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Monatrdeilage: „Zuldaer Geschichtsblätter".

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Druck und Verlag der Zuldaer Aktiendruckerei in Fulda (Harmonie) Fernsprecher Nr. 9.

vW 238.

WM Samstag, Den 17. Oktober 1903.

30. Jahrgang.

:: Vie verstcherung von Reich; wegen ift den Manchesterleuren ein Dorn im Auge. Neuerdings ist von verschiedenen Seiten eine obligatorische Alters- und JnvalidttaiL -Ver- ncherung für die selbständigen Hand­werker angeregt worden. Das gibt der .Freis.

./T C*L' wieder einmal gegen das ganze offen-lich-recht!?che Versicherungswesen anzurennen und dagegen die Erfolge der Selbsthilfe auf dem (sebiete des privaten Versicherungswesens derauszustreichen.

ES wird da ein falscher Gegensatz an die Wand gemalt. Die sozialpolitischen Bestrebungen, welche die Reichs Versickerung geschaffen haben und zu erweitern bestrebt sind, haben durchaus nicht eine Geringschätzung oder gar Verfolgung des privaten Versicherungswesens zur Grund­lage. Mas die freiwillige Tätigkeit und Selbst- hrffe auf diesem Gebiete leisten/soll nicht beein­trächtigt, sondern vielmehr ergänzt werben.

Vor allem ist es ungerecht, wenn die frei» grmige Presse be: dieser Gelegenheit sogar die durch das Zentrum eingeleitete Wi ttw en - und Waisenversicherung bekämpft. Wir haben nun doch einmal die obligatorische Alters- und InvalidttätstVersicherung für die Arbeiter; auch derjenige, der mir dieser Art der Versorgung von Rerchs wegen nicht einverstanden war oder ist, kann doch nicht ernstlich an die Zertrümmerunc dieses Werkes denken. Nun ist es aber klar, daß die Abwehr unverschuldeter Not bei den arbeitende« Klassen nur halb besorgt ist, wenn man zwar dem siech oder altersschwach gewordenen Arbeiter einen Notgroschen gewährt, aber im Falle des Todes des Ernährers die Wittwe und die Kinder hilstos sitzen läßt. Die Hilfe für die Arbeiter-Wittwen und -Waisen bildet einen wes entlieh en Teil des Versorgungsgedankens, der unserer Verficherungsgesetzgebung zu gründe

Wenn man das begonnene Werk nicht wieder zerstören will, so muß man es ausbauen. Über die zweckmäßigste Art und Weise mag man ja streiten. „Grundsätzlich" läßt sich ja auch manches gegen den Zuschuß aus Reichsmitteln anführen, aber wir haben nun einmal den Zuschuß für die Arbeiter selbst; warum soll man die armen Wittwen und Waisen aus Prinzipienreiterei schlechter behandeln? Und wenn man auf die private Versicherung verweist, so ist doch zu be­achten, daß gerade die Arbeiter, die der Reichs- versicherung unterliegen, in ihrer großen Masse nicht in der Lage sind, neben den Beiträgen für ihre eigene Versicherung auch noch die Prämien für eine erhebliche Versicherung auf den Todesfall an eine private Gesellschaft zu zahlen.

Ob nun bei der künftigen Witwen- und Waisen-Verficherung noch besondere Beiträge

von den verheirateten Arbeuerr- erhoben werben sollen, ist eine Frage der sozialpolitischen Zweck­mäßigkeit. Falsch ist es, den etwaigen Verzicht auf solche Beiträge so auszulegen, als ob den betreffenden Witwen und Waisen ein ganz uv- verdienles Geschenk in den Schoß geworfen würde. Dre Beiträge des Arbeiters werden gezahlt, und er wird es nicht als reines Almosen betrachten, wenn man auf gründ dieser Beiträge auch seinen Hinterbliebenen eine kleine Rente gibt.

Die private Versicherung, namentlich die Lebensversicherung, soll in allen Ehren bleiben und möglichst gefördert werden. Aber zu dem Zweck braucht man nicht so gewagte Behauptungen aufzustellen, wie eS die ,Freis. Ztgtt tut, indem sie das im Todesfall fällige Kapital als vorteilhafter bezeichnet, als die Rente. Für Leute mit geringer Geschäfts- kenntnis ist dre mit einem Male ihnen zufallende Geldsumme oft ein Danaergeschenk. Ehe sie sich versehen, ist die Summe, die zur Versorgung für die ganze Zukunft dienen soll, verpulvert. Es finden sich ja bei kleinen Leuten, die einen Posten Geld in die Finger bekommen, nur zu schnell „gute Freunde" ein, die mir leichtsinnigen oder hinterlistigen Ratschlägen die Unkenntnis ausbeuten. Die dauernde Rente dagegen sichert der verwaisten Familie ein Existenzmini­mum, das bis zum Tode der Mutter und bis zur Erwerbsfähigkeit der Kinder die wirkliche Not fern halten kann.

