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30. Jahrgang

fUlda, Montag, den 19. Oktober 1903

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3. HÄ?- wochcnbeiiage: „Illustrierte Sonntagrzeitung

Die Bevorzugung der Uorpsftudenteu.

Als im vorigen Winter im Abgeordneten­hause bei Beratung des Gesetzentwurfs über die Befähigung zum höheren Verwaltungs­dienst darauf hingewiesen wurde, daß ehemalige Korpsstudenten bei der Besetzung der höchsten Verwaltungsstellen ganz verhältnismäßig bevor­zugt würden, hielt Minister Frhr. v. Hammer­stein eine sehr ungeschickte Rede zur Verteidi­gung dieser Bevorzugung. Wenn er auch nicht zugab, daß die Zugehörigkeit zu einem Korps an und für fich schon die Bevorzugung begründe, so sprach er doch unumwunden aus, daß nach seiner Ansicht das Korpsstudententum einen persönlichen Vorzug gewähre wegen der vorzüglichen Er­ziehung, die die Korps den jungen Leuten an­gedeihen ließen und daß er sich besonders freue, wenn ehemalige Korpsstudenten in die Verwal­tung einträten. Alles Verklausulieren und Deu­teln konnte die von den Abgg. v. Tiedemann und Frhr. v. Zedlitz mit mehr Offenheit einge­standene Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die Zugehörigkeit zu einem Korps allein schon einen Vorzug bedeutet, der in der Karriere vor­wärts hilft.

Es wird ja auch keinem Menschen einzureden sein, daß das Häuflein Korpsstudenten die Elite der Studentenschaft an Wissen und Können darstelle. Ist doch das aus­schlaggebende bei der Aufnahme in das Korps absolut nicht das Talent, das Wiffen und der Fleiß des Betreffenden, sondern das Geld und die gesellschaftliche Stellung seines Vaters. Davon gar, daß in den Korps die Wiffenschaft mit besonderem Ernste und Fleiße gepflegt werde, hat noch niemals etwas verlautet, wohl aber ist das Gegenteil bewiesen. Die ehe­maligen Korpsstudenten treten mit nichts weniger als mit Wiffen überladen in die Verwaltungs­karriere ein. Diese Tatsache wird soeben wieder von Profeffor Dr. Otto Fischer in Breslau in der .Deutschen Juristenztg.' betont. Er führt aus, daß die für einen erheblichen Teil der jungen Juristen durchaus ungenügenden Erfolge des Universitätsstudiums ihren Grund haben in den von Herr« von Tiedemann im Abgeorduetenhause für die künftigen „Zierden des preußischen Beamtenstandes" empfohlenen „gründlichen Verbummeln" der ersten Semester. Dieses Verbummeln kann nicht ^roohl in der be- Aagensroerten allgemeinen lGymnasialmüdigkeit, in mangelndem Pflichtbewußtsein und Charakter­schwäche seinen Grund haben. Es trete jedenfalls als ganz entschieden hinzu, daß viele akademische Verbindungen, keineswegs blos die Korps, an ihre juristischen Mitglieder Anforderungen stellen, die diesen jedes Studium unmöglich machen. Prof. Fischer empfiehlt als Gegenmittel gegen das Ver­bummeln die Zwischenprüfung und meint, bei dem Widerstande hiergegen wirke die Furcht manches „alten Herrn" mit, die Existenzbe­dingungen seiner Verbindung zu untergraben.

Was er über das Bummeln in den Ver­bindungen sagt, gilt für die Korps in einem ganz hervorragenden Maße und dennoch kommen

Das Majorat.

Roman von Ewald AugustKönig.

IQ ------- (Nachdruck verboten.)

„Aber wird sie auf die Dauer Befriedigung darin finden?" fragte der Notar zweifelnd. „Wäre es nicht besser für sie, wenn sie die Frau eines tüchtigen Pächters würde? Wer wird nun dieses moderne Dornröschen im Walde suchen und in die Welt hinausführen?"

Der Baron erhob fich und zuckte mit den Achseln.

„Die Schuld liegt an Dem Vater," sagte er, „Martin war immer unzufrieden, mürrisch und ver­bittert, ich würde ihn längst entlüften haben, wenn ich einen ebenso tüchtigen Förster gefunden hätte. Sie bleiben wohl noch ein Stündchen, Herr Notar? Ich muß hinaus, vielleicht bin ich in einer Stunde zurück, wollen Sie aber ftüher heimkehren, so befehlen Sie nur, wann der Wagen fertig stehen soll. Zu besprechen haben wir heute wohl nichts mehr?"

