetzen, zwar lang­sam in anbetracht der kolossalen entgegenstehenden Schwierigkeiten, aber mit eiserner Konsequenz. Chamberlains Zollwirtschaft ist in jüngster Zeit hinreichend erörtert worden, dagegen ist der Plan des Kriegsministers Brodrick, in Südafrika ein ständiges Heer von 25 000 Mann zu unterhalten, nicht genügend aus dem Gesichtspunkte seiner Be­deutung für Englands imperialistische Politik be- trachtei»worden.

Brodrick hat seinen Plan nicht etwa bannt begründet, daß es notwendig wäre, die ehe­maligen Burenstaaten durch ein großes Heer im Zaum zu halten, denn England sitzt momentan in Südafrika fest int Sattel. Wohl aber ist das dor­tige Heer dazu bestimmt, Indien für England zu sichern. Der Kriegsminister setzt damit eine Idee in die Praxis um, die gerade von den Gegnern seiner im vorigen Winter mit Mühe und Not unter Dach gebrachten Heeresreform, insbesondere auch in einer längeren Artikelreihe in der ,Times' vom 21. Januar bis zum 24. Februar verfochten worden ist.

Der zugrunde liegende Gedanke ist der, daß der Schlüssel der strategischen Situation für Eng­land nicht das europäische Jnselland ist. Politische Konflikte wegen des Hauptlandes selbst, sind bei seiner isolierten Lage äußerst unwahrscheinlich, außerdem genießt England selbst hinreichende Sicherheit durch die Unterhaltung einer großen Flotte. Auch Kanada betrachten die englischen Staatsmänner wohl etwas sehr optimistisch — durch die politische Freundschaft mit den Ver­einigten Staaten für ausreichend gesichert und erst recht wird ein Angriff auf Australien für äußerst unwahrscheinlich erachtet. Dagegen er­achtet man die afrikanischen und asiatischen Be­sitzungen einerseits für am leichtesten angreifbar und andererseits am ehesten für einen Gegenstand politischer Konflikte.

In diesem Sinne reden die ,Times' - Artikel davon, daß die strategische Front für England durch eine Linie dargestellt werden könne, welche etwa von Kapstadt bis nach der Halbinsel Kamt­schatka reiche. Als Schlüssel der ganzen strate­gischen Situation gilt naturgemäß das reiche In­dien, mit dessen Besitz Englands Größe steht und fällt. Die Aufgabe einer die imperialistischen

Gesichtspunkte hinreichend würdigenden Heeres- verteilung ist aber, tunlichst viele Truppen auf den günstigst gelegenen Punkten dieser strategi­schen Front aufzustellen. Indien selbst kommt haupffächlich aus klimatischen Gründen und wegen der Schwierigkeit eines hinreichenden Rekruten- Ersatzes nach dorthin inzwischen nicht in Betracht. Dort können nur so viele Truppen aufgestellt werden, als für gewöhnliche Verhältnisse absolut notwendig ist. Im Kriegsfälle müffm Verstär­kungen aus gesunderen Teilen des Reiches heran- geichafft werden. Bisher bildeten die britischen Inseln dieses militärische Herz des Reiches; von dort aus wurden im Falle der Not Truppen an die bedrohten Punkte gesandt. Wie unbefriedi­gend dieser Zustand war und ist, hat sich den Engländern mit erschreckender Deutlichkeit wäh­rend des südafrikanischen Krieges gezeigt, wo der Feldzug wegen der Langsamkeit der Nachschübe aus dem Mutterlande bei einer energischen Kriegs­führung der Buren verloren gewesen wäre. Bei einer Bedrohung Indiens wäre eine Unterstützung vom Mutterlande aus noch schwieriger. Selbst wenn der Suezkanal frei fein follte, beträgt der Weg von England nach Bombay 23 Tage, über Kapstadt fogar 33 Tage. Es ergibt sich daraus eine dringende Forderung für England, an einem bester gelegenen Punkte die notwendigen Truppen- Reserven auszustellen. Südafrika ist aber für diese Zwecke hervorragend geeignet. Das Klima ist vortrefflich, die Gelegenheit zur Ausbildung vorzüglich und der Weg nach Bombay beträgt nur 12 Tage. Diese Erwägungen haben zu dem Brodrick'schen Plane geführt. Die Rekrutierungs- Bezrrke fallen naturgemäß im Mutterlande blei­ben, und nur allmählich hofft man auch, aus allen afrikanischen Kolonien einen nennenswerten Ersatz ziehen zu können. Man erhofft gleichzeitig einen indirekten Vorteil dadurch, daß viele eng­lische Ansiedler auf diese Weise nach Südafrika gezogen würden.