Wenn nun das öffentlich-rechtliche Versiche­rungswesen auf selbständige Handwerker oder auf Privatbeamre ausgedehnt werden soll, so bedeuten solche Pläne durchaus nicht den Ruin der privaten Versicherungsunternehmurigen. Beide Einrichtungen haben Platz genug neben­einander. Es ist ja auch keineswegs schon ab­gemacht, daß für die betreffenden Klaffen eine Zwangsversicherung nach dem Muster oder im Anschluß an die Jnvaliditätsversichernng ge­schaffen werden soll. Die Frage steht vielmehr so, ob nicht reichsgesetzlich eines berufs­ständischen Versicherung die Wege gebahnt werden könne und solle. Die Ausdehnung des unmittelbaren oder mittelbaren Versicherungs- zwanges behindert offenbar im Volke die Er­kenntnis von der Notwendigkeit, sich gegen die Schicksalsschläge durch Versicherung zu decken. Und diese Ausbildung des Versicherungstriebes wird den privaten Unternehmungen, die sich den Zeitverhältniffen anzupasfen wissen, wieder zu gute kommen. Also sollte man allerseits diese Dinge ohne Einseitigkeit und Vorurteil, nur vom Gesichtspunkte der praktischen Wohlfahrts­pflege betrachten.

Deutscher Reich.

Berlin, den 16. Oktober 1903.

% Prälat Dr. Wilpert als Abgesandter des Papstes wurde heute mittag 12 Uhr vom Kaiser in Audienz empfangen. Er haste sich mit dem Vorortzuge um 11 Uhr nach Station

Wildpark begeben und wurde von dort um Uhr mittelst Hofwagens abgeholt. Er über­reichte, wie die ,Germania" berichtet, mit einer kurzen Ansprache das Handschreiben Sr. Heilig­keit, sowie b'e beiden Ausgaben seines Pracht­werkes über die Katakombenbilder, welche der Kaiser huldvollst enit egennabm. Der Monarch e- klärte, das Handschreiben des Papstes beant­worten zu »ollen, und zeigte sich über das Er­scheinen des Werkes, worüber bereits sehr an­erkennende Urteile vorlägen, gut unterrichtet. Mit sichtlichem Interesse ließ er sich ^verschiedene Bildertafeln vorlegen und kurz erläutern. Nach 15 Minute» hatte die Audienz ihr Ende erreicht. — lieber das Werk wird uns von fachkundiger Seite geschrieben: Fünfzehn Jahre hat Dr. Joseph Wilpert, ein Schüler de Rossis, des Neubegrün­ders der christlichen Archäologie, an diesem Werk gearbeitet, das in zwei mächtigen Folianten den gesamten Bilderschatz, den die Urkirche in den unterirdischen Nekropolen der ewigen Stadt hinterlegt hat, umfaßt. Der Verfasser hat die Herstellung der 267 Tafeln persönlich geleitet und überwacht: von der phot. graphischen Auf­nahme der Fresken und der Aquarellierung der Photographien an Ort und Stelle in den Kata­komben bis zur enbgiltigen Herstellung der Platten und Tafeln, die — 134 Autotypien und 133 in Farbendruck — die ältesten Monumente christ­licher Kunst- und Glaubensgefchichte zum ersten­mal mit peinlichster Gewissenhaftigkeit und Sorg­falt wiedergeben. Ein Band Text faßt alles zusammen, was bisher über die Katakomben ge­schrieben worden ist. Die Technik der Kata­kombenfresken, ihre Beziehungen zur heidnischen Malerei, der .Inhalt und selbst die Chronologie d r einzelnen Bilder werden hier ausgiebig er­örtert, und ein trefflicher Index erleichtert die Orientierung. Selbstverständlich beruht der Wert des Wilpertsche» Werkes, deffen deutsche Original­ausgabe auch gleichzeitig in italienischer lieber» setzung als IV. Band der Roma sotterranea von de Rossi erschienen ist, an erster Stelle auf dem großartigen Tafelwerk, das allein für sich einen ungeahnten Fortschritt gegen all- bisherigen Publikationen darstellt. Daß es deutschem Fleiß und deutscher Gründlichkeit gelungen ist, die mannigfachen Hinderniffe zu überwinden, welche das Studium der immer mehr verblüffenden Malereien in dem Labyrinth der Katakomben er­schweren, darf uns mit berechtigtem Stolz er­füllen. Die Sr. Majestät überreichten Bände der deutschen Originalausgabe sind von der Herder- scheu Verlagshandlung zu Freiburg im Breisgau in einer M hohen Auftraggebers und Empfängers würdigen Weise ausgestattet worden. Unter Leitung der bekannten Autorität auf diesem Gebiete, des Prälaten Friedrich Schneider in Mainz, wurden in der Kunst- werkstätte von Georg Halbe in Hornburg die Einbände in Naturleder hergestellt, die auf der Deckelseite die Wappen des Papstes und des Kaisers aufweisen und in vornehmster Ausstattung, ebenso wie die von Künstlerhand gemalten Vor­satzblätter, in ihren Motiven an die ornamentalen