„Nein," erwiderte der alte Herr ruhig, „erinnern Sie sich meines Rates, den ich ihrem Nachdenken rwchrnal« empfehle."

„Ich werde ihn mir überlegen," nickte der Baron, während er mit finsteren Blicken in die Glut seiner Zigarre schaute. „Wann sehe ich Sie hier wieder?"

„Sobald Sie es wünschen!"

„ES wäre mir lieb, wenn Sie öfter herauskärnen, indeffeu kann ich mir denken, daß Ihre Zeit sehr in Anspruch genommen ist. Darf ich Sie morgen oder übermorgen erwarten?"

„Gewiß, ich werde kommen."

„Gut, auf Wiedersehen also!" sagte der Baron, ihm die Hand reichend, dann ging er hinaus, und einige Minuten später hörte man ihn in raschem Trabe von bannen reiten.

Der Notar batte an der Tafel wieder Platz ge- rwmmen, er rückte an seiner Brille und warf einen

ehemalige Korpsstudenten am besten vorwärts. Drei Fünftel der preußischen Re­gierungspräsidenten find, wie das offi­zielle Organ des Korps rühmt, ehemalige Korps- tudenten. Es ergäbe das, wie Prof. Fischer »emerkt, für diese eine mehr als dreißigfache Chance, Regierungspräsident zu werden, als für den sonstigen Studenten, da die Korps nur etwa 5 vom Hundert der in betracht kommenden Studentenschaft ausmachen. Will man uns vor­reden, die Korpsstudenten seien dreißigmal ta­lentvoller und fleißiger, als andere Studenten oder die „Erziehung", die die Korps gewähren, sei dreißigmal mehr geeignet, den Mitgliedern die erforderlichen Eigenschaften für ein Re­gierungspräsidium beizubringen, als jede andere Erziehung? Damit würde man sich zu lächerlich machen.

Der Hauptgrund, warum die Korps- tudenten in der Verwaltung vorwärts kommen, ist, daß schon so viele darin sitzen. Der eine zieht den andern nach und schiebt ihn vor­wärts, nicht, weil er so großartige Fähigkeiten besitzt, sondern lediglich, weil er Korpsbruder ist. Es hat sich da ein Klüngel gebildet, der wo­möglich keinen, der nicht zur Sippe gehört, in )ie Karriere hineinläßt. Für die Draußen­stehenden, denen diese Machenschaften nicht ge­fallen, wird dann verkündet: nur die befähigtesten kommen bei uns an und vorwärts, nur die Befähigung entscheidet. Wenn sie unter sich sind, lachen sie über die Leute, die ihnen so etwas glauben. Wäre es wahr, was sie sagen, wie käme es bann, daß wir schon so manchen unfähigen Regierungspräsidenten, ja Minister erlebt haben?

Aber natürlich wird es so bleiben, wie es war. Minister Freiherr von Hammerstein ist durch den Artikel des Profeffors Fischer gleich nervös geworden. Die ,Äerl. Pol. Nachr.' haben alsbald den Auftrag erhalten, die Bevor­zugung der Korpsstudenten zu verteidigen. Sie tun das mit denselben „Gründen", ja, fast mit denselben Worten, die wir von dem Minister im Abgeordnetenhause gehört haben. Die Tatsache, daß fich so viele ehemalige Korpsstudenten an der Spitze der Regierung befänden, liefere, heißt es da, doch lediglich den Beweis dafür, daß sie die Eigenschaften, die für eine leitende Ver­waltungsstelle notwendig sind, und die sich keineswegs in allen Verwaltungsbeamten oder Juristen fänden, in dem erforderlichen Maße besäßen und daß diese Eigenschaften nicht un­vereinbar seien mit der Angehörigkeit zu einem studentischen Korps. Man könne umgekehrt daraus den Schluß ziehen, daß die Angehörig­keit zu einem solchen studentischen Korps auf die Entwickelung der Eigenschaften, denen ein Re­gierungspräsident oder sonstiger in sehr leitender Regierungsstelle befindlicher Beamter bedarf, günstig einwirke. — Und solche kindische Aus­reden wagt man verständigen Leuten vorzu­tragen mit dem Anspruch, Glauben dafür zu finden!

Deutsches Keich.

Berlin, den 17. Oktober 1903.

* In diesen Tagen finden nach dem ,Berl. Lok.-Anz.' in Berlin unter dem Vorsitze des Reichskanzlers Besprechungen zwischen den Finanzminister« sämtlicher deutscher B u n d e s st a a t e n über die Reichs-Finanzreform, die Gestaltung des Etats, die Beseitigung des Etats - Defizits und über andere Finanzfragen tatt. Ein Teil der auswärtigen Minister ist wreits hier eingetroffen.

