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Wachen-Rundschau.

□ Fulda, 17. Okt. 1903.

(Nachdruck verboten.)

Rur noch wenige Wochen trennen uns von den preußischen Landtagswahlen, und doch ist die Wahlbewegung im allgemeinen noch sehr gering. Die größte Aufmerksamkeit erregen augenblicklich die Vorgänge in Oberschlefien. Tie „Katholik Partei des Herrn Napieralski", die eben noch den Radikalpolen, der Korfanty-Partei, feindlich gegenüberstand, hat un­erwartet rasch nach der Trennung von der ZentrumS- partei stch mit der radikalpolnischen Partei verbrüdert und bnde haben bereits ein gemeinsames Wahlkomitee für Schlesien gebildet, das nur noch polnische Abge­ordnete in Oberschlefien haben will. Die „gemäßigten" Polen werden nach der ganzen Entwickelung, die du polnische Bewegung bisher genommen hat, gar bald rm Fahrwasser der „Radikalen", die von Natur aus deutschfeindlich find und zwischen deutschen Katholiken und Protestanten keinen Unterschied machen, schwimmen. Ws jetzt hat das neue „Wahlkomitu für Schlesien" nur für den Wahlkreis Pleß Rybick einen Polenkan­didaten auszustellen gewagt, bei den nächsten Wahlen hofft man dem Zentrum überall den Stuhl vor die Türe setzen zu können. Ob das gelingt, muß die Zukunst lehren. Jedenfalls gibt die Zentrumspartei ihre Stellung nicht ohne energische Gegenwehr auf, und es muß besonders hervorgehoben werden, daß die gänzlich verfehlte Polenpolitik der Regierung wesent­lich zu dem Anwachsen der polnischen Bewegung in Oberschlefien beigetragen bat.

Die freisinnige Bereinigung hat einen Parteitag b> Berlin abgehalte«, auf dem mit großer Mehrheit eine Resolution angenommen wurde, in wel- cher ein Zusammenschluß aller Liberalen gegen die „konservativ-klerikale Reaktion", und dort, wo der Wahlsieg aus eigener Kraft von ihnen nicht zu er­reichen sei, ein Zusammengehen mit den Sozialdemo­kraten empfohlen wurde.

In der Sozialdemokratie geht der Zankun­unterbrochen weiter. Da ven besonneren Elementen das aber zuviel wird, hat Genosse Auw vorgeschlagen, die Radikalen möchten doch Anträge vorbereiten und im Aktionsprogramm aufstellen, worin die bisherige revolutionäre Taktik und die Grnndlagen der Partei­prinzipien rückhaltlos zum Ausdruck kämen. Dann werde sich im Handumdrehen zeigen, ob das Gerede vorn Revisionismus mehr sei als das Ergebnis ver- bohrtester Ketzerriecherei und der elendeste Klatsch. Bebel und Genossen werden sich wohl hüten; sie halten lieber lange Schimpfreden, die für die „Massen" be­rechnet sind, als sich ernster Arbeit yinzugeben. Ge­nosse Bebel revidiert auch jeden Augenblick seine An- fichten, wie es ihm in den Kram paßt. Eben hat er in Dresden Harden als ehrlosen Lump beschimpft, jetzt ist er ihm als Bunoesgmosse willkommen, weil er gegen die Revisionisten geht. Den Genossen Hein­rich Braun hat er glücklich so weit, daß dieser das Erscheinen seiner neuen Wochenschrift eingestellt hat. Trotzdem wird es ihm nicht gelingen, den Revisionis­mus mit Stumpf und Stiel auszurotten; da haben Wollmar, Bernstein usw. auch noch ein Wort mitzu­reden.

Gegen btt Scharfmacher, die fortwährend nach neuen Gewaltmaßregeln gegen die Sozialdemokratie rufen, wandte sich der Minister des Innern, Frbr. v. Hammerstein, bei einem Besuche in Erfurt, indem er fich äußerte, er hoffe bestimmt, daß es dem deutschen Bürgertum gelingen werde, aus eigener Kraft die Um- stmzgesellschaft von fich abzuschütteln. Sollten wirk­lich revolutionäre Bestrebungen zum Ausbruch kommen, so habe die Regierung Machtmittel genug in Händen, um solche sofort zu unterdrücken. Andererseits werden sie sich durch solche Bestrebungen in der Fortsetzung der sozialpolitischen Gesetzgebung nicht irre machen lassen. Man wird somit nicht fehl gehen in der An­nahme, daß da« ganze Miaisterium in der Abweisung der Scharfmacherpolitik einig ist. Nichts könnte ja auch der Sozialdemokratie im gegenwärtigen Augen­blicke willkommener sein als etwas Scharfmacherei.