Dekorationen der Katakomben sich anlehnen. — So stellt die erste Gabe des neuen Papstes an den deutschen Kaffer eine Glanzleistung dar, die deutscher Wiffenschaft und deutschem Gewerbe­fleiß zu hoher Ehre gereicht.

** Der bayerische Finanzminister v. Riedel begibt sich, wie das ,Berl. Tagebl/ sich aus München meldk» läßt, morgen in Be­gleitung des Reichs-Referenten, Ministerialrates v. Pfaff, nach Berlin. Als Gegenstand der Besprechung werden die Handelsverträge bezeich­net; doch soll in erster Linie die Reichs-Finanz­reform zur Erörterung stehen.

* lieber Professor Dr. Ladenburg schreibt die,Leipziger Evangelisch-lutherische Kirchen^eitung': „Bekanntlich ist er ein ge­borener Jude und ließ sich erst vor etlichen Jahren gelegentlich einer Durchreise in Leipzig in der reformierten Kirche taufen. Warum er nicht in Kiel, wo er bis dahin als Profeffor lebte, ober in Breslau, wohin er damals über­siedelte, den Uebertritt vollzog, haben wir nicht erfahren. Jedenfalls suchte er die christliche Religion auf; und doch beklagt er sich in feinem Vortrag, daß schon die Jugend, d. h. die christ­liche, gezwungen werde, sich „nach dem Schema" der christlichen Weltanschauung zu bilden, und er hat bittere Worte gegen den „bornierten Dog­matismus" in der protestantischen Kirche. Warum ist er nicht Jude geblieben? Aus welchen Be­weggründen stieg er in Leipzig ab ?"

* Von einer Wiederaufstellung Göhres im Reichstagswahlkreise Mittweida ist nach der Chemnitzer,Volksstimme' keine Rede. Eine am 10. Oktober abgehaltene Mitgliederversamm­lung des Sozialdemokratischen Vereins zu Mitt­weida verurteilte dieMandatsniederlegungGöhres, da Göhre trotz der jüngsten Vorkommniffe in der Partei inmer noch das vollste Zutrauen der Genoffen habe. Die Versammlung sprach ihr lebhaftes Bedauern über das Verhalten einer großen Anzahl Genossen in den Ende September in Berlin abgehaltenen Parteiversammlungen und erwartet vom Parteivorstand, daß er nach Möglichkeit dazu beitrage, daß die gegenwärtigen Debatten, die das Parteileben vergifteten, in sachliche Bahnen zurückgeleitet werden. Wäre die Wiederaufstellung Göhr s beabsichtigt, so hätte natürlich die Versammlung darüber etwas gesagt. Tatsächlich ist die Kandidatenfrage zur Zeit noch ganz offen.

* Heute sand vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Berlin I die neue Verhandlung in der Kaiserinsel > Angelegenheit des .Vorwärts' statt. Redakteur Leid ist bekanntlich wegen Maftstäts- beteidigunq und groben Unfugs, Redakteur Kalisti wegen Beleidigung des Hvsmarschalls v. Trotha unter Anklage gestellt. Die aus Hoskreffen vernommene« Zeugen wußten sämtlich nichts über das Kaiserinsel» Projekt zu sagen. Der Plan war ihnen vollständig unbekannt. Der Chef des Militärkabinetts Graf v Hülsen-Häffler verweigerte auf die Frag- des Ver­teidigers Rechtsanwalt Liebknecht, ob ihm bekannt war, daß geplant war, die Aushebungsart inbezug auf die Gardetruppen zu ändern, die Aussage. Die Frage des Präfidenten, ob ihm etwa« davon bekannt

5>cts» Wcrjovcrt.