Sollte, wie zu erwarten steht, der Brodrick'- sche Plan angenommen werden, so wäre damit für England ein großer Schritt vorwärts in der Richtung einer imperialistischen Heeresversassung getan. Die imperialistische Tendenz der Maß­regel zeigt sich auch darin, daß Indien zu den Kosten der neuen Einrichtung einen beträcht­lichen Teil beitragen soll.

In Zukunft verdienen auch die anscheinend rein organisatorischen Veränderungen im engli­schen Heere für jeden, der sich für die politische Entwickelung des englischen Reichs­gebäudes interessiert, mit Aufmerksamkeit verfolgt zu werden.

*. Das Leben im alten Egypten.

Die Ausgrabungen der letzten Jahre, nament­lich die Forschungen des britischen Egyptologen Flinders Petrie, haben eine Fülle von Material zu Tage gefördert, das auch über das tägliche Leben der alten Egypter neue Auf­schlüsse gibt. Bei den Ausgrabungen ganzer Städte hat sich, wie Professor Flinders Petrie hervorhebt, ein einheitliches System der Haus­architektur gezeigt, das überall vorherrscht. Das Haus hat einen großen, offenen Raum nach Norden zu, um eine verhältnismäßig große Kühle zu erreichen; immer findet man ferner

eine Reihe von Südznnmern, die für Frauen und Bedienung bestimmt sind, und auch eine mittlere Halle ist eine ständige Einrichtung. So sind besonders die Häuser der mittleren Klaffe um das Jahr 2500 v. Ehr. regelmäßig gebaut. Wenn auch diese Anordnung nicht für nördliche Länder geeignet ist, — denn hier ist der Süden die bevorzugte Lage, und wir brauchen keine Kühle durch eine Säulenhalle zu schaffen, um die sich die Zimmer reihen, — so ist diese Anordnung die ideale für Egypten. Die modernen Häuser Egyptens folgen alle dem europäischen Vorbild, meist dem italienischen, und sind daher für Egypten so ungeeignet wie möglich. Unter den Gegenständen des täglichen Gebrauchs, die unter den Funden zahlreich sind, befinden sich Hacken, um den Boden auszu­wühlen, Drehbarer und Drehbogen, um Feuer hervorzubringen, ganz in derselben Art wie sie viele wilde Völker bis zum heutigen Tage zu diesem Zwecke brauchen; bei manchen Exem­plaren war der verkohlte Eindruck in Holz noch sichtbar. Merkwürdig ist ein halbzerfallenes Tongefäß, das ausgehöhlt und mit Oeffnungen versehen ist; es ist vermutlich ein Korb für junge Hühner oder Enten. Auf diese Art wurden die jungen Tiere vor Schakalen und Ratten gesichert. Ferner fand Profeffor Petrie eine große Menge von Kopfstützen für die Schlafenden; wenn die Egypter auf Kiffen geschlafen hätten, wären sie des Morgens stets im Schweiß gebadet und sehr beklommen erwacht; diese Stützen lassen eine freie Zirkulation der Luft um den Kopf zu. Die gesundenen Exemplare stammen aus dem Jahre 3500 v. Ehr., vielleicht auch aus dem Jahre 4000. Interessant sind Rechen und Sichel für den Ackerbau, von denen letztere die primitivase Form zeigte — die Kinnbacken eines Tieres. Wenn die natürlichen Zähne herausfielen, fo wurden sie durch solche aus Feuerstein ersetzt. Selten sind Elfenbeinlöffel aus prähistorischer Zeit; man weiß nicht recht, womit die alten Egypter eigentlich gegessen haben; man kann einen Löffel voll- Suppe ja auch leicht mit einem Brotstück zum Munde führen. Unter den Funden fallen weiter auf eine hölzerne Flasche, die ganz aus einem Stück gemacht ist, das ausgehöhlt worden ist; ein Weberkamm mit Baumwollstr ähnen und Paletten für Farben mit einigen Rohrpinseln. Perlen, Halsbänder, Ohrringe, Fingerringe und anderer persönlicher Schmuck wurden in Menge gefunden; ebenso schöne Exemplare von Spiegeln und glasierter Tonware. Es scheint, daß die Egypter nicht viel gekocht haben, jedenfalls hat man wenig für diesen Zweck brauchbare Utensilien gefunden. Schöne kleine Kästchen mit Malereien darauf zeigten, daß die Egypter nur eine begrenzte Zahl von Farben kannten; sie zogen feine schwarze oder weiße Linien zwischen den Farben, um ein Verwischen zu verhüten. Die Farben wurden nicht viel gemischt. Indessen muß das Braun, das als Fleischfarbe benutzt wurde, eine Mischfarbe ge­wesen sein. Doch kannten sie Vie Valeurs der Farben wohl; zarte graue Hintergründe bezeugen ihren Geschmack. Eins der Kästchen stellte ein Erntefest dar. Auch viele Spielzeuge sind gefunden worden, darunter Kreisel, die den jetzt gebrauchten sehr ähnlich sind. Auch komische kleine Leimfiguren von Tieren und Puppen mit Haaren, die durch kleine Lehmstücke zusammengehalten werden, wie