% Der Minister des Innern Frhr. von Hamm er stein wird im Laufe dieses Monats eine Jnsormationsreise durch das west­deutsche Jndustriegebiet unternehmen. Auf dieser Reise, die sich über Hannover, West­falen, die Rheinprovinz und einen Teil von Hessen-Nassau erstreckt, wird der Minister von mehreren Räten seines Refforts und voraussicht­lich auch von einigen höheren Beamten des Finanzministeriums begleitet sein. Die Reise bezweckt, Informationen über die wirtschaftliche Lage der betreffenden Gebiete zu fammeln.

* Dr. Hermann Jseke. Zum Nach­folger des bisherigen Generalvikars Volt- mar, der bekanntlich zum katholischen Armeebischof ernannt wurde, ist der Divifionspfarrer D r. Hermann Jseke in Holungen (Eichsfeld) aus­ersehen. Dr. Jseke nahm als katholischer Divisionspfarrer an der China-Expedition teil und ist insbesondere als Dichter weiteren Kreisen bekannt geworden.

** In Berliner kolonialen Kreisen sind, rote die ,Nationalztg.' hört, Vorarbeiten für die Schaffung gemeinnütziger und wohltätiger Ein­richtungen im Gange, die es ermöglichen sollen, den in die Heimat zurückkehrenden Kolonial- veterane«, speziell den verdienten wirtschaftlichen Pionieren, eine gewisse materielle Sicherung zu schaffen.

* Der Vorwärts' hat seine SensationSsucht schwer büßen müssen. Schon die frügere Gerichts­verhandlung ließ keine Zweifel darüber, daß seine „Enthüllungen" über die „Kaiserinsel" jeder tatsäch­lichen Unterlage entbehrten. Die Verhandlung vom Freitag hat das nun bestätigt. Selten ist ein ver­suchter Wahrheitsbeweis so gründlich miß­lungen, tote der des Vorwärts'. Die Verhandlung hat aber auch gezeigt, wie leichtfertig der ,Bor- wärts' Mitteilungen aufgreift und verbreitet, die ihm in den Kram passen. Für seine „Kaiserinsel"-Ge- schichte hatte er weiter gar keinen Beweis als den Briefbogen aus der Kanzlei des kronprinzlichen Hos- marschallamts. Die Randbemerkung des Einsenders auf diesem Briefbogen war ebenso ohne Unterschrift wie die Postkarte, auf die hin der .Vorwärts' dann den Hofmarschall v. Trotha beleidigte. Redakteur NSner verweigerte auf die Frage, ob die Rand­bemerkung und die Karte keine Unterschrift gehabt hätten, die Antwort. DaS heißt, sie hatten keine, denn es ist kein Grund abznsehen, warum die Ant­wort im andern Falle hätte verweigert werden sollen. Also auf anonyme Zusendungen hin veröffentlicht