. Roman von Ewald August König.

9 ------ (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Wenn Sie meinem Rate folgen, nein! Schreiben Sie ihr oder macken Sie ihr persönlich einen Besuch, zeigen Sie sich veriöhnlich, in den Augen der öffent­lichen Meinung wird Ihnen bce von großem Vorteil fein. Sollte die Baronin wirklich ihre Wohnung hier nehmen, was ich nicht glaube, so werden sich wohl Mittel finden laffen, sie aus diesem Hause wieder zu verdrängen. Die Annahme Ihres Vorschlages würde überdies den Prozeß unmöglich machen; ich verhehle Ihnen nicht, daß Ihnen dadurch viel Aerger und Auf­regung erspart blieoe."

Der Baron hatte vor seinem Schreibtisch Platz genommen, er stützte das Haupt aus den Arm und blätterte eine Welle in den Akten, die er endlich un­willig bei Seite schob.

„Dieses Majorat mit all seinen Familiengesetzen und verbrieften Rechten ist eine Ungerecktigkeit, die ichon von Generation au Generation sorterbt", sagt- tr. „Dem Staate zum Segen, den einzelnen Famlllen aber zum Unheil! Was kann ich daiür, daß ich der zweitgeborene Sohn bin? • Der Erstgeborene wurde durch die Familieng'setze ein reicher Mann, ich hatte nichts, außer einer kleinen Rente, die mir kaum er­laubte, standesgemäß zu kxlstrcren. Immer war es nur ein Darbvren, der fick mit Glucksgütern über« ichüttet sah, während alle übrigen Mitglieder der Fa­milie den Bettelstab in oer Hand holt-n. Nach dem Tode meines Bruders wurde ich hier Vormund und Verwalter, »er kann es mir auch verargen, wenn dieser plötzliche Glücksw.chsel mich blendete? Wer findet etwas Befremdendes darin, daß ich dieses Glück fttr immer sestzuhalten wünschte? Ich wählte den einfachsten Weg, ich warb um die Hand meiner

Schwägerin, ich wäre chr em aufweiffamer Gatte, ihrem Sohne ein gut r Vater geworden. Sie lehnte meinen Antrag ab, es geschah in einer Weise, die mich tief verletzen und beleidigen mußte. Nun Hube ich selbst ein Kind, an dem ich mit inniger Sieb' hange, und diese Liebe zwingt mich, sestzuhalten, was ich besitze, damit der Reichtum, in dem mein Kind ausgewachsen ist, ihm gesichert bleibt. Was bliebe mir uns meiner Tochter, wenn ich das Feld räumen müßte? Wir wären beide abhängig von der Gnade eines Mannes, den ich hasse, wir müßten von Almosen leben, solchem Leben zöge ich den Tod vor, der Ge­danke an die trostlose Zukunst 'meines Kindes würde mir Folterqualen bereiten. Nein, Herr Notar, alles andere, nur das nicht! Wir müffen mit allen Mitteln den Kampf durchkämpsen, sollten wir dabei auch hart an der Grenze des Verbrechens vorbeistreifen! Ich kann nicht anders, ich will mein Kind glücklich wissen, müßte ich auch mein Leben für die Erfüllung dieses Wunsches hergeben!"

Er hatte die letzten Sätze mit gedämpfter Stimme gesprochen, sie klang auch nur heiser, jetzt sprang er von seinem Sitz empor, um abermats mit großen Schritten das Zimmer zu durchmessen.

Ein triumphierender Zug umzuckte die Lippen des Notars, diese Erklärung kettete den Baron nur noch ester an ihn.

„So lange der Erbe nicht zurückgekehrt, haben wir nichts zu befürchten", erwiderte er beruhigend. — „Ist der gesetzliche Termin verstrichen, so bean­tragen wir die Todeserklärung, so find und bleiben Sie der rechtmäßige Majoratsherr."

„Unb wann kann diese Todeserklärung ausgesprochen werden?"

„Wir müssen dornst noch drei Jahre warten. TaS Gesetz bedingt zehnjährige Abwesenheit nach erfolgter Großjährigkeit."

„Drei Jahre!" sagte der Baron tief aufatmend. „Eine lange, lange Zeit!"

„Die auch verstreichen wird, Herr Baren, Sie müssen Geduld hate-."

Der Kamwerdiener trat in diesem Augenblick ein, er meldete, daß die Suppe eingetragen sei.