In Sachten haben die Landtagswahlen statt- gefunoen, die keine große Veränderungen ht den Par- 1 »Verhältnissen gebracht haben. Die Konservativen bleiben wie .bisher weitaus die stärkste Partei. Die Soziald mokraten haben einen Sitz errungen, aberden Erfolgen bei den Reichstagswahlen entspricht das Er­gebnis nicht entfernt, auch nicht der 'Zuwachs an Stimmen. In Preußen liegen die Verhältnisse für die Sozialdemokratie bei dem Dreiklaffenwahlsystem noch ungünstiger. Sie werden darum hier keine großen Triumphe feiern können.

In Baden hat die Zentrumspartei ihren Wahl­aufruf zu den Landtagrwahlen veröffentlicht. Sie verlangt darin u. a. Zulassung von Männerorden, Reform des Wahlrechts und Neueinteilung der Wahl­kreise, und bezeichnet als den Hauptgegner, der zurück- gedrängt werden muß, den kulturkärnfferischen National- liberalismus.

In Oesterreich-Ungarn ist die Krisis immer «och nicht gelöst. Herr v. Szell lehnte die Neubll- düng des Ministeriums ab, desgleichen Graf Tisza. Der Kaiser verbandelte mit einer ganzen Reihe ungarischer Politiker über die Lage.

In Frankreich herrscht wieder großer Jubel. DaS italienische KönigSpaar traf am Mittwoch in

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fttida, Samstag, den 17. Oktober 1903.

M 238

30. Jahrgang.

für soziale Medizin' (herausgegeben von Dr. Fürst und Dr. Jaffe, Verlag von Gustav Fischer-Jena, Preis 10 Mark pro Jahr) gewagt hat. Sie ist als -in Zentralblatt für die ge­samte wissenschaftliche und praktische Sozial­medizin gedacht und verdient, nach dem Inhalte des ersten vorliegenden Heftes zu urteilen, in allen beteiligten Kreisen eine recht günstige Auf­nahme und rege Mitarbeit, insbesondere feilens der Aerzte.

Der Aerztestand hat sich, wie das dankbar anzuerkennen ist, in manchen seiner Vertreter an sozialen und charitativen Einrichtungen von jeher beteiligt. Insofern ist die praktische sozial­medizinische Tätigkeit der theoretischen und wissen­schaftlichen Literatur voraufgegangen. Immerhin ist noch ein großer Bruchteil des Aerztestandes für solche Fragen zu gewinnen. Wir halten dafür, daß Standes- und Berufsvereine, wie die Arbeiter- und Gewerkvereine, die Bauernvereine, die Genoffenschaften aller Art, Ortsgruppen des Vglksvereins, Jünglingsvereine, Müttervereine, Männervereine rc. mit großem Nutzen für stch selbst und sür die Allgemeinheit fich der Aerzte zur Belehrung über sozial-medizinische Fragen in noch stärkerem Maße wie bisher bedienen könnten. Wo der Winter vor der Türe steht und das Vortragswesen in Vereinen aller Art in Stadt und Land beraten wird, möge man nicht versäumen, auch Aerzte um Uebernahme einiger Vorträge zu bitten, welche nach ihrem Urteile für die Allgemeinheit ersprießlich sind.

Paris ein. — Der Ausstand der Weber und Spinner im Nord-Departement gestaltet sich immer bedenklicher. An mehreren Orten kamen schwere Ausschreitungen und Brandstiftungen vor. — Die Kämmen, sollen zum 20. ds. Mts. wieder zusammentreten. Nach den Absichten des Ministerpräsidenten Combes soll mü den kulturkämpferischen Maßnahmen ernstlich fortgefahren werden. , . .. _

JnEng'and agitiert Chamberlain mit Energie für sein Zollprogramm. Wenn er auch einzelne Gegner tote den früheren Finanzminister Ritchie, Lord Rosebery, die englischen Bergleute, hat, so findet er doch offensichtlich viel Anklang für ferne Ideen, auch in den Kolonien.

In Italien ist der für bte nächste Zett er­wartete Zarenbesuch vorläufig verschoben. Wahrschein­lich ist der Zar über die Hetzerei der italienischen Sozialdemokraten gegen ihn verstimmt.

In Spanien kam es cm Sonntag aus An­laß einer republikanischen Versammlung zu schweren Ausschreitungen gegen die Katholiken, sodaß die Gendarmerie einschreiten müßte, wobei es mehrere Tote und Verwundete gab.