es noch jetzt bei einigen Eingeborenen Brauch ist, wurden gefunden, ebenso Sarkophage und Mumien im kleinen als Spielzeug. Von einigen Gegen­ständen vermutet man, daß sie Schachfiguren gewesen sein sollten; doch weiß man nicht, welcher Art das Spiel war und wozu sie benutzt wurden. Ein altegyptischer hölzerner Stuhl ist dadurch bemerkenswert, daß er in der Zeichnung ganz modern erscheint.

* Wie böse es in New-Aork und Umgegend in den letzten Tagen ausgesehen hat, geht aus nach­stehender Schilderung hervor: Die ungeheuren Wafler- massen, die sich in der vorigen Woche, besonders in der Nacht zum Freitag, über New-Iork ergoflen, hatten die Stadt in einen Zustand versetzt, der sich kaum beschreiben läßt. Der Broadway, die Fisth Avenue, in der die reichsten Leute der Stadt Gould, Vanderbilt, Rockeseller u. s. w. wohnen, und ander« Hauptverkehrsadern, boten am Freitag Morgen den Anblick großer Ströme. Sie waren mehrere Stunden lang unpassierbar, der Verkehr stockte völlig. Die Wenigen, die sich aus die Straße hinauswagten, mußten es bald wieder ausgeben, gegen die Sturz­bäche anzukämpfen, die ihnen unter gewaltigem Wind­druck ins Gesicht gepeitscht wurden. An ein Auf­spannen des Regenschirmes war nicht zu denken. In mehr als hundert Hotels konnten die Gäste kein Früh­stück und kein warmes Waffer erhalten, auch waren die Fahrstühle nicht zu benutzen, weil die unteren Ge­schosse mit den Kichenräumen und den Kraftstationen unter Wasser standen. Der Washington-Platz, auf dem Markt abgehalten zu werden pflegt, bildete einen Teich, in dem Geflügel, Wild, Fleisch, Gemüse, Früchte u. s. w. herumschwammen. In der Weststraße stand das Wasser drei Fuß hoch. Die Rollwagenkutscher machten sich die Lage zunutze, indem sie ihre Wagen in „Fähren" verwandelten und Passagiere über die Straße beförderten. Stämmige Dockarbeiter trugen, bis zum Gürtel toatenb, zahlreiche L.ute von einem Bürgersteig zum anderen und verdienten sich damit reichliche Trinkgelder. Auf den nach New - Dort führenden Eiisenbahngeleisen stand das Waffer vielfach zwei bis drei Fuß hoch, drang in die Lokomotiven, löschte die Feuer und brachte die Züge zum Sichen; der Bahnverkebr mit den Vorstädten war fast Ypllig lahmgelegt. Die Züge konnte« vielfach nicht bis «r Station vordringen und blieben aus der Strecke lieWN. Die Fahrgäste mußten, während sich eine wahre SiNd- flut über sie ergoß, aussteigen und sehen, wie sie weiterkamen. Ein grausiger Anblick bot sich aus mehreren Friedhöfen, die dem Hochwasser besonders ausgesetzt waren. Die eindringende Flut wühlte die Gräber auf und verwandelte den Friedhof in einen Teich, auf dem die Leichen hin- und hertrieben. In Brooklyn und Jersey-City waren in ganzen Stadt­vierteln die Straßen hoch überflutet. Um den Schul­unterricht nicht auszusetzen, werden die Kinder in den Vorstädten vielfach in Booten zur Schule befördert. Unter dem Druck der Wassermassen brach mit de» Wasserwerken bei Pompton Lake (Neujersey) verbundene große Damm, und ungeheuere Wassermengen ergossen sich durch das Tal, rissen Häuser und Brücken weg und richteten überall Verwüstungen an. Die Ein­wohner der anliegendenLlltschasten wurden rechtzeitig vom Herannahen der Flut'benachrichtigt und konnten sich in Sicherheit bringen, so daß Menschenleben nicht verloren gingen.

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