„Es ist gut, wir werden sogleich kommen," nickte der Baron, dann wandte er sich wieder zu-dem Notar, der vor den Spiegel zetteten war, um.die rebellische Halsbinde zurechtzurücken.

„In Gegenwart meiner Tochter darf diese An­gelegenheit nicht geäußert werden," sagte er, einen befehlenden Ton anschlagend, „meinem Kinde soll alles fern gehalten werden, was den Sonnenschein seines Ledensftühlings trüben könnte."

„Wie Sie befehlen!" nickte der Notar. „Fürchten Sie aber nicht, daß die Dienerschaft —"

„Webe dem, der mtt nichtsnutzigem Geklatsch chr nahen wollte!" brauste der Baron auf, und der Zornesblitz, der dabei ans seinen Augen zuckte, be­kundete fein leidenschaftliches, jähzorniges Temperament. „Ich würde ihn augenblickiich vor 5te Tür werfen. Ich frage Sie noch einmal, darf ich ganz ruhig fein?"

„Sie dürfen es."

„Und Sie dringen darauf, daß ich Ihren Rat befolge <>"

„Ich glaube Ihnen damit den besten Rat gegeben zu haben."

„Mir will das noch immer nicht einleuchten, aber ich werde ti mir überlegen. Und nun kommen Sie, wir dürfen meine Tochter nicht länger warten lassen."

Der Notar folgte ihm, sie fchrttten durch den Flur in den Speisesaal, der an der Gartenfeste lag.

Es war ein hoher, Heller Raum mit prächtigen Wandgemälden und altertümlichem, kunstreich ge­schnitztem Mobiliar, und inmitten dieses Raumes stand Baronesse Theodore, die den hohen, imponierenden Wuchs ihres Vaters besaß: eine Salonschönheit in des Wortes vollster Bedeutung.

Lichtblondes Haar umrahmte in üppiger Fülle die hohe Stirne, aus den schelmisch blickenden ^ugen sprach Jugendlust und ein kindliches Gemüt.

Mit fieuoigem Gruß bot sie dem Notar die Hand, dann küßte der Baron sie ans die Stttne, und nach- oem sie an der reichgedeckten Tafel Platz genommen hatten, serviette der alte Jakob geräuschlos die Snvve.

Der No'ar war nicht nur ein Gourmand, sondern auch ein feingebildeter Weltmann, der viel gehört und gesehen hatte und über tiunft, ßitterotur, Theater und Konzerte geistreich zu urt ilen verstand.

Sein Witz war kaustisch, seine Urteile trafen fast stets den Nagel auf den Kopf, man sah ihn in jeder Gesellschaft gern, denn niemand verstand es besser wie er, die Unterhaltung in Fluß zu halten, die Herren zu erheitern, den Damen die liebet! swürdigsten Schmeicheleien zu sagen und dazwischen ein kurzes, geistreiches Gespräch zu führen.

Diese liebenswürdigen Talente entfaltete er auch heute, von der Stirne des Barons schwanden allmäh­lich die dunklen Schatten, und Theodore ging mit großer Freude auf die kleine Kontroverse ein, die der alte Herr ihr anbot.

Die Speisen waren vorzüglich, die Weine feurig, der Notar fand heute auch an den Saucen nichts zu tadeln, er mußte der Köchin bedingungsloses Lob spenden.

Die Fawiiienangllegenheiten wurden in keiner Weise berührt, dagegen brachte der Notar int Laufe der Unterhaltung b-e Rede auf die Tochter des Försters, indem er den Wunsch, sie zu sehen, aussprach.

„Ich habe sie als Kind gekannt," sagte der Notar, während er mit großer Geschicklichkeit eine Birne schälte, „sie kam später in die Stadt, ich glaube zu einer Schwester des Försters, dort ist sie mir nur einmal flüchtig begegnet, nun soll sie als fein- Dame in den Wald zmückgekehrt fern."

„Man wacht eS auch schlimmer, als es ist'" er­widerte der Baron, der eine Zigarre angezündet hatte, die er dem Dessert vorzog, „eine feine Dame ist Röschen Großberg nicht, aus einer Krähe läßt sich eben kein Adler drechseln. Aber über ihren Stand hinaus ist sie dennoch erzogen, und das hätte ihr sonst so verständiger Vater nicht zugeben sollen."

„Ihr schlichtes Gemüt und ihr gutes Herz bat sie sich bewahrt," toarf Theodore ein, „sie ist einfach und anspruchslos geblieben, so moc man ihr getrost die Freude rönnen, daß sie in Musik und Literatur Er- dolung sucht." (Fortsetzung folgt)