der Vorwärts' höchst sensattonelle Mittellungen und versteigt er fich zu groben Beleidigungen. So leicht- ertig wird die Redaktion eines „bürgerlichen" Blatte«, >as etwas aus fich hält, niemals handeln. Nie würde ie eS wagen, eine solche von vornherein ganz un­glaubwürdige Geschichte auf Grund einer anonymen Einsendung ihren Lesern aufzutischen. Der Vorwärts' i t durch die Erfolge seiner vielfachen Veröffentlichungen von geheimen Aktenstücken offenbar übermütig ge­worden, sodaß er die einfachste Vorsicht vergißt und dem ersten Besten in die Falle geht, wenn es gut, dem Gegner, insbesondere hochgestellten Personen eins zu versetzen. Der .Vorwärts' versichert seinen „guten Glauben" und redet von der „Authentizität'/ seines Schriftstückes. Er war aber nur leichtgläubig. Er hätte doch mindestens stutzig werden müssen, als alle ! Veit ihn auslachte, auf das Ungereimte seiner „Ent­hüllung" hinwies und ein scharfes offiziöses ©ernenn kam. Aber er ging blindlings weiter in seinem Haß gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. Hätte eS ich nicht um eine „Enthüllung" gehandelt, mit der er den höchsten Kreisen einen Schlag versetzen zu können glaubte, er wäre nicht so kritiklos gewesen. Aber fetn Fanatismus trübte ihm das gesunde Urteti. Der Gerichtshof hat in dem Kaiserinsel - Artikel eine Majestätsbeleidigung gefunden. Fast die gesamte un­abhängige Presse hat von Anfang an erklärt, sie könne eine solche nicht darin finden. Der Wortlaut enthält auch ganz gewiß keine. Es ist darin nur von „Hollreisen" und von Personen „bei Hofe" bte Rede, die solche Pläne ventilierten. Es wurde später sogar ausdrücklich erklärt, ob der Kaiser von dem Plan wisse, sei dem Vorwärts un­bekannt, er habe das jedenfalls in keiner Werse behaupten wollen. Nur indem man die „Tendenz des Vorwärts' zu Hilfe nahm, hat man aus den an sich zweifellos keine Majestätsbeleidigung enthaltenden Worten eine solche herauslesen können. Wir sind auch jetzt noch der Meinung, daß keine solche vorliegt. Ob der Vorwärts' nicht in letzter Linie auf Den Stauer gezielt und beabsichtigt habe, diesem Furcht vor Re­volution unterzu'chieben und mit dem lächerlichen Plan feine Autorität zu untergraben, wie der Gerichtshof annimmt, müssen wir dahin gestellt sein lassen. So etwas ist nicht zu beweisen. Der Wortlaut sagt es jedenfalls nicht, und wenn man ihn so auslegt, kommt man doch zu sehr bedenklichen Konsequenzen. Hoffentlich heilt die empfindliche Lehre Den Vor- wärt-' etwas von seiner Sensationssncht, worin er nachgerade das ärgste Klatschblatt übertraf, und macht ihn vorsichtiger gegenüber anonymen und sonstigen Mitteilungen. .

** Die Gehälter, welche die S o z r a l d e m o- kratie einigen ihrer Redakteure und Partet- beamten zahlt, wecken in den Kreisen der Arbeiter noch immer grollenden Widerspruch. In einer Versammlung der Genossen des sechsten Berliner Wahlkreises brachte der Genosse Halfter eine Resolution ein, die den Revisionismus dadurch bekämpfen will, daß die mehr als 2500 Mark betragenden Gehälter gekürzt werden. Nach dem .Vorwärts' sagte der Antragsteller zur Begründung dieses Antrages: Hohe Gehälter ließen sich vom sozialdemokratischenStandpunkte nicht rechtfertigen. Wer so viel nehme, wie er kriegen könne, der diene nicht dem Ideal, der sei zu vergleichen mit einem Louis (Zuhälter), der auch nur auf seinen Vorteil sehe und kein Ideal kenne. Der Partei hätten die Genoffen umsonst zu bienen. Entschädigt brauche die Parteiarbeit nur so weit zu werden, daß die Genossen, welche diese Arbeit

forfchenden Blick auf Die Baronesse, Die in Sinnen versunken zu sein schien. v,

„Ich bitte um Verzeihung, gnädiges Fraulem, ich vergaß, Ihnen einen Gruß auszurichten," sagte er.

Theodor blickte überrascht auf, ihre durften Augen ruhten voll ruhiger Erwartung auf ihm.

„Einen Gruß? Bon wem?" fragte sie.

„Von meinem Sohne."

(Seinem scharf beobachtenden Blicke entging der Eindruck nicht, den diese Worte auf die Baronesse machten, ihre Wangen färbten fich dunkler, und in den schönen Augen leuchtete eS freudig auf.

„Wird der Herr Hauptmann nicht auch einmal uns beehren?" fragte sie.

„Er wartet nur auf eine freundliche Einladung, gnädiges Fräulein, und ich darf ihnen wohl verraten, daß er schon lange nach dieser Ehre fich sehnte."

„Er würde auch ungeladen uns willkommen sein," sagte fie mit einem bittenden Blick, „wir geben selten ein Fest, Papa will damit noch ein ober zwei Jahre warten."

„Wenn ich wüßte, daß der Herr Baron ihn als Gast gerne empfangen Wird, so würde ich Georg be­wegen mich zu begleiten," erwiderte der alte Herr. „Sie wiederzusehen, ist sein höchster Wunsch, er be­neidete mich heut Mittag, als ich ihm sagte, daß ich hierher fahre.

Theodore hatte die Wimpern gesenkt, ihre feinen Hände spielten mit den Mandelschalen, Die vor ihr auf Dem Teller lagen.

„Papa wird ihn gew ß freundlich empfangen," faate fie leise, „es befremdet mich, daß Sie daran zweifeln. Papa ist ja auch Offizier gewesen, er spricht noch gerne von jener Zeit.'