Auf der Balkanhalbinfel geht es nut den Kämpfen zwischen den Aufständischen und türkischen Truppen weiter. — In Serbien bemerkte der König bei Eröffnung der Skupschttna, er wünsche die Pflege der überlieferten brüderlichen Bande zwischen Serbien und Rußland, sowie die Festigung der guten Be­ziehungen zn Oesterreich-Ungarn.

Aus Ostasien kommen in den letzten Tagen alarmierende Meldungen über einen unmittelbar be­vorstehenden Krieg zwischen Rußland und Japan wegen der Mandschurei und Koreas. So weit ist es indeß noch nicht; man darf vielmehr immer noch auf die Erhaltung des Friedens hoffen. Ganz aus geschlossen ist der Krieg zwischen den beiden Mächten, die sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüberflehen, freilich keineswegs, zumal da für Japan, wenn es überhaupt zur Wahrung seiner Interessen losschlagen will, die Lage um so ungünstiger wird, je länger es wartet. In dieser Jahreszett, unmittelbar vor Beginn des Winters, loszuschlagen, wird ihm allerdings nicht einfallen. Englische Blätter haben die Alarmnach­richten alsbald wieder zu einer Hetze gegen Deutsch­land benutzt, indem fie behaupteten, dieses schüre die Feindseligkeiten und zwischen ihm und Rußland be­stehe ein Geheimvertrag wegen Ostasien.

Römischer Wochenbrief.

[**] Rom, 13. Okt. lä03.

Im Vatikan werden während dieser letzten Tage die Empfänge und Audienzen in großem Maßstabe fortgesetzt. Am Sonntag waren es etwa 800 Veneter, welche ihren ehemaligen Patriarchen in der Person Pius X. begrüßten. Im Lapidarmuseum des Vatikans hatten sich dieselben versammelt. Viele Geistliche, Pro­fessoren und Seminaristen befanden fich unter ihnen. Der hl. Vater erschjen in Begleitung seines Hofstaates und einer Abteilung der Nobel­garde und wurde mit den Rufen: „Es lebe Pius X., es lebe der Patriarch von Venedig" begrüßt. Die Unterhaltung mit den Venetern dauerte fast eine Stunde.

Im vatikanischen Wohnpalaste arbeitet man nun bereits seit fast einem Vierteljahre an der Instandsetzung der Papstwohnung. Anfangs sollte nur das Sterbezimmer Leos XIII. neu dekoriert und neumöbliert werden; bald stellte sich jedoch heraus, daß eine recht gründliche Reparatur sämtlicher päpstlicher Wohnräume am Platze sei. Nun wurden sofort die Fußböden aufgeriffen und deren nur mittelmäßige Mosaik­beläge durch große Marmorplatten erseht. Sämtliche Tapeten wurden abqenommen und die Wände ausgebeffert. Indessen wurden neue Damasttapeten in Rot, Grün und Gelb ange­fertigt, welche das eingewirkte Wappen Pius X. mit dem venetianischen Löwen und der dreifachen Krone zeigen. So verschwanden denn auch aus dem Thronsaale die roten Damasttapeten mit dem alten Wappen Pius ‘.IX., denn Leo XIII. hatte seine Tapeten mit seinem eigenen Familienwappen unfertigen lassen. Als besonders schadhaft hat sich auch der Saal der Sänftenträger erwiesen, welcher ebenfalls von Grund auf renoviert wer­den mußte. Nur die Privatbibliothek, sowie die Privatkapelle blieben wie fie waren. Pius X. vergrößerte seine Wohnung um ein Bedeutendes durch Hinzunahme der Räume in der oberen Etage des Palastes, welche früher zur Dienst- Wohnung des Staatssekretärs gehörten und die Pius X. jetzt provisorisch inne hat. Hier oben wird für Se. Heiligkeit ein Schlafzimmer, ein Eßzimmer, ein Empfangsraum, sowie die nötigen Vorsäle eingerichtet. Ebenso sollen hier die beiden Privatsekretäre, sowie die intime Dienerschaft wohnen. In weiteren Raumen wird die päpst­liche Garderobe untergebracht werden. Pius X. will hier seine eigentliche Wohnung aufschlagen und die ehemals von Leo XIII. bewohnten Räume nur zu Empfängen benutzen. Der Staatssekretär erhält seine Wohnung im unteren Stockwerk.