„Wenn Sie die Verantwortung übernehmen wollen, gnädiges Fräulein —"

„Sehr gerne, sagen Sie nur dem Herrn Haupt­mann, er möge nicht auf eine formelle Einladung warten. Sie haben ihn ja hier eingeführt, also ist er uns kein unbekannter Gast."

Der Notar hatte seinen Zw-ck erreicht; er zog feine Uhr zu Rate, und da in diesem Augenblick Der Kammerdiener eintrat, so ersuchte er ihn, Den Wagen anschirren zu lassen.

Jakob zog fich mit etner Verneigung zurück, draußen fuhr er mit Der Hand langsam über fein glatte« Gesicht, dessen Züge plötzlich den Ausdruck des Unmuts annahmen.

Er ging in die Gesindestube hinunter und fand biet Joseph und die Kammerzofe in vertraulicher Unterhaltung.

„Hat's so große Eile?" spottete der Kutscher. „Wenn der alte FuchS hier ist, kommandiert er das ganze Haus."

„Nur mich nicht", sagte die Zofe schnippisch, während sie die rotblonden Löckchen auS der Stirn strich. „Mir hat der Herr, gottlob, nichts zu be­fehlen."

„Auch dann nicht, Wenn Sie ihn in seinem Hause besuchen, Nanni?" fragte der Kammerdiener ironisch.

Das Mädchen warf den Kopf zurück, au« den graublauen Augen traf ein tückischer Blick den alten Mann, der mit verschränkten Armen am Fenster stand.

„Wenn ich zu ihm hingeschickt werde, so muß ich wodl in fein Haus gehen", sagte sie, „ich wüßte nicht, was er mir dabei zu befehlen hätte. Wie mir scheint, wird mein Tun und Lassen -ehr scharf beobachtet, ich muß mir das verbitten "

„Wollen Sie nicht beim gnädigen Herrn fich be­schweren?" spottete Jakob, Der mit Dem Kuifcher einen raschen, verständnisvollen Blick wechselte. „Ich beobachte Sie garnich', Nanni, mir ist es gleidjgilttg, was Sie tun und lassen, aber Wenn Sie einen guten Rat annehmen wollen, Dann hören Sie auf die Warnung eine« alten, erfahrenen Mannes. Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen, wenn man ni *>t einen von ihnen verraten Will; da« lassen Sie fich gesagt fein. Und allzu große Diensteisrigkett ff:

auch vom Uebel, man hat Den Tritt fort, ehe man fich'« versieht."

„Was Sie Damit sagen wollen, verstehe ich nicht, ertoiberte Nanni achselzuckend, „ich habe keinen Rat nötig." . , , _.

„Ich Dränge ihn Ihnen auch nicht auf, aber Sie werden sich seiner noch einmal erinnern, wenn es zu spät ist. Der Herr Notar ist so glatt wie ein Aal, er weiß Die Menschen zu benutzen, ich aber möchte nicht fein gehorsamer Diener fein, bei Gott nicht.''

„Unb ich bin seine Dienerin nicht!" fuhr Die Zofe auf. „Lassen Sie mich mit ihrer Weisheit in Ruhe, ich gebe keinen Pfifferling Dafür!"

„Sie WanDte den Beiden den Rücken und etfte hinaus, dröhnend fiel hinter ihr die Türe in« Schloß.

Sie hätten ihr'das nicht sagen sollen," versetzte Joseph kopsichüttelnd, „eS war unklug, fie wird das alles dem Notar hinterbringen."

„Mag fie es tun." unterbrach der Kammerdiener ihn, „ick bin gewiß ein ruhiger Mann, aber mir läuft auch einmal Die Galle über, wenn ich Das Treiben hier im Kaufe sehe. Dieses Mädchen ist eine Spionin, der Notar bezahlt fie dafür, sie muß ihm alles hinter- brinpen, was hier getan unb gesprochen wirb."

„Im Grunde genommen, Was kümmert es uns?

„Nichts, aber man ärgert sich dennoch Darüber."

„Sie wird nun auch Ihre Worte Dem Notar binterbringen, und der alte Fachs führt hier Da« Szepter, was er will, muß geschehen."

„Meineiwegen!" sagte Jakob, Der seine Ruhe wieder- gefunben halte; „wenn Der Baron mich zur Rede stellt, werbe ich ihm schon antworten, es kommt früher oder später sicher einmal eine Stunde, in der ich kern Blatt mehr vor den Mund nehme."

„Und was bessern Sie dadurch? Nicht«!"

„Mag sein, aber ich Darf mir dann wenigster» sagen, daß ich al« ehrlicher Mann gehandelt habe.

(Fortsetzung folgt.)