Wie eine Bombe hat die hier eingetroffene Absage der Reise des russischen Kaisers gewirkt. Trotzdem die Ministeriellen fich alle nur erdenkliche Mühe geben, den Effekt dieser Absage abzuschwächen oder Letztere als ganz harmlos darzustellen, ist das Fiasko der gegenwärtigen italienischen Regierung vollständig und was das Schlimmste dabei ist, man befürchtet nun auch allen Ernstes einen Rückschlag der öffentlichen Meinung in Frankreich anläßlich des Aufenthalts des ita­lienischen Königspaares in Paris. Mit dem bereits von einigen besonders findigen Kombi-

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Verantwortlicher

(:) Die soziale Medizin hat die Aufgaben und Ergebnisse zu verzeichnen, die der ärztlichen Wissenschaft und deren Trägern bei Erforschung und Lösung sozialer Probleme zukommen. Der Arzt ist nicht nur für die Kranken da, auch die Gesunden bedürfen seiner. Vielleicht nicht jeder einzelne Gesunde, wohl aber die Gesamtheit. Insofern die ärztliche Tätig­keit es sich zur Aufgabe macht, die allge­meine Wohlfahrt, die Gesundheit der breiten Masse, des Volks ganz en zu heben, vorwiegend Krankheiten zu verhüten sucht und an der Hebung des allgemeinen Kulturzustandes von Staat und Gesellschaft mitstrebend und mitwirkend teil­nimmt, insofern redet man von sozialer Medizin.

Das Gebiet, das dem Arzte nach dieser Richtung hin offen steht, ist ebenso breit wie be­deutungsvoll. Wohnungsfrage, Versicherungs­wesen, gerichtliche Medizin, Schulhygiene, öffent­liches Ärmenwesen, Gewerbehygiene, die Besse­rung der Gesundheitsverhältnisse in den Häfen und" auf den Schiffen, der Kampf gegen Alkohol, Tuberkulose und andere Volksseuchen, das alles sind Gegenstände, die einerseits mit der Sozial­reform auf das allerengste zusammenhängen und andererseits das ärztliche Interesse in Anspruch nehmen müssen, also auf dem Grenzgebiete liegen, das man mit „sozialer Medizin" bezeichnet.

Das Interesse hieran ist noch nicht allgemein in der Aerztewelt wachgerufen, aber es ist doch schon in erfreulichem Maße vorhanden. Aeußere Anzeichen desselben sind manche literarische Er­scheinungen der letzten Jahre. So hat die Medi­zinische Reform', ein für die Weiterentwickelung der ärztlichen Standes-Organisationen besonders verdientes Blatt, sich seit zwei Jahren .Wochen­schrift für soziale Medizin' genannt. Vor zwei Jahren richtete auch die .Deutsche Medizinische Wochenschrift' eine eigene Rubrik für soziale Medizin ein. Eine Reihe von Einzelschriften, die in die nämliche Rubrik gehören, liegt bereits vor. Vor einigen Monaten erschien auch der erste Band eines .Handbuches der sozialen Medizin'. Es werden Kurse für soziale Medizin veranstaltet und die Universität München ist mit der Errichtung eines eigenen Lehrstuhles vorgegangen. Auf der andern Seite sind sozialpolitische Zeitschriften den Aenten dadurch entgegen gekommen, daß sie ihnen ihre Spalten öffneten und fie zur Mitarbeit ein­luden. Der ganze letzte Jahrgang unserer besten sozialpolitischen Zeitschrift, der sozialen Praxis', legt Zeugnis hierfür ab. Soziale Vereinigungen suchen in immer stärkerem Maße Aerzte zur Mitgliedschaft heranzuziehen. Das Jntereffe an den genannten Fragen ist da­durch in der Aerztewelt sowohl, wie in der der Sozialpalitiker bereits so sehr gewachsen, daß man die Gründung einer eigenen .Monatsschrift

Nationspatrioten geträumten italienisch-französisch ruffischen Bündnis scheint es nun vorbei zu sein. Kein Italiener will indessen so recht eingestehen. daß das gegenwärtige Ministerium ganz allein die Schuld an diesem neuesten Fiasko trägt und zwar durch seine von Anfang an zweideutige Haltung gegenüber der Sozialisten und einigen republikanischen Gruppen des Parlaments. Sie benutzen vielmehr die erwünschte Gelegenheit, die Schuld Oesterreich in die Schuhe zu schieben. Die Sache soll in Mürzsteg abgekartet worden sein, weil Oesterreich keinen italienischen Einfluß int Balkan will. Auf alle Fälle wirkte die Tat- fache, daß der Zar seine Romreise „verschoben' hat niederschmetternd. Und niederschmetternd wird sie auch noch auf lange Zeit hinaus für Zanardelli und die übrigen verantwortlichen Rat­geber des. Königs bleiben. Ueber die wahren Gründe des Zuwasserwerdens der Kaiserreise gibt es nur eine Erklärung: Zar Nikolaus n. wollte feinen Fuß nicht in ein Land setzen, in welchem tagtäglich unter den Augen der Regie­rung die wütendsten Artikel gegen ihn in den Sozialistenblättern erscheinen, wo öffentlich auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt und ohne daß auch nur einmal die königliche Polizei ejngeschritten wäre, Flugschriften mit den stärksten Beleidigungen gegen den Zaren und seine Regie­rung angeschrieen werden. Der heutige sozia­listische „Avanti" hat vollkommen Recht, wenn er an seiner Spitze schreibt: „Das Plebiszit gegen den Zar: und jetzt möge der Zar nur kommen '. Es wird lange dauern, bis Italien diesen Schlag überwunden haben wird.

□ Amerikanische Wohnhäuser.

Julius Huret beschreibt im .Figaro' daS größte Wohnhaus in New-York, das Haus Ansponia. Es ist ein „Wolkenkratzer", er hebt sich mit der schönen weißen Stirnseite seiner 6 aus Terracottaziegeln auf geführten Pavillons, den fparfamen Zierarten und den blaßblauen Ge­ländern der Balkons sehr glücklich von den traurig-einförmigen Riesenbauten der Umgebung ab. Dieser „Wolkenkratzer" hat 17 Stockwerke und enthält 300 Räume und 300 Wohnungen.

Das ganze Erdgeschoß ist für allen Mietpar­teien zur Verfügung stehende gemeinsame Räum­lichkeiten bestimmt: ein großes Palmenhaus, das alle Einwohner des Hauses bequem faßt, Em» pfangssäle, Konzert- und Tanzsäle, eine Wirt­schaft, ein tzrühstücksraum, ein Kaffeehaus, eine Bar, ein Aufbewahrungsraum für Pelzwerk, em Tabak- und Zigarrenladen, ein Blumenladen, ein Papier- und Kurzwarengeschäft, ein Postamt, eine Apotheke, ein Bankhaus, em Arzt und em Zahnarzt. Sonst enthält dieses Parterre nichts. Die Gänge und Vorzimmer int ganzen Hause sind geräumig und von verblüffender Pracht. Eichenes Täfelwerk, mit Marmor verkleidete Mauern, Marmortreppen, dichte Teppiche. Na­türlich gibt's überall Aufzüge, in allen Gängen und Winkeln. Neben solchen, die für Einwohner und Besucher bestimmt sind, gibt es acht für die Dienerschaft und zwei für das Emporschaffen von Möbeln, Klavieren nsw. Ja, in einem der Hose ist ein Aufzug von unglaublicher Größe. Huret sah, wie man darauf einen Kraftwagen und einen ganzen Möbelwagen verlud. Jede Wohnung hat natürlich einen Fernsprecher.

Im sechzehnten Stockwerk befindet fich em Speisesaal für 450 Personen. Aus den riesigen Fenstern genießt man einen unbeschreiblich schönen Ausblick. Die Decke ist aus Glas. Natürliche Palmen sind in großer Anzahl vorhanden, nut einem Wort, man glaubt sich in das Gewächs- haus eines Nabobs versetzt. In ganz Amerika gibt es nichts ähnliches. In Ansonia gibt es Wohnungen zu 20 Zimmern für 20,000 Mk. und Junggesellenwohnungen zu 2500 bis 3000 Mk. Letztere bestehen au$ 2 Salons, einem Schlas- zimmer und einem Badezimmer. Im Durch­schnitt kosten die Wohnungen 5000 bis 6000 Mk. Natürlich hat jede Familienwohnung zwei Bade­zimmer, eines für die Herrschaft und eines für die Dienerschaft. Man erhält unentgeltlich dabei: Heizung, Elektrizität, Eis und destilliertes Wasser. In den Gängen sind überall Wasserhähne mit kaltem und solche mit warmem Wasser. In jeder Wohnung befinden sich ein in die Wohnung eingebauter Speiseschrank, Oefen, Herde, Eis­kasten; Wandschränke laufen über die ganze Länge der Wohnungsflure hin. In ben Erd­geschossen sind Maschinen mit 2000 Pferdestärken untergebracht, fie erzeugen Wänne, Elektrizität, Eis und betreiben die Aufzüge. Es gibt auch ein Wasserbecken von 32 Meter Länge und acht Meter Breite, es steht zur allgemeinen Verfügung. Für gewöhnlich ist süßes Wasser darin, doch ist 1 eine besondere Vorrichtung vorgesehen, umMe^- wasser einlaffen zu können. Neben dem Teiche befinden sich Ruhezimmer, ferner eine vollständig

HuldaerW Zeitung

**" Monatrbeiiage: „Fuldaer GeschichttbläUer".